Karl Emil Franzos
Aus Halb-Asien – Zweiter Band
Karl Emil Franzos

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Ein Culturfest.

(1875.)

Das schöne, von äußerem Glanz, wie von innerer Begeisterung erfüllte Fest, welches die entlegene Ostmark Österreichs, die Bukowina, in der ersten Oktoberwoche von 1875 gefeiert, hat weit über die schwarzgelben Grenzpfähle hinaus Beachtung und warme Würdigung gefunden.Auch diesen Aufsatz, soweit er die Culturverhältnisse der Bukowina von 1875 schildert, muß ich mit derselben Bemerkung begleiten, wie den vorstehenden. Auch hier beschränke ich mich, indem ich auf die Einleitung verweise, blos auf die Hinzufügung thatsächlicher Details über die Zustände von heute. Anm. zur 3. Auflage. Man darf wohl ohne Ueberschwänglichkeit sagen, daß jene ganze schöne, stille Gemeinde, deren Glieder durch Raum und Sprache geschieden, aber im Geiste geeint sind, daß alle Gebildeten dieser Feier ihre herzlichen Sympathien geschenkt. Und mit Recht! Denn das Czernowitzer Oktoberfest galt jener lichten, sieghaften Macht, der alle Guten gern dienen, der Cultur, und jenem Geiste, der zauberkräftig und selbstlos ist, wie kaum ein Anderes auf Erden, dem Geiste der deutschen Wissenschaft.

Eine Doppelfeier war's, die da in der jungen, kräftig aufblühenden Stadt am Pruth begangen wurde. Am 7. Mai 1875 waren es hundert Jahre geworden, seit die Bukowina an Oesterreich gefallen. Es ist wohl begreiflich, daß die Enkel begeistert rüsteten, die Erinnerung an den Tag festlich zu begehen, an dem ihre Ahnen aus Heloten zu Bürgern, ihre Heimath aus einer Wüste zur geschützten und sorglich umhegten Provinz eines civilisirten Staates geworden. Weil aber das Reich dem Lande zu seinem Freudentage das herrliche Ehrengeschenk einer Hochschule darbieten wollte, so verschob man die Jubiläumsfeier und ihren hervorragendsten Act, die Enthüllung des Austria-Denkmals auf den Oktober, weil man da zugleich das Gründungsfest der neuen Hochschule begehen konnte. Man that recht daran, denn beide Feste gehörten zusammen, und gleicher Geist hat sie durchweht, wie sie ja auch aus gleichem Geist geboren wurden. Dieselbe Kulturarbeit im Osten ist's, die in doppelter Gestalt gefeiert wurde, und während das Jubiläum uns vor Augen stellt, was diese Bestrebungen bisher gefruchtet, veranlaßt uns die Gründung der Hochschule zu einem Ausblick auf deren Zukunft.

In beiden Fällen sind es Lichtbilder, die sich uns vor Augen stellen und mit gerechtem Stolze mag sie besonders jeder Deutsche betrachten.

Als Kaiser Josef II. im September 1774 seinem Reiter-Obristen v. Metzler den Befehl gab, den obern District der Moldau zu besetzen und vorläufig militärisch zu administriren, als er vernahm, wie dieser Befehl am 1. Oktober jenes Jahres ausgeführt worden und daß »die Verpflegung des Kriegsvolks so schwer sei in dieser Einöde«, da träumte er wohl nicht, daß einzig in diesem verwüsteten Ländchen sich erfüllen werde, was er für seine gesammten Staaten so heiß erstrebte: die Blüte der gleichartigen, deutschen Bildung. Wie bereits erwähnt, ist der geniale Gedanke des Monarchen, aus Oesterreich einen deutschen Culturstaat zu machen, nur in der Bukowina zur That geworden.

Auch die Gründe dafür finden sich auf den vorstehenden Blättern bereits angedeutet und so mag hier eine knappe Zusammenfassung genügen. Vor allem war es jungfräulicher Boden, den man hier gewonnen. Er hatte keine andere Signatur als jene des Elends und der Oede, und so konnte man ihm jede beliebige aufdrücken. Nun ward diese Signatur durch die mächtige Colonisation aus Deutschland gleich von vornherein eine deutsche, oder doch intensiver deutsche, als sie dem gesammten übrigen Osten der Monarchie aufgedrückt wurde. So ward hier die deutsche Sprache nicht blos jene des Beamtenthums und der Verwaltung, sondern zum nicht geringen Theil auch Volkssprache. Darum fand die Regierung hier auch keinen Widerstand bei Ausführung ihrer Pläne; ferner gab es ja auch keine nationale Bildung und darum war deutsche Bildung hochwillkommen. Was anderwärts ähnliche Bestrebungen geschädigt und lahmgelegt: historisch-politische Eigenthümlichkeiten, religiöser Fanatismus, Eifersucht der anderen Nationalitäten, dies Alles fehlt hier gänzlich. Als ein Hauptmotor des Erfolgs ist endlich die rührige Kulturarbeit der eingewanderten Deutschen zu betrachten, welche selbst für ihr Volksthum sorgten und nicht dem lieben Gott, noch der lieben Regierung Alles überließen . . .

Es ist interessant und hocherfreulich, zu sehen, wie sich unter diesem milden starken Einfluß germanischer Cultur während eines Säculums österreichischer Herrschaft alle Verhältnisse des Ländchens zum Guten oder doch zum Bessern gewandelt. Wer die Culturverhältnisse von 1775 mit jenen von 1875 vergleicht, kann eine Wandlung konstatiren, wie sie für europäische Verhältnisse nicht häufig ist. Freilich läßt sich der Beweis hiefür nur durch Zahlen-Colonnen antreten. Aber »Zahlen beweisen«, sagt Benzenberg, und in diesem Falle ist der Beweis der Mühe werth.

Ich beginne mit dem Schulwesen. Wie es da 1775 aussah, läßt sich sehr kurz zusammenfassen: es gab auch nicht eine einzige Schule. Zwar behauptet Andreas Mikulicz in einer sonst ganz vorzüglichen Uebersicht der damaligen Culturzustände, welche im Herbst 1875 als Festgabe erschienen ist, daß in den neununddreißig Klöstern des Landes das Lesen und Schreiben der cyrillischen Schrift gelehrt wurde, aber das wird wohl eine sehr vereinzelte Erscheinung gewesen sein. Denn diesen hochwürdigen Herren war ja meist die geheimnißvolle schwierige Kunst des Buchstabirens verschlossen und jedes Buch ein Buch mit sieben Siegeln. Als Oberst Metzler die Grenzregulirung in der Bukowina durchführte und sich hiebei einiger dieser Klostergelehrten als Schriftführer bedienen wollte, machte er die unliebsame Bemerkung, daß sie eigentlich nur ein Kreuzlein als Namensfertigung hinzumalen wußten. Wer Priester werden wollte, brauchte nur einen sechsmonatlichen Unterricht in den Ritualien zu genießen und etwas Gesang zu erlernen und er konnte geweiht werden. Einige Bojaren im Lande sollen sich griechische Hauslehrer gehalten haben, die mindestens fertig lesen konnten. Mehr aber auch nicht!

Und hundert Jahre später! Von der neuen Hochschule abgesehen, blühen im Lande drei Gymnasien (zu Czernowitz, Nadantz, Suczawa). In Wahrheit sind es aber fünf Anstalten, denn zwei dieser Gymnasien haben Parallelklassen bis zur obersten Klasse. Das Gymnasium in Czernowitz hat eine Schülerzahl, welche jene mittlerer Universitäten übersteigt; diese Zahl schwankt zwischen 600–700 und darüber. Ganz dasselbe gilt von der Oberrealschule in Czernowitz, welche schon 1875 in ihrem ersten Jahrgang 150 Schüler hatte! Außerdem gibt es noch eine Realschule zu Sereth. Ferner finden sich in Czernowitz noch folgende Anstalten mit durchweg überstarker Frequenz: Eine höhere Gewerbeschule, eine landwirtschaftliche Lehranstalt, eine Lehrerbildungsanstalt, ferner eine Anstalt für Heranziehung weiblicher Lehrkräfte, eine höhere Töchterschule, eine große Anzahl Volksschulen, deren es im ganzen Lande an zweihundert gibt.Derzeit (1888) bereits über zweihundert. Doch ist es in der Zeit von 1875 bis heute mit der Gründung neuer Schulen leider nicht in gleich raschem Tempo gegangen, wie in der Epoche von 1860 bis 1875. Anm. zur 3. Aufl. Das kleine Czernowitz hat mehr Schulen, als manche größere Provinzialstadt des Westens, und bringt relativ größere Opfer hiefür, als irgend eine andere Kommune des Reichs, Wien vielleicht ausgenommen. Greifen wir einen andern Punkt zur Vergleichung heraus zwischen Einst und Jetzt: die Bevölkerungsziffer. Zur Zeit der Erwerbung durch Oesterreich gab es da, wie erwähnt, im Ganzen 75,000 Einwohner, vielleicht nicht einmal so viel, da die erste Volkszählung erst einige Jahre nach Uebernahme des Landes erfolgte. Hievon waren 55,000 Rumänen, 12,000 Ruthenen, 8000 Menschen verschiedener Nationalitäten, Juden, Armenier, Zigeuner, letztere in besonders großer Zahl. Auch wohnten in den drei Städten Czernowitz, Sereth und Suczawa einige deutsche Kaufleute, namentlich Sachsen aus Siebenbürgen. Unter den damaligen »Städten« hat man sich übrigens nichts weiter zu denken, als Orte, wo Lehmhütten zahlreicher zusammenstanden als anderwärts. In Czernowitz gab es keinen einzigen Steinbau, und als da 1776 die Huldigungsfeier erfolgte, mußte hiefür ein Zelt aufgeschlagen werden; es gab keine einzige Stube in dieser »Landeshauptstadt«, welche auch nur zehn Menschen hätte fassen können. Solcher Orte, wo zwar auch Lehmhütten zusammenstanden, aber nicht so zahlreich, also Dörfer, gab es 239. Die Zahl der Lehmhütten im ganzen Lande betrug vier Jahre nach der Erwerbung 12,000, die Zahl der Familien 12,500.

Hundert Jahre später stellte sich die Bevölkerungssumme der Bukowina auf 543,420 Einwohner, welche in 120,380 Familien vereinigt waren. Ein Wachsthum also, wie es für amerikanische Begriffe freilich geringfügig, in Europa jedoch selten ist. Der Nationalität nach lebten da: 221,726 Rumänen, 202,700 Ruthenen, 95,091 Deutsche christlicher und jüdischer Konfessionen, ferner 9238 Ungarn, 3260 Lipowaner, 1087 Slovaken, ferner 10,307 Einwohner der verschiedensten Nationalitäten, von denen die Zigeuner und die Polen mit beiläufig je 2000 Seelen am zahlreichsten vertreten waren, während die Türken mit nur 17 Seelen den geringsten Bevölkerungsbruchtheil repräsentirten.Derzeit (1888) dürfte sich die Bevölkerung auf rund 620,000 Seelen stellen; die Verhältnißziffern der Nationalitäten haben sich theilweise verschoben. Die Zahl der Ruthenen kommt nun jener der Rumänen mindestens gleich, dürfte jedoch die letztere sehr bald erheblich übertreffen. Diese Erscheinung erklärt sich nicht nur durch die vermehrte Einwanderung der Ruthenen von Galizien her, sondern auch durch den Umstand, daß sich da, wo Ruthenen und Rumänen beisammen wohnen, der Mischungs- und Entnationalisirungs-Prozeß stets zu Gunsten des slavischen Elements entscheidet. Ebenso ist die Zahl der Polen in stetem Wachsthum begriffen, und zwar einerseits in Folge vermehrter direkter Einwanderung aus Galizien, anderseits aber deshalb, weil sich unter den heutigen politischen Verhältnissen mancher als Pole deklarirt, der sich noch 1875 für einen Ruthenen oder Deutschen hielt. Anm. zur 3. Aufl.

Mächtig haben sich die Städte gehoben. Der Lehmhüttenhaufe, der vor hundert Jahren »Tschernauz« hieß, ist heute die freundliche, zivilisirte deutsche Stadt Czernowitz. Auch Sereth ist aufgeblüht, nur Suczawa nicht; die alte Fürstenstadt der Moldau bietet auch heute noch einen trostlosen Anblick. Zwei Marktflecken, Radautz und Kimpolung, wurden zu Städten erhoben. Die Gesammtzahl der Städte stellt sich also jetzt auf 5, ferner jene der Märkte auf 19, Dörfer gibt es 295, Weiler 193. Die Anzahl der Häuser stellt sich auf 99,245.

Werfen wir einen vergleichenden Blick auf die Verkehrsmittel, auf Handel und Gewerbe. Im Jahre 1775 gab es, wie erwähnt, weder Straßen noch Brücken. Selbst die Einrichtung der Ueberfuhren ließ Alles zu wünschen übrig. Die Landwege hatten nur den Zweck, den Verkehr von Dorf zu Dorf zu vermitteln; die Flüsse waren unregulirt und daher als Transportwege gar nicht im Gebrauch. Posten gab es nicht; wer dem Andern etwas zu sagen hatte, kam selbst oder schickte einen Boten. Handel und Gewerbe lagen gänzlich darnieder. Die Bauern waren ausschließlich auf das angewiesen, was sie selbst erzeugten; sie aßen, was sie hatten, und wenn sie nichts hatten, so verhungerten sie.

Im Jahre 1875 durchzieht hingegen die Eisenbahn bereits in einer Ausdehnung von 17.4 Meilen das Land und wenn sie u. A. auch über die viel berufenen Mihuczeni-Dämme führt, so wird sie doch von Vielen benutzt. Auch wird der Süden des Landes wohl nicht allzulange auf eine neue Bahn, die Verbindung mit Siebenbürgen, zu harren haben.Diese Hoffnung hat sich leider, so begründet sie auch war, in den letzten dreizehn Jahren nicht erfüllt. Eine Bahnverbindung zwischen der Bukowina und Siebenbürgen wäre von größter volkswirthschaftlicher Bedeutung für beide Länder und würde in ihrer Fortführung über Bistritz nach Klausenburg dem entlegenen Ostlanden auch die Wohlthaten einer neuen, kürzeren und direkteren Verbindung mit der Reichshauptstadt Wien bringen; während jetzt die Bahnverbindung nur auf dem Umwege des großen Bogens über Krakau und Lemberg möglich ist, wäre durch den Ausbau der Strecke Klausenburg-Suczawa gleichsam die Sehne dieses Bogens gezogen. Auch strategisch wäre die Bahn von großer Wichtigkeit, und da dem Bau keine übergroßen technischen Hindernisse im Wege stünden, so darf man es wohl den vielen Unbegreiflichkeiten, an denen unser armes Vaterland so reich ist, beizählen, daß die Sache bisher von keiner Seite energisch angeregt, geschweige denn gar in Angriff genommen wurde. Was von 1875 bis heute an neuen Bahnen in der Bukowina gebaut wurde, sind Lokal-Strecken von untergeordneter Bedeutung, deren Werth für die Allgemeinheit recht fraglich ist. Die erste, 53 Kilometer lang, zweigt bei der Station Hliboka der Lemberg-Czernowitzer Bahn ab und geht westwärts über Karapcziu nach Berhometh am Szereth. In Karapcziu schließt eine kleine Zweigbahn an, welche, 19 Kilometer lang, nach dem Dorfe Czudin führt. Eine andere Lokalbahn, welche bei Hatna von der Lemberg-Czernowitzer Bahn abzweigt, führt, 67 Kilometer lang, nach Kimpolung. Eine dritte führt von Czernowitz nordöstlich, 33 Kilometer lang, nach dem russischen Grenzorte Nowosielica. Die beiden erstgenannten Bahnen Hliboka–Berhometh und Karapcziu–Czudin sind nicht blos derzeit Sackbahnen, sondern werden es auch stets bleiben, und ihr volkswirthschaftlicher Werth, mit den Kosten der Anlage verglichen, ist leider nicht so unbedingt zu erkennen als jener Nutzen, den sie ihren Konzessionären gebracht haben. Die beiden anderen Bahnen sind mindestens vorläufig noch Sackbahnen. Jene nach Nowosielica könnte nur dann zu Bedeutung kommen, wenn Rußland hier einen Anschluß von Süden her durch Bessarabien bauen würde. Die nun in Kimpolung endende Bahn aber ist eben als der erste Ansatz zu der Verbindung mit Siebenbürgen zu betrachten, ist jedoch leider ein Anfang, an dessen Fortsetzung niemand denkt. Anm. zur 3. Aufl. Die Reichsstraßen, die trefflich erhalten werden, betragen 54 Meilen, die Konkurrenzstraßen 69 Meilen, die chaussirten Gemeindestraßen 101 Meilen. Vier große und zahlreiche kleine Brücken, ferner Ueberfuhren erleichtern den Verkehr. Die Flüsse des Landes sind in einer Ausdehnung von nicht weniger als 86 Meilen mit Flößen schiffbar und auf diesen Wasserstraßen wandern insbesondere die herrlichen Buchen und Tannen dieses Berglandes an die untere Donau hinab und in die Schiffswerften am schwarzen Meer. – Ferner besteht im Lande eine Postdirektion mit 78 Postämtern und eine Telegraphendirektion mit 18 Telegraphenstationen. Handel und Gewerbe blühen und haben insbesondere in den letzten Jahren fröhlichen Aufschwung genommen. Die bereits erwähnte fleißige Arbeit von Mikulicz gibt die Zahl der Handeltreibenden mit 3718, die Zahl der Gewerbetreibenden mit 5227 an, von denen 141 sich mit dem Transport beschäftigen. Es sind 22 Dampfmaschinen im Betriebe und 56 Dampfkessel in Branntweinbrennereien. Der lebhafte Handel hat eine internationale Bedeutung und über Czernowitz geht größtenteils der Verkehr Rumäniens mit Deutschland.Die letzten zwei Jahre haben diesbezüglich einen traurigen Rückschlag gebracht. Der Handel von Czernowitz liegt in Folge des Zollkrieges zwischen Rumänien und Österreich arg darnieder, und die Klagen über wachsende Verarmung, wenn sie auch vielfach übertrieben sein mögen, entbehren doch unzweifelhaft nicht einer gewissen Begründung. Anm. zur 3. Aufl.

Erwähnen wir ferner, was bei einem Agrikulturlande unerläßlich, wie sich der Stand des Ackerbaus von 1775 zu dem von 1875 verhält. Von der Gesammt-Area von 1,816,163 Joch entfielen auf verbaute Flächen, auf Gärten und Aecker 375,729 Joch, von denen aber mehr als die Hälfte regelmäßig brach lag; es fehlte gleichermaßen an Arbeitslust wie an Arbeitskraft. Auf Wiesen entfielen 140,000, auf Hutweiden 240,000, auf Waldungen 920,000 Joch, während 69,000 Joch von Sümpfen bedeckt waren, und der unproduktive Boden einen Flächenraum von 71,454 Joch einnahm. Produzirt wurden 700,000 Metzen Mais, 100,000 Metzen Hirse. 80,000 Metzen sonstiges Getreide (besonders Weizen). Der Ertrag der Obst- und Gemüsegärten war ein geringer, edlere Obstsorten kannte man gar nicht. Die prächtigen Wälder lagen ohne jeden Ertrag, ganz sich selbst überlassen, keine Spur von einer Forstcultur, nicht einmal von einer rohen Ausnutzung; achtlos liest man die herrlichsten Baumstämme vermodern. Der Viehstand betrug 12,000 Pferde, 91,000 Rinder, 130,000 Schafe und Ziegen, 10,000 Schweine, 6000 Bienenstöcke. Der Bergbau wurde nicht rationell betrieben, man hieb nur auf, was zu Tage lag, und das gab etwa 150 Centner Eisen. Sehr primitiv war die Benutzung der zahlreichen Salzquellen des Landes; das Salzwasser wurde geschöpft und gleich in dieser Form als Würze benutzt; an ein Versieden dachte Niemand. Uebrigens war dieses Salzwasser von den moldauischen Hospodaren mit einer hohen Steuer belegt. Diese Leute besteuerten Alles; es ist ein wahres Wunder, daß sich diese Blutegel nicht jeden Athemzug Luft bezahlen ließen.

Im Jahr 1875 umfaßten die Bauparzellen, dann Gärten und Aecker 481,185 Joch. Also anscheinend nur eine Vermehrung um ein Drittheil, in Wahrheit aber um circa 75 Perzent, denn nun lagen nur 4 Perzent der Aecker brach. Auf Wiesen entfielen 1875 281,896 Joch, auf Hutweiden 198,540 Joch. Die Waldungen hatten sich etwas vermindert, auf 810,820 Joch. An Sümpfen waren blos 381 Joch verblieben; durch diese Kulturarbeit haben sich insbesondere die Lippowaner große Verdienste um das Land erworben. Der unproduktive Boden bedeckte 1875 nur noch 43,341 Joch, und zwar mit Einschluß der Gewässer, Straßen, Wege, Schotterbänke, Felsen u. s. w. Der Ackerbau produzirte 1875 an Weizen 173,240, an Roggen 577,255, an Mais 1,648,992, an Gerste 476,442, an Hafer 652,894, an Heidekorn 104,693, an Hülsenfrüchten 38,143, an Kartoffeln 2,301,120, an Oelsamen und Anis 59.285, an Kleesamen 12,397 Metzen. Ferner an Tabak 1349 Zentner, an Heu und Grummet 3,968,790 Zentner, an Kleeheu 769,987 Zentner. An edlem Obst wurden 25.778 Metzen gewonnen. Auch der Weinbau wird nun eifrig betrieben. Die Bukowinaer Traube ist sehr süß, was sich vom Wein gerade nicht sagen läßt. Wahrscheinlich liegt dies an der unrationellen Art der Pressung und Klärung.

Die Waldungen gaben nach einer Angabe von 1875 jährlich 511,767 Kubikklafter Brennholz und 16,036 Kubikklafter Bau- und Werkholz. An Vieh wurden gezüchtet: 42,813 Pferde, 242,424 Rinder, 216,699 Schafe und Ziegen, 135,885 Schweine. 17,091 Bienenstöcke. Der Bergbau wird rationell betrieben, freilich werden die Schätze, die in diesem Boden schlummern, noch lange nicht so ausgenützt, wie sie es verdienen und reichlich lohnen würden. Der Bergbau lieferte im Jahr 1875 21,095 Zentner Kupfererze. 200,621 Zentner Eisenerze, 6627 Zentner Braunstein, 28,982 Zentner Steinsalz. Der Jahreswerth der durch die Urproduction gewonnenen Produkte erreichte 36,269,434 fl. ö. W.

Stellen wir ferner die Cultus-Verhältnisse von Einst und Jetzt in Parallele. Die griechisch-orientalische Kirche war im Jahre 1775 die unbedingt herrschende, zu ihr bekannten sich etwa 67,000 Einwohner. Der Rest, also etwa 8000 Seelen, gehörte verschiedenen Konfessionen an, die Mehrzahl waren Juden, einige Hundert (Zigeuner) waren Heiden. Die Katholiken hatten (noch aus der Polenzeit her) eine einzige Kapelle in Suczawa, die Juden hingegen durften keine Synagoge errichten. Um so üppiger florirte der Cult der herrschenden Religion, sie hatte einen Bischof zu Radautz, ferner 186 Pfarrer und 140 Hilfspriester. Aber das ist noch lange nicht Alles! In dem armen Ländchen bestanden 39, sage neununddreißig Klöster, so daß beiläufig auf je 1500 Gläubige ein Kloster kam, ein Verhältniß, welches nicht auf dem ganzen Erdball und zu keiner Zeit seines Gleichen findet! Von diesen Klöstern waren 31 zur Aufnahme von Mönchen (sämmtlich nach der Regel des heil. Basilius) bestimmt, in den übrigen 8 Klöstern hausten nach derselben Regel Nonnen. Im Ganzen gab es im Lande zur Zeit der ersten Erbhuldigung, also zwei Jahre nach der Occupation und nachdem die frommen, aber rohen und stark verkneipten Väter massenhaft nach der Moldau geflüchtet und den größten Theil der Kirchenschätze mitgenommen, 466 Mönche und 88 Nonnen, für das Jahr 1775 aber kann man ihre Anzahl mindestens auf 2000 anschlagen, sodaß beiläufig jedes dreißigste Männlein oder Weiblein Mönch oder Nonne war. Dieses Heer von Nichtsthuern wurde aus den Klostergütern erhalten – zwei Drittheile des Landes gehörten den Klöstern oder waren an sie verpfändet oder verliehen!

Natürlich hat der Josefinismus in diesem Augiasstall gehörig aufgeräumt. Die Nonnenklöster wurden sämmtlich, die Männerklöster bis auf drei gesperrt. Die letzteren bestehen noch heute, doch stellt sich die Zahl der Mönche in allen zusammen nur auf 30–40; das hervorragendste ist Putna, geringer an Zahl und Gut sind Suczawiza und Dragomirna. Das Vermögen der Klöster wurde eingezogen und daraus der griechisch-orientalische Religionsfond gegründet, einer der reichsten Fonds der Monarchie mit ungeheurem Guts-, Haus- und Bergwerkbesitz. Aus den Erträgnissen werden nicht nur sämmtliche Cultusbedürfnisse der griechisch-rechtgläubigen Bewohnerschaft bestritten, sondern auch viele Schul- und Wohlthätigkeits-Institute, welche allen Konfessionen zu Gute kommen, erhalten. Auch heute ist die griechisch-orientalische Kirche an Bekennern (im Jahr 1875 407,311 Köpfe, deren Seelsorge von einem Erzbischof und etwa 300 Pfarrern besorgt wurde) die stärkste, aber sie ist nicht die herrschende; es gibt keine herrschende Konfession in der Bukowina und eben darum herrscht ungetrübtester religiöser Friede im Land trotz (oder wegen?) der Vielfältigkeit der Glaubensbekenntnisse. Außer den Griechisch-Orientalen lebten 1875 noch im Lande 84,481 Seelen anderer christlicher Confessionen: Römisch-Katholische (in 31 Pfarreien), Griechisch-Katholische (in 16 Pfarreien), Armenisch-Orientalische (1 Pfarre), Protestanten A. C. (4 Pastorate), Protestanten H. C. (1 Pastorat). Ferner Unitarier, Bezpopowzen und Popowzen, letztere gar sonderbare Christen, welche in diesem Buche unter dem stolzen Namen, den sie sich selber beilegen, als »Leute vom wahren Glauben« nähere Würdigung finden. Von einem confessionellen Hader oder Vorurtheil findet sich, wie erwähnt, im Lande keine Spur,Es gehört zu den betrüblichsten Thatsachen, von welchen diese neue Auflage zu berichten hat, daß auch dieser Satz einer Einschränkung bedarf. Schon haben auch in der Bukowina die Hetzereien zwischen der »allein selig machenden« und der griechisch-orientalischen Kirche begonnen und das zu größerer sozialer Bedeutung gelangende Polentum versucht sich zunächst durch Kraftübungen auf diesem Gebiete. Auch an Zeichen für den erwachenden Antisemitismus fehlt es nicht. Noch immer sind die Religions-Verhältnisse der Bukowina, was Friede und Duldung betrifft, im Vergleich zu jenen der Nachbarländer als günstig zu bezeichnen, aber – wie lange noch? Anm. zur 3. Aufl. auch die 50,000 Juden erfreuen sich der vollständigsten sozialen Gleichberechtigung und vergelten dies durch redliche und erfolgreiche Arbeit in allen Zweigen des öffentlichen Lebens. Der Jude in der Bukowina steht sozial, politisch und moralisch ungleich, ja unglaublich höher, als der polnische oder rumänische Jude, und ich habe Gelegenheit, da wieder einmal von ganzem Herzen mein Sprüchlein anzubringen: »Jedes Land hat die Juden, die es verdient«.

Den schärfsten Contrast jedoch bieten Verfassung und Verwaltung von 1775 und von heute. 1775 war die Bukowina ein Theil des Fürstenthums Moldau, einer türkischen Provinz also, die an habgierige Hospodare vermiethet wurde. 1875 ist die Bukowina das gleichberechtigte Glied eines konstitutionellen Culturstaates! Wer die Verhältnisse der Bukowina mit jenen ihres Stamm- und Nachbarlandes Rumänien vergleicht, der wird den Enthusiasmus begreiflich finden, mit dem die Bewohner des gesegneten Ländchens die Erinnerung an den Tag begingen, der sie aus jenem unseligen Staatswesen löste und dem Kaiserstaate einfügte.

Aber in gleichem Grade galt dieser Enthusiasmus auch der Gründung der neuen Hochschule. Die Stiftung der Francisco-Josephina bildete den würdigen Höhepunkt und Markstein der abgelaufenen hundertjährigen Kultur-Epoche und gibt die Gewähr eines dauernden geistigen Ringens und Strebens.

Nicht als politisches Experiment ist diese Stiftung zu betrachten, nicht als der Versuch, im entlegenen Osten neuerdings eine Politik zu inauguriren, welche in Galizien und Ungarn gescheitert. Es ist ein wirkliches, tatsächliches, dringendes Bedürfniß, dem die neue Hochschule entsprechen soll. Die Bukowina ist ein ansehnliches Land mit deutscher Verkehrssprache und – die nächste deutsche Hochschule war bisher fast 150 Meilen fern! Wenn der deutsche oder deutschsprechende Sohn dieses Landes nicht an der polnischen Universität Lemberg oder an der magyarischen Universität Klausenburg studieren wollte, so blieb ihm nichts übrig, als sich nach dem fernen, kostspieligen Wien zu wenden. Das konnten aber Viele nicht und das Land litt tatsächlich Mangel an eingeborenen Aerzten, Lehrern und Richtern. Schon als Landesuniversität also ist die Universität Czernowitz vollkommen berechtigt und notwendig und die Mittelschulen in der Bukowina allein sind im Stande, ihr eine Frequenz zu sichern, welche die kleiner deutscher Hochschulen weit übersteigt.

Aber auch als friedliche Schutzwehr für das bedrohte deutsche Volksthum im Osten ist die neue deutsche Hochschule aufgerichtet. Der Sohn des galizischen Deutschen, der Sprosse des wackern siebenbürgischen Sachsenstammes, der Deutsche in den ober-ungarischen Comitaten war gezwungen, entweder an eine Hochschule West-Oesterreichs zu gehen oder, sofern er dies nicht konnte, sich wohl oder übel entnationalisiren zu lassen. Man sage nicht, daß es ihm ja wohl möglich war, seine Studien in anderer Sprache zu betreiben und deshalb doch ein Deutscher zu bleiben. Es war dies bei dem nationalen Fanatismus, der sich insbesondere an den polnischen Hochschulen breit macht, in der That nicht so leicht möglich, und übrigens ist auch unter uns Deutschen nicht Jeder ein Hermann oder Cato. Unser Volksthum hat auf diese Weise manchen herben Verlust erfahren. Nun ist diesem Unheil ein starker Riegel vorgeschoben.

Aber nicht blos als eine Erhalterin und Mehrerin der deutschen Kraft im Osten kommt die neue Hochschule in Betracht, auch als eine Erhellerin den anderen Völkern. Und hierin liegt wohl ihre Hauptbedeutung. Das politische Moment, welches ihr innewohnt, ist kein allzu bedeutendes, aber das culturhistorische Moment ein unermeßliches. Dem Ruthenen aus Galizien, dem Rumänen aus Siebenbürgen oder den Donaufürstenthümern, dem Südrussen aus Bessarabien und Volhynien wird die neue Hochschule die Ergebnisse deutscher Wissenschaft vermitteln und ihn somit nicht seinem Volke entreißen, sondern zu einem doppelt nützlichen Sohne desselben herausbilden. Auch hierin wird sich die selbstlose deutsche Art bewähren.Es ist mir nicht leicht gefallen, diese unmittelbar nach der Gründung der neuen Hochschule hingeschriebenen und kurz darauf veröffentlichten Betrachtungen über ihre zukünftige Bedeutung hier wiederzugeben, und dürfte ich bloß meinen persönlichen Empfindungen folgen, ich hätte sie gern unterdrückt, um nicht auch der schmerzlichen Thatsache gedenken zu müssen, wie weit die Resultate der dreizehn Jahre, die dazwischen liegen, hinter allen, auch den bescheidensten Erwartungen zurückgeblieben. Aber die Wahrheitsliebe gebietet es, dem Leser den Vergleich zwischen jenen Hoffnungen, welche einst an dieses Culturwerk geknüpft wurden, und der Art, wie sie sich bisher erfüllt haben, zu ermöglichen, auch wenn diese Begleichung Jedem, der für die Culturbedeutung Oesterreichs Verständniß und für seine Geschicke ein Herz hat, bitter wehe thun muß. Wie überschwänglich heute auch die obigen Ausführungen klingen mögen, sie waren es niemals. Sie faßten lediglich zusammen, was vor und bei der Gründung der neuen Hochschule nicht blos die Deutschen in Oesterreich, sondern überhaupt alle Anhänger des Staatsgedankens von ihr erwarteten. Ja, noch mehr! wären diese Erwartungen geringer gewesen, so hätte niemals an die Gründung gedacht oder gar geschritten werden dürfen. Daß es anders kam, liegt nicht daran, weil die Verwirklichung einer Utopie versucht wurde, sondern daran, weil die Ausführung von vornherein in der dürftigsten und unzulänglichsten Weise geschah und kurz nach Gründung der Hochschule, vier Jahre später, ein trauriger Wechsel in der inneren Politik Österreichs eintrat. Als die österreichische Regierung sich entschloß, im fernen Osten auf nichtdeutschem, sondern nur durch Kulturarbeit errungenem Boden eine deutsche Hochschule zu gründen, welche nicht bloß als »eine Erhalterin und Mehrerin der deutschen Kraft im Osten«, sondern auch als »eine Erhellerin der anderen Völker« in Betracht kommen sollte, da mußte es ihr klar sein, was allen Gebildeten klar war: daß das große Werk nur durch große Mittel gelingen könne, und daß man es lieber ganz unterlassen müsse, als statt eines stattlichen und großen Baues ein armseliges Flickwerk herzustellen. Ich glaube auf Grund jener Mitteilungen, welche mir damals aus den maßgebenden Kreisen wurden, dem zu jener Zeit am Ruder befindlichen Ministerium nachsagen zu dürfen, daß es diese Alternative wohl begriff und sich darüber klar war, daß bei der Gründung der Universität Czernowitz die Ehre und Machtstellung Österreichs in ähnlicher Weise engagirt sei, wie etwa bei der Wiedererrichtung der Straßburger Hochschule jene des jungen deutschen Reiches. Man wollte thatsächlich nicht bloß eine deutsche Universität mehr, sondern eine solche von wirklicher Bedeutung schaffen. Aber auch hier erfüllte sich jener Erbfluch unseres Staates, den unser größter Dichter in die Worte gebannt hat, daß es sein Schicksal sei, »mit halben Mitteln zu halben Thaten zögernd hinzustreben«. Gewiß, man wollte nach Czernowitz Kräfte ersten Ranges berufen, nur war man sich leider nicht darüber klar, daß dazu sehr viel Geld und sehr viel Ausdauer in der Verhandlung gehöre. Was sich jeder Laie von vornherein sagen mußte: daß berühmte akademische Lehrer nur dann für die entlegene Stadt im Osten gewonnen werden könnten, wenn man sie durch besondere materielle und moralische Vortheile für diesen Tausch gegen die altberühmten und ihnen gewohnten Stätten ihrer bisherigen Thätigkeit entschädige, scheint die österreichische Regierung nicht gewußt zu haben, sonst wäre sie nicht so maßlos erstaunt darüber gewesen, daß sich keiner der berühmten Männer, an welche sie herantrat, bereit fand, gegen kärgliches Gehalt und ohne jedwede sonstige Entschädigung seine Zelte an der Donau, am Neckar oder an der Spree abzubrechen und sie, nur einzig der deutschen Kulturidee zulieb, am Pruth aufzuschlagen. Aber nicht blos an Geld fehlte es, sondern auch an Geschick und an dem rechten Eifer. Ausgezeichnete Kräfte hätten sich innerhalb jenes Budgets, welches der Regierung zur Verfügung stand, nicht gewinnen lassen, aber immerhin bewährtere als jene, die man nun berief. Es soll hier nicht geleugnet, im Gegentheil, hervorgehoben sein, daß sich unter den Lehrern der neuen Hochschule mancher tüchtige Mann fand, der seinen Platz voll ausfüllen konnte, aber es ist andererseits eine Thatsache, die nicht geleugnet werden darf, daß dieser Lehrkörper schon in seiner ersten Zusammensetzung keineswegs ein durchaus erfreuliches Bild bot und recht deutlich Zeugniß davon ablegte, wie wenig die Regierung ihre hochstrebenden Absichten praktisch auszuführen verstand. Wenn sich dies nun zu einer Zeit begab, da noch die leitenden Staatsmänner an den deutschen Culturberuf Oesterreichs glaubten und der neuen Hochschule als ihrer eigensten Schöpfung liebevolles Interesse entgegentragen mußten, wie mußte es erst dann um die Fürsorge von Wien aus stehen, als 1879 jene Richtung zur Herrschaft kam, welcher das deutsche Kulturwerk im Osten naturgemäß gleichgültig, wo nicht gar ein Dorn im Auge sein mußte! Die Universität Czernowitz besteht, weil es trotz alledem noch immer an dem Muthe fehlt, ein 1875 mit allem Pomp der Staatsgewalt eingeweihtes Unternehmen schon einige Jahre später wieder aufzugeben. Aber man wendet ihr jene Fürsorge zu, wie man sie eben einem notwendigen Uebel erweist: man läßt es fortbestehen, weil man es nicht beseitigen kann noch darf, aber man sorgt dafür, daß es von Jahr zu Jahr nicht etwa größer sondern kleiner wird. Die Lücken des Lehrkörpers werden nur durch zweierlei Arten von Bewerbern ausgefüllt: durch junge Männer, die nach Czernowitz gehen, um eben einmal einen Anfang in ihrer akademischen Carrière zu machen, und durch ältere, die sich dorthin berufen lassen, weil sie auf einen Ruf von anderwärts vergeblich harren würden. Die ersteren gehen wieder fort, sobald sich anderwärts auch nur die geringste Aussicht bietet, und nur die letzteren bleiben. Das mag hart klingen, aber es ist die Wahrheit, und die wenigen Ausnahmen, die sich darunter finden, bestätigen eben nur die traurige Regel. Kein Wunder, daß unter diesen Umständen von irgend einer Culturbedeutung der Czernowitzer Hochschule für die Länder Halb-Asiens von vornherein wenig die Rede sein konnte und nun fast gar nicht mehr sein kann. Der Südrusse oder der Rumäne geht nur dann nach Czernowitz, wenn ihm ganz und gar die Mittel fehlen, irgend eine größere Hochschule des Westens zu beziehen, und da sich das Vorurtheil festgesetzt hat, daß man dort nicht viel Besseres gelehrt erhalte als an den heimischen Hochschulen, so wird die Zahl dieser Ausländer eine immer geringere. Ganz ebenso steht es um die Frequenz aus den österreichischen Nachbarländern, auf welche zudem die immer fortschreitende Polonisirung und Magyarisirung ungünstig einwirkt. Das Facit aber ist, daß die Czernowitzer Universität, was Frequenz betrifft, mit der Krakauer um die Palme ringt, die schwächstbesuchte österreichische Hochschule zu sein, daß sie im Wesentlichen eine Bukowinaer Landes-Universität geworden ist, welche noch obendrein selbst diese Aufgabe nicht ganz zu erfüllen vermag, da sie ja blos aus zwei Fakultäten, der juristischen und der philosophischen besteht, während die medizinische ganz fehlt und die theologische nur durch das ehemals bestandene griechisch-orientalische Seminar ausgefüllt wird. So hat an dem heutigen Zustande niemand eine rechte Freude, weder der Feind noch der Freund des deutschen Kulturgedankens, und es ist lediglich ein heißer Herzenswunsch, aber nicht mehr der Ausdruck einer zuversichtlichen Hoffnung, wenn ich wünsche, daß die künftige Entwicklung des einst mit so flammender Begeisterung begonnenen Werkes mehr dem letzteren als dem ersteren zur Genugtuung gereiche. Anm. zur 3. Aufl.

Und nun von jenen Festtagen. Hei! wie schimmert es uns in der Erinnerung entgegen, das prächtige Bilderbuch, in dem wir damals festtrunken geblättert, Blätter, so gewaltig, so sinnverwirrend bunt und dabei so schlicht und herzerfreulich! Wir hatten es uns nicht so schön gedacht, wir Alle nicht, die wir gekommen, das Fest im fernen Ostlande mitzufeiern. Und mag immerhin in währendem Zeitlaufe hier eine Farbe verblassen, dort ein Umriß verschwimmen, ganz wird Keinem sein Bilderbuch entschwinden. Dafür ist gesorgt.

All Jenen, die nicht dabei gewesen, oder Jenen, die gerne eigene Eindrücke mit fremden vergleichen, sei hier ein oder das andere Blatt aus dem Buche aufgeschlagen, das ich mir selbst in den unvergeßlichen Tagen angelegt. Das Fest galt der Erinnerung an die Verlobung, die einst hier der Geist des Westens mit dem Osten gefeiert, und nun, da hundert Jahre gesegneten Brautstandes ins Land gegangen, ward er zum jubelnden Hochzeitsfeste der Beiden. Wie der Strom des Westens den Osten befruchtet, trat in tausend lichten Spuren zu Tage. Aber auch in unvermitteltem Nebeneinander waren sie zu sehen: hier höchste Cultur, dort unverfälschteste Natur. Die drei Octobertage von 1875 zu Czernowitz waren das heiterste, angenehmste und interessanteste Compendium der Culturgeschichte, welche je erschienen ist.

Halb ein Bilderbuch zur Unterhaltung, halb ein Stücklein Kulturgeschichte zur Orientirung – so laßt euch denn die flüchtigen Skizzen gefallen . . .

Vor Allem der ständige Hintergrund: Czernowitz.

Du liebe, junge, unfertige Stadt am Pruth, vielleicht bin ich nicht der rechte Mann, dich zu schildern. Die Stätte, wo man als Jüngling geweilt, hat man lieb wie seine Jugend. Da liegt Alles in Duft und Sonnenschein, wenn man zurückblickt. Wer recht seiner Jugend gedenkt, dem liegt über der kältesten Nacht im Dachstübchen warmer Goldschimmer und über dem härtesten Stück Brotes Bratenduft. Vielleicht geht es mir nicht anders mit dir, du liebe Stadt! Vielleicht habe ich dich zu lieb, deine Schwächen zu sehen.

Aber ich denke, Jeder, der unbefangen diese Stadt besieht und kennen lernt, wird ihrer freundlich gedenken. Auch die Erfahrung bestätigt dies. Nur muß man freilich die Verhältnisse des Ostens kennen. Für den ersten Eindruck, welchen Czernowitz macht, ist es entscheidend, ob man früher eine andere Sadt des Ostens gesehen und ge–rochen oder nicht. Ist Letzteres der Fall, so wird ein Wiener leicht die feine Beobachtung machen, daß nicht aller Comfort des Westens hier zu finden ist. Auch sind in der That am Graben zu Wien die Häuser viel höher und stattlicher als am Ringplatz zu Czernowitz. Aber wer langsam die umliegenden Landschaften durchzieht, hierher zu gelangen; wer Stanislau oder Jassy, Mohilew oder Bistritz gesehen, wird freudig erstaunt diese Cultur-Oase betreten. Er sieht wieder einmal eine Stadt, nicht mehr einen wirren Knäuel von Häusern und Hütten; er sieht Straßen, nicht mehr im Zickzack laufende Zwischenräume, auf denen der Unrath der umliegenden Häuser abgelagert wird; er sieht schöne, wohnliche Häuser, ihn grüßt mancher neue, stilvolle Prachtbau; er sieht wieder gepflasterte Straßen und Plätze, und die Straßen werden beleuchtet und gekehrt. Und vor Allem: wieder einmal kann man in den Straßen wandeln, ohne sich das Sacktuch vor die Nase halten zu müssen.

Freilich, diese Stadt wird, und selten hat sich in Europa eine so jähe Entwicklung vollzogen wie hier. Im Laufe eines Jahrhunderts hat sich die Bevölkerung um das Siebenunddreißigfache vermehrt! Im Jahre 1775 ein Haufe Lehmhütten, 1860 ein stilles galizisches Kreisstadtchen, ist Czernowitz heute die hübscheste, freundlichste Stadt des österreichischen Ostens, zugleich die Stätte und noch mehr die Vermittlerin eines gewaltigen Verkehrs. Alljährlich wachsen neue Straßenzüge aus dem Boden, schwinden Ruinen und Gärten, neuen Bauten Platz zu machen. Hier brauchte Chidher, der ewig junge, nicht so lange Pausen zu machen, um Alles gründlichst verändert zu finden!Heute beträgt die Einwohnerzahl von Czernowitz, die Vororte mit einbegriffen, 53,000 Seelen. Der Zuwachs beträgt von 1875 bis heute etwa 17–18,000 Seelen und ist erst in allerletzter Zeit, eben infolge der traurigen volkswirthschaftlichen Verhältnisse, etwas in's Stocken gerathen. Anm. z. 3. Aufl.

Aber wüchse die Stadt auch noch so gewaltig, die gegenwärtigen Grenzen ihres Gebietes wird sie deshalb nicht hinauszurücken brauchen. Czernowitz bedeckt mit seinen Vorstädten den Flächenraum einer Quadratmeile. Jene Stadt, welche so regsam und sieghaft einer blühenden Zukunft entgegenringt, nimmt hievon kaum ein Zwölftheil in Anspruch. Das Uebrige ist Garten, Dorf, Acker. Wer diese Stadt durchwandert, dem treten so merkwürdig verschiedene, so überaus bunte Bilder vor die Augen, daß er sich immer wieder verwundert fragt, ob es dieselbe Stadt ist, in der er wandelt. Ost und West, Nord und Süd und alle erdenklichen Culturgrade finden sich da vereinigt. Alle erdenklichen! – wiederhole ich. Der Fond eines Czernowitzer Fiakers kann uns zu Faust's Zaubermantel werden, der uns binnen wenigen Stunden Bilder vor die Augen zaubert, die sonst durch Raum und Zeit unendlich weit geschieden liegen.

Da hebt sich gegen Süden ob der Stadt ein schöner Berggipfel, den grüner Wald umkränzt und die Sage zauberhaft umfließt, der Caecina. Eine tiefe Schlucht trennt ihn von dem Hochplateau, auf dem das liebe Stück Europa liegt mit seinen ragenden Thürmen. Die Schlucht birgt freundliche Häuser, und auch den Bergabhang klimmen sie empor und grüßen aus tiefem Grün freundlich herüber. Wer dies sieht und je im Schwarzwald gewesen, dem wird schier traumhaft zu Muthe. Das ist ja ein Schwarzwaldthal, wie es leibt und lebt! Und fährt er durch die Gäßchen und sieht sich die Menschen an, oder klopft er an eines dieser Häuser, so umwebt ihn der Traum immer dichter. Die Leute tragen die Tracht und reden die Mundart, die zwischen Kinzig und Neckar so behaglich-naiv und freundlich-komisch im Schwung ist. Ein Schwarzwalddorf – aber dabei ein Theil der Landeshauptstadt Czernowitz.

Weiter führt uns Faustens Zaubermantel, weiter, so rasch es seine mageren Gäule gestatten. Schließet ein Viertelstündchen nur die Augen, haltet das Bild des freundlichen Bergdorfes fest. Und nun, da der Wagen hält, öffnet sie wieder! Wieder umklingen euch deutsche Laute, aber widrig verzerrt. Und statt des frischen Waldduftes sehr eigentümliche Gerüche. Vor euch ein düsterer, grauer Steinbau und rings kleine, dumpfige, erbärmliche Häuser, die Straße ein Schlammpfuhl. Und um euch schmutzige, blasse Menschen in Kaftan und Schmachtlöcklein und früh verwelkte Frauen mit sonderbarer Kopftracht. Ihr steht in der Judenstadt, vor der Synagoge der Orthodoxen. Ein podolisches Ghetto, wie es leibt und lebt, aber dabei ein Theil – der älteste Theil – von Czernowitz.

Aber nicht alle Söhne des »auserwählten Volkes« sind hier geblieben in Schmutz und Dunkelheit, die meisten sind emporgezogen, den Berg empor, wo bessere, reinere Luft weht, und wohnen da vereint mit ihren Mitbürgern, durch nichts von ihnen unterschieden, als durch die Confession. Den Juden gehört ein gut Theil der Häuser im Centrum der Stadt. Dieser Theil bietet gleichfalls ein eigenartiges Bild, dessen Charakter sich am besten feststellen läßt, wenn ich an die jungen Stadttheile deutsch-österreichischer Provinzstädte erinnere. So etwa sieht es in den Vierteln Geidorf oder Leonhard zu Graz aus. Freundliche, regulirte Straßenzüge, aber noch nicht völlig ausgebaut. Hier eine Zinskaserne, daneben ein Garten, ein kleines Häuschen und wieder ein mächtiger Bau. Gebaut wird überall, die Häuser wachsen nur so aus der Erde.

Rolle ostwärts, Zaubermantel, und rüttle uns nicht zu stark! . . . Wollt ihr nächst der jungen deutschen Provinzstadt ein kleines russisches Landstädtchen sehen? Hier habt ihr die kleinen weißen Häuser, die breiten Gassen, die Gärten, das russische Bad, die byzantinische Kirche. Dort wo der Weg nach Horecza biegt, liegt das Städtchen, als hätte es ein Zauberer aus irgend einem westlichen Gouvernement herausgehoben und hierher gepflanzt. Oder wollt ihr ein ruthenisches Dorf, ein echtes? Die Hütten im Knäuel liegend, strohgedeckt, die Arme der Schöpfbrunnen hochauf zum Himmel ragend. Rings Maisfelder, braune Haide, im Hintergrunde ein Wald. Man könnte sich tief in Podolien wähnen oder tief in der Ukraine. Aber wir sind im Stadtgebiete von Czernowitz und noch lange nicht an seiner Grenze.

Und nun wieder westwärts. Vom alten Byzanz klingt die Sage, wie seine Paläste herrlich ragten und mächtig seine Kuppeln strahlten; aber dazwischen stand ein griechisches Holzkirchlein, ehrwürdig durch sein Alter, und elende Häuschen, ebenso dumpf und niedrig, wie jene Bauten stolz und herrlich, und vielleicht just darum so niedrig. Wollt ihr ein Stück Byzanz sehen? Hier hebt es sich: die bischöfliche Residenz, ein Prachtbau, so gewaltig und merkwürdig, daß er allein Kunstverständigen eine Reise ins entlegene Ostländchen reichlich lohnt, in seiner Nähe der stolze Kuppelbau der Synagoge. Selbst die altehrwürdige Holzkirche fehlt nicht und noch minder die elenden Häuschen. Ein Bild, glänzend und ärmlich zugleich, und auch in dieser Richtung ein echtes Stück Orient.

Aber nicht weit davon liegt ein Stück Amerika. Ich bin leider noch nicht drüben gewesen jenseits des »großen Wassers«, und kann mir nur aus Berichten und Zeichnungen das Bild einer werdenden Stadt zusammensetzen. Aber so mag es am Rande der Prairie aussehen, wie zu Czernowitz auf dem »Austriaplatz«. Dicht hinter den Häusern des Platzes beginnt die unbewohnte Haide und dehnt sich meilenweit fort. Und auf dem Platze, da steht ein schönes, stilvolles Gebäude, wackelige Nothbauten, Hütten, umfriedete Bauplätze, Alles bunt durcheinander gewürfelt. In der Mitte das Denkmal. Aehnliches findet man wahrhaftig in Europa nicht. Auch ein kleines Stück England findet sich in Czernowitz: die Fabrikstadt in der Pruth-Ebene. Da stehen die massiven Steinbauten und schwarz rauchen die Schlote. Die Luft ist von Kohlendunst geschwängert; aber mehr, noch weit mehr dieses Dunstes wünsche ich meiner Jugendstadt von ganzem Herzen. Hebung der Industrie muß ihr erstes und wichtigstes Bestreben sein, nun, da für geistige Interessen vorläufig genügend gesorgt ist.

Noch manches seltsame Bild könnte ich aus dieser Stadt der Gegensätze herausgreifen. Aber das Bisherige mag genügen. Die wachsende Cultur, der Segen zukünftiger Tage, dem die junge Stadt entgegenblüht, werden wohl manche Besonderheit verwischen. Insbesondere hört das Stück Amerika wohl bald auf, amerikanisch zu sein. Aber eine interessante Stadt wird Czernowitz immer bleiben – durch das Gewirre der Culte und Nationalitäten. Letztere geben sich in dieser Stadt freilich, was die Gebildeten betrifft, nur durch den Typus kund, nicht durch die Sprache. Dieser Aller Sprache ist die deutsche.

Eine interessante Stadt und eine liebliche dazu. Viel dichtes Grün erfreut hier das Auge, und wer aus der Ebene kommt und die ragende Höhe sieht, muß unwillkürlich denken: Stünde hier keine Stadt, man müßte sie hier erbauen. Dieser günstigen Lage verdankt die Stadt nicht blos ihre Existenz, sondern auch ihre Dauer durch die Nacht sturmvoller Jahrhunderte. Czernowitz, als Stadt so jung, ist als Wohnstätte überhaupt uralt. Mögen sie nun die Römer oder die Gothen gegründet haben, gewiß ist, daß hier unzählige Geschlechter geblüht und gewelkt. Schwere Schicksale trafen die Stadt am Karpathenfluß; wohl an die dreißig Mal ward sie geplündert, verbrannt, von der Erde vertilgt. Und schier ein Jahrhundert lang lebte nichts von ihr, als die Sage, daß hier einst Menschen gehaust. Aber der Zauber ihrer Lage erwies sich wunderkräftig, er belebte noch einmal die verödete Stätte, und außer dem Fleiß der Bewohner hat Czernowitz dieser überaus günstigen Lage sein fabelhaft rasches Wachsthum zu danken.

Dies der Hintergrund für die Bilder jener Octobertage. Und wie ich ihrer gedenke, treten sie vor mich hin, so überaus bunt und wechselvoll, so von sonderbarstem, eigenartigstem Leben durchfluthet, daß mir wahrlich die Zuversicht schwindet, sie in schwachem Wort festhalten zu können, und die Wahl schwer wird, welches genauerer Ausführung am meisten werth. Denn über diese Tage ließe sich ein Buch schreiben, und es wäre wahrlich nicht das uninteressanteste, welches je geschrieben wurde . . .

Ich beginne mit dem buntesten, eigenartigsten Bilde, dem Volksfest.

Dort, wo die letzten Häuser stehen, an der Heerstraße, die von Czernowitz gegen Süd führt, grünt ein Garten voll kühler Bosquets und sonniger Wiesen und lauschiger Irrgärten, wie er in keiner andern Stadt des Ostens so groß und wohlgepflegt zu finden ist: der städtische Volksgarten. Hier promeniren am Sabbath die jüdischen, am Sonntag die christlichen Honoratioren, an Wochentagen aber klingt nur zuweilen durch die stillen Alleen räthselhaft und dumpf Getön: das sind die Gymnasiasten von Czernowitz, die hier für den nächsten Tag das eingezeichnete Stück Wissenschaft auswendig lernen. Sonst quakt hier nur noch zuweilen ein Frosch, oder einer der dreihundert zwanzig Lyriker, mit denen die Stadt gesegnet, gebiert unter halblautem, angstvollem Stammeln ein Lied . . .

Auch manches Fest ist hier schon gefeiert worden, manches hübsche Volksfest. Aber ein solches wie am ersten Sonntag des October noch nicht. Und schwerlich mehr wird ein solches hier gefeiert werden, außer etwa wieder am 3. October 1975. Aber das liegt ja just nicht dicht vor uns. Freuen wir uns, daß wir diesmal recht die Gelegenheit genützt. Es war wahrlich der Mühe werth. Denn es gibt keinen andern Ort der Welt, wo man Aehnliches sehen könnte, in Europa mindestens gewiß nicht. Weder die Pracht des Festes, noch die Zahl der Theilnehmer dictirt mir diesen anscheinend sehr überschwänglichen Ausdruck. Aber schwerlich anderswo wird man so vielen Sprachen, Trachten, Nationen begegnen. Das war sinnverwirrend im allerbuchstäblichsten Sinne des Wortes. Es blendete das Auge, es betäubte das Ohr.

Gegen die Mittagsstunde waren die Abgeordneten der Bauernschaft des Landes, an die zwölfhundert Mann, mit ihren Weibern und Töchtern, Müttern und Bräuten in den Garten eingezogen. Vom kalkigen Felsufer des Dniester und den blauen Waldhöhen am Czeremosz bis hinab zum goldumsäumten Rande der Bistrizza und den Wiesen, durch welche lässig die Suczawa rinnt; von der unermeßlichen Urwaldnacht, welche zwischen diesem Lande und seinem magyarischen Nachbar aufgerichtet ist, bis tief in's fahle Haideland im Osten, durch welches die rumänische Grenze schneidet – aus allen Dörfern, Weilern und Höfen waren sie gekommen, ihrem Staate zu huldigen und seiner Verkörperung: dem Fürsten. Aber das sollte morgen geschehen. Hierher, in diesen Garten, waren sie nur gekommen, sich zu freuen. Und Freude geben dem Naturmenschen drei Dinge: Essen, Trinken, Tanzen. Vielleicht noch andere Dinge, aber diese stehen nirgendwo auf dem offiziellen Programm, auch haben sich die Festordner nicht dafür zu bemühen. Also: gegessen, getrunken, getanzt wurde auch im Volksgarten zu Czernowitz. Und über die beiden ersten Dinge ist nicht viel zu sagen. Man trank Schnaps und Bier und aß Ochsen- und Hammelbraten, die eben an freien Feuern gar geworden.

Aber dieser Tanz, aber diese Musik!

Wer je dieses Land, ob auch nur flüchtigen Fußes, durchschritten, der weiß, daß hier Bruchgestein all der Völker haust, die jemals über diesen Boden gegangen; daß hier kaum ein Dorf ganz dem andern gleicht, an Bauart der Häuser, an Sprache, Tracht, Sitte und Typus der Bewohner. Aber auf seinen Fahrten waren ihm noch all die Bilder durch Raum und Zeit geschieden. Hier jedoch hallte Alles in derselben Sekunde in sein Ohr, und ein Blick des Auges konnte Alles umfassen. Was mir auch bisher in aller Herren Ländern zu schauen gegönnt war, Interessanteres als dieses Volksfest im Stadtgarten zu Czernowitz habe ich nicht gesehen, und mit gespannteren Sinnen habe ich nichts betrachtet. Denn eine tausendjährige Geschichte tanzte da vorbei, und die Kulturgeschichte des Ostens johlte aus tausend und aber tausend Kehlen. Wohin sich zuerst wenden? . . . Dort, vom Rande der Wiese, klingt jäh, heulend, langgezogen ein Ton in unser Ohr und schwebt vernehmlich über dem andern Getön: eine Bergpfeife aus dem Czeremosz-Thal. Ein junger Bursch bläst sie, und um ihn her strampfen im Kreise, eng aneinandergeschlossen, langhaarige, sonderbar gekleidete Männer. Eintönig kreischt die Pfeife, eintönig geht das Gestrampfe, und aus rauhen Kehlen heulen sie ein Lied dazu, es klingt wie ein ewiges »Urraj!« Sie blicken nicht auf, sie halten sich eng aneinander. Denn vielleicht zum erstenmale sind sie in einer Stadt und sicherlich zum erstenmale in der Hauptstadt. In vereinzelten Hütten, begraben in der grünen Wüstenei des Bergwaldes an der Grenze gegen Pocutien, hausen sie sonst, ihre Heerden ihr einziger Schatz und das einzige Tauschmittel des Verkehrs. Und mitten im Karpathenwald hausend, sind sie gleichwohl eine Reiternation, die mehr auf dem Rücken ihrer kleinen, zähen, flinken Rosse wohnt, als in den erbärmlichen Hütten. Vielleicht ist dies auch ein Erbtheil ihrer Väter, des verschollenen, räthselhaften Stammes der Uzen, der einst von Osten kam und gen West strömte, so daß nur im Bergthal eine Woge haften blieb. Huzulen heißt man sie, und weil sie Ruthenisch sprechen, nennt sie die Statistik Ruthenen. Aber ihr Typus deutet nicht darauf; diese kleinen, schwarzhaarigen Menschen mit dem kühn und scharf geschnittenen, gelblichen Antlitz schauen nicht aus wie Slaven. Auch ihre Tracht ist merkwürdig: grellrothes enges Beinkleid, brauner kurzer Reitrock, kleines keckes Federhütchen, um den Leib ein mächtiger Gurt, in dem mindestens eine Pistole blinkt und mindestens ein breites Messer. Sie machen oft davon Gebrauch, nicht blos dem Bären gegenüber. Wie die Kinder sind diese Menschen, just so gutmüthig, aber just so jäh und launisch und wild. Sie verachten die Ruthenen der Ebene und nennen sich selbst stolz »Söhne der Uzen«.

In der That ist zwischen ihnen und ihren Sprachgenossen im Flachlande in allen Dingen ein gewaltiger Unterschied. Wenige Schritte davon könnt ihr sie tanzen sehen, die Ruthenen aus der Ebene zwischen Dniester und Pruth. Sie sind nicht so genügsam wie die einsamen Leute aus den Bergen, denen ihre Schalmei genügendes Orchester ist. Ihnen spielen Geiger auf und Cymbalschläger. Und da drehen sie sich nun in den buntesten Gangarten und Gruppirungen: »Porusku« ist ein Gemisch von Rundtanz und Cotillon. Sie sind ein schöner, starker Menschenschlag, hoch, breitschulterig, mit lichter Haut- und Haarfarbe. Unter den Mädchen finden sich neben entsetzlich soliden Schönheiten, die einige Ellen im Umfang haben, auch auffällig graziöse Gestalten mit lieblichem, feingeschnittenem Antlitz. Für Männer und Frauen ist der Schafpelz das Festkleid, was eigenartig aussieht und eigenartig riecht. Die Aermeren tragen den braunen »Serdak«, einen breit und weit geschnittenen Rock. In der Kopftracht unterscheiden sich scharf die Vermählten von den Ledigen und auch beim Tanze sondern sie sich darnach. Das Weib trägt ein weißes Tuch um den Kopf, das Mädchen die Haare frei herabwallend und einen Kranz oder eine ganz sonderbare, mit Flittern besteckte Tuchkrone ums Haupt. Sie sind ein phlegmatisches, melancholisches, zähes Volk, diese Ruthenen. Auch hier könnt ihr's sehen. Unermüdlich drehen sie sich, wie sie denn überhaupt Alles gern langsam und gründlich thun. Aber ihre Gesichter bleiben stumpf und traurig. Keuchend, aber todesernst drehen sich die Bursche und Mädchen. Der Contrast zwischen den heiteren Weisen und diesem Gesichtsausdrnck wirkt unwiderstehlich komisch.

Aber im Uebrigen darf man wahrlich nicht über sie lachen. Zäh und beharrlich haben sie sich das Land erobert und drängen die ursprüngliche Hauptbewohnerschaft, die Rumänen, immer weiter nach Süd. Wo Rumänen und Ruthenen zusammengrenzen, herrscht binnen zehn, zwanzig Jahren der Letztere. Und der Besiegte nimmt des Siegers Sprache an. Da drüben, der Wiese nah, wo die Heerdfeuer stammen, vergnügt sich eine solche Gruppe. Dunkeläugige, schlaublickende Juden spielen ihnen auf, und was sie tanzen, ist ein echt rumänischer Tanz, der Harcanu. Ihre Hautfarbe ist bronceartig, und die magere, bewegliche Gestalt verräth das romanische Blut. Aber horcht den Rufen, mit denen sie sich in immer tollere Freude hineintanzen – sie klingen ruthenisch. Und werden sie rumänisch angesprochen, so erwidern sie kopfschüttelnd: »Ne ponemaju«. Sie haben die Sprache der Väter verlernt.

Also Ruthenen, die eigentlich Huzulen, Ruthenen, die eigentlich Rumänen sind, und daneben sehr, sehr zahlreich echte Ruthenen. Auch sie selbst unterscheiden sich von einander durch Tracht und Dialekt, je nachdem sie aus Pocutien oder Podolien eingewandert, je nachdem sie ihren Wohnsitz im Flachlande oder im Hochlande genommen. Unter den Hunderten finden sich kaum je zehn, die in Sprache und Tracht vollständig übereinstimmen. So gibt es in einer und derselben Hauptgruppe erst recht ein kleines Babel.

Dasselbe gilt von den Rumänen. »Söhne Romas« nennen sie sich stolz, und aus ihrer Sprache lassen sich bei einiger Mühe ganze Sätze zusammenstellen, die wortwörtlich mit dem Lateinischen zusammenklingen. Aber das Blut ist stark gemischt mit slavischem, mongolischem, tatarischem Blut. Tagelang kann man im Lande reisen, ohne reinblütige Rumänen zu treffen. Hier freilich, wo Alles zu sehen, kann man auch sie treffen. Aus dem Hügellande, wo Österreich an die Fürstenthümer grenzt, sind sie hergekommen. Abseits, ganz abseits halten sie sich; ein sonderbarer Stolz ist diesen Menschen angeboren, und sie haben viel natürliche Würde, so lange sie – nüchtern sind. Hier sind sie's noch. Zigeuner spielen auf, überaus zerlumpte Zigeuner, aber ihre Fiedeln singen zaubertönig – ein echter Rumäne tanzt nach keiner andern Musik. »Romana« tanzen sie, den Nationaltanz, phantastisch und figurenreich, oder »Oleadru«, einen Cotillontanz, wie ihn selbst die hochverehrliche »deutsche Tanz-Akademie« – bei aller Achtung vor dieser gelehrten Gesellschaft sei es ausgesprochen – nicht graziöser und kunstvoller austüfteln könnte. Aber das entspricht ja der Art dieser schlanken, beweglichen Söhne des Südens mit dem scharfgeschnittenen braunen Antlitz und den dunklen, blitzenden Augen. Und was vollends diese Mädchen betrifft, so wäre es bei ihrem Anblick gar nicht schwer, sich an die Ufer des Tiber zu träumen. Auch auf dem Tusculum des Cicero haben sich die latinischen Mägde nicht anders getragen: in Linnen und bunter Stickerei, und zur Festtracht um die Schultern eine blaue Tunica. Und nicht anders haben sie dem Horaz das Aug' erfreut: schlanke, üppigstolze und doch schmiegsame Gestalten, im süßen, dunklen, halbverschleierten Auge wildesten Sinnenbrand.

Aber auch viel Mischlingsblut spricht die dakisch-latinische Mundart. Hier eine Gruppe, auf welcher der Blick nicht gerne ruht: die Leute sind gar zu häßlich. Kleine Menschen mit gelben Gesichtern, schiefgeschlitzten Aeuglein, schier verkümmerten Nasen. Und die Beine bilden das schönste, regelmäßigste, lateinische O. Rumänisirte Mongolen, die in den Bergen sitzen geblieben, durch welche einst die Raub- und Heerstraße ihres Volkes ging. Sie brauchen keine Musik, sie heulen sich selber ein Lied vor, nach dessen Tact die Säbelbeinchen regelmäßig zusammenknicken und wieder aufschnellen. Unermüdlich hüpfen sie, wie die Frösche – es wäre zu komisch, wenn es nicht so unheimlich wäre.

»Hup! Hup!« tönt uns noch lange das Geheule nach. Aber nun dringen uns freundlichere Töne ins Ohr; es ist ein Ländler, ein wahrhaftiger Ländler von Lanner. Wie das sonderbar anmuthet, ist kaum zu sagen. Rasch biegen wir um die grüne Hecke – da, vor der Schänke, ein Bild aus dem Renchthal oder von der Schwäbischen Alb. Da sitzen an den Tischen die alten Schwabenbauern, in den langen stattlichen Kaputröcken aus blauem Tuch mit silbernen Knöpfen, und neben ihnen die Weiber im geblümten mächtigen Reifrock. Da tanzen die jungen Bursche im knöpfeschimmernden Spenser, die Mädchen im bunten Mieder und kurzen Röcklein, daß darunter die Waden im schwarzen Strumpf wie mächtige Pilaster zu sehen. Hier haben sich die Deutschen gelagert, die Schwaben aus Rosch, die Deutschböhmen aus Fürstenthal, die Zipser aus Jakubeny, die Pfälzer und Niederdeutschen aus dem Anland der Suczawa. Zehn verschiedene Dialekte, zehn verschiedene Trachten aus allen Gauen Deutschlands. Aber sie verstehen sich gut und halten treu zusammen, die versprengten deutschen Landsleute. Freilich tanzt der Zipser nur mit seiner schlanken Zipserin und der Mann aus Rosch mit seinem runden, rothbackigen »Moidele«. Aber vielleicht ist auch dies deutsche Art. Uebrigens geht es hier nicht allzu laut zu. Alles mäßig, ehrbar, aber gründlich. Nur zuweilen schlägt die Lust in hohen Wogen auf. Denn während der Ruthene beim Tanz aussieht, als begrübe er just sein Liebstes, lacht und frohlockt der Deutsche und schmettert zuweilen ein Trotz- und Tanzlied in die Lüfte.

Huzulen und Mongolen, Rumänen, Ruthenen, Deutsche – auch dies Gewühle wäre verwirrend genug. Aber was Alles kann man hier nicht noch außerdem tanzen und johlen hören!

Hier Slovaken im spärlichen Linnengewand, den runden weichen Filzhut auf dem langhaarigen Haupte. Heute ungemessen in der Freude, wie sonst ungemessen in der Klage, Söhne eines Volkes, dem auch auf diesem gesegneten Boden dasselbe Loos gefallen wie anderwärts: die Aermsten unter den Armen zu sein. Hier sitzt der Slovake nicht etwa als Drahtflechter, sondern als Ackerbauer, aber er gedeiht nicht recht. Heute freilich johlen sie entsetzlich, und ihre Weiber in buntem Drillich kreischen. Diesem Volke, besonders seiner zarten Hälfte, wäre es nicht gut, zu predigen, daß Gott sie nach seinem Ebenbilde geschaffen: sie würden sich sonst den lieben Gott mit einer Stumpfnase ausstatten und mit einem Munde, der die Aufgabe hat, zwischen beiden Ohren eine wulstig klaffende Oeffnung zu ziehen.

Schön und kräftig, schlanke braune Bursche, dralle, feueräugige Dirnen – so präsentiren sich ihre Nachbarn, hier im Garten und in der Wirklichkeit: die Magyaren. Aus dem armen, bergigen Szeklerlande sind sie einst hinabgestiegen in das Tiefland und haben hier ein reiches, blühendes Heim gefunden. Darum jauchzen auch ihre »Eljen« zum Himmel auf wie Raketen – die Leute wissen, was der heutige Tag bedeutet. Hui! wie die Fiedel klingt; hui! wie der »Csárdás« dröhnt! Die Sporen klirren und die weiten weißen Pumphosen fliegen nur so im Kreise. Nur die Reicheren tragen das eng verschnürte Beinkleid. Aber eine bunte Feder hat sich Jeder auf den Hut gesteckt und eine rechte Festfreude ins Herz hinein. Und wie sie so am Rande der Haide tanzen, ist es ein Bild, wie aus der Puszta zauberhaft hierhergestellt.

Aber es gibt auch Viele, die nicht tanzen. Da wandelt, bald scheu abseits, bald näher herandrängend als just nothwendig, der orthodoxe Jude in seiner altpolnischen Tracht. Da geht sein Concurrent im Handel, der Armenier, langsam und gemessen einher – aus Suczawa oder Kimpolung; dort allein hat sich die armenische Tracht erhalten, ein langes, seidenes Untergewand, bis auf die Knöchel herabwallend, darüber ein sammt- oder pelzgeschmückter Kaftan. Da wandelt düster und mürrisch der Lippowaner daher in altmoskowitischer Tracht, neben ihm sein dickes Eheweib in grellem, rothgeblümten Kleide. Er ist Einer der »Leute vom wahren Glauben«. Zur Huldigung ist er gekommen; aber was soll ihm die Freude mit dem unreinen Gewürm, das an Götzen glaubt?!

Dann elegante Herren und Damen, Bürger aus den Czernowitzer Vorstädten mit ihren Weibern – Pardon! Gemahlinnen – in rothen Umhängtüchern und grünen Handschuhen, Soldaten, Bergknappen, rumänische Popen mit langem Bart und Gewand, böhmische Spielleute, Akrobaten – ich glaube, ich schriebe es nicht aus, und schrieb' ich noch so lange fort.

Und dies Alles zusammengedrängt auf dem Raume einiger Gartenplätze und Alleen – es war ein Lärmen und Treiben, daß man sich hätte die Ohren stopfen und die Augen schließen mögen, und wieder, daß man sich tausend Augen und Ohren wünschte, Alles recht in sich zu fassen!

Und erst als es Abend wurde und Alles durcheinanderdrängte! Und wieder, als das Feuerwerk begann und bengalisches Licht die unsäglich bunte Gruppe der Harrenden zauberhaft umfloß! Es war ein märchenhaft schönes Bild!

. . . Schöneres haben diese Festtage nicht geboten. Aber andern interessanten Anblick noch, von dem man gern berichten und vielleicht auch – hören mag.

. . . Wer in dieser Landschaft zusieht, wie ein Fluß in den andern mündet, kann ein eigen Farbenspiel gewahren. Verschiedenfarbig sind sie, weil der Boden verschieden, durch den sie fließen. Und wenn sie sich mischen, so hält doch jeder seine Farbe fest, so lange er vermag. Da ziehen in demselben Bette Streifen grünlichweißen und tiefblauen Wassers dahin, lange, lange, bis sie endlich verfließen.

Schier dasselbe Farbenspiel kann gewahren, wer in das sociale Leben dieser Landschaft blickt. All die Bäche verschiedener nationaler Cultur und Uncultur fließen friedlich in Einem Bette. Aber noch nicht lange genug, um sich ganz gemischt zu haben. Wenn diese Wasser dereinst zu einem mächtigen Culturstrome geworden, wird Niemand ahnen, welche eigen gefärbten Streifen sie einst geziert oder verunziert. Heute sieht man's noch. Und vielleicht nirgendwo deutlicher konnte man's sehen, als bei dem Huldigungszug.

Er war riesig lang gedehnt und so zusammengestellt, daß er keinen malerischen Anblick gewähren konnte. Was das Volksfest so reichlich geboten: blendendste, sinnverwirrendste Farbenpracht, hier fehlte es ganz und gar. Wie absichtlich war es auseinandergezerrt, jeder Effect zerrissen. Wahrscheinlich durch Ungeschicklichkeit. Aber wir wollen sie nicht beklagen. Just an diese Gruppirung knüpfen sich am besten die Fäden, ein Culturbild des Landes im Fluge zu zeichnen.

Huzulen eröffneten den Zug, ein Fähnlein Ruthenen aus dem nördlichen Karpathenwald und ein Fähnlein rumänischer Bergbewohner aus den Thälern der Dorna und Bistrizza. Nicht eben elegant hockten die kühnen, verwegenen Bergmenschen auf ihren mageren Kleppern. Vielleicht können diese Rößlein und diese Art des Reitens einem Fremden ein Lächeln abgewinnen. Aber wer je auf einem Huzulenklepper durch unsere Berge getrabt, wird ihn nicht verachten. Er ist von einer so fabelhaften Ausdauer, von einer so ungemeinen Treue, Klugheit und Vorsicht, daß man ihm mehr vertrauen kann, als vielen Menschen. Er ist, um ein keckes Dichterwort zu gebrauchen, von vernünftiger Viehigkeit, indeß viele Menschen bloß von viehischer Vernunft sind. Nur Eine Eigenthümlichkeit muß man dabei schonen: den Sporen verträgt kein Huzulenroß, und mit dem Zügel muß man so wenig als möglich hantiren. Wer ihm vertraut, ist am Abgrund sicher, und wer es einzuengen sucht, kann mitten in der Thalsohle straucheln.

Kein Huzulenroß verträgt Sporen und Zügel und – kein Huzule. Frei lebt er in seiner Bergöde, ein einsamer Nomade, der mit seiner Heerde von Trift zu Trift zieht. Ihn bindet nichts als der eigene Wille. Denn wen nicht die Natur bindet, wen nicht sein eigen Herz bindet, den bindet keine Menschenmacht in dieser ungeheuren grünen Wüstenei der Berge und Wälder. Will er ein Räuber werden, er kann es; hier findet ihn kein Richter, kein Soldat. Aber er wird es selten. Wen sollte er auch berauben? Und was er braucht, bietet ihm sein Wald und seine Heerde.

Der wandernde Hirt, der Nomade, der Mensch im Urzustande! Schwerlich hat die löbliche Festordnerschaft daran gedacht, aber für unsere Zwecke hätte sich kaum eine bessere Eröffnung des Zuges finden lassen.

. . . Folgt eine Militärkapelle und schmettert den Radetzkymarsch. Das wäre nicht erwähnenswerth, böte es uns nicht ein Steinchen für unsere Mosaik, diesmal ein dunkles. Wer die riesigen Menschenmassen sah, welche sich stauten, als die Capelle zum erstenmal spielte, hätte leicht über den naiven Enthusiasmus der P. T. Provinzialmenschen spötteln mögen. Aber es war den guten Leuten zu vergeben; es war seit langen Jahren die erste Militärmusik, welche sie hören durften. Czernowitz hat keine Capelle, weil es sich weigert, eine Kaserne zu bauen. Die Stadt baut mehr Schulen, als ihr obliegt, vielleicht mehr, als in ihrer Kraft liegt; aber eine Kaserne will sie nicht bauen. Sie glaubt, daß man dies nicht mit Recht von ihr fordert, und daher thut sie's nicht. Man straft dies durch Entziehung der Genüsse türkischer Musik.

Ein dunkles Steinchen in der Mosaik dieses Culturbildes habe ich dies genannt, aber das war nicht wohl erwogen. Die zwerghaft kleine Affaire ist im Grunde ein helles Zeichen. Seht, diese Stadt ist loyal, so ungemein, so ganz überaus loyal. Selbst der schwarzgelbste Schwarzgelbe müßte sich hier wohl fühlen. Und dennoch finden die Bürger dieser Stadt den Muth, auf ihrem Rechte zu bestehen.

Folgen Turner, höchst seltsamlicherweise im Frack, und die Feuerwehren mit ihren Fahnen. Auch ein Veteranenverein mit sehr schönen goldenen Litzen und Troddeln erfreut das Auge. Holdes Soldatenspiel ältlicher Knaben, so hast du denn auch hier deine Heimstätte gefunden!

Vereine in Frack und Rock, mit oder ohne Fahnen, mit oder ohne Abzeichen, sehr, sehr viele Vereine. Czernowitz allein hat ihrer sehr viele, und das ist kein schlimmes Zeichen. Wenn irgendwo, so bedarf es auf diesem jungfräulichen oder kaum erst umrodeten Boden der geeinten Kraft. Sie findet sich auch zusammen. Nur Einer der Vereine ging in sehr geringer Mitgliederzahl daher, die »Deutsche Lesehalle«. Sie ist der einzige nationale Vereinigungspunkt der hiesigen Deutschen. Unter Hohenwart blühend, siecht sie nun dahin.Seitdem ist die »Deutsche Lesehalle« eines sanften Todes verblichen. Die Deutschen in der Bukowina sind seither in die bittere Lage gekommen, dies schmerzlich zu beklagen. Aber zu einer neuen nationalen Vereinigung ist es deßhalb doch meines Wissens noch nicht gekommen. Anm. zur 3. Aufl.

Das ist so überaus bezeichnend für deutsche Art im Osten, daß man wohl länger dabei verweilen muß. Der Deutsche ist der Allerweltsbeglücker und Allerweltsschoner. Treu und stet für sich und Andere die Culturarbeit verrichten – das versteht sich von selbst. Aber dabei sagen: »Ich bin ein Deutscher!« – bewahre! . . . Nur wenn der Deutsche in diesem Lande getreten wird, findet er den Muth dazu. Unter Hohenwart fand er ihn. Aber nun, da er wieder rastlos schaffen darf, in seinem Interesse allerdings, aber auch noch weit mehr im Interesse der Anderen, scheint ihm jede, auch die leiseste Betonung seines nationalen Bewußtseins sündhaft. Er fürchtet, schon dadurch die Anderen zu verletzen, wenn er sich überhaupt nur zu seinem Volke bekennt. Der Rumäne und der Ruthene, auch diejenigen, welche gern die deutsche Culturarbeit würdigen und fern von allem nationalen Fanatismus sind, sind nicht so zartfühlend. Und mit vollem Rechte!

Ich bin weit davon entfernt, den Deutschen zuzumuthen, durch übermüthige Betonung ihrer dominirenden Stellung, durch überflüssige nationale Demonstrationen Andere zu verletzen oder zu ähnlichen Demonstrationen zu verleiten. Das Herrlichste an und in diesem Lande ist und bleibt der nationale und confessionelle Friede, und kein Hauch darf ihn trüben, am wenigsten ein Hauch aus deutschem Munde. Das wäre nicht blos unklug, sondern verächtlich und des deutschen Geistes am mindesten würdig. Aber sich zu seinem Volksthum bekennen, das kann kein anderes Volksthum beleidigen. Wehe dem Deutschthum im Osten, wenn es sich in sublimen Kosmopolitismus auflösen würde – es wäre nicht blos sein eigenes Verderben, sondern auch das Verderben für alle Culturbestrebungen in diesem Lande! Nur wem aus dem Born seines eigenen Volksthums die Kraft quillt, kann für sein eigen Volk und Andere nützlich schaffen! Der Tag, an dem die Deutschen des Ostens dies vergessen würden, wäre der Beginn ihres Unterganges.

Viele Herren in kurzen und langen, modischen und unmodischen Fräcken. Und nun die Vertreter aller Confessionen. Da schreitet der Prediger der Reformjuden neben dem Chassid, der griechisch-orientalische Priester neben dem römisch-katholischen Pfarrer, der unirte neben dem nichtunirten Armenier, der katholische Russinen-Pope neben dem Abt der Altgläubigen, der helvetische Pfarrer neben dem evangelischen Prediger. Hier gehen sie friedlich, und friedlich gehen sie im Leben. In diesem Lande hat noch kein Mensch, mindestens seit hundert Jahren nicht, für seinen Glauben gelitten. Jeder schreitet seine Bahn dahin, weil er sie für die rechte hält; aber es ist noch Keinem zu Sinne gekommen, dem Nachbar seine Bahn mit Steinen oder Unrath zu verrammeln!

Warum? Warum blüht hier tiefster Friede, indeß ringsumher der Glaube den Menschen zum Fluche wird, der sie in tiefes, grimmiges Hassen und Wüthen hineinpeitscht?! War es ein Act edelster, freier Entschließung von Priesterschaft und Volk? Dictirte die Notwendigkeit solche Toleranz?

Es wäre schön und erhebend, könnte man das Erstere bejahen, schön und erhebend wär's, aber nicht richtig. Das Letztere ist die Wahrheit. Kein Glaube war stark genug, den andern zu unterdrücken. Wer sich über und gegen seine Brüder und Nichtbrüder in Christo erhoben hätte, hätte sich besagte Brüder und Nichtbrüder curios auf den Hals gehetzt. Stillzuhalten und zuzusehen, daß die eigene Heerde zusammenblieb, war die einzig mögliche Handlungsweise. So kamen Gleichberechtigung und Friede ins Land. Und daraus keimte allmählig ein milder Geist. Hatte man sich anfangs vertragen müssen, so vertrug man sich später von Herzen gern. Vielleicht wäre es trotzdem nicht gelungen, wäre die römisch-katholische Confession im Lande nicht so spärlich vertreten gewesen. Und sicherlich wäre es nicht gelungen, wäre sie so zahlreich gewesen, als es die griechisch-orientalische Kirche ist. Seht euch diese würdigen, vorüberwandelnden Popen mit lang herabwallendem Haupt- und Barthaar wohl an, zieht den Hut vor ihnen – es sind brave und gute Menschen! Sie sind in der Bukowina gebildeter als die Priester anderer Confessionen. Und sie sind wahre Priester, vielleicht weil sie Weib und Kind haben, weil es ihnen geboten und nicht verboten ist, rein menschlich zu empfinden.

Es ist ein lehrreich Capitel, das Capitel von der Toleranz in der Bukowina. Tröstlich für andere Landschaften ist es freilich nicht. Priester verschiedener Confessionen vertragen sich nur, wenn sie sich vertragen müssen.

Und die Völker?!

Seht her! Dichter und geschlossener wird der Zug: da wimmeln sie heran in tausend bunten Trachten, die zwölfhundert Abgeordneten der Bauernschaft dieses Landes. Aber nicht nochmals will ich sie schildern in ihrer tausendfältigen Verschiedenheit, sondern aussprechen, was sie geeint. Ringsumher, und namentlich in den Nachbarlanden im Norden und Westen, bitterster, wüstester Groll eines Volkes gegen das andere, hier allein Friede und Eintracht!

Was hat diese Menschen geeint?

Wieder die Nothwendigkeit. Die heilige Ananke ist die mächtigste Göttin; sie wirkt ihre Wunder, wo alle andere Genien verbleichen. Auch die Nationen einten sich hier anfangs nur deßhalb, weil sie mußten. Die beiden an Kopfzahl stärksten Völker hielten Frieden aus gegenseitigem Respect, die anderen aus Respect vor den mächtigen. Aber allmählig ward freier Wille, was anfangs nur Zwang der Notwendigkeit gewesen. Nur die Noth kann die angeborenen Instincte brechen oder biegen; aber hat sie es vollbracht, dann wirken auch mildere Genien: die Menschlichkeit, die Liebe.

Es gibt zwei Länder in Europa, wo sich Solches gefügt: die Schweiz und die Bukowina. Freilich durch die Nothwendigkeit allein wäre es in beiden Ländern nicht erreicht worden. Sie ist die materielle Kraft, welche den Trotz bricht, zu ihr muß eine geistige Kraft treten, die Menschen zu verbrüdern.

In der Schweiz war es der Geist der Freiheit, und in der Bukowina ein verwandter und gleich herrlicher Geist: die Cultur, oder was dasselbe sagen will, das Deutschthum. Versöhnend, vermittelnd trat es zwischen die anderen Nationalitäten, und hier war es ihm gegönnt, so viel Segen zu spenden, als es spenden kann, weil es nicht roh zurückgewiesen wurde.

Anderwärts geschah dies. Und darum und aus anderen, gleich traurigen Gründen kann man, wenn man nach den Ländern fragt, wo die Vereinigung verschiedener Nationalitäten schön gelungen, nicht antworten: Die Schweiz und Österreich. Nur in der Bukowina hat sich erfüllt, was einst der große Joseph so heiß ersehnt und so kräftig angestrebt: einen Staat, zusammengehalten durch die gemeinsame Bildung, keinen deutschen Nationalstaat, aber einen deutschen Culturstaat.

Auf dem Basrelief des Austria-Denkmals ist der große Kaiser zu sehen, wie er milde auf das jüngste Glied des Reiches hinabblickt. Und wahrlich! milde und weisheitsvoll haben diese Kaiseraugen auf dies Land geschaut, und Vieles von dem, was sich heute segensvoll entfaltet, das Meiste hat diese starke Hand gepflanzt.

Darum haben auch die Leute dieser Landschaft anfangs daran gedacht, ihn in der Hauptstadt im Bilde zu erheben. Dann haben sie ein gleich passendes Symbol erwählt: die Austria.

Wie sie enthüllt wurde, das ist ein leuchtend Blatt in dem Bilderbuche dieser Festtage. Und eine weihevolle Minute war es, als das Gold der October-Sonne zum erstenmale den Marmor umfloß und ein stürmisch Hoch aus tausend und abertausend Kehlen erschallte. Eine weihevolle Minute, und insbesondere jedes Deutschen Brust mochte sich da stolz heben. Denn wenn hier der österreichische Staatsgedanke einen Triumph feierte, wem anders hatte er es zu danken, als der Culturarbeit seiner deutschen Bürger?!

Manchem, der viel zu fern war, diese stürmischen Hochrufe zu vernehmen, mag es gleichwohl im selben Augenblicke seltsamlich im Ohr geläutet haben. Manchem Nachbar im Norden, manchem Nachbar im Süden und manchem hochedelgeborenen Herrn im Buchenlande.

Manchem Nachbar im Norden. Ich meine die Herren Polen. Sie haben dieser Feier gegenüber eine Haltung eingenommen, als wäre es das Triumphfest ihres bittersten Feindes und nicht des Staates, der auch über sie seine schützenden Fittige streckt. Nirgendwo geht es den Polen so gut, wie innerhalb der schwarzgelben Pfähle, und nirgendwo werden diese Farben bitterer gehaßt als in Lemberg und Krakau. Es wäre dies unbegreiflich und wird wohl nur dann erklärlich, wenn man an das düstere, antike Wort denkt: »Quem Deus perdere vult, obcoecat!« . . . Jenem Polenthum freilich, welches Andere unterjocht, für sich selbst Sonderrechte beansprucht, war dies Fest in der That ein feindliches. Es galt der Bildung und der Gleichberechtigung der Nationen, den Todfeinden nationalen Dünkels.

Manchem Nachbar im Süden. Aber wir wollen uns die Erinnerung der herrlichen Tage nicht dadurch trüben, daß wir der Herren Rumänen ausführlich gedenken oder gar des eklen Geifers, mit dem sie diese Tage zu beflecken versucht. Hätten sie sich darauf beschränkt, ernst und würdig zu klagen, daß hier einst ein Theil ihres Gebiets unter fremde Herrschaft gelangt, man hätte ihnen ebenso ernst erwidern können: »Segen darf man nicht beklagen. Nicht, wie der Staat heißt, sondern was er seinen Bürgern bietet, das allein entscheidet. Blickt euch an und dann die Bewohner dieses Landes, und freut euch mit ihnen, daß eure Stammesgenossen in Oesterreich glücklicher sind als ihr!« Aber vor dem Unflath, wie er von dort herübergeschleudert wurde, deckt man sich am besten mit dem Schweigen der Verachtung.

Ein anderes Schweigen sei den hochedelgeborenen Herren entgegengesetzt, welche still auf ihren Gütern saßen und sich nicht mit den anderen Bewohnern des Landes freuen wollten – das Schweigen geduldiger Nachsicht. Sind sie doch ehrenwerthe und überaus harmlose Leute, welche sich zudem derzeit in bemitleidenswerther Verlegenheit befinden. Es ist für Politiker keine Kleinigkeit, ihr Princip nicht zu wissen und nun angstvoll nach ihrem Princip suchen zu müssen. Hoffentlich gefällt ihnen dasselbe Princip, welches die gesammte Bewohnerschaft des Landes zu Licht und Segen geführt. Man muß ihnen nur Zeit lassen, es zu finden.Das war 1875, unter dem deutschfreundlichen Ministerium. Heute jubeln die »Hochedelgeborenen« und die Polen, die Deutschen aber haben den Kampf für den Staatsgedanken gegen die – österreichische Regierung zu führen! Anm. zur 3. Aufl.

. . . Noch manches schöne Bild drängt sich vor mein Auge, und kaum dämme ich die Neigung zurück, es nachzuzeichnen. Besonders jene beiden Lichtbilder in des Wortes ureigenster Bedeutung, die Beleuchtung der Stadt und dann den Festcommers, schilderte ich gerne. Und die Auffahrt der Studenten, dies farbenprächtige Decorationsstück, welches auf raschen Wagen an den erstaunten Augen der Czernowitzer vorbeizog und an den blitzenden, glühenden Augen der Czernowicienserinnen . . . faciles, formosae . . . ein »west-östlich« Bild wär's auch, wollte und könnte ich der Frauen dieser Stadt gedenken. Auch in ihnen fließt West und Ost eigen zusammen. Man findet hier sehr viele üppige, viele schöne Gestalten, oft genug ein sinneentflammendes, selten ein edel schönes Antlitz. Wer aus der Fremde kommt oder kehrt, dem wird in der ersten Zeit die Schönheit dieses Frauenschlages überraschend und erfreulich ins Auge treten. Es ist jenes üppig-frische Blühen, welches sich überall da entfaltet, wo verschiedene Racen zusammentreffen. Die Frauen einer Mischlingsrace haben gewisse stereotype Fehler im Gemüth, aber fast immer sind sie schön und anmuthig. Das gilt auch von den Frauen dieser Stadt.

Aber wohin gerath' ich da? Just vom Gegentheil wollt' ich reden, von Schlichtem und Ernstem. Und von einem nüchternen und doch so herrlichen Wort, in welchem sich für mich all die Eindrücke der Festesfreude einen.

Es war am 1. Mai 1872, einem gar lenzfröhlichen Tag. Da standen ihrer viele Hunderte – ergraute Kämpen der Wissenschaft, blutjunge Studentlein und viel festlich Volk – in einer luftigen Halle, und wie die Banner ob ihren Häupten im Frühlingswinde rauschten, ging auch durch ihre Herzen ein lenzhaft Wehen und rührte sie an in lichter Freude. Aber auch wie ein heiliger, ernster, unerschütterlicher Entschluß stand es auf ihrem Antlitz geschrieben. Als nun einer der Männer zu sprechen begann, da faßte er jene Freude und Festigkeit in ein einzig Wort zusammen, und es wird Jedem, der in jener Halle gestanden, für sein Leben unvergeßlich sein.

Das Wort hieß: »Deutsch sein heißt arbeiten!«

Jene Halle war der Hof im alten Bischofsschlosse zu Straßburg am Rhein, und die Feier galt der Eröffnung der Argentina, der deutschen Hochschule in der Westmark. Es war ein harter Boden, in den sie das junge Reis pflanzten. Aber nicht ungewiß waren sie über sein Loos. Sie wußten, daß der herrliche deutsche Geist, der eben zu den stolzesten Siegen geführt, von denen die Geschichte berichtet, sich im Frieden doppelt stolz und stark bewahren werde. Denn er ist ein Geist des Friedens und der Arbeit.

»Deutsch sein heißt arbeiten.«

Drei Jahre später, am 4. Oktober 1875, hatten sich einige jener Männer, die damals jenes Wort in der Halle zu Straßburg vernommen, wieder in einer Aula zusammengefunden, und wieder standen da Hunderte: ergraute Kämpen der Wissenschaft, blutjunge Studentlein und viel festlich Volk. Wer da aus den Fenstern blickte, sah nicht den gothischen Münster ragen, sondern einen byzantinischen Prachtbau, und nicht ins lachende Rheinthal konnte er blicken, sondern in die fahle Ebene des Ostens. Aber wieder galt die Feier der Eröffnung einer Hochschule in einer Grenzmark deutschen Geistes, und wieder war's harter Boden, in den sie das junge Reis senkten. Aber in stolzer Zuversicht thaten sie es, in lichter Freude. Und seltsam! auch dasselbe Wort fand sich wieder ein, und als sie jubelten, da es erklang, klang die Zustimmung auch wie ein Gelöbniß.

»Deutsch sein heißt arbeiten!»

War das nur Zufall? Ich glaube, innerste Nothwendigkeit. Und mehr als eine Phrase war es, es war ein Wahrwort, als der Rector von Straßburg es aussprach: dieselbe Aufgabe, welche seine Hochschule im Westen habe, habe die Francisco-Josephina im Osten.

Zwischen Straßburg und Czernowitz liegen Hunderte von Meilen, wohnen viele Völker, heben sich trennende Grenzpfähle. Aber mächtig fluthet zwischen seinen beiden Grenzwarten der deutsche Geist. Er ist ein Geist der Arbeit, vor Allem der selbstlosen Arbeit im Interesse der Cultur und der Menschlichkeit.

»Deutsch sein heißt arbeiten!« In diesem Zeichen wirst du siegen, junge Hochschule im Ost!


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