Josef Kastein
Uriel da Costa
Josef Kastein

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Erstes Kapitel

Von der Gesinnung

Rabbi Jochanan sprach: Jede Not, an der Jisrael und die Weltstämme teilhaben, ist eine Not; jede Not Jisraels allein ist keine Not.

Synagoge der portugiesischen Juden in Amsterdam (17. Jahrhundert)
Nach einem Stich von B. Picart

In dem großen, erregenden Kampfe, in dem die geistigen Kräfte der einbrechenden Neuzeit um die Gestaltung eines Weltbildes ringen, in dieser Kontroverse, die wir unzulänglich durch die Begriffe Reformation und Gegenreformation abgrenzen, spielt sich ein Sonderschicksal ab, ein unauffälliges, an den Rand gedrängtes, kaum über den eigenen Kreis hinaus beachtetes: das Schicksal des Uriel da Costa.

Wenn wir aber dieses Schicksal seiner privaten Sphäre entheben und die Quellen aufsuchen, wo sie aus dem Gestein des Lebens hervorbrechen, offenbart sich unvermutet eine beklemmende Allgemeingültigkeit. In ihr liegt eine bis in die Gegenwart reichende Schicksalsfrage des jüdischen Volkes beschlossen. Ist es gleich ein Sonderschicksal, so ist es dennoch ein allgemeines, denn es gibt kein Schicksal, zu dem nicht jedes Volk und jede Gemeinschaft berufen wären, wenn sie es nur demütig auf sich nehmen wollen. Es geschieht ja nichts Gleichgültiges in der Welt. Noch das geringste Tun und noch das mindeste Versäumen sind mit Folge und Wirkung bis an den Rand aller Zeiten beladen, und zum lebendigen Menschen und zur lebendigen Gemeinschaft dringen ohne Aufhören alle Anrufe des Geschehens. So sind sie ohne Ende der Welt und allem Leben in ihr verkettet.

Erst mit diesem Wissen um die Verkettung beginnt in Wahrheit das Leben des Menschen als eine Wiederholung des Schöpfungsaktes. Alle Lebewesen sind dem Dasein ausgeliefert; dem Menschen allein ist das Dasein anvertraut. Er hat die Wahl, es anzunehmen oder zu verwerfen. Es annehmen heißt: formend aus den Erkenntnissen des Geistes und den Bedürfnissen des Herzens in das Dasein hineinwirken. Es 10 verwerfen heißt: sich zum Nutznießer der Lebensäußerungen machen. Jener lebt aus der Gesinnung; dieser lebt aus dem Interesse. Zwischen ihnen besteht die Unvereinbarkeit, die zwischen Gesinnung und Interesse aus ihrer Natur her besteht.

Der Kampf der Menschen um die Formung des Weltbildes spielt sich immer wieder auf dieser Ebene ab: im Widerstreit von Gesinnung und Interesse. Die Feindschaft des Alltäglichen gegen die Anforderungen der Idee – die Beharrungskraft alles Bestehenden gegen das Drängen des Fortschreitenden – die Bösartigkeit alles Verneinenden gegen das Jasagen aus dem Menschlichen – Unrecht gegen Recht, Zwang gegen Freiheit, Krieg gegen Friede, Haß gegen Liebe: alles das sind Manifestationen des Ringens Gesinnung gegen Interesse. Selbst in die Religionen, deren edelste Bestimmung die Auflösung dieses Widerstreites ist, dringt er in dem Augenblick ein, in dem der Glaube sich zu seiner Verwirklichung im gelebten Alltag einer Institution bedient. Mit ihr wird ein neues Interesse aufgerichtet, und eines Tages ist die Idee ihre Sklavin.

Wo immer eine Gesinnung gegen ein Interesse steht, ist das Interesse im Unrecht, selbst da, wo es sich nur als Zweckdienlichkeit bekundet und der nackten Ichsucht entbehrt. Es ist das einzig Beglückende im vielfach sich wandelnden Angesicht der Welt, daß jeder Zeit – und schmücke sie sich noch so sehr mit tiefer Begründung ihrer Zwecke und Interessen – aus dem unsterblichen Bezirk her von der Idee und von der Gesinnung der Kampf angesagt wird. Der wahre Heroismus liegt hier, nicht dort; im Gesinnungsträger, nicht im Interessenvertreter; im geistig Zielstrebigen, nicht im König, nicht im Krieger, nicht im Politiker. 11

Das nobile officium der Gesinnung ist nicht, daß sie siegt, sondern daß sie sich bemüht. Das Siegenkönnen ist nur ihre Hoffnung. Wo aber diese Hoffnung nicht gegeben ist, entsteht die Tragödie der Gesinnung. Sie muß entstehen, wenn das Interesse, gegen das die Gesinnung kämpft, eine Haltung der Notwehr aus historischen und seelischen Gegebenheiten ist und selber in dieser Ausprägung schon wieder Gesinnung bildet.

Zu zwei Malen und für die Dauer vieler Jahrhunderte hat die Geschichte eine solche Nothaltung der Gesinnung erzeugt und aus ihr lebendigen Menschen ein Schicksal bereitet: in der über der christlichen Religion aufgebauten Kirche und im späten Judentum der Zerstreuung; dort als der Wille zur Wirkung, hier als der Wille zum Leben; dort verfangen in Machtkämpfen von erschreckendem Ausmaße, hier verharrend in einem gefährlichen Leerlauf des Herzens und des Geistes. Beide übten Zwang aus, wenn auch aus völlig verschiedener Entschließung und aus anderer Haltung des Geistes. Und beide stehen heute vor der Notwendigkeit, den Zwang durch eine neue Freiwilligkeit der Unterordnung, das heißt: durch eine neue Gesinnung abzulösen.

Für das Judentum wird der Grund zu einer Situation der zwingenden Ausschließlichkeit schon sehr früh gelegt; schon in dem Augenblick, in dem es zu seiner Umgebung in mehr als nachbarliche Beziehungen tritt, in Beziehungen nämlich, deren Sinn die Auseinandersetzung zwischen Kräften verschiedener Grade und Begabung ist. Ob die Begegnung sich mit Griechenland oder mit Rom oder mit dem Christentum oder mit den modernen, auf ihm beruhenden Begriffen von Staat, Nation, Kultur vollzog: immer 12 stand das Judentum einem Glauben, einem Machtanspruch, einer Gesinnung gegenüber, die den Sinn dieser jeweiligen Begegnung in ihrem Obsiegen und damit in der Überwindung so der Judenheit wie des Judentums erblickte. Kein Mittel der geistigen Beeinflussung und kein Mittel der Gewaltanwendung ist unversucht gelassen, dieses Ziel zu erreichen. Seit zwei Jahrtausenden gibt es kein Jahrhundert und kein Jahrzehnt, in dem das Judentum nicht irgend einem Vernichtungsanspruch gegenüberstand und in dem es seinen Willen zu Eigenexistenz und Selbsterhaltung nicht mit Opfern aller Grade hat bezahlen müssen. Es befindet sich seit zweitausend Jahren gegenüber einer Umwelt in der Haltung der Notwehr.

Das ist nicht Zufall, sondern tief begründet. Wo immer eine Begegnung zwischen Judentum und Welt sich schicksalhaft vollzog, stand es als geringste Minderheit, als Splitter zuweilen nur, den großen Ideenmächten und den großen Menschenmehrheiten gegenüber. In solchem Zusammentreffen liegt stets das Begehren der Mehrheit eingeschlossen, sich herrschend durchzusetzen, sei es mit dem Geiste, den sie vertritt, oder sei es nur mit dem Gewicht der Masse, die sie darstellt. Allen expansiven Ideen wohnt eine besondere Reizbarkeit inne. Der Geltungswille ist in sie eingetan. Fehlt ihnen der Sinn dafür, die Welt nach den Maßen der Gerechtigkeit aufzubauen, so greifen sie zur Gewalt, um nur herrschen zu können. Sie machen aus der Herrschaft ein Heiligtum. Wenn einer nicht in ihm beten will, wenn einer sich ihrem Gottesdienst oder ihrem Götzendienst hartnäckig und gegen jede Lockung und Gewalt versagt, so neigen sie dazu, sich ihren seelischen Ausgleich im Angriff, im Haß, im übersteigerten Selbstbewußtsein zu 13 verschaffen. Eben das ist die Situation, die das Judentum an allen Orten und zu allen Zeiten vorfand. Es versagte sich Erkenntnissen, Denkformen, Lebensweisen und Glaubensarten, die nicht die seinigen waren. Es bestand mit einer Beharrlichkeit, die in der Geschichte ohne Beispiel ist, darauf, seine Existenz mit seinen Inhalten zu leben; durch Erfüllung und Versagen, in Aufstieg und Entartung, in Produktivität und Erstarrung seine ihm eingeborene Idee zu verwirklichen. Es war in diesem Willen und jeder seiner Äußerungsformen so ausgeprägt, daß es nicht übersehen werden konnte. Und die Inhalte seines Denkens und Bestrebens waren solche, die die ganze Welt angingen und an denen sie folglich nicht unachtsam vorübergehen konnte. Sie war gezwungen und ist noch heute gezwungen, sich mit ihnen auseinander zu setzen. Es ist eine verzögerte Auseinandersetzung, weil sie immer von neuem geglaubt hat, sich ihr durch die Anwendung ihrer Machtmittel entziehen zu können.

Von da her hat dann das Judentum für seinen Beharrungswillen Lebensbedingungen von einer Härte geerntet, die nur der in Schwere und Nachwirkung würdigen kann, der von dem Geschichtsablauf des jüdischen Volkes Kenntnis zu nehmen bereit ist. Es war nicht nur ein Volk, das in allen Grundbegriffen – im Begriff der Zeit und im Begriff der Ewigkeit, im Begriff Erde und im Begriff Himmel – keine schöpferische Berührung mit seiner Umwelt hatte und folglich den Fluch der Fremdheit trug, es war auch das einzige Volk auf der Welt, das durch seine Zerstreuung jeder Macht preisgegeben war, das keine gesicherte und bergende Heimat besaß; das einzige Volk, hinter dem kein Staat und keine materielle Gewalt als Schutz und 14 Rückenhalt standen, und für das kein Mahner und kein Rächer, keine Religion und keine Menschlichkeit sich erhoben, wenn an ihm Mord und Totschlag bis in die Millionenziffer begangen wurden. Die unerschöpfliche Kraft, dennoch diese Lebensbedingungen zu ertragen, mußte es immer neu aus sich selbst und aus keiner Teilnahme der Welt gebären. Sie floß ihm zu aus dem Glauben an die religiöse Bedeutung und Bestimmung des jüdischen Volkes. Ihr Existenzproblem als Volk war ein Problem der Gesinnung.

Sehr weit zurück gehen Ursprung und Inhalt dieser Gesinnung. Sie waren schon in dem Augenblick begründet, da die jisraelitischen Stämme als die Ersten den Monotheismus begriffen und sich, indem sie daraus letzte Folgerungen zogen, zu einem Dasein unter den Formen der Theokratie entschlossen. Das bedeutete die Begründung einer menschlichen Gemeinschaft, die von niemandem regiert wurde als von dem Gott, den sie begriffen hatte, und durch nichts reguliert als die Verpflichtung zu sittlichem Wandel, zu sinnerfüllter Mit-Mensch-Beziehung. In ihrem Bündnis mit Gott lag die höchste Entschließung begründet: die Unterordnung in Freiwilligkeit. Mit dem Versuch, diese Idee im Leben und unter allen Lebensbedingungen zu realisieren, traten sie schon zu allem Anfang in einen unauflösbaren Gegensatz zur gesamten heidnischen Welt. Mit einer Idee in das Leben entlassen, die nach Sinngebung und Potenz dazu angetan war, die Menschen der ganzen Welt zu umfassen, stand doch die Menschheit der ganzen Welt gegen sie und ihr religiöses Postulat in stummer und in tätiger Abwehr. Das Anders-Sein und die Anders-Artigkeit wurden zu Kennzeichen der Jisraeliten. 15

Es konnte nicht genügen, sich mit dieser Andersartigkeit nur abzufinden. Damit sie nicht zu unfruchtbarer Fremdheit erstarrte, sondern als Vorbild und Verpflichtung empfunden wurde, mußte sie zu einer Bewußtheit umgeformt werden. In dem Schicksal des Reiches Samaria, in dem Untergang der Zehn Stämme, des größten Teiles des jüdischen Volkes, erkannten sie eine harte und eindringliche Mahnung. Dieser Teil des Volkes hatte unter den Lockungen phönizischer Kultur und babylonischer Glaubensart das Bewußtsein der Andersartigkeit gewaltsam in sich ausgelöscht. Dieser gefällige Wille, nicht mehr und nichts anderes zu sein als die Welt ringsum, hatte die Vernichtung nicht nur der Sonderart, sondern der Existenz überhaupt im Gefolge gehabt. Die Zehn Stämme gingen nicht unter, weil die Umwelt stärker war, sondern weil ihnen die Entscheidungsfähigkeit verloren ging. Aber selbst wenn sie sich nicht spurlos im Unbekannten verloren hätten, wären ihr Untergang und Tod schon dadurch besiegelt gewesen, daß ihr Unwille zur Sonderung ihnen die Möglichkeit aus den Händen wand, noch fernerhin eine Idee in das Leben hineinzutragen. Vor der Verpflichtung, sich gegen jeden Widerstand als Ideenträger zu behaupten, flüchteten sie in das unverpflichtende Behagen der Angleichung. Sie opferten die Gesinnung dem Interesse. Sie sind daran zugrunde gegangen.

Der Rest des Volkes hat aus diesem Schicksal die Folge gezogen. Er hat selbst in der harten Prüfung des babylonischen Exils, als alle äußeren Voraussetzungen für seinen Untergang gegeben waren, nicht aufhören wollen, im Umkreis eigener Ideen ein Sonderleben zu führen. In immer erneuten Sublimierungen rief die Prophetie ihnen ihre Sinngebung ins 16 Bewußtsein. Mit Trotz und Sehnsucht erzwangen sie ihre Heimkehr nach Judäa zu einem neuen Versuch der Lebensgestaltung. Es geschah mit einem Sonderungswillen, der nicht gegen die Welt, sondern auf die Welt hin gerichtet war, denn sie hatten inzwischen ihren Gott als den Gott des Universums begriffen. Aber vor einer Welt, die tausend Göttern aus tausend ungeformten Trieben diente, konnten sie nur bestehen mit der hartnäckigen Ausschließlichkeit des Eigenbekenntnisses, mit der Unbedingtheit auch im kleinsten Ding und im kleinsten Bezirk des Tages. So mußten sie mit dem Willen zu Ausschließlichkeit und Sonderung zugleich das Element der Disziplinierung in sich aufnehmen. Was hierzu nötigte, war nicht der Glaube. Der Glaube war so unstarr und so in Übereinstimmung mit dem Leben, daß er nicht einmal ein Dogma erzeugen konnte. Der Glaube war schon so tiefes Bluterbe, daß es nicht notwendig war, seine Existenz künstlich zu sichern. Was gesichert werden mußte, war die Verwirklichung des Glaubens, das Tun, das Verhalten, das ein Ergebnis der Gesinnung und in seiner Auswirkung zugleich wieder Quell der Gesinnung ist. Folglich bezog sich die Disziplinierung auf das besondere Verhalten zum Leben und zu den einzelnen Lebensbeziehungen und damit, der religiösen Bedeutung gemäß, auf Gott.

Die äußere Form, in der sich diese Disziplinierung vollzog, war die Nomokratie. Sie übernahmen die Thora als Staatsverfassung und das Gesamt ihres Inhaltes als Norm für alle Lebensbeziehungen, alle Rechtsverhältnisse, alle Formen des Alltags und alle Riten des Dienstes vor Gott. Thora heißt: Weisung. Sie nahmen diese Weisungen als Grundgesetz und ausschließliches Recht zugleich. Neben ihnen gab es keine 17 subsidiäre Norm; und wenn die Lebensbeziehungen sich verdichteten und komplizierten, wenn sie aus sich selbst oder aus der Berührung mit der Umwelt neue Tatbestände zeitigten, die nicht oder nicht so unter eine »Weisung« zu subsumieren waren, so fanden sie ihre verpflichtende Regelung aus Analogieschlüssen oder sonstigen Auslegungsregeln. Es wurde alles so geformt und geordnet, als ob es in der Thora stände. Dieses »als ob« bezeichnet die echte, die produktive Fiktion. Es wuchs in diesem Umkreis eine Fülle von Regeln des Verhaltens, die im Ursprung nicht »Weisungen« waren und die doch an verpflichtender Kraft, das heißt: an Heiligkeit auf die Ebene der Weisungen gerückt wurden.

Zu dieser Fiktion der Normen trat an dem entscheidenden Wendepunkt der jüdischen Geschichte die grandiose Fiktion des gesamten Tatbestandes ihrer Existenz. Die großen Gewalten der Welt, mit Griechenland im Beginn, Rom in der Fortsetzung und dem Christentum in der Beschließung rannten gegen das kleine Land Judäa mit seinem kleinen Volke an. Griechenland verlangte die kulturelle Assimilation, Rom die politische Subordination und das Christentum den Wechsel des Glaubens, also den weitgehendsten Verzicht auf seine seelische Existenz. Den aktiven und den passiven, den kriegerischen und den geistigen Widerstand gegen diese Anforderungen, die sämtlich illegitim waren, bezahlte das jüdische Volk mit der Zertrümmerung seines Staatswesens, dem Verlust seiner historischen Heimat und der Versprengung über die ganze bewohnte Erde.

Das Judentum als Ideenträger nahm von diesem mörderischen Geschick nur in zwei Punkten wirklich Notiz: in der verschärften Herausarbeitung ihrer 18 Grundlehren zur vermehrten Abgrenzung gegen den geistigen, insbesondere den dogmatischen Fundus der Umgebung, und in der Weiterführung und dem vertieften Erlebnis der messianischen Idee. Alles jüdische Leben wandte sich nach innen und diente letztlich dem einen Gedanken, in dem Vergangenheit und Zukunft eingefangen waren. Die Juden lebten in die Zukunft hinein mit dem Ziele, den Anschluß an ihre Vergangenheit wieder zu erreichen. Was immer an Leben und Lebensbedingungen über sie hereinbrach, was immer an soziologischen Gründen aufstand – und was für andere Gemeinschaften geschichtsbildend wirken konnte – erledigten sie in den Formen des Kompromisses. Der ideologische Unterbau, nicht der ideologische Überbau entschied über das Verhältnis zur Welt. Im Grunde genommen ignorierten sie die Gegenwart. Darüber vergaßen sie zuweilen, gegenwärtig und vorbildhaft zu leben. Sie standen vor dem verschlossenen Tore des Einst und lebten so, »als ob« es ihnen jeden Tag wieder geöffnet werden könne. Ihre Gesinnung zwang sie, provisorisch zu leben – so wie ihnen die Umwelt nur ein provisorisches Dasein, ein Vegetieren auf Widerruf gestattete.

Es ist scheinbar ein Widerspruch, in Wahrheit aber höchste Folgerichtigkeit, wenn dieses provisorische Dasein überladen wurde mit Glaubenssätzen und Verhaltensregeln, denen man das Gepräge der Endgültigkeit verlieh. Das Gegengewicht des Provisorischen war ja gerade die große Fiktion, daß sie ihr Dasein von einst fortsetzten, als imaginäres Volk in einem imaginären Gottesstaate, mit den Bedingungen von einst, mit dem Herauswachsen ihrer gesamten Lebensordnung aus der einstigen Entschließung, ein Leben 19 gemäß den Weisungen der Thora zu führen. Alles, was sie taten, dachten, ordneten und entschieden, bezogen sie auf das Damals, auf den Beginn ihres Daseins unter der Theokratie. Und wie jener Augenblick einen Akt der heiligen Unterwerfung darstellte, wurden alles Tun und alle Regeln des Tuns der gleichen Heiligkeit teilhaftig; wurde alles auf den Anfang zurückbezogen, wurde alle menschliche Entschließung aus den frühesten religiösen Offenbarungen abgeleitet. Sie verwischten die historischen Stadien ihrer religiösen Entwicklung aus dem überstarken Bedürfnis, sich ganz rückwärts, ganz in den ersten Anfängen geborgen und gesichert zu wissen. Sie hatten selten eine schöpferische Gegenwart; darum verbanden sie sich in allem, was sie in der Zeit taten, einer Überlieferung, von der sie glaubten und behaupteten, sie gehe bis auf Mosche zurück, der sie von Gott selbst empfangen habe. Nur dadurch konnten sie ein ungarantiertes Dasein zu einer im Glauben verankerten Wirklichkeit machen. Für diese Wirklichkeit des Glaubens haben sie Hunderttausende von Märtyrern gestellt. Es waren Opfer der Gesinnung.

Die Welt um sie her mochte tun und denken, was sie wollte; es mochten die höchsten Erkenntnisse an ihre verriegelten Tore pochen; es mochte in ihrem eigenen Bezirk die große Kontroverse zwischen Vernunft und Glaube entbrennen; es mochte ihr verängstetes und immer heimatloser werdendes religiöses Sehnen sich in der Kabbala seine Formung suchen: sie klammerten sich an die Tradition als das Endgültige und Unerschütterliche. Sie gaben nicht ein Jota davon her. Sie verteidigten sie gegen jeden Verneiner und jeden Zweifler, denn sie allein war das Gebälk, das ihre morsche Wohnung in fremder Umwelt noch trug. 20 Sie unterwarfen alle, die in ihre Reihen gehörten, einer unerbittlichen Disziplin; sie uniformierten über die ganze Erde hin ihr Tun und ihr Verhalten; und aus der Lebensangst, man könne ihnen die Heiligkeit ihrer Tradition und damit die Verankerung ihres Daseins antasten, schleuderten sie immer wieder den Bann, die Ausstoßung aus der Gemeinschaft, ohne Erbarmen gegen jeden Widerstrebenden. Gegen jede Gesinnung, und sei sie noch so edel gewesen, stemmten sie das Interesse an der Erhaltung ihrer Lebenssicherungen. Sie sündigten wider den Sünder. Sie waren im Recht gegenüber dem, der im Recht war.

Es gab für jeden Widerstrebenden in solcher seelischen Zwangslage nur zwei Möglichkeiten der Auflösung: die Flucht aus der Gemeinschaft oder das Zerbrechen in der tragischen Vereinzelung. Jenen Weg ging Baruch de Spinoza; diesen Weg wurde Uriel da Costa getrieben. 21

 


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