Karl Emil Franzos
Leib Weihnachtskuchen und sein Kind
Karl Emil Franzos

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II

Einige Wochen später wiederholte sich dies Gespräch. Es war an einem Montagvormittag; Chane zählte die Anzahl Gläschen zusammen, die auf der Schiefertafel hinter der Barre vom Tag vorher verzeichnet standen; die Summe war ein glänzender Beweis für den Durst der Leute von Winkowce. Und obendrein waren sogar drei Gulden bar eingenommen worden. »Wir könnten uns vielleicht halten!« klagte sie, »und nun müssen wir dieses Janko wegen hinaus.«

»Ich hoffe«, tröstete Leib, »daß uns Paterski doch daläßt. Ein anderer läßt sich doch nicht so viel von ihm gefallen. Und der Janko – siehst du . . .«

»Nun?« rief sie ungeduldig, als er innehielt.

»Er ist schon sechsundzwanzig geworden«, sagte er zaghaft, »ein tüchtiger Mensch, ein großer Hof – gib acht, Chane, das trägt zehn Gulden!«

»Nicht zehn Kreuzer«, rief sie. »So alt und häßlich ist keine, daß sie diese Vogelscheuche nimmt! Das weißt du selbst sehr gut, willst dich aus Güte für ihn abplagen und belügst nur dich und mich, daß es auch ein Geschäft für uns ist.«

Der Kleine schwieg verlegen, wie immer, wenn er seine schwarze Seele enthüllt sah, dann versuchte er doch zu widersprechen.

»Unsinn!« schnitt sie ihm in die Rede, »hast du Zeit, so such lieber einen Bräutigam für unsere Miriam.«

Weihnachtskuchen riß Mund und Augen weit auf. »Was – was fällt dir ein«, murmelte er bestürzt. »Das ist ja noch ein Kind!«

»Bald sechzehn ist sie«, erwiderte Chane. »Sieh sie dir doch nur an!« Und sie wies in den Hof hinaus, wo Miriam eben die Wäsche zum Trocknen aufhängte.

Sein Blick folgte ihrer Hand und wurde immer starrer, je länger er hinblickte. Dann seufzte er tief auf.

»Nun!« fragte Chane ungeduldig.

Aber der Kleine konnte noch nichts erwidern; der jähe Schreck preßte ihm die Kehle zu. Und doch war der Anblick, der sich ihm bot, so schön: ein reines, kraftvolles Menschenkind in der ersten schwellenden Blüte. Aber das eben war's! Wie so das Mädchen auf den Zehen dastand, das dürftige Röckchen hoch aufgeschürzt, daß darunter das kräftige, runde Bein sichtbar wurde, den Leib zurückgebeugt und die Hände zur Leine erhoben, daß das hochgewölbte Rund des jungen Busens unter dem groben Hemde straff hervortrat – war das noch seine kleine Miriam, wie er sie seit langen Jahren mit denselben Augen zu sehen gewohnt war?! . . . Das muß über Nacht gekommen sein, fuhr es ihm durchs Hirn; daß es nur an seinen Augen lag, den stumpfen Augen, die immer nur nach einem Stückchen Brot umherspähen oder sich ängstlich vor einem drohenden Faustschlag schließen mußten, die armen Augen, die für dies holdeste, natürlichste Wunder um ihn her keinen Blick haben konnten, kam ihm gar nicht zu Sinne . . .

»Was starrst du so hin?« rief Chane zornig. »Wie sie aussieht, weißt du ja!«

Er konnte nur nochmals tief aufseufzen. Ja, jetzt wußte er's. Und als sich das Mädchen draußen nun wieder auf den Zehen erhob, das nächste nasse Hemde über die Leine zu hängen, und abermals jede Linie des blühenden Leibes hervortrat, fuhr dem Männchen ein Glutstrom über das graue, faltige Gesicht. »Chane«, murmelte er, »sie sollte eine – eine Jacke anziehen und – und den Rock nicht so aufschürzen«, ergänzte er verschämt.

»Narr!« brach sie gellend los. »Ist das alles, was du zu sagen hast? Soll sie in einem Schleppkleid die Wäsche besorgen? Und was schadet es, wenn jemand sieht, daß Gott – gelobt sei sein Name! – sie so schön und dick und schwer hat werden lassen?!« Ein Anfall ihres bösen Hustens unterbrach sie; es währte lange, bis sie fortfahren konnte: »Schaden bringt's ihr nur, wenn's nicht die Rechten sehen: Leute, die einen braven Jungen haben . . . Warum sorgst du nicht dafür?!«

Es war für den kleinen Mann gut, daß das Gespräch unterbrochen wurde; in die Schenkstube trat ein Bauer, den Chane zu bedienen ging; Leib konnte in der Schlafstube bleiben, die nach dem Hofe lag, und die Gedanken im wirbelnden Hirn zu ordnen suchen. Wenn er dabei nur nicht immer nach der Tochter hätte blicken müssen! – Der Anblick befremdete und beklemmte ihn immer wieder.

Kein Kind mehr – das war alles, was er zunächst dachte. Dann erst kam, winzig, schüchtern und allmählich aufschwellend, ein Hauch von Stolz und Glück in dies vergrämte, zertretene Gemüt: Chane hat recht, sie konnten Gott danken, daß Miriam so geworden war, nicht bloß gesund, sondern auch schwer und dick! Das heißt: nicht etwa unförmlich, kein Fettklumpen, wo ihm ein Vater, dem er sie antrug, hätte antworten können: So eine Frau noch weiter aufzunudeln, ist mein Sohn nicht reich genug, – aber saftvoll und quellend, wie eine eben gereifte Birne, und dabei so wuchtig, daß sich im Hofe – er sah es deutlich – kein Grashalm mehr regte, auf den der nackte braune Fuß getreten war, sondern für immer zerdrückt am Boden haftete.

»Ein schweres Mädchen« – das ist das Schönheitsideal dieses Volkes, das es, gleich so vielem, was seine Seele erfüllt, sie beflügelt und niederzieht, aus der fernen, heißen, auf ewig verlorenen Heimat mitgebracht hat. Miriam war schwer und schon darum schön, aber als sich nun Leib ihr Antlitz besah, so gespannt und aufmerksam, als tauchte es heut zum ersten Mal vor ihm auf, war er offenbar auch davon entzückt; er schloß die Augen, wiegte den Kopf hin und her; ein stolzes Lächeln glomm um die dünnen, blassen Lippen auf und hob die sonst abwärts geneigten Mundwinkel. Doch auch ein minder befangener Richter hätte an diesem frischen, runden Gesicht seine Freude haben mögen: die Züge freilich derb, aber wohlgebildet; über dem stark hervorspringenden, eigensinnigen Kinn der kräftige, rote Mund; die Nase fein geschwungen; die großen, runden braunen Augen strahlend von unschuldigem Feuer und Frohsinn; um die niedrige Stirn die Fülle des rötlichen, natürlich gelockten Haars, das sich schwer zu Zöpfen fügte und im Sonnenlicht wie ein schwankender, schimmernder Schein um das Haupt wob. Dies helle Goldrot ist unter den Jüdinnen des Ostens sehr selten; sie sind, wenn hellhaarig, fahlblond oder fuchsrot; aber der Schnitt der Nase, das Feuer der Augen erwies deutlich, welchen Blutes sie war.

Das übersah der beglückte Vater; im Gegenteil – sie sieht gar nicht wie ein jüdisches Kind aus! dachte er, und die Mundwinkel hoben sich noch stärker. Wer wollte den Ärmsten, dessen ganzes Leben ihm mit Geißelhieben die Erkenntnis ins Hirn geschrieben hatte, daß »jüdisch aussehen« ein Unglück, die sichere Anweisung auf tausendfachen Schmerz und Schimpf sei, um dieser Schwäche willen schelten! Und nun fiel ihm auch bei, was ihm der alte reiche David Münzer, der Besitzer der Sägemühle bei Halicz, einige Tage vorher, als er vor dem Hause angehalten und sich von Miriam als Labung in der Sonnenglut ein Glas essigsauren Moldauers hatte reichen lassen, lächelnd gesagt: »So was gedeiht nur im Dorf!« Auch Herr von Paterski hatte ihm einmal zugerufen: »Leibko, deine Chane hat dich betrogen! Das kann nicht deine Tochter sein!« Er hatte es nur eben für ein Witzchen des Herrn gehalten – damals, wo er das Geschäft zwischen dem Popen von Solince und dem Janko noch nicht vermittelt, wandte ja der Gnädige zuweilen noch einen Scherz an ihn – jetzt glomm ihm der Sinn auf; er nickte befriedigt. Denn daß ihm seine Chane untreu gewesen wäre, daran dachte er ebensowenig, als daß etwa die Sonne jemals vom Himmel gefallen; er schloß daraus nur, daß auch der Edelmann das »christliche« Aussehen seines Kindes bemerkt.

Da irrte er freilich; Paterski hatte nur in seiner rohen Art das Staunen darüber ausdrücken wollen, daß dem schwächlichen Paar ein so kraftstrotzendes Kind beschieden war. Aber auch Chane war einst blühend gewesen und nur durch die allzufrühe Heirat, den Druck der Not rasch gewelkt – und zudem erweist sich die Lebensfülle dieses Stammes, dessen Zähigkeit mit nichts zu vergleichen sein würde, wenn nicht sein Unglück fast ebenso groß wäre, gerade zumeist an den Frauen. Die jüdischen Jünglinge des Ostens schwächlich, klein, engbrüstig, ganz so, wie es ihre Lebensverhältnisse bedingen, aber die Mädchen stark, voll üppiger Kraft, rätselhaft anmutend in diesem Dunst und Moder mißachteter Armut und Niedrigkeit – aber zugleich jede eine Lösung des Rätsels, wie dies Volk all die ungeheure Drangsal hat überdauern können.

Horch! Der Kleine fuhr zusammen – nun sang sie bei der Arbeit. Schmetternd klang ihre helle Stimme in den sonnigen Herbsttag hinaus.

»Janko, komm nie wieder her,
Meine Mutter leid's nicht mehr!
Und mein Vater warnt: O Kind,
Weißt du nicht, wie Männer sind?«

Er kannte das Lied; jedes Mädchen im Dorfe sang es; auch von Miriams Lippen hatte er es oft gehört, ohne etwas dabei zu denken, obwohl die zweite Strophe nicht ganz harmlos war. Jetzt aber überkam's ihn: Sie singt ja auch ganz wie eine Christin! und dies empfand er nicht mehr freudig. Chane aber trat in die Türe und rief scharf: »Miriam, was hab ich dir am Freitag gesagt?! Du singst nicht mehr! Du bist zu groß dazu!«

Und als das Mädchen gehorsam verstummt war, wandte sie sich an den Mann: »Was sitzest du noch immer da?! Such lieber einen Verdienst, oder« – sie senkte die Stimme, daß Miriam sie nicht hören konnte – »geh nach Halicz und sprich mit Mendele Schadchen.«

»Ja, ja!« sagte der Kleine und sah sich nach Mütze und Stock um. »Ich geh nach Halicz, ich hab dort ohnehin ein Geschäft. Aber mit Mendele soll ich reden?«

»Mit wem sonst?« höhnte sie. »Mit dem Popen? Es ist ja Mendeles Geschäft! Und bis du selber einen Eidam findest, bekommt sie graue Haare . . . Bald sechzehn! Es schreit ja zu Gott!«

»Du hast recht«, sagte er begütigend. »Ich hab nur gemeint: weil Mendele so viel fordert . . . Aber was soll ich ihm sagen?«

»Was du ihm sagen sollst?! Daß du ein Gut im Mond kaufen willst!« Aber dann seufzte sie tief auf und ließ sich betrübt in einen Stuhl sinken. »Natürlich, Mendele wird ja nach der Mitgift fragen! Und wir haben nichts! Wir können ja nicht einmal anbieten, den Eidam für einige Jahre zu uns zu nehmen. Zu Neujahr kündigt dir der Paterski – im nächsten Sommer sind wir selbst Bettler!«

»Er wird mir nicht kündigen«, tröstete Leib. »Und wenn auch, so findet sich eine andere Pacht!« Und als sie nun unter heftigen Tränen, die jählings das welke Antlitz überströmten, den Kopf schüttelte, faßte er ihre Hand, und seine Stimme klang fast feierlich: »Weißt du nicht, was er kann? Er kann mehr, als den kleinen Leib eine andere Schenke finden lassen!«

»Wegen eines häßlichen Bauern!« stieß sie leidenschaftlich, kaum verständlich hervor, so sehr erstickten Groll und Tränen ihre Stimme.

Er versuchte zu lächeln. »Nun ja«, sagte er schüchtern, »häßlich ist der Janko und ein Bauer auch . . . Aber«, fuhr er dann fort, und die Stimme festigte sich, und auf den vergrämten Zügen glomm es wie ein Leuchten auf, »um des Janko willen habe ich es ja nicht getan, sondern um seinetwillen. Hat er uns nicht befohlen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, auch wenn er ein Fremdling ist?! . . . Und auch um meinetwillen hat es sein müssen! Siehst du, ich frage sonst nicht viel nach mir, so wenig wie die andern – alle, alle treten sie auf mir herum, und auch du, Chane, auch du bist ja gewiß immer recht – nun, unzufrieden bist auch du oft mit mir . . . Aber dies eine muß mir bleiben.«

Sie hielt im Weinen inne und blickte auf; seine Stimme klang so seltsam voll, wie sie es kaum je zuvor an ihm wahrgenommen. »Was meinst du?« murmelte sie.

»Daß er mit mir zufrieden ist und daß ich ihm ins Auge schauen kann! Wenn ich so frühmorgens hier stehe« – er deutete auf das Fenster, das gegen Osten ging –, »die Gebetriemen um Stirn und Arm, und die rote Sonn geht drüben über Halicz auf und schaut zu mir herein, dann ist mir immer zumut, als schaute er mich an, durch und durch, und bis in mein tiefstes Herz hinein. Und während mein Mund die Gebete flüstert, spricht mein Herz: Da bin ich, Ewiger, ein schwergeprüfter Mann und dein geringer Knecht, aber was ich dazu vermag, damit dein Name auf Erden durch Erfüllung deines Willens geheiligt werde, geschieht! Und um auch ferner so reden zu können, hab ich dem Janko die Sach mit dem Solincer Popen vermittelt. Glaubst du, er weiß das nicht? Vielleicht läßt er uns deshalb doch zugrunde gehen; sein Ratschluß ist unerforschlich; aber bis es geschieht, hoff ich auf seine Gnade. Sei getrost, Weib, er wird uns Brot und einen braven Eidam senden!«

Er setzte die Mütze auf das Haupt, das nach Sitte der Strenggläubigen glattrasiert und nur durch ein verschossenes Käppchen geschützt war, und faßte den Stock. »Leb wohl! Bis Abend bin ich zurück!«

»Noch ein Wort«, sagte sie.

»Über ihn?« fragte er abwehrend.

»Nein . . . Mein Vater selig pflegte zu sagen: ›Sei klug und hilf dir selbst, dann hilft dir auch Gott!‹ Und mein Vater selig war auch ein frommer Mann . . . Aber etwas anderes will ich dir noch sagen. Du kannst ja Mendele auch von unserer Absicht reden, den Eidam bei uns aufzunehmen, dem jungen Paar und, so Gott will, den Kinderchen für einige Jahre Unterhalt zu geben. Aber das darf nicht die Hauptsache sein. Denn erstens ist ja jetzt alles ungewiß, und selbst wenn es sich wieder ordnet, so finden wir doch schwerlich einen frommen, kräftigen, braven Jüngling, der sich in solche Armut hineinsetzen will. Der findet ja, wenn er sich mit der Kost als Mitgift begnügen will, leicht Besseres . . «.

»Aber kein solches Mädchen!« wandte er ein.

»Sind wir Christen?« erwiderte sie. »Kennt man bei uns die ›Liebe‹? Heiratet man bei uns der Schönheit wegen? Wenn ein Mädchen brav und gesund ist, so fragt man nicht nach dem Gesicht! Darum mußt du Mendele vor allem fragen, ob er uns nicht einen weiß, der ein Mädchen mit Geld vergeblich suchen würde. Ich meine einen Witwer mit vielen Kindern, oder einen Mann, der Pflege braucht . . .«

Er taumelte zurück, als hätte ihn ein Schlag getroffen. »Chane!« schrie er auf. »Unser blühendes Kind!«

»Glaubst du«, fragte sie mit zuckenden Lippen, »daß es mir leicht fällt? Aber hältst du für die größere Sünde gegen Gott: daß wir sie einem solchen Manne geben oder daß sie ledig bleibt? Und was für ein größeres Unglück: daß sie durch einen solchen Mann versorgt wird oder mit uns betteln muß? Also – du mußt es Mendele sagen! . . . Es muß ja nicht heute sein«, fügte sie bei, als sie sah, wie bleich er geworden, »aber geschehen muß es. Hörst du?«

Er nickte nur. »Dann lieber heut als morgen!« würgte er endlich hervor, und die krummen Beine hasteten vorwärts.

Aber nicht lange; als er die letzten Häuser des Dorfes hinter sich hatte und das Wäldchen betrat, das sich an der Straße gegen Halicz hinzieht, schlich er immer langsamer dahin, und das Köpfchen mit dem dünnen, grauen Bart senkte sich immer tiefer auf die Brust. Endlich hielt er ganz an, blickte sich scheu um, als hätte er Heimliches vor, und schlich ins Wäldchen. Dort sank er auf dem Wurzelwerk einer Buche nieder und begann zu weinen – zu weinen – stromweise brachen ihm die Tränen aus den Augen und rannen über die gefurchten Wangen.

Das war eine Seltenheit bei dem Männchen; er hatte seit langen, langen Jahren nicht mehr geweint, seit jenem Tag vor fünfzehn Jahren, wo er sein einziges Bübchen begraben. Nur zweijährig war das Kind geworden, es hatte noch nicht sprechen gelernt, und doch war ihm sein Tod wie ein Schwert durchs Herz gegangen. Denn der Arzt hatte ihm gesagt, daß seinem Weibe keine Mutterfreuden mehr gegönnt seien, und nur eine Tochter haben, keinen Sohn, der das Geschlecht fortsetzt und die Jahreszeit, den Todestag der Eltern, durch sein Gebet heiligt, ist das tiefste Weh, das den frommen Juden treffen kann. Er hatte nie geglaubt, daß ihm je ein ähnliches Weh zubestimmt sein könnte, und nun war es doch so gekommen . . .

Leib Weihnachtskuchen weinte selten, und darum erleichterten ihm die Tränen auch diesmal das Herz, wie einst nach dem Begräbnis des Knaben. Und diesmal noch weit mehr, denn nun war's ja nur erst eine Gefahr für sein Kind, die ihn so schmerzvoll erschüttert, freilich weit mehr der Gedanke, daß er dazu verurteilt sei, die Gefahr mit eigener Hand auf das teure Haupt zu lenken. Aber er ersparte ihm dies vielleicht, und die Gefahr war ja noch nicht da . . .

Er band den morschen schwarzen Tuchgürtel los, der seinen Kaftan zusammenhielt, und benutzte ihn als Taschentuch, sich die Tränen abzutrocknen. Daß der Gürtel abfärbte und ihm über das faltige, nun gerötete Antlitz seltsame, schwarze Striemen zog, sah er nicht. So saß er, nachdem sich das wohltätige Gewitter entladen, noch lange mit stillem Antlitz, mit gestilltem Herzen unter der Buche. Nur zuweilen noch brach ihm ein verspätetes Tränlein aus den Lidern und rann übers Gesicht; er wischte es hastig weg, daß die Striemen nun vollends seltsame Figuren auf Stirn und Wangen bildeten. Das war, als ihn der Gedanke überkam: Und ich Esel hab mich gefreut, daß sie nicht jüdisch aussieht. Was nutzt ihr das? Soll sie denn einen Christen heiraten? Und könnt's ihr auch nur ein Lot an dem Zentner ersparen, den sie durchs Leben schleppen wird? Hätt es mir was erspart? Und wenn meine Beine grad gewesen wären, wie mein Stock da, und ich hätt ein Gesicht gehabt wie ein Oberleutnant – Jud bleibt Jud – sie hätten mich doch geschlagen . . . Ach ja!

Aber dann seufzte er nur noch zuweilen auf, und endlich konnte er sogar wieder lächeln. Ich Tor, dachte er, während er langsam weiterging, was sorg ich mich? – Er fügt ja doch alles anders, als wir kurzsichtigen Menschen meinen! Wer mir gestern gesagt hätte, daß ich heut nach Halicz gehen würde, für mein lieb klein Miriamchen einen Mann zu suchen – für verrückt hätt ich ihn gehalten. Und nun tu ich's ja doch! Und da soll ich mir den Kopf zerbrechen, wen er mir als Eidam zubestimmt hat?

Er begann rascher auszuschreiten, da hemmte ihm ein Gedanke den Fuß. Nach Halicz geh ich jedenfalls; ich muß ja für Onufrij den Schmied zwanzig Gulden borgen. Aber zu Mendele? . . . Chane hat ja gesagt, es muß nicht heut sein! . .. Aber warum nicht heut? Nur sprech ich mit ihm so im allgemeinen und von dem, was sie die Hauptsache nennt, kein Wort! Das hat Zeit, und ich hoff, ich hoff zu ihm, er wird's uns ersparen!

Und nun lief er, noch rascher als gewöhnlich, daß das Wäldchen bald hinter ihm lag und das rote Holzkreuz ob dem Brunnen an der Straße, das die Grenze zwischen den Äckern von Winkowce und Halicz bezeichnet, vor ihm auftauchte. Schon hatte er den Brunnen fast erreicht, als er von fern seinen Namen rufen hörte.

Er blickte auf; es war der Janko. Die Äcker an der Gemarkung gehörten ihm; er pflügte eben zur Wintersaat; ein Jungknecht lenkte die Ochsen, er ging neben dem Pflug daher. Ohne sich in der Arbeit zu unterbrechen, winkte er den Kleinen heran.

Der kam denn auch über die Stoppeln gelaufen. Aber als er dem Gespann näher kam, wurden die Augen des Knechts ganz starr vor Staunen, und dann brach er in ein wieherndes Gelächter aus. Selbst über das gelbliche, düstere Antlitz des Janko zuckte es.

Dann aber trat er hastig auf Leib zu. »Mensch!« rief er. »Wie siehst du aus? . . . Die Flecken im Gesicht . . .«

Der Jungknecht wieherte noch immer, wie von einem Krampf erfaßt; Janko aber schrak zusammen: »Du hast geweint . . . Um Himmels willen – ist etwas – zu Hause –?!« Er konnte es kaum hervorstoßen und faßte die Hand des Juden.

Leib versuchte zu lächeln, aber die dünnen Lippen verzogen sich nur zu einem verlegenen Grinsen. »Behüte! was sollte geschehen sein? . . . Geweint? warum sollt ich –? Aber der Wind« – den Tag über hatte sich kein Lüftchen geregt – »nun ja, alte Augen tränen leicht.« Er griff sich ins Gesicht und sah bestürzt die Hand an, sie war schwarz. »Der Staub . . .«

Janko schüttelte den Kopf. »Wend um!« befahl er dem Knecht, der sich Tränen über die Backen gelacht, und hob seinen Leinenkittel vom Gespann. »Wir fangen wieder ganz oben an!«

Als sich der Knecht entfernt hatte, faßte er den Kleinen und führte ihn zum Brunnen. »Nun wasch dich!« Leib tat's. »So! Und nun trockne dich!« Er reichte ihm den Kittel von der Innenseite.

»Nein«, wehrte Leib. »Die Luft tut's schon . . . Das gibt Flecke . . .«

Aber Janko bestand darauf. »Sonst bleiben die Flecke. Du willst ja nach Halicz . . . Er ist ohnehin seit einem Jahr nicht gewaschen«, fügte er ermutigend bei. Aber nachdem ihm der Jude den Willen getan und nun fragte: »Du brauchst wohl etwas in Halicz? Rasch, ich hab wenig Zeit!«, hielt er ihn fest.

»Nein«, sagte er, und die kleinen schwarzen Augen bohrten sich fest in die des Schenkwirts. »Ich habe dich gerufen, weil du so gelaufen bist. Da habe ich mir gedacht: vielleicht ist die Miriam erkrankt oder sein Weib. Also das ist's nicht?! Oder der Paterski hat dir schon heute gekündigt, und du läufst zu deinen Leuten um Rat? . . . Auch nicht? . . . Also was sonst?«

»Aber wenn ich dir sage, nichts.«

»Du lügst!« Der Bauer zwang den Kleinen auf die Bank am Brunnen nieder und setzte sich neben ihn. »Dich kenn ich! Du hast selbst damals nicht geweint, als ich dich . . .«

Jene Szene auf der Wygoda war ihm wieder in der Erinnerung aufgetaucht; er wußte selbst nicht warum. Aber wie sie ihm nun vor Augen stand, da übermannte ihn auch die Empfindung, die ihn nie verließ, nur daß er sie verschlossen in sich trug: Der einzige Mensch, dem er je Böses getan, war auch der einzige, der ihm Gutes erwiesen. Er wurde weich; es war sonst nicht seine Art, höchstens dem »Kinde« gegenüber, aber da suchte er es auch zu verbergen.

»Mein alter Leibko«, sagte er und strich dem Kleinen sanft über den Kaftanärmel. »Weil du immer so zu mir warst . . . und ich sage dir ja auch alles . . .«

Der Ton war so ungewohnt, daß er auch den Kleinen rührte. Er widerstrebte nur noch, weil er dachte: Verstehen kann's dieser Bauer doch nicht, so gut er's meint. Was wird er mir antworten: Sechzehn Jahre, und es eilt dir schon so? So warte doch, vier oder sechs Jahre, bis sich einer findet! . . . Aber endlich begann er doch: »Gut, Janko, weil du so drängst . . . Aber du versprichst mir: Die Miriam erfährt nichts davon?!«

Dem jungen Bauer schlugen die Flammen ins Antlitz. »Also betrifft es doch sie?« stieß er mühsam hervor, und die schief geschlitzten Augen blinzelten, wie vor einem Schlag.

»Ja. Also keine Silbe, Janko? . . . Auch nicht so eine Neckerei, wie sie unter euch üblich ist? . . . Dein Wort?!«

»Ja . . . Rede!« Seine Hand umkrallte den Arm des Juden.

Dem fiel die Erregung des andern nicht auf; er war zu tief in den eigenen Gedanken. »Du scheinst dir eine große Neuigkeit zu erwarten«, sagte er harmlos, indem er mit seinem Stock in den Sand vor ihm ein Wappen Davids zeichnete. »Da wirst du enttäuscht sein; es ist ja etwas, was immer so kommt. Nämlich – ich habe es nicht bemerkt, ich alter Esel, wahrhaftig! – aber natürlich sonst jeder . . . Also unser klein Miriamchen ist ja gar nicht klein mehr – was, Janko?«

Der junge Bauer erwiderte nichts. Das Haupt an das Holzkreuz zurückgelehnt, saß er regungslos da; schwer ging der Atem durch den halb offenen Mund aus und ein. Das Antlitz war fahl, bis in die Lippen erblaßt, und in den Augen war noch immer jenes Blinzeln, als sähen sie einen tödlichen Hieb herabsausen.

»Natürlich hast du es bemerkt!« fuhr der Kleine fort. »Ein schönes, schweres, heiratsfähiges Mädchen« – er lächelte stolz und verlegen zugleich – »und ein solches Mädchen . . .«

»Nun?« Es klang wie ein Röcheln.

»Da fragst du noch? Ein solches Mädchen verheiratet man eben!«

Darauf blieb es eine Weile still.

»Ja, ja, mein lieber Janko«, sagte dann der Alte, »das also will ich jetzt . . .«

Weiter kam er nicht. Aus der Brust des jungen Bauern brach ein Schrei, so wild, so röchelnd, daß der Jude entsetzt emporfuhr. Aber noch stärker faßte ihn das Grauen, als er in dieses totenfahle, furchtbar verzerrte Antlitz blickte; die Augen starr, den Mund offen, die Mundwinkel tief herabgesenkt . . . Den Kleinen schüttelte der Gedanke: Der Mensch stirbt . . .

»Janko!« schrie er auf und faßte die Hand des Bauern. Sie war eiskalt, wie die eines Toten. »Was ist dir? . . . Du bist krank?« Ein plötzlicher Krampf, dachte er, und sah sich um Hilfe um. Weitab tauchte der Jungknecht hinter dem Pflug auf. Leib hob die Hand.

»Laß das!« stieß der Bauer heiser hervor. »Hör mich an . . .« Die Stimme sank zum keuchenden, fast unverständlichen Flüstern herab. »Es darf nicht sein . . .«

»Was?« fragte der Jude angstvoll. Er ist nicht bei Sinnen, dachte er, ein plötzliches Fieber . . . Und wieder blickte er nach dem Knecht aus.

Janko richtete sich empor; mit zitternder Hand riß er den Hemdkragen auf, als müßte er sonst ersticken, daß die braune, zottige Brust sichtbar wurde und wie sie sich krampfhaft, nach Atem ringend, senkte und hob. Nun endlich hatte er wieder Luft.

»Ich duld's nicht!« schrie er laut, verzweiflungsvoll, und die Augen, in denen nun plötzlich ein wildes Feuer aufglühte, bohrten sich in die des Juden. »Eher töt ich sie, mich, euch alle . . . Laß das!« wiederholte er wild, als der Jude wieder ängstlich nach dem Knecht schielte. »Ich bin nicht wahnsinnig – nein, jetzt nicht. Ich war es – all die Zeit – da hab ich nicht gedacht – wie es kommen kann . . . Aber jetzt . . .« Er faßte die Hand des Männchens mit eisernem Druck und zog den Zitternden auf das Bänkchen neben sich nieder. »Hör mich an, Leibko, um Gottes Erbarmung willen hör mich an . . . In Güte, Leibko, in Güte . . . Ich bin nicht wahnsinnig, ich drohe nicht . . . Vergiß, was ich da gesagt habe . . . O mein Gott, lieber sterbe ich ja zehn Tode, als daß ich ihr ein Haar krümme . . . Aber siehst du – ich habe ja nichts als sie auf der Welt . . . Es darf nicht sein . . . siehst du . . . es wäre ja auch ein Unglück für sie . . .«

Dies letzte hörte wohl der Alte nicht mehr. Wie gelähmt saß er da vor ungeheurem Entsetzen, als hätte plötzlich der Blitz vor ihm eingeschlagen, keiner Bewegung, keines Gedankens fähig. Noch vor einer Minute hätte er lieber glauben mögen, daß alle Wiesen plötzlich blaue statt grüner Gräser treiben könnten, als daß dieser Bauer seine Miriam begehre; selbst unmittelbar vorher, bei dem unheimlichen Gebaren des Janko, war er völlig ahnungslos geblieben. Wie auch anders? – ein Bauer und ein jüdisch Kind – derlei hatte ja die Welt noch nicht gesehen – das ging ja gegen die Natur! . . .

»Allerbarmer!« stöhnte er auf, schloß die Augen und streckte zitternd die Hände vor, wie er etwa auch getan hätte, wenn ihm plötzlich am hellen Tag ein Gespenst in den Weg getreten wäre, ein Toter, den er selbst hatte begraben helfen. Dagegen kann nur Gott schützen, nur Gott dem armen Menschen den Verstand im Hirn erhalten . . .

»Aber so erschrick nicht so«, bat der Bauer. »Ist es denn so furchtbar?! . . . Es ist mir so plötzlich entfahren – ich weiß ja nicht, was ich sagen soll . . . Nur eins weiß ich jetzt: es darf nicht sein . . . Wenn ich so denke: sie ist nicht mehr im Dorfe, gehört einem andern . . . Oh!«

Er stöhnte auf. »Ich bitte dich«, fügte er angstvoll, fast schreiend hinzu, »frag sie doch selbst!«

»Allerb . . .« Nun konnten die bebenden Lippen des Alten selbst dies Wort nicht mehr vollenden. Aber gerade das Übermaß des Entsetzens, das ihm diese letzten Worte eingeflößte, rüttelte ihn auf; wie ein Ertrinkender wehrte er sich gegen das Grauen, das über ihm zusammenschlagen wollte. Und wie ein Ertrinkender tat er auch; er sprang auf und warf die Arme wild in die Luft.

»Janko!« schrie er, »du hast mir mein Kind . . .?!«

Er wankte – die Lippen zitterten krampfhaft, als versagten sie ihm den Dienst, das Furchtbare auszusprechen.

Der Bauer starrte ihn an; dann ging ein Glutstrom über sein Antlitz. »Nein!« schrie er auf.

»Du kannst – es schwören? . . . Bei . . . bei dem da?!«

Die Augen blickten zu Boden, aber die zitternde Hand wies nach dem Bild des Gekreuzigten ob dem Brunnen.

Der Bauer reckte die Schwurfinger empor. »Ja!« sagte er.

Der Jude atmete tief, tief auf. Ich war wahnsinnig, dachte er. Verzeih mir, mein Herr und Gott, und du, mein Kind . . . Aber weil heut alles so über mich kommt . . . Er fuhr sich über die Stirn und setzte sich; die wankenden Knie trugen ihn noch nicht. »Aber warum«, fragte er, »hast du dann gewollt, daß wir sie selbst fragen sollen?! Glaubst du, daß sie so an dich denkt wie du an sie?! . . . Ich bin überzeugt, das ist nicht wahr . . .«

Janko nickte. »Da magst du recht haben«, sagte er düster. »Sie ist ja noch ein Kind, denkt nicht an mich, aber auch an keinen andern. Aber eben darum, meine ich, würde sie nein sagen. Ist ja noch so jung, hängt an Euch . . . Wie kommst du nur so plötzlich darauf? Habt Ihr sie schon versprochen?« fügte er dann angstvoll bei und faßte die Hand des Juden.

Dieser zögerte mit der Antwort. Vielleicht, dachte er, ist's das klügste, ich sage ja! . . . Dann wütet er sich aus, und es ist überstanden! . . . »Nein!« sagte er trotzdem; die Lüge widerstrebte ihm, auch schreckte ihn der Gedanke: Vielleicht schreit er dann auf das Mädchen ein, eh wir es noch vorbereitet haben . . . »Nein«, wiederholte er, »versprochen noch nicht . . . Aber nun laß uns vernünftig reden, Janko.« Er legte die Hand an die Stirne. »Siehst du, ich fasse es noch gar nicht, hätte es nie von dir geglaubt . . . Wie ist es denn eigentlich über dich gekommen?«

Der Janko blickte finster vor sich nieder. »Ich weiß nicht!« sagte er. »Ich hab es bis vor einem halben Jahr gar nicht bemerkt. Da habe ich mich nur eben auf die Stunde gefreut, wo ich sie sehen kann, von einem Mittag zum andern . . . Daß sie schön wird, habe ich wohl bemerkt und mich darauf gefreut, aber es war nichts Unrechtes dabei . . . Du weißt ja, wie ich bin – immer die Arbeit – an Weiber und an solche Sachen hab ich überhaupt nicht gedacht – ich hab ja keine Zeit dazu gehabt . . .«

»Nun – und vor einem halben Jahr?«

Der junge Bauer blickte ihn zornig an, wieder schimmerte es rötlich durch die gelbe Haut. »Was fragst du? . . . Wenn du fragst, muß ich antworten, und du bist doch ihr Vater . . . Also, siehst du, da war im Frühjahr eine Magd bei mir, die schwarze Xenia aus Horodenka . . . Du erinnerst dich? . . . Also, ich merke bald, sie ist träg bei der Arbeit und will mich dadurch begütigen, daß sie . . . Das soll dir nicht gelingen, Weibsbild, denk ich, bin ich bisher ohne euch ausgekommen, so geht's auch noch ferner so . . . Aber eines Abends . . . siehst du, Leibko, weil sie nämlich gar so schlau war . . . Nun, denk ich am nächsten Morgen, einmal ist keinmal . . . und ein Pferd hat vier Füße und strauchelt doch manchmal. Kurz, ich schäme mich eigentlich gar nicht . . . Aber wie ich nun gegen Mittag zu Euch gehen will, da beginne ich mich plötzlich zu schämen, es ist mir eine Pein, heut der Miriam vor die Augen zu kommen, und wie ich nun doch in die Stube trete – da – da hab ich mich furchtbar geschämt und sie doch von derselben Stunde ab mit anderen Augen angesehen als früher . . . Ich habe gedacht, das gibt sich, wenn ich die Xenia wegjage, und habe es noch selben Tags getan, aber« – er seufzte tief auf – »es hat sich nicht wieder gegeben . . .«

Auch dem Kleinen war ein Rot der Scham ins verwitterte Antlitz gestiegen. Eben ein Bauer, dachte er halb entrüstet, halb überlegen. »Aber seither«, fragte er, »mußt du dir doch gesagt haben: Die Miriam ist ja eine Jüdin und ein braves Kind, und der Leibko war immer gut zu mir – das muß ich mir aus dem Kopfe schlagen! Nicht wahr?«

»Nein«, sagte der Janko. »Nichts habe ich mir gedacht, als: Wär's doch schon Mittag, daß ich sie sehe. Was hätt ich auch viel denken sollen?« brauste er auf. »Erst sechzehn Jahre – und bei solchen Sachen denkt man ja überhaupt nichts!«

Und das will ein Mensch sein! dachte der Alte. Laut jedoch fragte er: »Aber nun, wo ich dich frage? . . . Möchtest du sie denn heiraten?«

Auf dem Antlitze des Bauern glomm ein ungeheures Staunen auf und blieb wie gebannt darauf haften. »Aber – aber – das ist ja – nicht möglich«, sagte er fast stotternd. »Sie ist ja . . .«

»Eine Jüdin!« sagte Leib Weihnachtskuchen lächelnd. »Aber du könntest ja Jude werden!«

»Ich . . . ich?!« Die Fäuste des Bauern hatten sich unwillkürlich geballt. »Wenn mir das jemand im Ernst zumuten würde . . .«

»Du würdest ihn niederschlagen«, ergänzte der Kleine so mild wie vorher. »Aber da gibt es ja noch einen andern Ausweg: wenn sie Christin würde . . .«

Der Bauer schüttelte den Kopf. »Das würdet ihr ja nicht dulden, du und dein Weib. Zwar – dein Weib ist kränklich, lebt nicht mehr lange – und du würdest dich vielleicht einschüchtern lassen, wenn man dir recht drohen würde . . .«

»Darauf ist auch nicht zu hoffen«, erwiderte der Kleine, noch sanfteren Tones als vorher. »Was mein Weib betrifft, so kann Gott viel; Gott kann bewirken, daß sie noch aus dem Fenster zusieht, wie deine Leiche vorübergetragen wird. Ich aber – womit könntest du mir drohen? Mit dem Tode? Wenn ich eine solche Sünde auf mich lade, verliere ich die ewigen Freuden im Jenseits – und da sollt ich die paar Jahre hier vorziehen, Jahre eines Leben, wie ich es hier habe? . . . Also, es ist nichts damit, mein lieber Janko. Und nun erwäge: Heiraten kannst du sie nicht, willst aber, daß sie kein anderer heirate – was soll aus ihr werden?«

Janko saß gesenkten Hauptes da; er erwiderte nichts.

»Nun?!« drängte Leib. »Was aus ihr werden soll?«

»Ich weiß nicht . . .«, rief der Bauer. »Du hast ja recht, es mag schlecht, mag dumm sein . . . Aber ich duld's doch nicht! . . . Es gibt ein Unglück. Leibko, höre, ein Unglück!«

»So wie damals auf der Wygoda«, fragte der Kleine, »nur etwas schwerer?! . . . Warum nicht? Du bist stärker als ich! Auch stärker als sie . . . Aber bis es geschieht, vertrau ich auf dich und denke besser von dir als du selber!«

Der Bauer schlug die Hände vors Gesicht. »Leibko«, rief er schluchzend, »wenn du wüßtest . . .«

»Ich weiß«, erwiderte der Kleine, »daß du ein Mensch bist, kein Tier . . . Und das ist mir genug . . . Leb wohl, Janko!«


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