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Sechstes Kapitel.
Ein Hochzeitstag

»Er hat die Ehre unseres Hauses besudelt, er hat mich durch eine Verbindung, die ein gemeiner Advokatenkniff ist, um das Majorat betrogen!« sagte Vetter Karl Emil.

»Er hat den Stand und den Kreis, dem er angehört, befleckt. Damit die adlige Gattin, die er ehelichen mußte, um Halleborg behalten zu können, ihm kein Hindernis bei einem ungesetzlichen Verhältnisse sei, hat er, in seiner raffinierten Schlechtigkeit, eine Sterbende gewählt,« sagten die adligen Damen der Nachbarschaft.

»Ob er wohl damit wartet, seine ›Freundin‹ in sein Haus kommen zu lassen, bis Amely die Augen zugethan, oder ob sein Anstandsgefühl ihm erlaubt, Halleborgs Thore der Gattin und der Geliebten zugleich zu öffnen?« spotteten die Herren des Kirchspiels.

»Steht in der Urkunde nichts davon, daß er sich wieder mit einer adligen Dame verheiraten muß, wenn die erste Frau ohne männliche Erben stirbt? Dann könnten die schwindsüchtigen Fräulein unserer Provinz nun anfangen, Queue zu bilden,« sagte der Vizepastor, der im Rufe stand, ein Witzbold zu sein.

»Nein, ist er nur an dem Tage, da er in sein 36. Lebensjahr eintritt, mit einem adligen Fräulein verheiratet, so ist alles gut,« erklärte der Landrichter, dem ein ehemaliger Kollege vom Götahofgerichte den Wortlaut des § 17 mitgeteilt hatte.

»Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet,« sagte der alte Präpositus, der so manchen Streit im Leben gesehen hatte.

Doch er selbst war recht bekümmert, und obgleich er den Tadel der andern zu wehren versuchte, hatte er Gösta selbst ernstliche Vorstellungen gemacht. Und dieser, der mit Frau Ragnhild auf seiner Seite und von Amelys stiller Resignation unterstützt, sich allmählich in den Glauben eingewiegt hatte, seine Handlungsweise am Ende doch verantworten zu können, hatte erwidert:

»Wozu soll ich mich denn verpflichten? In erster Linie doch zu unverbrüchlicher Treue. Die werde ich nicht brechen.«

»Und die Abgötterei, die Du mit dem Andenken der Toten treibst? Ist das vielleicht keine Beleidigung für die Frau, die Deinen Namen tragen soll?«

»Darf denn ein Witwer das Andenken seiner ersten Frau nicht heilig halten, wenn er sich wieder verheiratet? Unser Verhältnis war ebenso unantastbar wie das zweier Ehegatten.«

»Gösta, Deine Sophismen erschrecken mich. Das Gelübde, das Du ablegen sollst, Deine Frau in Freud' und Leid zu lieben, ihr Schutz und Stütze zu sein, kann Dir der Form nach doch unmöglich unbekannt sein.«

»Ich halte von ihr wie von einem reinen, unschuldigen, leidenden Geschöpf. ›Freude?‹ Ja, die einzige Freude, die das Leben mir gegeben, Reichtum, die soll sie teilen zum Frommen für die Ihren, weil sie selbst ihrer nicht genießen kann. ›Leid?‹ Ja, davon besitzen wir beide, sie sowohl wie ich, mehr als genug. Ist es auch nicht ein gemeinsames Leid, das uns vereinen kann, so wird es uns wenigstens nicht trennen. Und überdies Onkel, wie viele halten wohl das Gelübde, das sie vor dem Altar ablegen, treu und fest, ohne das geringste Abweichen? Ich hoffe, daß man mir am Schlusse unserer kurzen Ehe nichts wird vorwerfen können. Ich habe keine Illusionen erweckt, die die Zukunft zerstören müßte.«

»Deine Rechtsbegriffe sind verwirrt, Gösta. Du verwickelst zwei verwandte, doch verschiedenartige Sachen in einander. Schlecht sind sie beide, doch die eine ist siebenfältig schlimmer. Der Mann, der seinem vor dem Altare abgelegten Gelübde untreu wird, ist ein Wortbrüchiger, gewissermaßen auch wohl ein »Meineidiger,« doch der, welcher dieses Gelübde ablegt und dabei klar einsieht, daß seine Gefühle ihm nicht erlauben werden, es zu halten, der begeht von vornherein einen absichtlichen Meineid. Ich will nicht sagen, wie es in diesem Punkte mit Dir steht, ich kann es nicht, denn kein Mensch kann dem andern ins Herz sehen. Du bist Dein eigener Herr, und nun habe ich Dich gewarnt. Von Deinem alten Freunde hast Du von nun an nichts anderes als liebevolle Teilnahme zu erwarten.«

Dieses Gespräch hatte Gösta tief erschüttert, doch der alte Prediger hatte die Sache zu spät erfahren, jetzt ließ sich nichts mehr daran ändern, denn der Hochzeitstag stand vor der Thür.

Es war keine leichte Aufgabe, dem Kammerjunker von Silfverspjüt auf Lindenäs die Idee einer großen Hochzeit auszureden. Er hatte sich einen stattlichen Hochzeitszug und die Trauung in der Kirche gedacht, um durch diese neue Regulierung seiner Verhältnisse mit einem Schlage der Geringschätzung, mit der man dem blutarmen und in seinem Wesen nichts weniger als würdevollen Edelmanne begegnet war, ein Ende zu machen. Er besaß ja eine alte Karosse, die allerdings in den letzten sechs Jahren nicht aus dem Wagenschauer gekommen, die der Schmied aber so gut ausbessern konnte, daß das Brautpaar ohne Risiko damit zur Kirche fahren könnte. Die mageren Kutschpferde sollten ein paar Tage im Stall stehen und sich ordentlich satt fressen, und oben auf dem Boden in der Vorratskammer hing noch ein nicht ganz fünfzigjähriges Geschirr mit dem Familienwappen auf den Messingbeschlägen, denen jahrelanger Staub und Grünspan freilich übel mitgespielt hatten, die aber Häkan in ein paar Tagen recht gut würde blank putzen können. Und dann wollte er mit seiner Kammerjunkeruniform in der Kirche glänzen! Frau Ragnhild hatte selbst zugeben müssen, daß die mottenzerfressenen, schadhaften Stellen derselben gar nicht so sehr zu sehen seien und sich noch recht gut stopfen ließen.

Gösta war, ebenso wie seine künftige Schwiegermutter für eine stille Hochzeit im Hause. Die einzigen Gäste sollten der Präpositus, der die Trauung verrichten sollte, mit seiner Frau und ein paar Universitätsfreunde, mit denen Gösta stets in Verbindung geblieben war, sein.

Doch da hatte der gute Kammerherr kein Blatt vor den Mund genommen. Auf die Trauung in der Kirche wollte er im schlimmsten Falle verzichten, da der Doktor von möglichen bösen Folgen für Amely von der Fahrt gesprochen, und sie selbst mit Thränen in den Augen darum gebeten habe. Doch da nun die Rede davon sei, Lindenäs durch eine Bettelhochzeit lächerlich zu machen, wolle er auch ein Wort sagen, ja, zum Kuckuck, das wolle er. Sei er denn der Vater seines Kindes oder sei er es nicht und sei er denn nicht mehr Herr im eigenen Hause.

Und so wurden denn zu diesem Hochzeitsfeste in dem verfallenen Lindenäs mit der sterbenden Braut eine ganze Menge derjenigen eingeladen, die sich von den Wirtsleuten der zunehmenden Armut und der originellen Gesellschaftstournüre des Kammerjunkers wegen zurückgezogen hatten, und die Gösta durch das Zurückweisen jeder Annäherung nach seinem Einzuge in Halleborg beleidigt hatte, und von denen er wußte, daß sie die Heirat als ein schweres Verbrechen brandmarkten.

Dieser Tag war für Frau Ragnhild und das Brautpaar ohne Frage der schwerste, den sie je erlebt hatten. Gösta dachte an Julias Beerdigung. Wie schön war es nicht gewesen, in seinem Schmerze von der letzten Ruhestätte der Geliebten zu der alten Malena, seinen Erinnerungen und der Einsamkeit eilen zu können! Nein, jetzt war es weit schlimmer! Und es war ihm zu Mute, als ginge er in der Zelle des zum Tode Verurteilten auf und ab und wartete auf den Scharfrichter, da er nun in seiner neuen Adelsuniform, die dazumal alle Edelleute, die kein Amt bekleideten, trugen, allein in dem Zimmer des Kammerjunkers umherging und auf die Botschaft wartete, daß der Prediger bereit sei.

Amely verstand von den dreien wohl am wenigsten, was man zu begehen im Begriffe stand, und litt daher auch minder; doch die Unruhe im Hause, die Aufregung und mehrere schlaflose Nächte hatten ihre körperlichen Schmerzen verdoppelt und so konnte sie sich nur mit äußerster Mühe, von ihrem Vater unterstützt, während des Aktes aufrecht halten. Sie hatte sich bestimmt geweigert, ein helles Brautkleid zu wählen, das wohl für ihr Alter, aber nicht für ihre abgezehrten Züge gepaßt hätte. Sie war schwarz gekleidet und trug einen auffallend kleinen Myrtenkranz mit einem recht kurzen Schleier. Sie machte es sich selbst nicht einmal klar, warum sie es so haben wollte, sie fühlte nur instinktiv das Bedürfnis, diese Symbole der Ehe, in denen sie sich mit ihren Gefühlen wie in einem Maskenkostüme vorkam, so wenig wie möglich hervortreten zu lassen.

Der alte Präpositus sah, wie schwer es der Braut wurde, sich aufrecht zu halten, wie sie unaufhörlich die Farbe wechselte, und er kürzte die Ceremonie deshalb so ab, daß der Stempel der Feierlichkeit, den er sonst allen seinen Amtshandlungen zu geben wußte, beinahe verloren ging. Doch als er dann eine kurze Rede hielt – die auf dieses Brautpaar eigentlich keinen Bezug hatte – und daran erinnerte, wie schwer es manchmal sein kann, den Weg der Pflicht zu finden und zu wandeln, nicht allein in der Ehe, nicht nur, wenn der Pfad dunkel, der Himmel bewölkt und die Kräfte schwach seien, da bebte die Stimme des alten Mannes und über seine guten, freundlichen Augen legte sich ein Schleier, als er sein bebendes Beichtkind anblickte.

Als dann alles zu Ende war, und das junge Paar sich umwandte, um die obligatorischen Glückwünsche zu empfangen, und der Kammerherr, der sein schwaches Kind unterstützt hatte, seinen Platz an Gösta abtrat, der den jungen, kräftigen Arm um ihren Leib legte, um sie aufrecht zu halten, da zuckte sie zusammen und blickte hastig zu ihm auf. Obgleich das Mysterium der Liebe ihr fremd, obgleich sie an Herz und Sinn noch ein Kind war, wußte sie doch, daß sie nun an diesen Mann gebunden sei und daß er ihr alles hätte sein müssen. Ach, es war ja ein Fremder, der sie zur Thürhüterin seines Hauses gewählt und mit dem sie nichts, garnichts gemeinsam hatte. Schluchzend fiel sie ihrer Mutter um den Hals, und nun kamen die kleinen Geschwister, küßten sie und wünschten ihr – – Glück und Freude ...

Dieser Tag, die Krone des verzweifelten Werkes, war ein Tag des Schreckens. Beim Diner schien selbst die Luft mit Gift und Hohn erfüllt, die das Brautpaar um jeden Preis treffen sollten. So die blumenreiche Rede eines alten Barons, der alle Umstände, die mit dieser Ehe verknüpft waren, rücksichtslos zu ignorieren schien, und sich im bombastischen Wortschwall über das Glück und die Seligkeit der Ehe verbreitete und mit einer plumpen Tirade im Geschmacks der Zeit über »Blumen und Kinder« endete. So manches andere – heimlich geflüsterte Worte, von denen jedoch eines oder das andere das Ohr der Beteiligten traf.

»Eine zwanzigjährige Braut in Schwarz! Lieber Himmel, sie sieht aus, als wäre sie auf ihrem eigenen Begräbnisschmause.« –

»Der alte Kammerjunker trinkt, was das Zeug halten will.« –

»Ja, Karl Emil ist nun das Majorat los, auch wenn die Braut jetzt umfiele und auf der Stelle tot wäre.«

»Nein, mein Lieber! Wir schreiben heute erst den 29. Juli und unser edler Gösta soll an seinem Geburtstage, dem 21. August verheiratet sein.«

»Zum Teufel auch! Weißt Du das gewiß? Ja, dann ist die Sache riskant, denn sie kann jeden Augenblick abschrammen und bis zu seinem Geburtstage kann er keine neue Todeskandidatin mehr schaffen.«

»Oh, er würde sich schon die Erlaubnis des Königs erbitten und sich am Tage nach der Beerdigung wieder verheiraten.« – –

»Siehst Du, wie sich die kleinen Silfverspjüts über das Konfekt hermachen? Arme Kinder! So etwas haben sie wohl in ihrem ganzen Leben nicht bekommen.«

»Die reinen Tagelöhnergören! Der teure Schwager wird alle Hände voll zu thun haben, um ihnen Manieren beizubringen.«

So flüsterte es in allen Winkeln und Ecken, und wenn man des Klatschens müde wurde, ging man zur Braut, die aschfarben und mit erloschenem Blick in der Sofaecke lehnte.

»Liebe Amely, wer hätte sich denken können, daß wir sobald auf Deiner Hochzeit tanzen würden! Heute abend siehst Du aber auch ganz außergewöhnlich wohl und gut aus!«

Und dann gingen sie zu Frau Ragnhild, die, wie sie ganz genau wußten, nicht einmal genug Leinenzeug für ihren eigenen Haushalt hatte und zu dem Feste einige Gedecke von Halleborg hatte leihen müssen, und begannen mit zuckersüßer Freundlichkeit: »Liebe Ragnhild, was muß es Dir für Mühe gemacht haben, in so kurzer Zeit mit Amelys Aussteuer fertig zu werden. Natürlich hast Du ja schon jahrelang dazu weben und nähen lassen, aber das Namensticken nimmt ja so viel Zeit in Anspruch! Ihr konntet ja nicht schon vorauswissen, welchen Namen Amely als Frau tragen würde. Oder es ist vielleicht eine Jugendliebe, beste Ragnhild?«

Und dann die alte Knycklinger Gräfin mit ihren vier unverlobten Töchtern und kümmerlichen Aussichten – Knycklinge war Majorat!!

Sie ging gerade auf den Bräutigam zu und sagte mit ihrer allerliebsten Miene:

»Ach, lieber Baron, ich freue mich wirklich über die Partie, die Sie machen! O mon dieu, wie können die Leute doch lügen! Nun da ich sehe, wie aus der Luft gegriffen die Geschichte war, kann ich Ihnen ja gern erzählen, daß man vor ein paar Jahren munkelte, Sie wären im Begriffe, eine ganz entsetzliche Mesalliance zu schließen. Sie, Baron Gösta Hallenhjelm auf und zu Halleborg! Ich sagte zu allen, die mir das abscheuliche Gerücht mitteilten: ›Baron Gösta besitzt sowohl Geschmack wie Pflichtgefühl!‹ Und ich habe recht gehabt, das sieht man wahrhaftig an Ihrer süßen kleinen Frau. Von ihr behauptet die böse Welt, daß sie schwindsüchtig sei. Ja, daran können Sie so recht sehen, was für Leute es giebt!«

Endlich, endlich war dies peinliche Hochzeitsfest zu Ende. Der letzte fremde Wagen rollte die Allee hinab. Der Kammerjunker, der sich wider Erwarten die ganze Zeit über auf den Beinen gehalten, war allerdings ein wenig wirr im Kopfe, doch damit wurde es dazumal nicht so genau genommen, und da dies bei den meisten Gästen ebenfalls der Fall war, hatte er im großen Ganzen die Feuerprobe glänzend bestanden. Der Halleborger Kutscher hatte angespannt. Amely lag keuchend und matt auf dem Sofa in der Wohnstube und die kleinen Geschwister standen nun weinend um sie, ihren guten Engel herum. Die Abschiedsstunde war da. Frau Ragnhild kniete vor dem Sofa und verbarg das Haupt an Amelys Brust.

»Mein Kind, mein geliebtes Kind! Ich habe immer nur Dein bestes gewollt! Möge Gott mir verzeihen, wenn ich es nicht erkannt habe!«

Baron Gösta stand leichenblaß am Tische.

»Es thut mir leid. Ich sehe, wie schwach Du bist; aber ... es ist jetzt Zeit, Amely!«

Frau Ragnhild erhob sich.

»Halt Gösta! Laß sie über Nacht hier bleiben. Sie ist zu schwach.« Und mit einem unbeschreiblich bittern, wehmütigen Lächeln fügte sie hinzu:

»Was thut es? Du ... Du bist ja doch kein ungeduldiger Bräutigam, Gösta!«

Es war ihm zu Mute, als hätte er einen Schlag ins Gesicht erhalten, beugte aber das Haupt und antwortete:

»Es thut mir aufrichtig leid, aber ... wir werden erwartet, und ich glaube, daß meine ... unsere Leute allerlei Zurüstungen gemacht haben. Es wäre schade ...«

Amely zuckte zusammen und erhob sich mit ungewohnter Kraft. Ha! Jetzt hatte ihre Person doch einen Platz auszufüllen und war notwendig geworden! Sie war ja ein Teil des »jungen Paares,« das auf Halleborg erwartet wurde, und nicht nur ein Strich über § 17! Sie umarmte den Vater, die Kleinen und zuletzt die Mutter lange und innig. Dann blickte sie auf zu ihm, dessen Namen sie nun trug, einen Namen, der bald auf einem neuen Sarge in der Hallenhjelmschen Familiengruft stehen würde, und sagte mit fester Stimme:

»Ich bin bereit!«

Doch nur der Geist war stark. Der geschwächte Leib schwankte, und Gösta mußte sie beinahe in den wartenden Wagen tragen.

Allein mit seiner jungen Frau! O welch unermeßlicher Zauber liegt sonst in dem Gedanken! Wie wenig bedeutet da doch die Welt, die außerhalb des engen Raumes ist, in dem die beiden sich mit ihrem Atem berauschen! Wie heiß brennt der Kuß, wie fest schließt sich der Arm um die Geliebte – – – beschützend und bebend vor Seligkeit!

So schloß auch Baron Gösta seine junge Frau fest in die Arme – um sie aufrecht zu halten und sie nicht – auf den Boden des mit C-Federn versehenen Wagens fallen zu lassen. Keine Bewegung, keinen Laut. Er erschrak und flüsterte:

»Leidest Du sehr? Sollen wir umkehren und Mama mitnehmen, damit sie die Nacht bei Dir bleibt?«

Mit übermenschlicher Anstrengung nahm sie sich zusammen. Wäre der Sommerabend heller gewesen, so hätte er sie erröten sehen können. Die Mutter mit im Wagen! Nein, nein, wie schön und sicher es auch sein würde. Doch das hätte ja auch dem kleinsten Tagelöhnerjungen, der ihrer auf dem Hofe wartete, deutlich gemacht, daß hier kein gewöhnliches junges Paar seinen Einzug hielt, sondern der Majoratsherr mit dem neugekauften Sicherheitsschloß für die Halleborger Pforte, und ein sterbendes Mädchen mit ihrer Mutter als Pflegerin!

»Nein, danke ... Gösta!«

Der Name kam langsam, zögernd. Sie redete ihn zum erstenmale nach der Trauung so an.

Vor ihnen lag Halleborg.

Oh, du teuere, alte Heimat! Du warst es doch wert, daß man dir ein Opfer brachte und deinetwegen litt. Da erhebst du im zauberischen Mondlicht deine hohen, weißen Mauern gegen den dunklen Föhrenwald im Vordergrunde und den blanken Wasserspiegel dahinter. Mit üppigen Hainen und fruchtbaren, endlosen Feldern rechts und links, soweit das Auge reichte! Mit dem burgartigen Schloßhofe, auf dem nun in den Zweigen der stattlichen Linden und Ulmen über tausend bunte Laternen brannten!

Gösta war stolz, sehr stolz, und nie hatte er sich so gedemütigt gefühlt wie heute durch alle die erstaunten, spöttischen Blicke und die giftigen Worte während dieses Hochzeitsfestes, das ihm wie eine mißglückte Dilettantenvorstellung erschienen war. Als der Wagen donnernd über die Brücke fuhr, die über den von Bäumen beschatteten, silberglänzenden Fluß, der sich unterhalb Halleborgs in den See ergoß, führte, wich die Niedergeschlagenheit von ihm und das Blut strömte ihm ein wenig wärmer zum Herzen.

Dort, in dem Kreise seiner Untergebenen, die Mannesalter hindurch sowohl von seinem Vater wie von seinem Großvater gut behandelt worden waren, und die mit liebevollen Händen in der Allee Ehrenpforten errichtet und die Freitreppe festlich geschmückt hatten und sich nun in der Erwartung ihrer jungen Herrschaft in lebhaften Gruppen zwischen den Bäumen bewegten, würde man seine junge Frau wohl mit Erstaunen, aber auch zugleich mit Ehrfurcht betrachten, dort würde er schwerlich Verständnis, aber noch weniger Hohn finden.

»Hurrah! Hurrah! Hurrah! Hurrah!« ertönte es aus dreihundert großen und kleinen Kehlen mit großer Präcision, hatte man sich doch den ganzen Nachmittag unter der Leitung des alten Svensson fleißig darin geübt. Diese Huldigung hätte nicht freimütiger klingen können, wenn ein von jubelnder Freude erfüllter Hausherr mit der schönsten, angebetetsten Gattin im Arme mit feurigem, schnaubenden Gespann durch die Reihen gefahren wäre.

Amely blickte die grünen Guirlanden, die Menge und die bunten Laternen an, als erwachte sie eben aus einem Traum. Sie war frei von Schmerzen, fühlte sich jedoch entsetzlich kraftlos, sie konnte keinen Schritt allein gehen, und Gösta mußte sie auch diesmal halb tragen. Oben auf der Treppe wandte er sich um, hielt sie mit dem rechten Arm fest, lüftete mit der linken Hand den betreßten Dreimaster und sagte mit lauter klangvoller Stimme, die laut in die Nacht hinaustönte:

»Liebe Freunde, die Baronin und ich sagen Euch unsern herzlichsten Dank und werden die hübsche Weise, in der Ihr unsere Ankunft feiern wolltet, nie vergessen! Euer Wohl wird uns stets warm am Herzen liegen! Vielen Dank!«

»Die Baronin und ich!« – »Die Baronin und ich!« – Oh, welch' beißender Hohn! – »Wir werden nie vergessen ...« – Nein, das würden sie nicht, auch sie nicht, sie würde keine Zeit dazu haben ...

Er hatte versucht, im Hause alles aufs bequemste für sie einzurichten. Mamsell Stina Lindberg hatte einer alten Haushälterin Platz gemacht, die lange Jahre in Lindenäs gewesen war, bis Frau Ragnhild sie der schlechten Verhältnisse wegen, zu ihrem großen Bedauern hatte verabschieden müssen. Die übrigen Dienstboten aus der Zeit seines Vaters hatte er behalten, die Fürsorge für die Person der jungen Baronin aber ihrer lieben, alten Amme anvertraut.

Baron Gösta war aus Zartgefühl sehr sparsam mit Geschenken gewesen. Er wollte nicht, daß die glänzenden Schmucksachen sie daran erinnern sollten, daß sie ja nie Gelegenheit haben würde, sich damit zu schmücken. Nur ein paar alte Juwelen aus der reichen Hinterlassenschaft seiner Mutter hatte er ihr am Tage des ersten Aufgebots überreicht. Doch Mamsell Ulla Jönsson und die alte Kerstin sollten seine wertvollste Morgengabe sein. Dies war eine Überraschung für Amely, deren nicht geringster Kummer gewesen war, daß sie sich bei ihrer Schwäche und Hilflosigkeit nun von fremden Menschen bedienen lassen müsse. –

Er hatte den alten Svensson verabschiedet und Amely die Treppe hinauf in den gelben Salon getragen. Die Schlaffheit ihres Körpers und die Leichenblässe ihres Gesichtes erschreckten ihn. Sie fiel wie ein Tuch in dem Lehnstuhle zusammen, sobald er sie hingesetzt hatte, und seufzte schwer mit geschlossenen Augen.

Verlegen und unschlüssig stand er ein paar Minuten schweigend da. Dann winkte er mit der Hand nach dem Speisesaal hin, und legte zugleich die andere leicht auf ihre magere eckige Achsel:

»Arme Amely! Versuche etwas einzunehmen, was Dir ein wenig Kraft geben kann.«

Ein beinahe lautloses »Danke« kam leicht über die dünnen Lippen, und sie blickte auf.

Da – stand die alte Kerstin leibhaftig mit einem silbernen Präsentierbrette, auf dem zwei Theetassen und eine kleine Weinkaraffe von funkelndem Krystall standen. Und da stand Mamsell Ulla Jönsson mit einem weißen Häubchen und einer großen, weißen, mit roten Litzen besetzten Küchenschürze und dazu einen, an einem massiven Silberhaken hängenden, respektabelen Schlüsselbund. Beide häßlich, lächelnd und zahnlos, beide alt und treu, beide mit feuchten Augen.

Amelys Wangen färbten sich, und zum erstenmal seit vielen Jahren erfuhr sie eine wirklich ungemischte Freude.

»Kerstin! Ulla! Ist es denn möglich!« rief sie, streckte die Hände aus und betrachtete ihr Geschenk mit so glückstrahlenden Blicken, daß selbst der anspruchsvollste Bräutigam damit hätte zufrieden sein können.

Gösta, der sich ein wenig zurückgezogen hatte, trat hinter dem Stuhl hervor und berührte leicht ihr goldenes, von dem kalten Schweiße der Anstrengung feuchtes Haar.

»Dies ist meine Brautgabe,« sagte er leise.

Sie sah ihn mit ihren blauen Kinderaugen an und antwortete treuherzig:

»Eine liebere hätte ich nicht erhalten können. Gott segne Dich!«

Neben dem Kachelofen stand Ulla mit dem Taschentuche vor den Augen, und die alte Kerstin vergaß den Thee, den Respekt vor dem Baron und die ganze Welt, stellte das Präsentierbrett auf einen Tisch, fiel neben dem Stuhle auf die Knie, verbarg ihr braunes, runzliges Antlitz in den Falten von Amelys Kleide und stammelte:

»Mein Goldkind! Mein Goldkind!«

Als sie allein geblieben waren, ergriff Gösta die Karaffe und goß einige Tropfen Wein in ein Glas. Sollte er auch das andere füllen und seiner Frau den Willkommengruß zutrinken? Nein! Er fühlte instinktartig, daß es heute für sie beide der Maskerade genug gewesen sei, und so richtete er ihr müdes Köpfchen vorsichtig auf und führte das Glas an ihre Lippen, als gäbe er ihr – Medizin ...

Das war der Willkommentrunk der Burgfrau auf Halleborg!

»Ein paar Tropfen nur ... zur Stärkung ...«

»Ich weiß nicht, wie ich Dir genug werde danken können ...«

Er erhob sich und schob einen kleinen Tisch, auf dem eine silberne Klingel stand, neben ihren Stuhl. Dann ergriff er ihre Hand und sagte:

»Unser Hochzeitstag ist zu Ende! Es ist vielleicht am besten, daß wir einander nicht die Gefühle anvertrauen, mit denen wir ihn gefeiert haben. Nur ein Gelübde will ich geben und zu halten suchen: nämlich daß jede absichtliche Kränkung meiner Frau von meiner Seite da zu Ende sein soll, wo die anderer Männer so oft beginnt, auf der Schwelle des eigenen Heims! Gute Nacht! Gott behüte Deinen Schlaf!«

»Gute Nacht!«

Als er in die drei Zimmer, die er seit seinen Schülerjahren bewohnt hatte, eingetreten war, legte er den Frack und den Degen der Adelsuniform ab und zog die Tuchjoppe an, die er beim Arbeiten gewöhnlich zu tragen pflegte.

Alles war in der gewöhnlichen Ordnung. Auf dem Nachttische standen die Cigarren, auf dem Stuhle neben dem Bette lag der Schlafrock und unter demselben standen die Morgenschuhe. Kerstin und Ulla hatten den Befehl, hier alles für ihn beim alten zu lassen, ohne Erstaunen aufgenommen. Draußen im Arbeitszimmer lagen die Rechnungsbücher, die Svensson jeden Sonnabend abzuliefern pflegte.

Das dritte Zimmer aber war verschlossen.

Gösta zog sein Schlüsselbund hervor, suchte einen Schlüssel heraus und öffnete damit die Thür dieses Zimmers.

Dann ergriff er die beiden Wachskerzen und trug sie hinein.

An der Wand hing ein von Meisterhand gemaltes Ölbild von Julia und blickte ihn mit lebensvollen, feurigblitzenden Augen an. Dort stand ihr Schrank, ihr Sofa, ihre Stühle, ihr Nähtischchen und viele, viele andere Sachen, an die sich für ihn Erinnerungen knüpften, bei denen ihm das Herz blutete. Er öffnete einen Wandschrank, leuchtete hinein, strich liebevoll über einige darin hängende Kleidungsstücke und nickte vor sich hin. Richtig! Hier war alles gesammelt, ein paar ihrer Theaterkostüme ebenfalls. Er öffnete den Schreibtisch und nahm einen Gegenstand nach dem andern heraus. Einige schon vergilbte Briefe, die halbfertige Pfeifenschnur, einige alte Bandschleifen, ein paar Spangen und Broschen, Taschentücher, Parfümflaschen ...

Diese heiligen Reliquien hatte er bisher in seinem eigenen Schreibtische und in seinen Schränken verwahrt, wie auch die Möbel über die drei Zimmer verteilt gewesen waren. Doch nun sollten sie alle auf einer Stelle stehen. Sie, die von heute an seinen Namen trug, sollte sie nie sehen. Frau Ragnhild sollte nie auf dem perlfarbenen Sofa sitzen, der alte Kammerjunker nie mit lallender Stimme fragen, was das für ein hübsches Bild sei? Nur in einsamen Stunden, und solcher würde er viele haben, wollte er selbst, er allein, hier den Tempeldienst der Erinnerungen und der Liebe feiern.

Die Spätsommersonne hatte schon angefangen, die Wolken im Osten über dem Spiegel des Hallingssees zu vergolden, als der Majoratsherr von Halleborg von Julia Abschied nahm. Er stellte sich vor ihr Bild, betrachtete es lange, lange und flüsterte:

»Sieh, mein Lieb, nichts soll mich ja von Dir trennen, und deshalb habe ich heute meinen Namen einer gegeben, die weiß, daß sie mein Herz nie besitzen wird, darum wird nie ein anderes Weib als Herrin über Halleborgs Schwelle treten als sie, die wie Du im Frühlinge des Lebens zum Tode verurteilt worden ist!«


Schweigend und mit geschlossenen Augen saß Amely im gelben Salon. Kerstin und Mamsell Ulla gingen auf den Zehen im Speisesaale umher und warteten vergebens auf den Ruf der kleinen Silberklingel. Schließlich gingen sie zu ihrer jungen Herrin hinein.

»Frau Baronin, ich fürchte ...« begann Ulla.

»Goldkind ... Frau Baronin ... Sie müssen ins Bett. Seien Sie der alten Kerstin nicht böse ... es ist nichts wert, daß Sie übermüde werden.«

Und so führten die beiden Alten sie in ihr Schlafzimmer, in das Brautgemach.

Diese Kinderseele in dem gebrochenen Leibe hatte nie an das, was innerhalb der vier Wände eines solchen Gemaches vorgeht, gedacht. Nie von der Seligkeit des Besitzrechtes geträumt, die mit bebender Hand die Thüren verschließt ... Nicht von dieser Sehnsucht, die unschlüssig vor ihrem eigenen Ziele steht und sich wie aus Scherz selbst hinauszieht, nicht von bebenden, fieberheißen Fingern, die an der Myrtenkrone nesteln und das lockige Haar in Unordnung bringen, während die Lippen stammeln: »Darf ich Dir helfen, mein Lieb?« Doch ihr weiblicher Instinkt lehnte sich gegen dieses kolossale Paradebett und diese vier alten Frauenhände auf, die freundlich mit geschäftigem Eifer Kranz und Schleier lösten und ein Thun, das ihnen nicht oblag, profanierten. Oh! Sie wußte nicht, woher dieses beklemmende Gefühl kam, sie wußte nur, daß sie sich in eines der allerkleinsten Turmzimmer hinauf sehnte, in ein Stübchen mit einem Sofa und ein paar Stühlen, ohne Blumen und Armleuchter, ohne Luxus und Pracht ...

Als sie allein geblieben, die Lichter ausgelöscht hatte, und alles um sie herum still war, begann sie in Gedanken noch einmal diesen Tag zu durchleben ... ihren Hochzeitstag, mit all den körperlichen Schmerzen und der Seelenqual, die er ihr verursacht hatte.

Vom Morgen an, da die Küsse der kleinsten Schwester ihr die Wangen erwärmt hatten und die Thränen der Mutter auf den Brautkranz gefallen waren ... wo war Baron Gösta da gewesen? ... bis zu dem Hurrahrufen hier auf Halleborg.

Wie fest und ruhig hatte seine Stimme geklungen, als er die Leute anredete! ... Wie schön war der See, wie zauberisch der Park im Mondschein gewesen! Was mochte er nur vorhaben? ... Konnte er schlafen? ... »Hurrah, Hurrah!« ... Wann würden sich die Halleborger Leute, Groß und Klein, Männer und Frauen, wieder so vollzählig versammeln? ... Huhu, sie wußte es. Dann würde nicht Hurrah gerufen werden, keine bunten Laternen würden leuchten, aber der Besitzer von Halleborg würde fröhlicheren Sinnes sein, als er es heute gewesen war! Dann würde er allein in seinem Wagen sitzen, in demselben Wagen wie heute abend, dem allerbesten, und viele andere Wagen würden folgen, und alle Leute würden so ernst aussehen und die Glocken läuteten ...

Doch voran würde sie fahren, die Baronin Amely Hallenhjelm, geborene von Silfverspjüt. Doch dann würde sie weiß gekleidet sein, nicht schwarz wie heute, und niemand brauchte dann zu fürchten, daß sie durch Schwäche und Leiden die programmmäßige Feierlichkeit störte. Und der alte Präpositus würde sie in der Kirche vor dem Altare empfangen, an derselben Stelle, wo sie vor fünf Jahren im Kreise der Konfirmanden stand. Und Mama und die Kleinen würden heftig weinen ... Und er dort drinnen würde ihr vielleicht ein wenig dankbar dafür sein, daß sie so still und ordentlich in der möglichst kürzesten Zeit ihren Teil des Kontraktes erfüllt hatte ... Und die liebe Stimme des alten Predigers würde wohl ein wenig beben, wenn er die kleine schwarze Schaufel über dem Sarge seines liebsten Beichtkindes erhöbe.


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