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II. Ein Geheimnis.

Nach dem Angelus verließ Mater Ignazia sofort den Lehrsaal, ohne weiter ein Wort zu verlieren. Das Spottbild der Präfektin nahm sie mit sich. Da sie der Ziani keine Strafe diktiert hatte, wußten alle im Vorhinein, wie die Sache enden würde. Arme Ziani! Vielleicht mußte sie sogar noch vor Tisch in die Zelle der Präfektin. Man sah sie dann überhaupt nicht mehr, bis sie abends im Schlafsaal erschien, totenblaß, stumm, wie aus irgend einem Winkel hervorgekrochen.

Aber was war ihr denn auch eingefallen, sich so preiszugeben! Und für wen? Für diese nichtsnutzige Diavoletta Rita, der Mater Ignazia sicher nicht wehgetan hätte.

So war das Mitleid für die Ziani diesmal ein allgemeines. Auch empörte es den Gerechtigkeitssinn der Jugend, daß Rita dies alles nur so geschehn ließ, kein Wort gesagt hatte, so lang es noch Zeit gewesen wäre. Warum sollte die arme Ziani so schwer büßen, was der Dallago einen Spaß gemacht? Das mußte noch vor Tisch ins reine gebracht werden! Kaum war Mater Ignazia draußen, sah sich Rita von der ganzen Klasse umringt. »Sag' doch, daß du es warst!« rief man ihr zu; »so etwas nimmt man nicht an!«

Und Brigida San Severe meinte naserümpfend: »Ja, wenn sie nicht aus Piemont wäre!«

Piemont und Savoyen waren Stichworte, die hier nie versagten. So sehr verachtete der papsttreue Adel die Provinzen, von denen nach seiner Meinung das Unheil über Rom gekommen. Was diese jungen Patrizierinnen an Sonntagen daheim hörten, das trugen sie mit dem Nachahmungseifer ihres Alters wieder in die Klasse, jede einzelne immer noch päpstlicher als alle daheim. Viele beschränkten ihren ganzen Eifer überhaupt bloß darauf, sicher, daß auch in diesem Fall denjenigen viel vergeben würde, die viel liebten. Was lag auch den ehrwürdigen Salesianerinnen daran, ob die Prinzipessa Soundso mehr oder weniger Kenntnisse in die Welt brachte, wenn diese großen Damen nur treue Töchter der Kirche blieben, die heute oder morgen ihre Gatten und Söhne in das gleiche Lager führten. Alles übrige war Nebensache.

Nun hatten die Dallagos nicht immer zu den treuesten des heiligen Vaters gehört. Ein Onkel Ritas war sogar lange Jahre zwischen Italien und England hin- und hergefahren. In jenen Tagen, da die heilige Sache Italiens voll und ganz auf der großen Seele Mazzinis lag. Und wer weiß, ob nicht auch Ritas »Babbo« eines schönen Morgens zum Quirinal gefunden hätte, wenn er nicht zufällig eine Borese zur Frau bekommen. Die Borese aber waren die Allergetreuesten des Heiligen Stuhls und ein Bruder der Braut sogar der besondere Liebling Pius' IX. So kam es, daß an dem Hochzeitstag Dallagos nicht bloß eine Seele, sondern auch ein verschuldeter Possedente gerettet wurde. So viele tausend Lire hatte Pio Nono vorgeschossen und als er starb, war auch der Schuldschein verschwunden.

Seitdem schworen die Dallagos nicht höher als beim Heiligen Stuhle. Der unbequeme Onkel wurde gründlich vergessen, was sich um so leichter tun ließ, als er beim Sturm auf die Porta Pia gefallen war. Wenn man den Dallagos aber vorwarf, daß sie aus Piemont stammten, konnten sie ehrlich böse werden. Was machte es auch aus, wo man geboren wurde? Wenn man nur im Umkreis der Peterskirche starb!

Auch in Ritas Seele schlug das Wort der San Severe sofort ein. Zwei rote Flecken traten auf ihre Wangen und während sie sich, halb stehend, halb an der Bank lehnend, nachlässig hin- und herwiegte, sprach sie gereizt: »Ihr wißt ja noch gar nicht, was ich tun werde!«

»Dann sei rasch!« mahnte die blonde Contarini. Und die San Severe spottete: »Also, also! Sempre avanti, Savoia!«

Die Ziani saß noch immer auf ihrem Platz, ohne das Getuschel der anderen zu beachten. Vielleicht wartete sie schon auf den Ruf der Präfektin. Vielleicht ... aber wer konnte sagen, was die Ziani eigentlich dachte oder wollte? Sie, die allen so seltsam erschien, sich immer so ferne hielt von allen? Was es mit der Ziani eigentlich gab, wußte wohl nur die Präfektin. So meinten wenigstens die anderen, sie, deren heiterer und mitteilsamer Sinn die Verschlossenheit eines so jungen Geschöpfes nicht begriff. Da jede, ganz von der eigenen Wichtigkeit erfüllt, sich so ziemlich selbst genügte, fiel es auch keiner ein, an die Ziani irgend eine Frage zu stellen, um ihr näher zu kommen; sie hätte ja ohnedies nichts gesagt. Doch waren so ziemlich alle der Meinung, daß die Ziani irgend einen großen Fehler an sich haben müsse, etwas, wobei sie die Präfektin vielleicht einmal überrascht und wofür man sie büßen ließ. Anderes konnten sich diese halben Kinder noch nicht denken, doch war es immerhin genug, um sich auch ihrerseits von der Ziani ferne zu halten. Man liebte sie, weil man wußte, daß sie vielleicht die einzige war, der man keinen Neid, keinen Klatsch, keine Verleumdung zutraute, aber diese Liebe hielt sich in der Ferne.

Immerhin geschah es zum erstenmal, daß sich die ganze Klasse einmütig der Ziani annahm, aber mit einer Großmut, die nicht ganz ohne Neugierde war. Was die Ziani heute getan, konnte keine verstehn, um so weniger, als ihr die Dallago mit ihrem geschwätzigen Wesen und ihrem lauten Übermut immer unangenehm gewesen. Da wollte man doch sehn ... Und als die Dallago sich endlich zur Ziani hinwand, horchten alle auf.

Nun war Rita nicht bloß ein Schalk, sie war auch ein kleiner Diplomat. Da sie nicht um alles in der Welt jemals eine ähnliche Narrheit begangen hätte, sagte sie sich aus ihrer Selbstsucht heraus, daß diese Ziani doch eigentlich an einer maßlosen Eitelkeit leiden müsse. »Groß machen will sie sich und besser sein als die andern!« So beiläufig dachte Rita von ihr und so beiläufig wollte sie die Ziani behandeln. Wer weiß, ob die Ziani dann nicht erst recht dabei blieb, sich für diese herzige Rita strafen zu lassen.

Hatte die Ziani sie wirklich nicht bemerkt oder sie nicht bemerken wollen? Der Blick, mit dem sie Rita empfing, war wieder so fremd und »spassig«, wie Rita nachher sagte, als wäre ihr niemand so gleichgültig wie diese Dallago, für die sie sich doch strafen lassen wollte.

»Elena!« begann Rita zögernd.

Die Ziani sah sie bloß an und dieser Blick verstörte selbst die pfiffige Rita für einen Augenblick. Weil die Ziani aber wieder einmal so gar nichts sagte, mußte Rita doch weitersprechen.

»O Madonna!« dachte sie und kniff den Daumen ein, weil sie fest überzeugt war, daß die Ziani den »bösen Blick« habe, aber auch um jedem, etwa ungünstigem Entschluß der Ziani vorzubeugen. Sie hatte die Zelle der Präfektin schon so oft gesehen, Rita noch keine Ahnung, was es dort gab. Da fiel es der Ziani doch leichter.

»Elena,« begann sie wieder. Diesmal so laut, daß es auch die andern hören konnten. »Ich dank' dir, Elena! Aber weißt du, das kann ich nicht annehmen, diese – diese Großmut, erlaub' also, daß ich mich zur Strafe melde!«

Wieder sah Elena sie an, so eigentümlich, daß Rita auch den andern Daumen einkniff. Der Blick der Ziani ging an ihr vorüber durchs offene Fenster hinaus, halb zerstreut, halb sehnsüchtig, wie in eine weite, weite Ferne. Und während sie so hinaussah, sprach sie laut und fest: »Nein!«

Rita atmete auf und sah zu der aufhorchenden Schar ihrer Gefährtinnen hinüber. »Seht ihr,« zwinkerte sie, »ich hab' es ja gewußt, sie ist und bleibt eine Närrin!« Bloß ein Zucken des rechten Lides war's, das den andern diese unumstößliche Meinung Ritas mitteilte. Aber weil die andern Italienerinnen waren, verstanden sie alles, was Rita damit ausdrücken wollte. Nun ja ... der Ziani war eben nicht zu helfen! Da und dort zuckte eine die Achseln, begann eine andere ihre Schulhefte ins Pult zu räumen, eine dritte an das Mittagessen zu denken, dessen Düfte so verheißungsvoll aus der Tiefe stiegen. Die Sache war so gut wie erledigt.

Da geschah etwas Seltsames. Sei es, daß die Ziani das Geblinzel der Dallago bemerkt, oder daß es ihr zuwider war, Ritas Spitzbubenaugen so überlegen funkeln zu sehn ... genug. Sie erhob sich, sah Rita einen Augenblick höhnisch an und sprach: »Warum stehst du denn noch da? Doch nicht, um mir zu danken? Oder glaubst du wirklich, daß ich die Affen so gerne hab'? Was ich tu' – tu' ich ...« Plötzlich brach sie ab und während sie schwer auf ihren Sitz zurückfiel, gab sie einen gurgelnden Laut von sich, der halb ein Aufschluchzen war, halb ein Wutschrei. Dann saß sie wieder da, aufrecht und totenblaß und kaute an ihren Nägeln.

Den andern war es ganz bang zu Mute. Ja, warum tat sie es, wenn sie es nicht aus Großmut tat? Ein unsägliches Staunen prägte sich in ihre Antlitze. Selbst Rita, die nie zu Verblüffende, riß den Mund auf. Eine nach der andern verließ den Lehrsaal, rasch, lautlos. Wie eine Flucht war's.

Die Ziani schien das erwartet zu haben, so spöttisch blickte sie den Abziehenden nach. Als die letzte draußen war, lief sie selbst zur Tür, um sie zu schließen. Langsam schritt sie auf Alba zu, die das Kapitel von der Erschaffung der Welt gerade zum erstenmal abgeschrieben hatte:

»Was tust du da?«

»Meine Strafaufgabe schreib' ich.«

Elena sah sie fest an, offenbar von einem Gedanken beherrscht, der sie im Augenblick mehr erfüllte, als die Sorge um ihr eigenes Schicksal. Leise fragte sie: »Glaubst du auch, was du da schreibst?«

Albas Kopf fuhr in die Höhe und der Blick, mit dem sie die Ziani anstarrte, war so voll dumpfer Angst, als hätte jemand ganz anderer diese Frage an sie gestellt, nicht dieses frühreife, unheimliche Geschöpf da. »Wie meinst du?« stammelte sie.

Die Ziani zog die Schultern hoch. »Gott ... du hast doch etwas ganz anderes gesagt und Mater Ignazia ist so böse geworden darüber. Natürlich mußt du das abschreiben – jetzt, aber was hältst du nun für wahr? Das möcht' ich wissen!«

»Ich – ich werde trachten, es zu erfahren ...«, stieß Alba nach einer Weile hervor.

»Erfahren!« kam es höhnisch zurück. »Wer wird es dir sagen?«

»O weißt du, mein Onkel ...

Die Ziani überhörte das. »Und wenn es die Wahrheit ist – was dann?« fragte sie. Und ihre großen kurzsichtigen Augen saugten sich förmlich fest an Alba, schienen größer und größer zu werden, wie eine Nacht, in die Albas Seelenangst hinabtauchte, hinabtauchen mußte, ob sie wollte oder nicht.

»Darüber – hab' ich noch nicht nachgedacht!« murmelte sie und mit einem wie hilfesuchenden Blick in den Frühling hinaus: »Fra Clemente wird es mir schon sagen, wenn wir wieder zur Beichte gehn.«

»Fra Clemente?« Die Ziani zog die Augenbrauen hoch und rümpfte die Nase: »Der wird dich drei Vaterunser mehr beten lassen, zur Buße!« Und plötzlich, wie von einem unwiderstehlichen Lachreiz gepackt: »Denk' nur: wenn es nun keine Schlangen gegeben hätte im Paradiese? Denk' nur!« Dabei lachte die Ziani, lachte, daß sie sich bog.

Entsetzt starrte Alba sie an, rückte instinktiv weiter: »Elena – du bist böse.«

Das Gesicht der Ziani schien plötzlich älter zu werden. Ihre Lippen, die so rot waren, daß sie fast wie eine offene Wunde in dem blassen Antlitz brannten, verzogen sich zu einer Grimasse, ihre Augen lachten. »Böse ...« murmelte sie vor sich hin, »freilich bin ich böse. Wenn die, die hier sind, gut sind, bin ich böse.«

Albas Entsetzen wuchs. »Sagst du denn auch immer die Wahrheit bei der Beichte?« forschte sie.

»So wie du und die andern. Aber –« sie hielt eine Weile ein – »Fra Clemente glaubt mir nicht!«

»Wieso?«

Ein dunkles Rot schoß in die Wangen der Ziani; sie blickte zum Fenster hinaus: »Weil er immer noch mehr wissen möchte, als ich – als ich selbst weiß, mich so anschaut, wenn ich ›nein‹ sage ... Glaubst du«, sprach sie mit plötzlich aufquellender Bitterkeit, »daß ich gewußt habe, was Unkeuschheit ist, als ich hierher kam? Jetzt weiß ich's. Hier hat man mir's beigebracht.«

Alba riß die Augen auf: »Dir beigebracht?« »Nun ja, durch diese Fragen.«

Eine ganze Weile blieb es still zwischen den beiden. Alba starrte Elena an, und Elena schien unter ihrem Blick noch röter zu werden. Ohnmächtige Scham, weher Stolz, alle Qualen einer reifenden Seele zuckten um ihre Lippen.

Draußen wurde ein leichter Schritt hörbar. Vielleicht war es schon die Präfektin ... Die Ziani zuckte zusammen, Alba begann weiterzuschreiben. Der leichte Kritzelton ihrer Feder ging einen Augenblick wie ein leises Zischen durch das Schweigen der Stube.

»Sag' mir,« begann die Ziani wieder, »kommt sie auch an eure Betten?«

Alba wußte sofort, daß Elena die Präfektin meinte, die sie noch nie mit dem ihr zukommenden Titel genannt hatte. Aber die Frage der Ziani verblüffte sie derart, daß es ihr fast den Atem verschlug.

»Siehst du!« sprach Elena mit einer Art trauriger Genugtuung. »Aber an meinem Bett steht sie oft plötzlich, mitten in der Nacht, und leuchtet mir ins Gesicht, daß ich erschrecke und Angst bekomme und – und mich fürchte ... Was wollen sie denn von mir? Warum soll gerade ich schlechter sein?«

»Du sollst doch Nonne werden, einmal ...«

Elena zischte förmlich auf. »Ich! Lieber da hinab!« Ihre durchsichtige Hand wies nach dem Fenster.

Draußen flog eine Kette weißer Tauben auf. Die schwarze Riesenpinie, die auf der Höhe des Palatins steht, wiegte sich langsam hin und her. Voller Sonnenglanz lag auf der Welt da unten. Von irgend woher klang ein hundertstimmiges Unisonolachen durch die Luft, hell, jauchzend ... Das waren die Zöglinge der Scuola Vittorino da Feltre, die sich während der Mittagspause auf dem flachen Dache ihrer Schule ergingen, Kinder der neuen Bürger Roms, die für das Leben erzogen wurden und in der Liebe zu dem jungen Italien. Und in all dies Licht hinein glitt plötzlich ein dunkler Schatten ... Fast hätte Alba aufgeschrien, als läge die Ziani schon jetzt da unten ...

In diesem Augenblicke neigte sich die Ziani dicht über Alba. Und während sie den Mund an ihr Ohr brachte, flüsterte sie: »Alle sind unglücklich da. Alle! Sie zeigen es nur nicht!«

»Elena!«

»Doch und am unglücklichsten ist die Oberin. Die Oberin und Fra Clemente.«

»Wie?«

»Weil sie sich lieben.«

Alba wußte nicht, ob sie auch recht gehört habe. Als sie wieder aufsah, stand die Präfektin in der offenen Tür.

»Ziani!« Kalt, kurz, hart kam es von den bläulichen Lippen und über dem eisigen Tone flackerte der Brand zweier rachsüchtiger Augen.

Wie fasziniert schritt ihr die Ziani entgegen.

Alba wußte nicht, ob es wirklich heißer geworden war in der Stube, aber ihre Wangen glühten, ihre Augen brannten. Die tiefe Stille, die plötzlich um sie war, kam ihr ganz unheimlich vor, als läge da knapp vor ihr ein Ungeheuer, das sie belauerte und mit glinsernden Augen in ihre Seele hinabsah: »Was denkst du nun?«

Aber: hatte sie denn auch recht gehört? Wie der Böse war diese Ziani an sie herangeschlichen. Ob sie nun glaubte, was sie ihr ins Ohr gezischelt, oder nicht ... gehört hatte sie's! Und wer weiß, ob ihr die Ziani da nicht mehr niedergerissen, als der ganze Glaube ihrer Jugend jemals wieder aufbauen konnte! Sie sagte sich das nicht so klar, sie fühlte es bloß, gleich darauf versank es wieder in jene geheimnisvollen Seelentiefen, in denen die Ahnungen aufdämmern, die noch ungeborenen Erkenntnisse schlummern und die lautlosen Schatten der Tage wohnen, die einmal sein werden, ob wir wollen oder nicht ...

Plötzlich strömten heiße Tränen über Albas Wangen, aus einer dumpfen Angst geboren, in eine mitleidlose Stille hineingeweint. Die Stirne zwischen beide Hände pressend, schluchzte sie so eine Weile vor sich hin und sie schluchzte noch weiter, als ihre Feder längst wieder über das weiße Papier ihres Schulheftes hinflog.

»Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde aber war gestaltlos und leer.«

Heiß und brennend fielen Albas Tränen auf die Worte, die sie schrieb.

Das Refektorium, in dem zu Mittag gespeist wurde, lag im Erdgeschoß des Konvents und war der größte Raum des Hauses, lang, kahl, frostig; längs der Wände standen einige Serviertische, rechts die Tafel der Konventualinnen, links jene der Zöglinge. Ein Pförtchen in der hintersten Ecke führte direkt in die Kapelle, und von dort her traten die Schwestern ein, wenn sie ihre Mittagsandacht vollendet hatten, je zwei und zwei, still, wortlos, mit gesenkten Blicken, gleichsam noch hingenommen von der mystischen Zwiesprache ihrer Seelen mit Gott. Einige kamen gewöhnlich später: Mater Ignazia, deren frommer Eifer auch die wenigen Minuten nachholte, die sie auf dem Wege von der Klasse zur Kapelle versäumte, und die Chorregentin, der es ein liebes Bedürfnis war, noch eine Weile bei der Orgel zu sitzen und den stummen Abgang der Konventualinnen mit leisem Präludieren zu begleiten, so daß die weihevollen Töne durch die offene Tür ins Refektorium hinüberklangen und nicht nur das Geklapper der Teller, sondern auch die übermütigen Stimmen der Zöglinge dämpften. War einmal das Tischgebet gesprochen, durfte überhaupt nur mehr gegessen werden. Hinter den Tisch der Konventualinnen aber trat abwechselnd je eine der Schwestern ans Lesepult und las irgend ein Kapitel aus der Legende der Heiligen. Ob man nun hinhorchte oder nicht – tun mußte jede so. Das übrige besorgten die Augen der Präfektin.

Die Schwestern, die das Essen auftrugen, hatten nicht die feierlichen Gelübde, doch hatten auch sie dasselbe still-gleitende, geräuschlose Wesen. Einige waren alberne Heuchlerinnen, wie Rita Dallago behauptete, weil sie den Anschein zu erwecken suchten, als ob sie fortwährend beteten. Vielleicht taten sie es auch, merkwürdig war nur, daß sie dabei alles sahen und hörten. So wie sie sich aber selbst beobachtet glaubten, begannen ihre Lippen sich wieder lautlos zu bewegen, ihre Augen stier ins Leere zu sehn.

»Wißt ihr, was die tun würden, wenn eines Nachts ein Feuer ausbräche?« hatte Rita Dallago einmal gefragt und als die anderen aufhorchten, lachte sie: »Da weiterbeten, wo sie vor dem Schlafengehn aufgehört haben!«

Auch in diesem Saale hatte der Pinsel des Maurers viel Farbenlust und Schönheit übertüncht. Meist wohl nur Blumen- und Fruchtgirlanden und einige übermütige Puttis, die leichtfüßig zwischen all der Fülle herumtanzten. Da es aber richtige, nackte Renaissanceputti waren, und weder ihr Übermut noch die Symbole der Abundanz einem klösterlichen Speisesaal ziemten, wurden sie unter einigen Kübeln der weißlich-grauen Tünche begraben, die hier allen Räumen denselben Ton frostiger Kahlheit lieh. Dafür hing an der Stirnseite des Saales eine von Van Dyck selbst gemalte Kopie seines »Gekreuzigten«, das fürstliche Geschenk einer verstorbenen Konventualin, die, einer der reichsten Familien Italiens entsprossen, ihr ganzes Vermögen hierhergetragen hatte. Die große Tür rechts führte in das »Sprechzimmer«. Die gerade gegenüberliegende war in die Fensterwand gebrochen, um einen rascheren Austritt in den Garten zu ermöglichen. Dieser Garten, der das einzige Stück Erde war, das die in strenger Klausur lebenden Sales-Schwestern freien Fußes betraten, drängte sich förmlich zu den Fenstern herein: Eine kleine Blumen- und Pflanzenwildnis, die nur selten von der Schere des Gärtners gebändigt wurde, in allen Farben aufleuchtete, alle Töne des Grüns abschattete und mit ihrem reichen Bestand an Steineichen, Palmen und Lorbeerbüschen auch die Zeit des Welkens hinwegtäuschte.

Da sich aber das Kloster über einem Teile der palatinischen Ruinen erhob, stieß man im Garten fast bei jedem Schritt auf die Spuren der versunkenen Herrlichkeit. Die Kapitäle schwarzer, weißer und rosiger Marmorsäulen säumten als eine Art Schmuck die Wege ein; ganze Malachitstümpfe lagen umher. Die Bruchstücke einiger nackter Frauenleiber hatte der Gärtner wieder mit Erde überschaufeln müssen, denn weggetragen durfte natürlich nichts werden. Und weil man den Archäologen des jungen Königreiches auch nichts gönnte, wurde all die »Sündhaftigkeit« rasch wieder verscharrt.

Einen prächtigen Mosaikboden, den man mitten im Garten ausgegraben, benützten die Zöglinge als Spielplatz. Daneben lag der Kopf einer »Pythia«, die man zwischen den Trümmern des Apollotempels gefunden. Das marmorne Antlitz sah noch immer mit dem verstörten Ernst der Seherin zum Himmel. Aus der Erde aber, die sich zwischen der Stirnbinde und dem Haupte der Priesterin angesiedelt, wucherten ganze Büschel von Krokus- und Safranblüten hervor. Auch das Haupt des »Götzen« hatte man gefunden, es sogleich aber wieder in die Tiefe zurückfallen lassen, die zwischen den Unterbauten des Tempels gähnte. Wie denn die Nonnen dieser Stelle überhaupt meist auswichen. Bloß die Ziani trieb sich gerne da herum. Eines Tages sah der Gärtner einen prächtigen Falter dort, als er aber näher trat, merkte er, daß das Tier mit einer seltsamen Nadel festgespießt war. Alba, deren Vater auch eine kleine Sammlung antiker Bronzen besaß, erkannte die Nadel sofort als eine römische »Fibula«. Und Rita behauptete, ganz dieselbe Nadel in den Händen der Ziani gesehen zu haben. Weil die Ziani bei dem Funde aber ganz arglos tat, hatten beide geschwiegen.

Wenn es Frühling wurde, standen Tür und Fenster des Speisesaales offen und die gold-grüne Dämmerung des mittagstillen Gartens zeichnete Blätterschatten und Sonnenkringel auf Fliesen und Wände. Ferne Töne des Lebens und Treibens der großen Stadt, die da unten lag, schlugen wie verträumte Laute einer Welt herein, von der man nichts wußte. Nur Furbo, der große Klosterhund, der auf irgend eine Weise immer ins Refektorium hineinfand, trat dann leise auf die Schwelle und spitzte die Ohren. Was mochte es da draußen geben? Jenseits dieser hohen Mauern und efeuüberwucherten Hecken? Er hatte sich so ganz in diese »Klausur« hineingefunden, daß es auch ihm nie still genug war.

Den obersten Teil am Tische der Zöglinge nahmen die »Großen« ein. Dann ging es schön langsam herunter, dem Alter und der Klasse nach. Die Präfektin war die einzige Nonne, die hier mitaß und ihre Augen sahen überall hin: in die Teller, auf die Hände, selbst unter den Tisch.

»Weil sie uns das Essen nicht gönnt!« pflegte Rita Dallago zu sagen. Denn die Nonnen aßen wenig Fleisch und taten sich fast jeden Tag einen anderen »Abbruch«.

Albas Gefährtinnen tauchten gerade die Löffel in die Suppe, als die Bestrafte erschien. Ihr Heft in der Hand, trat sie zunächst an den Tisch der Konventualinnen, küßte zuerst der Oberin die Hand, dann das Kreuz, das am Rosenkranz Mater Ignazias hing. Darauf dankte sie »für die gnädige Strafe« und reichte der Lehrerin das Heft.

»Es ist gut,« sagte Mater Ignazia kurz, »du kannst jetzt essen.«

Ohne rechts oder links zu sehn, nahm Alba ihren Platz ein. Brigida San Severe gab ihr einen leichten Stoß: »Du hast doch nicht geweint?«

Alba schüttelte das Haupt und begann langsam zu essen ... Alba Chietti war bis heute ein argloses Kind gewesen, ein Kind, das auch die südliche Frühreife nicht aus dem gesunden Gleichgewicht seines Alters brachte. Hatte sie sich müde gelernt, freute sie sich auf das Essen und war die abendliche Andacht vorüber, auf das Bett. Nie wär' es ihr eingefallen, in das, was ihre Eltern oder Lehrerinnen sagten, auch nur den geringsten Zweifel zu setzen; sie zu beurteilen oder gar zu beobachten. Sie wollten ja nur ihr Gutes; was konnte sie mehr wünschen? Da mußten sie doch wohl auch selbst gut sein, gut und reinen Herzens ... So beiläufig hatte Alba bis heute empfunden, einfach alles hingenommen, wie es sich von selbst bot. Darüber nachgedacht hatte sie noch nie.

Und da gab es nun eine, mitten unter ihnen ... die alles anders sah, alles anders beurteilte; von Dingen sprach, die ihr auch nicht im Traum eingefallen wären und diesen Dingen Namen gab, vor denen sie erschrak.

»Wahrheit – Unkeuschheit – Liebe ... Verstellung.«

Dabei war diese Ziani kaum fünfzehn Jahre alt, also fast um zwei Jahre jünger als sie. Wie ging es zu, daß eine hier so viel sah, die andere nichts? Da gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder log die Ziani ... oder sie wurde von den Nonnen und dem Beichtvater tatsächlich anders behandelt. Konnt' es aber nicht auch Rachsucht sein? Heimtückische Rachsucht, die ihr solche Worte in den Mund legte?

Fast erleichtert atmete Alba auf.

Ja aber ... Warum hatte die Ziani so lange geschwiegen? Und ihr Gesicht, als sie nach dem Fenster gedeutet hatte! »Dann lieber da hinab!« Noch nie hatte Alba ein ähnliches Grauen empfunden, so instinktiv gefühlt, daß ein verwehendes Menschenwort im nächsten Augenblick eine unwiderrufliche Tat sein könne. Hätte die Ziani auch nichts anderes gesagt – dieses Geständnis allein hätte Alba um ihren Frieden gebracht. Denn wie sollte sie nun das Fürchterliche verhüten, ohne die Ziani zu verraten?

Und wo weilte sie jetzt?

Da sah Alba zum erstenmal auf, aber nicht mehr mit ihrem fröhlichen Blick wie sonst. Scheu, gedrückt und doch zugleich von einer fiebernden Neugierde angespornt, die – sie fühlte es dumpf – von Stunde zu Stunde mehr Macht über sie gewann, sie weiter lockte und weiter, immer tiefer in das Irrsal der Geschehnisse hinein, die das Gezischel der Ziani ihr angedeutet.

Der Platz der Ziani blieb heute leer. Und die Präfektin?

Langsam schlich Albas Blick die Reihe ab, bis er an dem schwarzen Schleier der Nonne haften blieb. Nun glitt er vorsichtig zu dem gelben Antlitz empor. Aber nein ... dieses Antlitz sagte nichts, war fahl und undurchdringlich wie immer. Ob Mater Ignazia ihr das Bild gezeigt? Ignazia und die Präfektin waren Feindinnen. Da sie aber Nonnen waren, äußerte sich diese Gegnerschaft bloß in einer krankhaften Liebenswürdigkeit, mit der eine die andere zu überbieten und zu beschämen suchte. Es war die hysterische Komödie der Nächstenliebe.

Immerhin bemerkte Alba, daß Mater Ignazia heute anders aussah als sonst. Ihre Augen hatten einen lachenden Glanz, auf den breiten Backenknochen des unschönen Gesichtes brannten zwei dunkelrote Flecken. Ihr hatte die Sache also offenbar Spaß gemacht und da sie um vieles natürlicher war als die Präfektin, konnte sie sich auch schwerer verstellen.

»Sie hat es ihr gezeigt!« schloß Alba. »Und jetzt freut sie sich darüber. Die andere aber brütet etwas aus. Arme Ziani!«

In diesem Augenblicke griff die Hand der dienenden Schwester nach dem Suppenteller Albas. Und da Alba die Schwester nicht herankommen gehört, sah sie plötzlich nur diese Hand, diese weiche, welke, von unzähligen Falten durchfurchte Hand. »Die Hand einer Toten!« dachte Alba. »Und diese wollen uns fürs Leben vorbereiten?« Fast erschrak sie ... Was für Gedanken ihr doch heute kamen ... unhörbar an ihre Seele heranschlichen und plötzlich aufzischten wie Schlangen ... und wieder wegglitten wie Schlangen.

»Alle sind sie unglücklich hier!« hatte die Ziani gesagt. »Alle; und am unglücklichsten die Oberin und Fra Clemente.«

Die Oberin! Wenn Albas Blick zwischen dem steinernen Antlitz der Präfektin und dem goldblonden Haupte der Contarini hindurchschlüpfte, hatte sie das Profil Mater Renées wie eine blasse Silhouette vor sich. Die schmale Madonnenstirne, so weiß und durchsichtig, daß die bläulichen Linien der Schläfenadern selbst aus dem Schatten des Schleiers hervortraten. Die wie mit dem Pinsel gezogenen Brauen; die feinen Lider, die jeden Blick so streng zu hüten schienen und dabei zwei Augen beschatteten, deren bernsteinfarbiger Glanz zuweilen von einem grünlichen Irrlicht durchflackert wurde. Die scharfgebogene Nase der Französin von alter Rasse; ein strenges, fast spitzes Kinn und zwischen diesem Kinn und dieser Nase der volllippige Mund einer Dame aus dem Rokoko. Tat Mater Renée auch noch so ungehalten – dieser Mund machte jedes Wort weich, das aus ihm hervorkam. Noch niemand hatte sie lächeln gesehn, aber die ganze Anmut des Weibes, das der Schleier verhüllte, lächelte aus den Linien dieses Mundes. »Mater Renée ist die Schönste, trotz ihrer dreißig Jahre,« pflegte Rita Dallago zu sagen und ihre Gefährtinnen gaben ihr recht. Wohl auch aus dem Instinkte eigenster Rasseempfindung heraus, der die »Ebenbürtige« in jeder Bewegung Mater Renées erkannte und schätzte. Und wie sie einen der ältesten Namen Frankreichs trug, schien sich in dieser letzten Tochter eines aussterbenden Geschlechtes noch einmal alles zusammenzufinden, was diesen Adel groß gemacht und erlesen: Geist, Anmut, die romanische Noblesse der Gebärde und jenes fine fleur der großen Welt, das die Kulturen aller Jahrhunderte atmet. Dabei diese echt französische Frömmigkeit, die sich noch immer als »älteste Tochter der Kirche« fühlt, fest und unerschüttert ob sie im Wirbel der Welt steht oder zwischen dunklen Klostermauern einsam mit ihrem Gott spricht.

Und Mater Renée sollte – Mater Renée könnte ...

Unwillkürlich schüttelte Alba das Haupt. »Die Ziani lügt.« Doch sie konnte nicht hindern, daß nun plötzlich auch Fra Clemente vor ihr stand und ihre Phantasie ihn knapp neben die hinstellte, die ihn lieben sollte.

Fra Clemente war armer Bauersleute Sohn. Aber vom uralten Adel jener Rasse, die sich unvermischt in den blauen Albaner Bergen erhält und vielleicht römischer ist als alle Patrizier Roms zusammen. Während der letzten Weihnachtsferien hatte Alba in Begleitung ihrer Mutter zum erstenmal den » braccio nuovo« des Vatikan besuchen dürfen. Und angesichts der Porträtbüsten der römischen Cäsaren und Senatoren, der starren Feldherrnprofile auf Reliefs und Sarkophagen tauchte plötzlich Fra Clementes Haupt vor ihr auf, genau wie heute, Fra Clementes Haupt allein, soviel alte und junge »Barone Roms« sie auch kannte. Da war noch nichts verlebt, nichts verweichlicht in diesen Zügen, ganz und voll der römische Legionär erhalten, dessen eherne Sohlen einst die Welt niedergetreten. Alba war noch zu jung und zu wenig gebildet, um dem geschichtlichen Zusammenhang nachgehn zu können. Als sie aber vor der Statue des Augustus stand, wirkte die Ähnlichkeit so verblüffend auf sie, daß sie mit ihrer »Entdeckung« nicht länger an sich halten konnte. »Sieh Mama, Fra Clemente!« Und nachdem die Prinzessin ihr Lorgnon aufgesetzt, murmelte sie ganz verdutzt: »Wahrhaftig, er könnt' es sein!«

Von einer Büste zur anderen wanderte nun Fra Clemente mit. Die hatte seinen Hals, jene seine Stirn. Hier war ein Mund, dessen Lippen sich so herb aufeinanderpreßten, da wieder die brutalen Backenknochen, die den Enkel des Bauers kennzeichneten, der den » ager publicus« durchpflügt, ob dieser Enkel auch das Schwert getragen oder von einem kurulischen Sitz herab Recht gesprochen hatte und Geschichte gemacht.

Selbst die Prinzipessa wurde zuletzt ganz warm an dieser Entdeckung. Alba entsann sich, daß sie mit ihr noch einmal zur Statue des Augustus zurückkehren wollte. Unterwegs aber machte sie wieder vor der Caracalla-Büste halt, vor der sie schon einmal gestanden und dabei murmelte sie: »Ja, so sehn Männer aus!« Zum Augustus aber kam man nicht wieder. Denn der Prinzipessa wurde plötzlich unwohl, so unwohl, daß Alba Mühe hatte, mit ihr hinabzukommen. Als sie im Wagen saßen, zog die Prinzipessa ihren Rosenkranz hervor und sprach überhaupt nichts mehr. Das tauchte nun alles wieder auf in Albas Erinnerung und versank wieder. Nur die Erscheinung Fra Clementes wollte nicht weichen. Der albanische Bauernsohn mit den Zügen des ersten Cäsars im Habit des Dominikaners! Und der sollte – der könnte? So schlossen ihre Gedanken wieder denselben Ring.

Aber er war doch Priester ... und sie eine Nonne! So wenig Alba auch noch über die Liebe nachgedacht – eines wußte sie: daß die menschlichste aller Leidenschaften in diesen Herzen keinen Raum finden durfte. Da mußten sie wohl unglücklich sein, sich als Sünder fühlen! Sie, die fürstliche Braut Gottes, und er, dem die Macht gegeben ward, anderen die Sünden zu vergeben ... »Nein, nein!« schrie wieder etwas in ihr auf, flatterte durch die Seele gehetzt und geängstigt wie ein Vogel, der ans Licht will ... Dabei aß sie mechanisch weiter; tat, als merke sie auf jedes Wort der Legende, die Schwester Benedikta vorlas.

Log die Ziani? Log sie nicht?

Plötzlich war ihr, als müsse sie sich vor die Stirne schlagen: die Klausur!

Hatte Fra Clemente etwas mit den Nonnen oder die Oberin etwas mit Fra Clemente zu besprechen, geschah es immer durchs Gitter der Klausur. Durch dieses Gitter, in dem es keine Tür gab und dessen Öffnungen so klein waren, daß man ein Antlitz nie ganz und voll überblicken konnte. Der Chor, auf dem die Schwestern der Messe beiwohnten, hatte gleichfalls ein Gitter, ein Gitter, dessen Eisenstäbe so solid waren, daß man ebensogut wilde Tiere dahinter verwahren konnte. Nur zu Mittag und abends, wenn Fra Clemente längst in sein eigenes Kloster zurückgekehrt war, versammelten sich die Konventualinnen im unteren Raume der Kirche. Was für das Kloster herbeigeschafft werden mußte, besorgten die Laienschwestern. Gärtner und Kutscher wohnten außerhalb des Konvents. Erst wenn eine der Schwestern im Sterben lag, taten sich die Zellen dieser Einsamen auf: für den Priester, der ihnen den »Leib des göttlichen Bräutigams« brachte, für den Arzt, der meist erst gerufen wurde, wenn es zu spät war. Und wieder dachte Alba: »Wie diese Ziani lügt!«

Da fiel ihr der – Beichtstuhl ein. Natürlich blieb auch hier das Klausurgitter dazwischen! Doch aber war es die einzige Gelegenheit, wo Seele zu Seele finden ... der einzige Ort, an dem hier unbelauscht bleiben konnte, was ein Mann einem Weibe zu sagen hatte. Gegen einen solchen Verdacht aber lehnte Albas eigene Frömmigkeit sich auf. Der Mißbrauch eines Sakraments zu sündhaften Zwecken von geistlichen Personen! Das war so unerhört, daß Alba vor dem eigenen Gedanken erschrak und sich allein als Sünderin fühlte. Schrecklich, wozu diese Ziani sie verführt hatte mit ihrem bösen, heimtückischen Gezischel. Und wenn sie das nun beichten mußte? Demselben Fra Clemente!

Der strenge Blick seiner dunklen Augen ruhte schon jetzt auf ihr. Die herbe Verachtung alles Weltlichen, die so beredt um seine blassen Asketenlippen zuckte, machte sie vor sich selbst klein. Solange hatte sie hier gelebt – nur Gutes erfahren und Gutes gesehn, und nun schlich sie mit solchen Gedanken an ihre geistigen Wohltäter heran! Nicht mehr adelig war das, geschweige denn christlich.

Eine tiefe Beschämung kam über sie. Ein fast physischer Ekel vor dem Schmutze, mit dem sie sich da besudelt hatte. Was wußte denn diese Ziani von der Liebe? Und wenn sie schon etwas davon wußte – welche Gemeinheit, ihre sündhaften Gedanken und Vorstellungen in die Seelen anderer hineinzutragen. O, wie sie ihr künftig ausweichen wollte, dieser Lügnerin, die so ehrlich tat. Wenn dieses Schuljahr zu Ende ging, war Alba sechzehn Jahre alt. Dann kam sie in die Welt hinaus, lernte Menschen kennen, und vielleicht auch einmal das, was die Menschen Liebe nennen. Aber so wenig sie auch heute noch davon verstand, das eine meinte sie zu wissen: die Liebe der Welt war hinter diesen Gittern unmöglich!

Und wie ihre Seele Schritt um Schritt wieder in den blütenreinen Garten zurückfand, in dem sie bis heute gehaust, wurde ihr auch alles, was um sie vorging, wieder vertraut und heimatlich. Die Legende der heiligen Cäcilia, die Schwester Benedikta vorlas, bestand nicht mehr bloß aus so und sovielen Worten, die monoton in ihr Gehör fielen, eines nach dem andern. Sie sprachen wieder zu ihrem Herzen, zwangen Tränen in ihre Augen, brachten Ordnung in ihre Vorstellungen – die Ordnung, an die sie bis heute gewöhnt war und die wie eine goldene Brücke noch heute die Erde mit dem Himmel verband. So viel hatte eine schwache Jungfrau erdulden können, aus Liebe zu Christus! So viel von sich geworfen, im Hinblick auf die Seligkeit in Christo! Ja, man brauchte nur reinen Herzens sein und die Wunder nahmen kein Ende!

Was sich wohl die Contarini dabei dachte? Sie, deren Familie nach einer uralten Tradition sogar verwandt sein wollte mit dieser strahlenden, goldhaarigen Heiligen! Fast stieg es wie leiser Neid in die Seele Albas. Die Chietti hatten keine Heiligen unter ihren Ahnen, nicht einmal einen Papst, so alt sie auch waren. Wer weiß ... vielleicht kam der Contarini gerade von daher die Gnade! Trug sie nicht den goldenen Haarschmuck der Heiligen schon jetzt wie eine Glorie um die Stirne? Sie, deren Mutter und Vater brünett waren! Und wie meisterte sie die Orgel! Wenn sie aber an ihre tote Mutter zurückdachte, fühlte sie immer einen Hauch des Paradieses. Die heilige Cäcilie trat neben diese tote Mutter, deren Ahnen dasselbe Blut in sich hatten, das die Heilige zur Ehre ihres Schöpfers vergossen!

Draußen strich der Maiwind leise durch die Wipfel der Bäume. Der heiße Duft der Levkoyen und Rosen flutete bis an den Tisch heran und von der Kapelle her begegnete ihm wie eine unsichtbare Wolke der mystische Atem des Weihrauchs. Schwester Benedikta aber stand wie ein schlanker Erzengel vor dem Lesepult und trug den Himmel zur Erde hernieder, mit Worten, die Ruhe und Wonne und Paradiesesduft atmeten, wie draußen die Rosen und drinnen der Weihrauch!

Mater Benedikta war die jüngste der Konventualinnen und zugleich die beliebteste. Keines der jungen Mädchen hätte sagen können warum? Aber gewiß war es nicht bloß der geringe Altersunterschied, der sie allen so nahe brachte. Hoch, tannenschlank und doch zugleich auch kräftig gebaut, hatte sie wirklich etwas von einer Virago an sich. Rita, die jeder der Schwestern einen »Übernamen« aufgebracht, hatte sie gleich am ersten Tage den »Erzengel« genannt. Schwester Benedikta natürlich durfte keine Ahnung davon haben. Sündhaft wäre dieser Vergleich ihrer einfältigen Demut erschienen, wahrscheinlich hätte sie sich zunächst bekreuzt und vielleicht sogar getrachtet, irgendwie anders zu erscheinen. Denn Benedikta war die echte Tochter des heiligen Franz von Sales. Aus innerstem Drang war sie Nonne geworden. Ein schöner Zufall hatte es gefügt, daß gerade sie ihr Noviziat im »Mutterhaus von Annecy« machen, ihr Gelübde in derselben Kirche ablegen durfte, in welcher der heilige Franz den ersten »Visitantinnen« die Hände aufs Haupt gelegt.

Sprach Schwester Benedikta von Annecy, leuchtete ein seltsamer Glanz in ihren kindlichen Augen auf. Der Blick eines Rehs, das an seinen Wald denkt; ihre ganze Sehnsucht war dort geblieben. Hier tat sie ihre Pflicht. Aber die mit Lilien gezierten Gitter, die vor den Spitzbogenfenstern Annecys standen, seine düsteren und doch so traulichen Korridore, die »Residenz« des heiligen Franz von Sales, die Meßgeräte, die er noch in Händen gehabt, das Bild der ersten Oberin, die noch so glücklich war, ihn selbst zu sehn – all das lebte in ihren Träumen, vibrierte in ihren Gedanken, füllte ihr Herz mit einer Zärtlichkeit aus, die für die Welt nichts mehr übrig ließ.

Sprach Schwester Benedikta den Namen des Heiligen aus, errötete sie und faltete die Hände. Wie ein betender Engel stand sie vor dem Geheimnis all dieser Güte, Liebe und Sanftmut. »In Annecy hielten wir's so ...« »In Annecy war das so ...« Wahrhaftig! Sie mußte all ihre Askese aufbieten, um dieses liebe, einzige, selig-unselige Annecy endlich aus dem Sinn zu bringen.

Dabei hatte Schwester Benedikta eine Fröhlichkeit in sich, die wahrhaft gottselig war. Ihr Antlitz trug immer denselben heiteren Widerschein innerster Zufriedenheit. Der tiefe Ton ihrer Stimme war immer der gleiche, eine Seele voll Güte atmete sich darin aus. Ihr Antlitz zeigte das Profil eines Jünglings; das Kinn war lang und schmal. Wandelte sie so dahin, ehrlich und gerade ausschreitend, mit strahlenden Augen alles anleuchtend, was ihr in den Weg kam, während das Silberkreuz ihres Rosenkranzes mit leisem Geklirr an ihren Habit schlug, schien es wirklich, als schritte ein gewappneter Engel einher und trüge durchs ganze Haus eine frohe Botschaft des Himmels ... »Seid gegrüßt!«

Die Konventualinnen aber – und das war das Seltsame – fanden durchaus kein Wohlgefallen an der »guten« Benedikta. Keine sprach mehr mit ihr, als gerade notwendig war und da sie die heimliche Abneigung aller genoß, war sie bisher auch von jeder hysterischen Freundschaft verschont geblieben. Seltsam aber war es immerhin, daß selbst erbitterte Gegnerinnen, wie Mater Ignazia und die Präfektin, innerlich eher ihren Frieden schließen konnten, als sich mit der Gegenwart der »guten« Benedikta auszusöhnen. Diese gesunde, rotwangige Frömmigkeit, die so unangefochten mitten durch alles hindurchging, war ihnen ein Rätsel, einigen sogar direkt verdächtig.

Daß der heilige Franz von Sales gewiß nur so gewesen, fiel ihnen gar nicht ein. Der Jesuitismus, der allmählich auch in die Stiftung dieses milden Heiligen eingedrungen war, hatte ein ganz anderes Christentum dahin verpflanzt und der Geist einer gottinnigen, heiteren Frömmigkeit und echt christlichen Duldung färbte sich allmählich nach den Grundsätzen des jeweiligen Bischofs um, dem die Klöster unterstanden.

Hier in Rom war heißer Boden. Der »Bischof von Rom« hatte bis zuletzt die Pose des »Gefangenen im Vatikan« gewahrt. Sein Nachfolger Leo nahm sie notgedrungen auf, obwohl er einen Bruder hatte, der aus dem Jesuiten-Orden ausgetreten war. Aber »sie werden ihn bald wieder haben«, sagte man damals in Rom und die Intransigenten jubelten schon.

Wer deshalb hier etwas gelten wollte, dessen Frömmigkeit mußte ganz anderer Art sein, als die der gesunden Benedikta. Und da saß sie ja auch knapp hinter ihr – die »Heilige« des Klosters.

Mater Dominika hatte früher auch Unterricht erteilt. Seit sie aber anfing, ihre »Visionen« zu haben, überließ man sie auf höhere Weisung nur mehr der Betrachtung und Andacht. Tagelang fastete sie, stundenlang betete sie vor dem Allerheiligsten, in sich zusammengekrochen, nur mehr Gefäß einer einzigen Flamme, stammelte sie ihren Gott an wie eine Verzückte. Die hohlen, tief eingesunkenen Wangen, das irre Geflacker ihrer Augen, das unruhige Spiel ihrer Finger, der Widerwille, mit dem sie sich sichtlich zwang, etwas anderes zu genießen als die Hostie, erfüllten die anderen mit einer Art Scheu, die übrigens bei vielen mehr Angst als Ehrfurcht zu sein schien, nur daß es keine eingestehen mochte. Denn seit Mater Dominikas »Prophezeiungen und Gesichte« in Erfüllung gingen, wagte keine der Konventualinnen mehr an ihrer Heiligkeit zu zweifeln.

Im »Sprechzimmer« befand sich eine Tapete, an der vor ihrem »inneren Schauen« einmal plötzlich das Bild einer » mater admirabilis« aufleuchtete. Und Dominika, die nie gezeichnet hatte, bat sich in der Ekstase einen Kohlenstift aus und zeichnete Haupt und Gestalt der Madonna nach, wie sie ihr erschienen. Seit jenem Tage wäre es keiner der Schwestern mehr eingefallen, ihre »Gesichte« zu bezweifeln. Entsetzlich war nur, daß die arme Dominika vor diesen Ekstasen immer so viel leiden mußte. Die Zöglinge zwar hatten sie noch nie in diesem Zustande gesehen; ihren weltlichen Blicken traute man nicht die nötige Pietät zu. Aber wenn zuweilen plötzlich ein geller Schrei die Luft zerriß, irgendwo ein Körper dumpf aufzuschlagen schien, ein klägliches Gewinsel erscholl oder ein Gestammel wie von den Lippen einer Fiebernden – wußten auch die jungen Mädchen, daß Mater Dominika wieder »ihren Tag« habe, wie Rita Dallago sich auszudrücken pflegte.

Übrigens war Dominika die einzige Konventualin, vor der Rita sich fürchtete; bis zum Blaßwerden sich fürchtete. Scholl von irgendwoher ihre Stimme, verschwand Rita sicher nach der entgegengesetzten Seite. Wurden aber jene Schreie laut, hielt sie sich die Ohren zu und zog Augenbrauen und Oberlippe in so komischer Weise hoch, als müsse sie der Schreienden unbewußt Hilfe leisten. Ihre Gefährtinnen lachten sie aus. Als Schwester Benedikta dies aber einmal bemerkte, nahm sie Rita rasch an der Hand und eilte, sichtlich besorgt, noch weiter mit ihr weg. »Nicht anhören – nicht anhören!« stammelte sie dabei, brachte Rita zu Bett und legte ihr kalte Tücher aufs Herz.

Die Ziani wollte gehört haben, wie Schwester Benedikta der Oberin an jenem Tage »demütige« Vorstellungen machte ... daß Mater Dominika vielleicht doch besser anderswo unterzubringen wäre, als in einer Erziehungsanstalt. Und auf das erstaunte »Warum?« der Oberin hatte sie ruhig geantwortet: »Weil solche Zustände etwas Ansteckendes haben« worauf die Oberin, die Ziani bemerkend, keine Antwort mehr gab.

Das fiel Alba so ein, als ihr Blick von der lesenden Benedikta zu der blassen Dominika hinüberschweifte. Aber plötzlich erschrak sie ... Denn sie sah gerade in die weitgeöffneten Augen der »Heiligen« hinein, die mit einem ganz unbeschreiblichen Ausdruck auf sie gerichtet waren, fest, starr und mit einem Glanz, der etwas Unerträgliches hatte. Um ihre bläulichen Lippen aber lag ein Lächeln, das der armen Alba geradezu gräßlich erschien. »Was will sie von mir?« dachte sie. »Was sieht sie an mir?«

»Und wenn sie nun deine Gedanken wüßte?« sprach es ganz leise in Albas Seele ... Aber ihr Blick kam nicht mehr los von diesem gespenstischen Antlitz. Dabei war ihr, als müsse sie aufschreien, jäh, schrill, wie sonst Mater Dominika und zugleich empfand sie einen heftigen Stich in der linken Schläfe, einen Schmerz, den sie bisher noch nicht gekannt.

In diesem Augenblick erhob sich die Oberin, um das Tischgebet zu sprechen. Stehend sprachen es alle nach. Die jungen Mädchen schon mit der ungeduldigen Freude, nun endlich in den Park hinauszukommen.

Auch Alba war froh, wieder frische Luft atmen zu können. Da winkte sie die Oberin heran: »Komm mit mir!« Alba fühlte sich erblassen. Nun hieß es auch dort Rechenschaft geben ... Gehorsam trat sie an die Seite Mater Renées. So befangen sie aber auch war, hörte sie doch, was die Oberin der Präfektin zuraunte: »Achten Sie heute auf Mater Dominika!«

Die Präfektin neigte das Haupt und ging.


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