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Fünftes Kapitel.

Der Orkan besänftigt sich.

So traten sie denn aus der Hinterpforte des Hauses ins Freie und setzten sich auf die mehrerwähnte Bank zwischen den beiden Buchen, von wo aus sie das ganze schöne Schauspiel dicht vor Augen hatten, welches ihnen die milde Oktobernacht darbot. Der im vollen Glanze am Himmel langsam dahinsegelnde Mond, weder von Wolken noch Dünsten verhüllt, warf seinen flimmernden Riesenstrahl ungehindert in das klare Meer, auf dessen Oberfläche er sich wie ein flüssiger Silberstreifen spiegelte, der, unabsehbar an Länge, bis an den fernsten Horizont streifte, wo er allmählich blasser wurde und zuletzt sich in lauter kleine Lichtpünktchen auflöste. Das Meer selbst aber ließ jenes leise majestätische Rauschen vernehmen, das nur die Stille der Nacht durchdringt, dann aber um so feierlicher die Seele stimmt, deren Ohr geübt ist, die Stimmen der Natur selbst im leisesten Wehen wahrzunehmen.

Die drei Menschen, die wir auf ihren Schauplatz begleitet haben, hatten alle offene Sinne für diese ihnen entgegentretenden Erscheinungen, und sie sogen mit Wollust den lieblichen Anblick und die erhabenen Töne ein, die sich vor ihnen entwickelten. Aber nachdem sie eine Weile gelauscht und geschaut hatten, richteten sich unwillkürlich und wie infolge einer geheimen Verabredung ihre Blicke nach Südosten hinüber, wo sie bald auf einem Gegenstand haften blieben, der ihnen unter den Umständen, wie er diesmal erschienen war, von großer Bedeutung sein mußte. In der angeblichen Richtung nämlich lag unbeweglich, wie auf den schlafenden Wogen ruhend, ein großes Schiff, das ohne Zweifel ein Kriegsschiff war, denn dafür sprach eben seine Größe und die vollkommene Takelung, deren Zierlichkeit und Regelmäßigkeit man fast mit bloßen Augen erkennen konnte. Mit Hilfe eines Fernglases aber vermochte man deutlich die zwanzig dunklen Punkte wahrzunehmen, die in zwei Reihen übereinander auf der dem Lande zugekehrten Steuerbordseite an dem Rumpfe hafteten und nichts anderes als eben so viele Kanonenluken waren, aus denen die Tod bringenden Röhren schauten, die um diese Zeit eine so traurige wie bedeutungsvolle Rolle in der Geschichte der Völker spielten. Das Schiff war also eine Fregatte von vierzig Kanonen, die zu irgend einem Zweck in diese Gewässer gesandt war und sich nur aus dem Grunde der Küste so nahe wie möglich gelegt hatte, um sie mit Muße und Behaglichkeit beobachten zu können.

Ein Zeichen, woran man die Nationalität des Fahrzeuges hätte erkennen können, war nirgends vorhanden, denn die Farbe des langen vom Hauptmast wehenden Wimpels war nicht zu unterscheiden, und die Besahnrute zeigte keine Flagge, wahrscheinlich in der Absicht, um keinen der am Lande das Schiff beobachtenden Bewohner den eigentlichen Grund seiner Anwesenheit erraten zu lassen.

Nachdem der alte Strandvogt eine lange Zeit damit hingebracht hatte, das ganze Schiff von der Gallion bis zum Spiegel und vom Großtop bis zum Wasserspiegel zu mustern, setzte er das Glas vom Auge ab und sagte ruhig: »Ich weiß nicht, was es für ein Landsmann ist, doch scheint er uns nichts Übles zu verkünden. Ich möchte aber wetten, daß er ein Schwede ist oder höchstens ein Engländer, denn die Herren Franzosen lieben ein höheres Stangenwerk und verstehen nie eine so herrliche Symmetrie in der Takelage hervorzubringen, wie dieses schöne Fahrzeug sie zeigt.«

»Könnte es nicht auch ein Däne sein?« fragte Mutter Ilske, nachdem sie in aller Ruhe eine Weile nachgedacht hatte.

»Bei Gott, Ilske, ja, du hast recht,« rief der Strandvogt. »Ja, ein Däne kann es auch sein, denn die verstehen sich auf gute Schiffe, das muß man ihnen lassen.«

»Es ist ein Schwede,« sagte Hille mit einer instinktartigen Gewißheit, die manche Frauen auch in Angelegenheiten besitzen, die eigentlich nicht zu ihrem Wirkungskreise gehören. »Ich glaube es wenigstens.«

»Ich auch,« rief der Alte beistimmend, »und wir beide bilden die Majorität, Mädchen. Aber was will der nur hier – das ist die Frage. Ha, seht Ihr die Lichter an seinem Bord? Wahrhaftig, sie gehen mit Laternen auf und nieder. Na, ist den Herren der Mondschein noch nicht hell genug? Wollen sie den Fischen eine Illumination bereiten? – Ha, am Ende sind es doch Franzosen, die die Einnahme von Moskau mit uns zugleich feiern.«

»Nein, nein,« sagte Hille bestimmt, »das ist keine Illumination, Ohm, Sie setzen vielleicht ein Boot aus und dabei brauchen sie Licht.«

»Mädchen, was du klug bist! Hallo, ich sehe es durch mein Glas. Wahrhaftig, sie lassen ein großes Boot in See – sie bemannen es – Kinder, was hat das zu bedeuten?«

Der alte Mann, auf das höchste gespannt, war von der Bank aufgesprungen und hatte sich dem Bergabhange so nahe wie möglich aufgestellt, um dem kommenden Schauspiele seine ganze Sehkraft zuwenden zu können. Neben ihm auf der einen Seite stand seine Frau und auf der andern Hille, deren lautes Atmen, als würde ihre Brust von einer ungewöhnlichen Spannung gehoben, sich in der Stille der Nacht deutlich vernehmen ließ.

»Sie kommen!« sagte der Alte, nachdem wieder einige Zeit in stiller Betrachtung vergangen war. »Ich sehe es, sie sind schon am Rudern. Horch! Hört Ihr es? Sie streichen prächtig, die Jungen, und haben ihr Handwerk aus dem Grunde gelernt.«

Er hatte recht, eine ziemlich große Barke näherte sich dem Lande, und je näher sie kam, um so deutlicher vernahm man den regelmäßigen und wohllautenden Schlag, den nur die mit genauester Pünktlichkeit geführten Riemen eines Kriegsbootes bei stillem Wasser und namentlich in geräuschloser Nacht hören lassen.

»Bei Gott!« rief der Alte mit jauchzender Stimme, »sie kommen auf Saßnitz los und wollen landen. Soll ich einmal hinunterlaufen und sehen, was es gibt?«

»Das wirst du hübsch bleiben lassen,« sagte Mutter Ilske und hielt ihren Mann am Arme fest, als wollte sie ihn dadurch an sich fesseln; »es könnten immerhin trotz deiner Wissenschaft und Hilles Glauben Franzosen sein, die aufs Land kämen, um die Illumination von Saßnitz aus der Nähe zu betrachten.«

»Du hast recht, Alte, Donnerwetter! Das ist wahr. Kommt, Kinder, setzt Euch nieder, da bleibt uns denn nichts anderes übrig, als in aller Ruhe abzuwarten, was daraus wird.«

Er ging mit seiner Frau nach der Bank zurück, nur Hille blieb wie an den Boden gewurzelt auf der Klippe stehen und schaute mit wogender Brust nach dem Meere hinab, welches das Boot mit ziemlicher Schnelle durchschnitt, bis es endlich an der gewöhnlichen Landungsstelle anlangte und, ohne ein Hindernis zu finden – denn es standen jetzt keine Franzosen im Dürfe, was sie zu wissen schienen – seine Bemannung zum größten Teil ans Ufer steigen ließ.

Jetzt endlich trat Hille zu den Verwandten zurück, wiewohl in einer Haltung und Spannung, die nur darum den beiden Alten entging, weil sie zu sehr mit ihren eigenen Empfindungen beschäftigt waren, um auf die eines andern zu achten; mit den Augen immer noch den Strand verschlingend und ihre Ohren der Richtung zuwendend, in welcher der Fußsteig von Sassnitz auf die Höhe durch die Steinbachschlucht führte, sah sie die beiden Alten weder, noch hörte sie irgend ein Wort, welches sie miteinander sprachen.

Nach einer Weile aber, als sich im Kiekhause nichts von den unten am Strande bei Sassnitz Gelandeten blicken ließ, hatte der Strandvogt das Warten satt, und da er zugleich einen Appetit verspürte, so forderte er die Seinigen auf, mit ihm in das Haus zurückzukehren und das Abendbrot einzunehmen. Beide Frauen stimmten bei und folgten ihm in das Haus, wo man Trude von ihrem Aufseheramt erlöste und ihr das Abendessen hereinzubringen befahl. Kaum aber hatte sie das Zimmer verlassen, so wandte Hille das Ohr nach der Tür, denn es war ihr, als hätte jemand heftig das Gattertor zugeschlagen, das den Garten vorm Hause einfaßte.

Sie hatte sich nicht getäuscht. Einen Augenblick später ließen sich männliche Fußtritte auf dem Flur vernehmen und »Es ist Waldemar!« rufend, sprang sie zur Tür, um sie dem Besuchenden zu öffnen, denn daß nur dieser es sein konnte, der in so später Abendstunde vom Strande heraufkam, hatte ihr schon lange eine innere Stimme verraten, ohne daß sie sich eines besonderen Grundes dieser Annahme bewußt gewesen wäre.

Da gab es denn eine lärmvolle und freudenreiche Szene in dem kleinen Kiekhause, und lange dauerte es, ehe Waldemar dazu kam, die Ursache seines Besuches zu erklären, denn die endlosen Ausrufungen der glücklichen Mutter und das jauchzende Freudengeschrei des Vaters ließen ihn kaum zu Worten kommen, obgleich man ihm ansah, daß er Wichtiges genug zu berichten und nur wenig Zeit dazu übrig habe, da er wiederholt nach der Uhr blickte, die in der Ecke stand und soeben die neunte Stunde angab.

Endlich hatten die alten Eltern sich in ihren freudigen Ausrufen Genüge getan, und nun traf auch Hille die Reihe der Begrüßung, die ein warmer Händedruck einleitete, der von beiden Seiten etwas ungewöhnlich verlängert und von Blicken begleitet wurde, die so gut Gedanken aussprachen, wie nur Worte es gekonnt hätten. Als aber auch diese Begrüßung vorüber war, wandte sich Waldemar zu allen dreien und teilte ihnen Folgendes mit.

»Ich habe nur eine Stunde für diesmal Zeit,« sagte er, »um Euch einen kurzen Besuch abzustatten, und muß also rasch die Ursache desselben erklären. Vier schwedische Schiffe haben den Befehl, so dicht wie möglich um Rügen herum zu kreuzen und im Fall der Not unsern Landsleuten gegen die Franzosen beizustehen. Die Politik unserer Regierung scheint sich wieder gegen Napoleon gewendet zu haben, und ein gänzlicher Bruch steht nahe in Aussicht. So ist man namentlich der maßlosen Quälereien der Feinde auf der Insel müde und will vor allen Dingen ihren Raubzügen steuern, die sie unter dem Vorwande, verbotene Kolonialwaren zu suchen, an einzeln liegenden Strandhöfen und Häusern ausführen. Wenn nun auch von Euch mehr gefordert werden sollte, als Ihr leisten könnt, oder sobald man Euch auf irgend eine Weise bedrängt, so hißt eine weiße Flagge an irgend einem Orte auf, und Ihr werdet sogleich einige wohlbemannte Boote mit Bewaffneten zu Eurer Hilfe herankommen sehen. An Geld aber zahlt nichts mehr, wie sehr man Euch auch bedrohen oder treiben mag. Die kommandierenden Generäle und Oberoffiziere verhängen diese Kontributionen nur, um ihre eigene Habsucht zu befriedigen, und was Ihr mit Eurem Schweiße erworben oder mit Mühe jahrelang für den Abend Eures Lebens erspart habt, das stecken sie lachend in ihre Taschen und vergeuden es in kürzester Zeit. Aber das will unser König nicht länger geduldig mit ansehen, und darum hat er seine Schiffe hierhergesandt. Leider habe ich meine Station auf der Südostspitze der Insel erhalten, und sobald der Wind aufspringt, werden wir unsere Stelle einnehmen; statt dieses Schiffes aber wird ein anderes kommen, und so gern wie wir auf das geringste Zeichen Euch zu Hilfe eilen.

»Ja, ja doch, das ist mir schon recht,« unterbrach ihn der ungeduldige Strandvogt, »aber das klingt ja gerade so, als ob Schweden Frankreich wieder den Krieg erklärt hätte, oder es wenigstens bald tun wollte?«

Waldemar lächelte triumphierend. »So sieht es allerdings aus, mein Vater, und wir alle hoffen und wünschen es, da sich das Verhängnis endlich wider den Allerweltsbedrücker gewandt und seiner Macht vorläufig einen gewaltigen Stoß beigebracht hat.«

»Wieso denn, mein Sohn, davon wissen wir ja gar nichts.«

»Das glaube ich gern, und auch wir haben erst seit gestern eine bestimmte Kunde davon erhalten. Ich wollte sie Euch aber als das kostbarste Geschenk, was ich bringe, zuletzt auftischen. In Rußland, so hieß es beinahe schon seit einer Woche, sei dem Kaiser Napoleon nicht alles nach Wunsch gegangen. Er habe allerdings zuerst einige Siege erfochten, aber dabei so große Verluste erlitten, daß sie Niederlagen gleichkommen. Dabei soll es den Truppen in den wüsten Heidegegenden an Nahrung fehlen und die Kälte so wunderbar früh ausgebrochen sein, daß die ganze Armee große Not leidet. Gestern aber erhielten wir zufällig eine Nachricht, die noch Schlimmeres erzählt und dennoch auf Wahrheit beruht. Wir begegneten nämlich zwei russischen Kurierschiffen, die nach Stockholm und London segelten, und riefen sie an. Da hörten wir denn, daß die Zarenstadt Moskau in Brand geraten und der Kaiser Napoleon dadurch gezwungen sei, mit großen Verlusten dieselbe zu verlassen und seine Armee zurückzuführen, um sie nicht ganz dem Elende des Hungers und der nagenden Kälte preiszugeben. So scheint es denn, als ob eine neue Aera für uns anbrechen sollte, und wenn man der französischen Armee auf ihrem Rückzüge beizeiten die Wege sperrt, und die russische Armee ihre Pflicht erfüllt, so dürfte es bald einen Kaiser und eine halbe Million Menschen – seine glorreiche Armee – weniger auf der Welt geben. Daß Schweden aber gegen ihn operiert, ist so gut wie gewiß, und davon liefert ja auch schon unsere Sendung einen genügenden Beweis. Also Mut, mein Vater, Hoffnung und Gottvertrauen! Wir gehen einer besseren Zeit entgegen, und bald wird der Kummer, den wir so lange getragen haben, von unseren Herzen genommen sein.«

Sprachlos, mit weit aufgerissenen Augen starrte der Strandvogt den also Redenden an; was er da eben hörte, hatte er nicht im geringsten zu hoffen gewagt. Endlich aber ermannte er sich und, seinen Sohn kräftig am Arm schüttelnd, sagte er: »Junge, was du uns da gesagt hast, klingt wie die lieblichste Musik in meinen Ohren, aber ich glaube es noch nicht recht und muß erst die Bestätigung abwarten.«

»Die wird nicht lange ausbleiben, in wenigen Tagen wird es England aller Welt verkündigen, und auch von Deutschland her wird das Gerücht durch nähere Berichte beglaubigt werden. Ich möchte wetten, daß die Franzosen in Stralsund und Bergen schon mehr davon wissen, als sie laut werden lassen, doch das wird sich ja bald durch ihre Bewegungen verraten, wie wir ja auch schon in Erfahrung gebracht, daß sie nach und nach die disponiblen Regimenter ganz im stillen von hier fortgezogen und nach dem Norden geschickt haben.«

»Aha! Darum auch! Ja, das mag wahr sein, Junge. Wir haben schon seit ein paar Tagen keine Truppen mehr gesehen, und sie streifen nur noch ganz einzeln hier und da herum, um zu spionieren oder zu stehlen, was eins und dasselbe bei ihnen ist. Hurrah! Das ist eine große Freude heute abend, nun wollen wir die Illumination für uns abbrennen, so haben wir die Lichter doch nicht vergeblich gekauft!« –

Die kurze Zeit, die Waldemar an diesem Abend im elterlichen Hause verleben konnte, verfloß überaus schnell, und man hatte sich noch nicht zur Hälfte das volle Herz freigesprochen, als die alte Uhr schon die gesetzte Frist für abgelaufen erkennen ließ. So war denn wieder einmal die Trennungsstunde gekommen, und Waldemar schied mit dem Versprechen, so bald wie möglich wiederzukehren, und mit dem Wunsche, daß ein glücklicher Friede nicht allzu lange mehr auf sich warten lassen möge.

Seelenvergnügt brachten die beiden Alten den Rest dieses Abends zu, denn sie hatten einmal unerwartet ihren Liebling wiedergesehen, Hille dagegen war schweigsam und schien das Glück der Hoffnung auf bessere Zeiten nur innerlich zu fühlen, wenigstens sprach sie es nicht hörbar aus, und auch in den nächsten Tagen lebte sie mehr still für sich, indem sie mit sich zu Rate ging, ob es unter diesen Verhältnissen besser für sie sei, im Kiekhause zu bleiben oder nach Vakewitz zurückzukehren und dort die Entscheidung abzuwarten, die bald jedermann auf der Insel für nahe bevorstehend hielt.

Diese Entscheidung jedoch sollte noch ziemlich lange auf sich warten lassen, obwohl sie mit entschiedenen Schritten herannahte, was sich alle Tage zweifelloser herausstellte. Acht Tage nach der festlichen Illumination, welche die letzte war, die Napoleon den von ihm besetzten Ländern aufzwang, war es niemanden auf Rügen mehr verborgen, daß der Kaiser in der Tat große Verluste in Rußland erlitten habe, und daß er alles Ernstes bemüht sei, seine gelichtete Armee durch die noch in Deutschland an verschiedenen Orten stehenden Regimenter zu ergänzen. So zog denn auch aus Schwedisch-Pommern eine Abteilung nach der andern fort, und zuletzt blieben nur noch so viel zurück, als zur Besitzerhaltung der mit Beschlag belegten Landesteile durchaus notwendig waren. Rügen behielt nur noch ein halbes Bataillon Infanterie und ein halbes Regiment Kavallerie, über welche Truppen Kolonel Caillard in Bergen den Oberbefehl errang und nun kraft der in seine Hand gelegten Macht nach Belieben an allen Orten schalten und walten konnte. Namentlich war er auf das eifrigste beflissen, die rückständigen Kontributionen zusammenzutreiben, die im November und Dezember von neuem ausgeschrieben worden waren und in Anbetracht der großen Summen, die der Kaiser beanspruchte, eine beträchtliche Hohe erreichten. Allein die schlauen Insulaner hatten sich die Winke, die sie von allen Seiten erhalten, zu Herzen genommen und sträubten sich von Tag zu Tag, indem sie Mittellosigkeit vorschützten und wiederholt durch Rede und Schrift dartaten. Die französischen Befehlshaber, durch diese hartnäckige Weigerung aufs höchste erbittert, schrieben immer höhere Summen aus, die wiederum nicht bezahlt wurden, und so zog sich die unerquickliche Fehde durch den ganzen Winter hin, ohne daß man davon hörte, daß irgendwo fernere Gewaltmaßregeln gegen das Eigentum der besitzenden Klasse ergriffen worden wären. So kreuzten denn auch die schwedischen Kriegsschiffe auf und ab, ohne jemals zu einer von ihnen sehnlichst erwarteten Landung bewogen zu werden, allein ihre Anwesenheit schien doch von Einfluß auf die Feinde gewesen zu sein, denn diese ahnten sonder Zweifel, weshalb sie ihre drohenden Mäuler gegen sie aufgesperrt hatten, und hielten sich von allem gewalttätigen Vorgehen weislich zurück.

Unter diesen Umständen war es Waldemar nicht mehr geglückt, seine Eltern noch einmal zu besuchen; die schwedischen Schiffsführer zogen es vor, jeden Zusammenstoß mit den Franzosen zu vermeiden, so lange es möglich war, und so ließen sie niemanden ans Land, so viele Wünsche dazu auch von Seiten der eingeborenen jungen Männer, die an Bord waren, laut werden mochten.

Von Woche zu Woche aber langten, zum Teil auf den größten Umwegen, die Nachrichten von den Ereignissen in Rußland an, und wiederum waren es die Engländer, die sich am meisten bemühten, den wahren Sachverhalt der Vorgänge innerhalb der großen französischen Armee den allmählich aufatmenden Bewohnern des Festlandes mitzuteilen. So erfuhr man denn, daß Napoleon am 18. Dezember 1812 in Paris eingetroffen sei und seine Armee hilflos in den Schneefeldern Rußlands zurückgelassen habe, aber zugleich, daß er von neuem ungeheure Anstrengungen mache, den Krieg abermals zu beginnen und es noch einmal mit seinen deutschen und russischen Gegnern zu versuchen.

Jetzt aber erhob sich das bisher in Fesseln gelegene Volk der Deutschen wie auf einen Ruf. Auch die Fürsten erwachten zum Bewußtsein ihrer Pflicht, und so traten die großen antifranzösischen Bewegungen des Jahres 1813 ein, die wir alle kennen und hier also nicht weiter zu verfolgen brauchen.

Auch auf Rügen war die Stunde der Befreiung von der französischen Willkür und Tyrannei nahe. Bereits am Ende des Februar, bevor noch das teilweise mit Eis belegte Wasser der Ostsee den Schiffen den Eingang gestattete, zeigten sich dann und wann auf offener See englische Kreuzer, die mit der vorrückenden Jahreszeit sich alle vermehrten und um ganz Rügen herum allmählich einen Wald von Segeln emportauchen ließen, wie ihn die erstaunten Inselbewohner lange nicht oder vielleicht noch nie gesehen hatten.

Da regte es sich denn auch gewaltig im Innern dieser stillen und lange so Schweres duldenden Menschen, und auf allen Stationen wehten die weißen Flaggen, die schwedischen Krieger herbeizurufen, nicht um von ihnen in einer noch etwa drohenden Gefahr Beistand zu erbitten, sondern um sie einzuladen, den alle Tage erwarteten Abzug der Franzosen mit anzusehen, deren Verbleiben auf der Insel allmählich unmöglich geworden war, indem sie befürchten mußten, von ihrer großen Armee gänzlich abgeschnitten und von den heranschwärmenden Deutschen und Engländern gefangen genommen zu werden.

Waldemar war es in diesen Tagen geglückt, einige Stunden in Sassnitz zu landen und seine Eltern wiederzusehen. Zu seinem Erstaunen fand er sie allein, denn Hille war von ihrem Pächter nach Bakewitz berufen worden, um dort seine Pläne für den kommenden Frühling zu vernehmen und dem sorglichen Manne ihren Rat zu erteilen, der durch die vielen Bedrückungen in seinen Vorsätzen schwankend geworden war und ohne die Zustimmung der Herrin des Gutes nicht gern zu neuen Unternehmungen schreiten wollte.

Als Waldemar am Abend dieses Tages an Bord des Ingiald zurückkehrte, empfing er von seinem Kommandeur den am wenigsten erwarteten Befehl, mit zehn Marinesoldaten und einer Abteilung waffenfähiger Matrosen auf Rügen zu landen und den Abzug der Franzosen zu beobachten, der, wie man an diesem Tage erfahren, am 8. März stattfinden sollte. Mit dem Ingiald zugleich sandten auch die anderen Schiffe einen Teil ihrer Mannschaften ans Land, die sämtlich den Befehl erhielten, auf den großen Straßen hin und her zu marschieren und darauf zu achten, daß die abziehenden Franzosen dieselben nicht mit Raub und Plünderung besudelten.

Es war am 6. März 1813, als Waldemar mit seiner Abteilung schwedischer Seeleute bei Zicker landete und ohne Aufenthalt nach Bergen aufbrach, um die ihm erteilten Befehle auszuführen. In mäßiger Eile bewegte sich der kleine Schwarm durch Mönchgut auf der Straße nach Putbus hin, wo sich um das fürstliche Schloß her seit drei Jahren die kleine Stadt Putbus aus der Erde erhoben hatte. Um die im Schlosse vorhandenen Schätze zu sichern, sollte man dasselbe umstreifen und von da aus Abstecher nach Bergen, Garz und Sagard machen, denen man auch den vaterländischen Schutz angedeihen lassen wollte.

In Putbus aber fand Waldemar eine andere sehr zahlreiche Abteilung schwedischer Marine vor, so daß er ohne Aufenthalt seinen Weg fortsetzen konnte, und während er einen Teil seiner Leute nach Garz entsendete, marschierte er selbst nach Bergen, wo sich um diese Zeit alles konzentrierte, was noch von französischer Macht auf der Insel vorhanden war.

Wie man sich vorstellen kann, war die ganze Insel in diesen Tagen in der heftigsten Bewegung. Die Einwohner jubelten vor Freude, und die Leute geringeren Standes hatten fast sämtlich ihre kleinen Häuser verlassen, um auf die Straßen zu eilen und die aller Orten abziehenden Feinde mit endlosem Geschrei zu begleiten, was denselben allerdings nicht angenehm in die Ohren klingen mochte. Die kleinen Häufchen Reiterei und Fußvolk, die noch hier und da zurückgeblieben waren und gegen die gewaltige Volksgärung nichts ausrichten konnten, waren dadurch in eine üble Lage versetzt worden, denn ein ähnliches Gefühl der Demütigung hatten die stolzen und übermütigen Leute Jahre hindurch nicht empfunden. Voller Angst, daß man in Städten und Dörfern auf sie einschlage, packten sie ihre Habseligkeiten hastig zusammen und eilten Hals über Kopf den allgemeinen Sammelplätzen zu, die ihnen von ihren Befehlshabern waren bezeichnet worden, um von Bergen aus auf dem kürzesten Wege über Stralsund oder die Glewitzer Fähre das Festland zu erreichen, die Hauptstraßen zu gewinnen und so mit ihren abermals von Frankreich wieder heranziehenden Landsleuten zusammenzutreffen. Hinter ihnen aber, wo sie sich auch blicken ließen, liefen Stadt- und Landbewohner her, und selbst Weiber und Kinder, die ihre Züge umgaben, hielten nicht mit bitterem Spott zurück, um so wenigstens mit dem Munde die Schmach zu vergelten, die ihnen die räuberischen Franzosen so lange durch die Tat hatten angedeihen lassen. »Heda! Franzmann!« riefen die mit Steinen bewaffneten Fischerbuben, die indes so flüchtig waren, daß kein abziehender Feind, der sich nicht von seiner Truppe trennen wollte, sie einzuholen und zu bestrafen imstande war, »du hast deinen Grütztopf vergessen! Er steht bei meiner Großmutter am Feuer! Soll ich ihn dir bringen?«

»Lauft, lauft,« schrien die mutig gewordenen Weiber hinter ihnen her, »Eure Frauen erwarten Euch schon zu Hause, und wenn Ihr nicht schnell macht, kommen die Kosacken und bringen Euch nach Sibirien, wo Eure Brüder auf dem Schnee erfroren sind!«

Schamrot, vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben, hörten die Franzosen diese Schmähreden an und eilten nun um so mehr, dem brennenden Feuer dieser Geschütze zu entrinnen, gegen daß sie dank ihrer feineren Organisation so empfindlich waren.

In Bergen selbst herrschte ein Leben auf den Straßen wie nie zuvor. Alle Bewohner hatten ihre Häuser verlassen und lagerten auf den Wegen, um die Vorbereitungen des Abmarsches ihrer Quälgeister aus nächster Nähe mit anzuschauen. Aber hier verhielt man sich am ruhigsten und gemäßigsten, denn hier stand das Hauptquartier der Franzosen, und die reitenden Jäger, die Karabiner auf dem Knie und den Hahn gespannt, saßen unbeweglich auf ihren Gäulen, von denen viele auf Rügen geboren waren und nun mit ihren jetzigen Besitzern das Vaterland für immer verlassen sollten. Worauf warteten sie und warum marschierten sie nicht ab, wie ihre Kameraden, die schon lange auf dem Wege nach dem westlichen und südlichen Strande waren?

Niemand wußte es. Wir aber wollen es dem Leser mit wenigen Worten erzählen. Sie warteten auf ihren Kommandeur, den Kolonel Caillard, der mit einer Abteilung seiner besten Reiter am frühen Morgen nach dem Norden aufgebrochen war, um irgend ein Geschäft zu vollenden, das er nicht ohne Absicht bis zum letzten Augenblick verschoben hatte. Er wollte gleich nach Tische in Bergen sein, hatte er gesagt, und seine Untergebenen sollten ihn marschfertig auf dem Marktplatz aufgestellt erwarten, um Nachmittag zu guter Stunde in Stralsund einzutreffen, wo das nächste Nachtquartier angesagt war. Aber die guten Leute warteten etwas lange auf ihren Kolonel und mußten sich zuletzt, als gar ein reitender Bote ihnen eine schreckenerregende Meldung gebracht hatte, entschließen, ohne ihn abzureiten, was sie denn auch in größter Hast und von einem großen Volkshaufen umdrängt, gegen vier Uhr nachmittags taten.

Die Meldung aber, die jener Bote dem unter dem Kolonel befehligenden Offizier überbracht, wollen wir dem Leser im nächsten Kapitel mitteilen, nachdem wir ihm die Einzelheiten des Ereignisses erzählt haben, welches dieser Meldung voranging und sie notwendig machte.


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