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Die Geburt der Dame

Wie Minerva ausgewachsen und wohlgerüstet dem Haupt ihres Vaters entsprang, so trat die Dame im Vollbesitz der ihr eigentümlichen, vornehmen Eigenschaften vor den Zuschauer hin, ohne daß sich ihr Werden, ihr Nahen irgendwie angekündigt hätte. Sie kam in jedem Sinne unangemeldet. Noch eben hatte Just gepoltert – nun stand die »Dame in Trauer« vor dem Major v. Tellheim.

Sie kommt im Witwenkleide, die Schulden ihres verstorbenen Gatten zu begleichen. Es werden nur wenige Worte gewechselt. Sie genügen, nicht nur das Wesen der Dame zu offenbaren, es werden auch Züge, es werden Begriffslinien angedeutet, welche die Literatur immer wieder aufnehmen wird, wo es »Damen« zu gestalten gilt.

Die »Dame in Trauer« trägt den Leidenszug. Sie ist erst kürzlich vom Krankenbett aufgestanden. Zunächst erkennt Tellheim sie nicht wieder, woran das kühle Schwarz, das sie nun kleidet, seinen Anteil haben mag. Eine falsche Scham ist ihr fremd. So fern es ihr liegt, dem Freunde ihres verstorbenen Gatten mit einer Bitte zu nahen, sowenig kommt es ihr bei, falsche Vorstellungen über ihre Lage zu erwecken. Sie ist Dame genug, sich in ihrem Wesen durch die trüben Verhältnisse, in die sie geraten ist, unberührt zu wissen. Sie ist wahr.

Ihr fällt das schwerste Los zu, das es für hochgestimmte Naturen gibt: sie hat Wohltaten entgegenzunehmen. Tellheim macht es ihr leicht, er gibt vor, sich der Schuld nicht zu entsinnen. Sie könnte auf das Spiel eingehn, aber sie tut es nicht. Sie ist wahr. Um ihres Kindes willen nimmt sie das Geschenk an. Ihr Dank ist gehalten. Sie spricht ihn nicht mit Worten aus: »Verzeihen Sie nur, wenn ich noch nicht recht weiß, wie man Wohltaten annehmen muß.«

Was liegt nicht alles in diesem einen »noch«! Man sieht den steinigen Weg vor sich, den diese Dame mit schmerzenden Füßen zu betreten hat. Er scheint sehr weit, und keine Schattenaussicht ist gegeben. Wird sie, die »Dame«, auf diesem Wege bleiben? Es ist zugleich ein eigentümlich weher Ton der Resignation, der aus dem wenigen, was sie spricht, entgegenklingt. Zunächst warf es sie auf das Krankenbett nieder, nun hat sie sich soweit damit abgefunden, daß sie ihren Weg, diesen steinigen Weg, bewußt beschreitet.

Die Dame tritt in Erscheinung, und sie weist den Leidenszug. Bevorzugte Schwestern werden sich zu ihr gesellen, und es wird doch kaum eine sein, die nicht dies Zeichen trüge. Man wird nicht viel Lachen von Damenlippen vernehmen. Ja, es ist, als hätte Lessing, da er seine »Dame« vor sich erblickte, auch rein äußerlich die Vision der vielen Kommenden gehabt. Diese eine stand noch eben an einem Sterbelager. Dichter werden Damen schildern, und sie werden sie unwillkürlich, als läge ein innerer Zwang dazu vor, in dunkler Gewandung sehen.

 

Das Wort »Dame«, dem Französischen entlehnt, war um die Mitte des 17. Jahrhunderts in Deutschland eingeführt worden. Ganz vereinzelt mag es, wenn man Heyne trauen darf, schon zu Ende des 16. Jahrhunderts gebraucht worden sein. Ein Kind des Luxus, ein vornehmes und adliges Wesen, vom letzten Glanz der Renaissance umwoben, so war die »Dame« nach Deutschland gekommen. In diesem Sinne hatte Grimmelshausen das Wort in seinem »Simplicissimus« (1669) gebraucht. Das alte Volkslied hatte gesungen: »Ein dama schön im garten gehn thet früh an einem morgen.«

Gegen das Kind des Luxus und des Reichtums hatte sich der Zorn eines sittenstrengen Protestantismus gewappnet. War man gegen den »Hosenteufel« zu Felde gezogen, so verdiente gewiß auch die alamodische Dame Streiche mit der Birkenrute des Magisters. Ein fremdes Wort für einen fremden – dem armen Deutschland ach! so fremden Begriff: Grund genug für die Puristen, den großen und furchtbaren Reichsbann aufzubieten, und alle Lichter in der Kemenate der »Dame« auszublasen. Daß das Wort selbst dem lateinischen domina (Herrin) entstammte, wußte man nicht, oder wollte man nicht gelten lassen. »Dame« – was konnte das anderes sein als das lateinische dama, die Hirschkuh? Nun war freilich Grund genug zu derbem Gelächter und zu Spott gegeben. Nicht unwitzig reimte Logau (1654): »Was Dame sei und dann was dama, wird verspüret, daß jene Hörner macht und diese Hörner führet.«

Und wirklich, die Puristen, die Geißelschwinger, die Magister gewannen zuerst den Sieg bis zur Vernichtung. Aller Hoheit und Vornehmheit wurde die arme »Dame« entkleidet. Sie wurde durchaus gemein. Im Jahre 1691 bereits konnte Stieler schreiben, das Wort sei anrüchig geworden und bezeichne das lateinische amica. Zwischen der »Dame« und der Buhldirne bestand kein Unterschied mehr. Der »Kavalier im Irrgarten« kennt die Dame de fortune, das »friedewünschende Deutschland« des Johann Rist (1647) läßt die Dame im Soldatenlager ihr Unwesen treiben, Schuppius identifiziert den Begriff mit dem einer häßlichen Krankheit, die man gleichfalls von den Franzosen überkommen zu haben glaubte. Derart führte sich die Dame auch in die deutsche Sprichwörterwelt ein: »Den Damen die Ehre,« sagte der Schweinetreiber, »die Sauen gehen vor.« »Neun Damen und ein Herr machen zehn Schmuggler.«

Nur hatten die Puristen in ihrem Zorn eins übersehen: es ist leicht, ein Wort zu verfehmen, es ist schwer, einen neuen Begriff, der Lebenskraft besitzt, aus der Welt zu schaffen. In den unglückseligen Zeitläuften, die dem Dreißigjährigen Krieg in Deutschland folgten, war für die »Dame« freilich kein Raum gewesen. Aber die Verhältnisse besserten sich, neuer Glanz höfischen Lebens strahlte über den Rhein, und so gebar auch in Deutschland »das Glück dem Talente die göttlichen Kinder«. Die Dame gewann ihren Adel zurück. Man weiß, wie Lessing das Wort gebrauchte. Goethe und Schiller führten es selten, dann aber in der gleichen Bedeutung. Es waren Damen, die sich mit dem jungen Goethe am Ufer der Ilm zu zärtlichem Schäferspiel einfanden. Aus Schillers: »Den Dank, Dame, begehr' ich nicht!« klang freilich auch etwas wie verächtlicher Unterton.

Jedenfalls sollte das Wort noch einmal feindlichen Klang gewinnen. Die Romantik ironisierte die »Dame«. Sie wurde der Inbegriff des Launischen. So spricht Tieck von »Dame Fortuna«, Uhland nennt das Publikum »die edle Dame«. Bei Heine ist es eine Teetischvision: »Die Herren waren ästhetisch, die Damen von zartem Gefühl.« Wenn die Kastraten singen, schwimmen die »Damen« in Tränen bei solchem Kunstgenuß. »Denkst du der Dame, die so niedlich mit kleinem Zürnen dich ergötzt?« »Täglich geht sie dort spazieren mit zwei häßlich alten Damen – sind es Tanten, sind's Dragoner, die vermummt in Weiberröcken?« Es wird auch dem Hausfrauenideal zuliebe der Begriff der »schönen, wirtschaftlichen Dame« gebildet, und schließlich sinkt das Wort in all die Tiefen zurück, in die es Zeloten und Puristen gebannt hatten. »Stehst du in vertrautem Umgang mit Damen, schweig, Freundchen! still, und nenne nie Namen. Um ihretwillen, wenn sie fein sind, um deinetwillen, wenn sie gemein sind.«

Wie steht es in Wahrheit um den Begriff der »Dame«? Die Wörterbücher unterscheiden den doppelten Gebrauch des Worts: Die Dame ist zunächst eine angesehene, vornehme Frau, der man das Prädikat »gutgekleidet« nicht vorenthalten kann, sie ist sodann die, welche man liebend verehrt. Die Bedeutung der »Dame des Herzens« fällt nicht ohne weiteres mit ersterer zusammen.

Worin das Wesen der »Dame« zu suchen ist? Man vergegenwärtigt sich noch einmal die »Dame in Trauer« und stellt sie Minna von Barnhelm gegenüber. Das Fräulein von Barnhelm ist gewiß ein angesehenes und vornehmes und gutgekleidetes weibliches Wesen, und doch zögert man, sie in der Schärfe des Begriffs eine »Dame« zu nennen. Dazu fehlt es ihr an Haltung. Und vielleicht ist dies das Eigentümliche: die Haltung macht die Dame aus. Das kann äußerlich anerzogen sein, dann aber ist die Dame das zimperliche Teetischgeschöpf oder die steife Repräsentantin, deren die Romantik spottete. Echte »Haltung« aber ist ein Geschenk guter Genien, aus seelischem Adel erwachsen. So geht die Dame durch das Leben, und es scheint ein Wagnis, sich ihr zu nahen. Sie mag beschenken, doch darf man keine Forderung an sie stellen. Sie geht, sie überschreitet die staubige Straße, – es haftet kein Schmutz an ihrem Saum.

 

Das ist hier Goethe: die Vermählung seelisch reichen Frauentums mit dem Begriff der Dame. Drei seiner Gestalten nahen und geben Antwort auf jegliche Frage.

Sehr selten gebraucht Goethe das Wort »Dame«, aber da er von seiner Natalie spricht, kommt es ihm gleichsam unwillkürlich über die Lippen. Wilhelm Meister trägt seinen Felix im Arm, als er sich Natalie gegenüber sieht. »Er setzte das Kind nieder, das aufzuwachen schien, und dachte sich der Dame zu nähern ...«

Er erkennt sie wieder. Das war die erste Begegnung mit ihr gewesen, daß sie sich seiner, des Verwundeten, angenommen hatte. Ein Grundzug ihres Wesens war darin zutage getreten: Natalie ist hilfsbereit, ist es in anderer Art, als es Frauen gemeinhin sind, die mit lässiger Hand ein Geldstück reichen. Der Begriff des Geldes ist ihr durchaus fremd, gleichsam, als sei das Geld etwas zu Gemeines, in ihre Sphäre gezogen zu werden. Ihre Hilfsbereitschaft ist die der ersten Christen. Sie schneidet den Hungrigen selbst das Brot; sie spürt in den eigenen Schränken und denen der Freunde nach Kleidung für die Darbenden. Die Bedürfnisse ausgleichen: das ist das ihr angeborene Streben. Immer muß sie sich nützlich machen. So hat sie sich mit jungen Mädchen umgeben, die sie erzieht.

Man entsinnt sich, daß Novalis in dieser Natalie das »zufällige Porträt« der Königin Luise wiedergefunden hat. Der hausfrauliche Zug im späteren Frauenideal macht sich hier bereits und in sehr entscheidender Ausprägung geltend.

Natalie hat jene »Haltung«, die einer adligen Seele entspricht. Darum ist ihr falsche Lustigkeit, wie die ihres jungen Bruders, lästig. Lautes Lachen verletzt sie. Es wird ihr auch, wie es ausdrücklich heißt, jede Beschäftigung »zu würdiger Handlung«. Steht sie den Werken der Kunst fremd und innerlich unempfänglich gegenüber, so gewinnt alles Lebendige, von der stummen Pflanze zum leidenden Kinde ihre Anteilnahme. Als strahlte ihre innere Harmonie nach außen aus: »Natalie kann man bei Leibesleben selig preisen, da ihre Natur nichts fordert, als was die Welt wünscht und braucht.«

Die Liebe ist ihr immer wie ein Märchen erschienen. »Sie haben nicht geliebt?« »Nie oder immer.« Und nun tritt doch die Liebe zu Meister in ihr Herz. Da ist es ihr nur selbstverständlich, auch unbefragt, Bekenntnis abzulegen. Aus sich heraus will sie Wilhelm sagen, was sie für ihn empfindet. Das ist die Freiheit dieser Dame, freilich, ob auch die Heirat vollzogen wird, die Ehe mit Natalie bedeutet Entsagen. Beide Züge aber, das freie Hervortreten der Dame mit dem Bekenntnis ihrer Neigung, zugleich das klösterliche Zurückweichen vor der Umarmung, wird für die Zeitspanne zwischen den Revolutionen bedeutungsvoll werden.

Die Natalie erzog, steht ihr als ganz eigentümliche Verkörperung der »Dame« zur Seite; ihr Name ist ihr Wesen: die »schöne Seele«.

Diese nun trägt den Leidenszug. Als Kind bereits hat sie einen Blutsturz gehabt. Der Anfall wiederholt sich, sobald sie einmal aus der Stille ihres Daseins hinaustritt. Leidenschaft wirkt auf sie, das betont Goethe ausdrücklich, wie Krankheit. Sie macht sie still.

Durch eine Samaritertat gewinnt auch sie sich den Mann, der ihr die Hand zum Lebensbund bietet. Sie genießt ein bräutliches Glück, – um als Verlobte erst völlig die mimosenhafte Zurückhaltung ihres Wesens zu bekunden. So erstirbt die Liebe des Freiers. Beides aber, Verlobung und Entlobung, gleitet an ihrer Seele vorüber wie Bilder, die das Spiegelglas zwar zeigt, aber nicht festhält. Und doch nicht ganz so. Liebend lernt sie beten. Der Bräutigam schien nur gekommen, sie jenem anderen Bräutigam der Seele zuzuführen. Damit ist auch der weitere Ton angeschlagen, der in der Zeitspanne zwischen den Revolutionen den vollen Klang gewinnt: die Religiosität der Dame.

Der »schönen Seele« eignet ein Höchstmaß von Bildung; aber sie gehört zu denen, die besitzen, um zu verbergen.

Doch ist ihr, wo es darauf ankommt, Festigkeit verliehen. Sie schließt ihre Tür den Besuchern, die ihren Frieden stören. Sie meidet Geselligkeit und Spiel, sobald sie einmal erfahren hat, daß ihre Seele der Ruhe bedarf. Sie gibt ihren Bräutigam dafür mit in Kauf. Sie setzt ihr alles daran, die eine köstliche Perle zu erwerben. Es ist bereits etwas Starres in der Haltung dieser Dame, die oberflächlicher Betrachtung wenig »Dame« erscheinen mag, und zu deren äußerer Erscheinung doch auch das Stiftskreuz mit dem großen Diamanten hinzugehört.

Sie findet Anschluß an die »Stillen im Lande«, ohne doch recht dazuzupassen. Ihr, der Dame, fehlt die Sündenzerknirschung. Auch ihre tiefe Frömmigkeit bleibt aristokratisch. Sie sucht und gewinnt den engen Anschluß an Gott. Äußerlich trägt sie den Leidenszug, innerlich ist ihr eine leichte Heiterkeit des Wesens verliehen. –

Schien es nicht, als sei ein letzter Glanz der Renaissance um die »Dame« gebreitet? Durch die Gärten von Belriguardo streicht leise die Frühlingsbrise. Vor Tasso steht Leonore von Este.

Auch in diesem milden Antlitz fehlt nicht der Leidenszug. Von schwerer Krankheit war sie eben erstanden, als Tasso ihr zugeführt wurde. Auf ihre Frauen gestützt, empfing sie ihn. Den Festen blieb sie fern. Das Kind war einsam, und durch die geschlossenen Fenster drang kaum das Jubeln der Gefährten. Den letzten Trost des Gesanges nahm ihr der Arzt.

Sie lernt und wird durch Studien erst völlig sie selbst. Das ist kein Kleid, das sie trägt, sondern eine Bestimmung, in die sie hineinwächst. Ihre tiefste Teilnahme bekundet sich trotzdem nur in Schweigen. Sie beglückt nicht durch das, was sie bietet, sondern durch das, was sie ist.

Liebt Leonore? Sie sieht sich umworben, doch weiß sie von keinem Verhältnis, das sie lockte. Ihre Liebe ist Freundschaft. Ihre Leidenschaften leuchten »wie der stille Schein des Mondes«. Die Liebe, meint sie, könne nur durch Mäßigung und Entbehren unser eigen werden. Darin gleicht sie völlig einer Lichterscheinung. Sobald Tasso leidenschaftliche und verlangende Arme nach ihr ausstreckt, ist ihm ihr Bild zerronnen.

Was als »Haltung« der Dame bezeichnet wurde, ist hier Ausdruck innerster Natur geworden. Man kann diese weiße Blume nicht in einen Kranz einflechten; man kann sie nur brechen. In letzter Entwicklung ist hier Erfüllung.

 

Als reiche Erbin ist sie auf einem einsamen Gut Northumberlands aufgewachsen. Die Mutter starb ihr früh, und so befand sie sich stets in Gesellschaft ihres Vaters. Ihr Sinn war den strengen Wissenschaften zugewendet. Schwierige algebraische Aufgaben löste sie mit Leichtigkeit, die Nacht verbrachte sie oft auf dem Observatorium, das ihren astronomischen Interessen diente. Als sie zur Jungfrau erblüht war, fehlte es ihr nicht an Freiern; sie mochte keinen erhören. Wohl schmerzte ihr schroffes Wesen den Vater, doch war dies das Eigentümliche in Florentine, daß selbst ihn die Empfindung beschlich, er dürfe ihre Vermählung nicht wünschen.

An der Grenze der Kindheit war ihr unter anderen lateinischen Büchern ein anatomisches Werk in die Hände gekommen. In ihrem Wissensdrange hatte sie es gelesen. Sie war darüber in nachhaltige Melancholie verfallen. Es war, als sei es ihr unmöglich, die »seltsame Basis unseres Lebens zu vergessen, wo Lust und Scherz mit der Verwesung liebäugelt«.

Ein ernster und gebildeter Mann, ein Freund des Vaters, näherte sich ihr. Gemeinsame Studien verbanden die beiden. Eine tiefe Neigung zu dem rätselhaften Geschöpf stieg in ihm auf. Sie wurde zu Leidenschaft. Je mehr er sich jedoch Florentine zu nähern suchte, desto mehr floh sie ihn.

Auf einem gemeinsamen Ausritt war es, daß er sich ihr erklärte. Sie wies ihn ab. Schweigend wandten sie die Pferde. Sie waren wieder an das Schloß gelangt, um sich fortan für immer zu meiden. Er war abgesprungen, um ihr behilflich zu sein. Unwillig kehrte sie sich von ihm ab – ihr Reitkleid blieb am Sattelbogen hängen, halb entblößt stand sie vor ihm.

Fortan verschloß sie sich in ihr Zimmer und war nicht zu bewegen, Speise und Trank zu sich zu nehmen. So vergingen die Tage. Nach einer Woche aber trat sie vor ihren Vater und forderte ihn auf, für sie um den Freund zu werben. Nach dem, was geschehen, müsse sie seine Gattin werden. – Das ist Ludwig Tiecks Novelle »Die wilde Engländerin«. (In: »Das Zauberschloß«, 1830.)

Gutzkows Wally (1835) ist dem ungeliebten Mann anverlobt, und so heißt es für sie, von Cäsar, dem ihr Herz zugetan ist, Abschied nehmen. Er spricht ihr von Tschionatulander und Sigune und fordert eine letzte Gunst. Wie Sigune soll sie sich ihm geistig vermählen durch den Anblick ihrer ganzen natürlichen Schönheit. Sie stößt ihn von sich, um sich ihm dann doch in eben der Nacht, in der sie dem andern angehören muß, in hüllenloser Schönheit zu zeigen.

Ist Gutzkows »Wally, die Zweiflerin«, eine Dame? In Gutzkows eigenem Sinn ist diese Frage durchaus zu bejahen. Hoch zu Pferde – seit 1830 war das Reiten der Damen Mode geworden – an der Spitze eines ganzen Trupps von Anbetern wird sie eingeführt, an ihrer Reitgerte glitzern die Ringe, die sie von ihren Courmachern erhielt und die sie gelegentlich an Arme verschenken wird. Der Salon ist ihre Sphäre. Ihre Unterhaltung ist spielend, abweisend und witzig. Sie leidet unter der Langenweile der großen Dame. Sie geht eine Konvenienzheirat ein, trotzdem sie den andern liebt. Sie wird stets gefühllos an den Unglücklichen vorübergehn und nur eben ihr Kleid aufraffen, damit ihr Rocksaum nicht die Not und das Elend streife. Sie liebt das Hasardspiel, sie ermangelt jeglichen Sinns für die Schönheit der Landschaft, sie ist bewußt kokett.

Wally ist ein taubes Metall, das nur an einer Stelle Klang gibt. Rührt die Unterhaltung an religiöse Fragen, dann verstummt diese Dame. Ein spöttisches Wort, eine Verneinung, und sie zuckt in einem Schmerz zusammen, der ihr körperlich wehe zu tun scheint. Sie will glauben, und vermag es nicht. Sie möchte zum mindesten gleichgültig an den Fragen des Jenseits vorüberhuschen, und ist es nicht imstande. Sie kostet alle Erniedrigungen einer unwürdigen und verbrecherischen Ehe aus, sie sieht sich von dem Mann, den sie liebt, um ihrer Freundin willen verlassen – sie findet die Kraft, das alles zu überwinden oder doch zu verschmerzen. Das, was ihr an Glaubensmöglichkeit geblieben ist, wird ihr genommen, – und sie gibt sich selbst den Tod. Tut es als Dame, den Dolch, mit dem sie sich ersticht, in einem roten Tuch verhüllend – wie Charlotte Stieglitz (im Jahre zuvor, 1834) in der Haltung der Dame in den Tod gegangen war.

Man sieht: die Wesenszüge der Dame in Goethes Gestaltung, ihre Scheu vor körperlicher Berührung, ihre Frömmigkeit, kehren auch bei Tieck und Gutzkow wieder und – sind doch ganz andere geworden. Man könnte sagen: diese neue Empfindungssphäre verhält sich zu der Goethes wie Katholizismus zu Protestantismus. Genug; es spielt Mystik hinein.

 

Im Jahre 1850 ist Ida Gräfin Hahn-Hahn zum Katholizismus übergetreten. In ihren Romanen ist recht eigentlich das Bildnis der »Dame«, wie es sich in diesen Jahresläuften zeichnet.

Es ist, als fühlte sich Ida Hahn-Hahn gedrängt, die volle Beweglichkeit ihrer Phantasie aufzubieten, ihre Heldinnen »Aus der Gesellschaft« vor Vermählung zu schützen. Renate (Aus: Cecil, 1844) hat sich selbst einem kranken Mann zum Opfer gebracht und ihm als pflegende Schwester die Hand zum Ehebund gereicht. Sie lernt einen andern lieben und widersteht dem Wollen ihres eigenen Herzens. Ihr Gatte stirbt, sie will zu dem Geliebten und findet ihn vermählt und hat von neuem zu entsagen. Ein dritter Mann, eben Cecil, tritt in ihr Leben. Er wird ihr teuer, und sie verlobt sich ihm an. Die Nachricht erreicht sie, daß der von ihr zuvor Erkorene frei geworden ist, sie löst die Verlobung mit Cecil, sie findet den Geliebten – aber nur als Toten. Eine jungfräuliche Witwe, eine jungfräuliche Liebende. Es ist, als würde man durch die weiten Alleen eines Parks geführt, die Wege kreuzen und verschlingen sich und schließen sich zum Kreise, und in dem großen, fichtenumdunkelten Mittelrondell züngelt die Flamme empor: das Mysterium der Dame.

Ida Hahn-Hahn weiß von Leidenschaft; aber sie leugnet für ihre Dame (aus eigener Lebenserfahrung heraus) die Möglichkeit eines Eheglücks. Beides, Leidenschaft und Frömmigkeit, lösen, im Widerspruch und im Einklang, die große Weltmüdigkeit aus. Das Kloster wartet.

Bei Ida Hahn-Hahn gewinnt die Dame Züge von Genialität. »Ich kann nur die Dinge lernen, die ich schon weiß«, heißt es in »Gräfin Faustine«. Man denkt an Börne und daß er Abscheu hatte vor einer lesenden Frau.

Das ist Ilda Schönholm (1838): Ihr Gesicht weist den Schnitt einer Madonna und den Ausdruck einer Sibylle; dazu fatigierte Züge, und Augen, wechselnd, schillernd wie das Meer. Ilda Schönholm ist eine berühmte Schriftstellerin, ist aber vor allem Aristokratin. Die Erfahrung einer müden Ehe liegt hinter ihr, die neue Liebe, die sich bietet, führt zu Entsagen. Ihre Anmut besteht großenteils in Sichgehenlassen, eine Fähigkeit, deren »alle Bürgerlichen ermangeln«. Ihre Liebe ist selbstbewußt. Sie tritt vor den Mann, dem sie ihr Herz geschenkt hat, und ehe er noch ein Wort gefunden, sagt sie: »Wir lieben uns.« »Der, den ich liebe, widersteht mir nicht.« Sie selbst wäre bereit, ihrer Leidenschaft jedes Opfer zu bringen. Wird auch sie trotzdem zu Entsagung verurteilt, so findet doch auch hier etwas wie eine mystische Vermählung statt. Der Liebhaber, ein Bürgerlicher und darum nicht fähig, ein Opfer anzunehmen, betritt zur Nachtzeit ihr Zimmer und blickt auf die Schlafende.

Das Kloster wartet, und das ist Gräfin Faustine (1841): Auch sie trägt einen Zug von Genialität. Sie vermag es, Malerin aus Neigung, einen ganzen Tag vor der Staffelei auszuharren und sich dann abends schwerer Lektüre hinzugeben. Zeiten tiefster Einsamkeit wechseln bei ihr mit Zeiten ausfüllender Geselligkeit. Sie kennt Europa und hat den Orient bereist; ihre Bildung weiß um das Wissenswerte. Sie fühlt sich in ihrer Kleidung nicht an die Mode gebunden, sie stilisiert ihre Erscheinung wie ihr Leben. Nach unerwünschter Berührung schüttelt sie ihr Kleid ab, augenblicksweise überkommt sie ein Verlangen nach Männerkleidung. Sie spricht sehr leise, und in der Vertraulichkeit leiser. »Graziös und genial« nennt sie Ida Hahn-Hahn. Diese nun ist es, an der Männer zugrunde gehen. Tiefliebend, vermag sie dennoch nicht die Liebe zu wahren, gerade weil sie ihr Naturbestimmung ist: ihre Natur ist Sichwandeln. So auch brennt in ihr, die von Kunst, von Leidenschaft, von Geselligkeit ganz ausgefüllt scheint, die sich ihr Leben gestaltet, der Gesellschaft trotzend und darum ihr gebietend, ein schmachtender, unauslöschlicher Durst nach dem Ewigen. Das Kloster wartet, und sie geht in das Kloster ein.

Das Frauenideal hatte, selbst in Kleistischer Mystik, ein protestantisches Ansehn gewahrt. In dem zarten Kind der Berliner Bürgerfamilie, in der blonden und blauäugigen Pastorentochter, konnte der aus den Freiheitskriegen heimgekehrte, mit dem Eisernen Kreuz geschmückte junge Krieger dies Ideal verkörperlicht wähnen. Die »Dame« gewinnt in dieser nämlichen Zeit scharf und schärfer ausgeprägt katholische Wesensart. Dem nachsinnend, meint man in die Gesellschaftsstruktur dieser Epoche zwischen den Revolutionen, die die Standesunterschiede aufhob, neu zur Geltung brachte, abermals anfocht, die im Drang nach Neugestaltung ängstlicher am Überkommenen festhielt, tieferen Einblick zu tun.

So seltsam es klingen mag: Selbst in der visionären Schau der heiligen Jungfrau, die Katharina Emmerich damals erfuhr, wird man Züge aus dem Damenbildnis eben dieser Zeitläufte wiederfinden.


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