Karl Emil Franzos
Leib Weihnachtskuchen und sein Kind
Karl Emil Franzos

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III

Erhobenen Hauptes, raschen Schritts ging Leib davon, blickte auch nicht mehr um, als ihm Janko nachrief. Und so aufrecht hielt er sich noch lange, als ihn der Bauer nicht mehr sehen konnte; er machte sich nicht stärker, als er war; das Gefühl der sittlichen Überlegenheit durchströmte kraftvoll den armseligen Körper.

Aber dann sank das Köpfchen auf die Brust, und die Knie wankten so, daß er abermals am Straßenrain hinsitzen mußte. Nun zitterte er wieder vor dem »Tier«, und fast ebenso stark wie das Grauen war der Ekel ihn ihm. Auch wenn nichts geschah, schon daß der heiße, stickige Brodem solcher Begierde sein Kind anhauchte, war schlimm genug – und nun erst, wenn das Tier in seiner Raserei Schaden tat? . . . Mit jedem Atemzug wuchs seine Angst vor dem Unerhörten, dem Unfaßlichen und Unheimlichen, das ihn da plötzlich angetreten. Er brachte es nicht einmal zu einem rechten Zorn über solchen Undank, und vergeblich auch versuchte er sich zu fassen, zu beten; auf ihn, auf seine Miriam konnte er sich ja verlassen, aber seine Gedanken verwirrten sich immer wieder. Ich duld's nicht  . . . es gibt ein Unglück! – er hörte, fühlte nichts anderes als diesen heiseren, dumpfen Klang . . .

»Zu Mendele Schadchen!« stieß er dann plötzlich hervor, und der Druck auf seiner Brust linderte sich. Das war die Rettung; es mußte rasch, es mußte sofort geschehen. Und als wäre der Janko mit erhobener Keule hinter ihm her, rannte er nach Halicz und dann durch die armseligen Gäßchen des Fleckens. Endlich stand er vor dem Häuschen mit der blanken Blechtafel:

»Akentschaft für Vieh, Hagl, Menschen und Feir
von
Mendel Pulverblitz
Teutsch und Polisch Rat!
Feine Brüfe! Gute Agten!«

Die Vertretung verschiedener Versicherungsgesellschaften und die Winkelschreiberei waren die beiden offiziellen Beschäftigungen des Mendele; die dritte und einträglichste, nach der ihn seine Glaubensgenossen nannten (»Schadchen« ist ein Wort des jüdisch-deutschen Jargons und bedeutet: Heiratsvermittler), brauchte er nicht erst auf die Tafel zu setzen; er hatte ohnehin Zuspruch genug.

Das sollte auch Leib erfahren. Als er die erste Stube, eine Art Wartezimmer, betrat, musterte ihn die dicke Frau des Mendele, die da hinter einem mächtigen Tische saß und schrieb – sie führte die »Akentschaft« – hochmütigen Blicks und schien seine leise, demütige Frage nach ihrem Manne zu überhören. Dann fragte sie doch: »Wozu?«

»Wegen mein' Miriamchen.«

»So-o? Ich fürchte, da bemüht Ihr Euch umsonst! Solche Prinzen, wie Ihr nach Eurer Mitgift verlangen könnt, hat mein armer Mann nicht vorzuschlagen. Übrigens, wenn Ihr trotzdem mit ihm reden wollt, so kommt morgen!« In der Tat hatte Mendele offenbar Besuch; aus der anstoßenden Stube klang das Geräusch mehrerer Stimmen, die gleichzeitig durcheinanderschrien. »Vor Abend wird er nicht fertig«, schloß sie. »Drin wird eben eine Verlobung abgemacht.«

Es war gut, daß sie dies sagte, sonst hätte Leib eher eine Scheidung vermutet. Eine kreischende Frauenstimme zeterte: »Die Schand bringt mich unter die Erd! Noch fünfhundert Gulden müßt Ihr zulegen, sonst leid ich's nicht!« Worauf eine grobe Männerstimme wetterte: »Nicht einen Heller! Weil Euer Rüben so brav ist?! Aber wenn Ihr versprecht, noch vor der Hochzeit unter die Erd zu gehen, so leg ich hundert Gulden drauf!«

»Worauf wartet Ihr?« fragte die Dicke scharf, als sie Leib neugierig aufhorchen sah. Die Stimme der Frau hatte er sofort erkannt; es war eine übelbeleumdete Schneiderswitwe; auch ihr Sohn Rüben, ein Fuhrknecht, galt als wüst und roh. Aber was mußte das für ein Mädchen sein, wo diese Frau »noch fünfhundert Gulden« zu fordern wagte?!

»Ich frag heut nochmals an«, sagte Leib und schlich zur Tür hinaus.

»Uns kommt Ihr auch nächste Woch noch früh genug!« rief ihm die Frau nach. Er tat, als hörte er's nicht, obwohl es ihm bitter weh tat, gerade heute, wo all seine Hoffnung an dieser Stube haftete. Sonst wäre es ihm nicht nahegegangen; die Frau galt als böse und hochfahrend, und dann – an allzuviel gute Worte war Leib Weihnachtskuchen auch sonst nicht gewöhnt . . .

Trüb schlich er am Dnestrufer dahin und überlegte, ob er nun nicht doch heimgehen sollte. Aber da fiel ihm bei, daß er noch ein Geschäft hatte, bei dem dreißig Kreuzer zu verdienen waren: so viel hatte ihm Onufrij, der Schmied, zugesichert, wenn er ihm für einen der beiden Wechsel, die er ihm anvertraut, zwanzig Gulden mitbrachte. Beide Wechsel lauteten auf drei Monate, aber der eine auf fünfundzwanzig, der andere auf dreißig Gulden – hundert oder zweihundert Prozent jährlich, wie es Leib eben bekommen konnte; dem Onufrij war es im Grunde gleichgültig . . . Drei Monate! – auf so lange hinaus denkt kein podolischer Dorfschmied.

Aber Leib dachte daran; das gebot seine Geschäftsehre. »Natürlich«, sprach er nach seiner Gewohnheit halblaut vor sich hin, »muß ich beide fragen, den Kastanasiewicz und meinen Mosche.« Er meinte den Moses Erdkugel, dessen Schuldner er selbst war. Und wer's billiger macht, bekommt das Geschäft. Es war auch für den Onufrij nicht gleichgültig, mit wem er es zuerst versuchte; vom Armenier fühlte er sich unabhängig, vom Erdkugel nicht. Und so steuerte er zunächst dem Herrschaftshofe zu.

Der Pächter der Haliczer Herrschaft, Herr Stefan Kastanasiewicz, stand eben auf dem Hofe und feilschte mit einem Bauer um einen Ochsen. Ein stämmiger, alter Mann mit rohem, stumpfem, wie mit der Holzaxt gezimmertem Gesicht, aus dem nur die armenische Hakennase mächtig hervorsprang; einen zerschlissenen, einst schwarzen, nun grauen Kaputrock um den Leib, ein fettiges Mützchen auf dem weißen, buschigen Haar. Wer ihn so sah, wie er den Bauer abwechselnd anschrie und anflehte, zwischendurch den Ochsen kunstgerecht abknetete und dann weinerlich schwor, daß er nicht zehn Kreuzer mehr zulegen könne, hätte ihn sicherlich für einen Schlächtermeister gehalten. Aber das war er vor vierzig Jahren gewesen, noch früher Schweinehirt und Viehtreiber, jetzt war er Millionär und Mitbesitzer der Herrschaft; daß sie ihm bald ganz zufallen müsse, war nun schon entschieden. Seine Tochter hatte er in einem Krakauer adligen Fräuleininstitut erziehen lassen und sich einen herabgekommenen polnischen Grafen zum Schwiegersohn gekauft; der Sohn war gleichfalls Pole geworden, studierte in Lemberg und sollte einst das Gut übernehmen; der Alte trieb sein Wesen fort, wie er's gewohnt war.

»Nun, du Hundsblut«, herrschte er den Juden an, »kommst du mir wieder mit deinen Wuchersachen?! Wie oft habe ich dir gesagt: bleib mir damit vom Leibe, oder ich lasse dich mit meinen Hunden vom Hofe hetzen!«

Leib verzog keine Miene. »Bis Sie fertig sind, Herr von Kastanasiewicz«, sagte er.

Der Pächter pfiff nicht nach seinen Hunden, auch nicht nachdem der Handel mit dem Bauer geschlossen war. Da ging er auf seine Arbeitsstube und ließ die Tür hinter sich halb offen. Der Jude folgte ihm.

»Nun«, fragte der Armenier, »welche Lumperei mutest du mir heute wieder zu?!«

Leib zog den Wechsel über fünfundzwanzig Gulden hervor und erklärte den Sachverhalt.

»Und damit wagst du mir zu kommen, du Halsabschneider?!« fuhr der Armenier auf. »Wegen fünf Gulden soll ich zwanzig riskieren? Der Onufrij ist ja schon bis über die Ohren verschuldet! Dazu ewig betrunken! Als er neulich bei mir war, hat er mir übrigens selbst erzählt, daß er dir immer zwei Wechsel mitgibt! Wo hast du den höheren?!«

»In der Tasche«, erwiderte Leib. »Aber da bleibt er auch. Der Mosche tut's um diesen Wechsel da!«

Der Pächter räusperte sich. »Leibko«, sagte er dann mild, fast bittend, »so sei doch vernünftig! Der andere Wechsel geht wohl auf dreißig Gulden? Nun, ich gebe dir dafür zwanzig Gulden für den Onufrij und einen für dich! Aus Freundschaft, Leibko!«

Der Kleine schüttelte den Kopf. »Das wär nicht ehrlich von mir, Herr von Kastanasiewicz!«

Der Armenier fuhr vom Sitz empor. »Du Gauner!« donnerte er. »Was sag ich immer?! – Mit diesen jüdischen Gaunern kann sich ein ehrlicher Mann gar nicht einlassen.« Aber dann verrauchte der Zorn so jählings, wie er gekommen war. »Gut! Also diesen Wechsel. Aber um siebzehn Gulden!«

»Tut mir leid!« sagte Leib und griff nach der Türklinke.

»Achtzehn!«

»Hoffentlich geht's ein andermal besser«, sagte Leib und ging . . . Ehe ich zu Mosches Haus gekommen bin, dachte er, holt mich sein Bote zurück.

Das war nur insofern irrig, als ihn der Gutsknecht erst vor Moses Erdkugels Haustür einholte. Und da konnte Leib nicht mehr umkehren, weil Moses gerade im Fenster lag. »Vielleicht später«, raunte er dem Knecht zu und trat ein.

Moses Erdkugel, ein Mann in den Vierzigern, machte seinem Namen wenig Ehre: Alles an ihm war eckig, die Gestalt, das blasse Antlitz, sogar die Nase glich einem scharf abgegrenzten Bergrücken. Seine Züge waren immer tiefernst, aber ruhig; ärgerlich oder zornig hatte ihn noch niemand gesehen.

»Guten Abend, Reb Leib«, erwiderte er den Gruß des Besuchers gemessen. »Gut, daß Ihr zu mir kommt, ich wollt schon zu Euch schicken . . . Was bringt Ihr mir?«

Leib trug die Sache vor.

Erdkugel schüttelte den Kopf. »Das laß ich dem Armenier«, sagte er gleichmütig. »Ich hab ja den Knecht gesehen, er will's machen. Und habt Ihr zuerst seine Türe gefunden und nicht die meine, so gönn ich ihm den Vortritt. Auch tät ich's gegen den höheren Wechsel, den Euch der Onufrij gewiß auch heute für den Notfall mitgegeben hat, und das werdet wieder Ihr nicht wollen . . . Nun, reden wir von unseren Geschäften . . .«

Er setzte sich. »Ich hab Euch«, sagte er ebenso gleichmütig wie bisher, »vor vierzehn Jahren hundert Gulden für die Vorräte und die Einrichtungen geliehen. Der Paterski wollt es Euch auch vorstrecken, hat aber fünfzig Gulden vierteljährlich Zinsen verlangt; ebenso der Kastanasiewicz, und der hat die Hälfte verlangt. Ich hab's um vierzig Gulden jährlich getan. Glaubt Ihr, daß Ihr das Geld von einem andern billiger bekommen hättet, und könnt Ihr Euch über mich beklagen?!«

»Nein!« rief Leib.

»Das also steht fest.« Die Stimme klang auch jetzt noch ruhig, aber das Gesicht wurde gleichsam immer eckiger; auch die Bewegung der Hand ging nun in kurzen, scharfen Zickzacklinien. »Warum aber hab ich's getan? Aus Wohltätigkeit? Der Pole, der Armenier würden Euch dies vorlügen. Ich nicht; ich lüge niemals; ich bin kein Wohltäter, ich bin ein Geschäftsmann. Oder aus Furcht vor Gott?« Die Augen blickten scheu und finster. »Hab ich seine Strafe zu fürchten, wie unsere Frommen sagen, so wird er mich um des einen willen nicht begnadigen. Oder damit Ihr mir einen guten Ruf macht? Da wär ich ein Tor gewesen; ich hab schon damals gewußt: ich bin und bleib verrufen und gemieden, unter den Christen und unseren Leuten. Der Paterski, der Armenier treiben's nicht besser als ich, aber sie sind Ehrenmänner, sitzen vorn im Kirchenstuhl, und die Beamten essen bei ihnen, denn sie sind Christen. Ich aber bin ein Jud, darum hab ich ins Gefängnis müssen, mein Platz in der Betschul ist der letzte in der letzten Reihe, und für meine Tochter hab ich erst fünfzig Meilen von hier einen Eidam gefunden . . . Also warum war ich damals so zu Euch, Reb Leib?«

»Damit ich Euch Geschäfte zubringe«, erwiderte das Männchen. Sein Herz pochte bang; so lange hatte dieser wortkarge Mann noch nie mit ihm gesprochen; das bedeutete Schlimmes; sollte heute noch mehr über ihn kommen?! »Und ich hab auch getan, was möglich war . . .«

»Lüge!« Der Ton der Stimme widersprach dem heftigen Wort; sie klang gemessen wie früher. »Ihr habt's immer gehalten wie heute. Mach ich's billiger, so krieg ich's; wenn gleich billig, so entscheidet der Zufall. Dennoch hab ich's geduldet. Warum? Da könnt ich wieder lügen, sag aber die Wahrheit: aus Furcht vor unseren Leuten. Keiner kümmert sich um Eure Armut, jedem seid ihr für seinen Witz gut genug, aber hätte ich Euch gedrückt, sie hätten alle geschrien: Dieser Wucherer – unsere Schande – nieder mit ihm! Jetzt aber« – er hob die Hand – »jetzt mögen sie schreien, denn mein Kapital will ich nicht verlieren. Zum ersten Oktober haben wir immer Euren Wechsel erneuert; in zehn Tagen also ist er fällig; da erneuere ich ihn nicht, sondern klage ihn ein . . .«

»Gott meiner Väter«, stöhnte das Männchen entsetzt. »Warum?«

»Der Paterski kündigt Euch nach Weihnachten für den ersten Juli. Dann seid Ihr ein Bettler, könnt nicht Kapital noch Zinsen zahlen. Auch jetzt schon sind Vorräte und Einrichtung nicht die Hälfte wert. Aber ich rette, was zu retten ist . . .«

Leib rang verzweifelt die Hände. »Der Paterski tut's nicht! Er hat mir ja immer gedroht und es nie getan. Einen solchen Zins zahlt ihm ja sonst niemand. Ich bitt Euch . . . ich bitt euch . . .«

Moses hatte sich erhoben. »Wir sind zu Ende.«

Der Kleine wankte; er hielt sich am Stuhl fest, sonst wäre er niedergesunken. »Erbarmt Euch«, schrie er auf. »So wartet doch wenigstens bis zu Neujahr, ob er's tut.«

Moses war ans Fenster getreten, durch welches das Rot der sinkenden Sonne hereinflutete. »Ich warte nicht«, sagte er, ohne umzublicken.

Leib schlich demütig an ihn heran und rührte zaghaft an sein Gewand. »Erbarmen!« stieß er fast schluchzend hervor. »Ich will in dem Vierteljahr für Euch tun, was ich kann . . .«

Der Wucherer wandte sich langsam um. »Da lügt Ihr schon wieder«, sagte er kalt. »Oder nicht? . . . Könnt Ihr beweisen, daß Ihr's diesmal ehrlich meint? . . . Onufrij hat Euch ja zwei Wechsel gegeben . . .«

Leib taumelte zurück. Eine Minute stand er schwer atmend da. Schon tastete die zitternde Hand nach der Brieftasche, da stach ihm das rote Licht in die Augen . . . Was sollte er fortab ihm sagen! . . .

Die Hand sank nieder . . . Stumm schlich er zur Tür hinaus. Dann stürzte er aus dem Hause, die Straße entlang, dem Gutshof zu, atemlos, als wäre der Verführer hinter ihm her. Erst als er vor der Tür des Armeniers war, hielt er an und suchte sich zu fassen, ehe er eintrat.

»Hinaus, Hundsblut!« donnerte ihm der Pächter entgegen, als er die Tür öffnete. »Jetzt, wo der Mosche nicht will, kommst du zu mir? . . . Hinaus!«

Leib hätte sonst nichts darauf gegeben; es war ja auch nur die übliche Einleitung zur geschäftlichen Unterhaltung. Nun, wo er fast betäubt war, schrak er zusammen und wollte gehen.

»Halt!« rief ihm der Armenier nach. »Verrückte Welt, jetzt werden gar auch schon die Juden empfindlich . . . Ich wollte dir ja nur sagen, daß das nicht hübsch von dir war, aber deshalb können wir doch ein Geschäft miteinander machen. Also den höheren Wechsel und für dich einen Gulden! Oder anderthalb, hörst du, anderthalb Gulden! . . . Du willst noch immer nicht, du jüdischer Gauner?!  . . . Nun, damit du siehst, was ein Christ ist: wir teilen. Zwei Gulden fünfzig Kreuzer!«

Aber als es auch damit nichts war, nahm er den kleineren Wechsel und zählte die zwanzig Gulden dafür hin.

Gottlob! dachte Leib, als er wieder auf die Straße trat, so sind doch wenigstens dreißig Kreuzer verdient. Und was den Mosche betrifft – hat er nicht erlaubt, daß ich's tue, so wird er auch Rat für mich wissen.

Noch immer tief betrübt, aber nicht mehr zerschmettert, suchte er die »Akentschaft« auf.

Als er sich dem Hause näherte, traten eben mehrere Leute aus der Türe. Leib hatte sich nicht geirrt; es war die Schneiderswitwe und ihr Sohn Rüben. Die beiden anderen, ein älteres Ehepaar, kannte er nicht; es mußten wohl Dorfjuden sein; der Mann trug eine Pelzmütze, die Frau ein bäuerliches Kopftuch. Noch auf der Straße setzten die beiden Parteien ihren Streit fort und gingen dann ohne Gruß auseinander.

O weh! dachte Leib, da wird Mendele schlechter Laune sein, das Geschäft scheint ihm nicht geglückt. Aber als er eintrat, rief ihm wohl die Frau entgegen: »Gottlob, daß Ihr uns den Verdienst noch heut ins Haus bringt; ich hätt sonst vor Angst nicht schlafen können!« – Mendele jedoch, der über das ganze Gesicht strahlte, bewillkommte ihn freundlich.

Mendele Pulverblitz war ein noch junger Mann, kaum dreißig, aber er hatte das Geschäft des Vaters früh übernommen und galt nun als der tüchtigste Schadchen der Gegend. Das rote, breite, fröhliche Gesicht war sehr vertrauenerweckend, seine Geduld und sein Redefluß unerschöpflich; die Natur selbst schien ihn für seinen Beruf bestimmt zu haben. Vielleicht auch hatte sie sich bei seiner Erschaffung für die des Moses Erdkugel entschädigen wollen; bestand dieser aus lauter Ecken, so er aus lauter Rundungen; nicht bloß Gesicht und Gestalt, auch die munteren Äuglein, die Knollennase und das Kinn waren rund, sogar der kurze, wulstige Mund, der jetzt, wo er eben Heidelbeeren aß, wie eine Tollkirsche aus dem Gesicht hervorstand.

»Setzt Euch, Reb Leib, setzt Euch«, sagte er freundlich, ohne sich im Essen zu unterbrechen. »Ich muß mir erst wieder die Kehl anfeuchten – was hab ich da zu reden gehabt! . . . Also, mein Weib hat mir schon gesagt, warum Ihr kommt. Wie alt ist das Kind?! Schon sechzehn?! . . . Etwas spät, warum habt Ihr so lang gewartet?! . . . Aber was frag ich da, ich weiß es ohnehin! . . . Da seid Ihr da draußen gesessen und habt gewartet, ob nicht Gott doch vielleicht ein Stückchen Mitgift vom Himmel herunterfallen läßt! . . . Aber das tut Gott selten, Reb Leib, man muß sie selbst verdienen. Nun, ich will Euch keine Vorwürfe machen, Ihr plagt Euch genug!« Unaufhaltsam strömte die Rede; der Mund wurde, je mehr sich das Schüsselchen mit den Beeren leerte, immer schwärzer. »Also, daß es schwer sein wird, wißt Ihr . . . Aber seid getrost, ich mach's; wenn einer, so ich . . . Glatte Sachen kann jeder Esel zusammenbringen; ich plag mich gern . . . Die Verlobung, die eben hier unterschrieben worden ist« – er schlug auf den Tisch – »die bringt auch außer Mendele Schadchen kein Mensch in ganz Polen fertig . . . Also, verlaßt Euch auf mich! Aber – was krieg ich?!«

Leib fuhr zusammen. »Je – je nach der Partie«, sagte er dann stotternd.

Mendele lachte hell auf. »Natürlich, je nachdem ich Euch einen jüdischen Prinzen schaff oder nur den Sohn von Moses Montefiore.« Der Name des englischen Philanthropen ist jedem Juden des Ostens geläufig; er gilt als die Verkörperung des Ruhms und Reichtums . . . »Unsinn«, sagte er dann scharf. »Wollt Ihr zehn Gulden geben oder nicht?«

»Reb Mendele«, wollte der Kleine eine längere Rede beginnen.

»Ja oder nein!« Der Vermittler hatte sich erhoben, er konnte auch sehr kurz sein, wenn es ihm paßte.

Leib fuhr wieder zusammen. »Ja«, seufzte er kaum hörbar.

»Schön. Abgemacht. Bei der Verlobung zahlbar. Und nun – was wollt Ihr mitgeben?«

Wieder seufzte der Schenkwirt auf und begann dann schüchtern und weitläufig seinen Plan zu entwickeln, den Eidam für einige Jahre ins Haus zu nehmen.

»Unsinn«, schnitt ihm der andere die Rede entzwei. »Ihr werdet ja selbst weggejagt, hör ich. Und wenn nicht, wer wird mit Euch hungern wollen? Solches Gesindel, das sich darauf einließe, kennt Mendele Schadchen gar nicht. Wär das der einzige Weg, ich hätt Euch gleich fortgeschickt. Aber ich kenn Euer Kind, weiß, daß es gottlob schwer und gesund ist und hab darum eine bessere Hoffnung. Wir müssen einen finden, der nichts von Euch verlangt und sogar die Ausstattung bezahlt.«

Dem Kleinen wurde bang. »Aber brav muß er sein«, sagte er zaghaft »Und gesund, und nicht zu alt . . .«

»Natürlich! Da weiß ich Euch gleich einen, der ist siebzehn Jahre alt, gesund wie ein Bär – und daß der noch nie eine Lüge im Leben gesprochen hat, dafür leg ich die Hand ins Feuer . . . Der Sohn von Reb Srulze. Dubs schreiben sie sich mit dem deutschen Namen . . .«

»Der?!« rief Leib entsetzt. »Der Jung ist ja taubstumm, blödsinnig!«

»Bewahre! Wenn Ihr wüßtet, wie gescheit der ist! Antworten gibt der . . .«

»Er kann ja nicht reden!«

»Ich mein: mit den Händen . . . Und hinter den Mädchen ist er schon her, als ob er dreißig wär . . . Aber wenn er Euch zu dumm ist, ich weiß einen Klügeren. Der kann sogar deutsch lesen und schreiben, steckt die ganze Gemeinde in den Sack! Freilich ein Witwer mit zwei Kindern, aber erst dreißig, hat sein Auskommen als Winkelschreiber . . .«

»Ihr meint doch nicht Avrumele Sturm?«

»Wen sonst?! Früher hat er sich ein paar Jahr Albert Sturm genannt, aber jetzt will er wieder ein ehrlicher Avrumele sein und bleiben . . . Was glotzt Ihr mich so an? Weil er wegen eines Mißverständnisses einige Monate . . .«

»Es waren drei Jahre und wegen schweren Betrugs. Sein armes Weib hat die Schande unter die Erd gebracht!«

»Nun, das ginge doch Euer Kind nichts an. Auch schwört Avrumele, der Staatsanwalt hat die Sach nicht verstanden, weil er kein Geschäftsmann ist. Kann denn das nicht wahr sein, muß ein Staatsanwalt ein Geschäftsmann sein?! Aber meinetwegen, ich weiß Euch noch einen dritten. Da aber werdet Ihr nichts mehr sagen, gar nichts mehr, als: Reb Mendele, ich dank Euch . . . Versteht Ihr?«

»Laßt hören«, bat der Kleine.

Mendele erhob sich feierlich; Leib tat es ihm in seiner angstvollen Spannung unwillkürlich nach.

»Setzt Euch«, sagte Mendele, »Ihr seid ein schwacher Mann, die Freud fährt Euch sonst in die Beine!« Dann deutete er durchs offene Fenster in die Dämmerung hinaus. »Der dort.«

Der Kleine blickte in die Richtung, wohin die Hand wies. Draußen wälzte der Dnestr seine mächtigen Wellen von den Karpaten her in die Ebene hinein. Jenseits des Flusses schimmerte aus einem großen Bau, dessen Umrisse im Dunkel verschwammen, der Schein mehrerer Lichter.. .

»Die Dampfsäge?!« stieß er atemlos hervor. »Reb David Münzers Nathan? . . . Das wär ein Glück . . . ein Glück!« Die Stimme versagte ihm.

»Nun?!« rief Mendele triumphierend. »Was aber werdet Ihr erst sagen, wenn Ihr hört, daß das Glück noch größer ist, als Ihr glaubt? Es ist nicht der Sohn, sondern der Vater selbst . . . Reb David Münzer!« – er betonte jede Silbe und ließ sie gleichsam auf der Zunge zerfließen, wie ein köstliches Gericht.

Leib wich entsetzt zurück. »Der Greis? . . . Das geht nicht!«

Mendele wandte sich jählings um. »Wa-as?« rief er langgedehnt und legte die Hand ans Ohr, als zweifelte er, recht gehört zu haben. »Seid Ihr . . .«, die Stimme schien ihm vor maßlosem Staunen zu stocken.

»Aber so bedenkt doch«, sagte Leib schüchtern, »er ist vielleicht um sechzig Jahre älter als mein Miriamchen . . .«

»Um hundert!« rief der Vermittler und warf die Arme in die Luft. »Hast du's gehört, Beile?!« wandte er sich dann an sein Weib (»Beile«, die korrumpierte Form für: Bella). »Leib der Schenker sagt nein, wenn ich ihm Reb David Münzer für seine Tochter anbiete . . . Gut, daß ich eine Zeugin hab, sonst glaubt mir's niemand!«

»Geschieht dir recht!« klang es aus dem Nebenzimmer zurück. »Wirf ihn hinaus!«

Pulverblitz nickte. »Wenn das nicht geht«, wandte er sich, plötzlich kalt und ruhig, an den Kleinen, »so geht Ihr und werdet mir nie wiederkommen. Mit Verrückten hab ich nicht gern was zu tun. Was Ihr seid, wißt Ihr – was aber ist Reb David? Der reichste Mann in Halicz, fromm, angesehen, tüchtig – so eine Dampfsäge findet man in ganz Polen nicht! . . . Lebt wohl, Reb Leib!«

Der Kleine stand verwirrt da; in seinem Hirn kreuzten sich die Gedanken. David Münzer war wirklich all das, was ihm Mendele nachrühmte, auch für seine Jahre noch leidlich rüstig, aber doch mindestens siebenzig, auch kürzlich zum dritten Mal verwitwet; fünf Kinder lebten noch im Hause . . . Das verwitterte Antlitz des Greises mit den trüben, aus den schweren, geröteten Lidern müde hervorblickenden Augen, die gebeugte Gestalt tauchte vor ihm auf – er schloß die Augen; ihm graute bei dem Gedanken, die blühende Schönheit seines Kindes in diese welken Arme zu legen . . . Aber da klangen ihm die Worte seines Weibes ins Ohr und die heisere Stimme des Janko – unschlüssig drehte er den Hut in den Händen . . .

»Inzwischen wird Reb David nur noch älter«, sagte Pulverblitz höhnisch. »Geht . . .«

»Verzeiht . . .« Leib suchte sich zu fassen. »Auch ein armer Vater wünscht sich für sein Kind . . .« Er wagte den Satz nicht zu vollenden, da der andere eine ungeduldige Bewegung machte. »Ich will heut nichts entscheiden; meine Chane muß doch ihr Wort mitreden . . . Also David . . . Ich hätt gar nicht gedacht, daß der noch einmal heiraten will!«

»Weil Ihr so klug seid! Alle anderen haben daran gedacht. Das Haus wird ihm eingerannt, und was für Partien! Ich verhandle jetzt für seinen Nathan wegen eines Mädchens in Hussiatyn; sie bekommt zwanzigtausend Gulden mit, der Onkel ist Wunderrabbi. Es geht noch nicht zusammen – und warum nicht? Weil die Familie lieber den Vater möcht! Auf Ehre! Warum auch nicht? Kann sich's eine Frau besser wünschen? Und was sind siebenzig, wenn man so ist wie er? Gegen ihn bin ich ein Greis! Aber Reb David sagt: ›Nein‹, sagt er, ›die Hussiatynerin ist für mich zu leicht‹, sagt er, ›wozu brauche ich noch mehr Geld – wenn ich mich noch einmal dazu entschließe, soll es ein schönes, schweres Mädchen sein.‹ Darum habe ich an Eure Tochter gedacht. Aber statt vor Freuden zu weinen, sagt Ihr – ich mag's nicht wiederholen . . . Übrigens, wahrscheinlich hätt er mich ohnehin hinausgeworfen – Grund genug hätt er dazu!«

»Welchen Grund?« fragte der Schenkwirt gekränkt.

»Denkt an Eure Pacht! Er heiratet ja Euch und Euer Weib mit! Und wenn auch nicht – kann ein Mann wie er nicht auch noch Geld verlangen, selbst wenn es ein schweres Mädchen ist? Und seid Ihr etwa aus einer frommen Familie?«

»Das bin ich!« erwiderte Leib eifrig. »Mein Urgroßvater war Gehilfe bei einem Rabbi!«

Pulverblitz lachte höhnisch auf. »Und Euer Großvater? Euer Vater? Ihr? Habt Ihr je Talmud gelernt? Den Bauern Schnaps verkaufen kann ein Bauer auch! . . . Aber was red ich da noch viel! Es war eben eine Dummheit von mir! Was, wird er sagen, Leibs Tochter – ein Mädchen vom Dorf?«

»Das ist doch keine Schande«, sagte Leib.

»Aber nicht angenehm! Kann sie ein großes Haus führen, die Kinder erziehen? Hat sie von den Bauern gelernt, mit den Leuten zu reden? Und dabei denk ich noch gar nicht daran, daß auf dem Dorf manchmal was geschieht . . .«

»Was?« stieß Leib erschreckt und darum überlaut hervor.

»Schreit nicht so! Ich sag Eurer Tochter nichts nach. Aber manchmal geschieht da wirklich was, gottlob sehr selten, aber wenn nur in hundert Jahren einmal, so muß man's doch auch mit bedenken.«

»Was?« wiederholte der Kleine heiser; ihm war's, als drehe sich plötzlich die Stube und der dicke runde Mensch da um ihn her. Der Vermittler hielt's für Entrüstung und lenkte ein. »Wie gesagt, so was sollt man bei keinem jüdischen Kind für möglich halten, und Gott bewahr mich, so von Eurer Tochter zu denken, aber die Partie, die ich eben zusammengebracht hab . . . Wißt Ihr, wer die Leut sind? Der Vater der Braut ist ein reicher Holzhändler aus Sniatyn und hat für die neue Bahn von Lemberg nach Czernowitz die Schwellen übernommen. Also – darum zieht er im vorigen Herbst, damit er die Arbeit selbst überwachen kann, ins Dorf neben seinem Wald. Und heut?! Heut muß er sich Rüben, den Fuhrmann, um tausend Gulden zum Schwiegersohn kaufen, damit die älteste Tochter zu ihrem Kind einen Mann hat. Sie hat – denkt nur! – mit einem Förster eine Liebschaft angefangen! Dabei ist noch das Glück für den Vater, daß Reb David Münzer bei dem Geschäft beteiligt ist; im nächsten Frühjahr wird ja die Bahn hier gebaut; er kommt her, Reb David empfiehlt ihn mir. Kein Schadchen in ganz Polen hat ihm Hilfe gewußt; ich natürlich hab's fertiggebracht. Denn was bring ich nicht fertig? Ich lob mich doch gewiß nicht gern, aber das muß ich sagen . . .«

Und nun folgte ausführlich, was Mendele Pulverblitz, trotz seiner Abneigung gegen Selbstlob, über sich sagen mußte, und das war gut für den armen Leib Weihnachtskuchen. Er konnte inzwischen sein Entsetzen so weit bemeistern, daß der andere nichts davon gewahrte. Aber klar zu denken, einen Entschluß zu fassen, war ihm nicht möglich. Mit einem kurzen Gruß stürzte er ab.

Erst als der Marktflecken hinter ihm lag und er allein auf der einsamen, mondbeschienenen Straße nach Winkowce stand, hielt er an und suchte sich zu besinnen. Aber es ging nicht, noch drängte ihm das Blut zu wild gegen den Kopf.

»Herr Gott im Himmel!« schrie er plötzlich auf und hob die Arme empor.

Es war ein Schrei des tiefsten Schreckens, und das Entsetzen über das eben Gehörte hatte ebensoviel Teil daran wie das Grauen vor der Gefahr, die ihm selbst drohte. Allerdings hatte ihn ja der Gedanke an diese Gefahr schon überkommen, aber das war ihm hinterdrein wie Wahnsinn erschienen, und er hatte Gott und sein Kind dafür um Verzeihung gebeten. Ein Christ und eine Jüdin – es ging eben nach seiner Anschauung gegen die Natur, wie etwa ein Bund zwischen Lamm und Wolf; es geschah niemals, es konnte niemals geschehen, und schon darum brauchte auch er nicht davor zu zittern. Nur vor einer Gewalttat des Janko bangte ihm, aber eine Liebschaft – nein, nicht bloß weil es seine brave, gehorsame Miriam, sondern weil sie eine Jüdin war. Und nun hatte es sich doch begeben, im selben Lande, zur selben Zeit; dem Manne war's, als wanke der Boden unter ihm . . . Mendele hatte recht: Und wenn es nur in hundert Jahren einmal geschieht, so muß man's doch mit bedenken – und dabei wußte er nichts von diesem Janko! . . .

Herr Gott im Himmel, klang es wieder von seinen Lippen, diesmal leise, ihm selbst kaum vernehmbar, ein Gebet aus tiefster Brust. Du vermagst alles . . . Du wirst auch dies zum Guten wenden . . . Nicht wahr, du wirst?

Die Lippen bewegten sich lautlos, er dachte es nur. So stand er im Staub der Straße, das Haupt zum Himmel gewendet, daß es vom Mondlicht hell überflutet wurde. Ihm war's, als müßte er ihm ein Zeichen senden . . . Aber nichts regte sich als das leise Wühlen des Windes im Gesträuch, und das klang wie ein Seufzer . . . Und dennoch – je länger er so stand und schaute, rings alles Stille und Licht, Licht und Stille, desto leichter wurde auch ihm ums Herz. Droben wandelten Mond und Sterne durch das azurne Blau ihre ewigen Pfade, und um ihn schimmerten die Stoppelfelder und der tiefe Staub der Straße wie eitel Silber . . . Es war nicht anders, als er es tausend Male gesehen, aber heute labte es ihn, daß das arme, bekümmerte Herz wieder ruhiger zu schlagen begann . . . Preis ihm, der erhellet die Finsternis! Er wollte zu beten beginnen, aber wieder bewegten sich die Lippen nur lautlos.

Wundersam getröstet setzte er seinen Weg fort. Es mußte spät sein, wohl an zehn, Weib und Kind waren gewiß schon in Sorge um ihn; er wollte rasch ausschreiten, aber das ging nicht, die armen, schwachen, krummen Beine konnten sich nur langsam durch den tiefen Staub weiterschleppen. Und dann wurde er immer müder und müder, und endlich ging's gar nicht mehr. Als er die Bank am Brunnen erreichte, wo er heut nachmittag mit dem Janko gesessen, wankte er unwillkürlich auf sie zu. Es war ja spät – auch schimmerte das Bild des Gekreuzigten hell und klar – er hätte den Sitz sonst lieber gemieden, heut ließ er sich ohne Besinnen nieder. »Nur einige Minuten«, murmelte er, und das Haupt sank an den Stamm des Kreuzes. Dann hörte er die Kirchenuhr in Halicz schlagen, dumpf, fern, wie meilenfern, nur zwei Schläge. »Halb!« murmelte er schlaftrunken. »Halb zehn – oder schon halb elf?!« Und dann wurde der Schleier vor seinen Augen dichter, und er war eingeschlafen.

Als er wieder erwachte und verwirrt emporfuhr, da wußte er zunächst gar nicht, wo er war und wie er hierher geraten, wohl aber, was ihn geweckt: es war die Stimme der Miriam, die bang nach ihm gerufen. Und nun hörte er es wieder, noch näher, wenn auch noch immer fern genug: »Vater! Vater!« Es klang bang, wie ein Hilferuf. Zitternd richtete er sich empor und rieb sich die Augen. Er war ja wach, und nun wußte er auch, wie es zuletzt mit ihm gekommen, und dennoch träumte er wohl – was sollte sein Kind des Nachts auf der Landstraße? . . . Aber nun hörte er von fern einen Schritt und bald auch wieder ihre Stimme. Doch rief sie nun nicht mehr nach ihm, sondern sie sang. Mit jedem ihrer Schritte klang es ihm deutlicher entgegen:

»Janko, komm nie wieder her,
Meine Mutter leid's nicht mehr!
Und mein Vater warnt: ›O Kind,
Weißt du nicht, wie Männer sind?‹

Ja, doch weiß ich's nicht genug,
Selbst erfahren nur macht klug . . .
Ob sie schilt und ob er klagt,
Komm, mein Janko, unverzagt!«

»Miriam«, schrie der Kleine entsetzt auf und stürzte ihr entgegen.

»Vater!« Mit einem Jubelruf riß sie ihn in ihre Arme. »Wo hast du nur gesteckt? Wir haben uns ja zu Tod geängstigt! Du bist wohl eingeschlafen, armes Väterchen, hier am Weg?!«

Er machte sich frei. »Miriam«, schrie er und spähte ihr in angstvoller Qual ins blühende Antlitz, »was hast du da gesungen?!«

Sie hatte wohl die Frage überhört. »Eingeschlafen?!« wiederholte sie lachend. »Da war's doch gut, daß mich die Mutter geschickt hat, nach dir zu sehen. Freilich: ›Nur bis zum Wald‹, sagt sie, ›keinen Schritt weiter!‹ Aber ich denke: was soll mir denn geschehen, und gehe tapfer vorwärts . . . Aber nun komm, komm! Die Mutter ist ganz verzweifelt; ›es ist ihm gewiß was geschehen‹, jammert sie . . «.

Er duldete, daß sie seinen Arm in den ihren legte und ihn vorwärts zog. Aber dann fragte er doch wieder: »Warum hast du dies Lied gesungen?!«

»Welches Lied?« fragte sie erstaunt. »Ich weiß gar nicht mehr, was ich zuletzt gesungen habe. Ich hab auf dem Weg alle Lieder gesungen, die ich überhaupt weiß, und dazwischen nach dir gerufen. Denn mir war ja doch so bang, mußt du wissen, um dich, und dann so ganz allein in der Nacht . . . Wenn ich meine Stimme gehört hab, war's etwas besser!«

Er atmete auf und konnte nun rascher neben ihr hergehen. Aber dann hielt er doch inne und sagte: »Miriam, du hast mich nie im Leben angelogen, nicht wahr, du sagst mir auch jetzt alles, wie es ist?! Du hast nur gesungen, weil du dich gefürchtet hast?«

Sie sah ihn verblüfft an. »Ja – natürlich, warum sonst? Bist auch du bös darüber? Ich dachte, nur die Mutter. Sie sagt, es schickt sich nicht, weil ich jetzt groß bin. Aber diese Lieder singen ja auch ganz alte Weiber im Dorf...«

»Christinnen!« sagte er. »Du aber bist ein jüdisch Kind! Du wirst die Lieder nie mehr singen, nicht wahr? Und wirst immer mein gut, brav Miriamchen bleiben?«

»Ja!« lachte sie. »Aber nun komm!«

»Nein«, sagte er, und seine Stimme klang bewegt, ja feierlich, »nicht so!« Er blieb stehen und legte ihr die Hand aufs Haupt. »Du bist mein einzig Glück auf der Welt, du mußt es mir im Ernst versprechen!«

Auch sie war ernst geworden; so hatte sie ihn noch nie gesehen – ließ der Mondschein seine Augen so feucht schimmern? »Ich versprech's dir«, sagte sie. »Ich werde dir immer gehorsam sein!«

Von da ab sprach er kein Wort mehr, bis sie das Haus erreicht hatten; auch sie schwieg; es war ihr vorhin so seltsam zumut geworden, sie wußte kaum selbst warum.

Vor der Schenke kam ihnen Chane schluchzend entgegen. »Du hast dich nicht heimgetraut!« rief sie. »Was bringst du?« Er suchte sie zu beruhigen, und als sie in ihn drang zu erzählen, wies er sie kurz ab. »Morgen!« sagte er. »Für heut hab ich genug!«

»Genug . . . genug . . .«, wiederholte er in Gedanken immer wieder, bis er todmüde aufs Lager sank.


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