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Viertes Kapitel.
Ein sündhafter Gedanke und ein schändlicher Plan

Es ist etwas Wunderbares mit dem Frühlinge! Er gönnt der Sorge, der Krankheit und der Vernichtung keine Ruhe. Ist etwas wirklich verwittert, so stürzt es in der Frühlingszeit ein, und schwaches zitterndes Lebenslicht erlischt gewöhnlich, wenn »die Knospen springen,« in dieser großen »Zugzeit« der Schwindsüchtigen. Doch alles, was nicht sterben will, erhält verdoppelte Lebenskraft. In Göstas Adern rann das Blut schneller, die erwachende Natur der schönen Begüterung machte auf ihn einen tieferen Eindruck als je zuvor, sie drang förmlich auf ihn ein, kam durch die offenen Fenster, weckte ihn mit Vogelgezwitscher, schläferte ihn mit Wogengeplätscher ein und machte sein Blut mit dem in den Laubbäumen steigenden Safte um die Wette sieden.

Mit der zunehmenden Unruhe seines Gemütes trat auch die Erinnerung an Julia schärfer hervor. Er beweinte sie schmerzlicher als er es seit lange gethan hatte, er machte eine lange beschwerliche Kanalreise nach Stockholm, wo er kaum etwas anderes sah als das weiße Kreuz auf dem Katharinakirchhofe, er kam zurück und lebte in seiner Erinnerung, las ihre kurzen Briefchen und ließ ihre kleinen Geschenke durch die Finger gleiten.

Doch dazwischen studierte er eifrig die Halleborger Fideikommißurkunde.

§ 17 war klar und deutlich, und er war ja selbst Jurist. Doch eines Tages saß er in Jönköping in dem Büreau des geschicktesten Obergerichtsadvokaten und bat ihn um seine Ansicht über die Deutung dieses Passus. Doktor L. las die ganze Urkunde aufmerksam zweimal durch und § 17 sechsmal. Dann blickte er seinem Klienten erstaunt ins Gesicht und fragte:

»Entschuldigen Sie, Herr Baron, haben Sie nicht in Lund Ihr juristisches Examen gemacht?«

»Ja, aber ...«

Doktor L. schlug das kleine, in dauerhaftes Schweinsleder gebundene und mit einer Holztafel, in der das Hallenhjelmsche Wappen in Wachs lag, versehene Pergamentheft zu und reichte es Gösta.

»Nun?«

»Sie sind in dem Alter, Herr Baron, wo man allein lesen kann. Die Sache ist sonnenklar. Nein, ich danke sehr! Dies ist kein juristischer Rat! Ich lasse mich nicht dafür bezahlen, wenn ich einem mir Begegnenden sage, wieviel Uhr oder welcher Tag in der Woche es ist. Adieu, Herr Baron!«

Und die Zeit eilte dahin, und am 21. August würde Vetter Karl Emil in die Halle treten und fragen, ob der Herr Baron zu sprechen sei. Großer Gott! Bis dahin waren kaum mehr als drei Monate.

Gösta fuhr verzweifelt auf und machte sich selbst über diese eigensinnigen Gedanken Vorwürfe. Er hatte ja genug für ein einsames Leben in Trauer und Sorge. War es denn nicht gut, daß er mit allen diesen Äußerlichkeiten, die sich auf ihn eindrängten und sich seinen Gedanken aufzwangen, brechen und sich einsam, ungestört in die Erinnerungen seines kurzen Liebestraumes versenken konnte?

Nein? Das alte Heim fesselte ihn mit tausend unsichtbaren Banden, die mit jedem Tage stärker wurden. Er fühlte mit Scham und Entsetzen, daß er an dem Tage seines Abschiedes von Halleborg anstatt einer Herzenswunde zwei haben würde.

Da schlich sich langsam und unmerklich ein gemeiner, abscheulicher Gedanke in seine Seele ein, ein Gedanke, den er anfänglich nicht einmal zu denken, nur zu träumen wagte.

Er träumte, daß in stiller dunkler Nacht eine unsichtbare Hand nach der Urkunde griffe, leise über das vergilbte Pergament hinstriche und sie dann wieder auf ihren Platz legte. Doch da ging die Morgensonne auf, und ihre Strahlen zeigten ihm Fräulein Amelys bleiche, abgezehrte Hand. Und als er dann den schrecklichen § 17 wieder durchlas, erschien ihm dieser gar nicht mehr so entsetzlich, es kam ihm vor, als schlösse derselbe ihn gar nicht mehr von Halleborg aus. Im Wachen bei klarem Bewußtsein war ihm einmal der verzweifelte Gedanke gekommen – ganz einfach die Bedingung der Fideikommißurkunde zu erfüllen, sich eine Braut zu wählen, ihr ehrlich zu sagen, daß sie ihr Zusammenleben nicht als eine Ehe, sondern als ein Geschäft betrachten wollten, bei dem sie ihm das Gut seiner Väter sicherte und er ihr eine unabhängige Zukunft böte. Doch diesen Gedanken hatte er sofort mit Abscheu zurückgewiesen. Wie könnte er auch eine junge Frau von Fleisch und Blut, ihm gleichstehend und seinen Namen tragend, in die Welt einführen, deren körperlose, unsichtbare Herrscherin Julia noch immer war. Was er einer Frau bieten konnte, war überdies ein Schimpf, den Gold auf die Dauer nicht aufwägen konnte. Die schiefe Stellung mußte in dem Herzen der ausersehenen Retterin Bitterkeit erwecken und – zu der inneren Demütigung würde sich am Ende gar noch ein befleckter Name gesellen.

Doch Amely ... schon halb der Erde entrückt, leidend und abgezehrt, hatte sie außer der Liebe für die Ihrigen beinahe alle anderen Interessen verloren. Und diese Liebe war es gerade, worauf er rechnete, an ihr konnte er ihr, für das, was sie ihm gab, Ersatz geben. Sie sollte ihre Augen mit der Gewißheit schließen, daß die Not nun für immer aus Lindenäs vertrieben, ihr Vater sich keine Demütigungen mehr gefallen zu lassen und die Mutter nicht mehr für die Zukunft zu sorgen brauchte, sowie daß die Geschwister eine angemessene Erziehung erhielten, ja sie würde vielleicht noch erleben können, daß Wohlstand nicht nur im Hause herrschte, sondern ihre teure Heimat auch äußerlich ein gutes, behagliches Heim für ihre Lieben würde. Ihr konnte er ja vieles bieten, ihr würde er keinen jungen, lebenswarmen Traum von Glück und Liebe zerstören. Sie würde nie fordern, was er nicht geben konnte.

Pfui, pfui! Wollte er denn die letzten Lebensmonate einer reinen Kinderseele mit einem solchen Handel beflecken! Und wie konnte er Amelys Mutter, der hochsinnigen, seelenstarken Märtyrerin, der warm und fein empfindenden Frau, zu der er sich mit jedem Besuche auf Lindenäs mehr hingezogen fühlte, einen solchen Vorschlag machen, ohne vor Scham in die Erde sinken zu müssen! Niemals!

Drei Tage, nachdem er dieses »Niemals« ausgerufen, hatte er – Frau von Silfverspjüt alles anvertraut ...

Er war eines Tages nach Lindenäs gekommen, da der Kammerjunker in einer unglücklichen Stunde berauscht, und mit dem Gesinde ins Handgemenge gekommen war, sich entwürdigt und das ganze Haus in Verzweiflung gebracht hatte. Schließlich hatte er sich in seinem Zimmer im oberen Stock schlafen gelegt, die Kinder hatten sich, das eine hierhin, das andere dorthin geflüchtet, wie Sperlinge bei einem Gewitter, und Gösta hatte sich mit der Hausfrau allein im Wohnzimmer befunden.

Er beugte sich über ihre Hand und drückte einen ehrfurchtsvollen Kuß darauf.

»Wenn Sie wüßten, wie aufrichtig ich beklage, gerade jetzt gekommen zu sein! Ich hätte mich am liebsten gleich wieder verabschiedet, wagte aber nicht allein mit ...«

Sie lächelte so schmerzlich, daß es ihm ins Herz schnitt, das graue, aufrechte Haupt bebte leicht und es schimmerte feucht in den guten, ausdrucksvollen Augen.

»Mein lieber Freund, nun da ich Sie kenne, bekümmert es mich nicht mehr, wenn auch Sie einen Einblick in unser trübes Leben gewinnen, das uns tief vor rohen gewöhnlichen Menschen, denen mein und der Kinder Leiden unverständlich ist, herabsetzt. Doch als Sie zum erstenmal zu uns kamen, hat – ich kann es nun ja gern sagen – die Wirtin auf Lindenäs Sie nicht mit den allergastfreundlichsten Gefühlen empfangen.«

Er verbarg das Gesicht in den Händen und sagte:

»Sie sprechen von Herabwürdigung und mit Recht. Doch was sind wohl die äußerlichen Demütigungen, die andere uns zufügen, im Vergleiche mit den inneren, die wir erleiden, wenn wir uns selbst auf schlechten Gedanken, gemeinen Plänen, dem Profanieren des Heiligsten und Höchsten, dem Zerstören der eigenen Ideale und dem Verrate an dem Besten, was in uns lebt, ertappen ...«

Sie schüttelte ungläubig den Kopf.

»Was wissen Sie davon!«

»Was ich davon weiß ...«

Und so kam alles hervor, seine Liebe und sein Liebesgram, sein unerklärliches, fast abergläubisches Festhalten an dem Erbe seiner Väter und seine wahnwitzigen Fieberträume von der einzigen Möglichkeit ...

Als er geendet, blickte er zu ihr hinüber.

Sie sah erstaunt aus, aber er suchte vergebens nach dem harmvollen Ausdrucke, den er in ihrem feinen intelligenten Gesicht zu finden erwartet hatte.

»Höre ich recht? Sie haben mich noch nicht gebeten zu gehen? Sie weisen mir nicht die Thür und befehlen mir nicht, mich nie wieder blicken zu lassen?«

»Großes Kind!« flüsterte sie und streichelte leise seine auf der fadenscheinigen Sofalehne ruhende Hand. »Große Gedanken und schwache Kräfte! Romantische Gefühle und entwürdigende Einfälle! Abgötterei mit der Liebe und Befleckung ihres himmlischen Siegels! Ein Mensch wie wir alle. Weshalb sollte ich Ihnen zürnen?«

Gösta wurde dunkelrot. Wohl demütigten ihre Worte ihn, doch zugleich entzündeten sie auch einen Funken von Hoffnung. Er sprang auf und trat vor sie hin.

»Ja wir sind schwache Menschen, und es ist vielleicht nicht recht, zuviel von uns zu verlangen. Unser Thun kann oft schlimmer erscheinen als das ihm zu Grunde liegende Wollen es ist. Wem würde es schaden? Vielleicht finden Sie meinen Traum nicht so wahnwitzig, vielleicht wollen Sie ...« Sie erhob sich und legte kalt und ruhig die Hand auf seinen Arm.

»Halt, Herr Baron Hallenhjelm! Man kann verstehen, ohne zu billigen, man kann Mitleid haben, ohne um jeden Preis helfen zu wollen. Ihr Plan ist simpel, er treibt mit der Ehe Spott. Ich kann Ihnen Ihre Gedanken verzeihen, aber ich muß Ihnen sagen, würden wir auch noch zehnmal ärmer, als wir es sind: unser Kind verkaufen wir doch nicht.«


Vierzehn Tage später aber war es geschehen. Das Leben besteht aus Kompromissen.


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