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Eine Entführung.

Es war etwa gegen neun Uhr des Morgens und der Assessor von Bärenfeld stand eben im Begriff den letzten Rest der Chokolade zu genießen, die er vor sich hatte. Da der liebenswürdige Herr von dem Grundsatz ausging, stets fein und nobel zu leben, so lange noch irgend ein Groschen aufzutreiben war, so wird sich der Leser auch gar nicht wundern, wenn er zu dieser erwähnten Stunde den Herrn Baron in einem feingepolsterten Lehnsessel, mit übereinandergeschlagenen Beinen, den Kopf zurückgelehnt und den Rauch einer Cigarre von sich blasend, erblickt. Obgleich nun das Ganze das Bild der Behaglichkeit und der Ruhe darbot, bewährte sich doch auch hier wieder das Sprüchwort, daß nicht Alles Gold in der Welt ist, was glänzt, und daß Nichts mehr täuscht, als das äußere Thun und Treiben der Menschen. Diese Ueberzeugung mußte auch wohl bei dem Assessor in ziemlich klarer Weise vorhanden sein, denn hinter den lichten Wolken seiner Cigarre konnte man noch verschiedene finstere auf feiner Stirn entdecken.

»Die Catharina wäre ich glücklich los,« begann Herr von Bärenfeld, »ich habe es von ihrer eigenen Wirthin, die sie selbst nach der Post gebracht hat. Und daß das Mädchen so vernünftig gewesen ist, in aller Stille das Weite zu suchen, ohne meine Börse ferner in Anspruch zu nehmen, söhnt mich vollständig mit ihr aus. Aber gebessert hat sich meine Lage deshalb noch nicht, und wenn sich nicht ein Wunder ereignet, weiß ich nicht, wie ich meinem Untergange entgehen soll. Diese Geschichte mit der Adrienne Seebach – ich rechnete mit Bestimmtheit darauf, sie würde mich wieder aufs Trockene bringen, ich träumte Reichthum und Titel und nun –. Ja, der saubere Herr Vetter hat mich vollständig überlistet, er versprach mir goldene Berge, und jetzt, wo er mich nicht mehr braucht, versucht er mich mit ein paar Thalern abzuspeisen, die er mir zeitweise mit einer Miene reicht, als gäbe er mir ein Almosen! – Lärm schlagen kann ich auch nicht – die Elsenheim hat einen Arm, der weit reicht. Ich schwimme also wie in einer Arche, rings von der Sündfluth meiner Schulden umwogt, ohne daß sich mir, wie dem wackern Noah, die Taube mit dem Oelzweig, das heißt, der Retter in der Noth zeigt. Was aber wie ein finsterer Dämon im Hintergrunde lauert, das sind die Wechsel – die gefälschten Wechsel, welche der Wucherer von mir in den Händen hat und der Kerl – ja, ich wette, er wittert bereits den Braten – und wenn ich ihn nicht befriedigen kann, schlägt er zuletzt Lärm und bringt mich ins Zuchthaus!«

Während diese tröstlichen Aussichten dem Assessor vor Augen traten, hatte er wieder einige Schritte im Zimmer gethan.

»Verdammt!« rief er, »will denn kein gescheidter Gedanke mein Gehirn erleuchten? – Die Wechsel, die Wechsel, sie brechen mir zuletzt sicher den Hals, denn jener Schuft von Gläubiger kennt keine Nachtsicht.«

Abermals ging er aufgeregt auf und ab, bis er endlich vor einem zierlichen Korbe stehen blieb, der halb mit Visitenkarten gefüllt war. Plötzlich erblickte er eine dieser Karten und hastig die Hand nach ihr ausstreckend, erhellten sich seine eben noch so düsteren Züge in wunderbarer Weise und triumphirend kehrte er mit dieser Karte in seinen Lehnstuhl zurück.

»Freiherr von Warnsdorf,« sagte er halblaut – »hm, hm, Herr von Warnsdorf, könnten wir denn nicht ein Geschäft mit einander machen? Es soll Ihnen keine Unruhe dabei bereitet werden; nein, was ich verlange, ist, daß Sie mir lediglich auf einige Wochen gastfreie Aufnahme gewähren; für das Uebrige lassen Sie mich dann nur sorgen – ich werde schon Mittel und Wege finden, den Schatz zu heben.«

Der Assessor erhob sich, entledigte sich hastig seines Schlafrocks und beendete seine Toilette.

»Jetzt fort zu dem Halsabschneider!« rief er, seinen Hut aufsetzend, »man muß das Eisen schmieden; wenn es noch warm ist. Wenn er hört, welchen Plan ich entworfen habe, läßt er sich gegen immense Procente wohl am Ende zu einem angemessenen Vorschuß bewegen.«

Er eilte die Treppe hinab, durchschritt mehrere belebte Straßen und bog dann in eine enge Quergasse, wo er bald darauf in einem, dem Aeußeren nach unansehnlichen Hause verschwand. Im ersten Stock blieb er stehen und unmittelbar darauf zog er an einem messingenen Griff, welcher zur Wand heraufragte. Etwa nach zwei Minuten wurde in Folge dessen an der Thür eine kleine Klappe niedergelassen, und es zeigte sich eine vergitterte Oeffnung, hinter welcher ein paar Augen hervorleuchteten.

»Wer ist da?« fragte eine Stimme in einem ziemlich mürrischen Tone.

»Als wenn Sie dies nicht schon längst bemerkt hätten,« antwortete mit vornehmer Vertraulichkeit Herr von Bärenfeld, »machen Sie nur auf, Freund Goldberg; ich habe Ihnen Ihren groben Brief von letzthin verziehen: alte Bekannte dürfen es in solchen Sachen nicht so streng nehmen.«

Jetzt sprang die Feder der Thür zurück, und der Assessor schritt ohne Umstände über deren Schwelle. Er befand sich in einem mit Eleganz ausgestatteten Gemach, einem kleinen schmächtigen Manne gegenüber, dessen Züge unverkennbar den orientalischen Typus verriethen, und dessen Augen unter der flachen Stirn listig und lauernd hervorblickten.

»Nun,« sagte der Assessor, indem er sich ohne Umstände niederließ, »nun, Freund Goldberg, jedenfalls haben Sie meinen Besuch nicht so früh erwartet.«

»Mein lieber Herr Baron,« entgegnete der Wucherer mit kalter Zurückhaltung, »ich bin Geschäftsmann, und wer mich mit seinem Besuch beehrt, der ist mir willkommen, wer dagegen seinen Grund hat wegzubleiben, dem nehme ich es auch nicht übel, denn zu finden weiß ich ihn doch, wenn es nöthig ist.«

»Es geht doch nichts über die Aufrichtigkeit,« lachte Herr von Bärenfeld, »Sie meinen die Wechsel sind längst fällig, und wenn es Ihnen eines Tages einfällt, lassen Sie mich zum Schuldarrest abführen?«

»Oder ich präsentire dieselben dem Acceptanten,« antwortete der kleine Wucherer mit einem stechenden Blick.

Der Assessor verfärbte sich; er wußte wohl, daß dies gleichbedeutend mit der Drohung war: »Ich überliefere Sie der Criminal-Justiz.« Aber er sprach sich selbst Muth zu, und indem er eine lächelnde Miene annahm, fuhr er fort:

»So Etwas wird mein Freund Goldberg nicht thun, das weiß ich; er wird sich lieber für das Warten durch einen klingenden Zuspruch beruhigen lassen. Und eben jetzt stehe sich an den goldenen Pforten des Paradieses – zwanzigtausend Thaler schimmern mir entgegen, ich brauche nur die Hand darnach auszustrecken und sie sind mein, sobald Sie sich nur bewegen lassen, mir weitere zweihundert Thaler zu leihen.«

Der kleine Mann fuhr, wie von einer Tarantel gestochen, drei Schritte zurück und rief mit fast entsetzter Stimme:

»Was, fünfhundert Thaler unbezahlte Wechselschulden, und Sie verlangen von mir, ich soll weitere zweihundert auf die Straße werfen?«

»Auf die Straße gerade nicht,« entgegnete der Assessor – »wirft man denn sein Geld auf die Straße, wenn man damit das Doppelte gewinnen kann?«

»Das verstehe ich nicht,« entgegnete der Geldmann.

»Ganz einfach, lieber Freund. Ich habe mir es überlegt, daß das Junggesellenleben auf die Länge der Zeit langweilig wird, und da bin ich denn zu dem Entschluß gelangt, zu heirathen.«

»Und eine Frau mit zwanzigtausend Thalern?«

»Mindestens, wo nicht mehr. Sie begreifen also wohl, daß ich nicht mit leeren Taschen abgehen kann.«

»Aber so erklären Sie mir doch –«

»Soll geschehen,« entgegnete der Assessor, welcher allmälig in eine humoristische Stimmung gerathen war.

»Sie kennen doch den Freiherrn von Warnsdorf?«

»Den alten Herrn, welcher den verflossenen Winter hier zubrachte?«

»Denselben. Sie wissen doch, in welche Affection er mich genommen hatte?«

»Ungeachtet sie ihn im Piket stets betrogen und jeden Abend zwei Friedrichsdors mit nach Hause nahmen.«

»Thut nichts. Gerade im Unglück bewährt sich die Freundschaft.«

»Doch, so viel ich weiß, hat derselbe ja gar keine Tochter.«

»Aber eine Nichte. Merken Sie jetzt Etwas?«

Der Wucherer riß die Augen groß auf. »Es ist ja allgemein bekannt, daß dieselbe halb blödsinnig ist.«

»Verleumdung, Freund – reine Verleumdung! Es mag sein, daß sie ihre Schrullen hat, aber wenn ich an Ihre zwanzigtausend Thaler denke, kommt sie mir völlig vernünftig vor.«

»Indessen ist sie schwachsinnig, das weiß Jeder.«

»Aber dabei ist sie auch großjährig.«

»Der Baron wird eine Heirath nie zugeben..«

»Ist auch nicht nöthig. Ich entführe meine-Braut und bringe sie hierher.«

»Und dann?«

»Und dann? – Natürlich lasse ich dann durch das Zeugniß zweier Aerzte feststellen, daß sie bei vollem Verstande ist.«

»Angenommen, es gelänge ihnen dies, so haben Sie dadurch immer noch nichts erreicht.«

»Ich habe so viel erreicht, daß ich alsdann vor einem Notar die Dispositionsfähigkeit meiner Braut darthun kann, und daß dieser sich nicht weigern wird, den Ehekontrakt aufzunehmen.«

»Hm, hm,« warf Goldberg ein, indem er mit Bedacht eine Priese nahm und einen Gedanken zu verfolgen schien.

»Nun,« fuhr der Assessor fort, »ich lese in Ihren Gesichtszügen, daß mein Plan Ihnen gefällt und daß Sie an dessen Gelingen glauben.«

»Es könnte in der That möglich sein,« murmelte der Wucherer.

»Sie wollen mir also die Zweihundert Thaler gegen einen neuen Wechsel geben? Vergessen Sie nicht: ich schreibe Vierhundert Thaler, also das Doppelter der Summe.«

»Das Geld kann ebenso gut verloren sein,« antwortete Goldberg, »doch ich will auch einmal leichtsinnig sein und denken, ich hätte mich auf der Börse mit schlechten Papieren anführen lassen.«

»Ich darf also auf Sie zählen?« fragte der Assessor innerlich überrascht.

»Halten Sie den Wechsel bereit, heute Nachmittag zwischen drei und fünf Uhr schicke ich Ihnen den Betrag.«

»Und die alten Wechsel, welche Sie noch von mir besitzen?«

»Sie sind in guten Händen,« bemerkte der kleine Wucherer mit einem sonderbaren Lächeln.

»Das beruhigt mich. Sobald ich die zwanzigtausend Thaler in Sicherheit gebracht habe, zahle ich Ihnen auf Heller und Pfenning.«

Diese Worte sprach der Assessor, als er bereits die Thür in der Hand hatte. Nachdem sich dieselbe hinter ihm geschlossen und sein Tritt auf der Treppe verhallte, verzog ich das Gesicht des Wucherers zu einer Grimasse und er brach in ein Hohngelächter aus.

»Gehe nur deinem Verhängniß entgegen, mir soll es gleich sein,« rief er. »Deine falschen Wechsel sind mir reichlich bezahlt, und auch diese zweihundert Thaler sollen mir gute Zinsen tragen.«

 

Um dem weiteren Gange unserer Erzählung zu folgen, müssen wir den Leser ersuchen, sich mit uns etwa fünfzehn Meilen von der Residenz in einen etwa dreißig Morgen großen Buchenwald zu versehen, in dessen Mitte ein im Schweizerstyl erbautes Landhaus von mäßigem Umfang lag, an welches mehrere keine Wirthschaftsgebäude stießen. Hier hatte der Freiherr von Warnsdorf sich niedergelassen und dem Zwecke gemäß, den er dabei im Auge hielt, seine Besitzung nach sich selbst, »Ludwigsruh« genannt. Herr von Warnsdorf war ein begüterter Mann und repräsentirte noch den Landedelmann aus der guten alten Zeit im wahren Sinne des Wortes; er war bieder, und einfach, herablassend und zutraulich gegen den Landmann, wohlthätig gegen die Armen und gastfrei und herzlich, wenn ihn einer seiner Nachbarn besuchte.

Der Freiherr hatte nur zwei Fehler: einerseits hielt er alle Menschen für gut und ehrlich und war leichtgläubig wie ein Kind, und andererseits liebte er es, sein Fläschchen zu leeren und sich in der Regel bis zum Schlafengehen einen kleinen Zopf anzusäufeln. Er selbst entschuldigte sich damit, daß er eben nicht mehr trinke als nöthig sei, um in einen »gelinden Thee« zu gerathen, und dieser »Thee,« so behauptete er, bekomme ihm sehr gut. Der Freiherr war kinderlos und hatte nur eine Nichte zu überwachen, die, obgleich bereits großjährig, doch schwachsinnig und unzurechnungsfähig war.

Den Haushalt des Freiherrn führte »Mademoiselle Aurora,« eine Dame, die schon hoch in den Fünfzigern stand und bei der verstorbenen Baronin die Doppelstelle einer Kammerfrau und einer Gesellschafterin bekleidete, und die Herr von Warnsdorf als Inventar übernommen hatte. »Mademoiselle Aurora« pflegte den alten Herrn musterhaft, hatte sich aber im Laufe der Jahre eine ziemliche Herrschaft über ihn zu verschaffen gewußt.

Es war etwa drei Uhr des Nachmittags, als Mademoiselle Aurora an den Tisch auf den Balkon trat und dem Gebieter die Zeitung, so wie einen Brief überreichte.

»Aus der Residenz?« sagte dieser, verwundert den Poststempel betrachtend und das Schreiben neugierig nach allen Seiten hin drehend – »hm, wüßte doch nicht –«

»Ei, hinter das Geheimniß können Sie ja gleich kommen,« rief Aurora mit einer Miene, welche ihr geistiges Uebergewicht andeutete, »Sie brauchen den Brief ja nur zu erbrechen.«

»Das ist wahr,« rief der alte Herr, und mit einem Eifer, der seiner Wißbegier Ehre machte, löste er das Siegel.

»Sie lächeln ja, als wenn Sie das große Loos gewonnen hätten,« sagte Aurora, indem sie den Freiherrn erwartungsvoll ansah.

»Denken Sie sich,« rief dieser, indem er das Schreiben fortlegte, »da wird mir ein ganz unerwarteter Besuch angekündigt.«

»Ein ganz unerwarteter Besuch?«

»Ja. Erinnern Sie sich noch es Herrn, welchen wir in der Residenz im Theater kennen lernten und der dann fast täglich unser Gast war?«

»Wie? – Wäre es möglich? – der Herr Assessor?«

»Ja, Herr von Bärenfeld. Er hat also meine Einladung wirklich nicht vergessen! Nun, jetzt wird doch einiges Leben in diese Einöde kommen.«

»Der Herr Assessor ist ein sehr liebenswürdiger Mann,« bemerkte Aurora, welcher derselbe aus Politik die Cour gemacht hatte. »Wann trifft er denn bei uns ein?«

»Ja so, das hätte ich beinahe vergessen!« Und Herr von Warnsdorf überflog den Brief nochmals.

»Daß Dich das Mäuschen beißt!« rief er endlich, »das Schreiben muß zwei Tage auf der Post liegen geblieben sein! Es datirt vom fünften. Der Schreiber kündigt sich zum neunten an, und heute schreiben wir bereits den neunten.«

»Ach, Du lieber Gott,« rief Aurora, »und ich habe noch keine Toilette gemacht!«

»Nun, ich denke, Sie werden noch Zeit haben. Wo ist das Kind?«

»Es läuft den Schmetterlingen im Park nach.«

»Holen Sie es sofort, liebe Aurora, und sorgen Sie dafür, daß das Unglück desselben wenigstens in seinem Aeußern so wenig wie möglich erkennbar erscheint.«

Das »Kind« war die bereits erwähnte schwachsinnige Nichte des Barons.

»Ich eile, Alles zum Empfang vorzubereiten,« entgegnete die Haushälterin.

»Mein Fernrohr!« rief der Baron, »schicken Sie mir mein Fernrohr, ich will inzwischen die Allee beobachten, dann kann ich den Gast schon von Weitem erkennen.«

Wie ein im Anschlag liegender Jäger; oder wie ein Feldherr, welcher sorgsam die Bewegungen des Feindes überwacht, saß der Baron, das Rohr vor dem Auge und blickte gespannt in die Ferne.

Plötzlich schmetterte ein Posthorn; eine mit zwei Pferden bespannte Chaise zeigte sich und rollte schnell näher.

»Er ist es!« rief der Freiherr, und dem Zuge seines biederen, arglosen Herzens folgend, warf er den Tubus bei Seite und eilte die Treppe hinab.

»Willkommen! Herzlich willkommen hier im grünen Walde! So haben Sie also wirklich Ihren alten Freund nicht vergessen?« und er schloß herzlich den Aussteigenden in seine Arme.

Herr von Bärenfeld erwiderte diese Begrüßung eben so herzlich, dann fragte er:

»Wie befindet sich meine Gönnerin, die treue Gefährtin Ihrer Einsamkeit, die liebenswürdige Demoiselle Aurora?«

Von dem schlauen Fuchs ward diese Frage nicht umsonst gethan, denn bereits hatte er das Rauschen eines seidenen Gewandes hinter sich vernommen und als er sich jetzt umwandte, blickte er in das züchtig lächelnde Gesicht der alten Haushälterin, welche ihren zarten Busen mit einem großen Strauß von Vergißmeinnicht geschmückt und ihre Wangen sogar in ein verdächtiges Roth gehüllt hatte.

Aber hinter den Schultern von Mademoiselle Aurora blickte noch eine andere junge Dame im Alters von fünfundzwanzig Jahren hervor, von schlankem Wuchs und gar nicht üblem Aeußeren, doch dieser gute Eindruck verschwand, wenn man die Gestalt näher betrachtete. In diesen blauen Augen nämlich lag weder Sprache noch Leben, sondern eine blöde Verschwommenheit, die nur von Zeit zu Zeit durch ein kindisches Lächeln, oder ein unstätes Umherirren unterbrochen wurde. Auch in dem Anzug traten diese Sonderbarkeiten hervor, denn das sonst kostbare Kleid war mit einer Menge ganz geschmacklos angebrachter Schleifen in den grellsten Farben besetzt und lange Hängelocken, phantastisch und unschön geordnet, fielen zu beiden Seiten bis auf die Schultern herab.

Der Assessor hatte mit galanter Höflichkeit die Hand Auroras ergriffen, dieselbe an seine Lippen geführt und ihr über ihr »blühendes Aussehen« eine Schmeichelei gesagt, wofür ihm ein tiefer Knix und ein Blick zu Theil wurden, wie sie eben nur das starkklopfende Herz einer sechsundfünfzigjährigen Jungfrau zu geben vermögen. Jetzt machte er eine zweite tiefe Verbeugung und diese galt dem jungen Mädchen, das ihn bereits mehrere Male angelächelt und verschiedene unbehülfliche Verbeugungen gemacht hatte.

»Meine Nichte Charlotte,« sagte der Freiherr, seine Verwandte dem Assessor vorstellend, und etwas leiser fügte er hinzu:

»Ein armes, unglückliches Kind, mit dem man Nachsicht haben muß, um die ich hiermit bitte.«

Aber die Schwachsinnige hatte diese Worte gehört und sich über die Schranken der Etiquette hinwegsetzend, brach sie in ein helles Gelächter aus und rief:

»Was Du doch spaßhaft bist, lieber Oheim! Arm nennst Du mich? – Glauben Sie es nicht, mein Herr, der Onkel spricht dies nur so, weil er nicht haben will, daß ich heirathen soll! Nun, Oheim, sage einmal die Wahrheit, bin ich nicht reich, habe ich nicht zwanzigtausend Thaler?«

»Die hast Du allerdings,« antwortete dieser etwas verlegen und begütigend fügte er hinzu: »Es waltet ein Mißverständniß ob.«

»Das sagst Du immer, wenn Du im »gelinden Thee« bist,« lachte die Schwachsinnige und sich plötzlich zu der Haushälterin wendend fuhr sie fort:

»Ach, Aurora, Sie brauchen mich gar nicht so heimlich anzustoßen, ich weiß, wie ich mich zu benehmen habe, und wenn Sie mich nicht zufrieden lassen, so sage ich, woher Sie auf einmal die rothen Backen bekommen haben.«

Der Freiherr nahm schnell eine Priese, und Jungfrau Aurora schlug die Hände zusammen und zuckte mitleidig mit den Achseln, worauf sie sich entfernte. Charlotte ging auf Wunsch ihres Onkels einige Blumen zu pflücken.

Als die beiden Männer allein waren, sprach der Baron seinen Kummer über den Zustand einer Nichte aus.

»Es sollte mich freuen,« bemerkte der Assessor lebhaft, »wenn mein Aufenthalt in dieser Beziehung von Nutzen sein könnte. Ich habe mich viel in meinem Leben mit psychologischen Studien beschäftigt. Gegenwärtig gerade macht in der Hauptstadt ein Gelehrter großes Aufsehen, welcher durch die Methode, die er erfunden, bei schwachsinnigen oder geisteskranken Personen außerordentliche Erfolge erzielt.«

»Was Sie da sagen!« rief Herr von Warnsdorf, dessen Fehler bekanntlich große Leichtgläubigkeit war.

»Der Herr Professor hält zwar seine Lehrmethode sehr geheim, aber da er mich wie einen Sohn liebt, so hat er mich in dieselbe eingeweiht, und ich selbst habe bereits einige merkwürdige Kuren vollführt.«

»Daß Dich das Mäuschen beißt!« rief der Freiherr, seinen Gast ganz erstaunt anblickend.

»Mein Lehrer,« fuhr dieser fort, »hat der von ihm erfundenen Methode den sehr bezeichnenden Namen: ›geistige Reinigungsmaschine‹ gegeben.«

»Kurios! Nun, wie wird diese Maschine gehandhabt?«

»Ich kann Ihnen darüber nur einige allgemeine Andeutungen geben. Man spricht zum Beispiel mit der Person, die man in die Kur genommen, von den merkwürdigsten Dingen; dadurch zwingt man sie zum Denken. Bemerkt man nun, daß sie einen Gegenstand mit besonderem Interesse auffaßt, dann beginnt man eigentlich erst mit der ›geistigen Reinigungsmaschine‹ zu arbeiten, man klärt die Gedanken, bringt sie in logischen Zusammenhang und konzentrirt auf diese Weise das geistige Bewußtsein, welches bisher unklar durcheinander strömte.«

»Ich mache Ihnen mein Compliment,« sagte der Freiherr, den diese Phraseologie vollständig bestach, »tiefe Kenntnisse, große Studien der menschlichen Natur! – Wann wollen Sie den Unterricht beginnen?«

»Je eher, desto besser,« entgegnete Bärenfeld. »Aber ich sage es Ihnen vorher, Sie werden vielleicht wunderbare Dinge hören; doch das darf Sie nicht irre machen, denn das gehört zur Sache.«

Der Assessor baute hier in sehr schlauer Weise vor. Wenn er, was ja in seiner Absicht lag, Charlotte entführen wollte, mußte er sie doch darauf vorbereiten, und wer konnte dafür stehen, daß sie nicht vorzeitig das Geheimniß ausplauderte?

»Sie sind ein prächtiger Mensch, wenn Sie sich meiner armen Nichte annehmen wollen,« rief der Baron. »Aber, nun kommen Sie, junger Freund, die Suppe wartet. Erst ein Gläschen, und dann ein Piketchen. Ja, ja, Sie sind mir noch Revanche schuldig vom vorigen Winter her, wo ich etwas zerstreut war; aber jetzt, darauf verlassen Sie sich, werde ich mich zusammen nehmen.«

Wir wollen den Leser damit nicht ermüden, diesem Piket zu folgen, in dem der Assessor seine Fertigkeit entwickelte, wir wollen auch nicht davon erzählen, wie der Freiherr diesen Abend in etwas mehr als »gelinden Thee« gerieth, sondern wenden uns unmittelbar dem weiteren Gange dieser Erzählung zu.«

Die Schwachsinnige hatte sich schnell und leicht an Herrn von Bärenfeld angeschlossen. Diesem wurde es nicht schwer, ihr Vertrauen zu gewinnen. Er spielte mit ihr, er erzählte ihr wunderbare Feen- und Zaubergeschichten und wußte ihre Phantasie so aufzuregen, daß sich dadurch in ihrem Kopf eine ganz neue Welt voll phantastischer Ideen und wunderbarer Gedanken bildete. Er hatte ihr auch von der Residenz erzählt und ihr das dortige Leben so geschildert, als wenn die Straßen mit Edelsteinen gepflastert und die Häuser von Gold wären.

Als er den Kopf der Armen auf diese Weise vollständig verwirrt hatte, begann er an die Ausführung seines schändlichen Planes die Hand zu legen.

»Schade,« sagte er eines Tages, als sie wieder allein im Park lustwandelten, »schade, daß eine Schönheit wie Sie, in dieser Einsamkeit unverwelkt verblühen muß.«

»Sie finden mich also schön?« fragte Charlotte mit einem selbstgefälligen Lächeln.

»Ei, da müsste man ja blind sein.«

»O, wenn ich mich so putzen könnte, wie ich gern möchte, dann sollten Sie erst sehen!«

»Das Alles können Sie in der Hauptstadt haben,« erwiderte der Versucher gleißnerisch, »schöne Bänder, seidene Roben, kostbare Spitzen, goldene Armspangen –«

»Schöne Bänder, seidene Roben, kostbare Spitzen, goldene Armbänder,« wiederholte die Schwachsinnige mit leuchtenden Blicken und entzückt in die Hände schlagend, »und das Alles würden Sie mir kaufen, wenn ich mit Ihnen ginge?«

»Das Alles und noch mehr.«

»Ich gehe mit Ihnen,« rief die Schwachsinnige aufspringend, »ich will hier nicht mehr bleiben! –«

Plötzlich senkte sie aber den Kopf und sagte nachdenkend:

»Aber mein guter, lieber Oheim – würde er nicht betrübt sein, würde er nicht weinen, wenn ich ihn verließe?«

»Er kommt dann nach,« warf der Assessor beruhigend ein. »Wenn Sie erst verheirathet sind –«

»Ich soll heirathen«?« rief das junge Mädchen und klatschte abermals in die Hände. – »Ei, was würde sich Aurora ärgern, denn die will auch noch immer heirathen und bekommt doch keinen Mann.«

»Möchten Sie mich wohl haben?«

»Wenn Sie mich nehmen wollen,« antwortete die Schwachsinnige verschämt. »Aber Sie müssen auch hübsch freundlich gegen mich sein, denn sehen Sie, ich in mitunter etwas albern, und wenn Sie dann nicht so gütig wären wie der Oheim, dann würde ich weinen, und Thränen brechen das Herz.«

»Ich werde Sie auf den Händen tragen.«

»Wann reisen wir?« fragte Charlotte, welche plötzlich einen Entschluß gefaßt zu haben schien.

»Ja, das ist es eben,« entgegnete Bärenfeld, »wenn ich mich nur auf Sie verlassen könnte.«

»Wie meinen Sie das?«

»Wenn Sie in den Besitz aller dieser Herrlichkeiten gelangen wollen, so müssen Sie schweigen können.«

»O, glauben Sie etwa, daß ich das nicht kann?« rief das junge Mädchen, indem sich im Ton ihrer Stimme und in ihrem Blick eine Hartnäckigkeit kundgab, wie solchen Personen von so beschränktem Fassungsvermögen meist eigen ist, sobald bei ihnen einmal irgend ein Verlangen zur fixen Idee geworden.

»Sie werden also weder Ihrem Oheim, noch Mademoiselle Aurora, noch sonst Jemand Etwas davon sagen, daß wir zusammen nach der Residenz reisen?«

»Ich werde mich wohl hüten.«

»Nun, ich werde Sie prüfen. Halten Sie in den nächsten drei Tagen die Probe aus, so reisen wir.«

Der Assessor trennte sich von seinem Opfer. »Die Zwanzigtausend Thaler sind mein, – sie wird schweigen, ich habe es in ihren Augen gelesen,« murmelte er, indem er langsam nach dem Landhause zurückkehrte.

»Schön, daß Sie kommen,« rief ihm der Freiherr, welcher sich bereits etwas im »gelinden Thee« befand, schon von Weiten entgegen, »heute müssen Sie mir Revanche im Piket geben. – Wo sind Sie denn so lange geblieben?«

»Ei, die geistige Reinigungsmaschine! – Ich habe sie heute vorzugsweise arbeiten lassen und einen glänzenden Erfolg errungen.«

»Wirklich? – Ja, ja, es ist von mir auch schon bemerkt worden, daß meine Nichte seit einiger Zeit sich weit verständiger benimmt, und auch Aurora hegt dieselbe Meinung.«

Zwei Tage später eröffnete Herr von Bärenfeld nach dem Frühstück seinem Wirth, daß er die Absicht habe, einen Gang nach dem nahegelegenen Städtchen zu machen.

»Darf ich fragen, was Sie dort für Geschäfte haben?« sagte der Baron.

»Ich will nach dem Postamt.«

»Wie soll ich das verstehen? Sie denken doch nicht etwa schon an Ihre Abreise?«

»Alles kommt auf einen Brief an, den ich von meinem Vetter, dem Kammerherrn erwarte.«

»Hm, hm,« brummte Herr von Warnsdorf, »ich habe mich bereits so an Sie gewöhnt – Ihr biederer, aufrichtiger Character – es würde mich in der That sehr schmerzen, wenn wir uns schon wieder trennen müßten.«

»Mir würde es ebenso schwer fallen. Inzwischen auf Wiedersehen! Um die Mittagsstunde bin ich zurück.«

Der Assessor verbeugte sich und schritt dem Park zu, in dessen schattigen Gängen er sich bald verlor.

»Ein charmanter junger Mann,« sagte der Freiherr, ihm nachblickend.

Aurora antwortete nur durch einen tiefen Seufzer; auch ihr Auge folgte schmachtend dem sich Entfernenden.

»Ich verspreche mir sehr viel von seiner Methode mit der Reinigungsmaschine; meinen Sie nicht auch?«

»Wenigstens ist es mir aufgefallen, daß ich das gnädige Fräulein in den letzten zwei Tagen häufig in tiefe Gedanken versunken angetroffen habe.«

»Passen Sie auf, es kommt bei ihr zum Durchbruch; Charlotte wird uns nächstens durch eine große Idee überraschen. Und was das Kind für Anhänglichkeit an seinen Lehrer hat! Sehen Sie nur, dort biegt sie um die Ecke, sie will dem Assessor wahrhaftig ein Stück Weges das Geleit geben.«

Wirklich hatte die Schwachsinnige den Park quer durchschnitten, und trat jetzt plötzlich vor Herrn von Bärenfeld.

»Nicht wahr,« fragte sie, nachdem sie sich erst vorsichtig umgesehen hatte, »Sie gehen nach der Post, um den Wagen zu bestellen?«

»Da ich gesehen habe, daß Sie so gut schweigen können – ja!« und er ging mit ihr die Allee hinab, indem er sie noch einmal auf's Energischste für seinen Plan bearbeitete, ihr angab, was sie zu thun habe und ihr ferneres unverbrüchliches Schweigen auflegte.

Am anderen Morgen saß der Freiherr an dem großen runden Tisch auf dem Balkon, an welchem man jeden Morgen das Frühstück einzunehmen pflegte, und blickte von Zeit zu Zeit unruhig umher. Er hatte bereits drei Mal zur Zeitung gegriffen und sie eben so oft wieder fortgelegt. Auch Mademoiselle Aurora schien diese Unruhe zu theilen, sie war sichtbar zerstreut, langte statt nach der Zuckerdose nach des Barons Tabakskasten, und griff an Stelle der neben ihr liegenden, eben erst frisch gepflückten Rose nach einem großen Zwieback, den sie sinnreich mit ihrer Nase in Verbindung brachte.

Endlich brach Herr von Warnsdorf das Schweigen. »Unser Gast bleibt heute ungewöhnlich lange aus,« sagte er, »man ist das gar nicht an ihm gewohnt, und er ist mir bereits so unentbehrlich geworden, daß mir ohne ihn der Bissen nur halb schmecken will.«

»Ich weiß gar nicht,« bemerkte Aurora, »auch das gnädige Fräulein läßt heute so lange auf sich warten.«

»Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Sollten sie vielleicht Beide bereits im Park sein? Morgenstunde hat Gold im Munde. Vielleicht experimentirt der Assessor mit der geistigen Reinigungsmaschine? He, Friedrich! Friedrich!« rief er. »Komm doch einmal etwas näher!«

In demselben Moment nämlich ging Friedrich vorüber, ein alter treuer Diener, der »Europas übertünchte Höflichkeit nicht kannte« und dem ebensowenig von der »modernen Bedientennatur« etwas eigen war.

Auf den Zuruf seines Gebieters näherte er sich, die Mütze in der Hand, mit einem zwar etwas dummen, aber desto ehrlicheren Lächeln.

»Ist Herr von Bärenfeld noch nicht aufgestanden?« fragte der Baron.

»Noch nicht aufgestanden? –« und Friedrich zog seinen ohnedies großen Mund von einem Ohr zum andern, kratzte sich pfiffig hinter den Ohren und wiederholte: »Noch nicht aufgestanden? – Das werden der gnädige Herr wohl so gut wissen wie ich.«

»Du hast meine Frage wohl nicht verstanden?« bemerkte dieser.

»O ja, ganz gut. Sie meinen doch den Herrn Assessor?«

»Natürlich –«

»Und Sie wüßten nicht?«

»Was denn?«

»Daß derselbe gestern Abend elf Uhr mit Extrapost abgereist ist. Der Förster hat gesehen, wie er um diese Zeit am Ausgang des Parkes mit dem gnädigen Fräulein –«

»Mit dem gnädigen Fräulein?« schrie Herr von Warnsdorf und schnellte wie eine Feder in die Höhe.

»Ja, mit dem gnädigen Fräulein in den Wagen stieg und mit ihm fortfuhr,« ergänzte Friedrich.

»Der Bube!« stöhnte der Freiherr und sank wie gelähmt in seinen Sessel – »der Bube! Gott beschütze das arme, ohnehin schon so unglückliche Kind!«

»Was ist Ihnen denn, mein lieber, guter, gnädiger Herr?« fragte bestürzt Friedrich und trat besorgt näher.

»Friedrich,« sagte Aurora, welche, wie es in solchen Fällen häufig geschieht, als Frau mehr Fassung und Ueberlegung zeigte, als der Freiherr – »hier ist ein schändliches, schwarzes Bubenstück verübt worden. Der Fremde, welcher in diesem Hause voll Liebe und Vertrauen aufgenommen wurde, hat Beides durch den sündhaftesten Undank gelohnt. Er hat die Verstandesschwäche des armen Fräuleins gemißbraucht; er hat, darüber besteht kein Zweifel mehr, das beklagenswerthe, hülflose Kind heimlich entführt.«

Jetzt rannen dem ehrlichen Friedrich zwei dicke Thränen über die Wangen, und sein bereits ergrautes Haupt zum Himmel emporrichtend, sagte er mit tief bewegter Stimme:

»Mein Gott und Herr, beschütze mit Deiner Vaterhand unser armes Fräulein und strafe in Deinem gerechten Zorn eine solche Frevelthat!«

»Und ich,« stöhnte der Freiherr, »bin ich nicht zunächst der am meisten Schuldige? Ich hätte die Arme besser bewachen sollen! – Wie werde ich vor dem höchsten Richter dort oben bestehen können, wenn er Rechenschaft von mir fordert?«

Jetzt war es Aurora abermals, welche statt Kleinmuth, Entschlossenheit und Thatkraft an den Tag legte.

Sie trat zu dem Baron heran, rüttelte denselben am Arm und sagte im Tone der Entschiedenheit:

»Das Jammern hilft hier nichts, Sie müssen handeln. Sie müssen sich als Mann zeigen, um den Folgen des geschehenen Unglücks möglichst vorzubeugen. Wir sind Beide auf das Schmählichste getäuscht worden; unsere Pflicht ist es nun, durch rasche und entschlossene Schritte dem Verbrecher seine Beute zu entreißen und ihn selbst der rächenden Hand des Gesetzes zu überliefern.«

»Sie haben recht,« rief der Freiherr, indem er mit blitzenden Augen aufsprang, »keine Minute ist zu verlieren. Was aber soll ich thun?«

»Dem Elenden ohne Zeitverlust nachjagen; in der Residenz werden Sie ihn wiederfinden.«

»Friedrich, lade meine Pistolen!« rief Herr von Warnsdorf.

»Mit den Pistolen erreichen Sie nichts,« sagte die besonnene Haushälterin. »Friedrich, spanne Er sofort an, der Johann soll inzwischen nach dem Städtchen sprengen und eine Chaise mit vier Pferden Extrapost bestellen.«

Plötzlich blieb der Freiherr nachdenkend stehen und sagte: »Ich werde mich reisefertig machen. Wo finde ich aber in der großen Stadt diesen schändlichen Menschen?«

»Ach, mein Gott, das ist wahr!« seufzte bestürzt Aurora.

In diesem Augenblick trat die Botenfrau in den Hof und überreichte dem Baron einen Brief.

»Aus der Hauptstadt,« rief er und löste das Siegel, und nachdem er das Schreiben überflogen, reichte er es seiner Haushälterin und sagte dann mit tief bewegter Stimme:

»Gott der Herr ist barmherzig; er läßt uns nicht sinken in unserer Noth; gepriesen sei sein Name in Ewigkeit!«

Aurora las jetzt mit lauter Stimme: «

»Sie befinden sich in den Schlingen eines Bösewichts. Hüten Sie sich vor dem Assessor von Bärenfeld, er sinnt auf Verrath, er beabsichtigt Ihre Nichte zu entführen. Sollte er sein Verbrechen schon vollführt haben, so eilen Sie ihm sofort hierher nach und kehren in den ›König von Portugal‹ ein, dort wird Ihnen weiterer Rath und nöthige Hülfe zu Theil werden.«

»Der Brief enthält keine Unterschrift,« bemerkte der alte Herr, sollte das nicht am Ende eine neue Schlinge ein, die man mir legt?«

»Das ist nicht anzunehmen,« entgegnete Aurora, »die Warnung war offenbar darauf berechnet, früher zu Ihnen zu gelangen, als das Bubenstück ausgeführt wurde. Ueberdies können Sie sich in der Hauptstadt Hülfe suchen und sich an die Behörden wenden; reisen Sie also und kehren Sie im ›König von Portugal‹ ein.«

In einer Viertelstunde saß der Freiherr im Wagen. Der alte Kutscher, der sonst die Schimmel sehr schonte, ließ sie diesmal nach Kräften auslaufen. Am Posthause stand die bestellte Chaise bereit. Der Baron warf sich in dieselbe, ließ Mademoiselle Aurora nochmals grüßen und fort ging es im scharfen Trabe, unaufhaltsam auf der ebenen Chaussee entlang, mit einer Eile, welche abermals bewies, daß gute Trinkgelder das beste Mittel sind, träge oder störrige Postillone vom Fleck zu bringen.



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