Karl Emil Franzos
Leib Weihnachtskuchen und sein Kind
Karl Emil Franzos

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XI

Als der Pope Hilarion etwa eine Stunde nach dieser Begebenheit aus dem Fenster seiner Studierstube ins Unwetter hinausblickte, sah er seinen jungen Hausherrn barhäuptig, verstörten Gesichts und taumelnd durch Sturm und Regen heimwanken. Erschreckt ließ er ihn bei sich eintreten und fragte, was ihm begegnet. Aber es währte lange, bis er's erfuhr. Denn was er zunächst von Janko hörte, war nur die Klage: »Jetzt werden wir beide nur noch ein Grab haben«, und damit schloß er auch. »Ich habe die Jüdin in meiner Wut zu Tode geärgert, und sie hat mich verflucht.«

Der junge Pope war ein guter und kluger Mann. Hätte er von dem Tode des verworfensten Weibes im Dorfe vernommen, er wäre sofort aufgebrochen, die Familie zu trösten und hilfreich zu sein. Der Jude, so sehr er ihn persönlich schätzte, ging ihn nichts an. Wohl fuhr es ihm durchs Hirn, wie hilflos der arme Mann nun sei und wie er es beginnen werde, die Leiche nach Halicz zu schaffen, doch ihm beizustehen, war nach seiner Auffassung keines Christen Sache. Aber der junge Bauer da – das war ein Christ, dem mußte er helfen. Und so tröstete er ihn, daß ihm der Fluch einer Jüdin keinesfalls schaden werde. Die Miriam müsse er sich freilich aus dem Kopfe schlagen, aber nicht deshalb, sondern weil es eben eine Sünde sei.

Am Nachmittag kam der Richter zum Popen. »Hochwürdiger«, klagte er, »was fangen wir nun an? Ohne Schenke kann doch kein Dorf bestehen! Eben waren die Juden aus Halicz da und haben die Leiche fortgeschafft, den Leibko und seine Tochter mit. ›Wann kommt Ihr denn wieder?‹ fragte ich, aber darauf geben sie gar keine Antwort. Das Mädel gebärdet sich wie verrückt und klagt sich an, daß sie gegen die Mutter schlecht war, und dem Leibko rinnen auch die Tränen über die Backen, und er schluchzt oder flüstert in der jüdischen Sprache vor sich hin. ›Das versteh ich ja nicht‹, sag ich ihm, ›so antworte doch, wann du wiederkommst oder die Kasia schickst. Für heute mag's hingehen – wir sind ja keine Unmenschen –, aber spätestens morgen früh muß die Schenke wieder offen sein, da brauchen wir sie!‹ Aber er betet nur immerzu, als hätte ich Unsinn gesprochen, und weint und weint. Hochwürdiger, das ist eine schwere Sache! Wir erwarten ja für morgen die ›Kommissyja‹, die den Weg für das eiserne Pferd bestimmen soll.«

»Die Schreiber brauchen ja die Schenke nicht«, wandte der Pope ein. »Herr von Paterski hat sie zu sich eingeladen!«

»Die Schreiber nicht, aber wir!« erwiderte der Richter. »So bedenke doch, Hochwürdiger, morgen machen wir ja das große Geschäft! Morgen kommt der Haufen Gulden ins Dorf! So ein Haufen!« Er hielt die Hand hoch über den Tisch, um die Größe dieses Haufens Papiergulden zu bezeichnen. »Du hast doch ein Herz für uns, Hochwürdiger, und wirst verstehen: so ein Geschäft will begossen sein!«

Es würde nichts schaden, dachte der Pope, wenn sie es erst am nächsten Sonntag begießen würden. Aber er wußte wohl, daß er einen so freventlichen Gedanken nicht äußern dürfe, ohne seine Volkstümlichkeit für immer einzubüßen, und daß es vielmehr seine Pflicht sei, dem Dorfe in dieser Not beizustehen. Und so gab er dem Richter den Rat, einen Boten zum Vorsteher der Haliczer Judengemeinde zu senden, damit dieser ihm einen Stellvertreter für den Leib schicke.

Danach wurde gehandelt. Am Abend stand, obwohl der Regen fortwährte, das halbe Dorf um die verschlossene Schenke und harrte der Wiederkunft des Boten. Er brachte günstigen Bescheid. »Morgen in aller Frühe kommt der krumme Schimmele mit den Schlüsseln des Leibko und bleibt eine Woche da. Denn so lange müssen der Kleine und seine Tochter mit zerrissenen Kleidern in einer Stube sitzen und dürfen während der ganzen Zeit nur beten und jüdisch reden.« Das kam ihnen sehr merkwürdig vor, noch mehr, daß die Chane schon begraben war; die Unsitte, die Toten noch vor Sonnenuntergang des Sterbetages zu bestatten, war, wie für alle strenggläubigen Juden des Ostens, so auch für die Haliczer Gemeinde unverbrüchliches Gesetz. »Und wie sie dabei geheult haben«, erzählte der Bote, »grad so, als ob die Chane ihre Schwester gewesen wäre. Den wenigsten Lärm hat eigentlich noch der Leibko gemacht; der hat nur immer geweint und zum Himmel geguckt.«

Am nächsten Morgen fand sich in der Tat der krumme Schimmele pünktlich ein, mit ihm als Wirtschafterin die Kasia. »Ihr Leute«, erzählte sie, »seit dreißig Jahren bin ich ja dazu verdammt, bei Juden zu dienen, aber was für ein hartherziges Volk dies ist, weiß ich doch erst seit gestern. Die Miriam tut, als ob sie verzweifelt wäre, aber das ist ja nur die Furcht vor Gott. Ich kann ja nicht darüber reden, aber die Alte ist vor Schreck über eine Liebschaft des Mädchens gestorben. Und nun gar der Leibko! Wißt ihr, was er den Leuten geantwortet hat, als sie ihn trösten wollten? Ich würde es keinem anderen Menschen glauben, aber das habe ich mit eigenen Ohren gehört. ›Der Herr hat gegeben‹, sagt er, ›der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gelobt!‹ Als ob er seine Ziege verloren hätte!«

Aber sie fand nur wenige, die ihr zuhörten; die Leute hatten heute Wichtigeres zu bereden. Alle Hausväter waren in der Schenke versammelt und harrten, bis die »Kommissyja« erscheinen würde, um mit ihnen zu verhandeln. Wer eine Scholle Bodens besaß, war zur Stelle, nur den Janko ausgenommen, der wieder einmal stumm brütend in seiner Kammer saß. »Ihr Leute!« sagte der Richter, »jetzt heißt es schlau sein! Zunächst werden sie kommen und fragen: Wer gibt den Boden ganz billig? Und darauf ich: Keiner billiger als der andere: Tausend Gulden die Quadratklafter! Und da mögen sie nun handeln! Aber viel lassen wir nicht herunter!« – »So soll es sein!« stimmten alle ein.

Die Geduld der Harrenden sollte auf eine harte Probe gesetzt sein. Erst gegen neun Uhr kamen die Herren zum Gutshof gefahren, und da stärkten sie sich zunächst durch ein Frühstück, das ihnen der gastfreie Paterski anbot. Und als sie endlich um elf Uhr wieder den Wagen bestiegen, da fuhren sie nicht zur Schenke, sondern vors Dorf, zum Grenzrain gegen Halicz.

»Was sie dort tun mögen?« fragten die Leute erstaunt. »Es nützt ihnen ja nichts, sich den Boden auszuwählen, zuerst müssen sie doch wissen, ob er zu haben ist!« – »Freilich«, meinten andere, »aber vielleicht sind sie so dumm oder halten uns für dumm!« Als jedoch die Mittagsglocke läutete und die Herren noch immer nicht sichtbar waren, wurden einige ausgesendet, die erspähen sollten, was sie eigentlich trieben.

Die Boten brachten einen Bescheid, der die Leute in nicht geringe Aufregung brachte. Die Herren waren bereits mitten in der Arbeit; die einen guckten in Papiere und schrieben, die anderen richteten dreifüßige Gestelle auf, die sie mitgebracht, und maßen die Entfernungen ab und riefen sie einander zu; die dritten, ihre Diener, rammten Pfähle ein. Dies alles aber auf Grundstücken, die dem Polen gehörten. Die Pfähle bezeichneten nun eine große Kurve, die das Wäldchen, das der Gemeinde gehörte, umging. Es schien, daß sie nun zunächst auf den Grundstücken des Paterski bleiben wollten. »Betrug!« schrien die Bauern erregt. »Der Pole hat sie bestochen. Zuerst müssen sie doch fragen, wer Grundstücke verkaufen will und zu welchem Preis, und darnach ihre Wahl treffen. Das ist ein Geschäft des Herrn Kaisers – das muß öffentlich sein, und alle sind gleichberechtigt.«

Nur der dicke Onufrij verzog keine Miene. »Die Esel haben sich nicht einmal erkundigt, wo die Schmiede ist!« sagte er verächtlich. »Von der Stelle, wo sie begonnen haben, ist es ja zu meinem Hause über die rote Buche, wo sie jetzt sind, ein ungeheurer Umweg . . . Aber meinetwegen – mein Geld wird ja da nicht zum Fenster hinausgeworfen!« Auch mahnte er die anderen zur Geduld.

Aber die Bauern waren unruhig geworden, zudem hatte sie auch der viele Schnaps erregt. Sie brachen auf, »mit den Herren ein Wörtchen zu sprechen.« Niemand mahnte ab, auch der Richter ging mit, nur daß er dabei weinte. Aber das bewirkte nur der Schnaps, nicht etwa das Bangen vor den Folgen eines Auftritts. »Sie betrügen uns«, schluchzte er, »und wenn wir sie totschlagen, so ist's nicht unsere Schuld!«

Bei dieser Stimmung hätte der Zusammenstoß mit der Staatsgewalt leicht schlimm enden können. Wenn es anders kam, so war dies nicht das Verdienst der Ingenieure – es waren Engländer und Deutsche, die nicht recht verstanden, was der Haufe, der da heranzog, ihnen zubrüllte –, sondern des Bezirksrichters von Halicz, Jan Willczuk. Er war selbst Ruthene, und wenn er sich auch mit Haut und Haar polonisiert hatte, so kannte er doch seine Stammesgenossen und wußte sie zu behandeln. Ruhig ging er ihnen entgegen und fragte: »Was wollt ihr? Aber einer soll reden!«

Sie schrien deshalb doch zunächst alle wild durcheinander, da er jedoch fortfuhr, sie mit gekreuzten Armen und lächelnd zu messen, so wurden sie unwillkürlich stiller und schoben endlich den Richter vor. »Gnädigster«, schluchzte Harasim, »es ist wegen der Gulden – der Gründe wollte ich sagen. Ist denn unser Boden für das eiserne Pferd nicht ebenso gut wie der des Polen?«

»Besser«, erwiderte der Beamte treuherzig. »Es ist Ackerboden; wir nehmen wo möglich Heideland, das sonst zu nichts taugt. Für den Preis, den wir bezahlen, können wir guten Boden nicht fordern. Seht doch selbst, wie der Weg jetzt gelegt ist!« Sie folgten der Richtung seiner Hand und sahen sich verblüfft an; in der Tat war es großenteils unfruchtbarer Boden, wo die Pfähle steckten. Nur einer, der dicke Onufrij, schmunzelte schlau vor sich hin. »Verzeih, Gnädigster«, sagte er, »mich geht's ja auch nichts an, aber wenn es schlechter Boden sein muß, den hätten wir Bauern auch!« – »Natürlich«, fielen einige ein, »so schlechten Boden, als Ihr wollt! Warum wird er nur dem Polen abgekauft?!«

Der Beamte wechselte die Farbe; das war ein kritischer Augenblick. So versuchte er es mit einem Scherzwort. »Aber so bedenkt doch, ihr Leute«, sagte er, »das eiserne Pferd kann nicht hin und her taumeln wie einer von uns braven Ruthenen, wenn er seinen Durst gestillt hat. Ihm muß der Weg hübsch vorsichtig ausgesteckt werden. Die Herren hier« – er deutete auf die Ingenieure – »waren schon vor einigen Monaten in dieser Gegend, und dann haben sie auf der Karte den Strich gezogen, und nun sind wir da, den Weg abzustecken und die Ablösungen vorzunehmen. Nämlich – weil es eilt . . .«

Das war abermals nicht gut. »Spare deine Worte«, unterbrach ihn Onufrij mit spöttischem Lächeln. »Wäre die Sache wirklich mit Überlegung gemacht, so hätten die Herren sich erkundigt, wo die Schmiede liegt – verstehst du, Gnädigster?! – wo die liegt!«

»Warum?« fragte der Beamte.

»Aber wer anders kann hier im Dorfe das eiserne Pferd ausbessern als ich!« rief der Schmied.

»Hahaha!« brach Herr Willczuk los, und die Diener der Kommission stimmten ein. Das klang so laut und herzlich, daß die Bauern zunächst verblüfft dreinsahen und dann verlegen mitlächelten.

»O du Weiser!« rief der Richter endlich und wischte sich die Tränen aus den Augen, »auf dich haben wir gebaut! . . . Das eiserne Pferd kann ja hundert Meilen laufen, ohne anzuhalten, und bleibt gesund und bei Atem, denn es ist von Eisen, Onufrij! Verstehst du, von Eisen!«

Und wieder lachte er schallend los, denn er fühlte, wieviel es auf diesen Augenblick ankam. In der Tat stimmten nun die Bauern ein, und der Beamte benutzte die gute Stimmung. »Leute!« rief er treuherzig, »ein Ruthene belügt den andern nicht! Ich schwöre euch, der Weg ist nur aus dem Grunde so und nicht anders bestimmt, damit das Pferd rasch und sicher durch euer Dorf rennen kann. Denn läuft es langsam, dann stinkt es wie die Pest, und purzelt es um, so bleibt auf drei Meilen im Umkreis kein Stein auf dem anderen! Aber ebenso schwöre ich euch: es werden heute auch Grundstücke eingelöst, die Bauern gehören!«

»Welche denn?« fragten die Leute, nicht mehr mißtrauisch, nur noch neugierig.

Der Beamte zog eine pfiffige Miene. »Unerwartete Freude ist doppelte Freude«, sagte er. »Bleibt doch hier, Gevattern, und seht uns zu!«

Das taten die Bauern eine Weile, aber da es auf der Heide nichts zu trinken gab, so zog einer nach dem andern ab und zur Schenke; als die Herren zum Mittagessen in den Gutshof gingen, folgten auch die Hartnäckigsten ihren Genossen, und als die Kommission die Arbeit wieder aufnahm, war sie wieder so ungestört, wie sie es irgend wünschen konnte. Als die Herren am Nachmittag, gegen die vierte Stunde, einen der Bauern wirklich brauchten, mußten sie ihn erst durch die Gerichtsdiener holen lassen und hatten lange zu warten, bis er vor ihnen erschien. Das war nicht seine Schuld, der gute Szymko Mroza wollte gern kommen, die Gulden des Kaisers einzustreichen, nur trugen ihn seine Füße nicht mehr. Die Diener mußten ihn vor die Kommission schleppen; wer noch gehen konnte, gab ihm das Geleite.

Aber die Neugierde sollte geringe Befriedigung finden. Der Bezirksrichter fragte den Trunkenen, ob er einen Streifen seines Ackers für die Eisenbahn abtreten wolle. »Ja!« grölte der Szymko, »aber die Gulden . . .« – »Natürlich«, war die Antwort, »aber wieviel?!« – »Hundert Gulden die Quadratklafter«, war die Antwort, »oder zehn – oder tausend –.« Er wußte nicht mehr, was vorher beschlossen worden. – »Schön«, war die Antwort, »Ihr sagt uns in den nächsten Tagen Euren Preis. Und werden wir nicht einig, so sollen Schiedsrichter entscheiden!« Und die Pflöcke wurden über den Acker des Szymko gesetzt, gegen den Obstgarten des Janko zu.

Die wenigen Zuschauer, die noch ihrer Sinne mächtig waren, sahen dies mit Groll und Neid. Dem »Geizkragen«, dem »Duckmäuser«, dem »häßlichen Tölpel« gönnten sie das Glück, »ein Geschäft mit dem Herrn Kaiser zu machen«, fast noch weniger als dem Polen. Hohnlachend vernahmen sie, wie der Beamte den Auftrag gab, nun den Janko Wygoda aus der Schenke zu holen. »Der Lump ist ja gar nicht dort«, riefen sie, »sondern auf seinem Acker.«

Der Beamte befahl, ihn von dorther zu holen. »Ihr könnt ihm sagen«, rief er den Gerichtsdienern nach, »welches Glück seiner harrt, nur muß er sich sputen.« Aber es währte lange, bis sie wiederkamen, und den Janko brachten sie nicht mit. »Gnädigster«, berichteten sie, »das ist wirklich ein Tölpel! ›Ich komme nicht‹, sagt er. ›Mich‹, sagt er, ›geht euer eisernes Pferd nichts an und euch mein Garten nichts!‹ Und wie wir ihm darauf zuzureden beginnen, jagt er uns davon.«

Der Beamte war erstaunt; der Fall, daß jemand die Gulden des Kaisers nicht haben mochte, war ihm noch nicht vorgekommen. »Ich lasse ihm befehlen herzukommen«, gebot er dann. »Ist er nicht zur Stelle, so stecken wir den Weg ohne ihn ab.« Diesmal kehrten die Gerichtsboten rasch zurück. »Gnädigster«, berichteten sie, »das ist ja ein wildes Tier. Er ist totenblaß geworden, wie wir ihm deinen Befehl ausgerichtet haben, und hat vor Wut gezittert. Dann ist er zwar hinter uns hergegangen, aber in seine Hütte, offenbar um sein Gewehr zu holen . . . Wir müssen uns vorsehen . . .«

Die Bauern drängten neugierig heran. »Er hat ja gar kein Gewehr«, trösteten sie. »Und wenn der Duckmäuser wirklich Streit anfangen will, so prügeln wir ihn mit Vergnügen durch.«

Seine Nachbarn hatten recht, ein Gewehr hatte der Janko nicht. Aber sein Beil, das hatte er geholt und eilte nun an das Türchen, das aus seinem umzäunten Obstgarten auf den Acker des Mroza führte. Dicht vor demselben hantierten eben die Ingenieure und ihre Gehilfen. Als sie den todblassen Mann mit der Hacke in der Hand erblickten, wichen sie zurück. Der Janko sah übel aus; der furchtbare Auftritt von gestern hatte ihn jählings verwüstet; in dem verfallenen Gesicht loderten die Augen in unsteter Glut.

Auch dem Beamten ward es unbehaglich, dennoch trat er sofort pflichtgemäß vor. »Seid Ihr der Janko Wygoda?« fragte er. »Durch Euren Garten muß die Eisenbahn geführt werden.«

»Nein«, erwiderte der Bauer schroff und finster, »da wird sie nicht hindurchgeführt. Sucht Euch einen anderen Weg.«

»Das können wir nicht«, erwiderte der Beamte. »Nennt Euren Preis, es soll nicht Euer Schade sein.«

»Ich verkaufe nicht«, war die Antwort. Sein Gesicht wurde noch fahler. »Ich hab's geschworen – dies und noch etwas«, fügte er murmelnd hinzu. »Und ich halte meinen Schwur!«

»Unsinn«, sagte der Beamte ungeduldig, bezwang sich aber wieder. »Nehmt Vernunft an; ich stehe hier in des Herrn Kaisers Namen und sage Euch: wir brauchen den Grund und nehmen ihn, auch gegen Euren Willen!«

»Ja, ja! du Duckmäuser«, riefen die Bauern. »Gehorche, sonst prügeln wir dich durch!«

»Versucht's!« erwiderte der Janko, stellte sich an einen Baum am Türchen so, daß er im Rücken gedeckt war, und hob das Beil. Der Bezirksrichter bezwang den aufsteigenden Zorn. Er flüsterte einem der Diener einen Befehl zu und rief dann die Bauern barsch an, den Mann nicht zu reizen. »Ihr müßt doch einsehen«, wandte er sich nun wieder in den sanftesten Tönen an den Janko, »daß ich nicht anders kann. Versteht doch nur recht, um was es sich handelt. Die Eisenbahn ist für alle Menschen von Vorteil.«

Und er begann eine lange Rede über den Nutzen der Eisenbahn. Inzwischen aber hatten sich die Gerichtsdiener seinem Befehl gemäß ums Haus herum in den Garten und an den Janko herangeschlichen, ihn zu entwaffnen.

»Und dann, wenn Ihr zum Beispiel nach Lemberg wollt«, sagte der Beamte, »früher drei Tage – jetzt sechs Stunden –«

Das Wort stockte ihm; er schrie entsetzt auf. Der Janko hatte die Heranschleichenden nicht gewahrt, bis sie dicht hinter ihm standen. Da aber wandte er sich um, und im nächsten Augenblick wälzte sich einer der Diener in seinem Blute am Boden. Der Wütende hatte ihm mit dem Beil aufs Haupt geschlagen. »Kommt nur!« schrie er außer sich. »Lebend betritt niemand meinen Garten!«

Einen Augenblick standen alle starr. Aber im nächsten hatten sich zwanzig Leute zugleich auf den einen gestürzt, Bauern, Gerichtsdiener, die Gehilfen der Ingenieure. Eine Minute später lag er geknebelt am Boden, und sie traten auf ihm herum. Vielleicht wäre in dieser Stunde noch ein anderes und schwereres Verbrechen geschehen. Aber der Beamte warf sich dazwischen. »Zurück!« befahl er. »Der Totschläger gehört dem Gericht!«


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