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Das Lamm unter den Wölfen.

Adrienne stand vor dem Spiegel, und die Tante war eben damit beschäftigt, ihr den Shawl um die blendend weißen Schultern zu legen.

Seit drei Wochen befanden sich die beiden Frauen in der Residenz; aber diese Zeit hatte schon hingereicht, sowohl in ihrem Aeußern, wie in ihrer Anschauungsweise eine völlige Veränderung hervorzurufen. Die einfachen Kleider, welche man in Freienstein getragen, hatten einer seinen, mit dem neuesten Geschmack übereinstimmenden Toilette weichen müssen, der Blick des jungen Mädchens war sicherer, ihre Haltung graziöser geworden, kurz, der feine Anstand einer Dame der Residenz erhöhte jetzt noch den Zauber, welchen die Natur über sie ohnedies ausgegossen hatte.

Die Tante lächelte wohlgefällig und mit dem ganzen Stolz einer Frau, deren Blick eben über diese Aeußerlichkeiten nicht hinausreicht, sagte sie, als sie sich jetzt vor ihre Nichte hinstellte und diese noch einmal vom Fuß bis zum Kopfe betrachtete:

»Du wirst zugeben, daß ich verstehe, Jemand anzukleiden. Aber Du verdienst es auch, daß man diese Sorgfalt auf Dich verwendet, denn Du bist wirklich schön, mein theures Kind; es ist ein Genuß Dich zu betrachten und wenn ich ein Mann wäre –«

»O, gehen Sie doch,« rief Adrienne abwehrend, obgleich man es ihr ansah, daß ihr diese Lobrede behagte.

»So!« fuhr die alte Frau fort, indem sie das weiche, faltenreiche Musselinkleid noch hier und da zurechtschob – »so! jetzt wirf noch einen Blick in den Spiegel und dann sage mir, ob Du noch Etwas auszusetzen hast.«

»Nicht das Mindeste!« und sie drückte zum Zeichen ihrer Zufriedenheit und ihres Dankes einen Kuß auf die Lippen ihrer Tante.

»Daß Du den Baron in Freienstein kennen gelernt hast, ist ein wahres Glück für Dich gewesen,« fuhr diese in ihrer Schwatzhaftigkeit fort.

»Meinen Sie?« entgegnete die Nichte, indem sie wie zufällig an einer Bandschleife zupfte.

»Nun, ohne den Baron wären wir doch nicht hierher gekommen und ohne ihn hätten wir auch nicht die vornehmen Bekanntschaften gemacht.«

»Ja, es ist wahr, sowohl der Kammerherr, wie die Frau von Lindenberg übertreffen sich in Zuvorkommenheit und Güte gegen uns.«

»Besonders gegen Dich. Vergeht wohl ein Tag, wo Du nicht bei der Letzteren bist? Es scheint wirklich, als wenn sie gar nicht mehr ohne Dich leben kann. Aber freilich –«

»Was denn, liebe Tante?«

»Nun, sie betrachtet Dich wohl schon als halb zur Familie gehörend. Die Neigung des Assessors –«

»Was Sie da wieder sprechen!«

»Ei, Du wirst doch nicht in Abrede stellen wollen, daß er ernstlich in Dich verliebt ist?

»Was weiß ich?« rief lachend das junge Mädchen, »er interessirt sich für mich und als galanter Cavalier bringt er mir seine Huldigungen dar, das ist es.«

»Wende Dich wie Du willst, Du entschlüpfst mir nicht,« sagte im Tone der Ueberzeugung die alte Frau. »Ich habe so im Stillen meine Betrachtungen angestellt; glaube mir, der Baron meint es ernst, und umsonst hat seine Verwandte, die Frau von Lindenberg, ebenfalls nicht schon einige Male Aeußerungen gegen mich fallen lassen, die darauf hinzielen.«

Adrienne schwieg einige Augenblicke, dann aber sagte sie plötzlich:

»Angenommen es wäre so, wie Sie vermuthen, dann müßte aber auch meine Neigung mit einer solchen Bewerbung übereinstimmen.«

Die Tante sah ihre Nichte ganz erstaunt an und hatte fast Lust unwillig zu werden.

»Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen,« fuhr Adrienne fort, »der Assessor gefällt mir nicht mehr so, wie früher; sein Ton gegen mich ist ein anderer, seine Haltung eine freiere geworden. In seinem Blick, in seiner Sprache liegt häufig Etwas, was mich verletzt. Es scheint, er findet es nicht mehr für nothwendig, mir mit derselben Rücksichtsnahme wie sonst zu begegnen.«

»Der Assessor ist ein Weltmann, ein Cavalier, und diese Herren legen ihre Worte nicht immer auf die Goldwage. Ei, ei, ich hätte nicht geglaubt, daß Du Dich an solche Kleinigkeiten stoßen würdest; am Ende bedauerst Du es noch, daß wir die schöne Residenz mit Freienstein vertauscht haben?«

»Wenigstens bedaure ich es, daß ich den Doctor, der sich stets als ein so treuer Freund gegen mich bewies, dessen Gesinnungen sich unter allen Umständen gleich geblieben sind, durch mein Benehmen verletzen und kränken konnte.«

Adrienne seufzte bei diesen Worten, und über ihre schönen, großen, sonst so klaren Augen legte sich ein trüber Schleier; ein Schmerz, wie sie ihn seit der Abreise aus dem Städtchen heute zum ersten Male empfand, durchzuckte ihr Herz.

Auch die Tante wurde von dieser Melancholie angesteckt, denn wie wir bereits bemerkt haben, war sie zwar eine schwache gedankenlose Frau, aber sie hatte dabei ein gutes Herz und bei ihrer Kurzsichtigkeit und Eitelkeit glaubte sie durch ihre Handlungsweise das Glück ihrer Nichte zu fördern.

»Mein Gott,« sagte sie, »davor möge mich der Himmel bewahren, daß Du mir vielleicht einst Vorwürfe machen könntest! Gefällt es Dir hier nicht mehr, so sprich es offen aus, ich bin jeden Augenblick bereit die Residenz wieder zu verlassen und zu unserem früheren Leben zurückzukehren.«

»Was Sie wunderlich sind!« entgegnete Adrienne, die eine solche Wendung des Gesprächs gar nicht gewollt hatte; »zu diesen Menschen wieder zurückkehren, welche ich nicht verstehe und die mich nicht verstehen? – Nein, nein, es gefällt mir hier recht gut und es war kindisch von mir, solche Aeußerungen laut werden zu lassen.«

Ein Wagen rollte heran und hielt vor dem Hause still.

»Die Baronin!« rief das junge Mädchen an das Fenster tretend, »sie kommt, mich abzuholen! Geschwind, Tantchen, reichen Sie mir meinen Hut und, nicht wahr, Sie zürnen mir nicht mehr?«

»Als ich in Deinem Alter stand, war ich nicht anders,« erwiderte diese lächelnd, »und eigentlich hätte ich es mir auch denken können, daß Du es nicht so böse meinst.«

Die Baronin rauschte herein, während draußen im Hintergrunde der lange Ebel in einer neuen, von Goldborten strotzenden Livree sichtbar wurde.

»Ah,« rief die würdige Genossin des Herrn von Neuburg, mitten im Zimmer stehen bleibend und mit ihrem, mit Gold und Elfenbein ausgelegten Fächer kokettirend – »herrlich! – zum Entzücken schön, meine liebe Kleine!«

»O, gnädige Frau,« lispelte Adrienne erröthend, aber doch in ihrer Eitelkeit geschmeichelt.

Sans phrase!« rief die Baronin, »ich bin wirklich ganz entzückt, von der Anmuth, die Sie umgiebt und von dem Geschmack, mit welchem Sie sich zu kleiden wissen.«

Ein Blick des Neides schoß bei diesen Worten aus ihren falschen Augen, obgleich sie denselben unter einem heuchlerischen Lächeln zu verbergen suchte.

»Die gnädige Frau sind gar zu gütig,« sagte nun auch die Tante, einen tiefen Knix machend, »meine Nichte ist also wirklich so glücklich, sich Ihres Beifalls zu erfreuen?«

»Das Kind ist zum Entzücken schön,« wiederholte Frau von Lindenberg nochmals mit der vollendeten Kunst einer Schauspielerin: »freilich, da kann ich mich über meinen Neffen nicht wundern. – Wieviel würde nicht selbst ein Fürst darum geben, eine solche, in wunderbarer Blüthenpracht prangende Rose sein zu nennen. –«

Die Tante richtete bei diesen Aeußerungen einen triumphirenden Blick auf die Nichte. Adrienne erröthete dagegen diesmal tiefer wie gewöhnlich und obgleich ihr die Schmeichelei wohl that, wußte sie doch selbst nicht, weshalb die Worte, in welche dieselbe gekleidet war, ihr weibliches Gefühl verletzten.

»Kommen Sie, meine Liebe,« sagte Frau von Lindenberg endlich, »das Wetter ist zu schön, um diese dumpfe Stubenluft einzuathmen. Am Thor erwartet uns mein Neffe, wir wollen dann gemeinsam eine Fahrt durch den Wildpark machen.« –

Beide Damen stiegen die Treppe hinab, der lange Ebel öffnete, den Hut in der Hand, den Schlag des Wagens und im nächsten Augenblick rollte derselbe die Straße entlang, dem Thore zu, wo der Assessor sich mit einem leichten Gruß hineinschwang.

»Wie geht es, mein Blümchen Wunderhold?« fragte er Adrienne, frei, ja sogar etwas kühn ihr in die Augen blickend.

»Das müßte ich Sie eigentlich fragen,« lautete die Antwort, »denn seit zwei Tagen haben Sie sich nicht sehen lassen.«

»Geschäfte! – Der Kukuk hole das Obergericht – man kömmt aus den Aktenstößen nicht mehr heraus!«

»Nun, ich finde dies ganz natürlich,« fiel hier Frau von Lindenberg ein. »Der Präsident kennt Ihre Fähigkeiten und benutzt sie. Dafür steht Ihnen aber auch eine glänzende Zukunft offen, und bei den einflußreichen Verbindungen, welche Ihr Oheim, der Herr von Neuburg besitzt, kann es nicht fehlen, daß Sie eine außergewöhnliche Carriere machen. In einem Jahre sind Sie unfehlbar Rath im Ministerium, Sie Glücklicher! Mit einem Gehalt von zweitausend Thalern und mit einem eigenen ansehnlichen Vermögen, können Sie dann dem Zuge Ihres Herzens folgen.«

Diesmal begleitete die Baronin ihre Worte mit einem vielsagenden Lächeln und einem Blick, welcher Adrienne galt. Diese erröthete unwillkürlich; Stolz und Eitelkeit waren bei ihr wieder erwacht und malten ihr verführerisch die glänzende Stellung, welche sie erwartete.

Der Assessor dagegen blieb stumm. Er überschlug wahrscheinlich in diesem Augenblick das Register seiner Schulden und blickte dabei in einen bodenlosen Abgrund.

Eine kleine Pause trat ein. Eben hatte der Wagen den »Dianentempel« passirt und bog jetzt in einen abgelegenen Theil des Wildparkes.

»Halt Kutscher!« rief Frau von Lindenberg – »wenn es den Herrschaften recht ist, wollen wir unter diesen schattigen Bäumen eine kleine Promenade machen.«

»Wie die Damen befehlen,« rief Herr von Bärenfeld und war mit einem Sprunge aus dem Wagen, um seiner angeblichen Verwandten beim Aussteigen behülflich zu sein.

»Vergessen Sie Ihre Rolle nicht,« flüsterte diese, »Sie haben jetzt die beste Gelegenheit dazu.«

Dann wendete sie stolz den Kopf und rief: »Ebel, nehme Er mein Umschlagetuch! Wie ich Ihm gesagt halbe, Er bleibt genau sechs Schritte hinter mir!«

Fort rauschte sie mit zurückgeworfenem Haupte, während Ebel ihr folgte und zum Zeichen, daß er den Befehl verstanden habe, wie gewöhnlich das rechte Auge in die Höhe zog und den linken Mundwinkel abwärts hängen ließ.

Der Assessor hatte Adrienne seinen Arm geboten, und blieb absichtlich hinter Frau von Lindenberg etwas zurück. Er blickte seine Begleiterin an und wie er jetzt den wunderbaren Glanz weiblicher Schönheit gewahrte, welcher diese umfloß, erwachten seine Leidenschaften, und finstere, unheilvolle Pläne stiegen bei ihm auf.

»Lassen Sie mich,« sagte er, »diesen Augenblick des Alleinseins benutzen, Adrienne, um Ihnen nochmals zu sagen, welchen Zauber Sie über mich ausüben. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber seit ich Sie kenne, hüllt sich mir das Leben wieder in den Schimmer der Poesie; ich sehe ein Ziel vor mir, nach dem ich ringe und strebe – o sprechen Sie, ist dies Ziel für mich erreichbar?«

Adrienne schlug die Augen nieder, aber ihr Herz pochte doch vor Erregtheit, denn die Pforten der Zukunft öffneten sich vor ihren Blicken, und die eben gehörten Worte zeigten ihr, nach ihrer Meinung, ein Leben voll Glanz und voll Auszeichnung.

»Was soll ich Ihnen antworten?« sagte sie mit unsicherer Stimme. »Mein Gott, bei der Neuheit unserer Bekanntschaft – man muß sich doch erst gegenseitig prüfen und erkennen lernen.«

»Bei mir ist dies nicht nöthig,« entgegnete der Assessor, »ich bin mir vom ersten Augenblick an meiner Gefühle bewußt gewesen.«

»Und Sie glauben wirklich nicht, sich zu täuschen?« fragte Adrienne, ihre Vorsicht vergessend und durch dieses Eingehen auf die Erklärungen des Barons nur zu sehr ihre eigenen Wünsche verrathend.

»Täuschen?« rief dieser jetzt voll Extase und lauter, als es der Ort wohl gestattete, »ich schwöre Ihnen, Adrienne, bevor ich Sie sah, kannte ich die Liebe noch nicht.«

Kaum war diese grobe Lüge über des Barons Lippen, als unmittelbar hinter seinem Rücken ein lautes Hohngelächter erschallte. Adrienne stieß einen Schrei der Ueberraschung aus und blickte sich um, ebenso der Assessor; da zuckte auch er zusammen.

Was sie sahen, war ein junges Mädchen von zarter, schlanker Gestalt, einfach aber geschmackvoll gekleidet, mit schönen, lebhaften Zügen, mit großen,schwarzen Augen, aus denen jetzt im Feuer der Leidenschaft ein unheimlicher Glanz strahlte. Einen Augenblick sah sie Herrn von Bärenfeld mit dem Ausdrucke stolzer Verachtung an, und ihre in Gluth gehüllten Blicke erweiterten sich, bereit, jede Secunde ihre niederschmetternden Blitze auf den Schuldigen zu entladen, dann trat sie einen Schritt näher und sich zu Adrienne wendend, die sich scheu zurückzog, sagte sie mit zwar aufgeregter, doch aber auch zugleich beruhigender Stimme:

»Fürchten Sie nichts, Mademoiselle, es ist sonst nicht meine Art zu horchen, aber hier hatte ich ein Recht dazu und wenn ich Ihnen nachschlich, so geschah es, um mir und Ihnen gleichzeitig einen Dienst zu leisten.«

Dann wendete sie sich zu dem Assessor und fuhr mit gesteigerter Leidenschaft fort:

»Wiederholen Sie doch noch einmal die Betheuerungen, welche Sie so eben aussprachen; ja, thun Sie dies in meiner Gegenwart, wenn Sie dazu den Muth haben! Deshalb also verlassen Sie mich, deshalb bleiben Sie kalt bei meinen Bitten und Thränen, um Ihre Huldigungen einer Anderen darzubringen? Aber hüten Sie sich, Sie wissen noch nicht, was Eifersucht heißt und wessen eine Verrathene und Getäuschte fähig ist!«

Die Baronin, welche aus der Ferne den sonderbaren Auftritt bemerkt hatte, mochte ahnen, was vorging und eilte herbei. Die Fremde aber verschwand gleichzeitig in einem Seitenwege, nachdem sie dem Assessor noch einen rachesprühenden Blick des Hasses zugeworfen hatte.

»Mein Gott, was ist vorgefallen?« fragte Frau von Lindenberg, wobei sie mit ihrem angeblichen Verwandten einen heimlichen Blick ausgetauscht hatte.«

»Was soll es sein?« entgegnete dieser mit seltener Dreistigkeit, »es ist ein Scandal, daß man eine solche Person frei herum gehen läßt.«

»O,« rief Frau von Lindenberg, die sogleich den Zweck dieser Lüge begriff, »das ist eine arme Schwachsinnige, welche ein unglückliches Liebesverhältniß um den Verstand gebracht hat, und die in jedem Herrn, der mit einer Dame vertraut spricht, ihren ungetreuen Liebhaber zu erblicken glaubt.«

»Aber sie sah gar nicht so aus, als wenn sie schwachsinnig wäre,« sagte Adrienne mißtrauisch.

»Mein Kind, darin haben Sie eine zu geringe Erfahrung; solche Kranke machen manchmal selbst den Arzt irre. Geschwind geben Sie meinem Neffen den Arm, wir wollen einsteigen und nach der Stadt zurückkehren.«

»Nein,« entgegnete das junge Mädchen, »lassen Sie mich allein gehen.« – Und mit einem Blick, welcher halb Kälte, halb Mißtrauen ausdrückte, wendete sie ich von dem Assessor weg und nahm in dem Wagen Platz.«

»Ich ziehe es vor, zu Fuß den Heimweg anzutreten,« sagte der Assessor, welcher vielleicht unterwegs einen neuen unangenehmen Auftritt fürchtete; »ich habe mit einem Secretair der französischen Gesandtschaft um fünf Uhr ein Rendezvous. Also auf Wiedersehen, meine Damen, und Sie, Mademoiselle, verscheuchen Sie die Wolke, welche sich auf Ihrer schönen Stirn lagert und vor Allem, lassen Sie mich nicht empfinden, was ein böser Zufall herbeiführte.«

Adrienne verbeugte sich kalt und zurückhaltend, dann zogen die Pferde an und fort ging es im leichten Trabe der Wohnung der Baronin zu.

Dort trat ihnen Herr von Neuburg auf der Treppe entgegen.

»Mein Gott, geliebte Cousine,« rief er, »ich stehe schon seit einer halben Stunde hier wie auf Kohlen und es wäre ein wahres Unglück gewesen, wenn ich Sie nicht getroffen hätte.«

»Sie erschrecken mich, Cousin, ist denn Etwas vorgefallen?«

»Vorgefallen?« antwortete dieser. »Ein hohes Glück, eine große Ehre soll Ihnen zu Theil werden.«

»Mir?« rief die Baronin verwundert, obgleich sie ganz gut wußte, was nun folgen würde.

»Ja, Ihnen. Sie sind vor einigen Tagen im Theater an der Seite unserer jungen liebenswürdigen Freundin hier bemerkt worden; natürlich konnte es nicht fehlen, daß so viel Anmuth und Schönheit das höchste Aufsehen erregte; man hat sich erkundigt, die Erinnerung an Sie ist wieder in den Vordergrund getreten, kurz und gut, theure Cousine, als ich heute Vormittag der Gräfin von Elsenheim wie gewöhnlich meine Aufwartung machte, befahl sie mir, Ihnen ihren Besuch für heute Nachmittag fünf Uhr anzukündigen.«

»Die Gräfin mich besuchen?« rief nun auch ihrerseits Frau von Lindenberg, dann setzte sie ruhiger hinzu: »freilich, einst stand ich ihr näher, ich besaß ihre Freundschaft, und gewiß ist ihr bei meinem Anblick das Herz wieder aufgegangen, sie sehnt sich nach so langer Zeit wieder einmal ein Viertelstündchen vertraulich mit mir zu verplaudern.«

Obgleich alle diese Worte die gröbsten Unwahrheiten enthielten, verfehlten sie doch auf die unerfahrene Adrienne ihre Wirkung nicht, denn kein Tag war ja bisher vergangen, an dem nicht der Baron oder die Cousine von der Gräfin gesprochen und deren Tugenden und Leutseligkeit gerühmt hätten. Eine außergewöhnliche Unruhe erfüllte sie daher jetzt, wo der von ihr schon längst im Stillen gehegte Wunsch nunmehr in Erfüllung gehen und sie die persönliche Bekanntschaft einer Dame machen sollte, die dem Herzog so nahe stand, und um welche sich täglich ein glänzender Hof versammelte.

»Ja, Cousine,« sagte Herr von Neuburg, »es widerfährt Ihnen in der That eine Auszeichnung, um die man Sie von allen Seiten beneiden wird. Aber dem Verdienst die Ehre, und so darf ich denn auch nicht verschweigen, daß die Frau Gräfin sich für Demoiselle Adrienne interessirt. Sie haben,« wandte er sich an diese, »den günstigsten Eindruck im Theater auf die hohe Dame gemacht, ja, dieselbe hat ganz offen gegen mich geäußert, dem heutigen Besuch liege hauptsächlich der Wunsch zu Grunde, Sie persönlich kennen zu lernen.«

»Mich?« stammelte Adrienne überrascht, »mich persönlich kennen zu lernen? Mein Gott, ich bin ja gar nicht darauf vorbereitet, wie soll ich antworten, wenn sie mich anredet? – Und in diesem einfachen Anzuge! – Ach, hätte ich doch wenigstens nur Zeit gehabt, mich auf ein solches Zusammentreffen vorzubereiten.«

Frau von Lindenberg lächelte. »Antworten Sie, wie Sie mir zu antworten gewohnt sind,« sagte sie, »ohne Scheu, in ungezwungener Natürlichkeit, so liebt es die Frau Gräfin.«

Ein Ausruf des Exkammerherrn, der ans Fenster getreten war, schnitt jeden Einwand des bestürzten jungen Mädchens ab.

»Still!« rief er, »ich höre das Rollen eines Wagens – es kommt näher – eine Kutsche hält vor dem Hause. Nun, meine Damen, bereiten Sie sich auf den wichtigen Augenblick vor, denn soeben steht uns unser hoher Besuch im Begriff, die Schwelle dieser bescheidenen Wohnung zu überschreiten, und ich eile pflichtmäßigst die Honneurs zu machen.«

Während Herr von Neuburg fortstürzte, suchte Adrienne sich zu sammeln, und da sie natürlichen Tact und Geistesgegenwart besaß, hatte sie sich bald von der ersten Ueberraschung erholt. Es blieb ihr übrigens auch keine Zeit zum Ueberlegen, denn so eben riß der lange Ebel die Thür des Salons auf und die Gräfin Elsenheim rauschte am Arm des Herrn von Neuburg herein.

Während Frau von Lindenberg in abgemessenen Pausen drei tiefe Reverenzen machte, verbeugte sich das junge Mädchen mit ebenso viel Anmuth wie Natürlichkeit.

Die Gräfin erwiderte diese Begrüßung in höchst graziöser Weise und mit einem bezaubernden Lächeln.

Dabei ruhte aber ihr Auge unvermerkt auf der edlen Gestalt Adriennens und der heimliche Blick, den sie mit der Baronin austauschte, sagte, daß sie mit dem Resultat ihrer Beobachtungen auf das Vollkommenste zufrieden sei.

»Die gnädige Frau,« begann die würdige Dame von Lindenberg, indem sie sich abermals tief verneigte, »haben es nicht unter Ihrer Würde gehalten, mich persönlich in meiner bescheidenen Wohnung aufzusuchen. Gestatten Dieselben, daß ich Ihnen für dies mir bereitete Glück meinen pflichtschuldigen Dank ausdrücke.«

»O, meine Liebe,« entgegnete die Gräfin, »lassen wir die Complimente, Sie erinnern mich dadurch nur an manche Vernachlässigung, die ich mir in der letzten Zeit gegen Sie habe zu Schulden kommen lassen. Wenn überhaupt hier von einem Glück die Rede ist, so bin ich es, welcher dasselbe durch den Anblick dieses reizenden Kindes zu Theil wird. In der That, übten diese sanften Augen nicht einen solchen Zauber aus, so wäre es wahrlich kein Wunder, wenn man auf eine so seltene Schönheit eifersüchtig würde.«

»Gnädige Frau, – gnädige Frau,« stammelte Adrienne, »Sie treiben Ihren Scherz mit mir, denn nur als solchen kann ich Ihre Worte aufnehmen.«

»Nein,« rief die Gräfin, jetzt die beiden Hände des jungen Mädchens ergreifend, »glauben Sie mir, es ist mein Ernst und ich gestatte nicht, daß Ihre Bescheidenheit die so wohlverdiente Anerkennung zurückweist. O, wie ich Sie beim ersten Anblick liebgewonnen habe! – Welcher eigenthümliche Zauber ruht auf Ihren Zügen und welche Anziehungskraft üben Sie auf mich aus!«

»Sie beschämen mich in Wahrheit,« wiederholte nochmals Adrienne, obgleich sie sich durch ein so einschmeichelndes Entgegenkommen bereits halb besiegt fühlte.

»Verschmähen Sie es nicht,« fuhr die Gräfin fort, »so sollen Sie von jetzt eine Freundin, eine Beschützerin an mir haben, und es wird mich glücklich machen, wenn ich es aus Ihrem eigenen Munde höre, daß Sie mein Anerbieten annehmen.«

»O, Madame,« entgegnete Adrienne, »ich müßte ja eine Undankbare sein, wenn ich gegen so viele Großmuth unempfindlich bliebe. Wollen Sie mir wirklich Ihre gnädige Theilnahme zuwenden, so nehme ich dies als ein mir großes Glück bringendes Geschenk an.«

»Das heiße ich mit Verstand und Liebenswürdigkeit sprechen,« rief die herzogliche Geliebte. »Und nun, mein theures Kind, da ich jetzt ein Recht habe, mich für Sie zu interessiren, verlange ich, daß Sie von Ihrer Schönheit und Anmuth denjenigen Gebrauch machen, welchen die Welt von Ihnen fordern darf. An der Seite dieser würdigen Dame« – die würdige Dame machte eine tiefe Verbeugung, welche der tugendhaftesten Matrone zur größten Ehre gereicht haben würde – »und unter dem Schutz dieses achtbaren Herrn« – der achtbare Herr nahm plötzlich eine Miene an, als sei er ein zweiter Achill, hinter dessen undurchdringlichem Schilde Adrienne den sichersten Schutz finde – »müssen Sie Ihren Platz in der vornehmen Welt einnehmen und so eine Laufbahn betreten, welche Ihren Geistesanlagen und Ihrer Schönheit angemessen ist.«

Adrienne lächelte; ihr ganzer Ehrgeiz war erregt.

»Ich fühle mich nun einmal auf eine unerklärliche Weise zu Ihnen hingezogen,« fuhr die Gräfin fort. »Ich wünsche daher Ihr Glück zu fördern, indem ich Sie selbst in die Gesellschaft einführe. Aber Sie müssen mir auch die Stunden der Einsamkeit in meinem Hause durch Ihr trauliches Geplauder manchmal versüßen. Sprechen Sie, mein Kind, wollen Sie mir diese Freude bereiten?«

Adrienne, welcher die Elsenheim von der Baronin stets nur als eine durchaus tugendhafte Frau hingestellt worden war, die im Interesse der allgemeinen Wohlfahrt den Muth gehabt hatte, ihren Ruf zu opfern, zögerte keinen Augenblick unter einer dankbaren Verbeugung diese Zusage zu geben.

»Dabei fällt mir auch ein,« bemerkte die Gräfin, »daß Herr von Neuburg von dem Wunsche Ihrer Tante sprach, ein Bittgesuch an den Herzog zu richten. Ist es nicht so, Herr Baron?«

»Allerdings, gnädigste Gräfin. Wie ich bereits die Ehre hatte, zu berichten, sind die langjährigen Dienste der Frau Seebach, bei Ihrer Durchlaucht, der Prinzessin Amalie schlecht belohnt worden, oder, um mich richtiger auszudrücken, in Vergessenheit gerathen.«

»Nun,« rief die Elsenheim, »das soll wieder gut gemacht werden; sorgen Sie dafür, daß die Bittschrift in meine Hände gelangt, ich stehe für deren Gewährung.«

Die Augen Adriennes wurden plötzlich feucht. In ihrem unverdorbenen Herzen regte sich ein tiefes Gefühl der Freude, bei dem Gedanken, heut auch der guten, lieben Tante eine frohe Botschaft überbringen zu können. Das arglose Kind ahnte nicht, daß die Ueberreichung der Bittschrift bereits im Plane der Menschen lag, die sich gegen sie verschworen hatten.

»Es ist für heute genug,« sagte die Gräfin innerlich zu sich selbst. »Ich habe meinen Zweck vollkommen erreicht und man darf nichts übertreiben. Treten wir daher unseren Rückzug an; das Mädchen ist zum Entzücken schön und das Uebrige wird sich finden.«

Diesem Vorsatz gemäß, begann sie denn auch alsbald:

»Ich verlasse Sie jetzt, meine Theure, um morgen desto ungestörter mit Ihnen plaudern zu können. Halten Sie sich um diese Zeit bereit, mein Wagen wird Sie abholen. Ungestört wollen wir dann zusammen ein Stündchen zubringen.«

Ein reizendes Lächeln und eine anmuthige Verbeugung bildeten den Schluß dieser Worte. Noch einmal warf die Gräfin mit ihrem Fächer der verwirrt dastehenden Adrienne einen Gruß zu, dann legte sie ihre schöne Hand auf den Arm des Herrn von Neuburg und hüpfte leicht die Treppe hinunter, um ihren Wagen zu besteigen.

»Nun, ich gratulire – Ihr Glück ist gemacht, mein liebes Kind!« sagte Frau von Lindenberg mit falscher Freundlichkeit. »Wer eine solche Gönnerin zur Freundin hat, geht einer glänzenden Zukunft entgegen! O, was für eine Freude wird mein theurer Neffe empfinden, wenn er hört, welcher Stern Ihnen aufgegangen ist!«

Bei der Hindeutung auf den Assessor umdüsterte sich plötzlich die Stirn des jungen Mädchens, das Zutrauen zu ihm war fort, und der Auftritt von diesem Nachmittag trat wieder in den Vordergrund.

Sie schüttelte daher mit dem Kopfe und sagte:

»Ich zweifle nicht daran, daß Sie es gut mit mir meinen, aber in dem Wunsche, mein Glück zu begründen, nehmen Sie wohl mein Verhältniß zu Ihrem Verwandten zu ernsthaft.«

»Wie? mein Kind,« rief die Baronin, die Verwunderte spielend, »ein alter Name – die Aussicht auf Rang und Ehre – die Gewißheit, einst einen glänzenden Platz in der Gesellschaft einzunehmen – bedenken Sie –«

»Und wenn mir dies Alles geboten würde,« entgegnete Adrienne mit einer Entschiedenheit, welche sie bisher nicht an den Tag gelegt hatte, »so muß ich vor Allem den Mann, dem ich meine Zukunft anvertraue, achten und ehren lernen.«

Die Baronin biß sich auf die Lippen. »Sie hat wirklich Verdacht geschöpft,« kalkulirte sie, »aber im Grunde, was thut es, was geht mich dieser Herr von Bärenfeld an, wenn ich nur meinen Zweck erreiche, und am Ende wird sie noch froh sein, wenn sie sich ihm in die Arme werfen kann.«

Diese Betrachtungen wurden durch die Rückkehr des Herrn von Neuburg unterbrochen.

»Die Gräfin ist wirklich das Muster der Vortrefflichkeit,« sagte er, »Sie müssen dieselbe ganz bezaubert haben, Mademoiselle, denn noch im Einsteigen sagte sie mir Worte, welche von Ihrem Lobe überflossen.«

»Das verdiene ich auf keinen Fall,« entgegnete Adrienne bescheiden, »allein ich werde mich bestreben, mich dieses Wohlwollens werth zu zeigen.«

Sie hatte ihren Hut und Shaw angelegt und bemerkte den heimlichen Blick nicht, welchen die beiden Verbündeten austauschten.

»Sie wollen gehen?« fragte Frau von Lindenberg.

»Gestatten Sie, daß ich mich heute etwas früher beurlaube. Die überraschenden Ereignisse dieses Tages haben ihre Wirkung nicht verfehlt; ich fühle mich aufgeregt und dann möchte ich doch auch meiner Tante die Freude nicht vorenthalten, welche sie empfinden wird, wenn ich ihr sage, wie theilnehmend sich die Frau Gräfin auch gegen sie gezeigt hat.«

»Also bis morgen, meine Theure,« sagte die Baronin, sie bis an die Thüre begleitend und dort mit einem Judaskuß von ihr Abschied nehmend.

»Bis morgen!« erwiderte die Arglose mit einem Lächeln, mit welchem sich jedoch unwillkürlich ein ahnungsvoller Seufzer vermischte.

Als Frau von Lindenberg in das Zimmer zurückkehrte, begegnete ihr der triumphirende Blick des Exkammerherrn.

»Nun, was sagen Sie dazu?« rief er, sich in die Brust werfend, »bin ich nicht ein diplomatisches Genie; müßte ich nicht, wenn es nach Verdienst ginge, schon längst den ersten Gesandtschaftsposten inne haben?«

»Vergessen Sie nicht, welche Verbündete Sie in mir besitzen, Herr Cousin,« bemerkte naserümpfend die Baronin.

»Allerdings,« entgegnete der schlaue Fuchs, indem er dabei ein Gesicht machte, als stehe er im Begriff dem Raben eine Lobrede zu halten – »mein Talent zur Intrigue und Ihre Anlagen zur Lüge. –«

Die gnädige Frau nahm eine Stellung ein, wie ein Roß, das eben im Begriff steht, sich zu bäumen.

»Nun, nun,« sagte begütigend ihr Verbündeter, »Sie wissen, ich kann meinen Hang zur Satyre einmal nicht unterdrücken. Die Hauptsache bleibt ja immer, daß unsere Pläne gelingen. Wenn Alles gut geht, erwartet Sie eine behagliche Präbende als Stiftsdame.«

Diesmal verklärte sich das faltenreiche Gesicht der würdigen Dame und ihre lange, knochige Hand dem Herrn von Neuburg zum Abschied reichend, erwiderte sie: »Ich verzeihe Ihnen Ihre Indiscretion von vorhin, Cousin, Ihre sonstige Liebenswürdigkeit wiegt diese Schwäche auf.«

 

Wenige Minuten darauf war der Baron in seiner Wohnung und in höchst behaglicher Stimmung. Das Staatskleid machte dem buntgeblümten Schlafrock Platz, und der lange Ebel reichte dem Gebieter, als ein wohlgeschulter Diener, die Pantoffeln.

»Was giebt es Neues?« fragte Herr von Neuburg, sich nachlässig in die Ecke des Sophas streckend.

»Nichts von Bedeutung. Der Herr Assessor waren vor einer halben Stunde hier und sagten, sie würden wieder kommen.«

»Wer, mein Neffe? – Es ist ja jetzt fast neun Uhr!«

»Thut nichts,« entgegnete Ebel lakonisch, »der Herr Baron wissen ja, daß der junge Herr nie vor zwei oder drei Uhr des Nachts zu Bette geht.«

»Dennoch –« murmelte Herr von Neuburg nachdenkend und warf dabei einen besorgten Blick auf die vor ihm liegende Börse.

Ebel grinste, er hatte diesen Blick bemerkt. »Es kam mir auch so vor,« sagte er trocken.

»Wie kam es Ihm vor?« fragte der Exkammerherr.

»Na, als wenn der Tanzboden ein Loch hätte,« entgegnete der Diener in seiner blumenreichen Sprache.

»Und ich soll dieses Loch ausbessern?« rief der Baron, die Andeutung wohl verstehend. »Nein, daraus kann Nichts werden; ebenso gut könnte ich den Versuch machen, das Faß der Danaiden wieder zu füllen. Höre Er, Ebel –«

»Wie der Herr Baron befehlen.«

»Wenn mein Neffe kommt, so sagt Er, ich habe mich bereits zur Ruhe begeben.«

»Aber das zieht nicht.«

»Stelle Er einen Topf mit Fliederthee zurecht, und sage Er, daß ich zum Schwitzen eingenommen hätte.«

»Zu verbraucht!« entgegnete Ebel; mit dem Kopf schüttelnd, »man glaubt dies selbst dem Herrn Sanitätsrath, welcher uns gegenüber wohnt, nicht mehr, wenn der des Nachts zu einem Kranken gerufen wird.«

In diesem Augenblick wurde heftig an der Klingel gezogen.

»Was nun?« fragte der Baron, indem er gleichzeitig nach der Börse griff und diese in die weiten Taschen seines Schlafrocks verschwinden ließ.

»Ganz natürlich, Sie müssen den Herrn Assessor empfangen, was man heute thut, braucht man morgen nicht zu thun.«

Dies Argument schien dem Exkammerherrn einzuleuchten, er wußte, daß er dem Besuch doch nicht ausweichen konnte.

»Gut, so öffne Er, Ebel.« – Und während dieser forteilte, nahm der Baron eine Miene an, als beabsichtige er eine Vorlesung über Sittlichkeit und Moral zu halten.

»Guten Abend, Herr Vetter,« sagte der eintretende Assessor, in einem trotzigen Tone und mit einem Gesicht, welches nichts Gutes andeutete.

»Guten Abend, mein theurer Neffe. Wie, noch so spät und ziemlich aufgeregt, wie es scheint? Ei, ei, was bedeutet denn das?«

»Eine fatale Geschichte. Sie wissen doch, die Catharina Fischer –«

»Wie, das junge Mädchen, welches Ihnen hierher gefolgt ist?«

»Ja, und die ich bisher in der Vorstadt untergebracht hatte«!

»Hm, hm, kostspielige Passionen, Herr Neffe.«

»Was sollte ich thun? Ich hatte einige Verpflichtungen gegen Catharina und mußte gute Miene zum bösen Spiel machen. Uebrigens war es ein Zeitvertreib für mich.«

»Und jetzt sagt Ihnen dieser Zeitvertreib nicht mehr zu?«

»Das Mädchen verkennt seit einiger Zeit ganz und gar ihre Stellung; sie nimmt sich sogar heraus, eifersüchtig zu werden.«

»Sagten Sie mir nicht, Sie hätten ihr ein Eheversprechen gegeben?«

»Komödie! Es geschah, um sie zu beschwichtigen, denn es ist eine überaus leidenschaftliche Person. Jetzt schleicht sie mir auf Schritt und Tritt nach.«

»Das ist allerdings schlimm und paßt für unsere Pläne nicht.«

»Heute Nachmittag wagte sie es sogar im Wildpark –«

»Die Cousine hat mir den Vorfall erzählt. Dem muß für die Zukunft jedenfalls vorgebeugt werden. Was wollen Sie thun?«

»Sie um jeden Preis aus der Residenz schaffen. Sie muß zu ihren Verwandten, von denen sie sich heimlich entfernt hat, wieder zurückkehren.«

»Und wenn sie nun nicht will?« fragte der Baron.

» Sie muß!« rief der Assessor in einem Ton, welcher einen kalten, unwiderruflichen Entschluß bekundete. »Erst will ich es mit Gutem versuchen, leistet sie aber Widerstand, dann –« Das Auge des Herrn von Bärenfeld wurde so finster, als ob die Absicht einer schwarzen That es verdunkle. »Jedenfalls kostet die Sache mich Geld,« fuhr er fort.

Der Baron rückte auf seinem Sitz verlegen hin und her.

»Ich bin deshalb hierher gekommen, Sie um zweihundert Thaler zu ersuchen.«

Der Exkammerherr flog in die Höhe. »Wo denken Sie hin,« rief er, »das ist völlig unmöglich! Ich habe Ihnen ja erst vor drei Tagen funfzig Thaler gegeben.«,

»Daß Sie ein Filz sind, weiß ich,« rief der angebliche Neffe mit schallendem Lachen.

»Mein Herr –!«

»Wünschen Sie vielleicht noch eine andere Erklärung?« fragte der Assessor, sich halb erhebend.

»Bitte, bleiben Sie ruhig sitzen.«

»Also, Sie zahlen?«

»Es ist mir, wie gesagt, völlig unmöglich. Wo soll ich denn alles Geld hernehmen! – Die Baronin verlangt, Sie verlangen, am Ende müßte ich eine Wünschelruthe haben.«

»Ist nicht nöthig. Sie besitzen eine Gönnerin, welche für die Perle, die Sie ihr bieten, einen hohen Preis zu zahlen bereit ist. Ha, mein Herr, glauben Sie etwa, mir entschlüpfen zu können? – Ja, krümmen Sie sich nur wie ein Aal, es hilft Ihnen Nichts, ich lasse Sie nicht aus den Fingern.«

Herr von Neuburg sah, daß er einem solchen Menschen gegenüber in der That nicht entschlüpfen konnte; er mußte zu unterhandeln suchen.

»Was ich besitze, will ich mit Ihnen theilen,« sagte er; »an das Wort eines ehrlichen Mannes, meine ganze Baarschaft besteht nur noch aus hundert Thalern.«

»Auf Ihre Ehrlichkeit gebe ich keinen Pfennig,« entgegnete hohnlachend Herr von Bärenfeld, »mich täuschen Sie nicht! Nun, wollen Sie zahlen?«

»Es ist mir unmöglich.«

»Gut,« rief der Assessor sich erhebend. »Ich enthülle Adrienne morgen die ganze Kabale, ich bringe Sie um die Früchte Ihrer Mühen, ja ich bringe Sie sogar auf die Festung, denn ich werde mich beim Herzog anmelden lassen und ihm dann offenbaren, welchen Mißbrauch man mit ihm treibt.«

»Sie sind ein Dämon,« sagte der Exkammerherr, »und ich traue Ihnen wohl zu, daß Sie Ihre Drohungen ausführen.«

»Darauf können Sie sich verlassen.«

»Bis zu diesem Aeußersten will ich es aber nicht kommen lassen. Ich bin nicht undankbar und sage mich von einem Verbündeten nicht so leicht los. Hier, nehmen Sie die geforderte Summe – es ist meine ganze Habe!«

»Die Frau von Elsenheim wird schon weiter aushelfen,« entgegnete spöttisch der Assessor. »Uebrigens seien Sie vernünftig, Vetterchen; schämen Sie sich, ein solches Gesicht zu machen, das steht Ihnen nicht!«

Diese Worte sagte Herr von Bärenfeld, indem er laut lachend das Zimmer verließ. Der Baron blickte ihm nach, bis er seinen polternden Schritt auf der Treppe nicht mehr vernahm. Dann erhob er sich, ballte die Faust und sagte:

»Eine solche Natter muß man zertreten. Einstweilen kann ich ihn noch nicht entbehren, aber ist der Zweck erreicht, hat er seine Rolle abgespielt, so werde ich dafür sorgen, daß er unschädlich gemacht wird!«



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