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Im Kabinet des Herzogs.

Der Fürst, in dessen Lande unsere Erzählung spielt, führte eigentlich ein gelangweiltes und einförmiges Leben. Ohne sich mit einem glänzenden Hofe zu umgeben, nur selten aus der Monotonie seiner Junggesellenexistenz heraustretend, vertrieb er sich die Zeit theils mit galanten Abenteuern, theils im Umgang mit seinen Günstlingen, endlich durch jene mystischen Gaukeleien, deren Mittelpunkt die Rosenkreuzerei bildete und wobei er selbst eins der eifrigsten und gläubigsten Mitglieder war.

In der Regel wohnte der Herzog ganz in der Nase der Residenz in einem reizenden, mit einer Fülle der schönsten Marmorarbeiten ausgestatteten Schlosse, welches sich am Ufer eines Sees erhob und von ausgedehnten Parkanlagen umgeben war.

Es mochte etwa zehn Uhr des Vormittags sein. In einem prächtigen Gemach auf einem Sammtfauteuil saß der Herzog. Verdruß und Langeweile prägten sich auf seinem Gesichte aus. Er legte das Buch, welches er in der Hand hielt, weg, griff nach einer silbernen Glocke und setzte diese mit ziemlicher Ungeduld in Bewegung.

Alsbald öffnete sich leise die Thür und der erste Kammerdiener erschien auf der Schwelle.

»Ist der General von Schwarzbach schon eingetroffen?« fragte der Herzog.

»Er wartet draußen nur auf den Befehl, einzutreten.«

»So sagen Sie ihm, daß er mir willkommen ist.«

Zu derselben Zeit befand sich die Gräfin Elsenheim ebenfalls in ihrem Gemach und trotzdem es noch früh war, hatte sie bereits vollständig Toilette gemacht. Die sorgfältige und ausgewählte Weise, in der es geschehen, bewies, es sei heut vorzugsweise ihre Absicht, zu gefallen. In der That umfloß sie auch ein eigenthümlicher Reiz und sie strahlte von einer Anmuth, deren bezauberndem Einflusse wohl nur Wenige sich zu entziehen vermochten.

Während sie einen letzten musternden Blick in den Spiegel warf und mit einem Lächeln der Genugthuung ihr eigenes Bild betrachtete, wurde die Portiere ihres Toilettenzimmers leise zurückgeschlagen, und ihre Kammerfrau zeigte sich am Eingang desselben.

»Was giebt es?« fragte die Gräfin etwas überrascht, »Du willst doch nicht etwa einen Besuch anmelden?«

»Allerdings, gnädige Frau.«

»Aber, mein Gott, wer empfängt denn schon zu dieser Stunde? Und überdies, um elf Uhr muß ich beim Herzog sein.«

»Nun, soll ich absagen?«

»Nein.«

»Wer ist es denn? Etwa irgend einer der Minister? Oder ein Gesandter?«

»Auch nicht.«

»Aber so spanne mich doch nicht auf die Folter. Wer ist es denn, der schon zu so früher Stunde vorgelassen zu werden wünscht?«

»Mynher van Büren.«

»Der phlegmatische Holländer? Nun, wahrhaftig, wenn sich der dazu hat entschließen können, mir schon um zehn Uhr eine Visite abzustatten, so muß eine außergewöhnliche Veranlassung dazu vorhanden sein.«

»Das vermuthe ich auch. Er ist übrigens nicht allein.«

»Nicht allein?« ., .

»Nein, es ist noch ein wunderschönes junges Mädchen bei ihm, von fast brauner Gesichtsfarbe, mit feurigen schwarzen Augen und gekleidet in eine malerische Tracht, wie sie fremde, noch im halben Naturzustande befindliche Völker zu tragen pflegen.«

»Mein Gott, was kann das sein? – Geschwind, führe Herrn van Büren herein.«

Die Kammerfrau verschwand, und im nächsten Augenblick stand der dicke Holländer der Gräfin gegenüber.«

Diese stieß einen Schrei der Ueberraschung aus und während sie fast mechanisch ihrem Besuch die Hand zum Kuß reichte, richtete sich ihr Auge staunend und bewundernd nach dem Eingange der Thür. Dort stand nämlich das erwähnte, junge Mädchen, die Arme über die Brust gekreuzt, und richtete ihre großen, sprechenden Augen mit dem Ausdruck schüchterner Befangenheit auf die Elsenheim. Ihre langen, rabenschwarzen Haarflechten, durch die sich eine Perlenschnur wand, legten sich in einer dichten Doppelreihe um den schöngeformten Kopf; ein schneeweißer Turban bedeckte denselben, und während, trotz des dunklen, fast braunen Teints, das Gesicht doch eine solche Frische und Feinheit zeigte, daß auf den Wangen ein zartes, gesundes Roth hervortrat, umhüllte ein leichtes, mit Gold durchwirktes Gewand, in weiten gefälligen Falten ihre schlanken Glieder.

»Welche Anmuth! Welche Grazie!« rief die Elsenheim, noch immer in den Anblick dieser schönen Erscheinung versunken. »Wie, Herr van Büren, Sie besitzen ein solches Kleinod, und Niemand hat bisher eine Ahnung davon gehabt?«

»Die Kleine gefällt Ihnen also?« fragte lächelnd der Holländer.

»Ob sie mir gefällt! Reizend, allerliebst und so bescheiden! Tritt näher, liebes Kind, sprich, wie heißt Du?«

Das junge Mädchen gab keine Antwort und schüttelte nur mit dem Kopfe.

»Sie ist taubstumm,« sagte van Büren, »aber sie hat ein sehr lebhaftes Auffassungsvermögen, und Sie werden zugeben, daß eine solche Dienerin Etwas wert ist.«

Die Elsenheim durchzuckte es wie ein Blitz. »Mit welchem Vortheil könnte man eine Person benützen, die zu beobachten versteht und doch kein Geheimniß zu verrathen vermag.«

»Es ist eine Malayin,« ergänzte van Büren, »und in Indien wiegt man eine Dienerin von solchen Eigenschaften mit Gold auf.«

Die Blicke der Elsenheim wurden immer belebter, man konnte erkennen, daß sich in ihrem Herzen ein Wunsch, ein lebhaftes Verlangen regte.

»In der Regel sind sie auch sehr treu und zuverlässig,« fuhr der Holländer fort, »und für diese hier stehe ich vorzugsweise.«

»Stumm wie das Grab und doch wieder gehorsam und treu, wenn es darauf ankommt, einen Auftrag auszuführen,« murmelte die herzogliche Geliebte.

»Und listig wie die Schlangen,« ergänzte van Büren. »Es sind die charakteristischen Eigenschaften des Volksstammes, welchem Manga angehört.«

»Sie heißt also Manga?«

»Ja. Sie ist auch erfahren in der Bereitung künstlicher Tränke; beruhigende und aufregende, einschläfernde und solche, welche die Sinne aufs Höchste reizen.«

Jetzt schoß ein zweiter Blitz aus den Augen der Gräfin; ein neuer Gedanke schien sie zu beschäftigen.

Plötzlich wendete sie sich zu ihrem Besuch und sagte mit schmollender Stimme, wobei sie sich in ein verführerisches Lächeln hüllte:

»Und Sie haben mir dies Alles wahrscheinlich erzählt, um mich hinterher auszulachen?«

»Sie auslachen, gnädige Frau? – Sie belieben zu scherzen. Sie wissen wohl, daß man Sie nur bewundern kann.«

»Aber Sie sind ein Versucher – Sie haben ein Verlangen bei mir rege gemacht, welches mir Thränen kosten wird, wenn ich es nicht befriedigen kann.«

»Thränen aus diesen schönen Augen? – Und ich die Ursache? O, gewiß werden Sie mir nicht zutrauen, daß ich einer solchen Sünde fähig sein kann. Sprechen Sie, gnädige Frau, und wenn es in meinen Kräften steht –«

»Nun wohlan, so überlassen Sie mir dieses taubstumme Mädchen.«

Jetzt verbeugte sich Herr van Büren sehr tief und artig.

»Die Reihe ist nun an mir, Ihnen ein Geständniß abzulegen.«

»Darauf bin ich doch neugierig. –«

»Ach,« sagte der dicke Holländer mit komischem Pathos, »glauben Sie denn, daß Ihre Reize mich allein unempfindlich gelassen haben? Schon längst hatte ich mir vorgenommen, Ihnen eine kleine Ueberraschung zu bereiten, aber es mußte etwas Außergewöhnliches sein, Etwas, das man hier noch nicht kennt: ein Spielzeug und doch zugleich eine Sache, die Ihnen nützen könne. Heimlich schrieb ich an einen Geschäftsfreund in Java, gestern ist nun dieses Geschenk angekommen, es steht vor Ihnen – es ist Manga.«

»Die Elsenheim brach in ein Freudengeschrei aus.

»Das ist in der That eine Ueberraschung!« rief sie, ihre beiden Hände Herrn van Büren entgegengstreckend, »Dank, meinen herzlichsten Dank für diese Aufmerksamkeit, welche ich Ihnen nicht vergessen werde!«

»Manga ist aber auch leidenschaftlich wie die Kinder ihres Landes alle und verlangt eine rücksichtsvolle Behandlung,« sagte van Büren mit einem sonderbaren Lächeln, »wird ihr diese nicht zu Theil, so wasche ich im Voraus meine Hände in Unschuld.«

»Gut, es sei Ihnen hiermit jedes Uebel vergeben, was mir aus diesem Geschenk entspringen könnte,« entgegnete lachend die Elsenheim.

»Nun, dann ist mein Gewissen beruhigt,« bemerkte der Holländer. »Und jetzt, gnädige Frau, gestatten Sie, daß ich mich beurlaube, denn ich sehe, Ihre Equipage erwartet Sie.«

»Ich will zum Herzog. Nochmals meinen herzlichsten Dank, und wenn ich Ihnen wieder einmal gefällig sein kann –«

Herr van Büren verschwand unter einer tiefen Verbeugung hinter der Portiere, die Stumme stand noch immer unbeweglich auf ihrem Platze.

»Henriette,« sagte die Elsenheim zu ihrer Kammerfrau, »hüte und pflege mir dieses Kind bis zu meiner Rückkehr. Laß doch sehen, ob es Geschick hat,« und sie richtete ihren Blick auf die Malayin und begleitete diesen Blick mit einer entsprechenden Handbewegung.

Sogleich flog Manga herbei, ergriff den kostbaren Shawl der Gräfin und legte ihr denselben leicht und gewandt um die Schultern.

»Charmant!« rief die Elsenheim, »besser hättest Du es selbst nicht machen können, Henriette.«

»Man sollte meinen, sie hätte sich schon seit Jahren damit beschäftigt,« sagte die Kammerfrau.

Die Gebieterin überhörte diese Worte. Sie eilte die Treppe hinunter und indem sie in ihren Wagen stieg, und sich nachlässig in eine Ecke desselben lehnte, sagte sie zu dem Kutscher:

»Es ist jetzt zehn Uhr vorüber, in einer halben Stunde muß ich in Albrechtsruh sein. Laß Er die Pferde auslaufen, was sie laufen können.« –

 

Als General von Schwarzbach in das Kabinet des Herzogs trat, verbeugte er sich in ehrerbietiger Weise und sagte in einschmeichelndem Tone:

»Darf ich fragen, wie Euer Durchlaucht geruht haben?«

»Ach, mein lieber General,« lautete die Antwort, »Sie wissen ja, die Gicht läßt mir wenig Ruhe und dann die ewigen Aufregungen – die vielen Arbeiten, welche mir vorliegen –«

»Euer Durchlaucht müssen sich durchaus schonen, Sie sind dies dem Glücke Ihrer treuen Unterthanen schuldig.«

»Ja,« sagte der Herzog, »wenn Alle so dächten wie Sie – von Ihrer Treue und Anhänglichkeit zu meiner Person bin ich überzeugt, aber wie viele Undankbare giebt es, die meine wohlwollenden Absichten nicht anerkennen und fast unter meinen Augen die Unverschämtheit haben, mich mit Verdächtigungen zu verfolgen.«

»Euer Durchlaucht erhabene Person steht viel zu hoch, um diese Schreier zu beachten. Verzeihung, wenn ich es wage, einen solchen Vergleich zu ziehen; aber muß ich nicht auch leiden wegen der Treue und Anhänglichkeit, die ich für meinen Herrn und Gebieter hege?«

»Ja,« rief der Fürst, »es ist mir wohl bekannt, daß es Personen giebt, die Sie gern von meiner Seite verdrängen möchten, aber das sind leere Bemühungen, ich kenne Ihr Herz und weiß, daß Ihre Anhänglichkeit zu mir eine uneigennützige ist.«

»Das weiß Gott,« rief der General mit einer Miene der Scheinheiligkeit die Hand aufs Herz legend, »die Treue gegen Eure Durchlaucht ist mein höchster Stolz, und mag man daher auch fortfahren, mich zu verdächtigen, mögen selbst Personen, welche Höchstdenselben am nächsten stehen –«

»Sie meinen die Gräfin Elsenheim, mit der Sie sich ewig im Kriege befinden,« fiel hier der Herzog heiter ein, »nun, ein so tapferer General wie Sie, wird sich doch vor einer Frau nicht fürchten, und Sie haben ja schon manche Schlacht gegen die Gräfin siegreich gewonnen.«

Die Durchlaucht blickte bei diesen Worten den Günstling lachend an, denn so lange sich der Fürst nicht selbst in diese Streitigkeiten hineinzumischen brauchte, dienten sie ihm häufig zur Belustigung.

»Ja,« sagte Herr von Schwarzbach, geschickt nachgebend, »die Pfeile der Gräfin sind allerdings vielfach an mir abgeprallt, aber nur deshalb, weil Euer Durchlaucht mich stets mit dem Schilde der Großmuth deckten. Doch wollen Höchstdieselben mir gestatten hiervon abzubrechen und zu einem anderen Gegenstand überzugehen. Befiehlt mein Herr und Gebieter, daß ich die Briefe erbreche und Vortrag halte?«

Bei dieser Frage richtete sich der Blick des Herzogs unwillkürlich auf den Stoß Papiere, der vor ihm auf dem Tisch lag und bei seiner natürlichen Arbeitsscheu stieß er, bei dem Gedanken, daß er sich auf eine Stunde den Regierungsgeschäften hingeben sollte, einen tiefen Seufzer aus. »Da sehen Sie nur, was für ein Berg von Depeschen sich wieder angesammelt hat,« sagte er. »Ach, welche Last ist es doch, eine Krone zu tragen!«

»Wohl wahr,« entgegnete Schwarzbach, »und im Stillen habe ich schon oft Euer Durchlaucht Ausdauer und Thätigkeit bewundert.«

Der Günstling konnte diese Probe Schmeichelei wagen, denn es war ihm wohl bekannt, daß der Herzog sich sehr gut der häufigen Vernachlässigung seiner Regierungspflichten bewußt war und daß er eine Beschönigung dieser Vernachlässigungen gern sah, weil ihm hierdurch ein Vorwand gegeben wurde, sein Gewissen zu beruhigen.

Ein gnädiges Lächeln lohnte daher auch diesmal seinem Vertrauten, und indem er sich in seinen Stuhl zurücklehnte, sagte er:

»So lassen Sie uns also beginnen; sehen Sie nach, was es Neues giebt.«

»Da ist zunächst der Baron von Stahlschmidt, welcher es wagt, Euer Durchlaucht an ein gnädigst gegebenes Versprechen zu erinnern.«

»Um was bittet derselbe?« fragte der Herzog.

»Herr von Stahlschmidt hat sich stets als ein treuer und eifriger Diener bewiesen, er ist einer unserer bedeutendsten Grundbesitzer. Sein Gesuch, ihm den Grafentitel zu verleihen, dürfte daher wohl Berücksichtigung verdienen.«

»Lassen Sie das Patent ausfertigen,« sagte der Herzog, »ich habe ihm ohnehin schon lange eine Gnade zugedacht. – Was giebt es weiter?«

»Unser Gesandter, der beauftragt ist, mit der französischen Republik zu unterhandeln, theilt mit, daß diese den besten Willen zeigt, sich mit Ew. Durchlaucht zu verständigen. Leider bedient sich der französische Gesandte, wie ich ganz bestimmt weiß, sehr eigenthümlicher Wege, um seine Absichten zu erreichen.«

Der Herzog richtete sich rasch empor.

»Wie meinen Sie das?« fragte er gespannt.

»Durchlaucht, haben Sie die Gnade, mir die Antwort zu erlassen.«

»Nein, sprechen Sie, ich befehle es Ihnen!«

»Ich riskire vielleicht verkannt und als Verleumder angeklagt zu werden.«

»Von wem? Wer wollte es wagen, den treuesten und redlichsten Freund, den ich besitze, anzuklagen?«

»Jemand, der Euer Durchlaucht Herzen sehr nahe steht. –»

»General!« – Und der Herzog erbleichte und blickte seinen Günstling starr an.

»Und wenn es mein nächster Verwandter wäre,« rief er endlich. »Wer sich des Landesverraths schuldig gemacht hat, soll auch als Landesverräther bestraft werden.«

»Nun denn,« sagte Schwarzbach, »ich habe guten Grund, zu glauben, daß die Frau Gräfin von Elsenheim mit dem französischen Gesandten in heimlichen Unterhandlungen steht.«

Der Herzog zuckte zusammen, das Blut drängte sich nach seinem Kopfe und mit einer Stimme, die deutlich verrieth, wie sehr sein Herz unter dieser Mittheilung litt, fragte er:

»Und welche Beweise haben Sie für eine solche Anklage?«

Doch bevor der General noch eine Antwort zu geben vermochte, sagte dicht hinter dem Fürsten eine weibliche Stimme, die diesem sehr wohl bekannt war:

»Beruhigen sich Euer Durchlaucht, zum Glück bin ich selbst hier, um meine Vertheidigung zu übernehmen und solche infame Anklage zu nichte zu machen.«

Der Herzog und sein Günstling wendeten sich gleichzeitig überrascht um und blickten in das zornglühende Gesicht der Elsenheim, welche unbemerkt durch eine Seitenthür eingetreten war.

»Wer hat Ihnen erlaubt, hier zu erscheinen, Madame?« fragte der Erstere endlich in einem rauhen Tone.

»Mein guter Genius, der mich bisher vor allen schändlichen Ränkeschmieden beschützte und der auch jetzt die Lüge offenbar machen wird,« antwortete furchtlos die fürstliche Geliebte.

»Durchlaucht,« rief der General, welcher einsah, daß er sich nur durch dreiste Entschlossenheit retten konnte, »wollen Sie dulden, daß meine Ehre so verletzt wird?«

»Und wollen Sie dulden, daß ich von einem Manne, der mein anerkannter Feind ist, als eine Natter, die Sie an Ihrem Busen nährten, bezeichnet werde?« fiel die Gräfin ein, indem sich ihre Augen mit Thränen füllten.

So von zwei Seiten bestürmt, hier von einer Frau, die um seine geheimsten Situationen wußte, dort von einem Manne, dem er sein unbedingtes Vertrauen schenkte, kämpfte der schwache Fürst vergebens, um zu einem Entschluß zu gelangen. An der Spitze eines Regiments würde er keinen Augenblick gezögert haben, sich in den Feind zu stürzen, hier aber zwischen Scylla und Charybdis, fühlte er sich zu schwach, ein Salomonisches Urtheil zu fällen, und er war jetzt nur noch darauf bedacht, mit Anstand und ohne seiner Würde Etwas zu vergeben, einen sicheren Rückzug zu nehmen.

»Schwarzbach ist treu wie Gold,« entgegnete er, »und wenn derselbe sich irrt, so hat er doch als ein unbestechlicher Diener das Wohl des Staates im Auge gehabt. Uebrigens sind Sie ihm, Frau Gräfin, noch den Beweis für diesen Irrthum schuldig geblieben, und so lange dies der Fall ist, werden Sie wohl thun, die Entscheidung meiner Gnade zu überlassen.«

Jetzt leuchtete aus den Augen des Generals Schadenfreude und Hohn, und triumphirend richteten sich seine Blicke auf seine Feindin.

Diese aber hob sich stolz empor, und sich mit einer tiefen Verbeugung zu dem Herzog wendend,

»Ich verkenne die Gnade nicht, welche für mich in Euer Durchlaucht Aeußerung liegt; mein Herz ist dankbar dafür, denn ich habe diese huldvollen Worte wohl verstanden: Sie wollten mir unter allen Umständen verzeihen!

Aber wie sollte ich es jemals wieder wagen dürfen, vor Ihr Antlitz zu treten, wenn auch nur ein Schatten von Verdacht auf mir ruhte? Nein, mein Herr und Gebieter, was mein Loos nach Ihrem Tode ein wird, weiß ich: Verfolgung, Armuth und vielleicht Kerker! – Aber, wenn man mir auch alle Schätze der Erde böte, ich möchte doch nicht einen so schwarzen Verdacht auf mir ruhen lassen, und darum bin ich hier, um mich zu rechtfertigen.«

»Sie wollen sich rechtfertigen?« rief sichtbar erfreut der Fürst, denn die Worte, die er eben gehört, waren tief in sein Herz gedrungen – »gut, beweisen Sie Ihre Unschuld, und wenn Ihnen dies gelingt, sollen Sie mir künftig doppelt theuer sein.«

Jetzt war der General an der Reihe zu erbleichen.

»Wohlan,« sagte die Elsenheim, stolz den Kopf zurückwerfend, »die erbärmliche Lüge soll vor der Wahrheit in den Staub sinken!«

»Sollte man mich getäuscht haben?« murmelte Herr von Schwarzbach. »Aber ich weiß doch aus ganz sicherer Quelle –«

»Diesmal fange ich Dich in Deinen eigenen Schlingen, Verräther,« dachte die Gräfin, »ich selbst war es, welche Dir nach der Unterredung mit dem Minister des Aeußern, durch die dritte Hand die falsche Nachricht von meiner Schuld zukommen ließ.«

»Nun,« rief der Herzog, »die Beweise!« Und mit einem aufmunternden Lächeln fügte er hinzu: »am Ende werde ich Sie doch noch pardonniren müssen.«

»Diesmal nicht, Durchlaucht,« antwortete die Gräfin, welche merkte, daß wieder gutes Wetter eingetreten war, »haben Sie nur die Gnade, dieses Packet eigenhändig zu öffnen.«

Und ohne weiter anzufragen, ergriff sie einen umfangreichen Brief und legte ihn unmittelbar vor den Fürsten.

»Wie?« rief dieser ganz erstaunt, »Sie wissen, was in diesem Schreiben steht?«

»Was es enthält, weiß ich nicht,« antwortete die Favoritin, »aber daß es die Depeschen des französischen Gesandten sind, die Sie haben auffangen lassen, das weiß ich.«

»Sie haben also auch Ihre Spione?«

»Können Sie mir das verdenken? – Soll ich mich nicht zu schützen suchen, wenn ich von solchen rachsüchtigen Feinden umgeben bin?«

»Ich verbiete Ihnen ein für allemal den General zu beleidigen.«

»Gut, ich gehorche. Aber nun haben Euer Durchlaucht auch die Gnade, die Depeschen zu öffnen.«

»Aber woher glauben Sie denn, daß dieselben Ihre Rechtfertigung enthalten werden?«

»Es ist ein geheimer Bericht des französischen Gesandten an seine Regierung, die Vermuthung liegt also sehr nahe, daß vielleicht meiner darin Erwähnung geschieht.«

»Das wollen wir gleich sehen,« sagte der Herzog, »ich selbst bin gespannt. –« Und mit Ungeduld löste er das Siegel.

Während Schwarzbach mit fieberhafter Spannung den Blicken des Fürsten folgte, stand die Gräfin lächelnd, in der stolzen Haltung einer Königin, ihrem Feinde gegenüber.

Endlich ließ der Fürst das Schreiben sinken.

»Diesmal haben Sie sich geirrt, General,« sagte er, indem er diese Worte mit einem strengen, vorwurfsvollen Blicke begleitete – »die Gräfin hat einen vollständigen Sieg über Sie errungen, und hier, Madame, haben Sie meine Hand, Sie sind mir jetzt doppelt theuer.«

Die Elsenheim beugte sich über diese Hand und drückte einen dankbaren Kuß auf dieselbe. Dann sagte sie, dem Herzog einen ihrer gewinnendsten Blicke zuwerfend:

»Jedem Angeklagten müssen die Gründe seiner Freisprechung gegeben werden; gewähren Sie mir auch noch diese Gunst, Durchlaucht.«

»Das ist nicht mehr wie billig,« antwortete der Fürst. »Hören Sie also, was der Gesandte schreibt.

Und der Herzog ergriff den vor ihm liegenden Bericht und las mit lauter Stimme:

»Was die Gräfin Elsenheim anbelangt, so können wir uns jede Mühe ersparen, denn dieselbe ist unbestechlich!«

»Ist unbestechlich! – hören Sie, Herr General, die Elsenheim ist unbestechlich!« wiederholte diese, indem sie Schwarzbach höhnisch anblickte. »Künftig rathe ich Ihnen also etwas Besseres zu thun, als eine arme Frau zu verleumden.«

Schwarzbach wurde kirschbraun im Gesicht, und und wer weiß, zu welcher Scene es gekommen wäre, wenn sich nicht auch diesmal der Herzog zu Gunsten seines Vertrauten ins Mittel gelegt hätte.

»Still,« sagte er, zu der Elsenheim gewendet, »ich verbiete Ihnen ein für allemal dem General irgendwie zu nahe zu treten. Heute ist es Ihnen gelungen, trotz meines Verbotes, während der Zeit, wo mir Vortrag gehalten wird, hier einzutreten, für die Zukunft aber werde ich Sorge tragen, daß dies nicht mehr geschieht.«

»Ei rief die Gräfin ohne im Geringsten beirren zu lassen, »wer sollte Euer Durchlaucht alsdann von allen Stadtgeschichten unterrichten? Und gerade jetzt weiß ich etwas besonders Pikantes. –«

Ein boshafter Blick auf ihren Feind gerichtet, begleitete diese Worte.

»So? –« fragte der Fürst, froh das Gespräch eine andere Wendung nehmen zu sehen. »Sie haben also etwas Neues?«

»Denken Euer Durchlaucht nur, dieser arme Herr von Elmenhorst – So kurz vor der Hochzeit – Was soll nun aus den Flitterwochen werden?«

Und mit eigenthümlichem Lächeln flüsterte sie dem Herzog etwas ins Ohr. Dieser biß sich auf die Lippen und blickte unwillkürlich auf den General, der kaum mehr im Stande war, seine Fassung zu bewahren.

»Es ist mein ernstlicher Wille, daß von Ihnen die nöthigen Rücksichten beobachtet werden,« sagte der Fürst und zwang sich dabei ein, ernstes Gesicht zu machen, obgleich er sich im Stillen an der Art und Weise ergötzte, wie sich die Gräfin an seinem Günstling rächte.

»Ach,« rief diese, »ich soll also still sein, während es Andern freisteht, mich bei Euer Durchlaucht als eine Verrätherin zu verdächtigen? Nun gut, ich gehorche, aber dann wird es mir doch wenigstens erlaubt sein, eine Frage zu thun, die Euer Durchlaucht nur allein angeht?«

»Es ist doch wahr,« sagte der Herzog lächelnd mit den Achseln zuckend, »die Aufgabe, die Zunge einer Frau zum Schweigen zu bringen, ist bis jetzt noch nicht gelöst worden. – Fragen Sie also!«

»Nun, ich wollte mir nur erlauben, mich zu erkundigen, wie es mit Euer Durchlaucht Gesundheit steht? Ist das versprochene Lebenselixir noch immer nicht angelangt?«

Dies war ein neuer Schlag für den Feind, denn Jeder wußte, daß Schwarzbach dieses Lebenselixir versprochen hatte und daß es sich dabei um eine neue große Täuschung des Fürsten handelte.

Da sich derselbe diesmal aber in seiner Eigenliebe angegriffen fühlte, kam er seinem Günstling zu Hülfe und sagte, indem sich seine Stirn in strenge Falten zog:

»Genug! Ich verbiete Ihnen jetzt jedes weitere Wort! Und Sie, General, gehen Sie, Sie sind entlassen. Sie sehen wohl, daß wir es mit einer Plaudertasche zu thun haben, welche nicht weiß, was sie spricht und die auf meine Nachsicht pocht.«

Der Herzog reichte bei diesen Worten seinem Günstling die Hand, und indem dieser sich unter einer tiefen Verbeugung zurückzog, schickte er gleichzeitig der Elsenheim einen Blick zu, welcher das Versprechen enthielt, bei nächster Gelegenheit für die erlittene Niederlage volle Revanche zu nehmen.

Kaum hatte Herr von Schwarzbach das Gemach verlassen, als die Gräfin auf den Fürsten zueilte, neben ihm niederkniete, seine Hand ergriff und diese mit ihren Küssen bedeckte.

»Schon gut,« sagte er lachend und in mildem Tone. »Auch diesmal sei Ihnen verziehen, aber hüten Sie Ihre Zunge und vor Allem lassen Sie mir den Schwarzbach zufrieden, er ist mein Freund.«

»Nun, bin ich denn nicht auch Ihre Freundin?« fragte mit einem reizenden Lächeln die Gräfin »Es ist wahr, ich bin mitunter unartig und mache Ihnen häufig Kummer, aber von jetzt an verspreche ich Ihnen auch recht artig zu sein.«

»Das haben Sie schon sehr oft versprochen,« sagte der Herzog lachend.

»Aber Euer Durchlaucht wissen doch, daß ich stets darauf bedacht bin, Ihnen eine Ueberraschung zu bereiten und gerade heute, das sehe ich Ihnen an, langweilen Sie sich.«

»Da haben Sie recht.«

»Ew. Durchlaucht lieben doch schöne Gemälde?«

»Allerdings. Doch in diesem Augenblick –«

»Urtheilen Sie nicht zu schnell. Ich könnte Ihnen am Ende Etwas zeigen, was Sie in Entzücken setzte.«

»Ein Gemälde?«

»Ein Portrait.«

»Ein Portrait? Vielleicht die Copie irgend eines berühmten Meisters?«

»Einer Meisterin, Durchlaucht, der ältesten und berühmtesten, die es giebt.«

»Sie machen mich neugierig. Wie heißt sie?«

»Natur heißt sie, und die Copie, welche ich besitze, ist einem Original entnommen, das diese Meisterin Natur geschaffen hat.«

»Also eine Dame?« fragte der Fürst, und der Ausdruck seines Gesichts wurde gespannt und sein Auge belebte sich.

»Ja, eine Dame – ein junges Mädchen, so reizend und schön, wie es je die Welt gesehen hat.«

»Und Sie kennen diese Perle?«

»Natürlich kenne ich sie; ich sehe sie ja täglich.«

»Zeigen Sie mir das Portrait,« rief jetzt der Herzog voll Ungeduld und streckte bereits die Hand danach aus, bevor es noch sichtbar ward.

»Hier ist es,« sagte die Elsenheim, ein kleines Miniaturbild hervorziehend und es dem Fürsten reichend, »aber hüten Sie sich – bewahren Sie Ihr Herz, denn das Bild besitzt eine Zauberkraft, und wie ich Ihnen schon sagte, die Copie bleibt weit hinter dem Original zurück.«

»In der That,« bemerkte der Herzog, der sich immer mehr in das Gemälde vertiefte und dasselbe mit einem Interesse betrachtete, das sich von Secunde zu Secunde steigerte, »in der That, wer würde wohl im Stande sein, dem Zauber, der aus diesen Zügen spricht, zu widerstehen? Antworten Sie, Gräfin, ist diesem reizenden Gesicht ein gleich schöner Körper beigegeben?«

»Vollendung, Durchlaucht, zauberische, berauschende Vollendung, vom Kopf bis zur Zehe! – Wäre ich ein Mann –«

»Ich glaube es Ihnen. Wann kann ich diese Hebe sehen?«

»Morgen, Durchlaucht, in meiner Villa.«

»Und dann?«

»Nun, das Weitere wird sich finden,« rief die Gräfin mit einer koketten Bewegung zur Thür hinausschlüpfend.



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