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Onkel und Neffe.

In einer der Vorstädte der Residenz, die eben erst im Entstehen begriffen war, gab Eines der Häuser, welches höher und geschmackvoller als die Uebrigen gebaut war, schon seit längerer Zeit den Nachbarn Gelegenheit, zu verschiedenen geheimnißvollen Vermuthungen. Seit vier Wochen war es bewohnt, ohne daß man bisher, trotz aller Nachforschungen, über den Stand und die Lebensweise der Bewohner auch nur etwas Bestimmtes hätte erfahren können. In der Regel herrschte in dem Gebäude Todtenstille, und die Fenster waren verhangen und veschlossen. Nicht nur bei Nacht sah man einzelne Personen aus- und einschlüpfen, mitunter ließ sich auch am Tage ein Mohr dort blicken, der, wenn er über die Straße ging, zum Schrecken der lieben Jugend, die Leute angrinste und auf alle Fragen, die an ihn gerichtet wurden, bloß mit dem Kopfe schüttelte; endlich wollte man in später Stunde auch schon Kerzenschein bemerkt und sonderbare Töne, die sich Niemand zu enträthseln vermochte, gehört haben.

Dies Alles hatte dazu beigetragen, die verschiedensten Gerüchte hervorzurufen, und bald hieß es, in dem Hause wohne ein vornehmer französischer Graf, den die Schrecken der Revolution aus seinem Vaterlande vertrieben und der seine Gründe habe, sich verborgen zu halten, bald sagte man wieder, hinter dem geheimnißvollen Fremden stecke ein indischer Nabob, und eine schwarze Leibgarde bewache seine Person und seine Schätze, endlich flüsterte man sich auch ins Ohr, der räthselhafte Unbekannte sei tief in die Geheimnisse der Wahrsagekunst eingeweiht, der Schwarze sei eigentlich nur ein Kobold, der ihm dabei Dienste leiste, und sein Herr und Meister könne in die Zukunft blicken und Dinge vorhersagen, die sonst dem Blick jedes Sterblichen verschlossen blieben.

Sonderbar genug erhielt sich das letztere Gerücht nicht nur hartnäckig, sondern es breitete sich auch immer weiter aus und gewann von Tag zu Tag immer mehr Glauben. Zuerst durchdrang es die untersten Volksschichten, dann machte es sich bei dem Bürgerstande geltend und zuletzt sprach man auch in den vornehmen Zirkeln und sogar bei Hofe von dem Manne, der in die Zukunft zu schauen und Dinge zu sagen vermochte, welche Mancher bisher nur als undurchdringliche Geheimnisse in seinem Herzen verschlossen glaubte.

Da der Herzog, der Mode der damaligen Zeit gemäß und in Folge seiner schwachen sinnlichen Natur stark dem Mysticismus und dem in geheimnißvolle Gaukeleien gehüllten Betruge der Rosenkreuzerei huldigte Der mystische Orden der Rosenkreuzer, eine Art Freimaurerei, entstand ursprünglich in Oesterreich, wegen der Religionsunterdrückungen unter Ferdinand II, im protestantischen Sinne, artete aber später immer mehr aus und wurde an verschiedenen Höfen von Mystikern und Pietisten dazu benutzt, um einzelne schwache Fürsten durch die gröbsten Täuschungen ganz in ihre Gewalt zu bekommen, indem man abwechselnd ihrer Eitelkeit schmeichelte und ihr Gewissen ängstigte. Erscheinungen wie den Schatten Caesars, Moses, u. s. w., die man veranstaltete, waren nichts Seltenes. – Anmk. d. Verf., so hatte sein vornehmster Günstling, der General von Schwarzbach längst im Stillen daran gedacht, den räthselhaften Fremden in sein Interesse zu ziehen, um ihn bei passender Gelegenheit für seine Absichten zu benutzen.

Es mochte etwa gegen zehn Uhr des Abends sein, als zwei Personen, ein ältlicher und ein junger Herr, in einem kleinen, bequem und elegant eingerichteten Salon des vorher beschriebenen geheimnißvollen Hauses einander gegenübersaßen. Das Licht einer von der Decke herabhängenden Ampel war gedämpft, man brauchte hier nicht zu fürchten, von irgend einem neugierigen Späher belauscht zu werden.

»Blixen,« sagte der alte Herr, indem er aus einer vor ihm stehenden goldenen Dose eine Prise nahm, »unsere Lage fängt an, immer verwickelter zu werden! Zu welchen Thorheiten, mein Junge, hast Du Deinen alten Oheim verleitet! – Ich will verdammt sein, wenn ich mir jemals im Leben habe träumen lassen, hier die Rolle eines Zauberers zu spielen!«

»Thorheiten?« sagte der Jüngere »Nein, mein theurer Onkel, in diesem Gaukelspiel, welches wir treiben, liegt ein tiefer Ernst, und allerdings, nur die große Liebe, welche Sie für mich hegen, konnte Sie bewegen, hierzu die Hand zu bieten. Gilt es denn nicht, ein edles, meinem Herzen so theures Wesen dem Verderben zu entreißen? Uebrigens bedienen wir uns nur derselben Waffen wie unsere Gegner.«

»In die Hölle mit dieser Brut!« rief der Oheim heftig. »Denkst Du etwa, daß ich mir ein Gewissen daraus mache, diese saubere Gesellschaft, welche in Karossen über das Pflaster rollt und in gestickten Kleidern einherstolzirt, zu überlisten? Blixen, nein! ich bin zwar kein Anhänger der Jünger Loyolas, aber darin muß ich ihnen Recht geben, daß der Zweck oft die Mittel heiligt!«

»Und diese Mittel haben bereits auf das Kräftigste gewirkt,« bemerkte Doctor Erlach.

»Pah, was willst Du, die Welt ist käuflich und überall, wo man Geld ausstreut, kann man sich die Menschen dienstbar machen.«

»Wenigstens den größten Theil derselben,« sagte der Arzt.

»Laß uns einmal recapituliren,« fuhr der alte Herr fort, »und gieb Acht, zu welchem schönen Resultat wir gelangen. Da ist zunächst Mynher van Büren, ein unabhängiger und reicher Mann, der zu den nächsten Vertrauten der Elsenheim gehört, aber doch wäre es mir nicht gelungen, ihn für unsere Pläne zu gewinnen, wenn ich ihm nicht seine durch den Seetransport verdorbenen Tabacksblätter noch mit zehn Procent Aufschlag abgekauft hätte.«

»Ja,« rief der Neffe lachend, »ja, das ist wahr, theurer Oheim, das thaten Sie, aber Sie wußten auch, daß das verausgabte Kapital seine guten Zinsen tragen würde. Einen solchen Mann, auf welchen auch nicht der leiseste Schatten von Verdacht fällt, mußten wir gerade haben, um hinter manches Geheimniß dieser Gräfin zu kommen, und deren Aufmerksamkeit auf den Wahrsager, der so unglaubliche Dinge prophezeiht, zu lenken. Die Elsenheim ist abergläubig und wie alle Frauen neugierig. Es sollte mich daher gar nicht wundern, wenn sie eines Tages selbst erschiene, um Ihre Kunst für sich in Anspruch zu nehmen.«

»Nun, wir sind ja auf einen solchen Fall vorbereitet,« sagte der alte Herr. »Doch weiter! Außer Mynher van Büren, welcher nur diplomatisch thätig ist, besitzen wir auch noch in dem Portier der Gräfin einen brauchbaren Verbündeten. Durch ihn erfahren wir, wer in ihrem Hause ein- und ausgeht, und was seinen Blicken verborgen bleibt, theilt ihm die Kammerfrau der Elsenheim mit, die mit ihm in vertrautem Verhältnisse steht.«

»Auf diese Weise haben wir genaue Kenntniß von den heimlichen Besuchen des Herrn von Neuburg und seiner würdigen Verbündeten erhalten.«

»Die Pest über diesen ehrlosen alten Lump!« rief der alte Herr, »er und die saubere Sippschaft, welche mit ihm unter einer Decke steckt, sollen ihrem Schicksale nicht entgehen! Für Jetzt genügt es, daß sie genau überwacht werden und ich glaube, wir können mit dem langen Schlingel, den dieser saubere Baron in seinen Diensten hat, mit dem Ebel, ganz zufrieden sein – Was endlich diesen Herrn von Bärenfeld anbelangt –«

»Nun, Sie wissen ja, daß ich das Mittel besitze, ihm zur rechten Zeit die Larve vom Gesicht zu ziehen.«

»Du meinst sein Verhältniß zu dem jungen Mädchen?«

»Allerdings. Es spiegelt sich darin ebensoviel Nichtswürdigkeit wie Gewissenlosigkeit ab. Diese Catharine ist leichtsinnig und excentrisch, aber sie ist jung, und die Liebe hat ihr Herz umstrickt.«

»Sie soll dem Verderben entrissen werden, wir werden auf Mittel sinnen, ihr die Augen zu öffnen,« sagte der Oheim, »und dann, wenn sie einsieht und bereut, soll sich ihr auch eine Hand zur Rettung bieten.«

»Dank, theurer Oheim! Das Mädchen kennt mich bis jetzt nur unter dem Namen Werner. Die zufällige Krankheit einer Frau, bei welcher sie wohnt, gab mir Gelegenheit, mich als Arzt dort einzuführen.«

»Und diese Catharina schenkt Dir Vertrauen?«

»Ist sie denn nicht auch eine Kranke? Könnte sie sonst ihrem Verderben blind entgegenlaufen? Arzneimittel helfen da freilich nicht, aber sanfter Trost, um das heißwallende Blut abzukühlen; man muß psychologisch dabei zu Werke gehen.«

»Wohl! halte das Mädchen im Auge, wir wollen später weiter darüber reden. Hast Du den Grafen gesprochen?«

»Sie meinen den jungen Elmenhorst, welcher sich um die Hand der Tochter des General von Schwarzbach bewirbt? Ich traf ihn gestern Abend in dem heimlichen Spielklub, welchen er stets besucht. Seine Taschen waren leer; am andern Morgen sollte er einen Wechsel bezahlen. Kurz und gut, ich offerirte ihm eine ansehnliche Summe, und nun ist er der Unsere.«

»Gut, so werden wir also von ganz verschiedenen Seiten von den Intriguen Kenntniß erhalten, durch die sich diese Menschen den Einfluß beim Herzog streitig machen und außerdem haben wir in der Stunde der Entscheidung nöthigenfalls in dem General von Schwarzbach einen mächtigen Verbündeten gegen die Elsenheim.«

Eine kleine Pause trat nach diesen Worten ein, dann fragte der Oheim, den Neffen scharf anblickend:

»Du willst also die Rettung Adriennes bis zum letzten entscheidenden Augenblick verschieben?«

»Wenn sie vollständig geheilt werden soll, darf bei ihr über das Loos, welches man ihr zugedacht hat, auch nicht der geringste Zweifel herrschen. Der Schlag muß sie mitten ins Herz treffen, sie muß, von Dämonen umringt, mit klaren Augen in den Abgrund sehen, der sich vor ihr ausbreitet, sie muß erbeben, erzittern, um nach geschehener Rettung den Werth treuer Freundschaft, das so selten gebotene Gut einer reinen, opferbereiten Liebe zu empfinden.«

In diesem Augenblick wurde das Gespräch durch den zitternden Ton einer Glocke, deren Dräthe nach dem Salon ausliefen, unterbrochen.

»Man hat an der geheimen Feder an der Mauer gedrückt,« sagte der Oheim aufhorchend.

»Es ist also Jemand, der hier genau Bescheid weiß,« bemerkte der Neffe. »Wir werden gleich hören, was es giebt, denn schon vernehme ich die Schritte Scipios.«

Wirklich steckte der Schwarze in diesem Augenblick den Kopf zur Thür hinein.

»Seind draußen,« berichtete er geheimnißvoll – »sollen lassen eintreten? –«

»Wer ist es denn?« fragte der Oheim – »wirst Du denn niemals vernünftig werden?«

»Hi,« grinste Scipio, »seind Esel, Mynher.«

»Ah, der Ebel,« bemerkte der alte Herr lachend, »nun, er mag hereinkommen.«

»Vorher will ich hier in das Nebenzimmer treten,« sagte der Arzt. »Da ich doch bestimmt bin als Zauberer und Wahrsager aufzutreten, darf ich keine Vorsicht außer Acht lassen.«

Er schlüpfte in das anstoßende Gemach, und im nächsten Augenblick stand der lange Ebel vor dem Holländer.

»Gut,« sagte dieser, »ich sehe, Ihr seid treu und zuverlässig, was habt Ihr zu berichten?«

Ebel zog diesmal sein rechtes Auge noch mehr wie gewöhnlich in die Höhe und indem er einen Schritt näher trat, antwortete er geheimnißvoll:

»Vieles und Wichtiges, gnädigster Herr. Zunächst haben die gnädige Frau Baronin, Mademoiselle Adrienne und der Herr Assessor gestern Nachmittag im Wildpark eine Spazierfahrt gemacht, auf der sich etwas gar Sonderbares zugetragen.«

Ebel erzählte hier das durch Catharina gestörte tête-à-tête der beiden letzteren und den Besuch der Gräfin Elsenheim

Der alte Herr zuckte bei Erwähnung der Gräfin unwillkürlich zusammen, auch im Nebenzimmer ließ sich ein Geräusch hören

»Was wollte die Gräfin?« fragte der Holländer gespannt.

»So viel ich habe in Erfahrung bringen können, galt es dem schönen Fräulein, der Mademoiselle Adrienne.«

»Blixen,« murmelte der Alte, »das Gelichter hat Eile!«

»Morgen soll eine Equipage der Frau Gräfin die Mademoiselle abholen, so ist es verabredet.«

»Ah, das Lamm unter den Wölfen,« brummte der Holländer, indem er krampfhaft die Faust ballte. »Habt Ihr noch weitere Neuigkeiten?«

Ebel berichtete, wie der Assessor seinem Herrn 200 Thaler abgepreßt und dabei geäußert habe, Catharina Fischer müsse noch diese Nacht fortgeschafft werden und wenn sie nicht gutwillig gehe, so müsse sie nöthigenfalls mit Gewalt für immer zum Schweigen gebracht werden.

»Hier nehmt,« sagte nach kurzem Nachdenken der alte Herr, dem Verräther ein halbes Dutzend Goldstücke reichend, »ich bin mit Euren Diensten zufrieden, fahret fort, wachsam zu sein und vor Allem habt auf die Briefe Acht, welche der Baron empfängt. Ihr kennt doch das geheime Fach genau, in welchem er sie aufbewahrt?«

»Wie mich selbst!«

»Und nöthigenfalls könnt Ihr zu denselben gelangen?«

»Da müßte es kein Wachs mehr geben,« antwortete der verschmitzte Diener pfiffig, »einen Abdruck vom Schlüssel habe ich mir längst genommen und Euer Gnaden dürfen nur befehlen.«

»Ein Schurke verräth den Andern,« murmelte der Holländer, aber er unterdrückte noch rechtzeitig den verächtlichen Blick, welchen er im Begriff war, auf das Muster von einem Diener zu schleudern.

»Jetzt geht,« sagte er, »fällt etwas von Erheblichkeit vor, so beeilt Euch, davon Meldung zu machen. Im Uebrigen werdet Ihr Eure weiteren Instruktionen erhalten.«

»O, ich kenne den Dienst,« entgegnete Ebel, indem er das rechte Auge wieder in die Höhe zog und den linken Mundwinkel herabhängen ließ und dann mit einer entsprechenden Verbeugung verschwand.

»Das Drama geht seiner Entwicklung entgegen,« sagte der Oheim, als der Neffe wieder zu ihm eintrat.

»Wir müssen von jetzt an unsere Wachsamkeit vermehren,« antwortete dieser.

»Deshalb wäre es gut, wenn wir im Voraus einige Vorsichtsmaßregeln träfen. Die Elsenheim ist dreist und unternehmend, man kann nicht wissen. – Jedenfalls könnte es Nichts schaden, wenn dem General von Schwarzbach ein Wink gegeben würde, daß seine Feindin mit dem Plane umgehe, ihm einen Streich zu spielen.«

»Gut, ich gehe; den jungen Elmenhorst aufzusuchen.«

»Natürlich darf Adrienne's dabei keiner Erwähnung geschehen. Du sprichst nur von einer Intrigue, die im Palais der Gräfin ausgesponnen wird und läßt dem General den Rath zukommen, auf seiner Hut zu sein.«

»Mehr ist nicht nöthig; fällt dann unerwartet Etwas vor, so können wir rechtzeitig vorbeugen. Vielleicht erfahre ich nebenbei auch Dieses und Jenes, was mir bei meiner Rolle als Wahrsager nützlich sein kann.«

Der Arzt hatte sich, während er so sprach, durch einen falschen Backenbart, eine Perücke und eine Brille unkenntlich gemacht. Ueber seine Kleider warf er noch einen leichten Regenmantel, denn der Himmel hatte sich verdunkelt und schwere Wolken zogen sich zusammen.

»Spätestens in zwei Stunden bin ich wieder hier,« sagte er, dem Oheim die Hand reichend, »Scipio kann mich erwarten, ich werde an der geheimen Feder drücken.«

 

Wir sind gehindert, ihm vorläufig zu folgen und der Lauf der Erzählung nöthigt uns, den Assessor aufzusuchen. Dieser schritt, als er Herrn von Neuburg verlassen, trotzigen und finsteren Blickes die Straße entlang.

»Wenn nicht mit Güte, so mit Gewalt,« murmelte er, »jedenfalls muß sie beseitigt werden! Sie ist mir im Wege, ich kenne ihren Charakter, ich habe von ihr das Aeußerste zu erwarten! … Erfährt sie die ganze Wahrheit, so wäre sie im Stande, dieselbe auf offener Straße auszuschreien! Und was dann? – Ich stecke bis über die Ohren in Schulden – der Hauptwucherer der Residenz hat sich wie ein Blutegel an mich festgesaugt! Mein Verderben wäre unvermeidlich!«

Die Stirn des Assessors zog sich immer mehr in Falten. Plötzlich blieb er stehen. – »Eigentlich könnte es nicht schaden, wenn ich mir vorher noch, etwas Courage tränke,« murmelte er, »etwa so eine Flasche Capwein, die treibt Feuer in die Adern und man kann nicht wissen –«

Eben wollte er in einen Weinkeller gehen, als er eine weibliche Gestalt bemerkte, die im Begriff stand an, ihm vorüber zu huschen.

»Teufel,« brummte er, »die kommt wie gerufen; besser hätte es sich nicht treffen können! Das erspart mir den Weg und die Mühe, das halsstarrige Ding unter irgend einem Vorwand noch so spät aus seiner Wohnung zu locken.«

Er ging dem jungen Mädchen nach und mit wenigen Schritten hatte er sie eingeholt.

»Catharina,« rief er, ihre Hand ergreifend, »wo kommst Du noch so spät in der Nacht her? Um diese Stunde noch auf der Straße? – Nun, das muß ich gestehen.«

Herr von Bärenfeld sprach hier einen Vorwurf aus, mit dem es ihm gar nicht Ernst war; er wollte nur sein Opfer sicher machen und sich von vorn herein ein Uebergewicht über dasselbe verschaffen.

»Sei unbesorgt,« antwortete Catharina in kaltem gereiztem Tone, »mir wird Niemand zu nahe treten, und Zudringliche weiß ich mir vom Halse zu halten.«

»Aber Du mußt doch einen Grund zu dieser späten Wanderung haben?«

»Frage Dich selbst,« antwortete das Mädchen erbittert. »Und wenn Du es nun einmal wissen willst – ja, ich wollte mich überzeugen, ob Du noch Licht hättest, ich wollte wissen, ob Du vielleicht bei der schönen Dame weiltest, in deren Gesellschaft ich Dich gestern traf und die ich hasse, wie ich Dich zu hassen beginne.«

Ein hämischer Zug umspielte den Mund des Assessors.

»Man wird Vorsichtsmaßregeln anwenden müssen, daß Du kein Unheil anstiftest,« sagte er. »Hüte Dich!«

Catharina brach in ein krampfhaftes Lachen aus.

»Hüte ich selbst,« rief sie, »Du hast mich ins Unglück gebracht; stürze ich in den Abgrund, so ziehe ich Dich mit hinab!«

Diesmal flammten die Augen Bärenfelds, wie die eines Tigers. Was augenblicklich in seiner Seele vorging, wußte nur er. Aber diesem Unheil verkündenden Blitze folgte eine eiserne Ruhe; er lächelte sogar und seine Stimme nahm den Ton der Beruhigung an.

»Ich kenne Deine Schwäche,« sagte er, »die Natur hat Dich mit einer Leidenschaftlichkeit ausgestattet, welche Dir oft die Ueberlegung raubt. Doch laß es gut sein, wir wollen Frieden schließen. Komm, nimm ein kleines Souper mit mir ein; wir wollen uns aussprechen und die alten Freunde bleiben.«

»Nein, laß mich,« sagte das Mädchen nur halb widerstrebend.

»Sei keine Närrin! Komm! – Wer weiß, wie oft wir noch so fröhlich zusammen sein können.«

Ein neuer unheimlicher Blick der Tücke begleitete diese Worte.

»So fröhlich zusammen sein können?« entgegnete Catharina, indem sie jetzt ihren Widerstand aufgab und der Einladung Folge leistete – »wenn dies ein Scherz sein soll, so ist es ein sehr schlecht gewählter, denn mir ist das Herz zum Brechen schwer.«

»Der Wein erfreut des Menschen Herz,« sagte lachend der Assessor, »fort also mit den Grillen, wer weiß, was ich Dir noch heute für eine Ueberraschung bereite.«

»O,« seufzte Catharina, »siehst Du, wenn Du gut sein wolltest, ich wüßte nicht, was ich für Dich thun könnte! Es ist wahr, ich bin mitunter leidenschaftlich, aber wenn ich in Betracht ziehe, daß ich Alles für Dich geopfert habe und wenn ich dann wieder denke, daß Du mich hintergehen, mich verlassen könntest, o, dann steigt es mir ins Hirn, und ich fühle, daß ich eine grausame Rache an Dir nehmen könnte.«

Wirklich?« sagte Herr Baron Bärenfeld lachend, innerlich aber murmelte er: »Es ist die höchste Zeit, daß ich sie unschädlich mache, sie hat sich selbst das Urtheil gesprochen.«

Mitternacht war bereits vorüber, als das Paar den Heimweg einschlug. Die schwarzen Wolken hatten sich noch fester zusammengezogen, ein scharfer Wind machte sich in einzelnen Stößen geltend und nur mit Mühe konnte sich das Auge in dieser unheimlichen Finsterniß zurechtfinden.

»Wohin führst Du mich?« fragte Catharina befremdet, als sie jetzt an der Seite des Assessors am Quai eines breiten, tiefen Kanals entlang schritt; »wenn Du nicht besser Acht giebst, wirst Du mich zuletzt noch ins Wasser drängen.«

»Komm nur,« entgegnete Bärenfeld kurz und rauh, »wir sind auf dem richtigen Wege und wohin ich Dich führe, wirst Du bald sehen.«

»Nein,« sagte das junge Mädchen stehen bleibend, »ich gehe nicht von der Stelle, ich will wissen, was Du vorhast, ich verlange, daß Du sogleich mit mir umkehrst.«

»Nun,« erwiderte ihr Begleiter hart und kalt, »was ich vorhabe, darüber kann ich Dir wohl eine Erklärung geben. Du mußt fort von hier, mein Püppchen, zu mußt wieder nach Deinem Geburtsort zurück, Du bist mir hier im Wege.«

Bereits stieg der leidenschaftlichen Catharina das Blut in den Kopf, denn die Worte: »Du bist mir hier im Wege,« fachten in ihrem Herzen wieder die ganze Gluth der Eifersucht an, und das Bild ihrer verhaßten Nebenbuhlerin tauchte plötzlich in den hellsten Farben vor ihr auf.

»Elender!« rief sie, vor Zorn bebend, »Du willst mich los sein, Du willst Dich meiner entledigen, um gleich mir auch eine Andere zu betrügen! Aber dies soll Dir nicht gelingen!«

»Wähle!« sagte Bärenfeld drohend, »Aber treibe mich nicht zum Aeußersten! Entweder besteigst Du den Postwagen, und in diesem Fall gebe ich Dir hundert Thaler mit auf den Weg, oder –« und er erhob seinen Arm und zeigte drohend auf das Wasser, welches unmittelbar zu den Füßen Beider vorüberströmte.

»Zurück!« schrie Catharina und sie versuchte ihren Arm dem seinen zu entwinden – »zurück, Ungeheuer! Hüte Dich vor meiner Rache, denn ich weiß von Deinen Verhältnissen mehr als Du glaubst!«

Diese eigentlich nur von der Wuth hervorgerufenen Worte drohten für das arme Mädchen verhängnißvoll zu werden.

»Du weißt mehr von meinen Verhältnissen als ich glaube? Du drohst mit Deiner Rache?« rief Bärenfeld, indem er zugleich die Hand seiner Begleiterin krampfhaft festhielt. – »Willst Du abreisen? Sprich! – Entweder oder! –«

Und er faßte sein Opfer bei der Schulter und schüttelte dasselbe so heftig, daß es laut aufschrie.

»Still!« donnerte der Unmensch, »ich frage Dich zum letzten Male: Willst Du mir folgen?«

»Nein!« antwortete Catharina trotzig, »nein, ich bleibe hier, um Rache zu nehmen!«

»So stirb!« brüllte Bärenfeld und drängte sein Opfer mit unwiderstehlicher Gewalt bis an den Rand des Kanals.

»Hülfe! Hülfe!« schrie das junge Mädchen und versuchte, obgleich vergeblich, Widerstand zu leisten.

»Zu spät!« rief wie ein Dämon grinsend, der Bösewicht – »zu spät!« Und er stand im Begriff, die Unglückliche in die Fluthen zu stürzen.

»Halt!« donnerte plötzlich eine Stimme, und ein gewaltiger Schlag traf des Assessors Arm. Ein Mann, in einen Mantel gehüllt, trat rasch vor und fing die halb ohnmächtige Catharina in seinen Armen auf.

»O, mein Gott,« stöhnte diese, »ist es denn kein Traum? Er, dem ich Alles gab, was ein Wesen zu geben vermag, er wollte mich mit kaltem Blute morden?«

»Und dennoch verhält es sich so,« murmelte bewegt der Fremde.

»Wo ist der Elende?« rief das Mädchen, deren Zorn von Neuem erwachte. »Wo ist das Ungeheuer? Lassen Sie mich noch einmal in seine mordgierigen Augen blicken!«

Beide sahen sich um; sie befanden sich allein. Bärenfeld war verschwunden.

»Natürlich,« sagte der Unbekannte, »es war vorauszusehen – er hat sich aus dem Staube gemacht.«

Jetzt brach bei Catharina der lange verhaltene Thränenstrom hervor.

»Ach, mein Herr,« rief sie schluchzend, »wenn Sie wüßten –«

»Ich weiß Alles,« entgegnete mit Ruhe ihr Retter.

Das junge Mädchen sah den Fremden erstaunt an. »Wie, Sie wissen Alles?« fragte sie, verwundert zu ihm emporblickend.

»Wenn ich Ihnen meinen Namen nenne, werden Sie dies ganz natürlich finden.«

Erwartungsvoll horchte Catharina; sie wagte nicht mehr zu fragen.

»Doktor Werner. Sie erinnern sich doch des Doktor Werner? Kennen Sie mich jetzt?«

Ein leiser Schrei war die Antwort. Dann ergriff die Gerettete die beiden Hände des Arztes, drückte sie und rief:

»Gott sei gepriesen! Jetzt erst fühle ich mich in Sicherheit! Ach, mein Herr, ich bin recht unglücklich; Unerfahrenheit und Leidenschaft führten mich irre, ich stehe so allein – ich habe Niemand, der mir den rechten Weg zeigt!«

»Den will ich Ihnen zeigen, wenn es Ihnen damit Ernst ist,« sagte der Doktor, »die Gelegenheit bietet sich Ihnen, Theilnehmerin an einem guten Werke zu werden.«

»O mein Herr, ich bin von ganzem Herzen dazu bereit!«

»Sie werden auch Gelegenheit haben, sich an dem Elenden, dessen Händen ich Sie entrissen, zu rächen.«

»Ha!« zuckte es über die Lippen Catharina's, und unwillkürlich griff sie dabei nach ihrem Herzen.

»Folgen Sie mir.«

»Wohin wollen Sie mich führen?«

»In das Haus eines ehrbaren, achtungswerthen Mannes, zu meinem Oheim.«

»Genug! Ich bin beruhigt – ich folge Ihnen.«

Kurze Zeit darauf drückte der Arzt an der geheimen Feder, die Thüre öffnete sich geräuschlos und er trat mit seiner Begleiterin in das räthselhafte Haus.



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