Karl Emil Franzos
Aus Halb-Asien – Zweiter Band
Karl Emil Franzos

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Gouvernanten und Gespielen.

(1874, 1875, 1888.)

Wer den Titel dieser Zeilen liest, erwartet vielleicht eine Schilderung der segensreichen Thätigkeit, welche die »Kulturträgerinnen« aus dem Westen in Rußland und Rumänien, in Galizien und Ungarn entwickeln, erwartet ein lieblich friedliches Genrebildchen, wie das treffliche fremde Mädchen im einsam wilden Karpathenthale zur Beglückerin der ganzen Gegend wird und von den dankbaren Eingeborenen wärmste Verehrung genießt. Das wäre ein Irrthum des Lesers: denn nicht einen Hymnus will ich hier anstimmen, sondern einen gellenden Warnruf, von dem ich wünsche, daß er Allen, die es angeht, erschütternd durch's Ohr in's Herz hinein klinge.

Es gehen jährlich Tausende von Bonnen, Gouvernanten und Gesellschafterinnen aus den westlichen Kulturländern nach Halbasien. Verläßliche statistische Aufzeichnungen hierüber gibt es nicht; nach flüchtiger Schätzung bewegt sich dieser Export innerhalb der Ziffer von drei bis sechstausend Individuen. Einzelne kompetente Fachleute geben weit höhere Zahlen an; so viel ist gewiß, daß der Export wohl ein beständiger, aber gleichwohl von merkwürdig verschiedener Intensität ist. Die obigen numerischen Angaben sind also dahin zu verstehen, daß in Jahren geringer Nachfrage mindestens dreitausend, in jenen stärkeren Bedarfs mindestens sechstausend Mädchen, Wittwen, geschiedene Frauen, kurz, alleinstehende Individuen weiblichen Geschlechts als Bildnerinnen von Westen nach Osten gehen. Am stärksten sind Bonnen begehrt, nächst diesen Gouvernanten, die »Gesellschafterin« nimmt numerisch die letzte Stelle ein. Noch geringer ist die Zahl der »Gespielen«: Knaben, die gleichsam als lebendige Grammatiken der französischen Sprache nach dem Osten exportirt werden. Von ihnen soll hier zunächst nicht weiter die Rede sein; sprechen wir zunächst nur von den Damen. Faßt man die Heimathländer der Gouvernanten in's Auge und gruppirt dieselben nach den Zahlen, mit welchen sie an dieser Auswanderung betheiligt sind, so ergibt sich folgende Reihenfolge: Die Schweiz, Belgien, Frankreich, England, Deutschland, Österreich, Italien. Spanierinnen, Holländerinnen und Däninnen trifft man fast nirgendwo, und dann gewiß nur in Häusern ihrer eigenen Landsleute.

Diese Länderskala ist schon deßhalb von Interesse, weil sie auf die Richtung der Kulturbestrebungen in den östlichen Ländern Europas helles Licht wirft. Die Gebildeten und Halbgebildeten dieser interessanten Nationalitäten, oder auch Jene, die es werden möchten, blicken nach Paris, als dem Mekka der Civilisation, halten die Kenntniß der französischen Sprache und Literatur für das Haupterforderniß, oft genug auch für das einzige Erforderniß der Bildung und wählen daher die Erzieherinnen ihrer Kinder, hauptsächlich unter dem Gesichtspunkte, daß denselben die Kenntniß dieses Idioms früh und ganz vermittelt werde. Bedürfte dieß noch eines Beweises, so gibt ihn die Thatsache, daß die drei Länder mit französischer Verkehrssprache in der Skala obenan stehen. Denn auch die Schweiz ist denselben beizuzählen, weil nur ihre westlichen Kantone, darunter hauptsächlich der Kanton Genf, an diesem Export betheiligt sind; daß sie sogar die erste Stelle einnimmt, findet seine Begründung theils in den sozialen Verhältnissen dieses Landes, theils darin, daß die Französin und nun gar die Pariserin nur ungern ihre Heimat verläßt, endlich auch darin, daß die Schulbildung in der Schweiz eine bessere und gründlichere ist, als in Frankreich. So kommt's, daß dieser große Staat erst an zweiter Stelle steht und auch diese gegen das kleine Belgien nur mühsam behauptet. Die beiden germanischen Staaten, die nun folgen, sind mit wesentlich geringeren Zahlen betheiligt. Seit etwa zehn Jahren sind dieselben übrigens in stetem Wachsen begriffen, insbesondere liefert Deutschland bereits ein stattliches Kontingent, welches jenes Englands bald überflügeln dürfte. Nur ganz minimal sind hingegen Oesterreich und Italien bei diesem Export interessirt.

Beantworten wir nun die nächstliegende Frage, wie sich das Geschick dieser »Vorkämpferinnen der Civilisation« an den Stätten ihrer Wirksamkeit gestaltet, so kann die Antwort, wenn man die Wahrheit als eine Göttin ehrt, welcher man nicht aus Vorliebe für die oder jene Nation in's Gesicht schlagen darf, nur eine traurige und entmuthigende sein. Von all' den Schmerzen, welche nur weiche oder gar sentimentale Herzen empfinden könnten, sehen wir natürlich ab. Wer einen Posten annimmt, der dreihundert Meilen weit von der Heimath liegt, und dann darüber klagt, daß dieß gar zu weit sei, daß ihm das Heimweh das Herz breche, mit dem können wir nicht klagen. Das will eben früher überlegt sein! Aber gehört der Schmerz über die Vergeblichkeit der eigenen ebenso ernst gemeinten als geübten Thätigkeit etwa auch zu jenen, die nur empfindsame Herzen fühlen? Muß ihn nicht vielmehr jedes warme Gemüth empfinden, und zwar desto stärker, je braver und ehrlicher es ist?! Nun wird es aber wohl nur wenige Erzieherinnen geben, welchen während ihrer Wirksamkeit im Osten dieses peinliche Gefühl erspart geblieben. Der Grund hiefür liegt in der geistigen Atmosphäre, in welche sie gerathen, dieser konsequent betriebenen Kulturheuchelei, die den Schein für das Sein nimmt, die Form will und sich um den Inhalt nicht kümmert. Die Gouvernante, welche in ein russisches, rumänisches, polnisches, magyarisches Haus berufen worden, wird in den meisten Fällen binnen kurzer Frist erkennen, daß man von ihr gar nicht fordert oder erwartet, sie werde ihren Zöglingen wahre Bildung, gründliches Wissen beibringen! Die jungen Fräulein sollen das Französische flott weghaben und famos parliren können, mit der Lektüre der französischen Klassiker darf man sie nicht langweilen oder gar mit den trockenen Daten der Geographie und Geschichte! Sie sollen einige Sensationsstückchen mit equilibristischer Gewandtheit auf dem Klavier pauken können, aber daß ihnen Sinn und Geschmack für den Adel und die Schönheit der Tonkunst aufgehe, wäre überflüssige Quälerei. Entweder fügt sich nun die Gouvernante in diese Bildungsmaximen und dann muß sie wohl Scham oder doch mindestens Unbehagen über die Art empfinden, in der sie ihren heiligen Beruf erfüllt, oder sie fügt sich nicht und dann kann sie eben in ihre Heimath zurückkehren, wo man so langweilige, schwerfällige und pedantische Erzieherinnen nicht blos duldet, sondern sogar schätzt. Wenn nur, ach! die Rückkehr nicht gar so schwer wäre! Man wende mir nicht ein, daß ich hiebei nur solche Frauen im Auge habe, die ihren Beruf ideal auffassen, und daß die Zahl derselben gering ist. Ich denke, so viel Idealismus hat doch fast jede Erzieherin, um es schmerzlich zu empfinden, wenn sie ihre Aufgabe nicht gründlich, sondern oberflächlich, nicht gewissenhaft, sondern gewissenlos lösen muß!

Freilich ist dieser Uebelstand noch der geringere; weitaus schwerer wiegt die unwürdige soziale Stellung der Gouvernante in jenen Familien; die, nach europäischen Begriffen, schmähliche Behandlung, welche sie dort erduldet. Es gibt auch Ausnahmen, glänzende und erquickliche Ausnahmen, das gebe ich zu und darf es getrost, weil ich sie selbst beobachtet, aber andererseits könnte ich, gleichfalls auf Autopsie gestützt, Historien über Mißhandlung solcher unglücklichen Damen berichten, die die kältesten, gleichgültigsten Leser zu Grauen und Entrüstung hinreißen müßten. Ich unterlasse es, weil es doch wieder Ausnahmen nach der entgegengesetzten Seite sind und ich hier nur die Regel zu schildern habe. Die Regel ist, daß die Gouvernante im Hause des rumänischen Bojaren, des magyarischen Magnaten, des moskowitischen oder polnischen Edelmanns so gehalten und behandelt wird, wie sich die deutsche Hausfrau gegen ihr »Mädchen für Alles« benimmt. Von körperlicher Mißhandlung ist sie meist, wenn auch nicht immer bewahrt, aber man ertheilt ihr jeden Befehl kurz und barsch, man betrachtet sie als ein Wesen, dem man keinerlei Rücksicht der Höflichkeit schuldig ist, als eine Dienerin, die man bezahlt und füttert, damit sie ihre Schuldigkeit leiste, die aber in sozialer oder rein menschlicher Beziehung der Herrschaft so wenig ebenbürtig ist, als etwa eine Kuhdirne der Wirtschaft. So ist es und wer es anders sagt, hat entweder nur eine schöne Ausnahme kennen gelernt oder er lügt. Doch darf man zur Erklärung solcher Zustände nicht annehmen, als ob Bosheit etwa ein allgemeiner Zug im Charakter jener Völker wäre, die Behandlung der Gouvernante in Halbasien ist eben »ländlich sittlich,« oder richtiger »ländlich schändlich«. Was sollte auch die adeligen Herrschaften jener Lander dazu bestimmen, der Gouvernante in ihrem Hause menschenwürdige Behandlung zu gönnen? Daß dieses brave Mädchen arbeitet und sich durch Arbeit ehrlich ihr Brod verdient, während sie in ererbtem Besitz prassen? Aber Arbeit ist ja in ihren Augen nichts Achtenswerthes, jede Thätigkeit um des Erwerbes willen scheint ihnen eine erniedrigende. Daß die Fremde gebildeter ist, als sie? Aber Respekt vor der Bildung hat nur entweder der Gebildete oder ein reines, naives Gemüth, diese Adeligen gehören wahrlich in keine der beiden Kategorien! Daß sie die Erzieherin ihrer Kinder ist und keine Kuhmagd? Aber dafür wird sie ja bezahlt! Auch kann sie ja gehen, wenn es ihr nicht mehr gefällt. Wenn nur die Rückkehr, ach! nicht gar so schwer wäre! Und hier dürfte mir Niemand mehr, wenigstens kein Europäer, mit der Einwendung in's Wort fallen, daß ich diese Klage nur im Namen besonders empfindsamer und zimpferlicher Frauenzimmer anstimmte!

Aber auch dies ist noch nicht das Schlimmste, sondern die furchtbare Thatsache ist's, daß unzählige dieser Geschöpfe, junge, hübsche, makellose Mädchen, Opfer der brutalen Sinnenlust jener Halbbarbaren geworden sind und noch werden. Man wende nicht beschönigend ein, daß sich Aehnliches wohl auch in verderbten Aristokratenfamilien des Westens an schutzlosen Geschöpfen begeben. Der Fall liegt anders! Denn in Europa haben diese armen Mädchen, so schutzlos sie auch sonst sein mögen, doch mindestens einen Schutz, der das Schlimmste von ihnen abwehrt oder an dem Thäter rächt, in Europa ist die Themis eine ernste, erbarmungslose Göttin, die ohne Ansehen der Person richtet, und nicht, wie in jenen Ländern, eine freche Dirne, die dem reichen Einheimischen vertraulich zublinzelt und die verlassene Fremde höhnisch fortweist. Ferner kommen bei uns solche Fälle nur eben vereinzelt vor, der Sohn oder Neffe des Hauses bethört ein leichtgläubiges Mädchen durch Schmeichelreden. Anders in Halbasien. Dort kann man – ich wiederhole diesen Ausdruck mit Absicht und kann ihn vertreten – unzählige Fälle dieser Art nachweisen; dort fügt sich auch die Schändlichkeit nicht zufällig, sondern sie ist im Vorhinein geplant. Ja! im Vorhinein! Unter jenen drei- bis sechstausend Mädchen, welche jährlich in den Osten ziehen, befinden sich auch jährlich vielleicht hundert, die man nur deßhalb dorthin kommen läßt, um sie zu Grunde zu richten. Und diese Hundert sind nicht minder brav und rein, wie die Uebrigen, und ziehen nicht minder ahnungslos dahin, wie die Uebrigen; auch sie sind berufen, nur ein ehrliches Brod und eine nützliche Thätigkeit zu finden, und man bereitet ihnen die Schande und den Tod!

»Das neunzehnte Jahrhundert verdient den Namen des Jahrhunderts der Humanität. Denn jedem alten Schandfleck hat es ein neues, edel glitzerndes, vertuschendes Mäntelchen umgehängt. Wen kümmert's, daß der alte Schandfleck darunter erneuert und vergrößert fortbesteht?! Man sieht ihn ja nicht!«

So Nikolaj Gogol. Und das Wort des großen russischen Romanciers ist nicht blos eine glatte Pikanterie, es ist auch ein bitter ernstes Wahrwort. Vielleicht findet der Historiker der Zukunft für die gesammte Kulturgeschichte unserer Zeit kaum irgendwo ein passenderes Motto. Mindestens für jenes Capitel, welches wir hier aufschlagen, empfiehlt es sich mit drückender, schneidender Wucht. Ja, fürwahr! Motto und Inhalt stimmen zusammen. Denn Sclavenhandel – denkende, fühlende Geschöpfe als Waare – Ehre, Schönheit, Unschuld, Gesundheit feilgeboten und in's Haus geliefert nach bestimmtem Tarif – wem ballt sich nicht die Faust bei diesem Gedanken, wer empfände nicht diese Thatsache als einen Schandfleck unserer Zeit?! Aber – man sieht ihn nicht: ein nagelneues Mäntelchen ist ihm in unseren Tagen umgehängt worden. Und ein »edel glitzerndes« dazu. Denn wo gäbe es Edleres, als den Beruf, Menschen zu erziehen, wo achtungswerthere Thätigkeit, als Verbreitung westlicher Cultur in dem barbarischen Osten?! . . . Und so werden alljährlich eine Anzahl Opfer nach Ungarn, Rußland und Rumänien verhandelt und bevölkern dort zuerst die Häuser reicher Wüstlinge und dann – die Glücklicheren unter ihnen die Friedhöfe, die Unglücklicheren die öffentlichen Freudenhäuser. Aber wen kümmert's? – sie gehen ja als »Gouvernanten« dahin! Und der Strom der Bildung fluthet nun einmal von West nach Ost, und man muß dem edlen Bildungsstreben der Herren Russen und Rumänen, Polen und Magyaren hülfreich entgegenkommen . . . Ach ja, Nikolaj Gogol hat Recht: »Das neunzehnte Jahrhundert verdient den Namen des Jahrhunderts der Humanität!«

»Das ist entsetzlich,« höre ich rufen, jedoch in demselben Athemzuge auch die Frage: »Ist es auch wahr?« Ja, und ich habe dies bereits vor Jahren bewiesen. Als ich 1874 den Entschluß faßte, die Kulturzustände Halb-Asiens zu schildern, da sagte ich mir sofort, daß es mir eine der ersten Pflichten sein müsse, auf diesen »Gouvernantenhandel« hinzuweisen. Zwar wußte ich, daß kein einzelnes Menschenwort stark genug sei, um eine so tief eingewurzelte Schändlichkeit zu beseitigen, und nun gar das Wort eines jungen Autors, dem kein größeres Blatt zu Gebote stand. Aber diese Erwägung konnte mich der Erfüllung meiner Pflicht nicht entheben. Ich schrieb einen Artikel für ein österreichisches Blatt, in welchem ich das Unwesen im Allgemeinen schilderte. Er erschien und der praktische Erfolg, soweit ich ihn klar erkennen konnte, waren – drei Briefe aus dem Publikum. Zwei dieser Zuschriften machten sich über mich lustig, weil ich unter dem Deckmantel moralischer Entrüstung picante Lectüre eingeschmuggelt, denn wahr könne die Sache nicht sein, weil man ja sonst auch anderweitig hievon gehört haben müßte. Der dritte Brief kam von einer besorgten »Mutter in Graz«, worin sich diese erkundigte, ob einer der bekanntesten und ehrenwerthesten Kavaliere Galiziens »auch so ein Mensch« sei, denn ihre Tochter Nanni diene in seinem Hause, zwar nicht als Gouvernante, aber als Küchengehilfin. Das war Alles. Ich dachte, daß Oesterreich zu wenig bei jenem Export betheiligt sei, ein Artikel in einem norddeutschen Blatte müsse bessere Wirkung thun. Ein Berliner Journal brachte ihn, und diesmal kam nur ein Brief: »Lügen Sie Andere an, wir Berliner sind zu gescheidt dazu!« Ich schrieb einen dritten Artikel für ein deutsches Blatt der Schweiz in der Voraussetzung, dort müsse er doch die meiste Wirkung thun. Aber auch dieser dritte Versuch hatte ein sehr bescheidenes Resultat, die betreffende Redaction druckte zwar meine Arbeit ab, schrieb mir jedoch, im Allgemeinen sei man dort natürlich bereits über das Unwesen unterrichtet und mehr als Allgemeines biete ja auch mein Aufsatz nicht.

So geht es nicht, dachte ich, die Einen glauben mir nicht, was ich sage, und die Anderen wissen es bereits. Ich muß bewirken, daß die Einen mir glauben, und daß sich die Anderen nicht blos damit begnügen, um die Sache zu wissen, sondern auch dazu gedrängt werden, etwas dagegen zu thun. Ich will nicht mehr in's Blaue hinein klagen, sondern einzelne Fälle veröffentlichen. Diesem Zwecke dienten die Aufzeichnungen, welche ich 1875 zunächst in einem vielgelesenen Wiener Blatte, dann in der ersten Auflage dieses Buches erscheinen ließ. Ich berichtete kurz und schlicht von jenen unglücklichen »Gouvernanten«, von deren Loos ich zufällig während meines Jugendaufenthaltes, dann während meiner späteren Wanderungen im Osten genauere Kunde erhalten. Ich berichtete streng der Wahrheit gemäß; ich setzte nichts hinzu, aber ich beschönigte auch nichts. Da diese Darstellung auch heute noch nicht ganz gegenstandlos geworden ist, so lasse ich sie hier ohne Aenderung folgen.

* * *

. . . Es war im Jahre 1858, und ich damals ein zehnjähriger Bube. Aber ich erinnere mich noch genau – an Alles. Es war ein blühender, duftender Frühlingstag, und ich war mit meinem Vater, welcher Bezirksarzt zu Czortkow war, einem Städtlein in Ostgalizien, über Land gefahren, nach dem Dorfe K. Mein Vater hatte im Dorfe zu thun, mich setzte er im Edelhofe ab. Dort hauste Herr Ludwig von T–ski, der nächst seinem Bruder Henryk, welcher im benachbarten Dorfe Sz. wohnte, wohl der reichste Edelmann des Kreises war. Beide hatten früh geheirathet, Beiden war aus der Ehe je ein Söhnchen entsprossen, das sie nach ihrem Namen nannten. Der kleine Ludwig in K. war schon früher mein Spielkamerad gewesen, und auch an jenem Frühlingstage tollten wir Buben laut und wild genug umher. Dann war noch ein dritter Knabe mit uns, ein blasser, schüchterner Junge: der Cousin Ludwig's, der kleine Henryk von T–ski aus Sz. Seine Mutter war früh gestorben, der Vater viel auswärts, gleichwohl kam der arme Junge nur selten zu seinen Verwandten, die beiden Brüder harmonirten wohl nicht sonderlich.

Aber diesmal war Henryk schon zwei Wochen auf des Onkels Gute. »Hier ist's lustig«, jauchzte er, als wir uns endlich müde gelaufen und nun auf der Haide nächst der Landstraße eine Burg aus Feldsteinen bauten, »ich habe es mir gar nicht so schön gedacht und wollte nicht vom Hause fort. Aber ich mußte – denn es ist gerade wieder eine neue Französin angekommen, welche mich unterrichten soll . . .«

»Du dummer Henryk!« lachte sein Cousin, »darum hättest Du ja gerade zu Hause bleiben müssen!«

Aber der blasse Junge schüttelte den Kopf. »Nein«, erwiderte er, »ich weiß, was ich sage: eben darum mußte ich fort. Es war im vorigen Jahre nicht anders und vor zwei Jahren auch nicht; so oft ich eine neue Lehrerin bekomme, muß ich fort und darf erst nach einem Monat wieder kommen. Der Papa will es so. Als ich acht Jahre alt war, ist er aus Paris zurückgekommen, hat den Pater weggeschickt und gesagt: ›Morgen kommt Deine Lehrerin‹. Und am nächsten Tage ist sie gekommen, sie war hoch und blond und blaß. Und sehr ernst war sie, obwohl unsere alte Fruzia gesagt: ›Das ist ja selbst fast noch ein Kind, wie soll sie andere Kinder erziehen?‹ und immer hat sie schwarze Kleider getragen. Deshalb habe ich mich auch Anfangs vor ihr gefürchtet. Aber sie war so gut wie ein Engel und ich habe sie sehr lieb gehabt und der Papa auch, er hat immer sehr freundlich mit ihr gesprochen. Aber nach vierzehn Tagen ist er plötzlich furchtbar bös auf sie geworden. Das war an einem Abend, die Amelie hatte mich schon zu Bette gebracht, und ich war eingeschlafen, da wachte ich plötzlich auf, weil der Papa im Nebenzimmer die Amelie furchtbar auszankte und schrie. Sie aber hat nur still geschluchzt. Aber plötzlich reißt sie die Thüre auf und kommt auf mein Bett gestürzt und reißt mich hinaus. Und mein Papa hinter ihr her und in der Thüre steht sein Diener, der Janko. Da kauert sie in eine Ecke hin und preßt mich fest an sich und schreit meinem Papa Etwas entgegen. Da wird er ganz blaß und sagt zum Janko: ›Reiß' ihr das Kind weg‹. Aber dann besinnt er sich und sagt heiser: ›Gute Nacht‹ und lacht und geht weg. Sie aber hat mich fest auf dem Schooß gehalten und sehr geweint, und dann bin ich eingeschlafen. Und seitdem habe ich die Amelie nicht wieder gesehen, denn am nächsten Morgen bin ich spät in meinem Bette aufgewacht und die alte Fruzia hat mich angezogen und der Janko hat mich auf den Wagen genommen und in's Kloster geführt, zum Onkel Prior. Dort bin ich einen Monat geblieben. Und wie ich zurückkomme, ist die Amelie nicht mehr da. ›Wo ist sie denn?‹ frage ich. Und da sagt die Fruzia: ›Dein Vater hat sie nach Wien zurückgeschickt, zu der Frau, wo er sie abgeholt hat. Er hat ihr Weinen nicht vertragen können. Ich fürchte aber, sie wird sich am Weg ein Leid anthun, ich fürchte, Dein Vater wird nicht vor Gott verantworten können, was er an der Amelie verbrochen hat. Dein Vater ist ein schlechter Mensch‹. Das habe ich meinem Papa erzählt, und er hat die Fruzia dafür prügeln lassen.«

»Aber wahr ist es doch«, sagte der kleine Ludwig, »meine Mutter sagt auch dasselbe«. Henryk aber erzählte weiter, und was mir etwa von seinem Knabengeplauder entfallen sein mag, ist mir weit später durch Erzählungen aus anderm Munde wieder aufgefrischt worden:

»Dann ist im Winter eine zweite Französin gekommen, die hat Josefine geheißen. Aber am Tage, wo sie kommen sollte, hat mich mein Papa durch den Janko wieder zum Onkel Prior führen lassen – ›ich will nicht wieder ähnliche Scherereien haben‹, hat er gesagt. Also war ich wieder einen Monat im Kloster, und wie ich zurück war, hat der Unterricht begonnen. Aber ich habe bei der Josefine wenig gelernt. Sie war ganz anders, als die Amelie: recht launisch und klein und schwarz und ist immer herumgesprungen und hat immer gelacht. Aber die Fruzia hat mir erzählt, daß sie Anfangs auch sehr geweint hat. Auch später noch hat sie geweint, wenn sie allein war; da habe ich sie so oft Stunden lang schluchzen gehört: ›O ma mère!‹ Aber das war nur, wenn Papa nicht zu Hause war; vor ihm ist sie immer ganz lustig herumgesprungen. Aber deshalb hat sie sich doch vor ihm gefürchtet, noch mehr als ich. Uebrigens war er gut gegen sie, aber im Frühjahr ist er bös geworden und hat sie geschlagen, und sie hat sehr geweint. Und darauf hat sie der Janko nach Lemberg geführt. Und dann ist Papa ein Jahr auf Reisen gewesen, und bei mir war der Pater Ignatius als Hofmeister – ein sehr schlechter Kerl. Nun ist vor drei Wochen der Papa heimgekommen und hat den Pater weggeschickt, und zu mir hat er gesagt: ›Du bekommst wieder eine Französin. Die schaut auch ganz so aus wie die Amelie‹. Da war ich schon ganz froh, denn die Amelie war ja so gut wie ein Engel. Aber an dem Tage, wo sie kommen sollte, habe ich hierher fort müssen. Nun – hier ist es ja auch sehr lustig . . .«

Und wir bauten weiter an unserer Burg auf der blühenden duftenden Haide, bis wir hungrig wurden. Auch sank schon die Sonne. Aber just als wir heimlaufen wollten, kam ein Wagen in voller Carrière die Landstraße entlang gesprengt. »Das sind unsere Rappen«, rief Henryk und lief auf den Wagen zu, »das ist der Janko. Der kommt gewiß um mich. Nicht wahr Janko?«

Aber der Bediente schüttelte den Kopf. »Wir fahren nach Czortkow – um den Doctor!«

»Mein Papa ist ja hier im Dorfe«, rief ich, und wir drei Buben kletterten jubelnd auf den Wagen. Am Thore des Edelhofs stand mein Vater im Gespräche mit Herrn Ludwig von T–ski. »Herr Doctor«, rief Janko, »Sie möchten augenblicklich nach Sz. kommen – es ist ein Unglück geschehen . . .«

»Mein Bruder!« rief Herr von T–ski erblassend.

»Nein!« erwiderte Janko, »die Französin hat sich vergiftet – ich fürchte, wir finden sie nicht mehr am Leben.«

Rasch sprang mein Vater in den Wagen, Herr Ludwig folgte ihm. »Erlauben Sie, daß ich Sie begleite«, sagte er. »Ihr Knabe kann ja hier bleiben«. Aber mein Vater hob mich hinein. »Der Bube kann ja im Wagen schlafen.« Und dann fuhren wir davon, und die beiden Männer sprachen kein Wort mehr. Nur Herr von T–ski, der sehr blaß war, sagte einmal dumpf: »Ich wußte, daß es einmal so kommen würde.«

Dann brach die Nacht herein, ich schlief ein und erwachte erst, als wir im Schloßhof zu Sz. hielten. Das Gebäude lag dunkel und still, nur im ersten Stockwerk waren einige Fenster erleuchtet – da huschten eilige Schatten hin und her. Die beiden Männer eilten in's Schloß. Ich blinzelte schlaftrunken nach den lichten Fenstern hin, dann hüllte ich mich in des Vaters Bunda und schlief abermals ein.

Ich weiß nicht, wie lange ich so gelegen, noch auch, wovon ich erwachte. Als ich die Augen aufschlug, war Alles um mich wie früher. Aber die Pferde waren ausgespannt, ich war allein im dunklen Schloßhofe. Da begann ich mich in der wildfremden Einsamkeit zu fürchten, kletterte vom Wagen und ging in's Schloß, meinen Vater zu suchen.

Im Portal begegnete mir Niemand. Auch auf der Treppe und im Corridor des ersten Stockwerks war keine Menschenseele. Immer zaghafter schlich ich durch den matt erleuchteten Flur. Endlich sah ich eine halbgeöffnete Thür, da stahl ich mich hinein.

Es war ein großes, gleichfalls matt erleuchtetes Zimmer. In der Fensternische saß eine alte Dienerin und weinte bitterlich. Sie beachtete mich nicht. Ich schlich auf den Zehen über die Dielen an eine zweite offene Thür, aus der heller Lichtschein drang. Da steckte ich mich hinter den Thürvorhang und guckte hinein. Es war ein schönes, hell erleuchtetes Gemach, ein Schlafgemach. In einer Halbnische war ein Lager; da ruhte regungslos eine Frauengestalt. Ich sah wenig von dem Gesicht, ich konnte es kaum von den Kissen unterscheiden, so bleich war es. Aber um so deutlicher sah ich die Fluth blonden Haares; es lag wie eine lichte Wolke um das Antlitz. Mein Vater stand an dem Lager; sein Antlitz sah ich deutlich und erschrak fast, so düster hatte ich es nie gesehen. Dann waren die beiden Brüder im Zimmer. Ludwig lehnte in einer Fensternische, Henryk, ein schöner, stattlicher Mann in den Dreißigen saß in einem Fauteuil und schaute starr nach dem Lager hin.

So blieb Alles regungslos – nur wenige Secunden lang. Ich glaube, wäre ich ein Maler geworden, ich könnte noch heute das Bild wiedergeben, Zug um Zug. So furchtbar tief haften ungewöhnliche Eindrücke im Kindergemüth. Und ebenso weiß ich, was nun folgte.

Mein Vater beugte sich noch einmal über das Lager.

»Sie ist todt«, sagte er dann, »sie muß ein ungeheures Quantum Arsenik eingenommen haben.«

»Also Arsenik!« – knirschte Henryk und schnellte empor. »Nun weiß ich, woher sie das Gift bekam. Die Fruzia hält immer einen Vorrath davon gegen die Ratten. Oh! ich lasse die alte Vettel peitschen, bis . . .«

Aber Ludwig legte die Hand schwer auf die Schulter des Bruders, so schwer, daß dieser zusammenknickte und wieder in den Fauteuil sank.

»Das wirst Du nicht thun«, sagte er dumpf, »denn deshalb hat doch nicht das alte Weib das Mädchen ermordet, sondern – Du . . .«

Henryk schwieg.

Da fiel der Blick meines Vaters auf den Thürvorhang und entdeckte mich da. »Fort mit Dir«, rief er heftig und schritt auf mich zu.

»Ich habe Dich suchen wollen«, stammelte ich. Da ergriff er meine Hand.

»Ich kann gehen«, sagte er zu Herrn Henryk. »Es ist ja nichts mehr zu retten . . .«

»Ich danke Ihnen«, erwiederte Der und kam verlegen, die Rechte weit vorgestreckt, auf meinen Vater zu. »Trauriger Zufall . . . hm! Bitte um Discretion!«

Aber meines Vaters Rechte ließ meine Hand nicht fahren. »Ich muß meine Pflicht thun«, sagte er. Wir gingen.

Hier endet meine persönliche Erinnerung an jenen Fall, die unauslöschlich in meinem Gedächtniß haftet. Ich füge nur noch hinzu: Mein Vater hat seine Pflicht gethan und das Gericht von jenem Selbstmorde in Kenntniß gesetzt. Darauf wurde er und ein Adjunct nach Sz. entsendet und die Obduction vorgenommen. Der Adjunct constatirte, daß wirklich ein Selbstmord vorliege und daß Charlotte G. das Gift aus dem Vorrathe der Haushälterin entwendet. Von den Motiven dieser That behaupteten Henryk und seine Dienerschaft keine Ahnung zu haben. Nur die alte Fruzia erklärte kurz und bündig: das Fräulein habe sich vergiftet, weil der Herr sie die Nacht vorher durch ein Schlafmittel betäubt und diesen Zustand zu schändlichen Zwecken benutzt habe. Aber schon nach der zweiten Vernehmung des alten Weibes mußte die Untersuchung eingestellt werden. Fruzia widerrief ihre erste Aussage, sie habe gelogen, um sich dafür zu rächen, weil der Herr sie nach dem Tode der Französin so sehr habe prügeln lassen. Aber nun sehe sie ein, daß sie die Prügel verdient, weil sie das Gift nicht gehörig verwahrt.

Wie viele Gouvernanten aus Genf Herr von T–ski noch in der Folge für seinen Sohn bezogen, weiß ich nicht zu sagen. Ich weiß nur, daß er noch heute in tausend Freuden lebt und in seinen Kreisen sehr angesehen ist. Ueberhaupt ein sehr ehrenwerther Edelmann . . .

. . . Man hört in Südrußland häufig eine Redensart, welche recht drollig, jedenfalls aber sehr bezeichnend ist. Erzählt da Jemand eine unwahrscheinliche Geschichte und will man ihm andeuten, daß man sie nicht glaubt, so fällt man ihm ins Wort: ›Ah! – wie sie eine Metze geworden ist.‹ Man hält also seine Geschichte für gleich glaubwürdig, wie jene, welche die armseligen Dienerinnen der Venus Vulgivaga auszukramen pflegen, wenn man sie frägt, wie sie eigentlich auf die Bahn des Lasters gerathen.

Das Sprichwort hat Recht. Diese Geschichten, meist sehr romantische, sehr rührselige Geschichten, pflegen in der Regel von Anfang bis zu Ende erlogen zu sein. Es ist dies auch so natürlich! – so tief sinkt selten ein Wesen, um nicht das Bedürfniß zu empfinden, in den Augen seiner Mitmenschen besser zu erscheinen, als es ist. Aber eben deshalb muß man wohl auf der Hut sein, um sich nicht etwa durch Historien dieser Art sein Urtheil über die socialen Verhältnisse eines Landes mit bestimmen zu lassen. Diese Erwägung hängt mit meinem Thema sehr eng zusammen. In den Freudenhäusern des gesammten Ostens bilden die Polinnen das Gros, die Französinnen die traurige Elite. Und jede der Letzteren, jede ohne Ausnahme, erzählt mit geringen Variationen dieselbe Geschichte ihres Unglücks: wie sie als Gouvernante in's Land gekommen, wie ein Bojar oder Magnat oder russischer Graf sie verführt oder gewaltsam entehrt, wie ihr schließlich nichts Anderes übrig geblieben, als ihre gegenwärtige entsetzliche Existenz. Wie gesagt, so erzählen Alle, und es mögen unter ihnen, wie man bestimmt annehmen kann, sehr viele sein, welche nicht lügen. Aber das sarkastische Wort des Südrussen hat deshalb auch hier seine gute Berechtigung. Darum unterlasse ich es, in diesen Zeilen, welche nur unbestreitbare Thatsachen wiedergeben sollen, die Geschichten solcher Gefallenen zu erzählen. Nur bezüglich der folgenden mache ich eine Ausnahme, weil ich hier die positive Ueberzeugung der Wahrheit habe.

Ich kam im Jahre 1872, mit Empfehlungsbriefen reich versehen, in eine Mittelstadt der Moldau. Einer dieser Briefe lautete an einen jungen deutschen Kaufmann, welcher sich erst vor wenigen Jahren in gedachter Stadt etablirt hatte. Der Freund, der mir das Schreiben gegeben, hatte mir hierbei eine so enthusiastische Schilderung von der Liebenswürdigkeit, Bildung und Rechtlichkeit des Adressaten entworfen, daß ich beschloß, dieses Schreiben als das erste abzugeben. So that ich denn auch und hatte es nicht zu bedauern. Herr Friedrich – ich kann nur seinen Vornamen hierhersetzen – empfing mich überaus warm und herzlich und führte mich dann in seine Privatwohnung im ersten Stock. Dort stellte er mich seiner Gattin vor, und hatte mich schon der Mann bezaubert, so that es nun noch mehr seine Frau. Wir Deutschen haben für derlei Frauengestalten einen bezeichnenden Ausdruck – eine Gretchen-Erscheinung, schlank, blauäugig und in jedem Zug und jeder Bewegung der Zauber keuschester, süßester Märchenhaftigkeit. Kaum mochte man glauben, daß dies holde Wesen schon Gattin und Mutter sei, noch minder, daß es – eine Französin sei. Und das war die Dame nach Erziehung und Abstammung von Vaters Seite; ihr ›Mütterli‹ freilich war, wie sie mir in gebrochenem ›Schwyzer-Dütsch‹ sagte, aus Bern gewesen. ›Bübeli‹ nannte sie auch ihren prächtigen, zweijährigen Krauskopf, der laut lachend in meine Hand patschte. Ich kann kaum sagen, welch' günstigen Eindruck das kleine blühende Hauswesen auf mich machte, und ich wäre auch gerne gleich zum Mittagessen dageblieben, wie die lieben Leute wollten. Aber ich hatte ja noch ein Dutzend Besuche zu machen. Ich sagte also für den nächsten Tag zu und setzte seufzend meine Rundfahrt fort: zu Beamten und Banquiers. Und sie waren leider alle zu Hause.

So fand ich denn, als ich am späten Nachmittage im Stadtpark erschien – was man so in der Moldau einen Stadtpark nennt – um die Weisen der Militärkapelle anzuhören – was man so in Rumänien eine Militärkapelle nennt – sehr viele neue Bekannte. Aber ich suchte und suchte, bis ich Friedrich und seine Gattin fand. Zu denen setzte ich mich und plauderte, während ihr Büblein auf meinem Schoße mit meinem Schnurrbarte ein grausames Spiel trieb. Dazu spielte die Musik ohrenzerreißend und die stattlichen Honoratioren, denen ich meine ergebenste Aufwartung gemacht, defilirten langsam vorbei.

Natürlich grüßte ich respectvoll. Aber – war das hier so Sitte, oder hatte ich Unglückseliger ohne mein Wissen in den wenigen Stunden meiner Anwesenheit ein Verbrechen begangen, man – dankte mir nicht. Hier und da lüftete wohl ein Herr verlegen den Hut, die Damen aber blickten um sich, als wäre statt meines Leibes blaue Luft. Ich lachte Anfangs darüber, dann ärgerte ich mich doch leise und meinte schließlich zu Friedrich: »Aber Ihre Mitbürger sind ja überaus – höflich.«

Er wurde blaß, seine Frau erröthete heftig. »Die Unhöflichkeit gilt nicht Ihnen«, sagte er endlich gedrückt, »sondern uns. Ich bin ein Verfehmter, nicht in geschäftlicher, aber in socialer Beziehung.«

»Und warum?« schwebte mir die Frage auf den Lippen. Aber ich schwieg – nach dieser Eröffnung mußte er ja noch gedrungen ein erklärendes Wort beifügen. Er that es dennoch nicht, und seine Frau blickte, nun todtbleich geworden, starr zu Boden. Ich begann darauf rasch von anderen Dingen zu sprechen. Aber das Ehepaar blieb gedrückt und einsylbig. Da wurde mir die Sache schließlich unheimlich, und ich verabschiedete mich.

»Wir erwarten Sie morgen«, sagte Friedrich mit mühsamem Lächeln. »Und ich kann Ihnen kaum sagen, wie sehr es uns freuen wird, wenn Sie trotzdem kommen.«

Trotzdem?! – Ich fuhr in seltsamer Stimmung in mein Hotel zurück. Warum lastete auf diesem lieben, jungen Paar ein Bann, so furchtbar, daß es selbst nicht einmal davon zu sprechen wagte?! Aber wen fragen?! Da fand ich auf meinem Tische eine Einladung für den Abend – von Herrn Adolf Veilchenblum. Zwar hatten Frau Veilchenblum und die beiden schönen Fräulein Veilchenblum mir heute Nachmittag nicht die Gnade erwiesen, mich zu bemerken, aber ich wußte ja nicht, ob ich ihnen das übel nehmen durfte, mindestens nach ihren eigenen Anschauungen, den Anschauungen moldauischer Provinz-Honoratioren! Und dann – dort erfuhr ich sicherlich das Geheimniß.

Und ich fuhr zu Herrn Veilchenblum. Das stattliche Ehepaar empfing mich sehr freundlich. Madame begann gleich nach den ersten Worten von jener Begegnung im Stadtpark zu sprechen. Wie sehr es ihr leid gethan u. s. w., wie man als Fremder solchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt sei u. s. w., wie ich sicher keine Ahnung gehabt, mit wem ich da u. s. w., . . . bis ich endlich nervös wurde und trocken fragte: »Ja – was ist's denn mit den Leuten?«

Madame schlug verschämt die Augen zu Boden. Herr Veilchenblum aber flüsterte mir zu: »Herr Friedrich X. ist ein reeller, braver junger Kaufmann. Aber seine Frau war früher eine öffentliche Dirne. Und direct aus dem Freudenhause hat er sie zum Traualtar geführt!«

Ich stand starr vor Staunen. »Unmöglich!« rief ich dann heftig, »diese Frau –.« Da rauschten aber schon die beiden Fräulein Veilchenblum in den Salon.

Ich glaube, ich habe bei der Familie Veilchenblum entschieden nicht den Eindruck eines geistreichen Gesellschafters gemacht. Auch noch am nächsten Vormittage war ich sehr zerstreut. Meine Gedanken kehrten immer wieder, ob ich wollte oder nicht, zu jenem jungen Paar zurück. Wie hatte der Mann, welcher die verkörperte deutsche Ehrbarkeit war, sich zu solchem Schritte entschließen können?! Aber war es denn möglich, daß dieses mädchenhafte Weib, diese Verkörperung lieblichster Frauenwürde, in der That eine solche Vergangenheit hatte?!

Ich dachte hin und dachte her und trat zur Mittagszeit den Weg in's Haus des jungen Kaufmannes an. Denn, sagt' ich zu mir, erstens bist du ein Mann und kein vierzehnjähriger Backfisch, zweitens ein Fremder, der sich um das Urtheil dieser guten Stadt den Henker zu scheeren braucht, drittens darfst du nicht eine dir zugedachte Freundlichkeit durch eine eclatante Grobheit erwidern. Und damit trat ich in Friedrich's Comptoir.

Er drückte mir die Hand, als hätte ich ihm durch mein Erscheinen den größten Dienst erwiesen. »Meine Frau wird sich sehr freuen«, sagte er. »Auch das Bübeli hat schon mehrere Male Etwas vom deutschen Onkel gestammelt . . .«

Wir gingen hinauf. Frau Marie sah heute womöglich noch lieblicher aus als gestern. Aber befangen war und blieb sie doch, auch während des Mahls. Als es zu Ende, erhob sie sich rasch. Wir Herren traten in's Rauchzimmer.

»Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig«, begann Friedrich, kaum daß wir Platz genommen. »Ich hätte sie Ihnen schon gestern gerne gegeben. Aber die Anwesenheit meiner Frau hinderte mich daran. So mußte ich es darauf ankommen lassen, daß Ihnen aus fremdem Munde eine Aufklärung zukomme. Wahrscheinlich ist dies auch geschehen, von wem und in welcher Form, ist gleichgültig. Ich selbst sage Ihnen, daß ich jenes brave reine Wesen, welches mich heute als mein Weib glücklicher macht, als ich verdiene, allerdings erst aus dem Hause einer Kupplerin loskaufen mußte, ehe ich es zu meinem Weibe machen durfte. Aber wie Marie in dieses Land und in dieses Haus gekommen, wird man Ihnen nicht gesagt haben. Gestatten Sie, daß ich Ihnen dies auseinandersetze.

»Hier« – er zog einen Papierbogen aus der Brusttasche und reichte ihn mir entfaltet hin, »haben Sie einen Dienstvertrag vom März 1871, abgeschlossen durch die Vermittlung eines Wiener und eines Genfer Placirungs-Instituts, zwischen Fräulein Marie Ch. einerseits, und der Gutsbesitzers-Wittwe, Frau Sofia K. andererseits. Marie Ch. verpflichtet sich darin, gegen freie Station und ein jährliches Gehalt von 1800 Frcs. als Gesellschafterin bei Frau K. einzutreten. Insbesondere wird sie verpflichtet der Dame vorzulesen und in Krankheitsfällen die Leitung der Pflege zu übernehmen. Wie Sie sehen, ein streng juristisch stilisirtes, beiderseits gefertigtes, rechtsverbindliches Instrument und dennoch – die infamste Farce, die je in legalen Formen abgefaßt worden ist. Sofia K. ist allerdings Wittwe, aber nicht die eines Gutsbesitzers, sondern eines Lakaien, sie ist sehr gesund, braucht keine Pflege, noch minder aber eine Vorleserin französischer Lectüre, da sie keine Silbe davon versteht. Sie ist die ehemalige Geliebte und gegenwärtige Wirthschafterin des Gutsbesitzers Doxaki P– scu in S. bei Roman. Der Mann ist vielleicht der infamste Wüstling, der sich in Rumänien findet, und das will bekanntlich Etwas sagen. Der Edle lebte regelmäßig den Winter über in Paris und brachte den Sommer auf seinem Gute zu. Um sich, wie er sagte, in dieser Zeit entsprechend zu amüsiren und dabei auch im Französischen nicht außer Uebung zu kommen, bezieht oder vielmehr bezog er bis vor drei Jahren – denn seitdem habe ich ihm das Handwerk gelegt – in jedem Frühling eine – Gesellschafterin für seine Wirthschafterin. Er wandte sich hierbei im Namen der Sofia K. immer an ganz solide Vermittlungs-Institute, betonte als erstes Erforderniß die strenge Solidität der betreffenden Bewerberin und war so sicher, in der That immer ein bisher unverdorbenes Opfer seiner Lüste zu erhalten. In der That brachte er aber im Herbste regelmäßig vor seiner Abreise nach Paris einen Theil seiner Kosten wieder ein. Da verhandelte er nämlich die unglückliche »Gesellschafterin« an die Kupplerin Sarah P. in hiesiger Stadt . . .«

»Entsetzlich!« rief ich.

»Sie fühlen sich«, fuhr der junge Kaufmann fort, »von der bloßen Erzählung grauenhaft berührt. Erwägen Sie nun, wie unsäglich schreckensvoll erst der armen Marie ihre Lage erscheinen mußte, als sie, eine elternlose Waise, aber bisher in der Obhut sorglicher Verwandten und von keinem Hauch des Lasters berührt, nun plötzlich im wildfremden Lande, allein und hülflos, sich der Gewalt dieser Bestie preisgegeben sah. Denn der wackere Doxaki sorgte dafür, daß selbst sie, die Arglose, innerhalb sehr kurzer Zeit zum Bewußtsein ihrer Lage kam. Die Verzweiflung, die Todesangst des armen Mädchens läßt sich nicht schildern. Da sie keine Hülfe sah, da sie kein anderes Mittel fand, sich den wiederholten Angriffen des Elenden ferner zu entziehen, so verrammelte sie sich in ihrem Zimmer und beschloß, sich zu Tode zu hungern. Wie ich ihren Charakter später kennen gelernt, bin ich auch fest überzeugt, daß sie diesen Entschluß unbedingt ausgeführt hätte.

»Da wußte Herr Doxaki durch eine List die Verzweifelnde davon abzubringen. Er schrieb ihr einen langen sentimentalen Brief, worin er sie versicherte, er sei von ihrer Tugend und ihrem Heldenmuthe so gerührt, daß er nicht nur jeden sträflichen Gedanken aufgebe, sondern auch gerne bereit sei, ihr zur Heimkehr in die Heimat behülflich zu sein. Zu diesem Zwecke lege er ein Bankbillet von 500 Francs bei und bitte, die Summe als Sühne seines beabsichtigten Frevels von ihm anzunehmen. Der Brief schloß mit der Versicherung, der Wagen stehe dem Fräulein allstündlich zur Disposition, um es zur nächsten Bahnstation zu bringen. Die Arglose ging in die Falle und ließ Doxaki sogar ihren gerührten Dank sagen. In der nächsten Stunde stand denn auch der Wagen vor der Thüre, die Koffer wurden aufgepackt, das Mädchen schritt die Treppe herab. Da trat ihr Doxaki entgegen und bat nun auch mündlich um ihre Vergebung. Er bat so zart, so innig, daß man ordentlich gerührt werden mußte. Er dankte ihr, daß sie ihm einen Glauben wiedergegeben, der ihm in den Stürmen des Lebens längst verloren gegangen – den Glauben an Frauenehre. Und zum Schlusse erbat er als Zeichen der Versöhnung, daß Marie doch nicht so – halbverhungert aus seinem Hause gehe. Wer hätte solchem reuigen Flehen widerstehen können, besonders da die Tafel schon bereit stand, und das arme Kind wirklich entsetzlich hungrig war. Maria aß und trank und – der Elende hatte seinen Zweck erreicht. In die Speisen war in großer Quantität ein Mittel gemischt, welches die Sinne des Mädchens betäubte und es zum Opfer des Wüstlings werden ließ. . . .

»Als das Mädchen wieder zur Besinnung kam – wer schildert seinen Jammer?! Aber die Wucht dieses Jammers war zu groß, als daß ihm diese zarten Nerven hätten widerstehen können. Marie verfiel in ein hitziges Fieber und schwebte zwischen Leben und Sterben. Das paßte aber Herrn Doxaki schlecht in den Kram – starb das Mädchen, so hatte er doch vielleicht einige Unannehmlichkeiten zu befürchten. Darum ging er zu seiner würdigen Freundin Sarah P. und machte derselben den Vorschlag, ihr das Mädchen, so wie es jetzt sei, gratis in ihr Haus zu liefern. Frau Sarah ging das riskante Geschäft ein. Die Kranke ward hierher gebracht. Herr Dr. R., ein Deutscher, behandelte sie. Durch ihn erfuhr ich von dem Falle. Er interessirte mich sehr, aus Gründen, welche Ihnen gleichgültig sein können . . .« Ein düsterer Schatten überflog das Antlitz des Erzählers. Dann setzte er doch hinzu: »Ich hatte eine Cousine, welche vor langen Jahren gleichfalls in der Fremde verkam. Und diese Cousine hatte ich sehr – genau gekannt . . . Nun – ich lernte also die Genesende kennen und achten. Ich bemitleidete und liebte sie. Und darum machte ich sie zu meinem Weibe und bin sehr, sehr glücklich durch sie geworden . . . ›Darüber kann kein Mann hinaus‹, sagt Hebbel in ähnlichem Falle. Nun – ich habe darüber hinaus können, und bin mir deshalb doch bewußt, ein Mann von Ehre zu sein . . .«

»Das dürfen Sie auch«, sagte ich und drückte dem Manne warm und herzlich die Hand . . .

. . . Vor nun acht Jahren war's und zu Lipkany, einem kleinen schmutzigen Judennest in Bessarabien. Im besten Wirthshause des Ortes, einer niederträchtigen Spelunke, hielt ich am Abend einige Stunden Rast. Ich war am Morgen von Mohilew ausgefahren und von der langen Tagereise in dem elenden Miethwagen furchtbar ermüdet. Gleichwohl wollte ich noch in der Nacht weiter, um am nächsten Tage rechtzeitig die österreichische Grenze bei Nowosielica zu gewinnen. Da trat, nachdem ich die Zeche berichtigt, die alte jüdische Wirthin noch einmal an meinen Tisch heran. Sie habe eine Bitte, begann sie verlegen, aber nicht für sich. Das heißt: eigentlich auch für sich, denn das arme Mädchen liege nun da und hinauswerfen könne man es nicht und an Bezahlung sei auch nicht zu denken. Das Mädchen wolle nach Hause, aber das sei sehr weit. Ob ich es nicht wenigstens über die Grenze mitnehmen wolle?

»Was ist's denn für ein Mädchen?« fragte ich.

So eine Art Lehrerin, war die Antwort. Deutsch spreche sie nicht, aber etwas russisch und französisch ›wie Wasser‹. Der Armen sei ein furchtbares Unrecht geschehen, aber das solle sie mir selbst erzählen.

Damit schob sich das gutmüthige Weib zur Thüre hinaus und kam bald mit ihrem Schützling wieder.

Ich bin auf meinen Fahrten in aller Herren Ländern vielem Menschenelend begegnet. Ich kenne die Arbeiterviertel und Verbrecherhöhlen fast aller Großstädte aus eigener Anschauung. Aber ich bin nie, weder vor noch nach jener Stunde, einem Menschenwesen begegnet, dessen Anblick erschütternder zum Herzen sprach, als der jenes armseligen siechen Geschöpfes, das nun zögernd, wankend auf mich zugeschlichen kam.

Es war ein sehr dürftig gekleidetes Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren. Schön war dieses todtblasse Gesicht sicherlich nie gewesen, aber nun war es peinlich entstellt durch die Spuren unsäglichen Grams. Etwas wie Todesangst lag darauf festgebannt; die Augen waren entzündet von tagelangem Weinen und unaufhaltsam quollen die Thränen über die Wangen. Um den Jammer voll zu machen, stand das arme Ding offenbar dicht vor dem Zeitpunkte, wo es – Mutter werden sollte.

Meine Augen wurden feucht, als ich in dies Antlitz blickte. Ich sprach zu ihr – ich war unermüdlich in der Betheuerung, daß ich ihr hilfreich sein wolle. Die Arme war nicht ganz bei Besinnung – »nach Genf«, stammelte sie nur unaufhörlich und hielt die Hände gefaltet.

Ich ließ ihr im Fond ein Lager bereiten und setzte mich zum Kutscher. Wir fuhren die Nacht über. Durch das Rasseln des Wagens hindurch hörte ich unablässig das Wimmern der Kranken.

Gegen Mittag kamen wir in den russischen Grenzort Nowosielica. Da zwang ich sie, durch vieles Zureden eine Suppe zu nehmen. Dann fragte ich sie, ob sie einen Paß hätte. Sie brauchte ihn, den russischen Grenzkordon zu überschreiten. »Bei der Generalin«, stammelte sie, »mit den anderen Sachen.« Dann begann sie wieder heftig zu weinen und berichtete mir zwischendurch, stammelnd, schluchzend, wirr genug, den ungeheuren Frevel, den man an ihr verübt.

Das Mädchen war die Tochter eines Genfer Schusters. Sie hatte keine Erziehung genossen, konnte daher nie hoffen, Gouvernante zu werden. Da kam zum Herbstaufenthalte eine russische Generalin nach Vevey, welche für ihr fünfjähriges Töchterchen eine Bonne suchte. Die Schusterstochter bekam den Posten und war ganz glücklich darüber; sie wurde gut behandelt, gewann das Kind lieb und ging darum gerne mit der Generalin auch nach Sicilien und dann auf das Gut bei Lipkany. Dann reiste die Generalin allein nach Baden-Baden, darauf nach Petersburg; die Bonne blieb mit dem Kinde allein auf dem Gute zurück. Da bekam sie im Spätherbste unerwartet glänzende Gesellschaft; der Sohn der Generalin, ein junger schöner Garde-Offizier, fand es für angezeigt, den Winter über Petersburg zu meiden – wahrscheinlich hatte er seine guten Gründe. Da er sich auf dem öden, bessarabischen Edelhofe langweilte, so verführte er, die Zeit todtzuschlagen, die arme Bonne. Im Frühling durfte er nach Petersburg zurückkehren; einen Monat darauf kam die Generalin heim. Das französische Mädchen hatte kein rechtes Bewußtsein seines Zustandes, bis das Gesinde zu höhnen und zu sticheln begann. Die Generalin erhielt davon Kunde und ließ das Mädchen rufen. Es gestand unter strömenden Thränen Alles. Da gerieth die Russin (ich habe, was ich unendlich bedauere, seinerzeit den Namen nicht notirt und er ist mir während der langen Jahre entfallen) in Raserei, nannte das arme Ding eine Metze, eine Verführerin ihres Sohnes und übte Justiz an ihr. Sie ließ sie im Hofe entkleiden und mit Ruthen streichen. Dem armen Opfer verging vor Scham und Schmerz die Besinnung. Als es wieder zum Bewußtsein kam, fand es sich auf der Landstraße liegen. Barmherzige Tschumaken (kleinrussische Salzfuhrleute) erbarmten sich der Unglücklichen und brachten sie nach Lipkany.

Ich war empört, im tiefsten Herzen erschüttert, aber helfen konnte ich armer junger Bursche dem Mädchen wenig. Ich schmuggelte es mit Hilfe einiger polnischer Gulden, welche beim russischen Naczalnik den fehlenden Paß hinlänglich ersetzten, durch den Kordon nach Oesterreich. Dann nahm sich ein Engländer, welcher bei der Lemberg-Czernowitzer-Bahn in Czernowitz bedienstet war, werkthätig der Unglücklichen an und schaffte ihr Freikarten und Reisekosten nach Wien. Von da wollte sie mit Hilfe ihrer Landsleute heimkehren, nach Genf. Ob sie ihre Heimath erreicht, weiß ich nicht. . . .

. . . Ich lebte im Winter von 1872 auf 1873 in Pest und verkehrte dort unter Anderm viel mit einem jungen Arzte, der sich trotz seiner Jugend bereits einer ansehnlichen Praxis erfreute. Als ich an einem schönen sonnigen Märztage um vier Uhr, wo seine Ordinationszeit zu Ende ging, die Treppe seiner Wohnung emporstieg, um ihn zu einem Spaziergang abzuholen, kam ich an einer schwarz gekleideten Dame vorüber, welche regungslos, die Hand auf das Geländer gestützt, auf dem Treppenabsatz stand. Ich blickte sie an, während ich vorüberging und – erschrak heftig. Dieses Antlitz war jung und von edlem Schnitt, aber entsetzlich blaß, selbst die Lippen farblos, und verzerrt von dem Ausdruck höchster Verzweiflung, der darauf wie festgebannt lag. Die Mundwinkel herabgezogen, die Lippen halb geöffnet, als wäre ihnen eben ein Schrei des Entsetzens entflohen, die Augenbrauen hoch emporgezogen und die Augen starr, glanzlos und weit aus ihren Höhlen gequollen, als hätten sie eben das Furchtbarste geschaut. Das Weib durchlitt offenbar einen ungeheuren körperlichen oder seelischen Schmerz. Mich faßte Mitleid und Grauen . . . »Sie sind unwohl?« – Ich wollte es nicht fragen, meine Lippen fragten es selbst. Die Dame zuckte beim Klange meiner Stimme zusammen, griff sich an die Stirne und schüttelte leise den Kopf. Dann wankte sie die Treppe hinab.

»War das eine Patientin?« fragte ich oben den jungen Arzt und beschrieb ihm die Dame. »Ja!« sagte er. »Ein überaus unglückliches Geschöpf. Sie ist Erzieherin und stammt aus Belgien, wie sie behauptet – aus sehr ehrenwerther Familie. Sie kam im vorigen Herbste in das Haus eines hiesigen ältlichen, verwittweten Magnaten als Erzieherin seiner beiden kleinen Mädchen. Der Mann verführte sie und zwar, wie sie schwört, unter der Vorspiegelung, sie zu heirathen. Natürlich droht er ihr nun bei der bloßen Erwähnung dieses Versprechens mit schmählicher Entlassung. Aber damit nicht genug – er hat sie auch mit einer abscheulichen Krankheit behaftet. Das Mädchen hatte keine Ahnung von dem Charakter dieser Krankheit und hat erst heute, nach langen Monaten, ärztlichen Rath gesucht. Natürlich mußte ich ihr die ganze Wahrheit sagen und auch eröffnen, daß nur mehr wenig Hoffnung auf gänzliche Herstellung sei. Armes Ding!«

Damit schloß er die Thüre seiner Wohnung und wir gingen hinab und im Sonnenschein den menschengefüllten Donauquai auf und ab, bis die Abendnebel aus dem Flusse aufstiegen. Da schieden wir. Der junge Arzt ahnte nicht, daß sich zur selben Stunde am gegenüberliegenden Ufer seine unglückliche Patientin in den Fluß gestürzt. Sie ertrank, weil der Nebel die Rettung verhinderte. So war mindestens am nächsten Tage in der lithographirten Lokalkorrespondenz zu lesen. . . .

Und das sei die letzte Geschichte – zwar nicht die letzte, welche zu meiner Kenntniß gelangt, aber die letzte, welche ich erzählen will.

Nur von den ›Gespielen‹ erübrigt mir noch zu reden, von jenen Knaben, welche haufenweise nach dem Osten gebracht werden, angeblich, um dort in den Häusern der Reichen als lebendige Grammatiken zu dienen, in Wahrheit aber – mindestens zum nicht geringen Theil – um in eigenen Häusern als Gegenstand unnatürlicher Lüste mißbraucht zu werden. In Kiew und Odessa, Bukarest und Galatz, Konstantinopel und Athen bestehen solche Häuser. Mehr darüber zu sagen, ist an dieser Stelle unmöglich und wohl auch – überflüssig!

Mögen diese Zeilen ihren Zweck erfüllen, aufmerksam zu machen und zu warnen. Möge die Zeit nicht ferne sein, wo man nur noch als einer Schmach der Vergangenheit des Handels zu gedenken braucht, der heute so entsetzlich blüht, des Handels mit Gouvernanten und Gespielen!

* * *

Soweit meine Darstellung von 1876. Aufmerksam zu machen, zu warnen, war thatsächlich mein einziger Zweck. Daß mit der Erweckung moralischer Entrüstung wenig, blutwenig gethan sei, war mir klar – in der That ist es ein schöner Wahn zu glauben, daß je ein Schurke vor ihr die Waffen gestreckt. Und wäre die Sprache dieser Thatsachen, sagte ich mir, laut genug, jeden gebildeten Europäer mit tiefstem Abscheu zu erfüllen, deßhalb werden die Herren Bojaren in Halb-Asien doch fortfahren, zu thun, was ihnen beliebt. Aber jenen Mädchen, welche die Reise nach dem Osten wagen, ihren Eltern und Vormündern wollte ich die Augen öffnen, damit sie auf der Hut seien. »Exempla trahunt,« heißt es sonst, vielleicht dachte ich, erreiche ich hier im entgegengesetzten Sinne meine Absicht und es darf von diesen Zeilen heißen: »Vestigia terrent

In der That erreichte ich diesen Zweck, und zwar – nur allzusehr! Ich konnte dies aus dem Hagel von Zeitungsartikeln und Briefen schließen, welcher auf meinem Schreibtisch niederging. Daß ich da in allen Zungen des Ostens zu lesen bekam, ich sei ein Verleumder meiner Heimath, ein »Vogel, der sein eigenes Nest beschmutze,« und was der Höflichkeiten mehr waren, wunderte und kränkte mich nicht; auch der Vorwurf, daß ich ein »Kulturfeind« sei, welcher den Osten der fremden Bildungselemente berauben wollte, ließ mich gleichgültig; nachdenklich aber machte mich der Vorwurf, daß ich durch derlei Dinge den armen Mädchen das Herz schwer machte, denn daran war wirklich etwas; auch die Briefe, die mir zukamen, bestätigten es. Es war viel Thörichtes darunter – so fragte z. B. eine 55jährige Sprachlehrerin aus Genf bei mir an, ob sie ohne Sorge für ihre Tugend eine Stelle als Institutslehrerin in Bukarest annehmen dürfe, und eine Andere, die ihr Alter nicht nannte, wohl aber ihre Photographie beilegte, forderte von mir, offenbar um der Gefahr zu trotzen, ein Verzeichniß der Bojaren, die so gegen ihre Gouvernanten verführen; Dutzende von Briefen forderten Referenzen über bestimmte Familien; aber aus Hunderten von Briefen klang die erschütternde Klage: »Gut, nun sind wir gewarnt, aber was soll uns dies fruchten?! Wir müssen nach dem Osten gehen, unser Brod zu verdienen, weil wir es in der Heimat nicht finden können. Wir wollen die Gewähr haben, daß wir in ein anständiges Haus kommen, aber wer kann uns dieselbe geben?«

Die Frage war berechtigt, aber wo die Antwort finden?! Anscheinend war sie ja leicht gegeben: »Die Gewähr hat Euch jene Agentur zu geben, durch deren Vermittlung Ihr engagirt werdet. Vermeidet also die schlechten und bedient Euch der gewissenhaften Agenturen.« Aber auch damit ist wenig gethan. Es gab und gibt keine Agentur, und zwar weder im Westen, noch im Osten, der sich irgendwie glaubhaft nachweisen ließe, daß sie sich berufsmäßig mit der Vermittlung solcher Schändlichkeiten befasse. Wenn eine Gouvernante, der sie eine Stelle vermittelt, hiedurch in schlechte Hände geräth, so trifft den Agenten in Genf, Brüssel, Berlin oder Wien höchstens der Vorwurf des Leichtsinns, aber auch dieser nicht immer. Bestünden solche Agenturen in Europa und bedürfte das Schandwesen derselben zu seiner Existenz, so wäre es bald vernichtet. Aber es bedarf ihrer nicht, ja noch mehr, es bedarf nicht einmal der Mithülfe der Agentur im eigenen Lande. Bestünden solche Agenturen in Rumänien, Rußland &c. so wären sie gleichfalls bald entlarvt, und wenn sie vielleicht auch nicht immer von ihren Behörden bestraft würden, so könnte man sie doch durch öffentliche Warnung und Brandmarkung unschädlich machen. Aber der Fall liegt meistens ähnlich wie der folgende: Der Gutsbesitzer, Herr v. X. in Volhynien, Wittwer und Vater zweier kleiner Mädchen, hat für diese eine Gouvernante bezogen. Er hat von vornherein keine schlimme Absicht; er will in der That nur eine Erzieherin für seine Kinder. Aber der Zufall bringt ihm ein junges, reizendes Mädchen in's Haus und dieser Versuchung vermag seine Brutalität nicht zu widerstehen. Dann schickt er die Aermste ruhig fort: er weiß, daß sich in seinem Gouvernement kein Ohr ihrer Klage oder Anklage öffnen wird. Diese Erfahrung ermuntert ihn zu weiteren Versuchen; er bestellt bei der Agentur in Warschau abermals eine Gouvernante, diesmal aus Deutschland oder Belgien. Jugend und »freundliches Aeußere« macht er vorsichtshalber diesmal bereits zur Bedingung. Aber solche Anforderung wird so oft und von so ehrenwerthen Leuten gestellt, daß der Agent daraus wahrlich noch nicht Verdacht schöpfen kann. Woraus sonst? Weitläufige Erkundigungen einzuziehen fällt ihm nicht bei. Er schreibt also an seinen Brüsseler oder Berliner Geschäftsfreund und dieser wieder ist vollends außer Stande, eine Nachforschung zu pflegen, selbst wenn er's wollte. Er schließt mit einer Dame, die den gestellten Bedingungen entspricht, einen Vorvertrag ab, sie erhält einen Reisevorschuß und geht nach Volhynien. Das Weitere – siehe oben! Und was hindert Herrn von X., die Schandthat beliebig oft zu wiederholen? Aber so schauerlich schon dieses Beispiel ist, der Leser weiß bereits, daß es noch schlimmere Fälle gibt; ich erinnere an die Geschichte der Marie Ch. Sowohl das Wiener, als das Genfer Placirungsinstitut, welche bei Schließung dieses Vertrages mitwirkten, waren achtbare Firmen; das Wiener gilt als das verläßlichste dieser Stadt. Der Agent kann sich nicht immer erkundigen, und angenommen, daß er es könnte – durch welche Mittel wäre ihm die Verpflichtung hiezu so bindend aufzuerlegen, daß er ihr nachkommen müßte?!

Wo die Kraft der einzelnen Individuen nicht hinreicht, ein gemeinschädliches Uebel auszurotten, da darf man mit Recht die Macht des Staates anrufen, auch wenn man im Uebrigen noch so entschieden der Ansicht sein mag, daß der »Racker von Staat« heutzutage nur allzuviel bemüht wird. Von den Staaten Halb-Asiens war freilich keine Abhilfe zu erwarten, wohl aber von jenen Europa's. Und so gab ich meinen Vorschlägen endlich die praktische Spitze: Es ist die Pflicht jedes Staates, seine Angehörigen auch in der Ferne vor Unbill zu schützen. Natürlich können die Schweiz oder das Deutsche Reich nicht jeder Genfer oder Berliner Bonne einen Wächter ihrer Ehre beigeben, noch ihren Gesandten auftragen, jede Einzelne im Auge zu behalten und sich um ihr Wohlergehen zu kümmern. Was sie aber leicht vermögen, ist, ihnen die Sicherheit zu bieten, daß sie nicht in verruchte Hände fallen. Mit anderen Worten: den Konsulaten ist zur Pflicht zu machen, auf derartige Anfragen von Amtswegen sofort und mit aller Gewissenhaftigkeit Auskunft zu ertheilen. Dann sind wenigstens die grellsten Fälle, wie jener der Marie Ch. vermieden.

Es ist mir eine hohe Freude, berichten zu dürfen, daß diese Anregung nicht fruchtlos blieb. Im Gegentheil – die praktische Wirkung war größer, als ich sie je zu erhoffen gewagt. Ich darf dies betonen, weil das Resultat nicht mir zu danken ist, sondern der Wucht der Thatsachen, weil ich nichts gethan, als meine Pflicht.

Die Schweiz steht in jener Skala obenan und sie war es auch, die zuerst die Frage praktisch löste. Die Bundesregierung in Bern legte, wie mir der Gesandte der Schweiz, Herr Dr. von Tschudi in Wien, mitgetheilt, meine Aufsätze einer Enquêtekommission vor. Diese schlug eine höchst zweckdienliche Maßregel vor, die auch sofort acceptirt wurde. Unter dem Patronate der Regierung entstand nämlich eine Gesellschaft, welche sich den Schutz der jungen Schweizer Bürgerinnen im Osten zur Aufgabe macht. Es wird dies zum Theil dadurch erreicht, daß die Gesellschaft nicht bloß die Schweizer Konsulate des Ostens zu Hilfe nimmt, sondern auch private auswärtige Mitglieder in jenen Ländern ernennt und die Auswanderer an sie empfiehlt, insbesondere jedoch dadurch, daß man die Schutzlosen von vornherein nicht in schlechte Hände kommen läßt. Will zum Beispiel ein junges Mädchen in Lausanne als Gouvernante in ein moldauisches Haus treten, so erhält sie ihren Schweizer Paß nicht eher ausgefolgt, als bis sie in einer Filiale der Gesellschaft den Namen ihrer künftigen Herrschaft angegeben und bis die Erkundigungen, welche dann sofort auf telegraphischem Wege eingeholt werden, ein befriedigendes Resultat über den guten Ruf jener Familie ergeben. Ich halte dies für den einzigen richtigen Weg. So ist für die Schweizerin in Halbasien das Schlimmste verhütet.

Wer aber schützt die Deutsche?

Es ist nicht Zweck dieser Zeilen, selbstgefällig das eine Resultat zu vermelden, sondern diese Frage zu stellen an Alle, die es angeht, besonders an die belgische Regierung und an den deutschen Bundesrath in Berlin.

Der Export von deutschen Gouvernanten, Bonnen und Gesellschafterinnen nach jenen Ländern wächst von Jahr zu Jahr. Hält es der deutsche Bundesrath in Berlin nicht für seine Pflicht, für die deutschen Mädchen denselben Schutz aufzurichten, dessen sich die Schweizerinnen bereits erfreuen?


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