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Zehntes Capitel.

Geschichte eines Briefes.

Fränzchen Heunisch hatte schon drei Tage auf Herrn Sylvester gewartet.

Dieser sonderbare Mann war nicht mehr gekommen.

Die wohlüberlegte Erklärung, die sie ihm hatte geben wollen, der in ihrem Sinne artig gewandte Dank war ihr gleichsam auf der Zunge liegen geblieben; sie war ihn nicht los geworden.

Jeden Augenblick konnte Herr Sylvester sich nun wieder sehen lassen. Wie leicht möglich, daß er mit Armand zusammentraf!

Erschrocken über diese Möglichkeit entschloß sie sich, ihm zu schreiben. Wußte sie auch seine gegenwärtige Wohnung nicht, so kannte sie doch genau seine frühere, Königsstraße Nr. 13. Sie hoffte dort schon erfahren zu können, wo sie den Brief würde abzugeben haben.

Einen Brief! Einen Brief schreiben Menschen, die wie Franziska Heunisch in beengten Verhältnissen leben, nicht so schnell wie Leute, die sich die Welt, in der sie leben, früh mit dem Gänsekiel erweitern. Nicht etwa wegen der Gedanken. Die lagen ganz klar und wohlgeformt schon im Kopfe des jungen, sich immer mehr entwickelnden Mädchens. Aber die Schreibmaterialien! Der ganze Umstand dabei! Was fehlte nicht Alles!

Sie nahm rasch ihren Hut, schlug ein leichtes Flortüchelchen um den Hals, klinkte die Thür leise auf und schlich die Treppe hinunter, um eine geschnittene Feder, Oblaten und Papier zu kaufen. Mit diesem Reichthum sprang sie in ihren Hinterhof zurück, nicht ohne einen Blick zu dem goldnen »Louis Armand, Vergolder« hinaufzuwerfen, nicht ohne einen sonderbaren Schreck, den sie hatte, als neben dem mit Gardinen verhangenen Fenster ihres angebeteten Freundes aus einem andern Fenster ein Kopf rasch sich zurückzog, bei dem es ihr doch fast war, als hätte sie ausrufen müssen: Himmel, Das ist ja Herr Sylvester!

In der Hausflur blieb sie eine Weile ganz betroffen stehen. Bald entdeckte sie aber in ihrer Erinnerung an diese plötzliche Erscheinung ein verschiedenes Haar und manches andere von Herrn Sylvester Abweichende. Sie mußte sich oben sagen: Du bist so lebhaft mit der Vorstellung an deinen Brief beschäftigt, daß du nichts hörst und siehst als Die Menschen, die dich armes Kind wie einen Spielball hin- und herwerfen!

Als sie wieder oben war, fand sie Alles so still und schlummernd, wie sie die kleinen Zimmer verlassen. Sie erschrak, daß sie ihr Nähtischchen nicht verschlossen hatte, doch fand sie Alles unversehrt. Sie hatte jenes Gefühl, das uns in solchen Augenblicken sagt: Ohne Leben war es inzwischen in dem stillen Raume doch wol nicht! Kleine Geister huschten gewiß auf und ab, lasen, was sie nicht sollten, kramten, wo sie nicht durften, legten aber Alles ganz wieder so unversehrt hin, als wäre nichts geschehen!

Jetzt wollte sie schreiben und erschrak, daß sie die Tinte vergessen hatte. Es war ein Gefäß dafür da, es stand immer in der Ofenröhre, aber es war eingetrocknet... Sie goß Wasser dazu und rührte mit einem Spahn den schwarzen Brei um. Er gab hinlängliche Flüssigkeit, um einen kurzen und bündigen Brief zu schreiben.

Als sie fertig war, schloß sie das Geschriebene mit einer von den neugekauften Oblaten. Sie hatte, so oft sie in ihrem Leben schon Briefe geschrieben und mit bunten Oblaten gesiegelt hatte, immer solche Farben für diesen Zweck gewählt, wie sie dem Verhältnisse, an das sie schrieb, zukamen. Fröhlichen Menschen und Freunden leichter Art, dem Onkel nach Plessen, siegelte sie mit rothen Oblaten; Treuen, Beständigen mit blau; an Louis Armand hätte sie gewiß eine grüne Oblate, die Farbe der Hoffnung gewählt. Für den Professor Sylvester wählte sie eine gelbe.

Glücklicherweise erwachte jetzt die alte Märtens. Fränzchen konnte also ihrem Drange sogleich folgen und den fertigen Brief in die Königsstraße Nr. 13 tragen. Sie ordnete das Band an ihrem Hute, ihr Haar, sie legte sich einen hübschen gestickten Kragen um den schönen, etwas brauninkarnirten Hals, nahm die weiße Florecharpe gar zierlich über Schulter und Arme, zog sich ein paar alte, aber sehr gepflegte dunkle Handschuhe an, verbarg den Brief in einem Taschentuche und machte sich mit der Erklärung, sie käme in einer kleinen halben Stunde wieder, auf den Weg. Die Frau Tischlermeisterin hatte es gern, wenn das junge Mädchen, dem sie im Ganzen sehr zugethan war, sich nach Tische etwas »Motion« machte. Sie nannte sie »versessener« als sie sein sollte.

Franziska war es als brennte der Boden unter ihr. Sie fühlte, da sie nun den geliebten Freund wiedergesehen und er sie mit fragendem theilnehmendem Schmerze betrachtet hatte, daß sie Alles aus dem Wege räumen müsse, was sie möglicherweise von Louis' Vertrauen trennen konnte. Auch mit Heinrich Sandrart gedachte die kleine Schönheit kurzen Prozeß zu machen und überlegte sich schon den Brief, den sie auch an diesen gleich nach des Onkels Abreise schreiben wollte. Von einer Mitreise nach dem unheimlichen Forsthause, in den engen Wald, wo die gelben Blumen auf dem Sumpfe und die weißen Zuckerkügelchen auf den gestrichenen Zwetschenbroten ihr eine grauenvolle Erinnerung boten, war jetzt, wo ihr Louise Eisold den »Muth des Herzens« eingeflößt hatte, keine Rede.

Fränzchen kam in die lange geräuschvolle Königsstraße und suchte nach der Hausnummer. Sie fand sie bald. Es war ein großes stattliches Haus mit vielen Stockwerken und mit einer großen Anzahl von Fenstern. Ein Hinterhaus war nicht sichtbar. Sie hatte geglaubt, die erste Anfrage schon würde ihr die Klingel zeigen, wo sie ihr Briefchen abgeben könnte. Unten waren nur Läden, im ersten Stocke wohnten die Besitzer derselben. Im zweiten verwies man sie in den dritten. Niemand kannte einen Professor Sylvester. Niemals hatte ein französischer Sprachlehrer dieses Namens hier gewohnt. Der Gedanke, daß sie von diesem zweideutigen Manne, der »grünen Brille«, könnte getäuscht sein, kam ihr sowenig ein, daß sie, als man ihr im dritten Stocke sogar kurzweg die Thüren vor der Nase zuschlug und ein impertinentes »Wohnt hier nicht« zurief, auch noch über eine dunkle, schmuzige, steinerne Stiege in den vierten Stock stieg. Hier sah sie schon die Dächer der Nachbarhäuser. Sollte Herr Sylvester hier gewohnt haben? Die Klingelschilder, die sie fand, konnte sie in der Dunkelheit kaum lesen. Keins zeigte Den Namen, den sie suchte.

Wie sie voller Betrübniß so stand und sich deutlich zurückrief, wie ihr Herr Sylvester anfangs dieses Haus, und nur dieses, das sie im Vorübergehen oft darauf angesehen hatte, als seine frühere Wohnung genannt, war sie unentschlossen, ob sie nun hier doch noch klingeln sollte...

In dem Augenblick hörte sie einen lebhaften Wortwechsel, der hinter einer dieser schon schwarzen, verräucherten Thüren geführt wurde.

Schämen Sie sich, sagte eine alte keifende Stimme; Sie bringen's noch so weit, daß Sie bald Ihr festes Quartier angewiesen kriegen!

Eine andere hellere weibliche Stimme lachte laut auf.

Lachen Sie nur, sagte die ältere Stimme wieder, seit dem letzten male, wo Sie gefaßt wurden, ist dem Oberkommissär schon die Geduld gerissen. Er läßt das Vögelchen nicht wieder fliegen, wenn er's nun beim Fittich hat!

Nur höhnischer Spott von der Andern war die Antwort.

Wann bekomm' ich meine vier Thaler? Machen Sie ein Ende oder... Wesen, ich rathe dir!

Verklagen Sie mich! war die Antwort auf diese wilde, dreifach gesteigerte Apostrophe. Die Gerichte werden Ihnen anstreichen, Miethe für Hausschlüssel zu fodern. Haben Sie einen Gewerbschein auf Hausschlüssel?

Die Alte dämpfte jetzt die Stimme und sprach etwas, was Fränzchen nicht verstand.

Mag ihn nicht! sagte übermüthig lachend die Junge. Wenn ich einen Alten nehmen soll, weiß ich Einen, der viel flotter ist...

Fränzchen wollte auf solche Äußerungen, vor denen ihr sittliches Gefühl schauderte, gehen, aber die Erwähnung eines Alten fesselte sie doch. Sie dachte, sollte Das wol der französische Sprachlehrer sein?

Die Alte sprach wieder etwas leiser...

Die Junge antwortete mit derselben höhnischen Zurückweisung wie vorhin:

Daß Bartusch mir nicht hierher kommt! Ich werf' ihn die vier Treppen hinunter, daß er nicht wissen soll, ob er fliegt oder stolpert.

Die Stimme der Alten wurde etwas hörbarer.

Was kann Ihnen denn, sagte sie, Gold und Juwelen helfen, wenn Ihnen die Polizei die Sächelchen öffentlich abreißt und Ihnen einen Namen als Diebshehlerin anklext! Der Alte, den Sie meinen, wohnt jetzt auch bei uns, hinter den Eisenstangen, wo der Mondsüchtige gewohnt hat. Wir wissen ja, was Pax von ihm hält! Alles paßt ihm auf. Schrecklich, jede drei Tage wird angefragt, was Der mit der schwarzen Binde treibt!

Die Stimme der Jüngern sprach jetzt schwächer.

Fränzchen konnte sie nicht verstehen. Die Erwähnung von dem Manne mit der schwarzen Binde fesselte sie. Es war Der, der bei Louise Eisold eingezogen war!.. In dem Glauben, doch noch vielleicht etwas vom Herrn Sylvester zu hören, blieb sie stehen, unschlüssig, ob sie klopfen sollte.

Sie hörte wohl, daß beide Frauen fortsprachen, aber sie konnte nichts Deutliches mehr unterscheiden.

Leute dieser Gattung streiten sich oft, dann scheint es plötzlich, als wenn sie sich versöhnten, sie lachen sogar und ehe man sich's versieht, bricht wieder die alte Wuth hervor.

So kreischte jetzt eine Stimme auf. Es war die Jüngere...

Meine Ohrringe! schrie sie. Alte, ich bringe dich um.

Nun lachte die Alte. Sie hatte sich ohne Zweifel für die Schuld, die sie bei der Jüngeren beanspruchte, selbst pfänden wollen.

Hinaus! schrie die Jüngere. Spitzbübin! Du hast die Perle abgerissen! Flickschusterin, hinaus, Drache! Wo liegt meine Perle?

Nun, nun, sagte die Alte sie beruhigend und ängstlich, ich will suchen helfen...

Nicht unterstanden! Keinen Griff auf die Erde! Stehen geblieben! Die Hände hergezeigt! Schändliches Weib, meine Perle! Wo liegt meine Perle?

Glasperle! Zwei Dreier an Werth! lachte die Alte. Der Plundermatz verkauft welche für vier Pfennige.

Es dauerte eine Weile, bis wieder gesprochen wurde... Wahrscheinlich suchte die Jüngere auf der Erde, während die Alte tückisch lachte und sich nicht rühren durfte, damit sie unter dem Schein zu suchen nichts einsteckte. Wir kennen dies Talent der Frau Mullrich von den drei Thalern her, die sie für Hackert suchen half.

Da ist sie ja! rief sie aber doch zuletzt. Und nun hab' ich keine Geduld mehr! setzte sie ärgerlich und giftig polternd, angeschwollen von ihrer bewiesenen Ehrlichkeit hinzu: Dem Grauen schließt sie die Thür, meine vier Thaler gibt sie mir auch nicht! Sie denkt wol, ich weiß nicht, mit wem sie sich herumzieht? Für wen sie jetzt thut, als hätte sie niemals auf Nr. 17 bei mir gewohnt? Sie denkt wol, Der mit den Nankingkamaschen wird nicht bald dahinter kommen, daß sie...

Weiter sprach die Stimme nicht. Ihre nächste Äußerung war ein furchtbares plötzliches Krächzen und Würgen. Mühsam preßte eine am Ersticken nahe Kehle die Worte hervor:

Hülfe! Hülfe! Sie würgt mich!

Franziska Heunisch wußte nicht, was sie nun thun sollte. Schon war sie im Begriff gewesen zu gehen, schon zitterte sie jetzt vor Angst, ob sie nicht Hülfe rufen sollte, als die Stubenthür von innen aufgestoßen wurde und ein junges, schlankes, schöngebautes Frauenzimmer eine Alte mit einem einzigen athletischen Wurfe über die Schwelle schleuderte und scheinbar kalt, aber zornglühend, sogleich die Thür wieder zuschlug und von Innen mit den Worten verriegelte:

Das ist für Den mit den Nankingkamaschen!

Daß hier Herr Sylvester nicht wohnen konnte, sah Fränzchen nun wohl und wollte entfliehen.

Die Alte aber schrie ihr nach:

Mamsell! Fräulein! Hören Sie! Warten Sie!

Und während sich Franziska nur umsah, hatte die Alte sie schon mit ihren schwarzen Pechkrallen gepackt und überschüttete sie unter lautem Geschrei mit den Worten:

Sie hat mir eine Rippe zerbrochen – Sie müssen's bezeugen – Mamsell, Sie haben's gesehen!

Liebe Frau, lassen Sie mich – bat Fränzchen flehentlich.

Sie hat mich morden wollen – Sie haben's gesehen – Sie müssen's beschwören!

Bitte, ich bin hier fremd – ich suche nur... ich hatte einen Brief hier –

Ich reiß' Ihnen den Brief weg, wenn Sie mir nicht sagen, wer Sie sind!

Fränzchen versteckte ihren Brief mit Blitzesschnelle und rief:

Um Gotteswillen, was wollen Sie denn von mir, liebe Frau?

Die Alte packte Fränzchen und krächzte:

Bezeugen sollen Sie's, beschwören müssen Sie's, daß sie mich hat würgen wollen! Die Kehle hat sie mir zugeschnürt mit ihren Diebsfingern! Da sind noch die Krallen in meinem ehrlichen Halse! Wie heißen Sie? Gott! Sie hat mir eine Rippe zerbrochen... Ich habe den Tod weg...

Fränzchen wurde jetzt mitleidig und schickte sich schon an, ihren Namen zu sagen, als wieder die Alte sie packte und rief:

Wo wohnen Sie? Wer sind Sie? Sagen Sie's oder Mamsell, ich lasse Sie nicht los und sollten die Straßen zusammenlaufen. Ach! Ach! Mir wird schwach...

Herr Gott! Was ist Ihnen? Soll ich Sie nach Hause fahren lassen? Wohin denn?

Wer sind Sie?

Die ängstlichen Fragen der von einem merkwürdigen schauspielerischen Talente der Flickschusterin getäuschten Fränz, mit wem denn sie die Ehre hätte, beantwortete diese:

Ich bin die Mullrich, Vizewirthin von der Brandgasse Nr. 9. Mein Mann ist von Profession ein Schlosser, von Gewerbeschein ein Schuster, steht aber bei der Polizei als Offiziant und ich bin die Vizewirthin. Diese Mörderin heißt Auguste Ludmer! Das bringt sie auf zehn Jahre in's Criminal! Wie heißen Sie, Mamsell?

Wenn es Sie beruhigen kann, ich heiße Franziska Heunisch...

Franziska Heunisch! Und Ihre Wohnung?

Wallstraße Nr. 14. Beim Tischler Märtens.

Beim Tischler Märtens! Ach du mein Heiland... Das will ich mir merken. Ach ich sterbe... Da hab' ich doch meine Satisfaction! O, o, diese Creatur! Sie haben's gehört, daß ich Hülfe geschrien habe? Sie haben's gehört?

Leider! Leider!

Sie haben's gesehen, daß sie mich mit Füßen getreten hat...

Mit Füßen getreten? sagte Fränzchen, erschrocken über die Abweichung von der Wahrheit.

Mit Füßen getreten, geschunden, gekratzt hat sie mich!

Damit heulte die Vizewirthin aufs neue.

Fränzchen wollte entgegnen, die Lebhaftigkeit der Phantasie dieser Frau berichtigen, allein der Lärm hatte alle Dienstmädchen des Hauses, alle Comptoirdiener der untern Läden zusammengerufen und in der verzweifeltsten Beschämung, sich hier in eine so widerwärtige Begebenheit verwickelt zu sehen, gab sie Alles zu, um nur fortzukommen.

Glücklicherweise gelang ihr Dies. Während Frau Mullrich den Umstehenden ihre Schicksale mit diesem »abscheulichen Frauenzimmer oben« ausführlich und übertrieben erzählte, fand sie eine günstige Gelegenheit, davonzuschlüpfen.... Die Königsstraße ist so lebhaft, daß sie bald unter den Menschen verschwand und von ihrer Verfolgerin, deren Krallen sie noch immer im Nacken fühlte, nicht mehr entdeckt wurde. Ihren Namen, hoffte sie, würde sie vergessen haben. Sie entsann sich, daß dies der wachende Hausdrache bei Louise Eisold gewesen war, und bedauerte nur, wie sie nun wol kaum jemals wieder würde versuchen können, jenes Haus zu betreten! Wie schöpfte sie mit angstbefreiter Brust Athem, als sie wieder frische Luft und Sonne und Sicherheit um sich hatte!

Anfangs fühlte Fränzchen, erlöst von der eben überstandenen Pein, nur im geringeren Grade die unangenehme Täuschung, die sich Herr Sylvester mit ihr erlaubt hatte. Als sie sich aber wieder ihrer Wohnung näherte, ärgerte sie es denn doch empfindlich, daß dieser ihr jetzt vollends abscheuliche Mann sich vielleicht einer falschen Adresse bedient hatte. Sie konnte nicht glauben, daß er da gewohnt hatte, wo jener Zank vorgefallen war...

Das entschlossene zweideutige junge Frauenzimmer hatte sie wohl erkannt! Es war jene schmuckbehangene Auguste Ludmer vom Fortunaball gewesen, die mit dem Glockenschlage vier von den Agenten der Polizei mit jenem älteren Manne verhaftet wurde, den sie nun schon unter dem Namen eines Engländers Murray kannte... Wie überlief es sie kalt bei dem Gedanken, daß sie mit solchen Menschen vor Gericht treten sollte, Zeugniß ablegen, ja nur mit ihnen zusammen genannt werden!

In dieser Qual, vor Louis Armand's Augen immer tiefer sich in einen falschen Schein zu stellen, immer mehr sich in ungünstige, ohne ihre Schuld, gegen sie sprechende Beziehungen zu verwickeln, betrat sie die Wallstraße. Da sah sie wieder ihr Haus, Armand's leuchtendes Schild und jenes Fenster, wo es ihr vor noch nicht viel über eine Stunde gewesen war, als hätte sie an ihm etwas entdeckt, was Herrn Sylvester's Kopfe so ähnlich geschienen, daß sie im ersten Augenblicke dachte: Da ist Herr Sylvester bei Louis Armand selbst zum Besuche! Sie sprechen über die Bestellungen für jene Gräfin, über dich! Louis verurtheilt dich, ohne dich gehört zu haben!

Was thut es, dachte sie, als sie in die Hausflur trat, du klopfst oben bei der Frau an, die so glücklich ist, alle ihre Zimmer nun vermiethet zu haben, du frägst, wer neben Louis Armand jetzt wohne... Ohne weiter zu zögern, stieg sie die Treppe hinauf. In dem Augenblicke hörte sie oben eine Thür zuschließen. Sie wandte den Kopf, sah hinauf; es war Louis, der eben im Begriff schien auszugehen. Sie zögerte. Sie war so erschrocken, daß sie umwenden wollte. Indem hatte sie aber Louis schon bemerkt.

Ah, Mademoiselle, rief er angenehm überrascht und über die ernsten Gesichtszüge, mit denen er seinen Zettel an der Thür, der jede Bestellung während seiner Abwesenheit an den Tischler Märtens im Hinterhofe verwies, flüchtig übersah, flog ein Strahl sanfter Freude. Wie kommen Sie hierher, Mademoiselle?

Fränzchen stotterte etwas, sah auf ihren Brief und wußte vor Verlegenheit nicht, welche Ausrede sie finden sollte.

Louis blickte auf den Brief und war erstaunt eine französische Adresse zu lesen: A Monsieur le Professeur Sylvestre de Paris...

Die Worte waren ganz orthographisch geschrieben.

Haben Sie Das geschrieben, Franchette? fragte Armand.

Ja, antwortete Fränzchen schüchtern. Der Herr ist in dieser Zeit mein Lehrer gewesen. Ich wollte ihm schreiben, daß ich kein Talent für Sprachen habe und ihn bäte, nicht mehr zu kommen.

Nicht mehr zu kommen? Warum, liebe Franchette? Kein Talent?

Fränzchen hatte jetzt keine Antwort. Sie blickte verlegen bald auf die Stufen, auf denen sie noch stand, bald über das Geländer hinüber an die Thür, welche Louis eben verschlossen hatte und die Nebenthür.

Wer wohnt da? fragte sie. Ich sehe eine Karte an der Thür.

Kommen Sie, wir wollen lesen, liebe Franchette!

Fränzchen stieg die Treppe nun ganz hinauf und hörte, daß Louis schon sagte:

Ein Italiäner ist mein neuer Nachbar! Lesen Sie!

Fränzchen sah auf die angeheftete Visitenkarte und fand die einfachen Worte:

Signor Barberini.

Signor Barberini! wiederholte sie und sprach für sich: Der ist es nicht.

Es konnte Louis nicht entgehen, daß Fränzchen in Verlegenheit und einer gewissen Aufregung war.... Er wollte zu Egon, um mit ihm zu speisen, da hatte er wohl noch eine halbe Stunde Zeit, um die Gelegenheit zu benutzen, einige Worte mit einem Mädchen zu wechseln, zu dem er sich so innig hingezogen fühlte und das ihm durch diese lange, von ihm nicht verschuldete Trennung auf eine sein Inneres beklemmende Weise entrückt war.

Ohne lange zu zögern, schloß er die Thür seiner Wohnung auf und schlug Franziska vor, einen Augenblick bei ihm einzutreten.

Sie sah ihn mit großen Augen an, als wollte sie sagen: Ist Das erlaubt? Darf ich Das? Und wenn ich es wagte, weil ich dich liebe, würd' es mich denn auch bei dir nicht herabsetzen?

So viel Gedanken und Empfindungen in einem einzigen Augenblicke ausgesprochen, müssen einem großen, braunen, von schwarzen Wimpern beschatteten, mit schwarzen Brauen umrandeten Auge wol einen mächtigen Zauber geben. Wie diese beiden kleinen krystallenen Kugeln so zitternd und wie lebendig gewordene Worte auf Louis ruhten, fühlte sich dieser feurig bewegt, schlug leise seinen Arm über des Mädchens Schulter und sagte:

Meine liebe Freundin! Sechs Wochen Trennung! Sie haben mich vergessen!

In diesem Augenblick stand die Thür schon auf und Fränzchen wurde geblendet von dem schönen Anblick. Das elegante, weißtapezirte Zimmer hatte keine andern Möbel als rings an den Wänden einige mit rothem Plüsch überzogene Divans und einige Tabourets von gleichem Zeuge. An den Fenstern hingen weiße großgeblumte Gardinen mit goldbronzenen Haltern. An den Wänden sah man Spiegel mit goldenen Rahmen und große Cartons mit Rahmenmustern in den geschmackvollsten Formen. Auf einem großen Tische in der Mitte des Zimmers lagen Zeichnungen, Goldleisten und die zierlichsten Holzschnitzereien.

Und dennoch würde sich Fränzchen von dem schönen Anblick nicht haben sogleich blenden lassen und eingetreten seien, wenn sie nicht plötzlich im Nebenzimmer ein gewisses Husten gehört hätte. Dies Husten erinnerte sie schreckhaft an den Professor Sylvester. Er behauptete, sich seit dem Fortunaball einen unausrottbaren Katarrh geholt zu haben, schmähte über das Klima dieser wilden Gegenden des Nordens und hustete oft so ununterbrochen, daß er, um sich zu erholen, aufstehen und einen Gang durch's Zimmer machen mußte. Ganz diesem Husten ähnlich klang es jetzt von der dünnen Wand her, die dies Geschäftszimmer des jungen Franzosen von der Wohnung des Signor Barberini trennte. Darüber betroffen nachgrübelnd folgte sie fast willenlos der Aufforderung ihres ernsten und so liebevoll bittenden Gönners, daß sie zuletzt in seinem Zimmer war, sie wußte nicht wie. Mit welcher Pein sank sie auf eins der zierlichen rothen Tabourets nieder! Wie bebte sie, wenn sie sich dachte, die Thür, die Louis eingeklinkt hatte, könnte aufgehen und irgend Jemand, an dessen guter Meinung von ihr ihr etwas gelegen sein müßte, träte ein! Daß Der, an dessen Urtheil ihr selbst am meisten gelegen war, sie selbst hier hatte eintreten lassen, tröstete sie und die erste Beklemmung wich bald einem froheren Gefühle.

Franziska, begann Louis Armand mit bescheidener Zurückhaltung und ohne den mindesten Anschein, als könnte er die gewagte Situation zu seinem Vortheile benutzen wollen, Franziska, haben Sie meine kleinen Verse erhalten?

Ich wollte Ihnen dafür danken, sagte Fränzchen schüchtern, aber ich fand nichts, was Ihrem Geschenk würdig antwortete.

Das kleine Gedicht ist in der Theilnahme gedacht worden, die ich für ein weibliches Gemüth empfinde, das sich vom Schicksal auf die große Aufgabe angewiesen sieht, unter Entbehrungen die Tugend zu lieben. Ich bin betrübt gewesen, Franziska, daß Sie die Gefahren selbst aufsuchen, denen nicht jedes Herz zu trotzen im Stande ist!

Fränzchen schlug erröthend die Augen nieder.

Sie besuchen die nächtlichen Bälle –

Herr Armand... war Alles, was Fränzchen stottern konnte.

Sie haben auf einem Ball, der bis tief in die Nacht währte, jenen Landsmann von mir kennen gelernt, der, wenn er Ihnen den Unterricht, den Sie von ihm empfingen, ganz ohne Entschädigung gab, sehr von der Natur meiner Nation abweichen muß.

Ohne Entschädigung? Wie meinen Sie Das, Herr Armand?

Der junge Soldat, den ich heute bei Ihnen traf, ist, ich weiß es, unglücklich, daß er den Platz, den er in Ihrem Herzen sucht, von Herrn Sylvester besetzt findet.

Fränzchen hätte über diese Worte weinen mögen. Sie fühlte nun, wie sie Louis Armand erscheinen mußte. Sie erkannte, wie unvorsichtig sie sich dem Urtheile der Welt ausgesetzt hatte; wer wußte denn, warum sie Herrn Sylvester's Besuche geduldet hatte!

Statt aller Antwort riß sie das Billet auf und gab es Louis zu lesen.

Dieser sah sie voll Zärtlichkeit an und lehnte es entschieden ab, in ihre Geheimnisse zu dringen.

Meine liebe Franchette, sagte er mit dem sanften Tone wieder, der dem deutschen Mädchen einst so wohlgethan hatte, weil die Deutschen in der Sphäre, wo sie lebte, noch nicht jene Weichheit und graziöse Zurückhaltung besitzen, die in Frankreich bei den Arbeitern schon die Folge der großen gesellschaftlichen Umwälzungen geworden ist. Liebe Franziska, wie darf ich...

Lesen Sie! sagte Franziska entschieden.

Als Louis zögernd gelesen hatte, sagte er:

Sie lehnen den ferneren Unterricht dankbar ab. Ihre Zeit, Ihre geringen Talente, sagen Sie, verhinderten Sie daran...

Drinnen hustete es jetzt so stark, daß Franziska hätte aufspringen mögen und sagen: Das ist ja Herr Sylvester!

Wenn Sie der Sprache meines Landes die Ehre anthun wollen, sagte Louis lächelnd, sie zu erlernen, so würd' ich mich gern zur Fortsetzung des Unterrichts erbieten; allein Sie haben Ursache, den jungen Sergeanten, der Sie auf einem nächtlichen Balle kennen lernte, zu schonen...

In diesen ruhig gesprochenen Worten lag doch eine Bitterkeit, die Franziska so verwundete, daß sie hätte aufschreien mögen. Mit Leidenschaft für sich das Wort zu ergreifen, war sie aber nicht im Stande. So blieb ihr nichts übrig, als zu weinen.

Sie verkennen mich! sagte sie mit erstickter Stimme.

Louis sah zur Erde nieder. Aufzuspringen, sie zu umarmen, ihr zu Füßen zu fallen, wagte er nicht. Was konnte er ihr bieten? Eine Trennung von der Heimat. Ein ungewisses Loos auf fremdem Boden, wo sie allen neuen Lebensbedingungen vielleicht erlegen wäre? Ihn selber band es an Egon's künftigen Lebenslauf. Wußte er, wohin ihn dieser noch einst führen konnte! Er traute auch seiner Theilnahme für das junge Mädchen nicht. War es Liebe, war es Mitgefühl für ihr Wesen, das er bisher so still und sittsam erkannt hatte? Er gehörte, das hatte er oft schon hören müssen, zu jenen, jetzt so vielfach anzutreffenden Menschen, die in der Reflexion heimischer sind als in der Welt der That. Jede Sphäre, auch die unterste, hat ihre Hamlet's aufzuweisen und die französische Nation hat sich seit dreißig Jahren völlig verändert.

Da Louis nichts that, die peinliche Situation zu erleichtern, so fühlte sich Franziska sittlich gezwungen und durch die Wahrheit ermuntert, für sich das Wort zu ergreifen. Sie erzählte ihm denn in der Kürze so viel, als nöthig war, um die Veranlassung, die sie auf einen der berüchtigten Fortunabälle geführt hatte, in einem für ihre Moralität günstigeren Lichte erscheinen zu lassen. Sie konnte die ganze Wahrheit nicht sagen, daran verhinderte sie die Rücksicht auf Louise Eisold. Aber auch die Umstände, die sie erwähnen zu dürfen glaubte, reichten hin, in Louis jeden Verdacht niederzuschlagen. Er reichte ihr in freudiger Bewegung seine Hand und bat sie um Verzeihung.

Warum sind Sie aber nur so streng gegen mich? sagte sie lächelnd, als er die Hand in der seinen hielt.

Louis konnte der Liebenswürdigkeit dieses Blickes, dieser Frage, dieses Lächelns nicht widerstehen. Ohne sich jedoch fortreißen, von seiner aufwallenden Leidenschaft bewältigen zu lassen, nahm er Fränzchen's Hand, streifte den Ärmel ihres Kleides etwas zurück und drückte einen innigen Kuß auf die Stelle, die der Handschuh dort frei ließ.

Fränzchen wurde es dabei so wunderlich, so selig war ihr zu Muthe, daß sie nun nicht anders als laut lachen konnte. Es war die herzlichste, innigste Freude, die in ihrer Brust überwallte, und wenn sie nicht eine so hohe Verehrung vor Louis Armand und so ängstliche Begriffe von Schicklichkeit gehabt hätte, Das mußte sie sich sagen... eigentlich hätte sie den pedantischen jungen Mann nehmen, sein krauses Haar ihm von der Stirn wegstreichen und diese edle weiße Stirn küssen mögen.

Natürlich geschah Das nicht und auch der selbstquälerische Louis bekämpfte sich und legte auf seine Empfindung die Dämpfer seiner eigenthümlichen, melancholischen und krankhaften Lebensauffassung, die er mit einer ganzen Schicht unserer arbeitenden Stände von jetzt gemein hat... Wie Louis Armand gibt es in allen großen Werkstätten, wo mehr als ein Dutzend Arbeiter zusammen wirken, gewiß immer einen unter ihnen, der eine Art Propheten abgibt. Einer von ihnen trinkt nicht, zankt nicht, spielt nicht, tanzt nicht, sondern liest und schreibt sogar, dichtet oder singt, wird zuweilen ausgelacht, meist aber geliebt und bewundert. Er ist sozusagen der Traumdeuter der Werkstatt, der Hohepriester und Schriftgelehrte, dessen Traumauslegungen aber noch träumerischer sind als die Träume der Andern. In jeder großen Werkstatt gibt es einen Rabulisten, einen Possenreißer und einen Philosophen.

Ihr Onkel, sagte der selbstquälerische, zurückhaltende Armand, ist recht unglücklich, daß Sie den jungen Sergeanten foltern, liebe Franchette! Er sagte dem Prinzen, daß dieser junge Krieger der Sohn eines reichen Landmanns ist. Ich fand ihn fein und artig. Auch sein Spiel auf der Flöte verrieth mir, daß er ein Herz hat. Und Liebe! Liebe, die sich auch bewährt in der Demüthigung, daß man sie nicht erhört! Die Welt ist sehr arm an solcher Liebe, die nicht liebt, um wieder geliebt zu werden, liebe Franchette!

Ich mag ihn nicht! war Fränzchen's ganze kurze, runde deutsche Antwort. Sie verstand die eigenthümliche leidende und entsagende moderne Philosophie ihres Gönners nicht.

Er ist reich – fuhr Dieser, wie ein Stoiker, fort.

Wenn auch!

Der Onkel will eine Beruhigung für sein Alter. Er freut sich darauf, irgendwo gut aufgenommen und von Herzen geliebt zu sein...

Ich weiß, es ist recht lieblos von mir... aber es geht nun doch nicht!

Sie sollen mit ihm in den Wald!

Fränzchen schüttelte den Kopf.

Sie bleiben?

Fränzchen nickte.

Ah! sagte Louis, dem sich die Brust doch erweiterte, dafür dank' ich Ihnen! Wenn Sie gingen, wüßt' ich doch nicht, ob ich noch in Deutschland bliebe.

Bedurft' es mehr, um zu sagen: Franziska, hier schlägt dir ein Herz voll Liebe und ewiger Treue?

Aber theils des Nachbars Husten, theils die eigene Befangenheit und Unentschlossenheit Armand's hinderte, daß es trotz der zärtlichsten Wendung des Gesprächs zu einer förmlichen Erklärung kam.

Louis hielt Fränzchen's Hand, küßte und drückte sie, sah ihr in's Auge voll Güte und wiedergewonnenen Vertrauens, aber einer stürmischen Leidenschaft war seine melancholische krankhafte moderne Volks-Philosophie nicht fähig.

Fränzchen hatte so viel Verehrung vor ihrem Freunde, daß sie sich auch eine andere Annäherung an ihn als diese zarte und zurückhaltende vorläufig nicht möglich dachte. Er fascinirte sie, wie ein Zauberer... Durch seine Huldigung hatte sie vorläufig nur so viel Muth gewonnen, daß sie jetzt sagte:

Sie sollten mir und meiner Freundin Louise einen Gefallen thun...

Einen Gefallen? Mit Freuden!

Nächsten Sonntag, plauderte Fränzchen, um zwei Uhr kommt Louise mit allen ihren Geschwistern und einem ungeschlachten, aber braven Menschen, der sie gern heirathen möchte, und holt mich ab, in's Wäldchen zu gehen. Wissen Sie, das ist eine Stunde von hier! Man geht von der Landstraße ab, über Wiesen, dem Strome zu...

An dem das Schloß des Königs, Solitüde, liegt?

Richtig da! Rechts ist die Solitüde und links am Flusse das Wäldchen. Im Grase lagern sich da die frohen Menschen, dürfen an eingemauerten kleinen Herden Feuer machen, scherzen, jagen sich, spielen im Grünen unter den alten Eichen, daß es eine Lust und Freude ist. Gehen Sie mit?

Louis nickte stumm...

Sie thun's nicht gern! Es ist Ihnen nicht vornehm genug!

O meine gute Franchette! sagte Louis.

Aber Sie geben Ihr »Ja« so betrübt...

Ach, ich denke an mein Vaterland, ich denke an die kleinen Freuden, die die Armen auch in Lyon und Paris genießen. Wie hab' ich diese Sonntage geliebt! Die theure Schwester, die nun die Erde deckt, war die Königin dieser kleinen Feste...

Wenn es Sie aber traurig macht....

Nicht traurig! Nicht um die Vergangenheit bin ich gerührt. Die ist begraben. Es bewegt mich, daß Ihr in diesem Lande gerade so denkt und fühlt wie wir! Eine Kette ist es doch, die uns Alle umschließt in Nord und Süd. Ob Ihr nun in dumpfen Höhlen bei der Lampe arbeitet oder wir an den niedergelassenen großen Fensterladen unserer luftigen Häuser... Ihr versammelt Euch am Tage der Ruhe zur Freude wie wir. Wir tanzen unter Nußbäumen; Ihr vielleicht unter Eichen; wir verwechseln im Verwechsel-Spiele Ahornbäume, Ihr vielleicht Tannen; Ihr kränzt Euer Haupt mit Kornblumen, wir kränzen uns mit Weinlaub und wildwachsenden Blumen, die bei Euch nur in Treibhäusern gedeihen; aber die Freude ist dieselbe, der Trost ist derselbe, die Pause ist dieselbe, wo sich die Arbeit erholt und in ihren Hoffnungen neuen Athem schöpft... Ja, meine Freundin, ich werde kommen.

Fränzchen war über diese dichterische und, wenn wir ironisch sein wollen, wie eine Einleitung zu Proudhon's socialer Lehre vom Eigenthum klingende Erklärung sehr glücklich.

Sie glaubte nun aufstehen zu müssen.

Louis drückte sie mit einer flüchtigen Bewegung seines linken Armes leise an die Brust. Sie widerstrebte nicht, sondern ließ die warme klopfende Fülle ihres Busens an seinem Herzen eine Weile ruhen und sah dabei verschämt zur Erde. Louis lehnte sie sanft zurück und sprach:

Ich danke Ihnen, Françoise, für das Vertrauen, das Sie mir schenkten und daß ich Sie nun wieder wie sonst verehren kann – ach! unterbrach er sich selbst, Sie zu lieben, hatt' ich nie aufgehört! Am Sonntag also im Wäldchen!

Fränzchen dankte ihm mit einem glänzenden Blick ihrer Augen und stand schon an der Thür. War sie doch selig, daß endlich auch einmal das Wort Liebe gefallen war!

Und die Stunden in meiner Sprache nehmen Sie bei mir! sagte er.

Wenn es Sie erfreut... antwortete sie...

Und der Sergeant... Wissen Sie, Franziska, daß ich Mitleid mit ihm habe? Wenn er uns in den Wald begleitete mit seiner Flöte?

Fränzchen schüttelte den Kopf...

Wir werden tanzen wollen... Es wäre doch gut...

Wir singen, wenn wir tanzen wollen, und Violinen und Harfen hört man unter den Eichen genug...

Der arme Heinrich Sandrart! bat Armand. Wie gut und tröstend ist es dem Krieger, sich unter seine Kameraden, die Bürger und Proletarier der Arbeit, mischen zu dürfen! Sind diese Proletarier des Müssiggangs nicht unsere Brüder? Lebt in ihrer Seele nicht etwas, was sie von dem schlechten Geiste des Trotzes gegen die übrige Gesellschaft, den die Offiziere nähren, abzieht und in unsere fröhlicheren Reihen zurückführen möchte?

Er wird nicht mitgehen wollen... antwortete Fränzchen, die weder von der Flöte, noch von der socialen Stellung Heinrich Sandrart's irgendwie gerührt war und nur einen lästigen Liebhaber sah, den sie nicht mochte.

Bieten Sie es ihm an, Franziska, wiederholte Louis.

Fränzchen blieb aber bei ihrem Sinne. Sie lachte, schüttelte den Kopf, öffnete die Thür und hüpfte davon. Noch auf der Treppe warf sie einmal den Kopf zurück, nickte voll Innigkeit und huschte in glückseligster Stimmung in ihren Hinterhof... Der Husten des Italieners Signor Barberini verfolgte sie zwar wie das giftige Zischeln einer Schlange, die die Gestalt des Herrn Sylvester oder der grünen Brille annahm, aber nun, da sie sich gerechtfertigt hatte vor Louis Armand, da sie wieder so viel zärtliche, sanfte Worte von diesem elegischen Schwärmer vernommen, waren ihr alle Gefahren, alle Beziehungen zu andern anspruchsvollen Menschen gleichgültig, sie zerriß ihren Brief, sagte sich, Er mag kommen oder nicht! Ich habe keine Furcht mehr, ihm mündlich seinen Abschied zu geben! Es war ihr, wie sie einst Melanie Schlurck gesagt hatte, als käme sie von einem Priester, dem sie gebeichtet.

Indem wir Fränzchen den letzten Verständigungen mit ihrem Onkel überlassen und uns freuen müssen, daß sie durch ein gütiges Schicksal vor mancher dunkeln Gefahr auf dem Forsthause im Plessener Walde bewahrt blieb, begleiten wir den glücklichen Louis Armand zu seinem Gönner und Freunde, dem Prinzen Egon von Hohenberg.

Er fand ihn unruhig und besorgt darüber, daß ihn Louis so lange allein ließ.


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