Josef Kastein
Uriel da Costa
Josef Kastein

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Zwölftes Kapitel

Von der Verbundenheit

Ich weiß, daß ohne mich / Gott nicht ein Nu kann leben, / werd' ich zunicht, / er muß vor Not den Geist aufgeben.

            Angelus Silesius

Am Schicksal des Uriel da Costa haben immer wieder, durch die Jahrhunderte hin, Menschen aus allen Lagern des Lebens und des Geistes ihren Anteil genommen. Während er schon hundert Jahre nach seinem Freitode in Amsterdam – und wohl in der Judenheit überhaupt – fast vergessen war, vergessen wie einer, den das Lebensgesetz seiner Gemeinschaft als ein notwendiges Opfer am Rande der Entwicklung hatte liegen lassen – nahm er im Denken der Umwelt bald einen unverlierbaren Platz ein. Da sein Leben so zerspalten und aufgeteilt war, konnte jeder ihm von der Idee aus begegnen, die er in solchem Schicksal verkörpert sehen wollte. Galt er dem einen als willkommener Kronzeuge für »des jüdischen Volkes Unglaube, Blindheit und Verstockung«, so wendet ein anderer sich gegen ihn, um »die Argumente, mit denen er die Vorschriften der Offenbarungsreligion und namentlich des Christentums bestreitet, einer Prüfung zu unterziehen und darzutun, daß sie ohne Kraft sind, deren Göttlichkeit zu erschüttern«. Wenn Herders reines Humanitätsgefühl sich diesem Schicksal in schmerzlicher Betroffenheit zuwendet und sich dahin bekennt: »So möchte ein jeder, der, von Menschen aus der Welt gedrängt, zuletzt noch einige Worte für Menschen zu schreiben guten Willen und Kraft hat, sein Exemplar des menschlichen Lebens dem des Acosta hinzufügen!« – will der vormärzliche Geist des »Jungen Deutschland« Da Costa im pathetischen Gewande eines Gutzkow für sich in Anspruch nehmen. Wo immer Geistesgeschichte und enzyklopädisches Wissen vermittelt wurden, steht Da Costas Lebensbeichte, gewertet oder nicht, unverrückbar in der Reihe der Berichte, die zu wissen not tut. 318

So gehörte er allen. Aber seinem Volke hat er noch nicht gehört. Darum ist es an der Zeit, ihn heimzuholen in seinen heimatlichen Bezirk. Denn erst von Ursprung und Heimat aus darf eine Gestalt wie diese in die Welt entlassen werden. Erst mit dem Aufspüren des Bindenden und des Trennenden kann die Willkür aufgelöst werden, die jedem Urteil seinen Sinn zuweist, nur nicht ihm selbst, an dem dieser Sinn sich entzündet. Aber dieses Schicksal, bindet man es nicht zuvor an die eigene Welt, bleibt unverbunden und ohne die Kraft, die andere mit ihm als Vorbild oder als Beispiel der Erkenntnis verknüpft. Dieses Buch ist somit der Versuch zu bestimmen, was für Da Costa Heimat ist und was Fremde, was ihn einer Welt verknüpft und was ihn von ihr scheidet. Aber damit ist der Aufgabe noch nicht genug getan. Ein solcher Versuch rückt wohl Da Costa in den Strom des Geschehens und fixiert den Punkt, an dem er steht. Aber damit wird erst Vergangenheit geschildert und noch nicht Historie geschaffen. Historie bedeutet uns das Erlebnis der Verbundenheit mit dem Geschehen von gestern. Es ist also, um ihn wahrhaft im Historischen zu verankern, noch der Punkt zu fixieren, zu dem hin wir selbst uns wenden können, um dieses Schicksal als eigene Vergangenheit zu erleben. In jeder zeitlichen Phase eines historischen Aktes liegt eine zeitlose eingeschlossen. Sie stehen zu einander wie das Einmalige zum Allgemeingültigen, wie die Form eines Kunstwerkes zu seiner fortdauernden Wirkung, wie ein Ruf zu der Antwort, die von den Jahrhunderten zu geben ist. Und je klarer Anruf und Antwort hinüber und herüber gehen, desto weiter greift dieses Zwiegespräch über den Rahmen hinaus, in dem zuerst es geführt wurde, desto 319 schöpferischer enthüllt sich seine Bedeutung für jede Zeit und jeden Umkreis, so, wie wahrhaftes Zwiegespräch zwischen Menschen die Welt bindet und nicht nur sie selber.

Eine andere Gesetzmäßigkeit gesellt sich dem hinzu: wo immer Schicksale ihren Lauf nehmen, deckt sich ihr subjektiver Gehalt nicht mit dem objektiven. Nur selten ereignet es sich, daß einer den Sinn seines Schicksals selber voll ausschöpft und erkennt. Ja, trüge jeder ein volles Bewußtsein seines eigenen Schicksals wie klares und verfügbares Wissen mit sich herum, es würde seinem Schicksal die unbewußte, die naturhafte Last und Größe nehmen. Der unerkannte Rest Schicksal in jedem Leben ist die bewegende, weil nicht dirigierte und nicht lenkbare Kraft. Sie demütig aufzuspüren und im Anschauen fruchtbar zu machen, ist der wirkliche Dienst der Nachfahren am Leben der Einstigen.

Über das Mitempfinden hinaus, das keiner diesem Schicksal versagen kann, stört eine beklemmende Frage den Betrachter auf: wie ist es möglich, daß so viel Wollen kein Ziel erreichte? Wie ist es denkbar, daß ein Mensch, der das große Bejahende mit sich trägt: die Bereitschaft zur Gläubigkeit, dennoch von seiner Welt kein anderes Echo empfängt als das Nein, daran er zerbricht? Er war ein Mensch stärksten religiösen Bemühens, ein »Aufgewühlter«. Mag gleich der Kampf, durch den er sich aus den Fesseln aufgezwungenen Glaubens befreite, in tausend anderen Marranen sich in gleicher Qual und Stärke wiederholt haben: sein Ringen um die endgültige Gestaltung seiner Glaubenswelt war dennoch groß und ehrlich und vom Einsatz des ganzen Menschen geleitet. Mag seinem Denken auch die große schöpferische 320 Originalität abgehen, es war doch ein eigenes Denken, dem es nicht an Mut gebrach. Es war der Versuch, einer Welt unproduktiven Denkens neue Kategorien und neue Möglichkeiten der Orientierung zu vermitteln; es war ein Denken, das in seinen Instinkten dem Denken der Besten seiner Zeit nahe kam; es war ein Denken endlich, mit dem er auch im Judentum mitten in einem Problem größter Aktualität stand. Denn wo immer der Begriff der Tradition einem Juden seiner Zeit zum Anstoß wurde, geschah es aus dem Gefühl der Unzulänglichkeit, die jener zeitlichen Welt anhaftete. Er wurde, als es um die letzte Konsequenz seines Denkens ging, seiner Zeit und Umwelt mehr als ebenbürtig; denn jene nahmen ihren Gott nur in Besitz, er aber mühte sich darum. Und trotz alle dem trieb man ihn in den Tod? Nein: er wich in den Tod aus. Und war kein anderer Ausweg gegeben?

Zwei Antworten stellen sich ein; die eine für die Zeit, die andere für die Zeitlosigkeit; jene als Motiv, diese als Sinngebung; jene als Anrede eines Schicksals an uns, diese als unsere Bereitschaft zur Zwiesprache. Als in Da Costa die große Hinwendung zum Judentum geschah, blieb alles in ihm unberührt, was der Entscheidung als Motiv zugrunde lag. Seine Seele trug unverlöschbar den Stempel, den ein anderer Glaube ihr eingebrannt hatte. Zwar die Klammer, die ihn zwischen Erbsünde und Seelenheil fesselte, zerbrach. Aber die Kategorien seines Denkens blieben intakt. Es waren erzwungene und zwingende Kategorien, die das Leben mit einer Verneinung unterbauten, nicht mit einer Bejahung. Es war die gesicherte und verriegelte Denkwelt des Katholizismus in der Phase der Gegenreformation. Ein 321 Katholik, der das Seelenheil ersehnte, begab sich auf der Suche darnach in das Judentum.

In der Situation, die er sich damit bereitet, ist nicht das Entscheidende, daß gerade an der Frage der Erbsünde der grundsätzliche Unterschied der beiden Glaubenswelten sich offenbarte. Denn es war ja das Befreiende in seiner Hinwendung, daß diese Last der Erbsünde von ihm genommen wurde. Aber damit war das Erlebnis abgeschlossen. Die Erbsünde fiel, aber das Seelenheil begehrte weiter nach Sicherung und Auflösung. Daß er mit diesem Streben in die neue Gemeinschaft einbrach, bedeutet, daß er ein fremdes Problem in sie hineinträgt, eines, das sie nicht kennt und nicht braucht und das sie darum auch von der reinsten Seele nicht annehmen kann. Denn was ist Seelenheil? Es ist das Bemühen des Einzelwesens um die Befriedung des Glaubens an das jenseitige Geschick. Es ist die Beschließung des Einzeldaseins in der Hoffnung auf das Dereinst. Über das Seelenheil kann nur etwas ausgesagt werden vom unverbundenen Einzelnen her. Es gibt für das Seelenheil nur eine einzige wirkliche Verbundenheit: die mit dem Himmel. Es ist die letzte und einzige Flucht der isolierten Persönlichkeit vor einer verpflichtenden Welt in die rettende Gnade eines Jenseits.

Mit dem Gewicht dieser Grundhaltung kehrt Da Costa in das Judentum ein. Aber Einkehr in das Judentum, wo immer man ihm begegnet, ist Einkehr in eine Gemeinschaft; so wie jede Hinwendung zu einem Glauben das Eingehen in eine Gemeinschaft bedeutet. Nur Gemeinschaften zeugen Religion. Glaube ist kollektiv; sein Urmotiv ist Verbundenheit und seine erste Regung Dienst an der Verbundenheit. Wen die Kette der Geburten oder die freie 322 Entschließung solcher Gemeinschaft zugesellt, büßt die Unverbundenheit des Vereinzelten ein, und um erleben zu können, bleibt ihm kein anderer Pulsschlag als der, der dem Herzen der Gemeinschaft den Rhythmus gibt. Man kann im Glauben einer Gemeinschaft nur die Probleme aller leben, nur solche, die allen möglich sind; keine nur-eigenen und keine fremden. Wer einer Gemeinschaft das Fremde zuträgt, das ihr nicht Gemäße, das von ihr nicht Erlebbare, das sie Verfälschende – tritt nur der Gemeinschaft gegenüber; aber er begegnet ihr nicht.

Da Costa begegnete seiner Gemeinschaft nicht. Er begegnete nur dem Grundwerk ihres Glaubens; dem Quell ihres Lebens, aber nicht dem Rhythmus ihres Daseins. Und noch in diese Begegnung trägt er sein eigenes Herkommen und sein eigenes Endziel hinein. Damit fälscht er den Sinn der Bibel, während er ihn erkannt zu haben glaubt. Er gibt ihr eine Funktion, die sie nicht besitzt: eben den Charakter von Erlösungsvorschriften für den Einzelnen. In Wahrheit sind sie Bewährungsvorschriften für den Einzelnen in seiner Verbundenheit mit Gott und der Welt.

So war, der hier die Heimkehr unternahm, dem Herzen nach ein Jude und dem Geiste nach ein Katholik. Aber vom Marranen aus, der wieder Jude werden wollte, mußte zuvor das Opfer des Intellekts gebracht werden; es mußte um der Fortsetzung des Volksschicksals willen die Unterbrechung und Verlangsamung einer geistigen Entwicklung ertragen werden. Das bedeutet nichts anderes als die gewollte Aufhebung der Spaltung des Bewußtseins. In Da Costa hingegen vertiefte sich diese Spaltung immer mehr. Eine Wahrheit bewährte sich an ihm: es gibt kein gültiges und schöpferisches Beharren im Fremden. 323 Darum mußte er aus dem Katholizismus ausbrechen. Da traf ihn die ergänzende Wahrheit: das Fremde kann nie gültig und schöpferisch im Judentum beharren. Darum führte ihn der Heimweg nicht in das Zentrum, sondern an die Peripherie einer Welt. Schon wie er sie nur an einem Punkte berührte, wehrte sich die Gemeinschaft gegen ihn; aus richtigem Instinkt, wenn auch aus zeitgebundener Begründung.

Schon von hier aus ist eine Auflösung unmöglich. Da Costas Erkenntnis verwies ihn notwendig auf den Kampf gegen die Tradition. Gesetze, die dem Heil der Seele dienen, sind in der Tat einer Entwicklung nicht zugänglich, weil der Weg vom Diesseits zum Jenseits unverrückbare Begriffe in Ausgang und Ziel hat. Aber Gesetze, die eine Theokratie verwirklichen wollen, sind allen Lebenswirklichkeiten ausgesetzt, sind unablässige Variationen über ein gleichbleibendes Thema. Die Summe dieser Variationen, von einer Gemeinschaft gelebt, ist Geschichte.

Da Costa begegnet auch dieser Geschichte nicht. Er steht nur als Exponent eines historischen Vorganges am Rande der Geschichte. Er trägt in sich das dunkle Schicksal des Marranen, der vom politischen Interesse eines Glaubens für eine lange und tödliche Sekunde in das Joch fremden Denkens gezwungen wurde. Wer aus diesem Joch das Denken übernimmt, wer nicht im Entfliehen aus diesem Joch vergessen will, daß er vom Hauch einer Weltlichkeit gestreift ist, der kann nicht mehr in eine Geschichte eintreten, die aus anderem Denken wertet und daher mit anderen Maßen Schicksal erlebt und Schicksale bereitet. In Da Costa endet ein historischer Prozeß: das Marranentum. An ihm wird sichtbar, daß es stirbt und 324 wie es sterben muß: in der bedingungslosen Einordnung oder in der Selbstvernichtung. Marranentum ist erzwungenes Schicksal. Das Eigengesetzliche in ihm ist nur die unendliche Kraft des Beharrens und der Treue. Darum kann nur von da aus wieder eine Verbundenheit mit der Gemeinschaft erzeugt werden. Alles andere hat dort zu bleiben, von wo es entstammt: in der Fremde.

Wer mit den Bedingtheiten solcher Fremde einer Gemeinschaft begegnet, lebt nicht ihre Geschichte, sondern nur ihre Erscheinungsformen. Wenn sein persönliches Denken und sein persönliches religiöses Bedürfnis mit ihnen nicht in Einklang stehen, muß er sie bekämpfen. Aber das ist kein Weg zur Gemeinschaft. Man kann eine Gemeinschaft bekämpfen, wenn das Motiv des Kampfes die Teilnahme und die Wahrheit sind. Aber es kann dann nur geschehen durch die Steigerung ihres Sinnes, nicht durch seine Leugnung. Es kann nicht geschehen durch den Kampf gegen die Lebenserscheinungen selbst, denn sie sind gewachsen, sind vorhanden, sind ein Stück Leben. Es kann nur auf sie eingewirkt werden durch Sinnsteigerung, durch Sinnerhöhung. Nur dadurch wird ihre Wurzel getroffen. In sich sind sie nichts Selbständiges. Die Form entscheidet nicht über das Gute und über das Böse. Auch die glänzendste Form kann verderbt und böse bis in den Kern sein. Man muß vielmehr das Leben selbst angreifen, eben den Sinn der Erscheinungsformen. Man kann nicht die Dinge ändern, wenn man nicht zuvor das Bewußtsein von den Dingen ändert! Wer das tut, bewirkt Historie. Wer es nicht tut, bewirkt nur persönliches Schicksal.

Daß Uriel da Costa von der Tradition her das 325 Judentum reformieren wollte, gibt ihm noch keine gültige Legitimation. Von allen geistigen Versuchen, die einer zur Gemeinschaft hin unternimmt, ist stets der des Reformers der schwächste und unlebendigste. Was einer Gemeinschaft, die am Rande der Erstarrung ist, not tut, ist nicht der Reformer, sondern der Revolutionär; nicht der bedachtsam Verändernde, sondern der machtvoll Umstürzende. Aber an beiden kann sich die Tragik der Frühzeitigen bewahrheiten: es gibt keinen Reformator, der gegen die Bereitschaft einer Zeit reformieren kann. Das immer ist der Fall, wenn einer, statt die Herzen zum Mitschwingen aufzurufen, die Formen ihres Tages angreift und zerschlägt. Es ist Schicksal auch der Gemeinschaft, daß sie sich dem versagen muß, der nicht ihre Lebensgesetze aufspürt.

Als Da Costa von dem Kampf gegen die Tradition abließ, geschah es nicht um ihrer Anerkennung oder um der Einordnung willen, sondern es geschah im fortschreitenden Bemühen um sich selbst. Es geschah in steigender Selbständigkeit, aber zugleich auch in steigender Isolierung; nicht zur Gemeinschaft hin, sondern zur Unverbundenheit. Es trägt nichts und löst nichts, daß er dabei Grundwahrheiten des Judentums fand. So wie der Reformer nicht die Bereitschaft der Zeit entbehren kann, kann der Denker nicht der Begegnung mit den Möglichkeiten einer Zeit entraten, so er wirklich in die Zeit hinein wirken will. Aber auch der, in dessen Ideen sich schon die Zukunft, die Wegweisung einer Gemeinschaft austrägt, bekommt seine Wahrheit und seine Bestätigung von der Kraft, mit der er gibt, nicht von der Kraft, mit der er sich verweigert und sich in den Raum persönlichsten Erlebens zurückzieht. In der Gemeinschaft des 326 jüdischen Volkes mit Wirkung beharren können, hat immer geheißen, sich noch im Persönlichsten den Ideen dieser Gemeinschaft zu verhaften. Wer nicht anders als einsam leben kann, wird im Judentum doppelt einsam. Wer Fremdes hineintragen will, begibt sich selbst unweigerlich in die Fremde. Für den Juden ergibt das ein besonderes Schicksal: wenn er nicht Anschluß an die Welt findet, dort, wo sie in einer Idee sehr groß ist, bleibt ihm nur die – seelische oder körperliche – Selbstvernichtung. Auch heute noch zerbrechen so Juden. Heimatlos irren sie am Rande aller Kulturen und streuen in alle Weite des Nichts, in die Einsamkeit und in die Fremde, eine Saat, die nach keinem anderen Gesetz als dem des Zufalls aufgehen kann. In der Einsamkeit und in der Fremde vergehen die, zu denen nicht Gott selbst sich niederläßt, um sie zu sich heimzuholen.

Nicht einmal von dort aus, wo sein menschlicher Wert am stärksten in die Erscheinung tritt: von seiner Religiosität aus, konnte zwischen ihm und der Gemeinschaft eine Brücke geschlagen werden. Wie menschliche Gemeinschaften Religion aus sich entlassen, blieb ihm verborgen. Sein Erlebnis ist nur persönlich. Was er begreift, ist nicht das explosive Ergebnis der gleichgerichteten Sehnsucht Vieler, sondern subjektive Religion, die nicht Verbundenheit anders bewirken kann als im engsten Rahmen der Bruderschaft. Als er aber so weit gereift war, die Menschen aus aller Welt zu dieser Bruderschaft des Glaubens aufzurufen, rief er sie mit den Tönen der Vernunft und öffnete ihnen eine entzauberte, eine entgottete Welt des Naturgemäßen. Aber wer dem tief Untergründigen allen Daseins sich entziehen will, dem kann es auch keine Gründigkeit geben. Wenn 327 es nicht eine Spur von Judennot mehr gäbe – wenn alle Völker ringsum den Weg fänden, ihren Haß der Fremdheit in eigene Schöpferkraft zu verwandeln – wenn ein Strom von Freiheit und Ruhe über das ewig aufgescheuchte Volk hereinbräche: dann hätte es immer noch einen Sinn, Jude zu sein, um das Recht zu solchem untergründigen Dasein durch das Leben zu beweisen.

Das also sind die letzten Motive, die der Begegnung zwischen Uriel da Costa und seiner Gemeinschaft im Wege standen: das Hineintragen des Fremden, das Erstreben des Nur-Persönlichen und das Begreifen einer entzauberten Welt. Diese Motive sind um deswillen die entscheidenden, weil sie ihre Geltung nicht verloren haben. Auch heute noch, in anderer Zeit und unter gewandelten Bedingungen der Gemeinschaft, vermögen sie zu hindern, daß einem Menschen das Erlebnis seiner Gemeinschaft beschieden sei. Denn solchem Erlebnis sind Grenzen gesetzt. Sie können nur im Dienst ausgefüllt werden, nicht im Versagen und nicht in der Vereinzelung. In der Störung solcher Verbundenheit wird der Gesinnung die Tragödie bereitet.

Wenn somit Da Costas Schicksal uns Nachfahren aus solcher Erkenntnis lehrhaft wird, wird es uns ein Stück Leben aus der Ähnlichkeit der Situationen. Denn wieder ist ein Geschlecht von Marranen herangewachsen, und wieder stehen Menschen mit gespaltenem Bewußtsein ihrer Gemeinschaft gegenüber. Diese Marranen sind nicht unter das Joch einer anderen Religion gegangen, sondern unter das Joch der Welt, da wo sie nichts sein will als Freiheit von allem Bindenden und Gebundenen, nichts als Bildung und Humanität und Aufgeklärtheit, nichts als 328 Brüderlichkeit ohne Gefühl für die geistige Herkunft, nichts als Menschheit ohne das untergründige Wissen um die dunkle Schwere des Blutes. Gleich jenen anderen Marranen beginnen sie heute heimzukehren, abgestoßen vom vielfachen Widerstand einer Welt, die nur in einem einzigen Punkte wirklich frei ist: in der hemmungslosen Bejahung ihrer Interessen, ihres Besitzes und ihrer Macht; angezogen von der ureigenen Welt des Herkommens, die schwer und mühevoll um neue Formung ringt. Denn diese ureigene Welt steht nicht mehr in der starren Sicherheit von einst. Sie ist zerklüftet, in Atome gespalten. Einst ging es darum, eine Welt aufzulockern. Jetzt geht es darum, eine Welt zusammenzuschweißen. Denn heute steht vor uns das Ergebnis dieser Auflockerung, das Ergebnis von Aufklärung, Vernunft, Naturalismus, Angleichung und Weltbildung: ein Chaos, ein formloses Nichts, ein Gewühl von Interessen und Neigungen, eine unverbundene und darum mit nichts wahrhaft verbundene Welt. Nicht einmal dem, was man ihr als das Kriterium zugesteht: der Religion, ist diese Welt noch wahrhaft verbunden. Sie kann es nicht sein, weil ihr der zeugende Raum: die Gemeinschaft, zerbrochen ist.

Wo aber auf der Suche nach einer Verankerung ein Jude heute seinem Volke wirklich begegnet, empfängt er aus diesem Bewußtsein zerbrechender Gemeinschaft den stärksten, den leidenschaftlichsten Antrieb. Dabei geht es um weit mehr als nur den Willen, Geborstenes zu fügen und gesprengte Form um ihrer selbst willen zu halten. Mag brechen, was in sich nicht mehr das Gesetz der Gestalt lebendig erhalten konnte. Mag dahingehen, was nicht mehr im Kern so glühend ist, daß es die Form durchleuchtet. Aber 329 von der Welt ringsum und ihrem Irrkreis der Interessen den Blick zurück auf das Judentum richten, muß brennendes Heimweh auslösen nach der alten Idee, daß vor Jahrtausenden ein Volk, eine Gemeinschaft mit der Verpflichtung vorbildlichen Seins und vorbildhaften Wandels belastet und gesegnet wurde. Ewige Wahrheiten sind eine übermenschliche Bürde, und für Zeiten werfen Geschlechter, deren Schultern schwach geworden sind, sie wieder ab, um unter dem Lastlosen besser atmen zu können. Aber wo eine ganze Welt lastlos und unverpflichtend lebt, immer tiefer aufgerissen in Zwecke und Interessen, immer auswegloser dem Bösen verstrickt, das sie nicht will und das sie doch tut: da gibt es kein Recht mehr, sich der Verpflichtung vorbildhafter Gemeinschaft zu entziehen. Nie bedurfte die Welt ihrer mehr als heute. Nie ist der Dienst an Götzen aller Arten grauenvoller als heute über eine Menschheit hereingebrochen, deren Selbstgefühl an Sicherheit und Unwahrhaftigkeit nie ihresgleichen gehabt hat. Hier wieder Bausteine zu fügen, hier wieder Dienst zu tun, hier wieder gläubig zu werden ist der Sinn all der unterirdischen Rufe, die von den versprengten Stellen einer aufgesprengten Welt je und je ertönen.

Eine gespaltene Gemeinschaft aber rettet nicht der Reformer, sondern der Revolutionär; nicht der Kritiker an der Form, sondern der Former an der Gestalt; nicht der sich Absondernde, sondern der zur Gläubigkeit Aufgeschlossene. Aber noch ist diese Gläubigkeit weglos, weil sie noch der Form entbehrt. Sie ist Religiosität, noch nicht Religion. Sie strebt darnach, wieder einen Gott in die Welt hineinzutragen; ihn aus einem Leben aufbauender Gemeinsamkeit herauszuschmieden; die Idee zu retten, nicht das 330 Ich. Es gibt keinen Zwang mehr im Judentum. Darum muß der Zwang aus neuer Freiwilligkeit wieder aufgebaut werden. Bindung bricht keine Freiheit, sondern richtet sie erst auf. An dem, woran einer in Wahrheit gebunden ist, zerbricht er nicht. Man zerbricht nur am Fremden und am Unvollendeten. Unser Frommsein wird von keinem Rituale mehr gebunden, und kein Ritus ist verpflichtend genug, das einzufangen, was wir als Glaube aus uns herausleben möchten. Erst wenn der Jude nicht nur zur Welt, sondern zum eigenen Bruder hin wieder Schicksal erlebt, kann es von neuem in uns aufbrennen, als ständen wir zum anderen Male am Sinai.

 

Ende

 


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