Karl Emil Franzos
Leib Weihnachtskuchen und sein Kind
Karl Emil Franzos

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VII

Um die Mittagsstunde fand sich der vierte Besuch ein, dieser freilich nicht unerwartet. Seit das Ehepaar in der Schenke von Winkowce hauste, kam auch die lange Kasia Freitagmittag aus Halicz herüber und blieb bis Sonntagmorgen bei ihnen. Denn sie war ihre Schabbesgoje, das heißt: die christliche Dienerin, die alle Verrichtungen im Hause besorgte, die ihnen ihr Glaube am Festtag verbot, namentlich die Lichter zu löschen, die Gäste zu bedienen, Geld zu empfangen oder auszugeben. Für manches dürftige Christenweib im Osten bedeutet ein solcher armseliger Posten den einzigen Lichtpunkt in einem Leben voll unsäglichen Elends; ob sie die Woche über noch so viel hungern und frieren mag, am Sabbat wird sie satt und hat's behaglich warm, denn da ist jede Judenstube geheizt und der Tisch darin gedeckt, und wenn sich's die Leute die Woche über vom Munde abdarben oder am Freitag pfennigweise zusammenbetteln müssen. Darum sind alle Versuche einzelner Priester und Beamten, dem Juden die Goje zu verbieten, fruchtlos geblieben; er braucht sie, und sie braucht ihn; um jede solche Stelle, und sei's selbst bei dem Ärmsten, ist ein eifriger Wettbewerb, zudem ja auch der Dienst leicht und die Behandlung gut ist. Streitigkeiten sind äußerst selten, das Verhältnis zwischen Herrin und Dienerin oft genug ein menschlich schönes, trotz des ungeheuren Gegensatzes aller Anschauungen, trotz der Überzeugung beider, daß die andere eigentlich der geringere Mensch sei, schon weil sie keinen richtigen Glauben habe. Die Goje gehört trotzdem zur Familie und fühlt sich so, lernt auch allmählich die Gebräuche, sogar die Sprache ihrer Herrschaft.

Auch die lange Kasia nahm es, was Treue und – Verjudung betraf, mit jeder Standesgenossin in Podolien auf. Eine schier unabsehbare Reihe von Freitagen war seit jenem ersten vergangen, wo einst die noch blühende Chane aus einer ganzen Schar von Bewerberinnen gerade die junge Wäscherin zum Dienste im Hause Weihnachtskuchen erkoren. Es war geschehen, weil ihr das hagere, überlange Geschöpf mit dem häßlichen, eckigen Gesicht gar so leid tat; alle hatten's nötig, aber die am meisten. Eine Wäscherin – das ist ja ein Geschäft, dessen Gedeihen überall auch von den landesüblichen Reinlichkeitsbegriffen abhängt, und darum ist es in Podolien die sichere Anwartschaft auf viel Muße und noch mehr Hunger. Chane wußte, was sie tat, daß sie gerade die Wäscherin von Halicz erwählte, und hatte dies auch nie zu bereuen. Die Kasia erwies sich als anstellig und wußte sogar an dem Tage, wo sie allein in der Schenkstube waltete, Gäste anzulocken, die sich sonst nicht eingefunden hätten. Das aber geschah wahrlich nicht durch den Zauber ihrer äußeren Erscheinung, sondern den ihres Geistes; die Klatschmäuler von Winkowce freuten sich, von ihr zu erfahren, was die Woche über in Halicz geschehen, und dies um so mehr, als sie in dieser Tätigkeit während des Sabbats den entgegengesetzten Effekt von dem verfolgte, dem ihre Arbeit während der Woche gewidmet war; die Ereignisse von Halicz wurden unter ihren Händen nicht reinlicher und nahmen sozusagen Farbe an . . .

Wenn sich am Freitag der Schatten der Sonnenuhr an der Kirche von Winkowce der Ziffer XII nahte, bedurften die Bauern dieses Zeichens nicht, um zu wissen, daß es auf Mittag gehe; womöglich noch sicherer nahte die Kasia in hastigem Stolperschritt, den Oberkörper vorgeneigt und die langen Arme schlenkernd, dem Wirtshaus. Diesmal ging sie noch eiliger, ja sie lief förmlich, so daß das zerschlissene gelbe Umhängetuch wie eine Fahne um die spitzen Schultern wehte. »Welches Glück!« murmelte sie immer wieder. »Kein Naden, im Gegenteil, sie bekommen noch was bezahlt! Oh, wenn ich sie nur schon unter der Chuppe sähe! Und dann ziehen sie nach Halicz, und ich kann täglich kommen, und für jeden Schabbes richten wir einen Scholent, so fett, daß ganz Halicz vor Neid bersten soll!« – Naden heißt Mitgift; Chuppe der Trauhimmel, die durch vier Stangen getragene Decke, unter der die Trauungen im Ghetto vollzogen werden, und Scholent das Sabbatgericht; alle drei sind hebräische Worte, aber dieser richtigen Schabbesgoje waren sie natürlich ebenso geläufig wie unzählige andere, so daß ihr Ruthenisch allmählich ihrem Kittel glich; auf der blauen Leinwand saßen unzählige fremde Flicken.

Endlich war das Haus erreicht; sie riß die Türe zur Küche auf. »Maseltow!« stammelte sie atemlos. »Welches Glück! Und wenn Gott will, so kann sie ja schon in drei Monaten wieder Witwe sein!«

Chane erschrak tödlich und blinzelte dann angstvoll in den Hof, wo das Mädchen eben das Geschirr für den Sabbat wusch; gottlob, es hatte nichts gehört.

»Schweig!« – sagte sie dann halblaut und trat auf Kasia zu. »Keine Silbe mehr – verstehst du?«

Die Kasia blickte die Herrin verblüfft an und nach dem Hofe hin. Dann aber glomm es in den stumpfen Zügen auf. »Sie weiß noch nichts?« fragte sie flüsternd. »Aber warum nicht?«

»Weil wir selbst nichts wissen«, erwiderte Chane barsch. »Weil die Leut in Halicz Unsinn reden!«

Die Wäscherin sank ganz vernichtet auf den nächsten Stuhl. »Und ich hab mich schon so gefreut!« jammerte sie. Es war also nichts mit dem besseren Leben, und der Scholent blieb mager wie bisher und mußte in Winkowce gegessen werden, und sogar mit der schönen Neuigkeit, die sich so saftig bereden ließ, war es nichts. Und das war eigentlich das fürchterlichste, wenigstens für diesen Augenblick. Aber warum sollte es auch damit nichts sein? . . . »Dann sollte man ihr doch wenigstens sagen, was die Leute schwatzen«, rief sie und schnellte wieder auf.

»Keine Silbe!« befahl Chane und drückte sie auf den Stuhl nieder.

»Aber warum denn nicht?!« jammerte die Kasia. »Die Leute sagen: ›Der Alte ist ganz toll nach ihr und läßt darum den Sohn gleich heiraten, und in vierzehn Tagen ist die Hochzeit!‹ Das muß sie ja freuen, auch wenn's nicht wahr ist! Jedes Mädchen . . . Aber ist's denn nicht wahr?!« unterbrach sie sich plötzlich. »Wieviel ein Mensch lügen kann, weiß ich ja«, fuhr sie selbstbewußt fort, und in der Tat, das wußte die Kasia ganz genau, »aber alles erfinden! . . . Und wozu war denn der rote Meyerl eben hier?! Ich bin ihm ja begegnet!«

Chane dachte nach. Dieser Klatschbase die Wahrheit zu sagen war unmöglich; sie mußte glauben, daß das Gerücht gelogen. Aber wie verhindern, daß sie überhaupt davon sprach?!

Endlich glaubte sie, das rechte Mittel gefunden zu haben. »Höre, Kasia«, sagte sie eindringlich, »es ist wirklich nichts daran wahr, und Meyerl war nicht bei uns. Das Gerücht hat ein Schenkwirt ausgesprengt, der die Pacht hier haben möchte. Du weißt, Paterski will uns kündigen, aber wir verhandeln mit ihm; der Mensch verbreitet die Lüge, damit auch Paterski von dem reichen Eidam hört und uns Bedingungen macht, die wir nicht eingehen können. Und Miriam darf es auch nicht wissen, denn sie ist noch ein Kind und soll an solche Dinge gar nicht denken . . . Redest du also darüber, so bringst du dich und uns ums Brot!«

»Um Himmels willen!« rief die Kasia und bekreuzigte sich. »Ich will schweigen, wie das Grab eines neugeborenen Kindes!«

Und sie wollte es auch halten, wenn nur das Schweigen, ach!, nicht so schwer gewesen wäre! Oder wenn sie noch eine andere große, schöne Neuigkeit mitgebracht hätte. Aber gerade in dieser Woche hatte sich in Halicz nichts zugetragen, als daß der blödsinnige Sohn von Reb Srulze Dubs wieder einmal einem Mädchen nachgestellt und furchtbare Prügel dafür bekommen – und das kam oft vor – und daß der Schneider Boguslawski sich in der Trunkenheit den Fuß verstaucht hatte, und das war auch nicht aufregend. Ferner kam am Dienstag die Kommission nach Winkowce, um den Weg für das »eiserne Pferd« abzustecken, aber das interessierte die Miriam nicht, und neben der arbeitete sie ja nun in der Küche, und wenn man neben jemand arbeitet, so muß man doch mit ihm reden können! Und so erfuhr denn Miriam zwei Stunden später, daß die Leute in Halicz etwas über sie redeten.

»Über mich?!« fragte sie neugierig. »Was denn?«

»Kann ich dir nicht sagen. Ich hab's deiner Mutter geschworen!«

»Meiner Mutter?! . . . Sie weiß es also? Aber was kann es nur sein?!«

»Nun, was werden die Leute über ein junges Mädel schwatzen! . . .«

Die Miriam blickte sie erstaunt an, dann wurde sie dunkelrot und – lachte so laut und schmetternd drauflos, daß die Kasia zusammenfuhr und schuldbewußt nach der Kammer blickte, wo Chane eben die Kerzen in die Sabbatleuchter steckte.

»Eine Liebschaft?!« rief sie, als sie endlich reden konnte. »Aber ich bin ja eine Jüdin! . . . Oder daß ich heiraten soll? Aber dazu bin ich ja noch zu jung . . . Hahaha!«

Diesmal ließ Chane ihre Arbeit und kam in die Küche. »Worüber lachst du so?« fragte sie argwöhnisch.

»Nichts«, erwiderte die Kasia ängstlich und streckte abwehrend die langen Arme vor. »So ein dummes Ding!« Aber das Mädchen berichtete es.

»Das hab ich nicht gesagt . . .«, stammelte die Magd. »Miriam, bleib bei der Wahrheit! . . . Ich habe nur gesagt, die Leute schwatzen . . . Frau, es ist nicht meine Schuld, daß sie es erraten hat . . . Und was verschlägt's auch, wenn sie es weiß?! Sie schadet Euch beim Paterski nicht! . . . Und es ist ja alles Lüge, sagt Ihr . . .«

In Chane kochte der Zorn, aber sie bezwang sich; die Klugheit gebot, die Sache so leicht als möglich zu nehmen.

»Schwätzerin«, sagte sie leichthin. »Die Leut reden nämlich, du hast einen reichen Freier!«

»Ich?!« lachte Miriam. »Und nun gar einen reichen?!« Und sie lachte, lachte, daß sich die rotgoldenen Zöpfe zu lösen drohten.

»Nun ja, Unsinn!« sagte die Mutter. »Aber da zeigt sich wieder die Bosheit der Menschen.« Und sie suchte ihr auch weiszumachen, wer die Lüge unter die Leute gebracht und zu welchem Zweck.

Dann aber wandte sie sich an die Dienerin. »Und nun wirst du es den Bauern sagen?« fragte sie verächtlich. »Damit es Paterski gewiß bald erfährt?!«

Die Kasia schluchzte. »Ich werde schweigen«, beteuerte sie. »Schweigen, wie das Grab eines . . .«, Sie stockte; es fiel ihr nichts Rechtes bei, nachdem sich sogar das neugeborne Kind als schwatzhaft erwiesen hatte. »Schweigen, wie ein Friedhof!« schloß sie endlich unter strömenden Tränen.

Die Miriam aber war während des Gesprächs sehr ernst geworden und blickte nun in so tiefem Sinnen vor sich nieder, daß sie die Arbeit ruhen ließ . . .

»Was hast du?« fragte Chane scharf.

Sie fuhr zusammen. »Es ist nur . . . ich meine . . . aber es ist gewiß nicht so . . . Nämlich, glaubst du, daß der Janko auch davon gehört hat . . . und deshalb nicht kommt?!«

Chane wurde verlegen, dann aber, als sie der Tochter ins Antlitz blickte und darauf einen Zug seltsamer Befangenheit, ja Bewegung gewahrte, erschrak sie heftig. Ein furchtbarer Gedanke, der ihr nie vorher gekommen, stieg in ihr auf und ließ ihr Herz stillestehen. Sie mußte alle Kraft zusammennehmen, ehe sie fragen konnte: »Wie kommst du darauf?«

Das Mädchen errötete unter ihrem prüfenden Blick, daß die Glut auch Stirn und Nacken überzog. »Ich weiß nicht . . .«, murmelte sie. »Es ist ja auch Unsinn«, fuhr sie mit festerer Stimme fort, »warum sollte er deshalb . . .'s ist nur«, schloß sie, »weil ich gar nicht weiß, warum er plötzlich ausbleibt.«

Chane hatte sich gefaßt. »Warum? Wenn du es wissen willst, brauchst du mich doch nur zu fragen, es ist kein Geheimnis. Du weißt doch, warum Paterski mit deinem Vater böse ist? Dieses häßlichen Tölpels wegen! Aber wir können doch seinetwegen nicht ums Brot kommen und haben daher mit dem Polen wieder angeknüpft. Das weißt du ja auch, oder warst du nicht dabei, wie sein Großknecht, der Martin, gestern hier war? Nun also, bis der neue Vertrag geschlossen ist, paßt es uns nicht, daß der Janko herkommt. Wir müssen den Polen bei guter Laune erhalten – verstehst du?«

»Ja«, sagte das Mädchen zögernd und seufzte unwillkürlich auf.

»Warum seufzt du?« fragte Chane scharf und wiederholte die Worte fast schreiend, als das Mädchen nicht sofort erwiderte. Der furchtbare Gedanke, der ihr vorhin gekommen, übermannte sie wieder, daß sie alle Selbstbeherrschung verlor.

»So fahr mich doch nicht gleich so an!« erwiderte das Mädchen weinerlich. »Ich weiß, du kannst ihn nicht leiden, aber ich – ich hab ihn gern. Der arme Kerl hat ja sonst keinen Menschen im Dorf . . . Es wird ihm gewiß sehr hart sein, daß er nun auch nicht mehr zu uns kommen darf . . . Und da tut er mir eben leid . . .«

Chane atmete auf. Es war der Ton kindlichen Schmollens, mit dem sich das Mädchen stets gegen ungerechte Schelte zur Wehr setzte. Und wie sie so, unsicher nach der Mutter hinschielend, mit abwärts gezogenen Mundwinkeln dastand, glich sie auch ganz einem Kinde . . . Nein, gottlob, das Furchtbare, vor dem die Frau zitterte, lag diesem unschuldigen Herzen fern, himmelfern . . .

»Und wir täten dir nicht leid, wenn uns Paterski wegjagen würde?!« fragte sie. »Übrigens – sobald wir mit dem Polen einen neuen Vertrag geschlossen haben, kann ja der Tölpel wieder kommen . . . Meinetwegen, aber wie ich über diese Freundschaft denke, weißt du ja . . .«

Sie hielt es für gut, damit das Gespräch zu beenden, und verließ die Küche.

Nachdem Chane gegangen war, blieb es eine Weile still. Die Kasia tat, als ob sie ein Schluchzen mit aller Kraft unterdrücke, und weil sie sich viel Mühe damit gab, so tat ihr das gutmütige Mädchen endlich den Gefallen und fragte: »Was hast du nur?!«

»Was ich habe?!« stöhnte die Wäscherin, freilich zunächst noch, trotz heftigen Zwinkerns, mit trockenen Augen. »Zuerst quälst du das Geheimnis aus mir heraus . . . und dann stellst du mich als Schwätzerin hin . . . Ich eine Schwätzerin . . . oh!«

Und nun hatte sie endlich wahrhaftig Tränen in den Augen.

»Wenn's nichts weiter ist«, sagte das Mädchen lachend. »An dies Unrecht könntest du gewöhnt sein!«

»Ich bin aber keine Schwätzerin!« rief die Kasia. »In wichtigen Sachen kann ich schweigen, wie – wie –« Aber nun fiel ihr kein Vergleich mehr ein, der einen so hohen Grad von Verschwiegenheit würdig verbildlicht hätte, und darum erstarb der Schluß des Satzes in heftigem Schluchzen.

»Aber wie hätte ich wissen sollen, daß du es nicht erfahren darfst?« fuhr sie dann mit merkwürdig rasch gewonnener Fassung und ohne alles Zittern der Stimme fort. »Warum hat mir deine Mutter den wahren Grund verschwiegen?! Jetzt weiß ich ihn!«

Und sie hielt mit triumphierendem Lächeln die Blechschüssel, in der die Weißfische für den Abend angerichtet werden sollten, ans Licht, ob sich noch irgendwo ein Fleckchen finde, und zwinkerte dabei das Mädchen von der Seite an.

»Was meinst du damit?« fragte Miriam.

»Oh, das sag ich nicht! . . . Du sollst erfahren, daß die Schwätzerin auch schweigen kann . . . Ich aber rede nur, was ich verantworten kann . . . Wenn man mich zu täuschen sucht, so kann ich nichts dafür, wenn ich Unheil anrichte . . . Und hier« – sie begann wieder zu schluchzen, und die Lider gingen blitzschnell auf und nieder – »ist ja auch das Unheil hoffentlich nicht gar zu groß. Du bist klug, du wirst dich fassen . . .«

Miriam stand starr vor Staunen. »Fassen? – worüber?!«

»Verstellst du dich auch, wie deine Mutter?« stieß die Magd schmerzvoll hervor. »Warum wollt ihr mir verbergen, was vorgeht, zuerst sie, dann du?! . . . Ihr kann ich es noch verzeihen – da war wirklich eine Gefahr –, aber du, warum mißtraust du mir?! Du hast doch sonst niemand, mit dem du darüber reden kannst! . . . Ist das der Lohn für meine Treue?!« Die Worte sprudelten immer hastiger hervor. »Wer hat dich einst immer beschützt, wer mit dir gespielt? Ich habe dich auf den Händen getragen, ehe du noch geboren warst!«

Miriam lachte laut auf. »Das doch nicht!« rief sie. »Aber es ist ebenso vernünftig wie alles andere, was du heute redest. Was meinst du eigentlich?«

»Was ich meine?!« rief Kasia und stemmte die Arme in die Hüften. »Daß du mit dem alten Juden verlobt bist, ohne es zu wissen! Daß es dir deine Eltern verschweigen, weil sie wissen, daß dir der Janko lieb ist, und daß du darum den Alten nicht wirst nehmen wollen! Das meine ich! . . . Aber du wirst es deshalb doch tun«, fuhr sie plötzlich flehenden Tones fort, »obwohl ich es dir leider ohne meine Schuld verraten habe . . . Ohne meine Schuld, denn wie hätt ich so was ahnen sollen? Erst wie du vorhin so rot geworden bist, hab ich's erkannt! . . . Du wirst den alten David heiraten, denn er lebt ja keine drei Monate mehr, und dann bist du eine junge, reiche Witwe und kannst dein Leben genießen . . . Und was willst du mit dem Janko? Er ist ja wirklich ein häßlicher Tölpel! . . . Ich bitte dich, Miriam«, schloß sie und hob beschwörend die Hände empor, und die Tränen, die ihr nun die kleinen, gelblichen Augen füllten, brauchte sie nicht erst mühsam emporzupumpen, »nimm den alten Juden – denn sonst jagt mich ja deine Mutter davon!«

Das junge Mädchen ließ den Wortschwall stumm über sich ergehen; die Augen wurden immer starrer vor Staunen und die Glut der Wangen immer flammender, aber sie regte sich nicht. Dann aber warf sie plötzlich die Arme in die Luft und begann zu lachen – zu lachen; jedes Grübchen im runden Gesicht und die Augen und jedes Härchen und jeder Muskel am jungen kraftstrotzenden Körper lachte mit. Das währte minutenlang; immer von neuem brachen die hellen, rollenden Laute, wie das Girren einer Taube, aus ihrer Kehle, bis ihr die hellen Tränen über die Wangen liefen. Und das erste Wort, das sie fand, war: »Kasia! Du bist zu dumm!«

»Dumm? . . . Ich? . . . Was meine Augen gesehen haben, lasse ich mir nicht abstreiten . . . Du wirst rot, sooft man den Janko nur nennt!«

»Dann müßt ich alle Tag vom Morgen bis zum Abend aussehen wie ein gesottener Krebs«, erwiderte sie lustig. »Nein! Ich habe die ›Liebe‹ zum Janko nicht, wie ihr sagt. Gern hab ich ihn und bin an ihn gewöhnt – das ist alles! Zu solchen Sachen bin ich noch zu jung, hab ich dir schon gesagt – und dann, eine Jüdin bekommt die Liebe niemals, niemals, Kasia, merk dir das . . . Und was du von dem Alten sagst, ist auch Unsinn – wer soll's denn sein?«

Kasia nannte den Namen.

Wieder schrie Miriam hell auf. »Der! Ich könnt ja seine Urenkelin sein!« Und abermals lachte und lachte sie, daß sie sich auf einen Stuhl werfen mußte, weil ihr der Atem stockte.

Die Magd hatte sich gekränkt abgewendet.

»Lache nur«, murmelte sie, »mich täuscht niemand . . . Und ich bring's noch aus euch heraus, ich bring's heraus!«

Zur selben Stunde, wo sein blühendes Kind so fröhlich war, mußte der Kleine wieder einmal einen schweren Augenblick durchleben. Als er am Gutshof vorüberging, trat eben der Janko heraus. Der Jude wollte mit kurzem Gruß vorbei – die Sonne sank, bald sollte der Sabbat einziehen, und was hatten sie auch noch einander zu sagen! – aber der Bauer hielt ihn an.

»Höre, Leibko«, sagte er, »ist der Pole plötzlich verrückt geworden?! Läßt mich heut mittags durch seinen Martin bitten, zu ihm zu kommen: er hätt was Wichtiges für mich. Ich will anfangs nicht, aber der Mann sagt: ›Stoße dein Glück nicht hinweg!‹ und: ›Wenn du nicht kommst, so muß ich's büßen!‹, und so geh ich hin. Zwei Stunden hat er mich gequält und mir immer von neuem Banknoten auf den Tisch hingezählt – hundert oder zweihundert oder fünfhundert Gulden – was weiß ich?! Ich hab gar nicht hingesehen, sondern nur immer nein gesagt. Nämlich – meinen Obstgarten will er plötzlich haben. Verrückt, was?!«

»Fünfhundert Gulden?« fragte der Jude staunend. »Dann hättest du am Ende . . .«

»Nein!« sagte der Bauer trotzig, und in den düsteren Augen lohte es unheimlich auf. »Keine Scholle von meinem Boden soll einem anderen gehören und kein Haar von meinem Mädchen!«

Leib wandte sich ab.

»Dasselbe Bette oder dasselbe Grab!« sagte der Bauer dumpf. »Ich sag's dir nochmals, es soll nicht meine Schuld sein, wenn du nicht dran glaubst.« Und er ging raschen Schrittes davon.

In der Haltung, an die ihn sein ganzes Dasein und nun gar diese letzten, bewegtesten Tage seines Lebens gewöhnt, tief gesenkten Hauptes, schlich Leib heim.

Die Schenkstube war dunkel und leer, wie alle solche Stuben in der Dämmerstunde des Freitags, soweit jüdische Schenkwirte hausen und slawische Bauern Geld und Kraft im Schnaps vergeuden. Sechs Tage der Woche ist der Jude für den Bauer da und von Gott dazu geschaffen, damit der Bauer jemand habe, an dem er seinen Witz üben und seinen Spaß haben kann, aber von Freitag abend bis in die Dämmerstunde des Sonnabends hinein gehört der Jude – nicht etwa sich selbst, das würde der Bauer nie begreifen, geschweige denn respektieren – aber seinem Gotte. Und darum darf man ihn nicht für sich in Anspruch nehmen. Am Sabbat kann die Goje den Gast bedienen; aber bei Eingang des Ruhetages braucht sie der Jude zur Betreuung der Lichter und für ähnliche Verrichtungen, und darum betritt kein Bauer um diese Stunde eine Schenke, selbst der durstigste und roheste nicht. Es ist ja nach seiner Meinung wahrlich nicht der rechte Gott, dem diese Stunde geweiht ist, aber doch immerhin »auch ein Gott, der alte Herr Vater von unserem Herrgott« – und darum bleibt er weg. Und aus dem gleichen Grunde hütet sich der Bauer, in die erleuchtete Stube zu blicken, wenn die Hausmutter die Lichter segnet, und dann, wenn der Hausvater die Mahlzeit durch Gebete weiht. Denn er fürchtet, daß er dann vielleicht darüber lachen müßte, und das will er nicht: man darf es auch mit dem »alten Herrn« nicht verderben . . .

Wenn der Kleine sonst um diese Stunde sich durch das halbdunkle Schenkzimmer durchgetastet und die Türe des hell erleuchteten Wohnstübchens geöffnet, dann sank ihm bei dem Anblick von Weib und Kind, die ihr bestes Gewand angetan und ihn mit dem »Gut Sabbat« begrüßten, alle Last des Kummers von der Brust. Und kam er, noch ehe sie zur Stelle waren, dann übten die Talgkerzen in den beiden dreiarmigen Zinkleuchtern und das weiße Linnen auf dem Tische dieselbe Wirkung auf sein Gemüt. Anders diesmal. Er fand die beiden seiner harrend: Chane nickte ihm freundlich zu, und sein Kind eilte ihm liebreich entgegen, aber sein Herz blieb schwer. Mit umflorten Augen sah er zu, wie sein Weib die welken Hände über den Lichtern erhob und die uralten Segensworte darüber sprach, und als nun seine Tochter gebeugten Hauptes auf ihn zutrat, damit er sie segne, da zitterten ihm Herz und Hände, und während er mit der Rechten den geliebten Scheitel berührte, stürzten ihm die Tränen über die Wangen . . . Ach, war sein Segen stark genug, sie zu schützen?!

Erst als er zu beten begann, stillte sich wieder sein Gemüt . . . »Gott, du Allmächtiger, du Lebender und ewig Dauernder, du waltest über uns immerdar!« Je weiter er kam, desto mehr Kraft und Trost quoll ihm aus den liebvertrauten Worten, und mancher Satz, den er sonst nicht mehr beachtet als andere, gewann nun für ihn eine Bedeutung, als wäre er eigens für ihn geschrieben. »Laß mich demütig sein gegen alle und meine Seele deinen Geboten nachstreben. Zerstöre du den Anschlag derer, die Böses gegen mich sinnen und vereitle ihr Vorhaben! Der du Frieden stiftest in deinen Höhen, lasse walten deinen Frieden über uns! . . .« Er sprach die Worte noch einmal, und zum dritten Male; sie taten seiner geängstigten Seele so wohl . . . Gewiß, er nahm dies Kind in seine Hut! . . . Und als Miriam, nachdem er geschlossen, auf ihn zutrat und ihn zu Tische rief, da legte er ihr nochmals die Hand aufs Haupt, und diesmal zitterte diese Hand nicht mehr; sein Segen war nicht stark genug, aber sie stand in besserer Hut . . .


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