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Viertes Kapitel.

Der Orkan 1812 auf Rügen.

Das verhängnisvolle Jahr 1812 war angebrochen. Ganz Europa atmete schwer und bang, jedes Land hatte seine Lasten zu tragen, und keine Nation war frei von Befürchtungen allerlei Art, die sich wie haushohe Wogen über ein niedriges Ufer ohne Damm und Schutz daherwalzten. Aber nicht die Fürsten allein waren von dem Kaiser der Franzosen über alles Maß gedemütigt und gepeinigt, auch die Geduld und Ergebung der Völker hatte er bis zur Grenze des Möglichen angespannt, so daß endlich der furchtbare Löwe aus dem Schlummer erwacht war, der im Schoße einer jeden Nation, so lange gefesselt liegt, bis sie zum Äußersten gezwungen und zur Tatkraft angespornt wird, die Sieg oder Untergang im Gefolge hat.

Auf Rügen war man später als im übrigen geschlossenen Europa zur Einsicht der politischen Vorgänge gelangt und dennoch sollte gerade dies kleine Eiland das erste Ländchen in Europa sein, auf dessen Marken die Franzosen, die jetzt mit ihren Völkerwogen auch Rußland zu überschwemmen drohten, ihren ersten Trumpf ausspielten.

Kein Mensch auf der abgelegenen Insel ahnte, was ihm bevorstand. Schweden lebte mit aller Welt in Frieden, nur mit England walteten scheinbare Verwicklungen ob, die aber niemand für ernstlich und zum wirklichen Krieg führend hielt. Mit Frankreich hatte es sogar vor zwei Jahren einen Frieden geschlossen, dessen Bedingungen, so weit wie möglich, gehalten waren, denn ohne Handel und Wandel nach außen hin kann kein Volk bestehen; und da Napoleon wußte, daß Schweden England zu seinem Unterhalt gebrauchen würde, so wußte er auch, daß er die Gelegenheit in Händen behielt, Schweden jeden Augenblick des Treubruchs anzuklagen und es vom neuem mit Krieg zu überziehen. Die Zeit dieses Krieges schien ihm aber gekommen, als er seine Entwürfe gegen Rußland für vollendet hielt, um den großen Schlag zu wagen, an dem er schon so lange Jahre gearbeitet und der allein noch übrig war, um ihn zum Herrn des ganzen Festlandes von Europa zu machen.

Alle Welt auf Rügen also hatte sich bei Ablauf des Jahres 1811 in das Unvermeidliche gefunden und trug ihr Geschick mit Ergebung und Hoffnung auf einstiges Besserwerden. Man hielt die eiserne Strenge dieses Geschicks für erschöpft und glaubte den bitteren Kelch des allgemeinen Völkerwehs bis auf die Neige geleert zu haben. Da fiel wie ein Blitz aus heiterer Himmelsbläue die beinahe unglaubliche Nachricht ins Land, ein ansehnliches französisches Truppenkorps unter dem Befehle des Divisionsgeneral Friant nähere sich den Grenzen Pommerns, und kaum hatte diese erschreckende Nachricht die Runde gemacht, so bestätigte sie sich, und General Friant rückte wirklich in Stralsund und den anderen Hauptstädten der Provinz ein.

Was das bedeutete, wußte kein Mensch, und jedes Herz schlug in banger Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Der französische Herr General aber ließ nicht lange auf die Erklärung warten. Er kam jedoch diesmal mit lächelnder Miene und versicherte in einer öffentlichen Bekanntmachung, sein Einmarsch sei nur der Besuch eines Freundes, den der Kaiser Napoleon auf Grund seiner herzlichen Eintracht mit dem König von Schweden sende, um die brüderlichen Verträge in Ausführung zu bringen, die man 1810 abgeschlossen habe. Diese Verträge bezögen sich hauptsächlich auf das feindselige Verhalten der Engländer gegen Pommern und Rügen; gegen diese wolle er das Land schützen, und man müsse daher das Seinige tun, um den edelmütigen Freund recht warm zu halten, vor allen Dingen also sorgen, daß die französischen« Truppen während ihres Aufenthalts von dem beschützten Lande selbst wohl verpflegt und unterhalten würden.

Diese Erklärung goß denn allerdings keinen wohltuenden Balsam in die noch frisch blutende Wunde der im Herzen tief verletzten Bewohner der überströmten Provinz. Daß Frankreich eine Landung der Engländer verhindern und den Handel mit ihnen wehren wolle, war nur ein sehr matter Vorwand, da Pommern und Rügen gar keinen Handel mit England trieb und dieses nicht die geringste Miene gemacht hatte, ein feindliches Korps daselbst landen zu lassen.

Daß also hinter der geheuchelten Freundschaft der Franzosen etwas anderes versteckt war, sah auch der einfachste Landmann ein, und in dieser Meinung wurde jeder bestärkt, als er das weitere Verhalten der liebevollen Schutzmacht mit kritischen Blicken betrachtete. Vom Generalkommando in Stralsund wurden ohne weiteres bedeutende Ausschreibungen behufs Lieferungen von Kriegsvorräten, Geldsummen und Pferden erlassen. Damit sich die erstaunten Inselbewohner nicht etwa mit ihren Waffen selbst verwundeten, verlangte man die Auslieferung aller spitzen und scharfen Instrumente. Was aber dem ganzen die Krone aufsetzte, war die planmäßig schon entworfene Einsetzung einer öffentlichen und geheimen Polizei, die sich alle Mühe gab, die genauesten Erkundigungen über die persönlichen Verhältnisse verschiedener Familien einzuholen und diejenigen Männer ans Licht zu ziehen, die etwa in früheren Jahren auf der schwarzen Liste der Franzosen gestanden und in irgend einer Weise gegen Wunsch und Willen des französischen Imperators gesprochen und gehandelt hatten. Man zog daher längst vergessene Dinge aus dem Staube der Vergangenheit hervor, suchte und forschte nach diesem und jenem Parteigänger und erklärte laut, daß man nur dann Ruhe und Zufriedenheit im Lande haben werde, wenn alle diese Unruhstifter für immer zum Schweigen gebracht seien.

Hiermit aber glaubte man noch nicht genug getan zu haben. Um den Handel und Wandel nach außen gänzlich abzuschneiden, gebot man, daß alle in Pommerschen und Rügianischen Häfen liegenden Schiffe entmastet werden und selbst kein kleines Boot den Strand verlassen sollte, wodurch denn die armen Schiffer und Fischer gänzlich um ihren dürftigen Broterwerb kamen. Außerdem streifte man in wahrhaft räuberischen Zügen durch die ganze Insel, forderte überall, wo es beliebt ward, Einlaß oder erzwang ihn, wenn nicht gleich die Tür geöffnet wurde, indem man vorgab, die Bewohner hätten heimlich englische Kontrebande versteckt. So nahm man fort, was Kontrebande und keine war, und um die Wiedereinfuhr einer solchen zu verhindern, zog man eine starke Douanenlinie längs der ganzen Seeküste im Norden und Osten, so daß also Rügen wie mit einer eisernen Mauer französischer Bajonette umgeben war.

Dieser freundschaftliche Einzug der Franzosen sollte aber bald klarer in seiner wahren Gestalt hervortreten, und dazu gab die kriegerische Miene Veranlassung, die der Kaiser von Rußland gegen Napoleon annahm, dessen Langmut endlich erschöpft war und der es für zeitgemäß hielt, dem Umsichgreifen des französischen Eroberers und seiner wachsenden Macht in Deutschland einen festen Damm entgegenzusetzen.

Um diesen nordischen Riesen nun zu zertrümmern und auf ewige Zeiten in die sibirischen Eisfelder zurückzujagen, beschloß Napoleon, verblendet von seinem bisherigen Glück und unersättlich in Befriedigung seines Ehrgeizes, ihn in seinem eigenen Lande anzugreifen, und er bot daher seine ganze Heeresmacht und alle seine Hilfsvölker auf, um diesen verhängnisvollen Plan siegreich auszuführen. Zu diesen Hilfsvölkern rechnete er auch die Schweden und forderte sie deshalb auf, ihm mit ihren Truppen nach Rußland zu folgen.

Der König von Schweden aber weigerte sich rechtschaffen, den abenteuerlichen Zug mitzumachen, da er nicht abermals mit Rußland den Streit beginnen wollte, der erst vor kurzem mit dem Verluste Finnlands für Schweden geendet hatte; er zog es vielmehr vor, in einer beschaulichen und abwartenden Neutralität zu verharren. Durch diesen sehr weisen Entschluß aber hatte er ein- für allemal mit Napoleon gebrochen, und dieser, in der Meinung, als Rächer und Bestrafer aller Handlungen auf Erden, die gegen ihn selbst gerichtet waren und die er ein unkluges Anstreben gegen den Strom der Welt nannte, berufen zu sein, beschloß nun, ihn dafür zu züchtigen und seine bisherige scheinbare Freundschaft in fühlbare Feindschaft zu verwandeln. So warfen denn zunächst die in Pommern und Rügen stehenden Franzosen die Maske ab und zeigten sich in ihrer wahren Gestalt. Bisher hatten die beiden pommerschen Regimenter, die in Stralsund und Greifswald in Garnison lagen, noch ihre Waffen behalten und mit den Franzosen gemeinschaftlich den Dienst verrichtet. Am 3. Juli 1812 aber zwangen die Franzosen plötzlich die schwedischen Trommelschläger, den Generalmarsch zu schlagen, während sie selbst schon in weit überlegener Anzahl unter dem Gewehr standen. Bevor nun die pommerschen Bataillone, ahnungslos, was sie bedrohte, sich versammelt hatten, waren schon die Hauptwachen entwaffnet, und starke französische Patrouillen ergriffen in den Straßen die einzelnen pommerschen Offiziere und Soldaten, die, dem Rufe der Trommeln folgend, ihren Sammelplätzen zueilten.

Als dies zum Schrecken der Einwohner und zum maßlosen Staunen der schwedischen Krieger geschehen war, wurden beide Regimenter, nachdem sie entwaffnet waren, für französische Kriegsgefangene erklärt und einige Tage später wirklich nach Frankreich abgeführt.

Diese Gewalttat rief einen Weheschrei hervor, der durch das ganze Land dröhnte und selbst bis nach Schweden hinüber drang. Um sein schutzloses Land von den umherziehenden französischen Marodeurbanden und Streifkolonnen, die überall nach Kolonialwaren suchten und unter diesem Vorwande Dörfer, Höfe und einzelne am Strande liegende Häuser beraubten und brandschatzten, wenigstens einigermaßen zu schützen, ließ der König von Schweden einigen stark bemannten Kriegsfahrzeugen den Befehl erteilen, in unmittelbarer Nähe von Rügen zu kreuzen, ebenfalls als Parteigänger aufzutreten und, wo ihre ans Land gesetzte Mannschaft es durchführen konnte, ihre Landsleute in Schutz zu nehmen, namentlich aber sie vor übereilter Bezahlung der geforderten Kontributionen zu warnen, da ein Umschwung der Dinge nicht ganz unmöglich sei, eine weise Zögerung darin also von großem Nutzen sein könne.

Die schwedischen Schiffsführer, beglückt, nun auch endlich einmal gegen die Franzosen in Tätigkeit gesetzt zu werden, gehorchten und segelten von Schweden heran, und zum ersten Male war es den trostlosen Rügianern vergönnt, ihre Nationalflagge wieder auf offenem Meere flattern zu sehen, obgleich sie nicht ahnten, was das Erscheinen derselben zu so bedrängter Zeit zu bedeuten habe.

Unterdes aber hatte Napoleon seinen Marsch nach Rußland angetreten, und von den drei großen französischen Kolonnen zog die auf dem linken Flügel durch Norddeutschland ihrem Ziele zu, wodurch es denn kam, daß in Pommern immer ein Regiment dem andern auf dem Fuße folgte und so die armen ausgesogenen Bewohner immer härter bedrückt wurden.

So waren denn die Franzosen wieder in faktischem Besitz von Pommern und Rügen, weshalb auch auf ihren Befehl am 15. August die ganze Provinz den Geburtstag Napoleons durch Illumination und andere Festlichkeiten feiern mußte, wobei die Drohung verkündigt ward, daß diejenigen Häuser bemerkt und ihre Bewohner zur Bestrafung gezogen werden sollten, welche diesem Befehle zuwiderhandeln würden.

Am 14. September 1812 war die französische Armee, wie es allgemein hieß, vollkommen siegreich bis Moskau vorgedrungen. Auch diese Errungenschaft mußte auf Befehl des französischen Gouverneurs Morand in Stralsund am 4. Oktober festlich begangen werden, und es ward also ein öffentliches Dankfest in den Kirchen gehalten und am Abend eine noch glänzendere Illumination, als die im August veranstaltete, angesagt.

Bis zu diesem Punkte wollen wir einstweilen dem Laufe der Geschichte folgen und nun zu unserer Erzählung auf Rügen selbst zurückkehren, das damals mehr denn je unter der Zuchtrute seines gewalttätigen Eroberers litt, jedoch müssen wir vorher noch einige Worte über die Truppen sagen, die zu dieser Zeit auf Rügen selbst standen und ihre Spionier- und Raubzüge bis an die äußersten Punkte der Insel ausdehnten, so lange ihre Macht durch den Abzug einer größeren Truppenzahl nach Rußland noch nicht geschwächt und die schwedischen Seemänner noch nicht gelandet waren, um den feindlichen Unternehmungen jener mehr oder minder offen entgegen zu arbeiten.

Unter General Morand, der seine Residenz in Stralsund aufgeschlagen, kommandierte einen Teil der Truppen auf Rügen von seinem Hauptquartier in Bergen aus unser ehemaliger Bekannter Monsieur de Caillard, der unterdes den Lohn für seine Tapferkeit erhalten hatte und zum Kolonel eines reitenden Jägerregiments avanciert war. Man hatte absichtlich diesen Herrn auf die Insel postiert, weil er die Verhältnisse derselben genügend aus eigener Anschauung kannte und mit der Art und Weise wie mit den Vermögensumständen der Personen besser vertraut war als irgend ein anderer und also am besten ihre Steuer- oder vielmehr Kontributionsfähigkeit beurteilen – das heißt, sie bis auf den Grund aussaugen konnte. Mr. de Caillard war der passendste Mann dazu, diesen Befehlen buchstäblich Folge zu leisten, und wenn er schon früher vielen Furcht eingeflößt, so machte er sich jetzt durch die herzlose Handhabung der ihm aufgetragenen Pflichten noch mehr verhaßt.

Eine Zeitlang hatte er sich in Bergen, bis auf die Organisation und Durchführung der schon erwähnten Spionierzüge, ziemlich ruhig verhalten und vor der Hand nur haarscharfe Erkundigungen über alle diejenigen Personen eingezogen, mit denen er früher in freundlicher oder feindlicher Weise in Berührung gekommen war. So hatte er auch erfahren, daß Graf Brahe infolge jenes Zweikampfs, für den er sein Zusammentreffen mit ihm selbst ausgegeben, gestorben und Waldemar Granzow auf einem schwedischen Schiffe abwesend sei. Von diesen beiden Personen also hatte er ebensowenig zu befürchten, wie er sie mit seinem durch die Zeit gesteigerten Grimme weiter verfolgen konnte. An Gylfe Torstenson hatte er kurz nach seinem Einzuge in Bergen einen zärtlichen Brief geschrieben und ihr darin gesagt, daß der Aufbau seines ihr verheißenen Paradieses immer näher rücke, daß er sich deshalb bemüht habe, wieder in ihre Nähe zu kommen, und daß er sie besuchen werde, sobald es seine Zeit gestattete, um seine Verlobung mit ihr zu feiern und sie nach dem siegreichen Feldzuge in Rußland nach Frankreich zu führen, – denn nach diesem Feldzuge, der der ganzen Welt Frieden geben werde, könne er mit Ehren seinen Abschied nehmen, um ihren Reizen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und ihr sein ganzes ferneres Leben zu widmen.

Ob dieses Vorgeben sein Ernst war, müssen wir dahingestellt sein lassen, wenigstens hat Gylfe Torstenson in späteren Jahren oft genug erzählt und sogar vor ihren Gefährtinnen beschworen, daß ihre Verbindung mit dem Kolonel Caillard bereits festgesetzt gewesen sei, woran zu zweifeln uns kein handgreiflicher Grund vorliegt. Daß er aber nicht so eilig in der Betreibung seiner Verlobung war, wie er es mit der Verheiratung werden zu wollen versprach, wissen wir bestimmt, denn er blieb mehrere Monate in Bergen, ohne den sogenannten Brautzug nach Spyker zu unternehmen. Wahrscheinlich wollte er erst eine ausführliche Nachricht von seiner Angebeteten abwarten und aus ihrem eigenen Munde hören, wie es auf Spyker stand, um nach dem Ausfall derselben seinen Entschluß zu gelegener Zeit auszuführen oder ganz fahren zu lassen.

Diese Nachricht aber ließ etwas lange auf sich warten, denn Gylfe, die seit seiner fluchtartigen Abreise von Spyker keine Zeile von ihm erhalten hatte, trotzdem er sie ihr mit heiligen Eiden verheißen, war beinahe zwei Jahre lang in einen furienartigen Grimm über diese Vergeßlichkeit verfallen und hatte durch ihr herrisches Wesen und ihre stete galligte Laune allen Bewohnern von Spyker das Leben daselbst zur Hölle gemacht. So beschloß sie jetzt, ihren saumseligen Anbeter eine Weile schmachten zu lassen, und erst als sie zu fürchten begann, sein Regiment könne wie viele andere in aller Stille nach Rußland geschickt werden, ließ sie sich zu einer Antwort herbei, worin sie kurz sagte: Herr von Caillard möge kommen und sie besuchen, das Übrige werde sich finden.

Diese Antwort schien dem eitlen Kolonel allerdings sehr kurz und bündig, aber weniger zärtlich und liebevoll zu sein, und nach ihr zu schließen, konnte er bei der Schreiberin keine große Sehnsucht nach seiner herrlichen Person voraussetzen. Bevor er sich daher zu einem Besuch auf Spyker rüstete, zu dem ihn noch ein anderer Beweggrund trieb, schrieb er noch einmal und erkundigte sich sehr sorgfältig nach allen übrigen daselbst bestehenden Verhältnissen.

Auf diese Anfrage erfolgte eine sehr eilige und viel freundlichere Antwort, als die erste gewesen war, und es hieß darin: die Verhältnisse auf dem Schlosse seien die alten, sowohl was die Personen als Dinge beträfe, er möge bald kommen, denn man erwarte ihn mit Ungeduld.

Jetzt beschloß der Kolonel nicht länger zu zögern, um seinem Glücke in die Arme zu eilen. Aber bevor er selbst ging, schickte er ein kleines Truppenkorps voraus, welches das Terrain zu rekognoszieren und den oben erwähnten zweiten Beweggrund vorläufig in nähere Betrachtung ziehen sollte.

Dieser Beweggrund bestand in nichts anderem, als in der Behauptung, man habe ihm bei seinem vor zwei Jahren erfolgten Abzüge aus Spyker seine Effekten vorenthalten. Er habe sie auf einen Wagen laden lassen, und man habe verfehlt, sie ihm nach Bergen nachzusenden. Er werde jetzt kommen, den Tatbestand untersuchen und den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen, jedenfalls hoffe er, sein Eigentum unversehrt vorzufinden.

Mit diesem vorläufigen Auftrage nun trafen seine Abgesandten in Spyker ein, siedelten sich fest im Schlosse an und begannen dasselbe herrliche Leben zu führen, was ihre Vorgänger im Jahre 1809 geführt hatten, nur daß man in Anbetracht der günstigeren Sachlage gesteigerte Anforderungen machte und sich als ein zwiefach gekränkter und mißhandelter Feind geberdete.

Gegen andere Personen hatte der Kolonel bis jetzt seiner oberherrlichen Gewalt noch nicht die Zügel schießen lassen, seine Absicht war vor der Hand auf Spyker und dessen Reichtümer gerichtet, die er sich diesmal nicht wieder wollte entschlüpfen lassen. So hatte er es auch nicht für ratsam gefunden, gegen den Vater des schurkischen Granzow besonders feindselig aufzutreten, einmal, weil er wußte, daß derselbe genügend durch frühere Einquartierung gezüchtigt war und auch jetzt wieder ansehnliche Kontributionen hatte zahlen müssen, sodann aber weil er nicht beabsichtigte, den Groll der schon genug gereizten Leute noch lebhafter gegen seine Person zu stacheln, da er einen unbezwinglichen und mit einiger Besorgnis gepaarten Widerwillen gegen den jungen Mann hegte, der ihn schon einmal so arglistig getäuscht hatte und ohne Zweifel geneigt sein mußte, wegen seines gemordeten besten Freundes, des Grafen Brahe, an ihm Rache zu nehmen.

Sein ferneres Verfahren im Spykerschen Schlosse interessiert uns für jetzt nicht; wir können indessen annehmen, daß er, als er bald darauf selbst dort eintraf, alle Maßregeln ergriff, um zu seinem ihm angeblich vorenthaltenen Eigentum zu gelangen, sowie daß es ihm glückte, den Zorn der gekränkten Gylfe zu beschwichtigen, die in ihrem leichtsinnigen Herzen sehr bald die zwei Jahre vergaß, die sie einsam vertrauert hatte, und sich nur allzubald den heuchlerischen Galanterien wieder ergab, die der kaiserliche Offizier so freigebig in ihre Ohren träufelte. Kehren wir dafür lieber in das stille Kiekhaus zurück und sehen wir, was sich daselbst an dem Tage zutrug, als zu der amtlichen festgesetzten Stunde am 4. Oktober 1812 auch dort die Einnahme von Moskau durch die befohlene Illumination gefeiert werden mußte.

 

Im Hause des Strandvogts war es in diesen letzten Zeiten mitunter sehr trübselig hergegangen; und nicht sowohl waren es die materiellen Verluste, die man am Ende noch verschmerzen konnte, als vielmehr das Bewußtsein des allgemeinen über das Land und seine Bewohner hereingebrochenen Elends, welches das Herz der alten Leute so tief erschütterte.

Natürlich hatten die Franzosen gleich anfangs, sobald sie die Insel von neuem in Besitz genommen und ihre Douanenlinie längs des Strandes aufgestellt, ihr Augenmerk hauptsächlich auf Jasmund und alle Stranddörfer gerichtet, da diese nach ihrer Meinung dem Schmuggelhandel mit den Engländern überaus günstig gelegen und ihm also ohne allen Zweifel leidenschaftlich ergeben waren, was indessen nur in höchst seltenen Ausnahmen der Fall sein mochte. So hatten sie denn eine starke Besatzung auch nach Saßnitz gelegt, indem sie einige Fischerfamilien gänzlich aus ihren Häusern vertrieben und selbst darin Platz nahmen; das auf der anmutigen Höhe belegene Kiekhaus aber hatte sich ein Offizier zur Sommerwohnung auserlesen und darin nach Wohlgefallen gehaust, als wäre er der alleinige Besitzer desselben, und die darin Angesessenen seine Diener und Leibeigenen.

Als man sich aber überzeugt hatte, daß wenigstens in diesem Hause keine Kolonialwaren versteckt waren, ärgerte man sich über den Fehlgriff und fing nun seine Wut an verschiedenen Gegenständen daselbst auszulassen an. Vor allen Dingen zerstörte man die neugebauten Boote des Strandvogts oder brachte sie an Orte, wo man sie zu eigenen Zwecken brauchen konnte, vorgeblich, um den Bewohnern jede Möglichkeit des Verkehrs mit den Engländern zu nehmen. Sodann aber, als man sah, daß auch dadurch der Gleichmut der stillen Insulaner nicht erschüttert wurde, ging man zu anderweitigen Quälereien über, tobte und schimpfte auf das schlechte Essen, die vielen Fische, den mangelnden Wein und drohte das Haus in Brand zu stecken, wenn es nicht bald anders würde. Als es nun aber nicht anders wurde, berichtete der Offizier nach Bergen, daß der Strandvogt Granzow ein sehr hartnäckiger Querkopf sei, und daß er ohne Zweifel sein Geld vergraben habe, um es nicht zum Nutzen seiner Gäste zu verwenden, indem aus seiner Einrichtung, Kleidung und seinem ganzen Gehaben klar hervorgehe, daß er ein bemittelter Mann sei, man ihn also zwingen müsse, seine Einquartierung anständiger zu bewirten.

Infolge dieser Anzeige schritt man denn zu den schon vorher beschlossenen Kontributionen, und Daniel Granzow gehörte mit zu denen, deren Vermögen man um das Zehnfache zu hoch anschlug und demgemäß besteuerte. Beschwerden seitens des Überbürdeten wurden von niemandem angehört, noch weniger berücksichtigt, und so blieb ihm denn nichts anderes übrig, als Hilles edelmütiges Anerbieten anzunehmen und mit ihrem Gelde die auferlegten Summen zu bezahlen.

Nachdem nun fast das ganze Hab und Gut der Familie verschlungen und auch Hille vorläufig mit ihren baren Mitteln zu Ende gekommen war, trat eine vergleichsweise viel glücklichere Zeit für sie ein. Das Bataillon Infanterie, zu dem die in Saßnitz liegenden Truppen gehörten, bekam wie viele andere der in Pommern stehenden Regimenter geheime Marschorder nach Rußland und zog eines schönen Morgens ab, ohne daß man wußte, warum und wohin es sich in Bewegung setze. Die Zurückbleibenden aber erhielten den Befehl, im Dorfe unmittelbar am Strande Quartier zu nehmen, da sie von der entfernteren Höhe aus das Treiben der Fischer nicht so gut überwachen könnten. So wurde denn das Kiekhaus wieder frei, und blieb es auch, da nach und nach immer mehr Truppen von der Insel fortgezogen und anderweitig verwandt wurden, nur die leidigen Abgaben hörten nicht auf, und da man sie endlich faktisch nicht mehr zahlen konnte, blieben sie auf dem Papiere stehen und sammelten sich daselbst allmählich bis zu einer Höhe an, die man heute nicht mehr glaubhaft finden würde, wenn man sie läse.

Durch alle diese äußeren Bedrückungen war endlich der zähe Strandvogt mürbe geworden: wie zerschmettert wankte er im Hause hin und her und freute sich weder über die blauen Meereswellen, noch über den pfeifenden Wind, der sonst doch seine Lieblingsmusik gewesen war. Ja, er hatte schon lange das Rauchen vergessen; er ließ keinen echt seemännischen Fluch mehr hören, der doch immer zu der Lebensnotdurft dieser natürlich sich darstellenden Kernmenschen gehört, und schon in den schlaffen Zügen seines Gesichts sprach sich die Ermattung aus, von der sein Geist und Gemüt ergriffen war.

Wenn dann einmal die liebliche Hille an ihn herantrat, ihre süße Stimme ertönen ließ und ihn mit der Zukunft und dem einstigen Besserwerden trösten wollte, dann schüttelte er schwermütig den schneeweiß gewordenen Köpf, klopfte ihr leise auf die blühende Wange und sagte wehmütig: »Du hast gut reden, mein Kind, du bist noch jung und hast eine Zukunft vor dir, für uns alte Leute aber gibt es keine künftige Zeit auf Erden, die heutigen Tage sind unser alles, und die sind, Du weißt es wohl, nicht gerade segensreich. Doch du meinst es gut, und ich danke dir. Ich werde es dem Waldemar sagen, wenn er wiederkommt, was du für uns geopfert hast und gewesen bist, und der, ach ja, nur der wird es dir danken und lohnen.«

»Du irrst, lieber Ohm,« hatte dann wohl Hille geantwortet; »dafür will ich von ihm weder Dank noch Lohn, denn was der Mensch dem Menschen aus freien Stücken und mit warmem Herzen tut, bedarf beides nicht, und Waldemar kann seine Mühe auf wichtigere Dinge richten.«

»Nun,« sagte dann die Mutter, mit ihren immer noch strahlenden Augen lächelnd, »er wird schon wissen, was er zu tun hat, und wir wollen uns alle drei darin finden, denn am Ende wird er es doch gut machen, ich kenne meinen Sohn.«

Mit diesen oder ähnlichen Worten hatte sie stets nicht allein den Alten beruhigt, sondern auch Hillen unendlich wohlgetan, denn diese hörte Waldemar gar zu gern selbst von seinen Eltern loben. Sie ging dann gewöhnlich auf die Mutter zu, umfaßte sie mit ihren schönen Armen und küßte sie herzlich und wiederholt auf beide Wangen, da sie ja nichts anderes hatte, was sie mit ganzer Inbrunst küssen und an ihren Busen drücken konnte.

So war auch im Kiekhause der 4. Oktober des Jahres 1812 herangekommen und auch hier war die Illumination angesagt und die allgemeine Strafdrohung hinzugefügt, für den Fall, daß man dem Befehle nicht gebührlich nachkommen werde. Schon am frühen Morgen war deshalb die alte Trude nach Sagard gesandt, um von einigen zurückgelegten Ersparnissen Hilles, die nur zu den notwendigsten Bedürfnissen verwandt werden sollten, bei einem Krämer die paar Pfunde Lichte zu kaufen, die man zu der befohlenen Freudenerleuchtung gebrauchte.

Es war ein windstiller und sonnenklarer Tag, so lieblich, so milde und doch so erfrischend, wie man sie häufig in dieser Jahreszeit auf Rügen findet. Ein sanfter mattblauer Duft lag über dem leise atmenden Meere, das fast dieselbe herrliche Farbe zeigte, wie das darüber strahlende Azur des Äthers. Unten am Strande murmelte die Brandung wie gewöhnlich an solchen Tagen mit jener süßen Musik, die für ein empfängliches Ohr eine ungemein besänftigende, beinahe einschläfernde Gewalt hat, und die Seeschwalben flogen mit den weißen Möwen um die Wette weit auf die See hinaus, spielend und sich jagend, wie die Kinder es tun, wenn sie recht glücklich und seelenvergnügt sind.

Aber noch durch eine neue und aufregendere Erscheinung sollte sich dieser wichtige Tag in unserer Geschichte auszeichnen und diese gehörte zu den in dieser Zeit nicht alltäglichen, ja fast ganz vergessenen. Schon am Morgen hatten sich nämlich im Norden, etwa zwei oder drei Seemeilen von Arcona entfernt, einige Segel gezeigt, die bei dem ruhigen Wasser und dem kaum merkbaren Luftzuge langsam und bedächtig auf der blauen Spiegelfläche daherfluteten, und alle in Sassnitz mit dem Wasser und den Vorgängen darauf vertrauten Augen hatten neugierig stundenlang ausgeblickt, um sich klar zu machen, welche Ursache diese jetzt so seltenen Gäste in das stille Gewässer führte und was sie daselbst in der Nähe des Landes wohl bezwecken möchten.

So auch im Kiekhause. Aber so sehr sich der Strandvogt mit seinem Glase und Hille mit ihren Falkenaugen auch bemüht hatten, die Flaggen an dem Topp oder der Gaffel der Schiffe zu entdecken und darauf auf ihre Absicht zu schließen, sie hatten bisher noch keine wahrnehmen können und waren also noch immer im unklaren geblieben, was man von ihnen zu hoffen oder zu fürchten habe. Endlich war der Strandvogt des langen Ausschauens müde geworden. Unwillig schob er das Glas zusammen und drehte dem Wasser den Rücken, um mit Hille, die heute unermüdlich an seiner Seite ausgehalten, in das Haus zu Mutter Ilske zurückzukehren.

»Hol' sie der Henker!« sagte er auf diesem Gange unwillig, »ich habe das Ding satt! Gegen Abend werden sie schon näherkommen, und dann will ich an ihrer Takelage bald ihr Vaterland erkennen. Mir gleich, ob es nun Schweden oder Franzosen sind, uns können sie doch nichts mehr nehmen.«

»Aber geben, Ohm;« sagte Hille sanft und legte ihren schönen runden Arm in den seinigen, »und gleichgültig ist es dir doch nicht, ob es Schweden oder Franzosen sind.«

»Du irrst, Kind. Wenn es Franzosen sind, so wollen sie ihre Landsleute nach Rußland oder Preußen holen, denn Rußland verzehrt Menschen, und Frankreich nimmt alles mit, was es aufraffen kann; man munkelt schon lange davon, daß mehr Menschenkinder da oben in einem Tage draufgehen, als in Jahren geboren werden. Nun ja, und wenn es Schweden sind, was dann?«

Hille hätte wohl eine Antwort auf diese Frage gehabt, aber sie ließ sie nicht über ihre Lippen dringen. Leise senkte sie den anmutigen Kopf auf die Brust, um das Erröten zu verbergen, das beim Anblick dieser Schiffe an diesem Tage schon oft ihre Wangen überflutet hatte. Sodann aber ging sie Mutter Ilske zur Hand, um ihr zu helfen, die Lichter an den rechten Ort zu stellen und alles so einzurichten, daß jeder Späher der erbitterten Feinde, falls er irgendwo heimlich verborgen wäre, mit der Ausführung der gegebenen Befehle zufrieden sein konnte.

Der Abend mit seinen Schatten war gekommen, und es nahte die Zeit, wo man die festlichen Lichter anzünden mußte. Mutter Ilske und Hille besorgten die Arbeit, und der Strandvogt ging sehr übelgelaunt mit gesenktem Kopfe im Zimmer auf und ab. Es war nun komisch mit anzusehen, wie in diesem wie in allen übrigen Häusern auf Rügen alle meistenteils alten Leute – denn die jüngeren waren ja von den Franzosen außer Landes geführt – vor den Fenstern ihrer Zimmer saßen und die Lichter in Brand setzten, um damit eine Freude an den Tag zu legen, die kein Einziger von ihnen empfand. Überall gab es die nämlichen mürrischen Gesichter, dieselben vor Wut zusammengebissenen Zähne und dieselben hochverräterischen Wünsche, daß diese offiziell anbefohlene Festlichkeit die letzte sein möge, die man erzwungenerweise zur Schau stellen müsse.

»Nun, Alter, sieh, da brennen sie,« rief Mutter Ilske, von einem Fenster zum andern trippelnd und endlich zu ihrem Mann zurückkehrend, der die düster aufflackernden Lichter keines Blicks würdigend, still vor sich her brummend auf und nieder schritt.

»Laß sie brennen, ins Teufels Namen!« lautete die barsche Antwort. »Ich wünschte, sie steckten die ganze Welt in Brand.«

»Das wünschest du nicht, Ohm,« schmeichelte Hille, nahe an ihn herantretend und seine Schulter mit ihrer Hand berührend, »ohnedies brennt sie hell genug.«

»Und doch wünsche ich es, aber nicht unsre Welt will ich in Flammen aufgehen sehen, sondern dessen, der uns die unsrige zur Hölle gemacht hat. Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich würde ihm noch eine ganz andere Fackel anzünden, um ihm hinauszuleuchten, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.«

»Alter! warum so brummig? Das hilft ja zu nichts. Und laß es ihn ja nicht hören, daß du so unehrerbietig von ihm sprichst, denn der Herr hat lange Hände und kann weit damit reichen.«

»Aber keine so langen Ohren, daß er meine Worte hören könnte.«

»Nein,« sagte Mütter Ilske lächelnd, »in Moskau hört er es freilich nicht. Ach, daß auch die alte Zarenstadt den Jammer hat erleben müssen!«

»Moskau!« fuhr der Alte empört auf. »Was geht mich Moskau an! Zarenstadt! Was ist Zar? Um die Herren kümmere ich mich nicht, die sind selbst daran schuld, daß der Teufel sich losgerissen hat und mit seinen Hörnern unter sie gefahren ist, nur um die Menschen ist mir's zu tun. Zar hin, Zar her! Er hätte sich auch besser halten können hinter seinen Festungen und mit seinen Millionen Rubeln! Nun hat er's davon, nun saugen die Franzosen an ihm wie an uns! Ha, er wird auch bluten müssen! Ob er wohl auch Kontributionen bezahlen muß?«

»Gewiß,« erwiderte Hille, »und noch viel größere als wir.«

»Das ist ihm auch recht. Er hat auch viel mehr Geld als wir!«

»Wo die Franzosen nur das viele Geld lassen,« bemerkte Mutter Ilske, »ich möchte es wohl mal zusammen auf einem Haufen sehen, was sie der ganzen Welt abgenommen haben.«

»Da hättest du auch was rechtes davon! Ich möchte es lieber den armen Leuten zurückgegeben wissen, denen sie es gestohlen haben.«

»Nun ja, das wäre auch mein Wunsch, aber es ist ein vergeblicher, denn was ein Wolf erst in seinem Rachen hat, das gibt er nicht wieder heraus, und diese Napoleonischen Franzosen sind Wölfe von der raubgierigsten Art. Aber wozu das Gewäsch, das uns doch keinen Heller wiederbringt! Alter, weißt du was? Rauche eine Pfeife, das ist viel gemütlicher als dein Brummen, und vertreibt dir die Grillen.«

»Grillen? Wo sollten die noch herkommen? Ich wüßte nicht, um was ich noch Grillen fangen sollte, denn ich habe nichts mehr auf der Welt.«

»Doch, Ohm, du hast deine gute Mutter Ilske und mich,« sagte Hille mit ihren sanftesten Schmeicheltönen und umschlang mit dem Arm wieder den steifen Nacken des alten Seemanns.

»Und Waldemar!« rief bedeutungsvoll die Mutter, dicht an die beiden herantretend.

»Ja, Euch habe ich,« sagte der Alte, schon etwas besänftigt, »und sogar hier in der Stube. Waldemar habe ich auch, aber wo? Auf dem Wasser! Nun ja, Gott im Himmel, das ist nicht anders, denn das ist sein Element, und das wird ihn nicht untergehen lassen. Heda! Nun wird mir wieder wohler, da ich sehe, daß ich noch so viel habe. Soll ich wirklich einmal rauchen, Kinder, he? Na, da gib nur mal die Pfeife, Mädchen – so! Ei! Sie ist ja schon gestopft, das ist hübsch von dir!«

Mit diesen Worten trat er an den Tisch und nahm Hille die lächelnd dargereichte holländische Pfeife ab, aus der er am liebsten rauchte. Als das in Rügen eingeschmuggelte Kraut in Brand gesetzt war und kräftig duftende Dampfwolken die kleine Stube erfüllten, nahm sein leutseliges Gesicht wieder das alte behagliche Schmunzeln an, und er trat alsbald an das Fenster und schaute scharf in die mondhelle Nacht hinaus, die lieblich, wie der Tag gewesen war, aber noch unendlich viel ruhiger und süßer auf dem leise wogenden Meere lag. Sogleich war Hille an seiner Seite, und wie er schaute sie rechts und links sich um, als wisse sie schon, was der alte Strandvogt daselbst suche, und wolle ihn dabei unterstützen.

»Siehst du noch die Schiffe?« fragte er sie nach einiger Zeit, während welcher er den ganzen vor ihm liegenden Horizont gemustert hatte.

»Ja, Ohm, eins wenigstens, dort, etwas südlich von hier liegt es. Es hat aber beigedreht – der Wind ist tot und die Segel hängen schlaff von den Spieren herab. Sie sind gewiß vor Anker gegangen.«

»Vor Anker? Mit hängenden Segeln? Gott bewahre mich, dann würden sie sie doch erst beschlagen haben, so ist es wenigstens Brauch bei den Seeleuten. Na, warte nur – deine Zeit kommt auch noch – du wirst noch viel zu lernen haben von dem Seebrauch, wenn du erst« –

»Alter!« warnte Mutter Ilske und stieß ihn heftig von der Seite mit dem Ellbogen an.

»Was denn? Was habe ich denn Übles gesagt? Sie wird noch viel zu lernen haben vom Seebrauch, sagte ich, denn der Mensch muß viel lernen in der Welt, und Hille lebt in der Welt und wird künftig noch mehr darin leben.«

Hille machte sich während dieses mit neckischer Miene vorgebrachten Gesprächs bei den Lichtern zu schaffen und putzte sie, wobei sie eins auslöschte, da sie ihre Ohren vielleicht mehr bei den Worten der alten Leute als ihre Augen bei der erwähnten Arbeit hatte. Als sie aber damit zustande gekommen war und das erbärmliche Talglicht wieder brannte, trat sie zu dem Strandvogt heran, klopfte ihm auf die Schulter und sagte:

»Du hast recht, Ohm, ich bin jung und werde noch viel zu lernen haben, und das will ich von ganzem Herzen gern, wenn mir die Gelegenheit dazu wird. Aber sieh, es ist heute ein so schöner Abend, der Mond scheint prächtig, und die Luft ist so warm wie im lieblichsten Sommer. Wollen wir vielleicht ein wenig hinausgehen und uns auf die Bank unter den Bäumen am Klippenrande setzen?«

»Hoho, Ilske, merkst du den Braten? Ich sag's ja! Ha, Kind, deine Liebhaberei für die See tut sich in allen deinen Wünschen kund. Ich wette, du willst doch nur hinaus ins Freie, um nach dem Schiffe zu sehen, das du schon lange für ein schwedisches hältst, und ich vielleicht auch. Na, ich bin dabei. Aber wer wird im Zimmer bleiben und die verfluchten Lichter bewachen und Putzen, daß sie uns nicht noch die Gardinen verbrennen und die ganze Stube verstänkern, he? Hol' der Teufel die ganze Illumination um die Affäre bei Moskau! Wer sieht sie hier in dem abgelegenen Hause? Und wir, denen das Herz vor Wut berstet, müssen für unsern letzten Groschen Geld noch die Dinger kaufen, anstecken und obendrein noch den Nachtwächter dabei spielen. Nein, das wird mir denn doch zu arg!«

»Lieber Ohm,« beschwichtigte ihn Hille und holte schon den warmen Rock des Alten herbei und den schwarzen Mantel der Mutter mit der Kapuze, »das ist nun nicht anders, und alles Lärmen darüber hilft nichts. Übrigens werde ich der Trude sagen, daß sie auf die Lichter acht gibt, während wir draußen sind und ein Stündchen frische Luft schöpfen.«

»Dann bin ich zufrieden,« rief der Alte. »Hallo, Mutter, rasch, tummle dich; das Mädchen hat uns einen guten Vorschlag gemacht.«


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