Josef Kastein
Uriel da Costa
Josef Kastein

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Zweites Kapitel

Die Welt des Nichts

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und müssen brennen.

                Evangelium des Johannes 15, 6.

Im Portugal des ausgehenden sechzehnten Jahrhunderts, in der Stadt Oporto, der Hauptstadt der Provinz Entre Doiro e Minho, lebt der Edelmann Bento da Costa. Er unterscheidet sich in Haltung, Gebaren und Lebensführung in nichts von den portugiesischen Edelleuten seiner Zeit. Er ist, wie sie, sehr darauf bedacht, seinen Rang und seinen Stand entsprechend zu betonen. Das imaginäre Gut der persönlichen Ehre, diese liebenswürdige Überschätzung der Manneswürde und äußeren Unabhängigkeit, hält er sehr hoch. Er liebt es, seinem Hause einen großen Zuschnitt zu geben und hält sich Dienerschaft und einen Reitstall. Er selber ist ein Meister im Sattel und legt Gewicht darauf, daß auch seine Kinder sich in den weltlichen Künsten üben, die den Edlen vom gemeinen Volke unterscheiden.

Aber auch dem, was jenseits des Weltlichen liegt, der Religion, bringt er tiefste Achtung entgegen. Er ist im Sinne seiner Zeit strenggläubig. Das heißt: er ist ein überzeugter und gehorsamer Sohn der katholischen Kirche. Allen seinen Kindern – er hat fünf Söhne und eine Tochter – läßt er die religiöse Erziehung zuteil werden, wie sie den Abkömmlingen eines strenggläubigen portugiesischen Edelmannes gebührt. Eines der Kinder, den Sohn Gabriel, gibt er sogar zu Unterweisung und Studium dahin, wo die katholische Art des Denkens, Forschens und Glaubens ihren prägnantesten Ausdruck gefunden hat: in die Institute der Jesuiten.

Es wäre demnach ein Mann wie Bento da Costa in nichts als etwas Besonderes zu werten, da er so ganz in den Rahmen seiner Umwelt nach Art und Glaube eingefügt ist. Aber das Selbstverständliche, das in 24 ihm zum Ausdruck kommt, ist in Wirklichkeit ein Phänomen, das über einem Abgrund von Blut und Leid erwachsen ist. Dieser Bento da Costa ist zwar strenggläubiger Katholik, aber alle Namen in seiner Familie sind alttestamentlich. Sara heißt seine Frau; Gabriel, Aaron, Mardochai, Abraham und Joßef heißen seine Söhne. Er ist zwar portugiesischer Edelmann, aber kein Tropfen portugiesischen Blutes fließt in seinen Adern. Er ist zu Welt und Glaube gewandt wie jeder andere seiner Standesgenossen; aber seine Vorfahren kannten anderen Adel als den zu Pferde und mit einem hypertrophierten Begriff von äußerer Ehre; und seine Vorfahren haben für den Widerstand gegen das, was er glaubt, immer wieder opfernd ihr Dasein eingesetzt. Der katholische Edelmann Bento da Costa ist rassenreiner Jude, der daran glaubt, daß durch Christus die Erlösung der sündigen Menschheit in die Welt gekommen sei, und daß die Kirche, seine Kirche, gegen jeden, der das nicht glauben will, den »heilsamen Zwang« ausüben dürfe. Neben ihm und in seiner Blickweite vollziehen sich viele Male an Menschen seines Herkommens und seines Schicksals die Urteile der »Heiligen Inquisition«.

Ein Renegat also? Ein Abtrünniger? Nein, sondern Mitspieler in einer historischen Tragödie, die im Erhabenen und im Grauenhaften einmalig ist. Er ist einer der letzten sichtbaren Exponenten der Geschichte der Juden in Spanien. Ihr muß zuvor in kurzen Zügen nachgegangen werden, um das Fundament des Schicksals zu legen, das hier umschrieben werden soll.

Die spanische Halbinsel war eines der ältesten Siedlungsgebiete des jüdischen Volkes. Friedlich lebten dort, schon seit dem ersten Jahrhundert der heutigen 25 Zeitrechnung, Heiden und Juden nebeneinander, in der Verständigung, die zwischen Menschen verschiedenen Glaubens möglich ist, wenn sie einander nur aus dem Menschlichen her begreifen wollen. Es scheint, als ob die Juden – hier wie überall – auf die Denk- und Glaubensart der heidnischen Umgebung nicht ohne Einfluß geblieben wären. Was lag auch näher, als daß die klare, streng gefügte Welt des jüdischen Monotheismus einer Heidenwelt, deren Göttergefüge mitten im Zerbrechen war, den Ausweg aus dem Chaos unverpflichtenden Glaubens hätte zeigen können? Aber diese selbe Welt des jüdischen Monotheismus hatte auch schon eine Religionsform aus sich entlassen, die den Anspruch erhob, eine Überwindung und Übersteigerung des Judentums zu sein, und die dieses Mehrsein so hoch bewertete, daß sie daraus den weiteren Anspruch ableiten konnte, als die endgültige Religion sich die ganze Welt untertänig zu machen: das Christentum. In der Konsequenz dieser Idee, und noch ehe der Übertritt Konstantins dem neuen Glauben die verhängnisvolle Waffe der Staatlichkeit in die Hand gab, setzte das Christentum hier, auf der spanischen Halbinsel, mit seiner Propaganda und zugleich mit einem zielbewußten Angriff gegen die jüdische Bevölkerung ein.

Dieser Vorgang ist verständlich. Spanien war – so gut wie jedes andere heidnische Land – sowohl für den Juden wie für die christliche Kirche Interessengebiet; für den heimatlosen Juden als Lebensraum, für die Kirche als Wirkungsraum; für den Juden mit der passiven Eindringlichkeit seiner Art und seines Glaubens, für die Kirche mit dem aktiven Eroberungswillen. Diese verschiedenen Interessen haben zwar, ihrer Natur nach, nichts miteinander zu schaffen und 26 müssen keineswegs miteinander kollidieren; aber die sehr frühzeitige Aufteilung der christlichen Glaubenswelt in Herrschaftsgebiete, das Herauswachsen der Kirche aus der Religion, also die Entstehung einer Institution, die an ihrer eigenen Existenz interessiert ist, zwang sie dazu, sich gegen jedes andere Interesse durchzusetzen, und sei dieses Interesse auch nur ein Leben in Frieden und Absonderung, ein aus altem Glauben her sinnbegabtes Leben. Aus solcher Situation ergab sich, daß nicht Judentum und Christentum einander bekämpften, sondern daß die christliche Kirche den Juden angriff, wo immer sie ihn traf.

Solange der neue Glaube noch auf die Propaganda durch das Wort und auf die friedliche Bekehrung verwiesen war, mußten sich die spanischen Bischöfe darauf beschränken, den Neophyten Anweisungen für eine strenge Absonderung von den Juden zu geben. Aber als das Christentum Staatsreligion des römischen Weltreiches geworden war, fiel diese Beschränkung auf die Zerstörung des nachbarlichen Vertrauens fort. Sogleich sind religiöse Tatbestände da, für deren Existenz an dem Juden Rache genommen werden muß: die Kreuzigung Christi, der Tod des Märtyrers Stephanus, oder was sonst ein überschnell entfachter religiöser Fanatismus an Gründen finden mochte. Es gab unter diesen Gründen einen, der nie erwähnt wurde, und der doch der einzige war, der die christliche Kirche dazu zwang, unmenschlich und barbarisch zu verfahren, selbst wenn nicht in ihr – wie in jeder Erobererreligion – die gefährliche Möglichkeit dazu gelegen hätte. Dieses ist der Grund: in jedem Lande, das die Kirche friedlich oder im Gefolge des Schwertes eroberte, standen immer und allein die Juden abseits. Sie allein verweigerten dem 27 Christentum die Anerkennung. Sie waren überall der lebendige Gegenbeweis gegen den Anspruch der Kirche auf Weltherrschaft. Weltbeherrschung, Suprematie über alle Menschen und alle Lebensverhältnisse war aber der Sinn des emporwachsenden Papsttums. Weltbeherrschung war der Sinn der klerikalen Hierarchie, die sich über die Erde spannte. Die Kirche und ihre Organe durften nicht dulden, daß überall eine Minderheit ihren Machtanspruch als illegitim erklärte. Sie mußten solchen Widerstand beseitigen, um ihrer eigenen Bedeutung willen und um ihrer neuen Bekenner willen, denen man nicht die Ausschließlichkeit des neuen Glaubens predigen und gleichzeitig Andersgläubige friedlich als Nachbarn belassen konnte.

So bekamen die Judenverfolgungen als kirchenpolitische Notwendigkeit ihre Systematik und Zwangsläufigkeit. Die Varianten ergaben sich aus den jeweiligen politischen Verhältnissen des Bezirks. In Spanien entwickelten sich die Verhältnisse für die Kirche besonders günstig. Dort hatten im 5. Jahrhundert die Westgoten, von Gallien her eindringend, ihre Herrschaft aufgerichtet. Aber sie waren Christen arianischer Richtung, also Gegner des im unterworfenen Lande herrschenden Katholizismus. Diese Gegensätzlichkeit stand dem Prozeß der Durchdringung und Amalgamierung hindernd im Wege. Da aber die westgotische Eroberung, im Gegensatz zur ostgotischen, auf eine dauernde Etablierung gerichtet war, war es ein Akt politischer Einsicht, daß Reckared I. (586 – 601) sich zur römischen Universalkirche bekannte. Damit entfiel nicht nur der Widerstand der Bevölkerung gegen die an sich humane westgotische Herrschaft, sondern es wurde auch der 28 Klerus für die nationalpolitischen Ansprüche der Herrscher gewonnen. Die Interessen von Staat und Kirche trafen und ergänzten sich jetzt. Was die Religion erstrebte, diente auch dem Regiment. Jene wollte die Einheit des Glaubens, dieses die Einheit der Untertanen; jene stellte die ideale Forderung, dieses die Gewaltmittel zu ihrer Durchführung. Opfer dieses Einheitswillens waren alle Andersgläubigen, insbesondere die Juden. Die Andersartigkeit der Rasse, der geistigen Anlage, der religiösen Reife und Begabung spielte dabei keine Rolle. Auf die Einheit des Bekenntnisses kam es an; und dieses Bekenntnis glaubte man erzwingen zu können.

Ein solcher Glaube war berechtigt, soweit es sich um religiös noch undifferenzierte Menschen handelte. Die konnten nicht nur durch den staatlichen Zwang willens gemacht werden, sich zu etwas zu bekennen, was sie gestern noch nicht geglaubt hatten; für sie konnte auch jeder neue Glaube, sofern er nur eine Auflösung ihrer panisch verängsteten Götterwelt verhieß, zu einem wirklichen religiösen Erlebnis werden. Aber dem Juden gegenüber mußte der äußere so gut wie der innere Zwang versagen. Gegen den Zwang der Welten hatten sie Jahrhunderte lang gekämpft und in endlosen Kriegen und Revolten bis zum nationalen Paroxismus ihre äußere und innere Freiheit verteidigt. Kulturell konnte ihnen der halbbarbarische Westgote, der sich selber im steigenden Maße romanisieren und dabei sogar den Verlust der eigenen Sprache in Kauf nehmen mußte, nichts bieten. Für sie bestand auch kein religiöses Problem, zu dessen Auflösung sie der Hilfe des Christentums bedurft hätten; und als Erben einer tausendjährigen religiösen Tradition verspürten sie keine innere Notwendigkeit, den Glauben ihres 29 Wachstums zu verraten. Sie erkannten die paulinische Behauptung, das Christentum sei zur Auflösung und Ablösung des Judentums bestimmt, nicht an. Aber da sie nicht mehr kämpfen konnten, blieb ihnen nichts übrig, als zu beharren, zu dulden, zu sterben und sich zuweilen durch Bestechung eine Atempause zu erkaufen.

Die Aktion begann mit der Übernahme der Kirchenkanons, die schon in Italien in Geltung waren: Verbot der Mischehen, Ausschließung der Juden von Ämtern, die ihnen Autorität über Christen verliehen hätten, und das Verbot, christliche Sklaven zuhalten. Das erste Verbot bezweckte die Absonderung, das zweite die Diffamierung, das dritte die wirtschaftliche Pression. In einer Zeit, in der die Landwirtschaft und selbst das Handwerk nur mit gekauften Arbeitskräften zu betreiben war, bedeutete dieser Zwang zur Sklavenentlassung einen ungeheuren Schaden für den Juden; und er wurde ruinös durch die weitere Vorschrift, daß auch heidnische Sklaven, wenn sie zum Christentum übertraten, von ihrem jüdischen Herrn entlassen werden mußten. Und welcher heidnische Sklave hätte von dieser Möglichkeit der unentgeltlichen Befreiung nicht Gebrauch gemacht? Dieser wirtschaftliche Druck war aber nicht Selbstzweck, denn die Juden stellten – selbst für die westgotischen Könige erkennbar – ein überaus wichtiges Glied im sozialen Gefüge des Landes dar. Der Zweck war vielmehr, den Juden zu veranlassen, sich vor diesem wirtschaftlichen Nachteil in die Taufe zu retten. Vorteile aller Art wurden ihm für diesen Schritt in Aussicht gestellt.

Der Erfolg blieb aus. Der Jude blieb Jude und suchte sich mit der Benachteiligung abzufinden. Da stellte 30 der Westgote Sisebut (613) die Alternative: Taufe oder Auswanderung. Viele Juden wichen aus und wanderten nach Norden, in das Frankenreich und in den Süden, nach Nordafrika. Aber viele, die seit Generationen mit der spanischen Scholle verwachsen waren, bekannten sich dem Worte und der Gebärde nach zum Christentum. Mit dem geheimen Vorbehalt, innerlich keine Notiz davon nehmen zu wollen, wechselten sie in eine fremde Welt hinüber. Sie duckten sich und hofften, der Sturm werde vorübergehen.

Sie behielten scheinbar recht. Sie konnten sich schon unter dem nächsten König wieder zu ihrem Judentum bekennen. Aber das war nur die Atempause, die ihnen gegönnt war, ehe man die äußerste Vergewaltigung an ihnen verübte. Die kirchliche Macht hatte nur einen Augenblick versagt. Gleich darauf übernahm sie die Führung im Staate. Die Kirchenkonzile zu Toledo wurden in Wirklichkeit das Parlament, von dem aus der Glaube geordnet und das Land regiert wurden. Damit war zugleich der Weg frei für das klerikale Endziel, den Staat der Kirche unterzuordnen und in diesem Staate alle Untertanen zu Bekennern der einen Kirche zu zwingen.

Zwanzig Jahre nach der erpreßten Bekehrung und nachdem die Bekehrten schon ein Jahrzehnt lang dieses Joch abgeworfen hatten, zog das vierte Konzil zu Toledo die Frage vor sein Forum. Es entschied: Juden sollen fortan nicht mehr mit Gewalt zum Christentum bekehrt werden. Hat aber einer von ihnen die Taufe empfangen, freiwillig oder gezwungen, so ist ihm die Rückkehr zum Judentum verwehrt.

Damit werden Tausende von Juden wieder unter die Botmäßigkeit der Kirche gezwungen. Sie werden 31 überwacht, bespitzelt, bedroht, gestraft und erpreßt. Sie werden von den übrigen Juden isoliert. Kinder werden ihnen genommen und Klöstern und christlichen Familien zur Erziehung überwiesen. Sie werden wie Leibeigene ihren Bischöfen ausgeliefert. Sie führen eine doppelte Existenz; eine nach außen mit Kirchenbesuch und Lippendienst, eine nach innen mit dem geheimen Anhängen an den alten Glauben und die alten Bräuche. Und ehe sie es noch recht bedenken, sind viele von ihnen plötzlich Ketzer geworden, gegen die der Vorwurf des Judaisierens erhoben wird. Manche machen ihren Frieden mit einer Gewalt, die sie erdrückt, und überreichen dem König und den Bischöfen ein Placitum, ein Bußschreiben, in dem sie versichern, daß sie von jetzt an mit aller Treue und Sorgfalt dem neuen Glauben anhängen würden. Aber sie versprechen mehr, als sie halten können, und denen, die es halten können, wird das Versprechen nicht ohne Argwohn geglaubt. Denn das erkannten die religiösen Sieger wohl, daß sie es hier nicht mit Heiden, sondern mit Menschen einer bewußten und abgerundeten religiösen Individualität zu tun hatten; daß sich ihnen hier eine Summe geheimen Widerstandes entgegenstemmte und daß es schon längst nicht mehr um den Ausgleich von staatskirchlichem Anspruch und dem entsprechenden Gehorsam ging, sondern daß Kräfte sich miteinander maßen: Unterdrückung in Uniformierung gegen Freiheit in Sonderung, Gewalt gegen Beharrung, ein Interesse gegen eine Gesinnung. Darum konnte diese tragische Spannung ihre Fortsetzung nur in vermehrter Gewaltanwendung finden.

Sie durchlief alle Grade, und sie bekam ihre Verschärfung durch die Erkenntnis, daß die Juden, 32 zwangsgetauft oder nicht, doch eine einheitliche Masse des Fremden und des Widerstrebenden darstellten. Jeden neuen Hieb, jedes neue Dekret gegen die »gotteslästerliche Sekte«, gegen den »jüdischen Unglauben«, gegen die »jüdische Pest« beantworteten sie mit vermehrter wirtschaftlicher Anstrengung und vermehrter Auswanderung nach Nordafrika. Bis König Erwin (681) die jüdische Religion einfach verbot. Den Juden wurde unter schweren Strafandrohungen aufgegeben, sich binnen einem Jahre taufen zu lassen. Zwar scheiterte die Durchführung des Gesetzes an dem Widerstand der Lehnsherren, aber vermehrte Auswanderung war doch die Folge. Als die abschließende Manifestation des zusammenbrechenden Gotenreiches ergeht 694 das Dekret des 17. Konzils zu Toledo, das alle Juden Spaniens zu Leibeigenen des Königs erklärt.

Die Durchführung dieses Gesetzes wird verhindert durch das Eindringen der Araber von Nordafrika her. Die ausgewanderten und die noch verbliebenen Juden haben dieses Unternehmen moralisch und finanziell gestärkt. Sie liebten ihre Eigenart, ihren Glauben und ihre Zionshoffnung; aber sie liebten auch dieses Land. Darum kehrten auch die Vertriebenen als Eroberer mit den Erobernden dahin zurück.

Damit war eine Episode der jüdischen Geschichte Spaniens abgeschlossen. Trotz aller Tragik und aller Schrecknisse waren die Juden unberührt aus diesem ungleichen Kampf hervorgegangen. Noch waren sie imstande, Welt gegen Welt zu stellen. Sie duckten sich zuweilen, aber sie gaben nichts auf. Sie verwirklichten zum ersten Male das seelische Phänomen, um der Erhaltung einer Idee willen den Zwiespalt eines nach außen und nach innen gerichteten Daseins auf 33 sich zu nehmen. Aber trotzdem war in ihnen nichts gespalten und aufgeteilt. Ihre innere Welt war Angriffen ausgesetzt, aber sie war klar umrissen; ihr äußeres Dasein war ungarantiert, aber es hatte einen Sinn. Darum waren sie imstande, in der nun folgenden Epoche die aufgesparten schöpferischen Kräfte ihrer Art zu einer wundervollen Blüte zu entfalten. Die islamische Welt, in deren Nachbarschaft sie für die nächsten Jahrhunderte zu leben hatten, war expansiv, aggressiv und ausschließlich gleich der christlichen. Aber im Gegensatz zu ihr unterwarf sie, ohne zu bekehren. Als die Entwicklung ihrer Theologie eine Auseinandersetzung mit dem Judentum nötig machte, bediente sie sich im Grundsatz geistiger Waffen. Ihnen konnte das Judentum eine reiche exegetische und philosophische Abwehrliteratur gegenüberstellen. Über diese Anregung hinaus vermittelte der Islam ihm ungewollt ein großes Geschenk: er riß mit der Gewaltsamkeit seiner politischen Ausdehnung die Grenze zwischen Asien und Europa nieder, und innerhalb der neu gezogenen Grenzen stand plötzlich die Judenheit vom Euphrat bis an den Ebro miteinander in Kontakt. Die spanischen Juden waren nicht mehr isoliert. Ihre Welt war mit einem Schlage sehr groß geworden. Diese vergrößerte Welt bedeutete vermehrten Lebensraum, und sie erfüllten ihn mit einer Bereitwilligkeit und Intensität, die es vermochten, Spanien zum geistigen Zentrum der jüdischen Welt zu machen.

Diese Welt, deren reichste Entfaltung mit dem 10. Jahrhundert beginnt, ist von einer seltsamen Doppelschichtigkeit. In der Sekunde, in der zum äußeren Raum des Lebens auch der innere Lebensraum wieder gewonnen wird, genügt ihnen die Beharrung 34 in ihrer Welt der Absonderung nicht mehr. Sie versuchen vielmehr, ihre Sonderwelt in der großen Welt zu verwirklichen. Hatten sie doch seit Jahrhunderten schon den Anspruch erhoben, daß ihr Gott der Universalgott sei, und daß folglich ihre Art des Welt- und Gotterfahrens die Art aller Welt sein würde. Aber die Richtung, in der ihr Bemühen sich jetzt entfaltet, hat nichts mit jener Diktatur zu tun, die bislang an ihnen selbst erprobt wurde. Ihr Endziel ist nicht Unterjochung, sondern Harmonie; nicht die Prätention, ein Herrschaftsinteresse durchsetzen zu wollen, sondern den Möglichkeiten verschiedenartiger Gesinnungen zu einem Ausgleich zu verhelfen.

Das setzte voraus, daß sie ihren eigenen Bestand vorerst einer Prüfung unterzogen. Schon das Beispiel der islamischen Welt und die Auseinandersetzung mit ihr nötigten zu Kontrolle und Rechtfertigung der eigenen Grundlagen. Es entstand eine geistige Bewegung, die herkömmlich als »Aufklärung« bezeichnet wird. Aber es war nicht Aufklärung im seichten Sinne von Entzauberung und Verdinglichung, es bedeutete wirklich aufklären, aufhellen, das Verborgene sichtbar machen, das nochmalige Bewußtwerden, die nochmalige geistige Motivierung und damit die nochmalige Gestaltung ihrer Welt. Sie unterbauen die hebräische Sprache mit dem Fundament der Grammatik, sie legen an ihre heiligen Schriften den prüfenden Maßstab der Exegese, sie dichten vom Heiligen bis zum Profanen, sie überdenken den mystischen Kern und den ethischen Grundgehalt ihres Glaubens; sie gehen endlich mit dieser Summe sicherer Erfahrung hinter sich und aus der lebendigen Teilnahme an der Gestaltung und 35 Problematik der islamischen Kultur in jene Welt des Geistigen hinein, die allen Menschen gemeinsam sein kann: in die Welt des Wissens um Wesen und inneren Zusammenhang aller Dinge, in die Welt der Philosophie.

Es ist allen jüdischen Denkern dieser Zeit, so verschieden sie unter sich in Ausgangspunkt und Ziel sind, gemeinsam, daß sie sich brennend um eine Harmonie bemühen, sei es die zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos oder zwischen Ritus und Herzenspflichten oder zwischen Offenbarungsglauben und Rationalismus, oder im weitesten Umfange: zwischen ihrem Judentum der Tradition und Offenbarung und einem der großen Denksysteme, dem Neuplatonismus oder dem Aristotelismus. Sie suchen nach überall hin Analogien und Übereinstimmungen. Die jüdischen Religionsphilosophen, zusammen mit den arabischen, entdecken den in Vergessenheit geratenen Aristoteles von neuem und geben so erst der christlichen Scholastik die Möglichkeit, sich nach rückwärts, in der griechischen Philosophie, für Jahrhunderte und mit folgenreichster Wirkung für das geistige Schicksal der abendländischen Menschheit zu verankern.

Nicht auf den Inhalt dieses geistigen Schöpfertums im einzelnen kommt es an, sondern auf das Verständnis dafür, wie weit und gesichert diese Welt war. Das eben findet seinen Ausdruck in der Doppelschichtigkeit von Empfinden und Tun: sie bleiben vertieft in der jüdischen Welt haften und wirken doch in die allgemeine Welt hinein; sie leben in nationalen und denken in universalen Formen; sie verharren in der Tradition und orientieren sich an fortschrittlicher Wissenschaft und an griechischer und arabischer 36 Philosophie; sie organisieren ihre Gemeinschaft in abschließenden Formen und haben doch alle solche Sehnsucht nach der Erlösung ihres Volkes, daß aus diesem Gefühl Dichter von Weltgröße entstehen können. Sie bilden nicht einen Staat im Staate, sondern eine Welt in der Welt.

Nun war es seit je ihr Schicksal gewesen, daß die Welt, die sie verwirklichen wollten, zu der Welt, die um sie her verwirklicht war, in schwerer Gegensätzlichkeit stand. Durch ihre erneute Hinwendung zur Philosophie bereitete sich eine neue Kontroverse vor, eine Auseinandersetzung, die keiner geistigen und keiner religiösen Gemeinschaft auf dem Wege ihrer Entwicklung erspart geblieben ist: die Frage, wie Glaube und Denken, Religion und Vernunft, Offenbarung und Philosophie zueinander stehen; ob einem der Vorrang vor dem anderen gebühre oder ob man eine Synthese aus beiden gestalten könne. Die jüdischen Philosophen weichen dieser Fragestellung nicht aus. Mit sehr bedeutenden Leistungen nehmen sie für die eine oder andere Lösung Partei. Aber wichtiger als die Leistung ist auch hier wieder ihr Sinn, nämlich daß sie beginnen, die Welt ihrer Tradition und Offenbarung in Zweifel zu ziehen. Es ist hier keineswegs der verneinende Zweifel, sondern der positive, der Zweifel des Fortschritts. Er muß auf dem Höhepunkte einer geistigen Entwicklung als Abschätzung der Kräfte für die Erreichung eines weiteren Höhepunktes notwendig erstehen. So wird ihr geistiger Bezirk jetzt die Welt, in der geprüft wird.

Es ist nichts darüber auszusagen, zu welchem Ergebnis und zu welcher Veränderung des jüdischen Weltbildes diese Prüfung geführt hätte, denn sie konnte nicht abgeschlossen werden. Wieder rückte 37 die große Welt gegen sie an und drückte ihr blühendes Dasein zu einer nackten Existenzfrage herab. Vor einem erneuten und massierten Angriff der christlichen Welt müssen die Juden den Rückzug antreten, um sich wieder in ihre gesicherte, wenn auch abgesperrte Welt zu retten. Einem Teil gelingt es; ein anderer wird von brutalen Kräften in die Welt des Nichts geschleudert und verwirklicht dort endgültig das seelische Phänomen, das sie schon unter den Westgoten gestreift hatte: das Marranentum.

Die Tragödie beginnt mit einer Veränderung der politischen Lage. Der Islam, immer noch in der Bewegtheit seiner dogmatischen Wandlungen, rückt von Afrika her mit seinen orthodoxesten Vertretern, den Almohaden, um die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts in Spanien ein. Auch sie sehen in der erzwungenen Einheit des Bekenntnisses ein erstrebenswertes Ziel, und von neuem entlädt sich ein Bekehrungswille gegen die Juden. Sie beginnen auszuweichen, freiwillig und gerufen; gerufen von den christlichen Kleinstaaten im Norden Spaniens: Kastilien, Aragonien, Navarra, den Nachfahren der Westgoten. Sie suchen jetzt den Juden, seine Zahl, sein Geld, seine politischen und wirtschaftlichen Fähigkeiten, um in ihm einen Bundesgenossen gegen den Muselmanen zu haben. Es gelingt ihnen. Schon mit dem Beginn des 13. Jahrhunderts ist der Sieg des christlichen Nordens über den arabischen Süden im Prinzip entschieden.

In diesen politischen Veränderungen erfüllte sich der letzte Vorstoß des islamischen Ostens in den christlichen Westen und der Gegenstoß der abendländischen Welt. Es ist eine Phase der Pendelbewegung, die seit je ihre Ausschläge zwischen Ost und West 38 vollzieht. Aber auf dem Wege dieser Pendelbewegung und mit dem Gegenstoß des christlichen Westens rücken auch die Kräfte vor, die den Inhalt dieser Welt bestimmen: das Weltbild des mittelalterlichen Menschen und die christliche Kirche; jenes als Inhalt, diese als Formgebung.

Erst allmählich erweist sich die Verschiedenheit des neuen Lebensraumes, in den die spanischen Juden nunmehr geraten sind. Es wiederholt sich die Zeit der westgotischen Barbaren, mit verfeinerten Mitteln und von einer geschlossenen Weltanschauung aus. Dem äußeren Scheine nach ist für den erneuten Angriff gegen die jüdische Welt der Klerus verantwortlich, der immer in die Fußstapfen der politischen Erfolge trat. Dem Wesen nach ist es aber die mittelalterliche Welt in ihrem Gesamt, in der höchsten Ausprägung als Theokratie, die sie erreichen konnte, und in der nationalen Klangfarbe gerade dieses Landes. Wenn jetzt in steigendem Maße die Dominikaner, die Schutztruppe des Papsttums, eine intensive Missionstätigkeit gegen Juden und Mauren entfalten, wenn schon die Inquisition mählich zu arbeiten beginnt, wenn gegen die jüdischen Diplomaten und Finanziers Sturm gelaufen wird, wenn die Stände vom Adel bis zum Bürger ihre wirtschaftlichen Interessen schärfer gegen den Juden abzugrenzen beginnen, wenn die Rabbiner immer wieder zu öffentlichen Diskussionen über die Wahrheit der Religionen herausgefordert werden – so sind das nur Belege dafür, daß diese allseitig geschlossene und von den Dogmen des katholischen Glaubens nach überall hin abgeriegelte und gesicherte Welt in diesem nationalen Rahmen sich der Fülle ihrer Macht nähert und sich gegen alles Widerstrebende und besonders gegen den Juden als 39 den am längsten Widerstrebenden durchsetzen will. Eine auf das Theologische zugestutzte Kontroverse verdeckt nur mangelhaft den erneuten Angriff einer Interessenwelt gegen eine Welt der Gesinnung.

Diese Welt, die da gegen den Juden anrückte, war in sich sehr stark. Sie bedeutete nicht eine zu gestaltende Wirklichkeit und wurde von keiner Wirklichkeit aus reguliert und geformt, sondern sie war eine zu empfangende und zu erduldende Tatsache des Glaubens. Folglich war eine Auseinandersetzung mit ihr nicht möglich. Die jüdische Denkform, die mitten in dem Versuch war, nicht nur für sich, sondern für die Welt schlechthin die Ideen von Glaube und Vernunft miteinander zu versöhnen, stieß auf einen Geist, der nicht einzusehen vermochte, daß seine Welt nicht die endgültige sei. Zwar war auch in ihrem Bezirk die Frage nach dem Verhältnis von Glaube zu Denken aufgetaucht (und die Werke des Arabers Averroës und der Juden Ibn Gabirol und Maimonides hatten einen erheblichen Anteil an der Orientierung der christlichen Scholastik), aber der Streit war für sie im Sinne des Thomas von Aquin dahin entschieden, daß die Philosophie »die Dienstmagd der Theologie« zu sein habe. Zwar war auch in dieser Welt der produktive Zweifel in den Bewegungen der Albigenser und Waldenser aufgetaucht, aber ein »innerer Kreuzzug« hatte ihn mit Strömen von Blut unterdrückt, und eine straffere Organisation der Weltgeistlichkeit, von Innocenz III. verwirklicht, hielt diese wieder geordnete Welt in enger hierarchischer Disziplin.

Der gleiche Vorgang der strafferen Disziplinierung setzt jetzt auch im Judentum wieder ein, wie es überhaupt kennzeichnend ist, daß hüben und drüben alles in der Parallelität der äußeren Erscheinung, aber in 40 der Divergenz der inneren Motivierung verläuft. Eine steigende Tendenz zur orthodoxen Verengung entsteht. Die Angst um die Existenz wird wieder sichtbar. In Frankreich, und besonders in Deutschland, wo die Metzeleien der Kreuzzüge dem Juden den entscheidenden seelischen Chok versetzt hatten, war längst keine andere Rettung mehr geblieben, als sich eng und gedrückt in den einzig unantastbaren Bezirk zurückzuziehen, in den der talmudischen und rabbinischen Gläubigkeit. Und während in Spanien die jüdische Philosophie gerade in aufbrechender Entfaltung ist, bildet sich hier schon das Gegengewicht in der Orthodoxie, vermehrt und gestärkt durch das Zuströmen von Rabbinern aus dem Bezirk des französischen und deutschen Martyriums. Und hier und gerade zu dieser Zeit tritt aus den Tiefen der religiösen Not die bislang verhaltene mystische Unterströmung der kabbalistischen Denkart und Erlebensweise spontaner an das Licht, und bildete – nicht in der Intention, aber in der Wirkung – ein gleichsam ergänzendes Gegengewicht gegen den Rabbinismus. Rabbiner oder Kabbalist: sie verstanden, daß ein Verhalten des philosophischen Denkens und der freien geistigen Entscheidung nicht gegenüber einer Welt möglich war, in die anders als durch die Taufe einzumünden unmöglich war. Sie begriffen darüber hinaus, daß der erneut einsetzende Angriff, wenn er das Judentum in dieser unvollendeten und nirgends einmündbaren Haltung der Philosophie, der Prüfung, des produktiven Zweifels traf, die gesamte jüdische Welt aus den Angeln heben mußte. Darum zogen sie sich mehr und mehr von Philosophie und freier Forschung zurück, ordneten die Vernunft dem Glauben an die Offenbarung unter, bargen sich in 41 Gesetzestreue und mystischem Erleben und fühlten sich so genügend gewappnet, dem erneuten Angriff standzuhalten.

Dieser Angriff bereitete sich schon mit dem ausgehenden 13. Jahrhundert vor durch örtliche Metzeleien fast in der ganzen von Juden bewohnten Welt, durch Hostien- und Ritualmordprozesse, immer wachsend in dem Maße, wie in der christlichen Welt die gelassene, starre Sicherheit des Weltbesitzes von steigender religiöser Unruhe abgelöst wurde. Gegen die Mitte des 14. Jahrhunderts entstehen dann, zusammen mit der Naturkatastrophe der Schwarzen Pest, die noch ungeformten und richtungslosen Explosionen einer seelischen Panik, wie sie im Flagellantentum einen sichtbaren Ausdruck findet. In Spanien umkleidet sich diese Unruhe mit wirtschaftlichen und politischen Argumenten. Von neuem taucht die westgotische Idee auf, daß die Einheit von Staat und Bekenntnis erzwungen werden müsse. Das durchschnittliche wirtschaftliche Prosperieren der Juden und der überragende Einfluß vereinzelter jüdischer Finanzleute bedeutete bei solcher Zielsetzung nicht Erfolg einer Leistung, sondern Gefährdung und Benachteiligung der christlichen Interessen. Zu ihrem Schutz und zur Säuberung des Landes von Juden und Mauren wird im Jahre 1391 der »Heilige Krieg« ausgerufen. Kastilien und Aragonien werden der Schauplatz der Ermordung und Zwangstaufe vieler Tausender von Juden. Viele, um der erzwungenen Taufe zu entgehen, verüben Selbstmord: viele, um der Erhaltung ihres Lebens willen, nehmen dem äußeren Scheine nach das Christentum auf sich. Sie hoffen, wenn der Terror sich gelegt hat, wieder Juden werden zu können. 42

Es wiederholt sich, was sich unter den Westgoten ereignete. Aber inzwischen sind mehr als 700 Jahre vergangen, die Herrschaft der Kirche ist ein unbestreitbares Faktum geworden, und keine Macht der Welt ist mehr am Schutz des Juden interessiert. In dem Augenblick, da er sich der Welt hingeben wollte, ist er ihr auf Gnade und Ungnade preisgegeben. Sie attackiert ihn weiter: durch wirtschaftliche Pressionen, die ihn arm machen und zur Auswanderung zwingen; durch organisierte Terrorakte, die weitere Tausende zur Taufe zwingen; durch die Predigt des »Heiligen Hasses«, die ihn zu einem verängsteten und unsteten Paria macht; durch Unterdrückung des jüdischen Schrifttums, um seinen geistigen Widerstand zu unterhöhlen. Nur für eine kurze Weile, gegen 1415, führt die Einsicht, welch schwerer Schade dem Lande durch dieses Vorgehen erwächst, zu einer Milderung des Druckes. Aber seine erneute Verschärfung ist unausweichlich, denn eine Situation, die nicht durch Wachstum geworden, sondern durch Macht erzwungen ist, kann nicht zu Ende gedeihen, ohne daß sie sich zunächst gegen ihren Urheber gerichtet habe.

So stand schon im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts das Problem der Zwangsbekehrten in aller Schärfe vor den Predigern des Heiligen Hasses und des Heiligen Krieges. Denn so wenig die christliche Welt imstande war, aus dem Nebeneinander christlicher, jüdischer und islamischer Kultur irgend eine produktive Folgerung zu ziehen, so wenig war sie imstande, aus den Zehntausenden erzwungener Bekenner ebensoviele freiwillige Gläubiger zu machen. Was den Westgoten nicht gelang, mußte ihr – und gar, nachdem das Judentum dieses Zwischenspiel einer schöpferischen Bewegung erlebt hatte – noch mehr mißlingen. 43

Gewiß: hier und da trennten sich zwangsbekehrte Juden mit aller Willigkeit von ihrem Ursprung und bemühten sich, die aufgezwungene Welt auch innerlich zu erfassen und zu vergessen, daß sie die Erbschaft von mehr als zwei Jahrtausenden jüdischen Denkens in sich trugen. Aber das war die Ausnahme. Die Mehrheit lebte mit dem geheimen Vorbehalt, der selbstverständlich ist in einer Situation, wo einer durch eine Symbolhandlung, die er nicht will, zu einem neuen Wesen umgewandelt werden soll. Denkformen sind nicht erzwingbar. Der Jude kann jüdisch oder universal denken, aber nicht katholisch. Der Jude hat im Christentum keine geistige oder seelische Möglichkeit, durch keinen Zeitablauf und durch keinen Generationenwechsel. Es gibt eine Preisgabe, einen Verzicht; aber es gibt keine Assimilation. Nur die an keinem Verständnis für die Kraft geistiger Bedingtheiten orientierte katholische Welt konnte glauben, mit der Aufzwingung ihres Bekenntnisses das Problem des widerstrebenden und religiös selbständigen Juden gelöst zu haben. Sie mußte jetzt ihren Irrtum erkennen. Sie begriff mit steigendem Entsetzen, daß die überwiegende Mehrheit dieser neuen Katholiken Juden geblieben war und daß sie sich – geheim oder sichtbar – zu jüdischer Art und jüdischem Brauch bekannte. Statt ein abgeschlossenes Werk vor sich zu haben, sah sich die Kirche nun erst vor einem Anfang. Statt ihre Hallen mit neuen Anhängern zu füllen, hatte sie nur neue Ketzer geschaffen. Sie war nicht gewillt, die Tatsache des Zwanges gegen sich gelten zu lassen. So wie der Akt der Ordination dem geweihten Priester die Rückkehr in die Welt der Laien für ewig verwehrt, schloß auch die Taufe, unter welchen Bedingungen immer sie erfolgt sein mochte, einen 44 nicht auflösbaren Ring um den Menschen. Fügte er sich diesem Ring nicht in allem, was es darin zu erfüllen gab, so wurde er ein religiöser Verbrecher, und der »heilbringende Zwang«, von der Folter aller Grade bis zum lebendig verbrannt werden auf dem Scheiterhaufen erwartete ihn als Strafe.

Zu dieser Haltung gesellte sich aus einem anderen Bezirk her ein Erstaunen und eine Überraschung, die von geschäftiger Agitation alsbald zur Grundlage einer Panikstimmung gemacht wurden. Viele der Neubekehrten waren gewillt, den neuen Umkreis, den man ihnen eröffnet hatte, nach Möglichkeit auszufüllen. Sie waren Christen geworden, hatten folglich Zugang zur christlichen Gesellschaft. Man hatte sie gerufen. Sie waren jetzt da. Sie erschienen bei Hofe, im Klerus und im Kreise der Adligen. Es gab nicht viele spanische Adelsfamilien, in die nicht das jüdische Blut der conversos eindrang. Sie prosperierten außerordentlich, denn ihre natürliche Begabung unterlag jetzt keinen äußeren Beschränkungen mehr. Gegenüber einem solchen Ergebnis enthüllt sich nunmehr die ganze Unfähigkeit dieser Umwelt, reale Tatbestände zu erfassen; denn mit einem wahren Paroxismus der Wut wehrte sie sich, von einer liberaleren Gruppe abgesehen, gegen dieses selbstverständliche Ergebnis, suchte sie die Christen, die sie Christen zu werden gezwungen hatte, wieder abzustoßen; wollte sie zwar die Handlung verantworten, aber nicht ihre Folgen auf sich nehmen. Um sich diesen Folgen zu entziehen, mußte sie von neuem zur Gewalt Zuflucht nehmen.

Fast ein Jahrhundert geht der Kampf mit seinen widersprechenden Zielen: die conversos, die heimlich das Judentum bekannten, der christlichen Welt 45 vollends einzufügen, und die conversos, die sich der christlichen Welt eingefügt hatten, wieder aus ihr zurückzudrängen. Das Mittel, das beide widerstreitenden Zwecke einheitlich umfassen konnte, war die Anklage wegen Ketzerei, wegen »Judaisierens«. Das Organ, das diese Anklagen entgegennahm und dessen Existenz auf solchen Anklagen wegen Ketzerei beruhte, war die »Heilige Inquisition«.

Die Inquisition in den Formen der bischöflichen Gerichte zwecks Bekämpfung der Häresie bestand längst, aber für seine Zwecke brauchte Spanien eine besondere, nationale Inquisition, deren vornehmste Aufgabe die Ausrottung der unzuverlässigen Katholiken, der Marranen sein sollte. Sie wurde ihm 1478 gewährt. Bald darauf beginnt in Sevilla das erste Tribunal zu arbeiten. Das Verfahren ist geheim. Eine offizielle Anklage ist nicht unbedingt erforderlich. Die gesamte Bevölkerung wird zur Mitwirkung herangezogen. Sie hat die Marranen zu denunzieren. Nach einem Katalog von siebenunddreißig Merkmalen wird festgestellt, ob ein Neuchrist des Judaisierens schuldig ist. Es ist nicht zu leugnen, daß in der Mehrheit der Fälle dieser Vorwurf zu Recht erhoben wurde. Von einem bündigen kriminalistischen Beweis kann dagegen kaum in einem einzigen Falle die Rede sein. Was zugunsten eines Angeklagten sprach, wurde als nicht überzeugend und vertrauenswürdig verworfen. Freisprechungen waren äußerst selten. Den letzten Beweis erbrachte die Folter. Sehr oft erbrachte er zugleich den Tod des Beschuldigten. Das Urteil wurde in einem Glaubensakt, Autodafé, verkündet und vollstreckt. Mit einem solchen Urteil war stets die Konfiskation des Vermögens verbunden. Es fiel in steigendem Maße der Inquisition zu.

Autodafé.
Nach dem Gemälde von P. Berruguete • Prado, Madrid

46 Tausende von Marranen, lebendige und im Wege der Gnade zuvor erdrosselte, aus den Gräbern wieder ausgescharrte und auf der Folter gestorbene, dazu die Bilder der Geflohenen verbrannten auf den Scheiterhaufen. In den Pausen zwischen den einzelnen Sessionen der Tribunale wurden Gnadenfristen gewährt, in denen die schuldigen Marranen freiwillig ihr religiöses Verbrechen bekennen und durch entsprechende Vermögensabgabe, Kerkerhaft und öffentliche Demütigung ihren Frieden mit dem neuen Glauben erkaufen konnten. Die Zahl der Opfer in den ersten 45 Jahren beträgt (nach de los Rios) 348.907, davon 28.540 wirklich und 16.520 in effigie verbrannt, während 303.847 als »Reuige« Strafen bis zu lebenslänglichem Kerker erhielten.

Es schien, als gebe es unter den Zwangsgetauften nicht einen einzigen wahrhaften Katholiken, sondern nur geheime Juden. Es fruchtete nichts, daß man die Bekehrten mit allen Mitteln des Zwanges und der Überwachung von den noch nicht Getauften fernhielt. Man mußte endlich erkennen, daß sie gerade an ihnen den stärksten seelischen und moralischen Rückhalt hatten. Schon wuchs die dritte Generation von Marranen heran, schon waren sie in Staatsämtern und kirchlichen Würden, aber immer noch hatte sich das Bewußtsein von dem geheimen Vorbehalt, der sich bei der erzwungenen Taufe in ihre Seele gebrannt hatte, als unzerstörbar erwiesen. Unter tausend Listen und in ständiger Lebensgefahr suchten sie die Fühlung mit der Welt, der man sie entrissen hatte, aufrecht zu erhalten. Im Verborgenen ließen sie ihre Kinder beschneiden, ließen sie sich über das jüdische Gesetz belehren, lernten sie jüdische Gebete, feierten sie Feste und flehten sie zu 47 ihrem Gott, und ihre größte Hoffnung war, daß sie eines Tages fliehen könnten, um sich in einem anderen Lande wieder zum Glauben ihres Ursprungs zu bekennen. Seelisch an eine Welt gebunden, die sich immer weiter von der gestaltenden Wirklichkeit entfernte, immer traditionsgläubiger und mystisch gebundener wurde, lebten sie eine Gegenwart, die ihnen keinen seelischen Anstoß vermittelte, die nichts war als Lüge nach außen und Drohung von außen her. Aber auch der geschwächte Rückhalt wurde ihnen entrissen, als Ferdinand der Katholische nach der Eroberung Granadas, der letzten maurischen Position im Lande, das westgotische Ideal endlich dadurch verwirklichte, daß er alle Juden, die nicht getauft waren, aus dem Lande wies (Ende Juli 1492). Mehr als zweihunderttausend Menschen wanderten zu furchtbar ungewissem Schicksal durch die Welt. Die Zurückbleibenden, die Marranen, waren jetzt erst in ihrer ganzen Isolierung die Beute der Inquisition. Sie entfaltete sich zu unmenschlichem Maße. Die Zahl der Tribunale stieg bis auf fünfzehn. Aber es gab keinen anderen Weg, mit dem Problem ins Reine zu kommen. Denn wer nicht in diese Welt hineingeboren war, als Schicksal und als Bestimmung, und in ihr verharrte, weil auch das Schicksal und Bestimmung war, religiöses Faktum, wie die Welt ringsum – oder wer sie nicht als etwas Gleichgültiges und zu keinem inneren Erlebnis Verpflichtendes auf sich nahm – der konnte nur mit glühenden Eisen und Zangen, mit Schrauben und Stricken, aus dem tierischen Schmerz und aus der übermächtigen Angst der Kreatur vor der körperlichen Marter in diesen Glauben hineingezwungen werden.

Und das geschah, unaufhörlich, brutal in der Form, mit verheerender Wirkung für den Bestand der 48 Marranen, zynisch in dem kaum verhüllten Bekenntnis, daß die Möglichkeit, jüdische Vermögen zu konfiszieren, an diesem Verfahren denselben Anteil hatte wie die Sorge um die Lösung eines religiösen Problems. Aber den Aderlaß an materiellem Gut war das Judentum in aller Welt schon seit Jahrhunderten gewohnt, und das war nichts, was seinen seelischen Status berühren konnte. Aber hier, in diesem Bezirk, vollzog sich eine seelische Vergewaltigung, in der die Tragik des Zwanges und der Heroismus der Beharrung ihren Gipfelpunkt erreichten. Man riß Menschen, die in einer vielfach angegriffenen, aber doch geschlossenen und gesicherten Welt lebten, von ihren Verankerungen los und schleuderte sie in eine Welt, die anderen eine Geborgenheit bedeuten konnte, die aber für den gezwungen Eintretenden die Welt des Nichts schlechthin bedeutete. Da war für sie keine Tradition, keine Gegenwart und keine Fortsetzung. Kein Sinn erfüllte sich für sie im gelebten Alltag; keine Hoffnung in das Morgen hinein gab ihnen Zuversicht, und mit schicksalhafter Beharrlichkeit versank die Welt ihres Ursprungs immer weiter im Unerreichbaren. Die hebräische Sprache, dieses starke Medium der Verknüpfung, verliert ihre Vertraulichkeit; das Wissen verkümmert; Bräuche werden übermittelt und gehalten ohne Kenntnis des lebendigen Zusammenhanges; aus Mißverständnis werden Riten gepflegt oder vergessen. Nichts wird mehr aus dem lebendigen Quell einer Gemeinschaft gespeist. Immer enger hüllen die Vorstellungen des neuen Glaubens sie ein. Weltliches Wissen lagert sich über das religiöse Eigenbewußtsein. Immer dünner und unbewußter wird der Strom der ursprünglichen Beziehungen. Er flüchtet sich, da jede Betätigung auch 49 der äußerlichsten Form mit Todesgefahr verbunden ist, in den Innenraum, in ein Gefühl der Treue und Anhänglichkeit, in die Ahnung unterdrückter Eigenart, in ein unaufgelöstes Gefühl der Fremdheit, Verlassenheit und Entwurzelung – bis es zuletzt nur noch wie eine Erbschaft im Unterbewußten ist, wie eine schlummernde Bereitschaft im Blute, die sich in die Generationen hinein vererbt, die unter einer Schicht christlicher Erziehung und humanistischer Bildung verharrt, und die noch nach dem Ablauf von Geschlechtern zum Aufbruch bereit ist, wenn sie von daher angerufen wird, von wo sie ihren Ursprung nahm: von der wahrhaften Not der Seele.

Ein Träger solchen Schicksals ist auch der portugiesische Edelmann Bento da Costa, und seinen Kindern, die er als treue Söhne der katholischen Kirche erzieht, wird er zum Ahnen solchen Schicksals. Er hat für sich selbst den Weg aus der Welt des Nichts in die gesicherte Welt des Christentums gefunden. Aber über sich hinaus kann er nichts an Sicherheit und Bestand garantieren, denn er ist Blutserbe, Erbe also auch einer Vergangenheit, die nicht sterben kann, weil sie in der bewegenden Idee unsterblich ist. Er muß somit notwendig auch seine Kinder zu Blutserben machen; in jedem von ihnen muß sich notwendig noch einmal die Frage zur Prüfung und Entscheidung stellen, ob die Welt, in die hinein er geboren ist, für ihn wirklich die gesicherte Welt bedeutet, oder ob das unsterbliche Gewicht der Vergangenheit sie nicht doch als die Welt des Nichts enthüllt und preisgibt.

All dieses Schicksal trägt auch Gabriel da Costa, der Mensch, dem diese Darstellung gilt, wissend oder nicht wissend, zu Bindung oder zu Entfesselung, als Erbe in seinem Blute.

 


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