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Erstes Kapitel.

Der Abschied von Spyker.

In den düsteren Räumen des alten Schlosses zu Spyker herrschte eine unheimliche und drückende Stille. Kein Franzose, kein feindlich gesinnter Mensch atmete mehr innerhalb seiner Mauern oder überhaupt in seiner Nähe, es war frei von allem Bösen, was so lange darin und darum gehaust und die Gemüter seiner Bewohner in Sorge und Unruhe versetzt hatte, aber dennoch war es öde und still, kein Mensch wagte ein lautes Wort oder einen schallenden Tritt hören zu lassen, denn – es war der Tag, wo man den einzigen Sohn und Erben des gräflichen Hauses und Namens, den edlen Magnus-Brahe zur Ruhe bestattet hatte.

Halb Sagard war in den Vormittagsstunden dieses Tages in Spyker gewesen, die ganze Umgegend hatte ihre Bewohner zu Zeugen des traurigsten aller Ereignisse gesendet, welches man während der ganzen Kriegszeit in dieser Gegend zu beklagen gehabt. Der würdige Pastor von Willich selbst hatte die ergreifende Grabpredigt gehalten und kein Auge war bei seinen Worten trocken geblieben, als er der stummen Gemeinde mitgeteilt, daß es in Gottes Ratschluß gelegen, die junge Eiche zu fällen, die der Ruhm und Stolz der erhabenen Familie hätte werden sollen, und daß Gott selbst den Übeltäter, der dies Unheil über alle gebracht, vor seinen Richterstuhl fordern möge, da er der irdischen Gerechtigkeit leider entronnen sei.

Eine Stunde nach dieser Zeremonie, bei der man diesmal keine Rücksicht auf die gebräuchlichen Trauerschmausereien genommen, hatte sich die große Versammlung aufgelöst, alle Nachbarn hatten das Schloß verlassen und die Bewohner desselben waren allein zurückgeblieben, um in der wohltätigen Stille, die sie nun umgab, Beruhigung und Trost für ihren gerechten Schmerz zu suchen.

Unten im Zimmer des Kastellans war die ganze Familie Ahlström versammelt, einer vor dem andern erschreckend, wenn das tränenschwere Auge auf die in diesen Räumen lange nicht erblickten Trauerkleider fiel. Alle hatten sich in ein kleines Häufchen um den hohen Sorgenstuhl zusammengedrängt, auf dem der alte Diener des gräflichen Hauses saß und seine stillen Zähren mit dem lauten Schluchzen seiner Frau und Töchter vermischte. Auch sämtliche Diener hatten sich hier eingefunden und standen in den Ecken und schauten die weinende Familie an, von der allein sie Trost in diesen schweren Tagen zu hören erwarteten, aber keine Silbe kam über die Lippen des heimgesuchten Hausvaters, denn er selbst war innerlich zerschmettert und die Worte, wenn er welche hätte sprechen wollen, wären ihm im Munde erstickt.

Gylfe Torstenson, die ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen, seitdem Major Caillard so übereilt aus demselben entwichen war, um mit Magnus den tödlichen Streit zu Ende zu führen, hatte noch niemanden gesehen und wollte auch niemanden sehen, da sie wohl fühlen mochte, daß kein freundliches Gesicht ihr begegnen würde; selbst Gysela, die in dumpfem Schweigen, mit geschwollenen Augen und zeitweilig lebhaft ausbrechendem Schluchzen, die gewöhnlichen Dienste bei ihr verrichtet, hatte keine Silbe über ihre Lippen schlüpfen lassen, die irgend eine Andeutung der im Schlosse stattfindenden Vorgänge enthielt, und so hütete sie in schauerlicher Einsamkeit ihr Zimmer, in dem sie nirgends und in nichts einen Anreiz zum Troste fand, und seufzte bald laut, bald starrte sie in gedankenloser Versunkenheit vor sich nieder oder in die öde Winterlandschaft hinaus.

Auch Waldemar Granzow hatte sich, sobald die Trauerfeierlichkeit beendet war, in die Einsamkeit des obersten Turmzimmers zurückgezogen, welches sein Freund durch den letzten Aufenthalt darin in seinen Augen für ewig geweiht hatte. Von hier aus schaute er über das vor ihm liegende Land bis weit auf das Meer hinaus, welches beides, so weit sein Auge reichte, von demselben starren Leichentuche bedeckt war, das nun auch seinen besten Freund auf dieser Erde einhüllte. O, wie er so dasaß und seine Gedanken und Blicke über die unabsehbare Ferne schweifen ließ, in der auch Magnus mit seinen Wünschen und Hoffnungen so gern geweilt, da trat ihm noch einmal in seiner ganzen ursprünglichen Milde und Weichherzigkeit der Mann vor Augen, der schon als Knabe an seiner Seite gestanden und mit dem er die frohe Jünglingszeit auf jener blauen See durchlebt hatte, die fern von ihm gegen die wogenden Eisschollen tobte und brauste, welche die ganze Küste von Rügen wie mit einem schützenden Gürtel gegen die tobende Brandung umschlossen. Dieser Knabe, dieser Jüngling, dieser Mann war ihm mehr als ein Freund, er war ihm fast ein Bruder gewesen. Dieselbe väterliche Hand hätte für beider Erziehung so weise und liebreich sich aufgetan, beide mit gleicher Liebe umfaßt und beiden ohne irgend eine Parteilichkeit, die doch so natürlich gewesen wäre, ihre fernere Lebensbahn zu ebnen gesucht, indem sie den einen wie den andern mit gleichen Mitteln ausrüstete, den Kampf des Lebens siegreich zu bestehen. Nun war der, um dessenwillen diese Liebesquelle so reichlich geflossen, dahin, für immer; der alte biedere Vater war kinderlos zurückgeblieben und hatte also mit seinem Erben auch alle an ihn geknüpften Hoffnungen verloren. Die vielen zerstreut liegenden Güter waren nun ihres einstigen Herrn beraubt, die zahlreichen schönen Besitztümer aller Art vergebens gesammelt, die reichliche Saat für die Zukunft umsonst ausgesäet, denn niemand war da, der hätte sagen können: das alles wird einst mir gehören und ich werde weiter bauen, was mein Vater gebaut, ich werde vollenden, was er in seiner Güte und Menschenfreundlichkeit begonnen hat.

So lange Magnus lebte, war auch Waldemar eine bestimmte und lohnende Lebensbahn vorgezeichnet gewesen, sein Schiff hatte einen Hafen, in dem es rasten, seine Hoffnung einen Anker besessen, an dem sie haften konnte, denn was der eine tat, tat auch der andere. Nun aber war diese Lebensbahn plötzlich abgerissen, der Hafen war versandet, der Anker hielt nicht mehr, Waldemar war auf sich selbst, auf seine Kräfte allein angewiesen, und zum erstenmal auf eigenen Füßen stehend, mußte er ein neues Leben beginnen, erkämpfen, da ihm das alte an der Seite seines Freundes verschlossen war. Darüber nun trauerte und klagte er nicht, wie er überhaupt nie klagte, denn dazu war er zu stark, zu willenskräftig, zu gottergeben, wie der Mann es sein soll, dem der Schöpfer in seiner Güte so viele Fähigkeiten verliehen; auch hoffte er sich allein das Leben untertänig machen zu können und einen Hafen zu finden, in dem er sein Schiff ruhig vor Anker legte, wenn der stürmende Abend käme; nein, er trauerte vielmehr darüber, daß Magnus Brahe der Boden unter den Füßen so rasch weggezogen war, daß das schöne Leben so früh für ihn geendet, daß nicht die Freude, nur der Schmerz sein letzter Begleiter auf Erden gewesen, und daß nun durch seinen plötzlichen Hintritt eine Lücke in seinem eigenen Leben entstanden war, die kein anderer Mensch jemals wieder würde ausfüllen können.

»Ja, ja,« sagte er, nachdem er dies alles im stillen bedacht, nun im leisen Selbstgespräch, »Magnus hatte Recht, jetzt erkenne auch ich es, aber leider zu spät: sein Stern ist ganz erloschen, nicht allein in seiner Brust, auch auf Erden, ich sehe nicht den geringsten Schimmer mehr von ihm, und niemals mehr wird er jemanden auf Erden leuchten. Wie wunderbar ist es, daß er von jeher die Ahnung seines frühen Todes gehabt und die düstren Gestalten seines Schicksals vor seinen Augen hat schweben sehen! Oft genug und selbst mitten im Rausch der jugendlichsten Freude hat er mir seine Gedanken darüber mitgeteilt. Wie sind doch manche Menschen auserlesen, im Geheimen und tief im Innern zu fühlen, was in der Zukunft verborgen liegt, und gewissermaßen mit einem Fuß auf dieser Erde und mit dem andern in jener unbekannten Welt zu stehen. In welcher geheimnisvollen Verbindung steht ihr Geist mit dem großen Weltgeiste, aus welchem Stoffe sind die Kettenglieder gewebt, die zwischen beiden herüber und hinüber laufen, auf welche Weise die rätselhafte Sympathie entstanden, die beide miteinander verbindet und den Menschen das mit Geist und Gefühl begabte Atom des allmächtigen Schöpfers sein läßt. Wer das sehen oder nur begreifen könnte! Warum sind die Wolken nicht durchdringbar, die zwischen der Erde und dem Himmel fliegen, warum trennt ein endloser Raum die düsteren Schatten der Erde von dem göttlichen Lichte der alles verklärenden Himmelssonne? O, ich kann es nicht begreifen, meine Augen sehen nur das Sichtbare, und meine Ohren hören nur das Hörbare, den Schwung und die Richtung des sausenden Rades aber, welches der Weltgeist durch das All rollen läßt und an das der Menschen Schicksal mit unsichtbaren und doch unzerreißbaren Fäden gebunden ist, kann ich nicht vernehmen und erkennen, wie sie Magnus so oft vernommen und erkannt hat. Der gute Magnus! Ob er wohl glücklicher dadurch war? Ich glaube es nicht, im Gegenteil sogar; aber eben weil er dadurch unglücklicher war als ich, darum liebe ich ihn so, denn ich fühlte immer, was ich von ihm voraus hatte, und es schmerzte mich, daß ich noch in einem Punkte glücklicher war als er. Ob ich ihn wohl so liebte, wie er es verdient hat? O welchen Menschen liebt man, wie er es verdient, wir müßten sonst unsere Eltern, alle die, die uns Gutes tun, auf den Händen tragen, und das tun die Menschen so selten! Und dennoch kann ich von mir sagen, daß ich ihn sehr geliebt habe. Ich kannte niemand, der mir teurer war, mir näher am Herzen stand, und wenn ich einen Bruder gehabt, er hätte wohl mein Bruder heißen, aber nicht mehr geliebt sein können als er. Und nun liegt er kalt, leblos unter dieser eisigen Hülle, welche der Himmel auf die Erde gesandt hat, um seinen heißen Schmerz bald zu kühlen, nun sieht er nicht mehr die blauen Wellen, die so fröhlich tanzen und springen, und die goldene Sonne, die so lieblich wärmt und so herrliche Strahlen wirft. Nein, o nein, er hört auch nicht mehr das stolze Wehen und Brausen des Windes, nicht mehr das süße Wort der liebevollen Menschen, seine Hand drückt nicht mehr die Hand des Braven, Getreuen und Guten, deren Begrüßung einem empfindenden Herzen so wohl tut. O, das alles ist nun vorbei und wird ihm nicht wieder geboten! – Wunderbar, wie mir jetzt alles vor die Seele tritt, was er mir so oft gesagt! Das Eine klingt mir vor allem in die Ohren, als hörte ich noch den Ton, womit er sprach: Glaube mir, sagte er, so lange ich bei dir bin, wirst auch du nicht froh und heiter werden, nur dann erst, wenn du mich aufgegeben, mich verlassen hast, wirst du glücklich sein und das Ziel deines Daseins erreichen, denn ich bin der Hemmschuh, der das Rad deines Lebens aufhält. – Was hat er damit gemeint? Liegt auch dieser Vorhersagung eine bestimmte Ahnung zu grunde? Woher soll nur das Glück kommen, wenn mir das an seiner Seite nicht mehr erblühen soll? Ich weiß es nicht – o was wüßte ich jetzt, denn es summt mir noch immer sein letztes Röcheln in den Ohren, und sein ersterbender Blick dringt noch immer in meine umflorte Seele. Ich vermache dir meine Rache, sagte er sterbend, ich kann ihn nicht mehr strafen, strafe du ihn! Wie soll ich ihn, den er meinte, strafen, wie ihn nur erreichen? O, die Pfade der Menschen führen weit auseinander, und selten treffen die wieder zusammen, die sich einmal freundlich oder feindlich begegnet sind. Das wäre also das Hauptvermächtnis meines Freundes – die Rache! Ach, das ist kein angenehmes Geschenk für mich, dessen Hand nicht dazu geschaffen ist, an dem Leben eines Menschen zu rütteln; ich liebe die Menschen und leihe nur ungern meine Kraft, das Geschöpf zu zerstören, welches Gott in seiner Liebe und Güte erschaffen und unter so vielen Mühen hat wachsen und gedeihen lassen.

Außer diesem traurigen Geschenk aber hat er mir noch ein anderes Vermächtnis hinterlassen – die Papiere, die er im Gefängnis zu Bergen mit seinen Gedanken gefüllt, vor meinen Augen versiegelt und mir erst vor wenigen Tagen übergeben hat. Da liegen sie vor mir und ich vermag kaum meine Augen davon abzuwenden, so teuer, so wertvoll sind sie mir. Sende sie meinem Vater, sagte er mir mit gewichtiger Miene, und halte nicht für gering und bedeutungslos, was ich dir sage. Es ist mein Wunsch, daß er sie gerade durch dich erhält, damit er sieht, wie du bis zum letzten Augenblick an meiner Seite gestanden und damit den Schwur gelöst hast, den du in seine Hand legtest, als er uns beide ins Leben sandte. – Ich werde sie also dem armen alten Vater senden, dem ich gern dies bittere Herzeleid erspart hätte, aber ich muß es ihm verursachen, ich kann nicht anders. Doch was soll ich ihm sagen, wie sein einziger Sohn und Erbe geendet, wodurch er den Todesstoß empfangen hat? Niemand hat es gesehen, niemand gehört als Gott, denn dieser Franzose ist auf schnellem Rosse davongejagt, und keiner konnte ihn einholen. An Verfolgung war nicht zu denken, er hatte eine stählerne Mauer um sich und sein Name: Franzose! schützt ihn vor den Angriffen jedes Gesetzes. Denn wir sind schwach und bedürfen der Hilfe jenem Volke gegenüber, das groß und gewaltig ist zur Zeit und andern die Faust auf das Herz legen und befehlen kann, daß es zu schlagen aufhöre. Welche Schmach, welche Erniedrigung für den Mann, der Kraft in seinen Sehnen und festen Willen in seinem Geiste hat! Doch es ist nicht anders, und wir müssen es tragen, was andere einmal verschuldet haben. Aber für die Franzosen werden einst auch bittere Tage kommen, dann werden die Stärkeren über ihnen stehen, und Gott selbst wird die Vergeltung in seine Hand nehmen, die die Menschen jetzt nicht ausführen können.

Doch ich muß mich immer wieder fragen, wie waren die Vorfälle hier im Hause, die Magnus' Tod zur Folge hatten? Starb er im ehrlichen Kampfe, oder sank er unter dem Streiche eines Meuchelmörders hin? Wer weiß es, wer sah es? Beinahe glaube ich das erstere, denn auch der Flüchtige schien verwundet, er blutete an Kopf und Brust und Magnus' Hand hatte ein Pistol abgefeuert, mit dem er sein Ziel stets zu finden wußte, wenn er es suchte. Doch darüber schwebt ein Dunkel, das uns niemals gelöst werden wird, und so will ich es der Wahrheit gemäß dem Vater berichten. Hätten wir doch den Mann ergriffen, der die Tat verübt und lieber die Schätze eingebüßt, die er räuberischen Sinnes auf den Wagen geladen und nun mit seinem eigenen Gepäck in unseren Händen gelassen hat. Doch was hätte es geholfen? Wir hatten keine Zeugen, und wenn wir sie gehabt, so gibt es doch jetzt dem Mächtigen gegenüber kein Recht.« –

In solch trauriges Sinnen verloren, was bei dem so überaus heiter kräftigen und lebensmutigen Mann etwas ganz Ungewöhnliches war und seinem charakteristischen Gesicht einen eigentümlich rührenden Ausdruck verlieh, stand er in dieser einsamen Stunde mit untergeschlagenen Armen am Fenster und schaute immer noch in die vor ihm liegende Ferne hinaus. Plötzlich flog ein Reiher mit gewaltigem Gekrächz aus dem schneebedeckten Gebüsch des Parks von Norden nach Süden hin, und augenblicklich folgten ihm Waldemars Augen, denen so leicht nichts entging, was im Bereich der Natur vor ihnen geschah.

»Ein verspäteter Gast!« sagte er, dem raschen Fluge des großen Vogels folgend. »Er verläßt seine nordische Heimat und fliegt südlicheren Gegenden zu. Ha! Er erinnert mich an mich selber, und auch ich werde mich bald auf die Wanderung begeben, um meine alte Heimat aufzusuchen, denn hier habe ich am längsten geweilt, und mich fesselt nun nichts mehr an das alte Schloß, als die dankbare Gesinnung für meinen edlen Wohltäter und die Erinnerung an die schönen Jugendtage, die ich hier mit seinem Sohn verlebt habe. So will ich denn gehen, heut nicht mehr, aber morgen früh, und meine alten Eltern aufsuchen und ihnen sagen: hier habt Ihr Euren Sohn ganz wieder, nun stützet Euch auf ihn, er ist stark genug dazu. Ha! Ja, das ist auch eine Aufgabe für mich, und sie sagt mir zu. Aber ehe ich diesen Gang antrete, steht mir noch ein schwerer Abschied bevor, ich muß mich von dem alten Ahlström und seiner Familie trennen, und erst mit mir werden sie ihren guten jungen Herrn ganz verloren haben, und darum wird ihnen mein Weggehen wehe tun, ich sehe es ein.

Und noch einen schwereren Gang habe ich hier zu tun, den ich so bald wie möglich unternehmen will, damit er getan ist. Dieses Unglücksweib muß ich noch einmal sprechen, das an allem Kummer in diesem Hause schuld ist, und ich bin neugierig, welche Miene sie jetzt annehmen wird. Freilich, wenn ich es recht bedenke, habe ich keine Verpflichtung gegen sie, ich könnte gehen, ohne sie noch einmal zu sehen und ihr dadurch meine Verachtung beweisen, aber sie war einst die Geliebte meines Magnus', und so will ich in der Erinnerung daran ihr Lebewohl sagen. Und das soll sogleich geschehen, dann liegt das ganze bisherige Leben hinter mir und das neue vor mir.«

Er verschloß alle Gegenstände, die früher Magnus im Gebrauch gehabt, und die er, um sein Herz daran zu weiden, vor sich auf den Tisch ausgebreitet hatte, sorgfältig, vor allen aber den Brief, der an Graf Brahe gerichtet war, stieß einen Seufzer aus, als er den Schlüssel aus dem Wandschrank zog, und stieg bekümmerten Herzens die Treppe hinab, denn er wußte vorher, daß er bei dem Kastellan keinen trostreichen Anblick haben werde.

Als er bei dem Alten eintrat, fand er die ganze Familie noch beisammen; sie hatten aufgehört zu weinen, als sie aber Waldemars ansichtig wurden, brach ihr Kummer wieder hervor, und aller Augen flossen von neuem über.

Da fühlte der starke Mann sich selbst zum Tröster berufen, und mit warmen und lebhaften Worten sprach er seine Meinung aus, daß auch der Schmerz sein Ende haben müsse, wie die Freude es habe, und daß es Pflicht sei, sich in Gottes Willen zu fügen, da man als Mensch nicht immer die Erfüllung aller Wünsche beanspruchen dürfe.

Alle traten bei diesen Worten an ihn heran, ergriffen seine Hände, als wären sie ein Teil von dem Hingegangenen, und weinten in seiner Nähe sich noch einmal von Herzen aus, bis sie endlich gefaßter wurden und ein ruhiges Gespräch über die vorliegenden Verhältnisse führen konnten, wonach Waldemar zuletzt seinen Entschluß aussprach, schon am folgenden Tage Spyker verlassen und sich zu seinen Eltern nach Sassnitz begeben zu wollen.

»Ich kann dir das nicht verdenken, Waldemar,« sagte der alte Ahlström. »Spyker ist in solchen Zeiten und noch dazu im Winter kein behaglicher Aufenthaltsort. Hier wird nichts als das Weh zurückbleiben, und ich habe eine wahre Angst, wenn ich daran denke, daß wir nun mit der Dame oben wieder allein sein werden. Was sollen wir mit ihr beginnen, wenn sie immer nur nach ihrem Buhlen seufzt, der in unsern Augen nichts als der Mörder unsers lieben Herrn ist?«

»Sie wird Euch nicht lange lästig fallen, denke ich,« erwiderte Waldemar. »Ihr selbst muß Spyker kein angenehmes Obdach mehr bieten. Sobald man das Stift in Bergen wieder für seine Bestimmung hergestellt hat, wird sie Euch verlassen und unter ihren Damen ihre Wohnung aufschlagen, wenn sie nicht nach Frankreich geht.«

»Gott weiß es, was sie tut, aber ich sähe sie lieber heute als morgen scheiden.«

»Da wir gerade von ihr sprechen, Gysela,« fuhr Waldemar fort, »so geh' einmal zu ihr hinauf und frage sie, ob ich sie sprechen kann. Ich möchte nicht den Vorwurf auf mich laden, der Pflegetochter meines Pflegevaters auf ewig den Rücken gekehrt, ohne ihr ein Lebewohl geboten zu haben. Am Ende kann sie nicht für ihre Gefühle, und man muß in Beurteilung solcher Dinge billig sein.«

Gysela entfernte sich und kam bald darauf mit der Meldung zurück, Gylfe wollte ihn weder sehen noch sprechen, sie habe nichts mehr mit ihm zu teilen und wünsche ihm so viel Glück im Leben, wie sie selber in diesem Augenblick genieße.

Als Gysela diese Bestellung mit aller Ruhe ausrichtete, schoß dem Freunde Magnus Brahes das Blut ins Gesicht. Sein männlicher Stolz war verletzt, und in dieser Beziehung war selbst der einfache und ruhige Waldemar empfindlich. »Wie,« rief er verwundert aus, »sie will mich nicht sehen? Hat diese Dame auch in Bezug auf mich einen so festen Willen? Nun, wohlan denn, der meinige ist noch fester, und so werde ich gegen ihren Willen vor ihr Auge treten und wenn sie mich reizt, soll sie meine ganze Meinung erfahren.«

Nach diesen Worten verließ er rasch das Zimmer des Kastellans, und gleich darauf krachten unter seinem wuchtigen Tritt die Stufen, die nach dem oberen Stockwerk führten, dieselben Stufen, die noch vor wenigen Tagen das Blut des edlen Grafen gerötet hatte.

Ohne irgend eine Rücksicht zu nehmen und auf dem Gesicht noch die Spuren der Erregung tragend, in die ihn soeben die unerwartete Abweisung seines Besuches versetzt, klopfte er mit fester Hand an die ihm wohlbekannte Tür, hinter der das Mädchen verborgen war, das seinem Freunde die Welt zum Paradiese hätte umgestalten können. Als er aber vergeblich eine Zeitlang auf einen Hereinruf gewartet hatte, der ihm wahrscheinlich gar nicht zuteil geworden wäre, trat er ohne Bedenken ein und hatte sogleich einen Anblick vor Augen, der sein Blut noch mehr reizte, als die schnöde Antwort vorher, jedoch beherrschte er sich mächtig, trat an die Bewohnerin des Zimmers heran und sagte einfach: »Guten Abend!«

Gylfe saß am Kamin auf einem Sessel, so weit wie möglich vom Fenster abgewandt, dessen Vorhänge herabgelassen waren, da es draußen bereits zu dunkeln begann; vor ihr stand ein Tisch, auf dem einige Kerzen brannten. Sie saß, die gefalteten Hände im Schoße, sinnend und grübelnd da, in einem dunklen Trauergewande, aber dennoch wie eine Braut mit allen ihren Kostbarkeiten geschmückt, denn ihre Hände funkelten von Ringen, und ihre Handgelenke wie ihr Busen waren mit Armbändern und blitzendem Geschmeide überladen, was auf Waldemar stets einen unangenehmen Eindruck gemacht, da er in diesem Putze bei Gylfe eine Schaustellung gewahrte, die ebensowohl das Auge eines Fremden bestechen, wie die eigene angeborene Eitelkeit des leichtsinnigen Mädchens befriedigen sollte.

Aber nicht das war es, was Waldemars Auge an diesem Abend so unheimlich entgegenblitzte und es am meisten verletzte, es war vielmehr die Haltung der ganzen Gestalt und der Ausdruck, der auf dem noch so jugendlichen Gesichte der Jugendgespielin lag. Denn sie hatte ihre etwas magere Gestalt mit einem gewissen Trotze in den Sessel zurückgelehnt und in jeder ihrer Bewegungen sprach sich ein Stolz, eine vornehme Nachlässigkeit und eine erzwungene Würde aus, die ihr nicht eigentümlich und jetzt am wenigsten am Platze war, da man annehmen mußte, ihr Trotz wäre durch die äußeren Ereignisse herabgespannt und ihr anmaßender Stolz müsse tiefer denn je gedemütigt sein.

Mit dieser Haltung stimmte vollkommen der Ausdruck ihres Gesichts überein. Es war allerdings ungewöhnlich blaß, aber mehr spitz und eckig, als rund und jugendlich, so daß die Lieblichkeit, die ihr früher zu eigen gewesen, zurückgetreten war und den schrofferen Zügen Platz gemacht hatte, die in den geheimnisvollen Winkeln und Falten dieses Gesichts gleichsam unter der Oberfläche verborgen lagen. In ihren dunklen Augen sprühte ein unheimliches, dämonisches Feuer, als sie den Mann erkannte, der ihrem Gebote zuwider die Ruhe unterbrach, in die sie sich zurückgezogen, und sie schaute ihn damit verwundert und kalt vom Kopfe bis zu den Fußen an, anstatt bescheiden vor ihm das Auge zu senken, wie es wohl den Umständen und ihrer eigentümlichen Lage angemessen gewesen wäre.

Da sie auf des Eintretenden Anrede nichts erwiderte, sondern fortfuhr, ihn scharf und fast kritisierend anzuschauen, so wiederholte Waldemar seinen Gruß und fügte ihren Namen hinzu, was er seit vielen Jahren nicht getan, aber womit er jetzt unzweifelhaft die lange in ihr erloschene Vergangenheit aus ihrem Schlummer wecken wollte.

»Guten Abend, Gylfe Torstenson,« sagte er. »Sie kennen mich doch? Ich bin Waldemar Granzow, der einzige Freund Magnus Brahes, des Erben dieses Hauses, den wir soeben zur Ruhe bestattet haben, und ich komme von der Gruft zurück, um Ihnen zu sagen, daß die traurige Zeremonie beendet ist –«

Gylfe hob gebieterisch die Hand, als wolle sie dem Redenden Schweigen auferlegen. »Was wollen Sie bei mir,« sagte sie mit einem erzwungenen kalten und trockenen Tone, der dennoch die Bewegung verriet, die ihr ganzes Wesen durchflutete. »Warum stören Sie meine Ruhe? Kommen Sie hierher, um mich zu tadeln oder zu beschimpfen?«

Waldemar erhob sich in seiner ganzen Höhe und hatte sich kaum so weit in der Gewalt, daß nicht ein gewisser Groll aus seinen Augen gesprüht hätte, der jedoch nicht in die Stimme überging, als er zwar milde aber unendlich ernst sagte: »Von der Beschimpfung, um mich Ihres eigenen Wortes zu bedienen, erlauben Sie mir wohl gänzlich Abstand zu nehmen, wenn aber in den Tatsachen, die hier vorgefallen sind, Grund zum Tadel für Sie verborgen liegt, so kann ich nichts dafür, ich wenigstens übernehme hier die Rolle nicht, die Sie mir zumuten, denn ich trete nicht als das Organ Ihres Gewissens, sondern als mein eigener Anwalt auf. Ich habe Ihnen bereits gesagt, was mich hierhergeführt hat, und füge hinzu, daß ich gekommen bin, von Ihnen Abschied zu nehmen, da ich, so weit meine Wünsche reichen, diesen Ort nie wieder betreten werde.«

»So gehen Sie, ohne viele Worte zu machen, ich bin fertig mit Ihnen, und Sie, hoffe ich, sind auch fertig mit mir.«

Waldemars heißes Blut wallte aus dem Herzen herauf nach seinem Gesicht; die schnöde Kälte, mit der er ganz schuldlos behandelt wurde und die dennoch eine gewisse Furcht durchblicken ließ, er werde aus dem Berichterstatter ein Ankläger und Richter werden und als solcher die Sache seines Freundes führen, empörte ihn, zumal er sich bewußt war, daß er am wenigsten diese übereilte Abfertigung von seiten einer Person verdiente, die nicht frei von traurigen Schwächen und schuldiger als irgend ein anderer an den vorliegenden Verhältnissen war. Dennoch bezwang er sich noch immer und sagte nur mit gedämpftem Tone und einem verächtlichen Zucken der Schulter, das ihm eigentümlich war, wenn er, von außen gereizt, sich dennoch bemühte, so milde Worte wie möglich hervorzubringen:

»Sie springen gewaltsam mit Ihren ehemaligen Freunden um; den einen, den das Grab deckt, bedauern Sie nicht; und den andern schicken Sie fort, sobald er den Mund auftut, um eine Erinnerung mindestens des Wohlwollens an jenen hervorzulocken.«

»Wer sagt Ihnen, daß ich den, den das Grab deckt, nicht bedaure? Für mich ist er nicht in den Tod gegangen und meinetwegen hätte er noch lange leben können. Aber er ist glücklich, denn das rauhe Leben war kein zuträgliches Element für sein weiches Gemüt, und so hat Gott ihm wohlgetan, indem er ihn aus diesem Leben abrief.«

Kaum hielt Waldemar das bittere Lächeln zurück, das bei diesen Worten über seine ausdrucksvollen Züge flog. Sein Ton nahm etwas Schneidendes an, was durch die Schärfe dessen, den Gylfe hören ließ, von Minute zu Minute gesteigert würde. »Wenn Sie damit sagen wollen, daß Magnus Brahe ein weiches Gemüt hatte, so haben Sie recht. Die Natur hatte ihm das gegeben, was sie Ihnen versagt, und wäre ein Austausch zwischen Ihnen und ihm in dieser Beziehung möglich gewesen, so würden Sie beide Vorteil davon gehabt haben.«

Gylfe hob stolz den Kopf in die Höhe und sah mit ihren blitzenden Augen den gereizten Mann durchbohrend an, der aber nicht die geringste Wirkung davon in Haltung und Miene spüren ließ. »Warum sehen Sie mich so seltsam an,« sagte er sogar lächelnd, »glauben Sie mich mit diesem Blick einzuschüchtern oder der Wahrheit, die aus mir spricht, den Mund zu stopfen? Gylfe Torstenson, Sie kennen den Mann nicht, der vor Ihnen steht, ebenso wenig wie Sie den gekannt haben, der nicht mehr vor Ihnen stehen kann. Doch Sie haben ihn einen Weichling genannt, und damit haben Sie mir die Bahn eröffnet, die ich vor Ihnen verfolgen muß, um in Ihrem Herzen den Fleck zu berühren, wo hoffentlich noch ein Rest von Empfindung zurückgeblieben ist. Ja, staunen Sie über meine Dreistigkeit, zu Ihnen, dem Weibe, mit so bitteren Worten zu sprechen, allein es gibt Weiber, bei denen die Waffen der Milde und Bitte ebensowohl angebracht sind, wie bei Tigern und Wölfen eine seidene Schnur, um sie friedlich und sanft daran zu leiten. Magnus ist – um es Ihnen ganz klar auseinanderzusetzen – kein Weichling gewesen, wenn er ein Mann war und Männern gegenüberstand, sondern nur wenn er den Verführungen eines Weibes unterlag. Sie haben ihn nicht gesehen in der Schlacht, wenn Flammen und Blitze um ihn sprühten und er dem Feinde die drohende Stirn zukehrte. Hätten Sie ihn als solchen gesehen, Sie hätten nie Ihr Auge auf den Fremdling gerichtet, der nur ein Mann war, wenn er einem Weibe gegenüber stand, und aus diesem einen Vergleiche können Sie auf den Wert beider schließen, wenn Sie überhaupt den Willen dazu und das Verständnis dafür haben.«

Gylfe sprang von dem Stuhle auf, auf dem sie unruhig saß, und trat mit drohender Geberde auf den warm gewordenen Verteidiger seines Freundes zu, als wolle sie ihn mit ihren Blicken niederschmettern. Aber Waldemar war immer ein Mann, dem Feinde und einem Weibe gegenüber, wie das war, welches er in diesem Augenblick vor sich hatte. Als Gylfe diese Bemerkung machte und ihren Irrtum erkannte, erinnerte sie sich, daß sie eine Künstlerin war, das heißt, daß sie es verstand, wie eine bühnenkundige Person aus einer Stimmung und Situation in die andere überzugehen, ohne die Brücke wahrnehmen zu lassen, auf der sie das Kunststück vollführte. Sie sank plötzlich in sich zusammen, nahm eine ergriffene Miene an und die Stirn in die linke Hand legend, streckte sie die Rechte nach Waldemars Schulter aus und ließ sie eine Weile darauf ruhen.

»Waldemar Granzow,« sagte sie mit bebender Stimme, die aber zu kalt war, um eindringlich, und zu klanglos, um überzeugend sein zu können, »lassen Sie es genug sein des Kampfes zwischen uns. Die Herren der Erde haben den Krieg beendet, und so wollen auch wir Frieden schließen und uns ein freundliches Lebewohl sagen. Ach, ich weiß, ich fühle, welchen Verlust Sie erlitten haben, und ein Teil desselben drückt auch mein Herz zu Boden. Aber Magnus ist nicht von aller Schuld freizusprechen, ach nein! Er war seiner Sache zu gewiß in Bezug auf meine Neigung und glaubte, ich müsse sie ihm bewahren, weil ich seinem Vater Dank schuldig war. Das war ein Irrtum, der schwere und unerwartete Folgen gehabt hat. Die Frauen lieben nicht immer, wo man ihre Liebe verlangt, sondern leider am häufigsten da, wo man sie geringschätzt. Ach ja, ich habe darin traurige Erfahrungen gemacht und vielleicht noch zu machen. Wäre Ihr Freund weniger stürmisch gegen mich zu Werke gegangen, wer weiß, ob mein Herz sich dennoch nicht wieder zu ihm gewandt und ihn geliebt hätte.«

»Aus Barmherzigkeit vielleicht und weil kein anderer Ihre Liebe begehrte! O nein, darüber war Magnus weit hinweg, daß kann ich Ihnen versichern. Es ist überhaupt leicht, dem edlen Verstorbenen Vorwürfe über sein Verhalten zu machen. Er hört sie nicht mehr und kann nicht wieder gut machen, was er versäumt. Das wissen Sie sehr wohl, und dennoch tun Sie es, vielleicht in dem Glauben, den einfachen Seemann, Waldemar Granzow mit Namen, der stets sein Herz auf der Zunge und seine Seele im Auge hatte, damit zu berücken, ihn, der nicht die schönen Worte im Munde hat, mit denen befähigtere Männer vor Ihnen zu prunken verstanden. Ach nein, Sie berücken mich durchaus nicht, und ich sage Ihnen offen, daß Sie sich vergeblich damit bemühen. Was ich im übrigen von Ihnen glaube und denke, ist meine Sache und kann Ihnen einerlei sein. Aber damit will ich Ihnen keinen Vorwurf machen – diese Mühe wird das Schicksal übernehmen, an das mein Freund so bestimmt glaubte, wie einst an Ihre Liebe. Sie werden – und das sei mein letztes an Sie gerichtetes Wort – genug Zeit zur Reue haben, denn Sie sind noch jung, und eine Vergeltung gibt es schon hier auf Erden. Was mich betrifft, so habe ich hier meine letzte Schuldigkeit getan – ich habe meinen Freund begraben und seinen Anwalt vor Ihnen gemacht, da er nicht selbst mehr mit Ihnen in die Schranken treten konnte. Jetzt gehe ich von hier fort und lasse dies Schloß zu Ihrer Verfügung. Vergnügen Sie sich mit dem Geiste des Abgeschiedenen und mit der Erinnerung an den Feind Ihres Vaterlandes, der Sie – ja Sie – und das Haus Ihres Wohltäters zugleich, seiner einzigen Stütze beraubt hat. Dies Bewußtsein begleite Sie durch Ihr ganzes Leben. Leben Sie wohl und suchen Sie auch mich zu vergessen, wie ich Ihrer vergessen haben werde, sobald die Schwelle dieses Zimmers hinter mir liegt.«

Er verbeugte sich tief vor ihr und einen einzigen Blick noch in ihre Augen werfend, der bis in das Innerste ihrer Seele drang, kehrte er sich rasch um und ging mit schallenden Schritten aus dem Zimmer und die Treppe hinab.

Kaum aber war die Tür hinter ihm zugefallen, so brach die leidenschaftliche Wut des unholden Weibes aus, dem die Natur nur das Äußere eines solchen, aber nicht seine innere Zierde gegeben hatte. Kreischend, schreiend, Waldemar, Magnus, sich selbst verwünschend, lief sie wie eine Rasende im Zimmer auf und ab, rief zehnmal in einem Atem ihren Freund Caillard herbei, auch diesen Menschen zu töten, wie er den andern getötet, der mit ihm fast nur eine Seele war. Den ganzen Abend tobte sie so mit sich selber, da sie gegen niemand sonst toben konnte, und erst als dieser Paroxysmus vorübergerauscht, trat die Reaktion ein und sie schmolz in Tränen hin, die sie erst gegen Morgen zur Ruhe kommen ließen, gegen Morgen, der der Anfang eines neuen Gottestages war, der strahlend am Himmel aufstieg und seine göttliche Liebe über Erde und Meer goß, um Schmerzen wenigstens zu lindern, die er so rasch nicht ganz verlöschen konnte.

Waldemar dagegen trat ruhig bei der trauernden Familie Ahlströms ein, und nach einer Viertelstunde traulicher Unterhaltung war der Sturm aus seinem Herzen gewichen, der es soeben aufgewühlt, und er war wieder der ruhige, gleichmütige Mensch, der er immer gewesen und jetzt noch mehr sein konnte, da er fühlte, daß er seinem Freunde hier die letzte Pflicht erwiesen, die, über ihn ein mildes Urteil zu sprechen, denn außer Gylfe Torstenson gab es unter seinen Bekannten wohl niemanden auf der Welt, der dem Verstorbenen nicht herzlich ergeben gewesen wäre und ihm von ganzer Seele die Schwächen verziehen hätte, die jeder Mensch auf Erden mit sich als irdischen Ballast herumträgt.

Am nächsten Morgen aber hatte die Scheidestunde geschlagen. Der alte Ahlström machte Waldemar den Vorschlag, ihn nach Sassnitz fahren zu lassen, aber dieser wies lächelnd auf seine gesunden Beine und sagte: »Nein, Alter, ich bin noch ein guter Fußgänger und freue mich auf den bevorstehenden Spaziergang an diesem schönen Wintertage. Ich habe vieles in mir zu ordnen und zurechtzulegen, und das tue ich am liebsten und es gelingt mir am besten, wenn ich in Gottes freier Natur mich selbsttätig bewege und meine Schritte richten kann, wohin ich will. Sehet, nichts, als was ich in meinem Herzen trage, nehme ich aus dem reichen Spyker in mein armes Vaterhaus mit hinweg, und doch dünke ich mich nicht mehr arm zu sein. Ich habe viel gelernt in diesem Raume und im Schoße dieser Familie, und die Quelle der Dankbarkeit wird in meinem Herz nie versiegen. So lebet denn wohl, die Erinnerung an die schönen Tage, die ich hier bei Euch verlebt, wird mir die herrlichste Mitgift für mein Leben sein, und auch Euch gebührt mein Dank für Eure Neigung und Euer Wohlwollen. Lebet wohl und sende Euch Gott die Belohnung für Eure Treue und Liebe gegen Euern Herrn!«

Mit quellenden Augen wandte er sich darauf von der Familie ab und suchte rasch die Tür zu gewinnen. Aber laut aufschreiend stürzten alle ihm nach und hingen sich an seinen Hals, an seine Arme, als wollten sie ihn nicht von sich lassen, der ihnen so teuer, so lieb geworden war. Endlich aber beschwichtigte er sie und sie ließen ihn frei von ihren umschlingenden Armen. Noch einmal: »Lebet wohl!« rufend und mit der Hand winkend, trat er zur Tür hinaus, von keinem auch nur einen Schritt begleitet, denn so hatte er es sich schon am Abend vorher ausbedungen.

Zwei Minuten später war er aus dem Hofe getreten und unter den schneebedeckten Bäumen den Augen der liebevoll Nachschauenden entschwunden. Als er aber so weit vom Schlosse entfernt war, daß er sich unbemerkt glauben konnte, drehte er sich noch einmal herum, breitete die Arme aus und sagte mit überfließenden Augen: »Lebe wohl, altes Spyker! Du hast mir viel Gutes getan, aber ich habe dafür meine halbe Seele in dir zurückgelassen, denn einen Magnus Brahe gibt es für mich nicht mehr auf der Welt. Und nun vorwärts in diese Welt – und zuerst in mein Vaterhaus! Auch da gibt es liebende Herzen, die mich mit Freuden erwarten, und teure Wesen, die mich mit geöffneten Armen empfangen werden – o wie ist die Welt so reich an Liebe, wenn man sie nur zu finden und zu schätzen weiß!«


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