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Siebentes Capitel.

Ein Stillleben.

In dem Hinterhofe des Hauses Wallstraße No. 14 begegnet Dem, der sich daselbst nur eine Weile umsieht, sogleich der freundliche, saubere Sinn des kleinen Mittelstandes.

Den vordern Hof konnte man herrschaftlich nennen.... Da gab es schmuzige Wasserrinnen, lang an den Wänden herabtriefend, einen Pferdestall, ein ewig feuchtes Pflaster. Durch ein Zwischenhäuschen, in welchem der alte Tischler Märtens seine geräumige und immer von vier bis fünf Gesellen in Thätigkeit erhaltene Werkstatt hatte, kam man, wenn man einen großen mit Latten und Bretern überfüllten Thorweg durchschritt, in einen kleinern Hof, dessen Nebengebäude zwar nur in Holzfachwerk, feuergefährlich genug, aufgeführt dastanden, die aber gar freundlich angestrichen und mit blumenbesetzten Fenstern geziert waren. Das Viereck dieses Raumes war zu klein, um viel Licht aufzufangen. Dafür rückte Jedes, was hier von armen, meist arbeitenden Leuten wohnte, mit seinem ganzen Leben dicht an's Fenster und hob die wohnliche Traulichkeit dieses kleinbürgerlichen Hinterhofes zu einem Hause, das nach vornehin sehr stattlich und eben »herrschaftlich« aussah.

Sowie man aus dem großen, lehmgedielten Thorwege trat, ging gleich links, an der Tischlerwerkstatt, eine Stiege in die Höhe und führte in die Wohnung des alten Christian Märtens. Erst kam ein Breterverschlag für die Küche, die eigentlich nur ein eingezäunter Kamin war, dann eine sehr geräumige Stube, wo die alten Tischlersleute wohnten und dann erst eine große Kammer, in der Fränzchen Heunisch wie eine Taube auf einem Giebel saß.

Die auf dem Fortunaball ihr von Jeannetten gemachte wenig erfreuliche Aussicht, sie als Schlafgenossin in diesen engen Raum aufzunehmen, war glücklicherweise nicht in Erfüllung gegangen. Jeannette war bei dem verwundeten Neumann geblieben und hatte sich unter dem Vorwande der Pflege ihres Bräutigams im Schlurck'schen Hause gewaltsam festgesetzt. Sie kannte die Nachgiebigkeit der Ältern, die sie gern duldeten. Nur Melanie konnte sich vorläufig noch nicht entschließen, sie wieder in ihre Nähe zu lassen.

Fränzchen Heunisch wohnte allein und war seit einigen Wochen mehr daheim als sonst. Melanie, bei der sie wöchentlich oft vier Tage hatte arbeiten müssen, ließ sie nicht mehr so oft kommen wie sonst. Seitdem man sagte, Fräulein Schlurck wäre mit dem Stallmeister Lasally verlobt, schien sie weniger die Gesellschaften zu besuchen und schränkte sich auf die Toilette ein, die sie schon besaß. So blieben dem jungen, überall gern gesehenen, bescheidenen Kinde nur noch einige wenige Herrschaften, die sie mit ihrer Eitelkeit ernährten aber auch plagten und wie gewöhnlich nichts nach Wunsch bekommen konnten. Am meisten war sie daheim und arbeitete still für sich an den ihr gegebenen Aufträgen.

Friede und Stille umgab sie. Die Thür des Nebenzimmers war fast immer geöffnet; die alte Frau Tischlermeisterin wirthschaftete in der Küche oder las geistliche Bücher, die Zeitungen, Pfennigmagazine, oder was sonst von Colporteuren wohlfeil in diese kleinen Hütten bescheidener Lebensansprüche getragen wurde und bei dieser Frau eine etwas konfuse Bildung erzeugt hatte. Der alte Meister arbeitete noch rüstig in der Werkstätte. In ihrem Kämmerchen hatte Fränzchen gern das Fenster auf und saß anmuthig wie ein Blumengeist mit ihrem zarten, feinen Köpfchen unter den Levkoyen und dem Goldlack, der in Töpfen um sie her stand. In einem kleinen erdgefüllten Kasten wurde sogar Kresse gezogen, die sich jetzt im Spätsommer am Bindfaden schon hoch zum Giebel des Fensters hinaufrankte. Ein Kanarienvogel, leider nur in einem hölzernen Bauer, (Fränzchen's Wunsch ging für ihren gelben kleinen Bibi sehr auf einen drahtgeflochtenen!) hing fast über ihr, wenn sie gedankenvoll, halb vegetirend saß und nähte. Manches Hanfkorn fiel von dem hüpfenden Bibi auf die zarten Wollbesätze und Puffen und Volants, die sie nähte. Vor ihr stand ein Nähtischchen, das ihr der alte Märtens zu monatlichen Abschlagszahlungen einmal auf Weihnachten verehrt hatte in Anerkennung ihrer nun schon über vier Jahre fleißig gezahlten Miethe und ihres sittlichen lobenswürdigen Verhaltens. Da waren in der aufgezogenen Schublade Kästchen an Kästchen und soviel bunte Seide, soviel weißer, feiner Twist lag vorräthig, daß sie mit Ruhe jeder neuen Bestellung entgegensehen konnte, ob sie nun von Vornehmen kam oder nur darin bestand, daß sie für Dienstmädchen des Hauses und der Nachbarschaft ein Häubchen zu stutzen oder einen Halskragen zusammenzusetzen übernahm. Auch einiger Vorrath bunter seidner Bänder lag in zierlichen Rollen in jenem Tischchen verborgen. Im Hintergrunde des Zimmers stand ein reinliches Bett auf der einen Seite, auf der andern eine alte geschweifte Kommode und neben einem alten eisernen Windofen, der für eine Kammer ein großer Reichthum, fast eine Überraschung war, stand noch ein Waschtisch, geschmückt mit kleinen unschuldigen Mitteln zur Pflege einer Schönheit, die eigentlich das frische, klare Quellwasser nur als seinen schönsten kosmetischen Beistand nöthig hatte. Aber ein junges Mädchen ist nicht so einfach, daß es sich nicht auch den Luxus einiger Seifen, eines guten Zahnpulvers und einiger Hülfsmittel zur Pflege des Haares gestatten sollte.

Das Leben eines solchen kleinen Hofes ist, wenn auch keine Geßner'sche, doch eine Idylle. Unten hörte man das Sägen und Hobeln aus der Werkstatt. Gegenüber klopfte ein Schuhmacher auf sein Kniebret; ein armer Flickschneider, der mit kreuzweis geschlossenen Beinen wie ein Türke auf hohem Tisch vor einem offenen Fenster saß, sang sich oder pfiff zuweilen ein schnurriges Lied oder sprach, während er seine Fäden wichste, zu andern Fenstern hinüber oder in die Tischlerwerkstatt hinunter. Eine Katze, die einmal irgendwo an einem Fenstersims oder am Dachrande ein equilibristisches Kunststück versuchte, war ein Ereigniß für den ganzen Hof. Man lachte, lockte, pfiff dem Thier und benützte die Unterbrechung, um die Köpfe aus dem Fenster hinauszustecken und sein Zusammenleben manchmal harmonischer zu fühlen. Zuweilen kamen auch Verkäufer von der lauten, wagenrasselnden Straße herein und schrien Besen, Sand, Lebensmittel aus, die zuweilen einen lauten Handel zur Folge hatten. Fränzchen konnte da von einigen erprobten und resoluten Hausfrauen die Kunst des Feilschens lernen. Oft erschrak sie, wenn die Verkäufer geradezu nur die Hälfte ihres Vorschlags geboten erhielten und traurig genug konnte sie sein, wenn die Waare auch wirklich dafür gelassen wurde, noch trauriger, wenn der Verkäufer abzog und beim besten Willen für so wenige Pfennige seine Waare nicht lassen konnte. Spielleute, die auch hereinzogen, fanden zwar viel Anerkennung und lachenden Dank, aber selten Geld. Kam dagegen eine Frau und sang im Vorderhofe ein geistliches Lied und wurde von den Bedienten, die aus den Hinterfenstern neben den Seifenwassergossen lungerten, ausgespöttelt, so durfte sie nur getrost in den Hinterhof gehen. Ein: Wer nur den lieben Gott läßt walten! öffnete hier alle Fenster der Armen und Jeder gab der Sängerin, was er noch glaubte entbehren zu können.

Eine solche Sängerin hatte eben den Hof verlassen und mit dem letzten Verse des Liedes: Befiehl du deine Wege! Fränzchen's ohnehin thränenvolles Gemüth gerührt... Es gibt einen Zustand der Seele, wo schon jede leiseste Berührung einer wunden Stelle ein Überfließen zur Folge hat, wie bei einem übervollen Gefäße... Fränzchen hatte der Sängerin einige Pfennige gegeben. Sie untersuchte nicht, wie mechanisch und geläufig schon jener Bettlerin dieser religiöse Gesang sein mochte, sie empfand ihn wie eine unmittelbare Eingebung gerade nur zur Lösung ihrer eigenen gepreßten Stimmung. Wie einige große, schwere Thränen auf ein Häubchen fielen, das sie der Frau Meisterin richtete für den nächsten Sonntagskirchgang zu Propst Gelbsattel – Frau Märtens liebte erhabene Anregung – zog sie die Schublade ihres Nähtischchens noch weiter heraus, hob einen gelbgebeizten kleinen Deckel auf und zog zwei Papiere hervor, die sie neben sich hinlegte. Das eine enthielt, von Siegbert auch in deutschen Lettern niedergeschrieben, seine Übersetzung des französischen Gedichtes von Louis Armand, das andere ein zweites Gedicht, das ihr Heinrich Sandrart, der junge Sergeant, verehrt hatte.

Das französische Gedicht hatte sie Anfangs, als eine Huldigung des Mannes, den sie mit so hoher Verehrung liebte, überrascht, dann aber bei mehrmaligem Lesen war es ihr befremdlich geworden. Sie hatte wochenlang nichts mehr von Louis vernommen, die vielen Bestellungen, die für seine Bilderrahmen und Spiegelformen einliefen, wurden vorn von dem verschlossenen Comptoir hierher an den Tischler Märtens verwiesen und auf eine große Schiefertafel für die Zeit verzeichnet, wo endlich zu hoffen stand, daß Louis Armand aus dem stolzen Palaste seines hohen Gönners zurückkehren würde. Wie wuchs da des armen Mädchens Verlangen, doch irgend etwas von diesem einschmeichelnden, sanften und so zarten jungen Fremdling zu vernehmen und nun erschrak sie regelmäßig, daß ihr sein Gedicht so wenig verständlich war! Da waren Wendungen, so schrill, so schneidend, daß es ein unschuldiges deutsches Mädchen kalt überlaufen mußte und doch entzückte sie wieder das stolze: »Nur weine nicht«, mit dem jeder Vers trotz seines schlimmen und fast höhnischen Inhaltes schloß...

Heinrich Sandrart dagegen, der seit dem Fortunaball sich an sie geklettet hatte wie mit einer wahren Toggenburg-Treue, der junge Sergeant hatte in seinen Versen sogleich das Beste, das Höchste, das Schmeichelhafteste von ihr gesagt. Er redete sie mit so glänzenden, so wohlthuenden Bezeichnungen an, nannte sie seines Lebens Sonne und seiner Hoffnung Wonne, sprach vom lichten Schimmer ihrer Augen, dem Kelch, aus dem er Liebe wollte saugen, und sah die Jugend und die Tugend in ihr treugepaart und nannte sie einen Edelstein unübertrefflich in seiner Art. Das Alles klang, besonders von Frau Märtens schmelzend vorgetragen, gar lieblich und schmiegsam und war bis jetzt das Einzige, was für Heinrich Sandrart bei ihr sprach. Wie oft hatte sie ihn gebeten, ihr nicht mehr des Abends da, wo sie gearbeitet hatte, aufzupassen und sie nach Hause zu begleiten! Wie zürnte sie ihm, daß er offen und frei mit den alten Märtens sprach, seine edelsten Absichten diesen Leuten zu erkennen gab und diese umsomehr für sich gewann, als er sich in der Eigenschaft eines reichen Bauernsohnes genügend ausweisen konnte! Wie litt sie unter den Vorwürfen der Frau Tischlermeisterin, die ihr wegen ihrer Sprödigkeit gegen den hübschen jungen Sergeanten in gewählter Sprache gemacht wurden! Dieser kam nie ohne eine Aufmerksamkeit, nie ohne ein kleines Geschenk. Einen Blumenstrauß, eine kleine Näscherei, ein Bildchen führte er fast immer bei sich, wenn er sich sehen ließ. Aus den Rockschößen seiner feinen Patentuniform langte er das feinste Obst hervor und hielt sich Abends und Morgens, wo er nur Zeit fand, stundenlang, wenn nicht an Fränzchen's Seite selbst, doch bei den alten Märtens auf, die gern mit ihm plauderten, weil er gemüthlich und noch über das Pfennigmagazin hinaus unterrichtet war. Fränzchen war nicht etwa kokett oder schnippisch gegen ihn. Gerade, weil sie ihn nicht lieben konnte, war sie einfach und duldsam gegen seine Besuche und fand nichts darin, daß er ihr oft, während sie arbeitete, einen Kuß von der Hand stahl, die im Nähen sich nicht verstecken konnte. Sie trug gern kurze Ärmel in der guten Jahreszeit, mußte nun aber ihr bestes, schönes, blaues Kleid tragen, nur um durch lange Ärmel zu verhindern, daß Heinrich Sandrart stundenlang auf ihre zarten weißen runden Arme blickte, gierig sich mit seinen liebesirren Blicken an der feinen Haut weidete und ehe sie sich's versah in die weichen Formen einen brennenden Kuß drückte. Ihn mit Gewalt von sich zu weisen, hatte sie den Muth nicht. Wer gab ihr ein Recht, an Louis Armand wie an eine Hoffnung zu denken! Hatte er sie nicht in diesen letzten Wochen ganz vernachlässigt? War ihr mehr von ihm noch geblieben, als daß sie manchmal mit zitternder Hand auf die Schiefertafel für seine kunstvollen Arbeiten Bestellungen schreiben konnte, die nach seinen Thonformen schon einige Gesellen des alten Märtens auszuführen versuchten? Dann kam es wol, daß sie denn doch immer und immer Louis' Gedicht vor sich nahm und es mit Heinrich's verglich und trotz der schönen und freundlichen Wendungen des letzteren an jenen herben und schroffen Worten einen Gefallen fand, über das sie sich keine andere Rechenschaft geben konnte, als daß unglückliche Liebe doch wol auch herb und bitter mache.

Zur Vermehrung ihres Leides war nun sogar der Onkel Heunisch angekommen und hatte in rascher Weise mit allen ihren Bedenklichkeiten Kehraus machen wollen. Da wurden im Bunde mit Madame Märtens Heinrich's Glücksumstände gepriesen und als sie immer darauf bestand, sie wollte noch nicht heirathen, hieß es, so möchte sie in das Forsthaus nach Hohenberg mitkommen und dem Onkel die Wirthschaft führen. Die Ursula sträube sich zwar dagegen, aber der Onkel, dem das Heirathen so vergällt worden, müsse eine Stütze für sein Alter haben. Heinrich würde dann seinen Ernst beweisen können. Nähme er seinen Abschied, käme er nach dem Ullagrunde, der nur zwei Stunden vom Forsthause läge und halte er dann noch um die Franziska an, so würde sich das Übrige finden. Dann wollte er schon, wenn entweder auch noch die Ursula Marzahn um ihn herumspuke oder schon jenseits wirthschafte, sich allein zurechtfinden, wisse er doch, im Ullagrunde bei dem reichen Bauer Sandrart wohne ein Paar, das ihn lieb hätte und wo er öfter verweilen würde als auf dem Gelben Hirsch, ginge auch der Weg nach dem Ullagrunde über einen Ort vorbei, den er gern miede, über das Kreuz am Strudel und die Sägemühle.

Fränzchen hatte, selbst wenn ihr nicht Louis Armand im Sinne gelegen wäre, ein Grauen vor dem Forsthause. Sie war in ihrer Kindheit, als ihre Ältern, die sie mit den Wandstabler's verwandt machten, gestorben waren, einige Wochen beim Onkel Heunisch, bei ihrem Vaterbruder, gewesen (ihre Mutter war eine Schwester des Wachtmeisters und Haushofmeisters Wandstabler); allein die Ursula Marzahn hatte diesen Besuch offenbar mit scheelem Auge angesehen und hinter zuthunliche Freundlichkeiten manche schlimme Absicht versteckt. Wie oft hatte sie nicht das kleine Mädchen an einen mit schönen gelben Blumen überwucherten Sumpf geführt und ihr gesagt: Hol' einmal ein Büschel Blumen, Fränzchen, ich weiß ein Kunststück und sage dir, wer dein Mann wird! War das kleine Kind dann in den Sumpf bis an die Knie gesunken, so lachte sie und wollte sie nicht wieder herausziehen. Weinte sie dann über ihre beschmuzten Strümpfe, so bot ihr die Alte zwar große Brotschnitte mit Zwetschenmuß und ganz feinem weißen Zucker aus ihrem Geheimschranke darauf, aber einmal, daß sie davon gegessen hatte, war sie so elend krank geworden, daß sie die Schnitte mit dem Zwetschenmuß und dem weißen Zucker aus ihrem Geheimschranke nicht wieder nehmen wollte. Heunisch, der sich überzeugte, daß das Kind in seinem Walde nicht viel lernen und unter der Wunderlichkeit der damals noch rüstigen Ursula leiden würde, nahm sie damals fort und gab sie in die Stadt zu den Wandstabler's, die es freilich so arg mit dem jetzt herangewachsenen Mädchen vorhatten, daß es eines Tages aus dem Pavillon, wo der alte Fürst badete, mit Schaudern entfloh und sich bei den Tischlermeisters Märtens, die ihre Ältern gekannt hatten, einmiethete, um hinfort von ihrer Hände Arbeit zu leben. Heunisch sagte nun zwar, die Ursula wäre alt und zahm und ganz kindisch, aber es graute ihr doch vor dem Gedanken in das Forsthaus zurückzukehren, und als der Onkel gar hören mußte: In deinem Walde, Onkel, sterb' ich! da brach er lieber vorläufig von seinen Vorstellungen ab und beschloß betrübten Herzens und unverrichteter Sache, aber mit Hoffnung auf den Sergeanten nach Hause wieder heimzukehren.

Den Hochmuthsteufel, sagte er sich zum Trost, hab' ich ihr doch vertrieben! Dies Zeugniß, das er sich als Belohnung für seine Reise geben zu dürfen glaubte, bezog sich auf den Fortunaball, über den sich Fränzchen, ihrer Freundin Louise Eisold wegen, nicht völlig zu rechtfertigen wagte und es nun auch nicht mehr nöthig hatte, da Heinrich Sandrart sie eben dort kennen lernte. Noch mehr Hochmuthsteufel lag Heunischen in einem Luxus, der in seinen Augen sehr überflüssig war, in der Erlernung der französischen Sprache. Am Tage nach dem Fortunaball nämlich, wo sie im Gewühl, das nach der gewaltthätigen Scene im Garten entstand, mit Heinrich Sandrart wieder zusammengerieth und endlich nach vier Uhr erst, als Louise den Nachtwandler auffing, mit dieser in einem Wagen nach Hause entkam, den Sandrart bezahlte, war jener Franzose, dessen grüne Brille, großer Schnurrbart, lästiger Husten, auf dem Fortunaballe allgemein aufgefallen war, in ihre Wohnung gekommen und hatte sich als einen Professor Monsieur Sylvester zu erkennen gegeben. Dieser alte Geck war anfangs von einer so auffallenden Zudringlichkeit, daß das junge Mädchen ihm verbot, sich wieder bei ihr sehen zu lassen und Madame Märtens unterstützte diese Weisung ihrerseits mit feinstylisirten Drohungen, die er in seinem gebrochenen Deutsch vergebens zu beschwichtigen suchte. Monsieur Sylvester war bejahrt, verbarg diese Thatsache aber durch Perrücke und mancherlei nur in der Nähe sichtbare Toilettenkünste. Er hatte eine sehr glatte, aber fast leblose Haut. Wenn er mit den scharfen grauen Augen blinzelte, sah man an den Schläfen hundert Falten, die sich bis an die Augenwinkel zogen. Die hervorstehenden Zähne waren offenbar nicht ächt. Seine feine Kleidung verrieth den Mann von Welt und an einschmeichelnden, gewandten Manieren fehlte es ihm sowenig, daß er es wiederholt wagte, sich bei dem jungen hübschen Mädchen, das inzwischen schon von Heinrich Sandrart die ersten Huldigungen empfing, dennoch einzuführen. Er gab vor, eine Bestellung für den Vergolder Louis Armand zu haben und ließ genau von Franziska, die vor ihm zitterte wie vor einem giftigen Basilisken, seine Adresse aufschreiben: Monsieur Sylvester, Königsstraße Nr. 13 im dritten Stock. Er behauptete, bei Armand Aufträge für eine große Herrschaft zu haben. Franziska mochte ihn nicht ansehen, wandte ihm selbst den Rücken, aber sie wurde roth, als Herr Sylvester anfing von Louis Armand zu sprechen und einen langen forschenden Blick auf sie richtete. Ja als er sogar von Armand's Äußerm, seinen Verdiensten und Vorzügen sprach, sogar behauptete, ihn von Ansehen zu kennen und Fränzchens Verlegenheit wuchs, hätte sie im Spiegel bemerken können, daß er eine eigenthümlich überraschte pfiffige Miene machte. Als er gegangen war, fand die Frau Tischlermeisterin den gelehrten Mann doch so übel nicht. Fränzchen aber riß das Fenster auf und meinte, er hätte eine Atmosphäre hinterlassen, daß sie frische Luft schöpfen müsse. Dennoch setzte sie sich an ihren Nähtisch und dachte dem Lobe nach, das Herr Sylvester seinem Landsmann Louis Armand gespendet hatte. Der widerliche Mann erschien ihr bei längerm Nachdenken jetzt schon minder abschreckend und eines Abends, als der »Zufall« wollte, daß Sylvester ihr, wie sie gerade von der Arbeit kam, wieder in den Weg trat, war er so artig, so manierlich, so zuvorkommend, daß sie zwar Anfangs im Gehen nicht inne hielt, nicht unter ihrem zierlichen Strohhütchen, dem ein blaues Band sehr gefällig stand, aufblickte, aber doch zuhörte, was er, wenn ihn der asthmatische Husten nicht plagte, so neben ihr, in seinem gebrochenen Deutsch, hinplauderte. Er erwähnte wieder die großen Talente des jungen Armand, sprach von vielen unverfänglichen Dingen und empfahl sich an der Thür ihres Hauses mit so viel Artigkeit und so wenig aufdringlich, daß sie ihm wenigstens das eine wenn auch kalte Wort: Ich wünsch' Ihnen einen guten Abend gönnte. Mehr hatte sie ihn nicht gesprochen... Oben in ihrem Stübchen fand sie damals einen Brief von Louis. Er schickte ihr jenes Gedicht und bat sie, seiner zu gedenken, so lange ihn ernste Pflichten fern hielten... »Derselbe junge Mann, sagte er in dem Briefe, der schon einmal so freundlich war, an den guten Herrn Märtens einen Auftrag auszurichten, hat mir das beifolgende Gedicht übersetzt, das ich Ihnen widme, meine liebe Franziska! Möge es Ihnen den Trost in Ihrer Einsamkeit gewähren, daß wir Parias der Gesellschaft doch einen stillen Bund geschlossen haben, indem wir für unsere Empfindungen einen gemeinsamen Cultus hegen. Die Reichen und Vornehmen sind nicht so glücklich, sie hassen sich. Wir Armen können uns lieben.«

Das letzte Wort in diesem Briefe entzückte Fränzchen; aber Paria in der Gesellschaft und Cultus?... Das waren zwei Worte, die Franziska selbst mit Hülfe mehrer Jahrgänge des Pfennigmagazins, der ganzen Belesenheit der Tischlerin und selbst mit einer Anfrage bei dem gegenübersitzenden Schneider nicht entziffern konnte und ihr unverständlich waren, wie das Gedicht selbst. Sie empfand nun plötzlich das Bedürfniß einer höheren Bildung. Wer sollte ihr sagen, was ein Paria der Gesellschaft und der Cultus ist? In ihrer nächsten Gedankenreihe fühlte sie, daß es gewiß ein großes Glück wäre, wenn man französisch gelernt hätte und sonderbar! Von dem Augenblicke an bildete sich ihr der Gedanke: Herr Sylvester hat sich so lange nicht sehen lassen, ich möchte ihm wol einmal wieder begegnen! Dies geschah zwei Tage später. Herr Sylvester begegnete ihr nicht nur, sondern er wagte sich sogar noch einmal zur alten Frau Märtens an einem Sonntage, wo er vielleicht wußte, daß diese strengen Sittenrichter in die Kirche gegangen waren. Heinrich Sandrart hatte Parade und Fränzchen that dem Sergeanten nicht den Gefallen in die große Allee zu gehen, wo er stolz mit seiner Gardecompagnie unter Befehl des ihm seit dem Fortunaball nicht besonders gewogenen Lieutenants von Aldenhoven, vor sich einen Flottwitz und hinter sich einen Flottwitz, in dem Bataillon des Majors von Werdeck marschirte... Vergebens sah sich der Sergeant rechts und links um, ob unter den Zuschauern nicht Fränzchens Strohhut mit dem blauen Bande sichtbar wurde. Vergebens hörte er den Lieutenant von Aldenhoven ihm zuraunen: Was gaffen Sie denn, Sandrart?... Der Zorn trieb ihm das Blut in's Gesicht... aber Fränzchen war zu Hause, kümmerte sich nicht um die Parade, nicht um Heinrich Sandrart's goldene Litzen, sie saß unter ihrem gelben kleinen Bibi und knusperte mit ihren weißen Zähnen an den Hanfkörnchen, die der Verschwender über ihr niederfallen ließ. Da trat Herr Sylvester ein, sehr elegant, sehr fein, wie ein vornehmer Herr, der sicher heute noch bei einem Minister speiste. Herr Sylvester sagte, er wollte sich erkundigen, wie es mit seiner Bestellung wäre, der reiche Herr drängte um die Einrahmung seiner Bilder, die große Meisterwerke wären und glänzende Ausstattung verdienten. Fränzchen bedauerte Louis' Abwesenheit, erzählte, daß er sich der Pflege des kranken Fürsten Egon widme, den er von Paris kenne und zeigte sich so im Zuge, so angeregt über Alles, was Louis betraf, daß Herr Sylvester Muth faßte, sich umzusehen und sich sehr beherrschte, nicht wieder in den lüsternen Ton zu fallen, den er, häßlich und widerlich genug, nach dem Fortunaball angestimmt hatte. Das Gespräch kam auf die französische Sprache und Fränzchen erkundigte sich, was ein Paria der Gesellschaft und der Cultus wäre? Cultus, sagte Herr Sylvester und lächelte so stark, daß man an seinen eingesetzten Zähnen fast die feinen Drähte und das künstliche Zahnfleisch sah, Cultus ist die Verehrung, die Liebe ist ein Cultus, meine liebe Franziska, und die Parias sind eine unglückliche Kaste von Menschen in Indien, die arm, elend, verstoßen sind und bleiben, weil sie arm, elend, verstoßen geboren wurden und nichts lernen können. Sind Das einige Erinnerungen aus den Gesprächen mit Louis Armand? Fränzchen erröthete und die Folge der weiteren Forschungen und Schmeicheleien des Herrn Sylvester war die, daß sich der feine Mann erbot, ihr französischen Unterricht zu geben. Als sie, halb erschrocken, halb doch innerlichst erfreut, Anstand nahm und mit lächelndem Scherz auf ihre leere Kasse deutete, wies Herr Sylvester jede Zumuthung an die Voraussetzung eines materiellen Interesses zurück und drängte so lange und so artig, so wirklich gefällig in Franziska, daß es dieser vorkam, als wenn sich die grüne Brille des Fortunaballes niemals in so abschreckender Gestalt, fast wie eine Schlange, ihr offenbart hätte. Sie fand ihn leidlich und ging auf die Vorschläge ein, bei ihm wöchentlich drei Stunden zu nehmen. Sie sagte, sie wollte ihm dafür nähen, was er wünschte; auch Namen zeichnen in Taschentücher oder was er begehre, sie wollte sich ihm dankbar zeigen. Ich will Sie nur gelehrig sehen! sagte Herr Sylvester und schlug vor, die Stunden bei ihm zu nehmen. In der Königsstraße Nr. 13? sagte sie, nein, Das geht nicht! Er wiederholte vergeßlich: Königsstraße?... Sind Sie ausgezogen! fragte sie. Er schien in Verlegenheit und antwortete: Ja wohl, ja wohl! Königsstraße! Franziska meinte nun, die Mühe, zu ihr zu kommen, müsse er sich nicht verdrießen lassen, sonst dürfte sie den Unterricht nicht nehmen. Er versprach diese Bemühung, fürchtete aber, die Wirthsleute seines Zöglings möchten Einsprache thun. Das soll meine Sorge sein! sagte Fränzchen, und richtig, sie wußte den alten Leuten, als sie aus der Kirche kamen und von der Parade noch die Schlußmusik gehört hatten, das Glück der Bildung und geistigen Vervollkommnung so klar und besonders der Tischlermeisterin anschaulich zu machen, daß die Stunden ihren Anfang nahmen. Zwar hatte Fränzchen mit Herrn Sylvester viel auszustehen. Anfangs wollte er durchaus die Verbindungsthür zwischen beiden Zimmern geschlossen wissen, dann, als ihm Fränzchen dies abschlug, wurde er nichtsdestoweniger oft hinter den schützenden Blumen und der rankenden Kresse wieder so unartig wie nach dem Fortunaball. Aber auf ein ernstes: Herr Professor! sammelte er sich und Fränzchen lernte so geschwind ihre Vokabeln, übte sich so fleißig in den Präparationen, daß sie sichtbare Fortschritte machte. Das dauerte vier Wochen, bis Onkel Heunisch kam. Ärgerlich über die Weigerung seiner Nichte, den jungen, hübschen und reichen Sandrart zu heirathen, kam er gerade mit einem Besuche des Herrn Sylvester zusammen, maß diesen Mann von oben bis unten und von unten bis oben, ließ sich Dies und Jenes erzählen, hörte Heinrich's Klagen, daß Fränz zu hoch hinaus wolle, und daß sie mit diesem Sprachmeister in's Gerede komme, und erklärte ihr, als die Stunde vorbei war, daß dies die letzte gewesen wäre. Wie? sagte Fränzchen entrüstet. Heunisch antwortete ruhig: Er dulde diese Ausschweifungen nicht länger! Sie wäre armer Ältern Kind und müsse ihr Brot von anderer Leute Gnade essen... Punktum! Der alte Kerl dürfte hier nicht mehr über die Schwelle kommen.

Franziska war erst fast ergrimmt. Dann aber fügte sie sich und war zuletzt mit diesem Entschluß umsomehr zufrieden, als sie doch von Louis Armand, dem all ihr Mühen und Lernen galt, vergessen zu sein schien. Louis Armand ließ nichts mehr von sich hören. Herr Sylvester kam sehr unregelmäßig, blieb oft nur eine Viertelstunde, und nur, wenn Niemand, außer Fränzchen, zu Hause war, konnte sie ihn nicht wieder fort bringen. Er spottete so boshaft, er wußte so viel zweideutige Anekdoten, er blieb so wenig bei der Sache, daß sie in der That das nächste mal zwar mit einer gewissen Befangenheit, aber doch entschlossen erwiderte, dem Onkel seinen Willen zu thun und ihm sagen zu wollen: Herr Sylvester, ich fühle, daß ich für meine Verhältnisse zu viel Zeit auf eine Sprache verwende, zu deren Benutzung mir mein künftiges Leben keine Gelegenheit bieten wird!

So saß Fränzchen an ihrem Fenster, las in der wehmüthigen Stimmung, die das Lied der armen Frau angeregt hatte, die beiden Gedichte wieder durch und nahm das Einerlei ihrer Arbeit vor...

Der Flickschneider von drüben machte manchmal einen Scherz mit ihr.

Bon jour, Mamselle! rief er nach einiger Zeit. Parlez vous français?

Dabei lachte er, ohne es jedoch so bös mit seinem Spotte zu meinen, wie ihn die alte Märtens, die nebenan eben die Zeitung laut buchstabirte, nahm und sich unterbrach mit den Worten:

Portugal... Dem Heiland sei Dank, daß die Menschen bald nicht mehr solche schändliche Reden hinter uns ehrlichen Leuten werden sagen können!... Schon wieder ein Erdbeben gewesen... Ich begreife nicht, wie Eins dies so lange hat dulden können!... Fünf Häuser sind eingefallen.

Während Fränzchen diese harten von einem portugiesischen Erdbeben unterbrochenen Worte überdachte, verfloß wol eine Viertelstunde und wieder rief der Flickschneider – nach einer Viertelstunde – über den Hof:

Habe ja die Flöduse so lange nicht gehört. Guter Mond du gehst so stille... das ist mein Leibstück, Mamsell!

Frau Märtens mußte wol nebenan durch's Fenster ihm eine Miene des traurigsten Achselzuckens machen; denn ganz laut hörte Fränzchen den Seufzer, der mehr jene Gebehrde begleitete, als den Vorfall, daß in Mexiko eine Bergwerksgrube eingestürzt war und dreizehn Indianer verschüttet hatte.

Die Flöte aber blies Heinrich Sandrart, wenn der junge Soldat von Fränzchen nicht beachtet wurde und wol eine Stunde neben ihr gesessen und kaum ein Wörtlein von ihr vernommen hatte. Dann ging er traurig nebenan und langte sich eine Flöte her, die er bei der Frau Märtens auf der Commode unter den darauf prangenden, großen bunten und vergoldeten Jahrmarkts-Deckelgläsern und einigen lehrreichen Schriften liegen hatte und blies dann so still für sich, aber zur Freude des ganzen Hinterhofes, einfache Volksmelodieen, wie er sie gerade auswendig konnte oder im Ullagrunde von den Knechten seines reichen Vaters hatte singen und jodeln hören.

Die drückende Schwere des Herzens, die Fränzchen durch die halb politischen, halb privaten Seufzer der alten Tischlermeisterin nur noch mehr beängstigte, löste ein Besuch, der rasch und eilig die schmale Treppe fast herauf stürmte. Man hörte das Küchengatter draußen heftig öffnen und noch heftiger zufallen.

Ist Fränzchen zu Hause? rief eine weibliche Stimme im Eintreten und schon war der Besuch durch die größere Stube hindurch in Fränzchens Kammer getreten.

Es war Louise Eisold.


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