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Erstes Kapitel.
Ein ausgeträumter Liebestraum

Es war in Stockholm, in dem Stockholm der dreißiger Jahre, jener Stadt, die uns August Blanche so lebendig und naturgetreu geschildert hat, daß wir als Rahmen des kurzen Prologes unserer Erzählung nur ihren Namen zu nennen brauchen.

Es war ein schneidend kalter Wintertag zu Anfang Februar und ein stürmisches Schneegestöber vergrößerte das Unbehagen aller, die ausgehen mußten, ließ sie ihre Schritte beschleunigen und verlieh dem Straßenverkehr jenen unruhigen, fieberhaften Charakter, der ein im Aufbruche begriffenes Armeecorps oder einen Oktoberumzug bei Regenwetter kennzeichnet.

Doch einer schien nicht solche Eile zu haben. Vom Katharinenkirchhofe – wo er in einem kleinen verfrorenen Leichenzuge aufgefallen war, und wo er seinen Mietsschlitten verabschiedet hatte, während die übrigen Trauernden, nachdem sie einander die Hand gedrückt, eilig in den ihrigen nach Hause fuhren – war er durch die Altstadt und über die Nordbrücke so langsamen Schrittes gegangen, als spazierte er an einem sonnigen Sommertage zu seinem Vergnügen durch unsere schöne Hauptstadt.

Er empfand augenscheinlich keine Kälte und hatte sicherlich kein Auge für den wirbelnden Schnee.

Doch wenn einer der eiligen Fußgänger, die ihm begegneten, sich zufällig die Zeit nahm, einen Blick auf das Antlitz des stillen Wanderers zu werfen, blieb er unwillkürlich stehen und erschrak über den Ausdruck unaussprechlichen, hoffnungslosen Kummers, der sich in diesen Zügen aussprach.

Die Züge waren schön. Der Kopf war edelgeformt, die Augen groß und dunkel, die kühngebogene Adlernase vielleicht ein wenig zu groß, der kleine, fein geschnittene, von einem schwarzen Schnurrbärtchen überschattete Mund jedoch wahrhaft ideal mit purpurnen Lippen und die Wangen fein gerundet, wenn auch nun weiß wie Schnee. Jetzt stand er einen Augenblick still, lüftete die Pelzmütze und wischte sich mit einem der sehr großen, dazumal gebräuchlichen, buntseidenen Taschentücher den Schweiß von der hohen, breiten, weißen Stirn. Schweiß bei 25 Grad Kälte, bei seinem ruhigen Gange und der Leichenfarbe seines Gesichts! Reiches, kohlschwarzes Haar, ohne jegliche Beimischung von Grau, lockte sich über der Stirn, und das Gesamtbild kennzeichnete den Typus eines jungen Aristokraten, der Jahrhunderte hindurch, ohne andere Beimischung als die des edelsten Blutes, in den ersten Kreisen des Reiches der Rasse den Stempel der Vornehmheit immer schärfer aufgedrückt, und gab der Schönheit, die so vollkommen war, daß sie dem Gesichte leicht Männlichkeit und Charakter hätte rauben können, einen edlen Ausdruck. Ein wenig zu weich war es jedoch vielleicht in jedem Falle für einen Mann, der wie ein Dreißiger aussah. Augenblicklich aber hatte die Verzweiflung, welche die Züge hatte erstarren lassen, ihm einen Ausdruck gegeben, der an ein Marmorbild erinnerte. Eine schwere auf Schlitten ruhende von vier Rappen gezogene Karosse, ein dazumal ebenso gewöhnliches, wie heutzutage seltenes Fuhrwerk, ließ ihn durch ihr betäubendes Schellenklingen zusammen fahren. Nachdem er den Gruß des stattlichen Paares, das ihm durch die mit Eisblumen verzierten Wagenfenster zunickte, nervös erwidert hatte, beschleunigte er seine Schritte, und als fürchte er, noch öfter Bekannten zu begegnen, ging er über den Gustav-Adolfsplatz und bog in die Schmiedestraße ein. Seine hohe, aufrechte Gestalt, die ein kurzer Pelzrock umschloß, machte sich nun weit mehr geltend als vorher bei dem schlaffen nachlässigen Gange, und er erhob den Kopf, während er die Fensterreihen auf der rechten Seite der Straße musterte.

Plötzlich fuhr er zusammen, als fühlte er jetzt erst den schneidenden Wind, doch nein, ein Gesicht an einem Fenster im dritten Stockwerke eines der ältesten Häuser hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Einige Minuten später war er dort oben und traf in der Thür dasselbe Gesicht, ein altes runzliges Frauenantlitz, das, nach der ärmlichen Kleidung der Alten zu urteilen, einer ziemlich einfachen Dienerin angehörte. »Oh, Herr Baron, Herr Baron! Liegt mein Goldkind, mein liebes Fräulein, nun in der kalten, harten Erde? Verzeihen Sie mir! Ich ... kann nicht .. mehr ...« Und die Alte sank kraftlos auf einen Stuhl neben der Thür nieder.

Da schmolz die Eiskruste, die bisher über den bleichen Zügen des jungen Mannes gelegen hatte, er zitterte am ganzen Leibe, und die großen, schwarzen Augen füllten sich mit Thränen.

»Ja, Malena, nun sehen wir sie nicht mehr, doch nie, nie wird sie vergessen werden!«

Der Kummer verbrüdert. Das junge, schwarzlockige, schöne Haupt lag im nächsten Augenblick neben dem alten, welken, grauen. Der junge Edelmann und die arme alte Dienerin weinten sich, allen Geboten der Etikette trotzend, Brust an Brust aus.

Die Verhältnisse, unter denen die alte Malena und der junge Baron Gösta Hallenhjelm von und zu Halleborg Bekanntschaft gemacht und Freundschaft geschlossen hatten, waren auch nichts weniger als konventionell gewesen. Malena stand im Dienste der schönen Mamsell Julia Malmborg vom Hoftheater, und Baron Gösta war, wie ganz Stockholm sagte, Mamsell Julias Geliebter. Niemand auf der ganzen Welt wußte so gut wie die alte Malena, wie falsch dieses Gerücht in der Bedeutung, die man ihm gab, war. Niemand wußte besser, wie achtungsvoll und ritterlich Baron Gösta ihrer Herrin huldigte, und daß Mamsell Julia, wäre sie auch eine geborene Gräfin mit einer Legion von Freunden und Verwandten gewesen und hätte im Schutze eines prächtigen Schlosses gelebt, nicht ein bißchen besser behütet worden wäre, als nun von Baron Göstas Liebe.

Und nur die alte Malena wußte, wie manches Mal Gösta mit glühenden Wangen und zornig zusammengepreßten Lippen die Treppe herauf gestürmt war und seinem Harme über eine seinen Liebling beleidigende Äußerung mit den Worten Luft gemacht hatte:

»Nein, Julia, jetzt kann ich es nicht mehr ertragen! Jetzt soll die Welt wissen, wie die Sache eigentlich steht, daß Du mein Weib werden sollst und nun meine Braut bist, die auf die Achtung aller Menschen Anspruch machen kann. Diese gemeinen Anspielungen und Nadelstiche bringen mich um. Morgen schreibe ich an meinen Vater.«

Nur die alte Malena wußte, daß Mamsell Julia dann den Aufgeregten nach dem kleinen perlfarbenen Sofa mit dem gewürfelten Bezuge vor dem Theetische zu führen pflegte, daß sie dort die Arme um seinen Hals legte und flüsterte:

»Ich danke Dir, mein Liebster! Du bist mein und willst mir alles geben, habe Dank dafür! Ich will auch nicht entsagen, nichts auf Erden wird mich hindern, einst Dein Weib zu werden ... einst ... Doch ich bebe vor dem Sturme, der sich erheben wird, und ich bin jetzt so glücklich. Laß uns warten, Gösta! Wer weiß, ob uns je wieder eine so ruhige, friedliche Freudenzeit, wie wir sie jetzt genießen, beschert werden wird? Ich fürchte den Zorn Deines Vaters. Er liebt Dich, er wie ich, und ich fühle, daß dies euch einander entfremden wird. In meinen schlaflosen Nächten denke ich oft daran, wie sich das Schicksal des alten Mannes gestalten wird, und ich muß dann weinen. Ach, behalte uns beide noch ein wenig!«

»Aber ... Du weißt nicht, was man von Dir sagt ...«

»Doch! ich weiß es, Gösta! Eine Schauspielerin kann ihr Ohr solchen Dingen nicht verschließen, wenn auch ihr Herz nicht davon befleckt wird; man sagt, Julia Malmborg sei Baron Gösta Hallenhjelms Geliebte. Was thut das? Es ist Dein Verdienst, Geliebter, daß dies nicht wahr ist! Ich vertraue Dir, wie ich Gott vertraue. Wohin Du gehst, will ich auch gehen.«

»Ich will, daß Du mit mir vor den Altar treten sollst.«

»Ja, ... warte nur noch ein wenig. Wenn die Theatersaison vorüber ist ...«

Dann brauste er auf, hielt sie auf Armeslänge von sich ab und sagte:

»Du heuchelst, Julia! Die Künstlerin in Dir will nicht von ihren ehrgeizigen Träumen lassen. Die Schauspielerin will nicht auf die erhofften Rollen verzichten, um künftig nur eine zu spielen, die meiner Hausfrau.«

Da stützte sie nachdenklich den Kopf in die Hand und sagte leise:

»Du hast unrecht, aber etwas Wahres liegt doch in Deinen Worten. Ich liebe meine Kunst, und man hat mir gesagt, daß aus mir noch etwas werden könnte. Wäre es denn so schwer noch ein wenig zu warten, ehe wir einen Sturm über uns heraufbeschwören? Kann Dein Vater nicht noch ein paar Monate seine Zukunftspläne und ich meinen Künstlertraum behalten?« – Der alte Baron Rutger Hallenhjelm von und zu Halleborg erkrankte, starb und wurde begraben. Als der aufgeregte und tief erschütterte Gösta seiner Julia die Todesbotschaft mitteilte, sah er ein sonniges Lächeln über ihr Antlitz gleiten. Er wandte sich ab.

»Ich kann begreifen und entschuldigen, daß Du dich über den Tod meines Vaters freust. Aber ... es thut mir doch weh, daß Du's mir so deutlich zeigst, Julia ...«

Da zog sie ihn wieder auf das alte, perlgraue Sofa nieder und fesselte ihn mit ihren weichen, runden Armen.

»Wem hast Du dafür zu danken, daß Dein Vater Dir seine Liebe ungetrübt bewahrte und auf dem Sterbebette seinen einzigen Sohn segnete, daß er, der Einsame, der Witwer, der auf der ganzen Welt nur Dich hatte, in seinem alten Herzen die Vaterliebe nicht verzweifelt mit dem verletzten Stolze kämpfen sah?«

Gösta beugte das Haupt und küßte ihre kleine Hand.

»Dir allein.«

»Und nun erlaubst Du mir nicht einmal, mich dessen zu freuen! Siehst Du, dieser Gedanke war es, der mich erfreute, nicht die Gewißheit, daß der Erbe von Halleborg nun frei von jeder Fessel ist.«

Als die alte Malena das einfache Abendessen auftrug, war von Hochzeit und Wohnungsmiete, vom Zurückgeben der Rollen und einem stillen Restchen der Liebe in Ruhe und Frieden die Rede.

Doch als Malena die Thür hinter sich geschlossen hatte, flog ein Schatten über Julias Züge, sie schmiegte sich inniger an ihren Bräutigam und sagte:

»Du darfst das Schreckliche in der Fideikommißurkunde, worüber wir schon ein paarmal gesprochen haben, nicht vergessen. Paragraph 17 war es, glaube ich. Was steht eigentlich darin?«

Gösta lächelte, nahm eine andächtige Miene an, faltete die Hände und begann in einem Tone, als wollte er den Katechismus aufsagen:

»Fällt das Majorat einem unverheirateten Majoratserben zu, muß dieser, spätestens vor dem zurückgelegten fünfunddreißigsten Jahre, mit einer edlen, tugendhaften Jungfrau aus guter adeliger Familie in den Stand der heiligen Ehe treten, sofern er das Majorat behalten will. Ist er beim Eintritt in sein sechsunddreißigstes Jahr noch unvermählt oder anderweitig, als hier oben angegeben, verheiratet, so geht das Fideikommißrecht an den, infolge dieser Urkunde, nächstberechtigten Erben über, im letzteren Falle sofort, sowie der Inhaber eine nichtadelige Ehe geschlossen.

Fällt das Majorat einem unverheirateten Erben über 35 Jahre zu, muß er, um das Fideikommißrecht behalten zu können, innerhalb zweier Jahre nach seinem Antritte der Begüterung, mit einer edlen, tu ...«

»Genug! Der erste Punkt gilt ja nur für Dich. Hast Du darüber nachgedacht, daß Du zwischen Halleborg und mir wählen mußt?«

»Ja, mein Lieb, die Wahl ist schon lange getroffen, und sie ist mir leicht geworden.«

»Und Du wirst es nie bereuen.«

»Niemals!«

»Nein, jetzt vielleicht nicht, aber dereinst, wenn Deine Julia alt und grau ist, wenn Deine eigene Kraft vielleicht erschlafft, Deine juristische Karriere, die Dir bisher nur ein Spiel war, fortzusetzen, wenn Enttäuschungen und Sorgen kommen, wie wird es dann werden, Gösta?«

»Immer, immer dasselbe! Seligkeit bei Dir und Qual und Sehnen dort, wo Du nicht bist!«

Sie konnte, sie durfte ihn nicht länger versuchen; ihre unruhigen Fragen und seine warmen Versicherungen erstarben in einem langen, innigen Kusse, der so lange wiederholt wurde, bis Halleborg mit allen seinen Herrlichkeiten so zusammengeschrumpft und so klein geworden war, daß Julia es mit ihrem rosigen kleinen Finger hätte zudecken können.


Ein Windstoß? Ein verräterischer Hauch? Ein Todeskeim, der vielleicht schon lange unter der Hoffnung des Lebens und der Liebe gelegen? Was weiß man davon? Acht Tage später war Julia Malmborg eine Leiche und weiter nichts ...


Diese Gedanken fuhren durch die beiden Köpfe, die sich in düsterer Verzweiflung aneinander lehnten; das eine alt, gewöhnlich und grob geschnitten, das andere schön, edel und dunkellockig, doch beide durch die Liebe und die Sorge vereint, die sowohl in dem alten wie in dem jungen Herzen lebten. Das graue Haupt erhob sich zuerst.

»Oh, Gott tröste mich, wie kann ich alte Person mich so vergessen. Sie müssen der alten Malena verzeihen, Herr Baron, um ... um Fräulein Julias willen ...«

Gösta erhob sich und streichelte mit seiner feinen, schmalen Hand, das braune, runzlige Gesicht. »Liebe alte Malena! So lange Du lebst, sollst Du bei mir bleiben und mir von ihr erzählen ...«

»Hier sind die Schlüssel zum Tischauszuge und zur Kommode, Herr Baron.«

Er nahm sie und öffnete die Thür des letzten der drei kleinen einfach, beinahe ärmlich möblierten Zimmer, die selbst nach damaligen Begriffen für die »Geliebte« des steinreichen Fideikommißerben von Halleborg keinen passenden Rahmen abgaben.

»Geliebte!« Oh, jetzt war ihm jede Möglichkeit abgeschnitten, diesen Schimpf abzuwaschen!

»Niemand darf mich stören, nicht einmal Du, Malena!« Und damit steckte er den Schlüssel in die oberste Schieblade der Kommode, doch als er darin die halbfertige Pfeifenschnur von blauen und weißen Perlen, an der sie für ihn gearbeitet hatte, erblickte, fiel er auf die Kniee und sein Körper erbebte unter konvulsivischem Schluchzen.


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