Karl Emil Franzos
Aus Halb-Asien – Zweiter Band
Karl Emil Franzos

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IV. Die k. k. Reaction in Halb-Asien.

Kossuth-Jagden.

(1871, 1875.)

»Die Welt ist gar so lustig«, klagt ein feinfühliger deutscher Poet, »es wird doch Alles vergessen«. Und in geradem Gegensatze zu dieser Anschauung wird das, was er beklagt – die Vergeßlichkeit, die Leichtlebigkeit – derberen Naturen als höchstes Glück der Menschen erscheinen. Die Wahrheit aber mag auch hier in der Mitte liegen. Den grauen Schatten der Vergangenheit nachzujagen und darüber das goldige Licht des heutigen Tages zu vergessen, mag ebenso thöricht sein, als toll und blind in die Gegenwart hineinzurennen und sich über alles Vergangene mit der bekannten tiefsinnigen Wahrheit hinwegzusetzen, daß es ohnehin nicht mehr zu ändern. Und zwar gilt dies ebenso von den Individuen, wie von den Völkern. Hat jedes Volk das unbestreitbare Recht, seine Angelegenheiten im Lichte und Sinne der Gegenwart – und nur in diesem! – zu ordnen, so liegt ihm doch ebenso die unbestreitbare Pflicht ob, sich seiner Vergangenheit zu erinnern und dieselbe nimmer zu vergessen, am Allerwenigsten einer bestimmten Tendenz zuliebe. Freilich mag es, nach den factischen Verhältnissen zu schließen, leichter sein, diese Wahrheit auszusprechen, als sie zu üben. Von einem Extrem in das andere taumeln die Völker, von der unbedingten Bewahrung und Verehrung alles Vergangenen und Althergebrachten zu dessen unbedingter Verachtung und Vernichtung. So in Frankreich und Spanien. Aber auch da, wo die Extreme vermieden werden, wo sich die Geschicke der Völker in ruhigeren Bahnen vollziehen, wird jene richtige Mitte nur selten eingehalten.

Auch in Oesterreich-Ungarn nicht. Und am Wenigsten bei der Betrachtung jener traurigen Tage, jener seltsamsten und verhängnisvollsten Periode der Geschichte dieses Staates, welche der gegenwärtigen Generation so nahe liegt, daß sie sich ihrer erinnern muß, und von welcher daher doppelt wünschenswerth wäre, daß man sich ihrer in richtiger und heilsamer Art erinnerte. Ich meine die unsäglich düstere Zeit, wo Säbel und Kutte Staat und Kirche »retteten«, das furchtbare Jahrzehnt (1850–1860), wo der »schwarzgelbe Schrecken« wie ein Alp über den Völkern lag, Niemand zum Segen, Allen zum Fluche.

Zwei verschiedene Standpunkte werden in unseren Tagen in Oesterreich dieser jüngsten Vergangenheit gegenüber eingenommen. Die Einen suchen die Schrecken jener Tage geflissentlich in Nacht und Vergessenheit zu begraben. Die Anderen bestreben sich, die Erinnerung daran ebenso geflissentlich wach zu erhalten. Leitet die Ersteren die Furcht, daß sonst aus jenen Gräbern Gespenster aufsteigen könnten, welche die Macht hatten, die nur mühsam errungene Einigkeit zwischen Fürst und Volk, den ohnehin so wenig gefesteten Frieden zwischen den einzelnen Volksstämmen untereinander zu stören, so haben die Anderen das Motiv, die Flammen des Hasses, welche jenes Schreckensregiment entzündet, heute dazu wach zu erhalten, um daran die Waffen für den Parteikampf der Gegenwart zu schmieden.

Beides ist wohl gleich thöricht und für die Dauer gleich vergeblich. Das Volk hat ein besseres Gedächtnis als manche Herren zu wissen scheinen, und Tage, wie die erwähnten, sind vollends unvergeßlich. Andererseits ist es aber unedel, ja frevelhaft, Haß zu schüren, dessen Gegenstand längst verschwunden, und so auf Unkenntniß und Begriffsverwirrung zu bauen. Ist doch heute selbst der Name – geschweige denn das Wesen! – des Staates verschwunden, in dessen Namen man jene Gewaltthaten verübt. Es gibt auf Europa's Karte kein »Kaiserthum Oesterreich« mehr!

So ergibt sich denn den Ereignissen der Reaktionszeit gegenüber bei Vermeidung aller Extreme folgender Standpunkt als der, glaub' ich, einzig richtige: Gepflegt, mehr als bisher üblich gepflegt und aufgefrischt soll die Erinnerung an jene Tage werden, weil sie Geschichte sind, denkwürdige, lehrreiche Geschichte. Aber kein anderer Haß soll daran entzündet werden, als der Haß gegen Knechtschaft und Verdummung und keine andere Liebe, als die Liebe für Freiheit und Recht!

In diesem Sinne bin ich seit geraumer Zeit bemüht gewesen, Daten zur Geschichte der Reaction in Oesterreich zu sammeln und sie in zahlreichen Skizzen an verschiedenen Orten zu veröffentlichen. Man hat diese Arbeiten Tendenz-Artikel genannt und ich habe nichts dagegen einzuwenden; jeder Artikel über politische Ereignisse ist im Grunde Tendenz-Artikel. Aber dagegen, daß mich hierbei eine andere Tendenz geleitet hat und leitet, als die eben entwickelte – dagegen muß ich mich verwahren. Es ist wahrlich nicht meine Schuld, wenn die Thaten, von denen ich berichte, meist grausam, gewissenlos und unverantwortlich sind.

Nicht so schlimm ist der Gegenstand der vorliegenden Skizzen. Nicht von kolossalen Grausamkeiten des absoluten Regimes habe ich diesmal zu berichten, sondern von kolossalen Dummheiten. Denn nächst der Grausamkeit ist die Dummheit das sicherste und zutreffendste Charakteristikon jeglichen absoluten Regimes. Die Reaction ist nie ausschließlich Henker, sie ist stets zugleich Bajazzo, sie erschüttert nicht allein das Herz, sondern auch das Zwerchfell und dicht hinter einem ergreifenden Trauerspiel her inscenirt sie eine unglaublich groteske Posse. Wer in ihrer Geschichte blättert, dem muß sich oft genug die Faust ballen und das Herz schmerzlich zusammenziehen, aber oft genug wird er auch laut und lustig auflachen müssen. Denn es gibt keine Bestie auf Erden, die so grausam und zugleich so feig wäre, wie die Reaction, so trotzig und selbstbewußt und dabei in komischester Weise zusammenschauernd vor dem bloßen Schatten einer Gefahr.

Für letztere Behauptung liefert das Nachstehende reichliche Belege. Denn bei den Treib-Jagden, die man zehn Jahre lang nach Ludwig Kossuth anstellte, zitterte man ja auch nur vor dem bloßen Schatten einer Gefahr. Nicht etwa, als ob ich behaupten wollte, daß die Herren vom reaktionären Handwerk mit Unrecht vor dem Mann auf der Hut gewesen. Gewiß, der große Agitator, der sein Volk über Alles liebte und von diesem über Alles verehrt wurde, der kühne, mit gewaltigen Geistesgaben ausgerüstete, von verzehrendem Ehrgeiz erfüllte Mann war für das reactionäre Oesterreich ein gefährlicher Feind. Darum erwartete ihn auch daheim der Galgen, darum ward er zum Exil gezwungen und in der Fremde durch ein Heer von Spionen sorgfältigst überwacht. Das waren Vorkehrungen gegen die wirkliche Gefahr und gewiß ausreichende, ja überreichliche Cautelen. Aber warum begnügte man sich damit nicht? Warum hetzte man die armen untergeordneten Priester der heiligen Hermandad an den Grenzen auf und ab, den Mann zu fangen, der sich wohl hütete, diesen Grenzen nahe zu kommen?

Ja – warum? Es gibt keine Antwort auf diese Frage, wie es denn überhaupt eitle Mühe wäre, bei den Verfügungen und Handlungen einer reactionären Regierung nach logischen Gründen zu forschen. Und so sei nur die Thatsache constatirt, daß die österreichischen Polizisten und Behörden zu derselben Zeit immer wieder mit der Personalbeschreibung Kossuth's – Gestalt: mager, geschmeidig. Gesicht: düster, hager. Kleidung: einfach (sic.). Sprache: spricht das Magyarische mit slovakischer Betonung(!) – gefüttert, zu derselben Zeit immer wieder zu äußerster Wachsamkeit und häufigen Streifungen angehalten wurden, zu welcher die Herren Bach und Kempen in Wien aus den täglichen Berichten ihrer Späher auf das Genaueste wußten, wie es ihrem fernen Freunde in London, später in Turin, erging und sogar, wenn es sie darnach gelüstete, erfahren konnten, welche Cravatte er an dem oder jenem Tage getragen und ob er lieber gesottenes Fleisch esse als gebratenes, oder etwa umgekehrt.

Wenn man erwägt, daß sich die österreichische Polizei jener Tage ohnehin nicht besonders durch Geistesreichthum und Geistesklarheit auszeichnete, so wird man begreiflich finden, daß sich die Gedanken der »untergeordneten Organe«, der Treiber und der Jägerbursche bei dieser Menschenjagd, bei dem Fahnden an so verschiedenen Orten und durch so lange Jahre schließlich ganz verwirrten, daß die Persönlichkeit Kossuth's mit der Zeit nicht nur bei den Bauern des »Alföld« zum Mythus wurde, sondern auch bei den k. k. Polizeicommissären. Und dann wird man es auch begreiflich finden, wie sich hierbei Geschichten ereignen konnten, wie die nachfolgenden, für deren Wahrheit ich mich verbürge.

Ich beginne mit der wunderbaren Historie, wie sie eines schönen Tages zu Aussig an der Elbe zwei Kossuth's auf einmal gefangen.

Es war im Jahre 1853, welches bekanntlich ein sehr schönes, sehr stilles Jahr war. Wer sollte auch noch Lärm machen?! Die Freiheit hatte man getödtet und die Männer der Freiheit hatte man gehängt oder erschossen oder in die Verbannung gejagt, je nachdem man ungnädig gestimmt war, oder gnädig oder sehr gnädig. Mit dieser Arbeit war man fertig, die Galgen standen unbenutzt, die Gewehrsalven verstummten. Höchstens schoß man im Lombardischen einen jungen Burschen todt, weil er vor einer Wache eine Fratze geschnitten, oder prügelte in Ungarn ein Mädchen halbtodt, weil es roth-weiß-grüne Bänder in den Haaren trug. Aber im Uebrigen ward eine andere Arbeit begonnen, die des »Friedens»; man reconstruirte den Staat auf den »altehrwürdigen Grundlagen». Aber den Kossuth hatte man trotzdem leider noch nicht und mußte ihn daher suchen.

An einem schönen, klaren Septembermorgen besagten Jahres also lichtete, wie alltäglich, auf dem Landungsplatze unterhalb der Brühl'schen Terrasse zu Dresden ein Elbdampfer die Anker und steuerte langsam flußaufwärts. Und wie alltäglich, so drängte sich auch diesmal auf dem Verdecke eine bunte fröhliche Menge, welche theils nach Böhmen wollte, theils in die sächsische Schweiz. Nur ein Mann drängte nicht, sondern stand abseits, an die Schiffswand gelehnt und starrte theilnahmlos in das Gewirre. Er trug dunkle Kleidung, sein Gesicht war düster, seine Gestalt mager und geschmeidig. Im Allgemeinen machte er einen fremdartigen Eindruck, und wenn man seine engen Stiefelhosen, die blanken Stiefel und die Sporen daran in Rechnung zog, so konnte man leicht auf einen Magyaren schließen.

Wie gesagt – an die Schiffswand stand er gelehnt, der interessante Fremdling und kümmerte sich scheinbar nicht um das, was um ihn vorging. Da gewahrte er plötzlich an der entgegengesetzten Schiffswand einen Mann, der da gleichfalls theilnahmlos lehnte und überhaupt gleichfalls ein interessanter Fremdling war. Auch er trug dunkle Kleidung, sein Gesicht war düster, seine Gestalt mager und geschmeidig. Stiefelhosen und Sporen trug er nicht, aber dafür einen scharf aufgewichsten Schnurrbart und in der Hand einen Knotenstock mit Messingbeschlag, der so beiläufig einem civilisirten »Buzogany« (altmagyarischer Streitkolben) ähnlich sah. Kurz – auch dieser Mann war unschwer als Magyare zu erkennen.

So standen sie einander gegenüber, die beiden Fremdlinge, und sahen einander an, und ihre Gesichtszüge wurden immer gespannter und die Augen immer durchdringender. Und plötzlich standen sie, kaum wußten sie selber wie, einander dicht gegenüber. »Ein Landsmann?« fragte der mit den Stiefelhosen und lüftete seinen Hut.

»Ja! – Gottlob! – ein Magyare!« erwiderte der mit dem Buzogany und bot treuherzig seine Rechte.

»O welche Freude!« rief der Erste und schlug kräftig ein. Darauf schüttelten sie einander eine Minute lang warm die Hände und sahen sich dabei scharf prüfend an. Vielleicht fiel ihnen beide ihre Aussprache auf: sie sprachen das Magyarische mit stark slovakischer Betonung. »O – und woher kommen Sie?« fragte der Besitzer der nationalen Handwaffe.

»O – aus Paris! Und Sie?«

»Aus London!«

»Aus London? – O – sollte ich wirklich das Glück haben, hier – doch – Sie kehren in die Heimath zurück?«

»Ja! in das Vaterland! In das theure, langentbehrte Vaterland!«

»Es lebe das Vaterland!« rief der Träger des engen Beinkleids begeistert.

»Es lebe das Vaterland!« stimmte der Andere nicht minder begeistert ein. »Wie lange habe ich die theure Erde schon nicht gesehen!«

»Sie mußten ihr wohl ferne bleiben?«

»O – war das auch Ihr Fall? Hielt auch Sie die Gefahr für Freiheit und Leben zurück?!«

»Also auch Sie – ?! O! Wie sich das herrlich trifft! Ja, im Vertrauen gesagt! – ein Magyare verräth den andern nicht! – ich habe vor vier Jahren für Recht und Freiheit unseres glorreichen, unglücklichen Vaterlandes Alles eingesetzt und mußte fliehen. Aber jetzt hat mich die Sehnsucht zurückgetrieben – ich muß die theure Erde wiedersehen und sollte es mich den Hals kosten!«

»Ein Magyare verräth den andern nicht!« rief der mit dem Schnurrbart und schwang begeistert den Buzogany immer heftiger. »Auch ich bin in Ihrer Lage – ein politischer Flüchtling – vogelfrei – aber lieber den Tod, als die Verbannung! Ich kehre heim – trotz der schwarzgelben Schergen.«

»Nieder mit den Schwarzgelben!« rief der mit den Stiefelhosen, vor Enthusiasmus fast außer sich. Dann aber beruhigte er sich und sagte: »Ich heiße Alexius von Bordányi, ich war Major bei den Honveds, ich bin aus dem Neutraer Comitat.«

Der Andere sah ihn mit ganz sonderbarer Miene an, fast, als wäre er über diese Mittheilung erstaunt oder enttäuscht. Dann aber lächelte er und sprach: »Und ich heiße Béla von Markovski, war Districtscommissar der unabhängigen Regierung und stamme aus der Gegend von Trentschin!«

Nun stutzte wieder der Erste. Dann aber rief er im höchsten Entzücken: »Da sind wir ja sogar spezielle Landsleute! . . . Es lebe das Vaterland! O darauf müssen wir eine Flasche trinken!«

»Ungarwein!« rief wieder der Andere und schwang den Buzogany wie einen Kreisel über dem Kopfe. »O – auch drei Flaschen!« Und der Ex-Honvéd Alexius von Bordányi stieg mit dem Ex-Commissar Béla von Markovski Arm in Arm die enge Cajütentreppe hinab, um drunten, die Gefahr vergessend, der sie sich mit jeder Umdrehung der Schiffsräder immer mehr näherten, einen frühlichen Trunk zu thun auf das Wohl des Vaterlandes.

Und das geschah – geschah ausgiebig und reichlich. Die beiden Patrioten kümmerten sich weder um den Königstein, noch um die übrige sächsische Schweiz und fuhren unter häufigen Umarmungen und kräftigen Reden drunten in der Cajüte bis Bodenbach-Tetschen, bis an die österreichische Grenze. Wie viele Flaschen sie leerten, vermag ich nicht anzugeben und ebenso begnüge man sich bezüglich ihrer Gespräche mit der Versicherung, daß dieselben sehr begeistert und dabei sehr unvorsichtig waren – jedes Wort ein dreifach qualificirter Hochverrath. Und was nun gar erst die Toaste betrifft . . .

Zweierlei jedoch verdient hierbei hervorgehoben zu werden. Der Verkehr der beiden Herren war ein sehr herzlicher, sehr ungezwungener, wie es sich für Landsleute und Schicksalsgenossen, zumal in solcher Lage, wohl geziemt. Gleichwohl ließ sich eine Eigenthümlichkeit unschwer herausfühlen: jeder der beiden Patrioten glaubte offenbar, daß der andere ihm nicht seinen richtigen Stand und Namen genannt und daß er es hier in Wahrheit mit einem weit höher stehenden, weit berühmteren Landsmann zu thun habe. Darum behandelten sie sich, unbeschadet der größten Herzlichkeit, mit größter Hochachtung, und Jeder machte von Zeit zu Zeit seine Anspielungen auf das Incognito des Andern. Aber Keiner wollte diese Anspielungen verstehen und blickte nur den Gefährten einen Augenblick kopfschüttelnd an.

So kamen sie nach Bodenbach-Tetschen, wo die Mauthrevision stattfindet und der Dampfer eine Stunde Aufenthalt hat. Und hier ereignete sich das Zweite, was hervorgehoben zu werden verdient. Beide Herren zogen hier ihre Pässe hervor und flüsterten einander mit schlauer Miene zu: »Gefälscht!« Beide Herren kamen merkwürdig gut durch – die Fälschungen waren wohl vortrefflich gelungen – denn das betreffende amtirende Organ machte hinter den Hochverräthern sogar tiefe Bücklinge.

Und dann blieben Honvéd und Commissär stehen und blickten einander unschlüssig an. »Ich muß Sie leider einen Augenblick verlassen«, sagte der Soldat der Revolution.

»Ja – auch ich habe ein kleines Geschäft –«

»Ich muß nämlich in's Telegraphenamt.«

»Dahin will ich ja auch«, rief Herr v. Markovski. »Ich möchte meine Verwandten avisiren. . .«

»Und ich will an meine Schwester in Osen telegraphiren. Natürlich haben wir einen ›schwabischen‹ Namen verabredet . . .«

»O! bei mir kommen die Schwarzgelben auch nicht dahinter. Ich telegraphire: ›Das alte Weinfaß ist da . . .‹«

»Hahaha! – Na, kommen Sie, Barátom!«

Und Arm in Arm gingen die beiden Flüchtlinge in's nahe Telegraphenamt, gaben die Depeschen auf, kehrten Arm in Arm auf das Schiff zurück und fuhren dann in fröhlichem Gespräch, aber gleichwohl etwas aufgeregt und beunruhigt in drei Stunden nach Aussig.

Bei ihrer Ankunft in dieser Stadt aber, wo die Dampferfahrt ihr Ende nimmt, geschah ein drittes Ereigniß, welches erzählt zu werden verdient, schon deshalb, weil es diese kleine Polizeigeschichte etwas jäh, vielleicht auch etwas überraschend abschließt.

Der Dampfer nähert sich der Landungsbrücke, Bordányi und Markovski stehen in brüderlichem Gespräch auf dem Verdeck und blicken nach dem Ufer. Da – ha! – welcher entsetzensvolle Anblick bietet sich ihnen! Vor der Landungsbrücke steht eine halbe Compagnie Infanterie, auf der Brücke aber, des Dampfers harrend, ein Polizei-Commissär mit acht Gendarmen. Und ehe sich die Flüchtlinge noch gefaßt, hält der Dampfer und der Commissär steht vor ihnen und spricht, indeß die Gendarmen sie umringen: »Im Namen des Kaisers! – Sie sind Beide verhaftet! Wer sich rührt, wird niedergeschossen! Sie«, wendet er sich an den Mann mit den Stiefelhosen, »der Sie sich Alexius von Bordányi nennen, werden über telegraphischen Auftrag des Herrn k. k. Polizei-Kommissärs Wenzel M. als unter dem dringenden Verdachte stehend, Ludwig Kossuth zu sein, verhaftet. Ebenso werden Sie«, wendet er sich an den Besitzer des Buzogany, »über gleichzeitig eingelangtes dienstfreundliches Ersuchen des Agenten Jaroslav P. verhaftet. Sie haben diesem Agenten gegenüber selbst eingestanden, Districts-Commissär unter Kossuth gewesen zu sein, und der Agent ist aus gewichtigen Gründen der Ansicht, daß Sie – Kossuth selbst sind. Das Signalement stimmt bei Beiden. Wer von Ihnen der richtige Kossuth ist, wird sich später herausstellen.«

Die beiden Flüchtlinge stehen starr vor Entsetzen. Herr v. Markovski faßt sich zuerst. »Was sind das für Tollheiten?« ruft er wüthend. »Ich bin ja der k. k. Commissär Wenzel M.«

»Und ich«, winselt Herr von Bordányi demüthig und holt seinen ›Adler‹ hervor, »ich bin ja der Agent Jaroslav P.«

* * *

Von der grünen Elbe an die blaue Suczawa ist ein weiter Sprung: Menschen und Gebräuche, Sprache und Sitten sind grundverschieden. Auch die Kossuthgeschichte, die ich von den Ufern des kleinen Karpathenflüßchens erzählen will, hat keinen Zug gemein mit jener Historie vom Elbdampfer. Gleichwohl wird sie den Leser verwandt anmuthen und zwar aus einem einzigen, aber schwerwiegenden Grunde: die k. k. Polizei jener Tage war überall gleich geistreich.

An den Ufern der Suczawa, in einem entlegenen östlichen Winkelchen der Bukowina, liegt, hart an der Grenze der Moldau, die alte Suczawa, die ›Fürstenstadt‹, allen Rumänen heilig und ehrwürdig durch die Traditionen einer vielhundertjährigen Geschichte und als Ruhestätte ihres nationalen Heiligen, des h. Johannes Novi, allen Nichtrumänen aber als altes, verkommenes Nest mit schmutzigen Häusern und engen Gäßchen minder verehrenswerth. Aus der Bewohnerschaft dieser schmutzigen Häuser ließe sich eine wahre Musterkarte von Nationalitäten zusammenstellen: hier finden sich Rumänen und Ruthenen, Deutsche und Ungarn, Polen und Juden, Bulgaren und Russen, Armenier und Zigeuner. Und da schier jede Nationalität auch ihren eigenen Glauben hat, so findet sich in dem kleinen Neste auch eine wahre Musterkarte von Kirchen und Pfarrern. Die Gläubigen leben untereinander im Frieden, die Pfarrer aber, wohl aus Geschäftsneid, häufig im Streite.

Unter diesen frommen Hirten ragte zu Anfang der fünfziger Jahre der römisch-katholische Pfarrer von Suczawa durch seinen Leibesumfang hervor. Von sonstigen charakteristischen Eigenschaften des Mannes ist nichts zu berichten. Denn wenn ich der Wahrheit gemäß hinzufüge, daß ihm eine stattliche Nichte den Haushalt versah, so geschieht es nicht, um den Mann zu charakterisiren, da ja dieses Charakteristikon auf überaus viele katholische Pfarrer paßt, sondern nur, weil es im Interesse dieser Geschichte nothwendig ist. Besagte Nichte also war ein gutmüthiges, stattliches Frauenzimmer, dessen Gesundheit freilich leider viel zu wünschen übrig ließ. Denn die Arme war genöthigt, fast alljährlich eine Erholungsreise zu ihrer in Czernowitz lebenden Schwester zu machen. Statt sich an diese regelmäßig wiederkehrenden Reisen zu gewöhnen, wie an andere Naturerscheinungen, z. B. den Frühling, waren die Bewohner von Suczawa im Gegentheil so boshaft, sich darüber eine Geschichte zu erzählen, die freilich auch anderswo passiren mag, da sie sogar sprichwörtlich geworden ist. Sie erzählen nämlich einander in Suczawa die Geschichte ›von dem Pfarrer und seiner Nichte‹.

Aber böse Zungen vermögen reine Herzen wohl zu verwunden, doch nicht ihr festgegründetes Glück zu zerstören. Und so hätte wohl auch die Idylle im Pfarrhofe, die Erholungsreisen inbegriffen, noch lange fortgeblüht, wäre nicht plötzlich die Politik wie ein Donnerkeil dazwischen gefahren, speciell das Bedürfniß Oesterreichs, des Ludwig Kossuth habhaft zu werden. Und zwar ging dies folgendermaßen zu.

Suczawa liegt, wie erwähnt, dicht an der Grenze, nur durch das Flüßchen gleichen Namens von dem Bojarenlande getrennt. Wenn man erwägt, wie nahe der Gedanke lag, Ludwig Kossuth könnte eines Tages seines sichern Asyls müde werden und sich durch Rumänien über Suczawa nach Oesterreich begeben, um sich allda hängen zu lassen, so wird man begreiflich finden, daß die österreichische Polizei besagtem Grenzort lebhafte Aufmerksamkeit zuwandte. Darum ward auch daselbst ein besonders tüchtiger Polizei-Commissär mit weitgehenden Vollmachten postirt. Aber mit Tüchtigkeit und Vollmachten allein fängt man noch keinen Kossuth – es muß auch einer da sein. Und das war leider nicht der Fall. Vom Ex-Dictator ganz abgesehen, ließ sich nicht einmal ein kleiner Hochverräther in Suczawa blicken. Dem armen, besonders tüchtigen Polizei-Commissär blieb nichts übrig, als in seinen allwöchentlichen Berichten zu versichern, vorläufig gebe es nichts, aber vorkommenden Falls werde er sicherlich nicht verfehlen u. s. w..

Daß dies keine leere Versprechung, bewies der Mann, als ihm ein günstigerer Stern für sein Geschäft aufging. Besagter Stern erschien eines Vormittags in seinem Bureau in Gestalt des griechisch-katholischen Pfarrers von Suczawa, eines bärtigen Biedermannes, der alle Welt mit christlicher Liebe umfaßte, nur seinen römisch-katholischen Amtsbruder nicht – den haßte er glühend. Der Mann Gottes hielt an den Beamten eine lange und erbauliche Ansprache. Wie es seine Pflicht sei, loyal zu sein und wie er dieser Pflicht stets freudig nachgekommen. Wie der Staat jetzt mehr als je der Hülfe aller Gutgesinnten bedürfe. Wie insbesondere die Polen und Römisch-Katholischen gefährliche Hallunken seien. Wie er es daher für seine Pflicht halte, dem Herr Polizei-Commissär nachfolgende Verdächtigkeiten und Hochverräthereien ergebenst zu unterbreiten.

Am Fuße des Schloßbergs, dicht am Flusse und nur durch diesen vom Moldau'schen Gebiete getrennt, liege ein verfallenes Häuschen, welches einem Menschen gehöre, der als Christ und Patriot gleich wenig tauge, dem römisch-katholischen Pfarrer nämlich. Dieses an sich verdächtige Haus nun sei seit einigen Tagen der Schauplatz verdächtiger Ereignisse. Bisher unbewohnt und immer mehr verfallend, sei es nun plötzlich von geheimnisvollen Insassen bezogen worden. Des Tages freilich seien die Fensterläden geschlossen, aber des Nachts blitze Licht durch die Sparren und unheimliches Stimmengeflüster werde hörbar . . .

Der Commissär horchte auf. »Und Sie meinen«, frug er, »daß der Pfarrer darum weiß?«

»Natürlich!« versicherte der Griechisch-Katholische eifrig, »natürlich weiß es dieser Pole, dieser Heide, dieser Hochverräter! Habe ich es nun doch an zwei Abenden mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sich dieser Sünder nach zehn Uhr in Begleitung seiner alten Magd aus seiner Wohnung schleicht und wie sie dann beide einen schweren Korb in das Häuschen hinüberschleppen. Was kann darin Anderes sein, als Lebensmittel für die Hochverräther, die er dort verbirgt?«

»Hochverräther!« Das Antlitz des Commissärs erhellte sich. »Sie meinen, es könnten Hochverräther sein?«

»Ich bin fest davon überzeugt«, erwiderte der Pfarrer. »Hochverräther, Emissäre, wahrscheinlich« – mit vertraulichem Flüstern – »der Kossuth selbst. In einem Nachen sind sie Nachts über den Fluß gekommen und halten sich im Häuschen verborgen, bis man sie gefahrlos weiter schaffen kann. Ich bitte Sie – dieser dicke Sünder hat ohnehin immer auf Kossuths Wohl getrunken!«

Der Commissär dankte dem Ruthenen warm für seine Mittheilung und versprach energische Schritte. Nur fragte er noch, ob Seine Hochwürden nichts weiter wüßten.

»Freilich!« war die Antwort, »zwei nebensächliche, aber doch verdächtige Dinge. Erstens ist die Nichte des Dicken wieder einmal plötzlich abgereist. Zweitens weiß ich aus bestimmter Quelle, daß morgen der römisch-katholische Dechant aus Czernowitz auf Visitation hierher kommt. Das ist sehr auffällig, sonst pflegt er nie um diese Jahreszeit zu kommen.«

Auch hiefür dankte der Commissär und versank, endlich allein gelassen in tiefes Nachdenken. Die beiden Nebenumstände freilich boten geringe Handhabe. Der Beamte war lange genug in Suczawa, um zu wissen, daß den Erholungsreisen der vielerwähnten Nichte just nicht hochverräterische Motive zu Grunde lagen. Ebenso kannte er den Dechanten persönlich als sittenstrengen Mann und vortrefflichen Oesterreicher. Aber die Hauptsache: dieses unheimliche Haus, diese verdächtigen Bewohner, diese nächtliche Verproviantirung – – wie, wenn sich da wirklich Emissäre verbargen? Wie, wenn Ludwig Kossuth selbst – sein k. k. Herz schlug hoch auf – er war ja auch ein »besonders tüchtiger« Polizeibeamter und wollte Carrière machen. Auch war es nicht seine Schuld, daß sich seine Gedanken unwillkürlich auf den großen Agitator concentrirten. Wem man schier allmonatlich sagt: fange den Ludwig Kossuth, der muß sich schließlich unwillkürlich in diesen Gedanken verrennen. So beschloß unser Mann, keine Minute zu zögern; er wollte sich, soweit dies thunlich, schon bei Tage von der Sachlage überzeugen.

Was er da sah, war wirklich geeignet, seinen Verdacht zu vermehren. Das Häuschen lag einsam und abgelegen, etwa zehn Minuten von der Stadt, am Fuße des Berges, welchen die Trümmer der alten Moldau'schen Fürstenresidenz krönen. Ein Gewirr von Disteln und Bäumen, das vielleicht einst ein Garten gewesen, umgab die Hütte und verbarg sie neugierigen Blicken fast ganz. Hiezu kam die Lage, dicht am Flusse, an der Grenze, die hier beiderseits nicht überwacht wird. Wahrlich! ein sichereres Asyl konnten sich Hochverräther kaum wünschen. Aber waren da wirklich Menschen verborgen? Auch darüber sollte dem Commissär kein Zweifel bleiben. Wohl waren die Fensterläden dicht geschlossen, aber aus dem Rauchfang stieg leichter, blauer Rauch. Und als sich der Beamte bis auf einige hundert Schritte längs des Ufers dem Häuschen näherte, sah er, wie sich plötzlich eines der Fenster auf der Flußseite öffnete und wie sich ein Menschenarm daraus hervorstreckte, der ein räthselhaftes Etwas über dem Wasser hielt. Dieses Etwas war länglich, metallen und glitzerte hell in der Sonne. Was konnte dies anders sein, als – das k. k. Herz schlug hoch auf in Wonne und Aufregung – als ein Gewehrlauf?!

Athemlos, spornstreichs kehrte der Beamte in die Stadt zurück und traf seine Dispositionen. Die beiden »Geheimen», die ihm zur Verfügung standen, wurden entsendet, das Häuschen bis zum Einbruch der Dämmerung zu überwachen. Dann consignirte er die acht Mann Gendarmerie in ihrer Kaserne und erbat sich vom Stadtcommandanten einen Zug Infanterie. Diese bewaffnete Macht dirigirte er, nachdem es dunkel geworden, still und unbemerkt in die Nähe des verdächtigen Hauses und gruppirte sie dort in strategischer Weise. Er selbst besetzte mit seinen acht Gendarmen den Fußsteig, der von der Stadt her zum Häuschen führte. Hier wollte er den Pfarrer überrumpeln und dann mit ihm zugleich in das Häuschen eindringen. Vielleicht ergaben sich dann die überraschten Hochverräther trotz ihrer Gewehre ohne blutigen Widerstand.

Jedenfalls war, wenn man der Aussage eines der beiden »Geheimen« trauen durfte, nicht von Allen Widerstand zu befürchten. Der Mann gab an, in dem Häuschen, als er vorsichtig näher geschlichen, deutlich durchdringendes Kindergeschrei gehört zu haben. Hatte Ludwig Kossuth am Ende Weib und Kind mit sich genommen?! Die nächste Stunde mußte Klarheit bringen. Vorläufig stand der Kommissär mit seiner bewaffneten Macht klopfenden Herzens in der Dunkelheit und harrte und harrte . . .

Die zehnte Stunde schlug. Kein Laut ward hörbar. Nur zuweilen ging ein Flüstern durch die Bäume oder einer der Bewaffneten schneuzte sich. Da – da klang von der Stadt her ein seltsames Geräusch und kam näher und näher. Wie Keuchen klang's, dazwischen der Schall schwerer Tritte. Was da herankam, waren sicherlich wohlbeleibte oder schwerbepackte Hochverräther.

Es war beides der Fall. Zwei dicke, unförmliche Gestalten wurden sichtbar, die keuchend und pustend einen schweren Gegenstand trugen. »Halt!« donnerte der Commissär und trat vor.

»Jesus Maria!« klang mühsam der Angstruf zweier Stimmen. Der schwere Gegenstand polterte klirrend zur Erde. Eine der beiden unförmlichen Gestalten sank in die Kniee, die andere erhob die Hände entsetzt in die Luft und blieb wie angewurzelt stehen. »Halt!« donnerte der Commissär noch einmal und trat furchtlos näher. Der klirrende Gegenstand war ein großer Wäschkorb, die knieende Gestalt war die alte Magd des römisch-katholischen Pfarrers, die angewurzelte aber der dicke Pfarrer selbst. »Halt!« donnerte der Commissär zum dritten Male und winkte seiner Schaar. »Was schleppen Sie da? Wen halten Sie in dem Hause versteckt?«

»Jesus Maria!« wimmerte die Magd. Aber den Pfarrer schien der Schreck der Sprache beraubt zu haben.

»Sie antworten nicht?« rief der Commissär. »Das wird sich finden! . . . Untersucht den Korb!« befahl er »aber vorsichtig – wer weiß, was darin ist.«

»Wäsche und Lebensmittel!« meldete der Korporal.

»Ha!« rief der Commissär, packte den armen dicken Diener Gottes beim Kragen und schleppte ihn, von den Gendarmen und Soldaten gefolgt, langsam gegen das Häuschen zu. »Wollen Sie gleich gestehen, wen Sie hier versteckt halten?«

»Herr Commissär!« wimmerte der Pfarrer, »machen Sie mich nicht unglücklich – ich mußte es ja thun!«

»Warum mußten Sie?«

»O mein Gott, weil der Dechant –«

»Lügen Sie nicht! Der Dechant ist ein guter Oesterreicher –«

»Bei allen Heiligen«, wimmerte der Unglückliche und ließ sich geduldig immer näher gegen die Thüre schleppen, »ich mußte es des Dechanten wegen thun. Das Ereigniß ist früher eingetreten, als wir ausgerechnet hatten, und da fällt es gerade jetzt dem Dechanten ein, zur Visitation zu kommen, und wehe mir, wenn er sie so im Hause getroffen hätte. So habe ich sie hier versteckt – o Herr Commissär, haben Sie Erbarmen, ich konnte ja nicht wissen, daß die Polizei etwas dagegen hat . . .«

»Herr«, rief der Commissär, »die Polizei soll nichts dagegen haben, wenn Sie Kossuth in ihrem Hause beherbergen?«

»Kossuth?!« fragte der Pfarrer erstaunt und entsetzt, indeß der Commissär an ihm vorbei in's Haus stürmte.

Drinnen bot sich eine liebliche Idylle seinem Blick. In einem breiten Himmelbette lag die vielbesagte Nichte. Neben ihrem Lager stand eine freundliche, dicke Frau, welche ein rätselhaftes Etwas in der Hand hielt. Dieses Etwas war länglich, metallen und glitzerte hell im Kerzenlicht. Aber ein Gewehrlauf war es nicht. Und dann war noch ein drittes Individuum im Zimmer, das freilich nur mit spärlicher Hülle bedeckt war, beim Eintritt des Commissärs höchst unruhig wurde und auch keine Legitimationspapiere bei sich führte. Aber ein gefährlicher Feind Oesterreichs war dieses Individuum schwerlich, da es kaum einen Tag alt war.

So hat man in Suczawa den Kossuth gefangen . . .

* * *

. . . Wer zu Wien die Landstraßer Hauptstraße entlang geht, vom Invalidenhause gegen die Pfarrkirche zu, der sieht zur Linken, durch eine zerfallene Holzplanke von der Straße geschieden, halb abgebrochenes Mauerwerk emporragen und daneben einen riesigen Bauplatz. Hier stand, bis 1871, bis es der Bauwuth einer schwindelhaften Aktiengesellschaft zum Opfer fiel, ein behagliches, altes, lustiges Haus, nach der guten Sitte der Altvordern mehr in die Breite, als in die Höhe gestreckt, der Gasthof »zum goldenen Engel», dem wohl noch heute mancher Zecher und mancher Reisende dankbare Erinnerung bewahren mag. Denn es war noch ein Haus nach der alten Wiener Art, durchaus nicht elegant, aber reinlich, behaglich und billig. Es ließ sich gut sitzen in der großen grünen Gaststube mit den kleinen vergitterten Fenstern und selbst ein Studentlein mit karg gefülltem Beutel konnte sich hier den ganzen Monat lang gütlich thun, ohne gegen den Schluß hin eine allzu arge Ebbe in besagtem Beutel befürchten zu müssen. Ich spreche da aus Erfahrung – ich habe in dieser grünen Stube einen Winter verlebt, der mir unvergeßlich bleiben wird, wie etwa die Zeit der ersten Liebe. Denn dieser Winter von 1867 auf 1868 war meine Fuchszeit.

Freilich wird diese Epoche Jedermann, der damals an deutsch-österreichischen Hochschulen studirte, an und für sich unvergeßlich bleiben. Denn damals ging eine so überaus gewaltige und dabei so überaus seltsame Strömung durch die deutsche Studentenschaft Österreichs, wie sie – ich spreche dies Wort wohlerwogen aus – die Geschichte vielleicht von der Jugend keines anderen Landes zu berichten weiß. Nur Weniges ist bisher hierüber an die Oeffentlichkeit gedrungen – das Wenige noch überdieß meist vom Parteihaß entstellt – und auch heute, nach so wenigen Jahren, ist es sicherlich noch nicht an der Zeit, unparteiisch und ausführlich darüber zu sprechen. Angedeutet mag hier nur sein, daß sich aus verschiedenen Motiven – aus dem Hasse, den die zertretene Jugend von 1848 ihren Nachfolgern vermacht, aus der Entrüstung über das brutale System Belcredi, aus der Begeisterung für die Macht, welche nach unsäglichem Kampf und Leid wieder den Grund zu einem einigen deutschen Staatswesen gelegt – in der deutsch-österreichischen Jugend die Ueberzeugung ausgebildet hatte, der Deutsche habe in Österreich keine Mission mehr und das, um was er hier streite und kämpfe, sei nicht der Rede werth. Aufgewachsen in einem wenig vertrauenerweckenden, ewig wankenden Staatswesen, unberührt von dem lebendigen Hauche eines starken Staatsbewußtseins, beugte sich diese Jugend – und wenn dies eine Schuld ist, so ist nicht ihr hiefür ein Vorwurf zu machen! – unbedingt der Macht, dem Erfolge, stellte sie alle Fragen der Nationalität hoch über alle Freiheitsfragen.

Aber just die Freiheitsliebe und – wie soll ich's nur nennen?! – der »Sinn für das Bestehende« sind dem Deutschen so tief in's Herz gepflanzt, daß diese scheinbar so realistische, mit allen Zweifeln fertige Jugend innerlich gar nicht mit sich einig werden konnte und in dem Bestreben, in sich klar zu werden, immer tiefer in die Tagespolitik hinein gerieth. Natürlich stand sie dann den einzelnen Ereignissen erst recht haltlos, aber eben darum doppelt leidenschaftlich gegenüber. Die Meisten von uns sind in der Folge ebenso gute Deutsche geblieben, ohne jene Leidenschaftlichkeit beizubehalten, damals aber erschien sie uns von der Begeisterung für unser Volksthum unzertrennlich und wir sprachen in unserem Jugendmuthe ganz fürchterlich ins Blaue und – Rothe hinein. Und zwar zum großen Entsetzen des einen, zum großen Ergötzen des andern unserer beiden ständigen Zuhörer.

Der erste war der brave, dicke, biedere »Schorsch« (George), der Zahlkellner, welcher jede freie Minute benutzte, um sich über unsere Politik so recht von Herzen zu ärgern. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er in traurigem Sinnen die Serviette herabwallen läßt und dann halblaut tröstend zu sich sagt: »Oesterreich bleibt doch 's Höchste – 's gibt nix Zweit's! . . .«

Aber der Andere hatte sein Gaudium an unseren radikalen Tiraden. Dieser Andere war ein seltsamer Kauz. Er war gleichfalls Stammgast im »goldenen Engel« und saß allabendlich an unserm Tische, oder richtiger: wir saßen an dem seinen, denn auf diesen Tisch hatte er sich sein Recht durch ein Jahrzehnt ersessen. Er war ein Magyare, hieß Stefan v. M. und lebte von seinen Renten. Der Mann paßte eigentlich absolut nicht in unsere überlaute Tafelrunde. Denn er war der düsterste, schweigsamste Mensch, der mir je vorgekommen, dabei auch im Alter weit von uns geschieden. Wie alt er war, konnte man freilich kaum errathen: das graue Haar, das zerwühlte Antlitz wiesen auf den Greis, aber die Gestalt war ungebrochen, die Bewegungen waren elastisch. So saß er lange stumm unter uns, bis er endlich einmal die Lippen aufthat und uns versicherte, wie sehr ihn unsere politische Gesinnung freue. »Ihr seid anscheinend nicht wie die Achtundvierziger«, sagte er uns. »Ihr schwärmt nicht für die Freiheit. Es ist freilich eine Selbsttäuschung, wenn Ihr glaubt, deshalb klarer zu sein, als jene: Ihr schwärmt ebenso, nur für ein anderes Ideal – für Deutschland. Aber die Hauptsache ist dieselbe: Der Staat, in dem Ihr lebt, kann Euch nicht begeistern, und Ihr begeistert Euch deshalb für etwas Anderes.« Und daran knüpfte er eine haarscharfe Auseinandersetzung, daß und warum uns Oesterreich nicht begeistern könne.

Wer da glaubt, daß der Mann durch diese Rede unser Herz gewann, der irrt sich. Erstens wirkt jeder starre, verbissene Fanatismus peinlich und ein solcher offenbarte sich in den Worten des Ungarn. Zweitens sind wir Oesterreicher seltsame Leute: wir schimpfen – so unter uns – gründlich auf unser Oesterreich los, aber tritt ein Fremder dazu und stimmt in unsere Melodie ein, so fühlen wir uns versucht, dieses selbe Oesterreich heftig zu vertheidigen. Warum? – es ist nun einmal so . . .

In der Folge freilich wurden wir allmählig schon bessere Freunde. Der anscheinend so finstere Mann benahm sich gegen uns grüne Gesellen wirklich gütig und freundlich, und als einmal einer unserer Couleurbrüder, ein armer Bauernsohn aus Kärnten, in schwere Krankheit verfiel, sorgte er für ihn, wie ein Vater. Dies brachte uns menschlich näher, obwohl uns die Politik oft genug weit auseinanderbrachte. Denn in dem, was wir auf diesem Gebiet liebten, gingen wir entgegengesetzte Wege. Uns war der norddeutsche Bund als der Kern eines deutschen Gemeinwesens theuer, Herrn von M. aber sein Ungarn; wir begeisterten uns für den kühnen Staatsmann, der mit harter, sicherer Hand verwirklicht, wofür die Herzen deutscher Jugend seit einem halben Jahrhundert geschwärmt, Herrn v. M. aber war Bismarck nur deshalb ein großer Staatsmann, weil er 1866 Ungarn hatte insurgiren wollen, eine Historie, über die wir aus unterschiedlichen Gründen nicht gerne sprachen. Aber auch in unserm Haß waren wir lange nicht so einig, als es schien. In jenen Winter fielen ja bekanntlich die Lenz-und Rosentage des Bürgerministeriums; es regnete kleine Freiheitsthaten und große Freiheitsworte, aber die Letzteren schlangen sich so dicht um die Ersteren, daß das, was da geschah, auch schärfer blickenden Politikern, als uns jungen Burschenschaftern bedeutungsschwer erschien. Und so schüttelten wir wohl ostentativ den Kopf und meinten verächtlich: »Alles Schwefel und Schwindel!« aber tief innen dachten wir doch: »Ach! es wäre ein schönes Ding um ein regenerirtes, gesundes, freiheitliches Österreich und der Himmel gebe seinen Segen dazu!« Und es kam der Tag, richtiger die Nacht, wo uns diese stillen Herzenswünsche auf die Lippen traten.

Das war der Abend des 21. März 1868, und ich denke, jene Stunden werden Jedem, der damals in Wien weilte, unvergeßlich sein, nicht um dessentwillen, was man damals feierte, aber um der Art willen, wie man's feierte. Den Tag über hatte im Herrenhause die Debatte über die interconfessionellen Gesetze gewährt, über jene Vorlagen, welche, bei Lichte besehen, überaus vorsichtig und dürftig Das zusammenfaßten, was dem Rechtsstaate bezüglich Regelung seiner Grenzlinie gegen die Kirche aufzustellen unumgängliche Pflicht war. Aber – jene Vorlagen waren das erste »Loch in's Concordat«, diese furchtbar verhaßte Zwangskutte der Geister. Darum stand die Menge den ganzen langen Tag in fieberhafter Erregung Kopf an Kopf in der Herrengasse und harrte der Nachrichten über den Verlauf der Debatte. Drinnen wogte unentschieden der Redekampf hin und her, selbst die Siechen beider Parteien wurden in's Haus der Lords geschafft, und kaum war zu sagen, wem trotz des neuen Pairschubs der Sieg bleiben werde, ob dem besonnenen Fortschritt, ob dem sinnlosen Rückschritt. Die Dämmerung brach ein, die Debatte neigte dem Ende zu, nur die General-Redner beider Parteien hatten noch zu sprechen. Sie sprachen lange, sehr lange. Inzwischen wuchs in den Straßen der innern Stadt das Drängen und Wogen von Minute zu Minute, unabsehbar wälzten sich aus allen Vororten und Vorstädten Menschenmassen in die Stadt; bald zählte die Menge nach Hunderttausenden. Sie war fieberhaft erregt und schrie und drängte durcheinander. Da begann im Hause die namentliche Abstimmung, die Nachricht ging von Mund zu Mund, von Gasse zu Gasse, und die Hunderttausende standen plötzlich still und harrten. Drinnen fielen die »Ja« und »Nein« leise und monoton, wirr durch einander, da kam das letzte entscheidende »Ja!« – die Gesetze waren angenommen, das »Loch ins Concordat« gemacht. Zwei Minuten später wußte man's in den entlegensten Gäßchen, das ganze Menschenmeer wogte auf in einem betäubenden, wildbrausenden Jubelschrei! Was nun folgte, wird Niemand vergessen, der es mit angesehen, aber beschreiben läßt es sich nicht! Wie plötzlich alle Gassen erstrahlten im Glanze einer Illumination, an die wenige Minuten vorher Niemand gedacht – die erschütternden Scenen auf dem Josefsplatz – die stürmischen Ovationen für die populären Politiker – wo war da plötzlich die frivole »Phäakenstadt«?! . . . Und wenn ich auch sehr wohl weiß, daß jener Erfolg kaum der Rede werth war, und daß es die Herren Giskra und Konsorten waren, denen man zujubelte – der Glanz jenes Abends haftet mir gleichwohl ungetrübt in der Erinnerung. Denn damals konnte man erkennen, daß die Begeisterung trotz alledem eine Macht ist unter diesen leichtlebigen Menschen; damals, vielleicht in jenem Momente allein, konnte man begreifen, wie sich einst unter diesen Menschen die Helden der März- und Octobertage gefunden! . . .

An jenem Abende also war's, da wir einander laut sagten: »Wenn es diesem Staate wirklich ernst ist um die Freiheit, dann wollen wir ihm treu anhangen und dienen mit jedem Gedanken unseres Geistes, mit jedem Schlag unseres Herzens!« Natürlich waren wir auch überall mitgewesen und kehrten erst spät nach Mitternacht heim auf die Landstraße, um in unserer Stammkneipe ein »letztes Seidel« zu trinken.

In der großen grünen Stube waren noch alle Tische dicht besetzt, man schrie, man jubelte, man sang wirr durch einander, und ein Papierhändler von der Hauptstraße hielt sogar eine Rede, welche freilich nur aus einer unabsehbaren Reihe von »Hochs!« auf die Minister und die liberalen Abgeordneten bestand . . . Nur ein Tisch war fast unbesetzt, der unsrige, nur ein Mann schrie nicht mit, Herr Stefan v. M., der düster wie sonst dasaß und mit unsäglich verachtungsvollem Blick in das Gewühl starrte. »Er ist fuxteuxelwild«, flüsterte uns Schorsch strahlend zu, »aber i gunn's ihm, daß er si' gift! Na, meine Herren, hab' ich Recht g'habt?! Österreich bleibt doch s'Höchste!« . . .

Wir setzten uns zu unserm düstern Tischgenossen und – weß' das Herz voll ist, geht der Mund über – wir erzählten von jenen Scenen. Der Ungar hörte uns schweigend und lächelnd zu; es war aber ein sehr beleidigendes Lächeln. »Ja, ja! meine Herren!« sagte er endlich, »Sie sind sehr consequente Politiker! Nun, ich habe, offen gesagt, kaum Anderes von Ihnen erwartet.« Und als wir entrüstet auffahren wollten, fügte er sehr ernst hinzu: »Ich will Ihnen nur noch ein Wort sagen, meine junge Herren, und das bleibt ein Wahrwort, welches Sie als solches erkennen werden, wenn Ihnen der Phrasenrausch aus den jungen Köpfen verflogen ist und einem gründlichen Katzenjammer Platz gemacht: dieser Staat kann seinen Bürgern nicht wahre, volle Freiheit bieten, selbst wenn er wollte, und das ist eben sein Unglück! Und ferner: dieser Staat kann nicht gedeihen, weil es eine ewige Gerechtigkeit gibt, weil er sich mit zu viel Blut und Fluch und Thränen beladen . . .«

Unser Senior schüttelte den Kopf. »Ueber das Erste ließe sich noch discutiren, aber was Sie da soeben von der »ewigen Gerechtigkeit« gesagt, klingt sehr – phantastisch. Der einzelne Mensch, der einen Frevel verübt, wird in der Folge nie mehr glücklich, der Arm der Themis erreicht ihn, oder sein Gewissen erwacht. Aber bei einem Staate, einer moralischen Person, kann ja von Beidem nicht die Rede sein . . .«

»Phantastisch?« wiederholte Herr v. M. und sah ihn starr an. »Sie würden nicht so sprechen, hätten Sie erlebt, was ich erlebt habe!«

Und darauf war's eine geraume Zeit sehr still an unserem Tische.

»Ich will's Ihnen erzählen«, sagte der düstere Mann plötzlich laut in die Stille hinein. »Warum auch nicht? Es ist eine lehrreiche Geschichte, welche im Grunde auch sehr lustig ist. Ich war nämlich einmal ein sehr glücklicher Mensch, glücklich und lebensfreudig, und wäre es wohl bis an mein Lebensende geblieben. Aber da hat mich die Regierung mit einem Schlage zum Unglücklichsten aller Menschen gemacht. Warum? Um meines Gesichtes willen: meine Wangen waren hochverrätherisch, meine Nase bedrohte den Bestand Österreichs. Sie blicken erstaunt? Ich meine es buchstäblich: meiner Gesichtsbildung wegen hat man mir mein Glück geraubt und gemordet. Warum lachen Sie nicht?! O! die Sache ist ja sehr lustig – entsetzlich lustig! . . .«

Stürmischer Jubel unterbrach ihn. Der Papierhändler und seine Gesellschaft brachten noch im Scheiden eine Reihe sehr patriotischer Toaste aus. Dann wankten sie schwer beladen heim. Auch die anderen Tische lichteten sich. Wir rückten näher zusammen und Herr v. M. erzählte uns seine Geschichte:

»Sie wissen – ich bin Magyar, von altem Adel. Meine Eltern starben früh, ich ward noch als Knabe der Besitzer eines verhältnißmäßig sehr großen Vermögens. Ich verwendete es, ich darf's mir nachrühmen, in vernünftiger Weise. Seit ich denken kann, habe ich mein Vaterland über Alles geliebt, aber mein Patriotismus war von anderem Schlage, als er – leider! – in Ungarn, mindestens in meiner Jugendzeit, üblich gewesen. Ich hatte kein Vorurtheil gegen fremde Bildung – im Gegentheil, ich war sehr bestrebt, sie mir anzueignen. Ich spürte nicht das Zeug zum Gelehrten in mir, auch die Politik lockte mich wenig, aber ein tüchtiger, auch wissenschaftlich gebildeter Landwirth wollte ich werden und dachte meinem Vaterlande auf diesem Wege am Meisten nützlich zu sein. Ich studirte an deutschen Hochschulen Naturwissenschaften und Chemie und kam im Winter 1847 nach Wien. Ich wollte nur einige Wochen hier bleiben, zu meinem Amüsement. Aber aus den Wochen wurden Monate, und ich kam gleichwohl nicht dazu, mich in jener Weise zu amüsiren, welche ich vorgehabt. Denn ich fand hier mehr, als Sinnenreiz und flüchtige Zerstreuung – ich fand hier das größte Glück, welches dem Menschen auf dieser armseligen Erde gegönnt ist: ich lernte hier ein Mädchen kennen und lieben und verlobte mich mit ihr. Es ging dies scharf gegen jene Pläne, welche ich einst diesbezüglich gehegt; ich wollte nur in reiferen Jahren heirathen, natürlich eine Adelige, eine Magyarin. Aber meine Braut war ein blondes, schlichtes, deutsches Mädchen, die Tochter eines Fabrikanten aus dem nördlichen Böhmen, der wenige Jahre vorher in Wien eine Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen eröffnet. Zwischen meinen und meiner Braut Lebensanschauungen lag eine Welt. Aber ich kann nicht in Worten sagen, welch' ein edles, herrliches Geschöpf meine Johanna war, und darum kann ich auch nicht ausdrücken, wie glücklich ich war. Und vollends kannte mein Glück keine Grenzen, als sie in den letzten Carnevals-Tagen von 1848 mein Weib wurde . . .

»Wir reisten gleich darauf auf meine Güter im »Alföld«. Mitten in meine Flitterwochen klang die Kunde der Wiener, dann der Pester Märztage. Was da geschehen, mußte Jedem, der im vormärzlichen Oesterreich aufgewachsen war, als ein Ungeheures, kaum Faßbares erscheinen. Ihr Spätgeborenen könnt keinen Begriff haben von der elementaren, fast märchenhaften Wirkung dieser Geschehnisse auf die Mitlebenden. Nun, auch ich ward mächtig davon ergriffen, folgte mit erregter Theilnahme den Ereignissen, betheiligte mich nach Kräften, ja über meine Kräfte an jeder nationalen Subscription, aber im Uebrigen hielt ich glückseliger Ehemann mich still daheim bei meinem jungen Weibe. Inzwischen wogten die Ereignisse immer stürmischer heran, eine nationale Armee wurde organisirt, mein Vaterland stand bald in offenem Kampfe mit seinen Widersachern. Da duldete es auch mich nicht länger in meinen vier Mauern, und auch mein Weib, obwohl eine Deutsche, und obwohl sie blutige Thränen darüber weinte, erkannte doch, wacker und herrlich wie sie war, daß ich nun nicht länger hinter dem Ofen hocken dürfe. So küßte ich denn an einem Februarmorgen 1849 mein Weib und das Knäblein, das sie mir vor wenigen Wochen geboren, noch einmal herzlich ab, dann fuhren sie unter Obhut meines alten treuen Verwalters nach der böhmischen Heimathstadt meiner Gattin; ich aber ging da hin, wo sich bereits fast alle meine Bauern und Hirten, Knechte und Jäger befanden, zu den Honvéds. Auch wollte ich nicht mehr gelten, als sie; ich trat als gemeiner Soldat ein, brachte es freilich in einigen Tagen zum Corporal, aber das blieb ich auch bis zum traurigen Schlusse – bei Világos.

»Sie verlangen von mir wohl keine Kriegsgeschichte jenes Jahres; auch war mein Posten als Corporal nicht gerade geeignet, Beobachtungen im großen Stil zu machen. Genug – ich that meine Pflicht, erhielt nur einmal eine leichte Verwundung und war auch bei meinen Kameraden wohlgelitten. Sie nannten mich stets nur den »Corporal Kossuth«. Diesen Spitznamen hatte mir ein blutjunger Freiwilliger, Gyula von Sz. aufgebracht. Der fröhliche Jurat war aus Debreczin seiner ängstlichen Mutter entlaufen und im Mai zu uns gestoßen. Es war in einer schönen Frühlingsnacht, unser Zug lag just um ein Wachtfeuer an der Donau, als der Jüngling zu uns kam. Er brachte uns die neuesten Nachrichten aus Debreczin vom Landtag und schilderte insbesondere lebhaft und feurig jene denkwürdige Sitzung vom 10. April, in der nach einer Rede Ludwig Kossuth's, welche unvergeßlich bleiben wird, solange Magyaren auf Erden leben, die Absetzung des Hauses Habsburg proclamirt wurde. Wir Anderen lauschten begeistert, aber just im besten Flusse stockte der Jurat, faßte mich schärfer in's Auge und rief dann erstaunt: »Teufel, Corporal, Ihr schaut ja dem Ludwig Kossuth ähnlich, wie ein Ei dem andern!« Meine Honvéds lachten laut, er aber zog ein Bild Kossuth's hervor und ließ es von Hand zu Hand wandern. Und da mußten's Alle und ich mit zugeben: ich hatte in der That eine ziemliche Aehnlichkeit mit dem Dictator.

»Wie gesagt, »Corporal Kossuth« hieß ich von jener Stunde ab, und ich ahnte nicht, daß dieser Name einst, nach drei Jahren, der Fluch meines Lebens sein werde. Denn in der nächsten Folgezeit erging es mir gut oder doch mindestens erträglich. Nach der Katastrophe von Világos kehrte ich auf mein Gut zurück, wo bereits meine Frau und mein Knabe weilten, und die Oesterreicher ließen mich ungeschoren oder belästigten mich doch mindestens nicht mehr, als jeden andern magyarischen Edelmann in jenen traurigen Tagen. Denn der Belagerungszustand warf seine blutigen Schatten über das Land, die Kriegsgerichte arbeiteten an allen Ecken und Enden, und darum fanden auch die Henker reichlichen Verdienst. Mich jedoch ließ man, wie erwähnt, einige kleine Plackereien abgerechnet, unbehelligt. Notorisch wußten auch die Schwarzgelben gar nicht, daß ich in der nationalen Armee gedient, bis ich selbst es ihnen drei Jahre später sagte. Und so lebte ich denn, beglückt durch mein Weib, beglückt durch meine Thätigkeit, still und friedlich dahin, und wenn ich den unsäglichen Jammer ansah, der damals rings um mich so manchen meiner Standes- und Gesinnungsgenossen traf, so mußte ich mir sagen: »Stefan! Du bist ein glücklicher Mensch, Du darfst Deinem Gotte dankbar sein!«

»Da kam das Unglück über mich, jäh, Plötzlich, zermalmend, wie ein Wetterstrahl aus tiefem Blau . . .«

Wieder unterbrach wüstes Johlen den Erzähler. Die letzten Gäste rüsteten zum Gehen und gaben vorher noch einmal ihrer, durch unzählige »Pfiffe« sehr gesteigerten patriotischen Begeisterung überaus lauten Ausdruck. Dann torkelten auch sie zur Thüre hinaus, und wir blieben allein.

»Es war im März 1852, als ich ein Telegramm erhielt, mein Schwiegervater, der Fabrikant, sei in Wien von einem Schlaganfall gerührt worden und liege in den letzten Zügen. Meine Frau war damals gesegneten Leibes, gleichwohl glaubte ich ihr die Schreckensnachricht nicht vorenthalten zu sollen. Wir trafen schleunigst unsere Anstalten und traten die Reise nach Wien an. Aber so sehr wir uns beeilten, wir sollten nicht mehr das Glück haben, den Vater am Leben zu treffen, ja nicht einmal das schmerzliche Glück, seine Züge noch einmal zu sehen. Die Wohnung war verschlossen, die Gerichtssiegel hingen daran, er war wenige Stunden vor unserer Ankunft begraben worden. Und so schaffte ich die Meinigen hierher in den »goldenen Engel« und durchwachte dann eine sorgenvolle Nacht am Lager meiner Frau. Denn der Trauerfall hatte sie furchtbar erschüttert, und diese Erschütterung konnte ihr in ihrem Zustande sehr gefährlich werden. Der Arzt, den ich am nächsten Morgen rufen ließ, redete ihr zu, sich – um ihrer Mutterpflicht willen! – nicht vom Schmerze übermannen zu lassen. Ich aber beschloß, schleunigst mit ihr heimzukehren; von der gewohnten Umgebung, von der Zeit hoffte ich für sie Milderung des Schmerzes. Darum ordnete ich gleich am Vormittag, was ja doch geschehen mußte, so wenig ich auch in jenem Momente an die Erbschaft dachte, alles Geschäftliche – ich ging zu einem Advokaten und übergab ihm die nöthigen Papiere, um die Ansprüche meiner Frau zu vertreten. Die Sache werde schnell geordnet sein, versprach er mir, da ja meine Frau die einzige Tochter des Dahingeschiedenen gewesen.

»Der Advokat wohnte in der Habsburger Gasse. Just als ich aus dieser Gasse nach dem »Graben« bog, hörte ich, wie eine helle, fröhliche Stimme hinter mir »Kossuth«! rief. Und »Corporal Kossuth!« klang es noch einmal – im nächsten Augenblicke fühlte ich mich umarmt und geküßt. Es war Gyula v. Sz., der junge, leichtsinnige Jurat aus Debreczin. er war überaus erfreut, mich wiederzusehen; ich aber war wahrhaftig nicht in der Gemüthsstimmung, mich lange mit dem tollen Burschen zu unterhalten. Ich theilte ihm also nur in kurzen Worten die traurige Veranlassung meines Wiener Aufenthalts mit und sah dann zu, daß ich rasch auf die ›Landstraße‹ kam.

»Im ›goldenen Engel‹ traf ich meine Frau abermals in nervösen Krämpfen; ich ließ wieder den Arzt rufen, und der gab wenig Hoffnung, daß sie schon am Abend werde abreisen können. Während wir so hin- und hersprachen, sprang plötzlich die Thüre auf, und herein traten der schreckensbleiche Wirth, ein Polizei-Commissär, ein Offizier und drei Soldaten; andere Soldaten hielten die Thür und den Corridor besetzt. Meine Frau stieß einen durchdringenden Schrei aus und fiel in tiefe Ohnmacht, mein Bübchen begann laut zu weinen, ich aber blieb starr, wie gelähmt stehen . . . Man denkt unsäglich rasch in solchen Momenten: im Nu durchzuckte mich der Gedanke, daß ein ›Spitzel‹ in der Nähe gewesen, als mich der unvorsichtige Jurat ›Kossuth‹ genannt, daß er mir gefolgt und daß die Leute nun kämen, um sich in meiner Person des Dictators zu bemächtigen . . . »Sie sind verhaftet!« sagte der Commissär kurz, zwei Soldaten ergriffen mich und hielten mich an den Armen fest. »Sträuben Sie sich nicht – Sie sehen, jeder Widerstand wäre thöricht . . . Nehmt die Koffer!« fuhr er fort – im Nu war unser Gepäck herausgeschafft. »Das ist Ihre Gattin?« fragte er weiter und deutete auf die Ohnmächtige, um die sich inzwischen der Arzt mühte. »Ich habe gleichfalls den Auftrag, sie zu verhaften, das Kind kann sie mitnehmen.« – »Aber sie ist ja todtkrank!« rief der Arzt. Das gab mir Sprache und Leben zurück. »Herr Commissär!« rief ich, »das ist ein unglückseliges Mißverständniß, ich heiße Stefan v. M. . . .« – »Ja!« sagte er höhnisch. »Sie belieben incognito zu reisen. Es ist nutzlose Mühe – Ihr Name steht Ihnen auf dem Gesichte geschrieben; es gibt viele gute Protraits von Ihnen, Herr Kossuth!« Dann fuhr er fort: »Die Frau mag unter Bewachung hier bleiben, bis der Polizeiarzt untersucht, ob sie transportfähig ist. Ihnen aber rathe ich, uns gutwillig zu folgen.« Da erkannte ich, daß jedes weitere Wort nutzlos sei, küßte noch einmal mein Bübchen, dann den blassen Mund meines ohnmächtigen Weibes und ging. Ich habe Beide nie wieder gesehen.« . . .

Der Erzähler schlug die Hände vor's Gesicht. Als er sie wieder sinken ließ, sahen wir, wie furchtbar bleich und entstellt dies Gesicht war. Uns krampfte sich das Herz in der Brust zusammen, als wir den Mann ansahen, der mit bebender Stimme weiter sprach:

»Ich will's kurz machen. In die Salzgries-Caserne schafften sie mich und verhörten mich dort drei Stunden lang. Natürlich konnte ich nur immer wiederholen, ich sei Stefan v. M. und berief mich auf den Advocaten, auf einige Bekannte in Wien. Aber der Auditor meinte nur immer, eine solche Keckheit sei ihm noch nicht vorgekommen. Jedermann sehe ja, daß ich Kossuth sei, und zum Ueberfluß habe mich noch heute ein Anhänger auf der Straße mit diesem Namen begrüßt. Mein Einwurf, das sei ja ein Spitzname, wurde kurzweg als »infame Lüge« zurückgewiesen. Dann führte man mich in's Gefängniß zurück, und von da ab wurde ich acht Tage hindurch den ganzen Tag lang verhört und mit den verschiedensten Leuten, auch mit den von mir genannten Zeugen confrontirt. Natürlich sagten die Einen aus, ich sei nicht Kossuth und die Anderen, die mich kannten, fügten hinzu, ich sei Stefan v. M., und am Heftigsten betheuerte dies Gyula, der in derselben Stunde verhaftet worden, wie ich. Ich bin fest überzeugt, daß das Gericht bereits nach zwei Tagen klar einsah, daß hier ein Mißverständniß obwalte. Aber die Maxime jenes Regimes war: »Lieber einen Justizmord begehen, als einen Mißgriff eingestehen!« Und so behielt man mich in Haft und inquirirte an mir herum; wenn ich nach Weib und Kind fragte, so schwieg man hartnäckig. Schließlich concentrirte sich die Untersuchung hauptsächlich auf mein Verhältniß zu Gyula. »Wo sind Sie mit ihm früher zusammengetroffen, warum hat er Sie »Corporal« genannt?« fragte mich der Auditor. »Wenn Sie diese Frage beantworten, so erhalten Sie sogleich Aufschluß über das Befinden Ihrer Familie.« Und darauf gestand ich, daß ich Corporal bei den Honvéds gewesen und erzählte ausführlich, wie ich zu diesem Spitznamen gekommen. »Gut«, sagte der Auditor, als ich geschlossen, »ich will mein Versprechen halten; Ihr Kind befindet sich wohl, Ihre Frau ist nach dem Berichte der Polizei noch nicht transportfähig – mehr weiß ich selbst nicht. Was aber Ihr Geständniß anbelangt, so begründet dasselbe die Untersuchung wegen Hochverraths und Rebellion. Sie werden bald Näheres hören.« Aber ein Monat verging, ohne daß ich Etwas hörte. Da wurde ich eines Morgens aus der Zelle geführt und vor ein Kriegsgericht gestellt. Die Procedur war sehr kurz. Der Auditor verlas mein Geständniß, und binnen einiger Minuten war mein Urtheil gefällt: zwei Jahre Festung. Hätte ich Kossuth nicht ähnlich gesehen, ich wäre wohl mit sechs Wochen Arrest davongekommen, aber eine mit so viel Eclat vollzogene Verhaftung mußte auch mit einer entsprechenden Verurtheilung schließen. Ich fügte mich in mein Schicksal und bat nur, mein Weib und Kind wiedersehen zu dürfen. Da rief aber der Auditor hastig: »Das geht nicht an!« Und dabei blieb's. Den Jammermenschen belästigte es, mir sagen zu müssen, daß mein Weib acht Tage nach meiner Verhaftung hier im Gasthofe an den Folgen des Schrecks gestorben . . .«

Wieder verstummte der Erzähler. Dann fügte er mit dumpfer Stimme hinzu:

»Ich erfuhr's, nachdem ich meine zwei Jahre in Kufstein verbüßt. Auch mein Kind, welches das Gericht bei fremden, niedrigen Leuten in Pflege gegeben hatte, war todt. Ich aber habe fortgelebt und lebe noch – es ist fast ein Wunder. Freilich ist mein Dasein kein Leben mehr zu nennen . . .«

Stumm und erschüttert nahmen wir Abschied von dem Unglücklichen und gingen im nebeligen Dämmerschein des anbrechenden Tages aus einander . . .

Herrn v. M. habe ich seit langen Jahren nicht mehr gesehen; der ›goldene Engel‹, wo ich ihn hätte aufsuchen können, steht ja nicht mehr. Vielleicht hat der Tod den unglücklichen Mann von einer Existenz erlöst, von der er selbst mit Recht gesagt, daß sie kein Leben mehr zu nennen . . .

* * *

Spielt in dieser Jagdgeschichte neben dem einen Hauptcharakteristikon des reaktionären Regimes, der Dummheit, auch leider das andere, die Grausamkeit, eine Rolle, so sind hingegen die drei nachstehenden, mit denen ich meinen Cyklus schließe, wieder nur lustig und die P. T. Behörden, welche darin eine Rolle spielen, haben Niemand geschadet, als – dem Regime selbst! Auch diese drei Historien spielen übrigens in sehr verschiedenen Winkeln der österreichischen Monarchie, die eine in Ungarn, die andere am Lago di Garda, die dritte in Podolien.

Nahe der Grenze Steiermarks liegt etwas abseits der Straße, die von Oedenburg nach Güns führt, der kleine Marktflecken Leka (Lokenhausen). Der Marktflecken hat natürlich auch ein Gasthaus und das Gasthaus natürlich auch eine Honoratiorenstube. In dieser Stube saßen nun eines schönen Abends im Jahre 1851 die Honoratioren von Leka und Umgebung beisammen. Die Mehrzahl bestand aus fürstlich Esterhazy'schen Beamten, dem Fiskal Ladislaus Berzsenyi, dem Hofrichter Joseph Nagy, dem Verwalter Rosenstingl, ferner aus dem Wirthe und mehreren anderen Bürgern von Leka. Die Herren besprachen unterschiedliche Dinge und kamen endlich auch auf Politik. Da diese aber in jenen Tagen ein heikles Thema war, so beschränkte sich die Unterhaltung darauf, daß einer der Herren laut aus einem deutschen Journale vorlas, so laut, daß man in der anstoßenden »Schwemme« jedes Wort verstehen konnte.

Dort aber saß in einem Winkelchen ein fremder Gast und verzehrte sein Abendbrod. Es war dies ein Weinhändler aus Steiermark, der in Geschäften nach Leka gekommen. Bekanntlich pflegen die Steirer große Quantitäten ungarischer Landweine aufzukaufen, um durch Mischung ihre schlechteren Sorten zu verbessern. Dieser Zweck hatte unsern wackeren Pfahlbürger aus Radkersburg nach Leka geführt. Da bot ihm das Schicksal ein weit einträglicheres Geschäft: die Prämie, die auf Kossuth's Kopf gesetzt war. Und das Schicksal bot ihm dies geradezu noch auf dem Präsentierteller. Dieselbe sonore Stimme nämlich, die bereits den ganzen Abend über im Honoratiorenzimmer von Pacificirung, Windischgrätz, Radetzky, Kaiser Nikolaus und Lord Palmerston erzählt, verkündet plötzlich ganz vernehmlich: »Heute ist Kossuth hier angekommen.«

»Kossuth?« fragten mehrere Stimmen. »Und wie ist er empfangen worden?«

»Natürlich sehr freundlich!« erwiederte der Sonore. Dann ward das Gespräch zu einem eifrigen, aber unverständlichen Flüstern.

Unserem Weinhändler wurde es heiß. Kossuth in Leka! – das war eine Entdeckung von pyramidaler Wichtigkeit! Wenn er diese Entdeckung der nächsten Behörde mittheilte, so konnte ihm eine glänzende Belohnung gar nicht entgehen. Und sogar in die Zeitung würde man ihn »setzen«. »Durch den Scharfsinn des wackeren Bürgers, Weinhändlers und Weingartenbesitzers Mathias Kipfelbacher aus Radkersburg ist es gelungen, des berüchtigten Rebellen Kossuth in Leka habhaft zu werden.« Er sah es schon förmlich vor den Augen, dazu einen Orden, vielleicht den Adel: Mathias Edler von Kipfelbacher! Zwar regte sich etwas leise in seinem Innern und raunte ihm zu: »Es ist nicht schön, ein Spitzel zu sein.« Aber war es nicht heilige Pflicht und Schuldigkeit gegenüber einer hohen Regierung? Handelte es sich nicht in der That um einen ganz besonders verruchten Rebellen? Sein Entschluß stand fest – es handelte sich nur noch um die nächste Behörde. Die nächste Behörde war natürlich der nächste Gendarm. Aber die k. k. Sicherheit von Leka war gerade zwei Mann hoch auf Streifung ausgezogen. Also dann der Ortsvorstand! Aber der saß – horribile dictu! – der saß drinnen in der Honoratiorenstube unter den anderen Hochverrätern.

Was nun thun?! Wenn man Aussicht hat aus einem einfachen Kipfelbacher ein Edler von Kipfelbacher zu werden, ist kein Opfer zu groß. Unser Weinhändler entschloß sich kurz und gut: er spannte seinen Braunen vor sein Steirerwäglein und fuhr noch in der Nacht über die nahe Grenze und nach dem nächsten Marktflecken der Steiermark, Friedberg. Dort entdeckte er im Morgengrauen dem k. k. Bezirksvorsteher die Entdeckung.

Die Amtsperson glaubte die wundersame Mär. Es darf uns dies nicht Wunder nehmen; es ist ein Charakteristikon jener Periode, daß selbst der klügste Beamte dem allerdümmsten Denunzianten glaubte. Uebrigens ist es auch nicht ausgemacht, daß der Bezirksvorsteher, der 1851 in Friedberg amtirte, sehr klug war. Genug, die k. k. Amtsperson gerieth in Ekstase, nahm mit dem Edelmann der Zukunft ein Protokoll auf und sandte eine »dienstfreundliche Anzeige« auf kürzestem Wege an die Behörde in Güns. Auf kürzestem Wege: sie machte den einzigen Arm des Gesetzes, der ihr im Augenblicke zur Verfügung stand, den Kanzleidiener, beritten. Freilich war der kürzeste Weg nicht auch der schnellste. Denn der Schimmel des Friedberger Kreuzwirths war kein sonderlich rasches Thier und der Kanzleidiener kein sonderlich gewandter Reiter.

So erfuhr man denn in Güns die Schreckenskunde erst in der Frühe des nächsten Tages. Da aber entschloß man sich auch zu raschem und energischem Handeln. Eine Abtheilung Militär und Gensdarmen ward zu einem fliegenden Corps vereinigt und unter den Befehl zweier Offiziere gestellt. Diese sollten Kossuth und die kleinen Hochverräther »zu Stande bringen.«

Die beiden Offiziere begannen ihre Thätigkeit bei den beiden Hochverräthern, die im Orte selbst wohnten, und nur an jenem Abend zufällig in Leka verweilt hatten, bei dem Fiskal Berzsenyi und dem Hofrichter Nagy. Das Korps rückte in den inneren Hof des Esterhazy'schen Schlosses und besetzte sämmtliche Ausgänge der Wohnungen der beiden Beamten. So waren die beiden Hochverräter sehr schnell zu Stande gebracht, aber leider nicht ihre Hochverrätherei. Denn die beiden Männer, sehr ruhige, sehr friedliebende Bürger, kümmerten sich um die Politik und Kossuth sehr wenig. So fand man unter ihren Briefen und Papieren keinerlei ›Inzichten‹. Auch ihr Verhör ergab kein Resultat. Beide Herren vernahmen die Kunde, daß der Rebell in ihrer nächsten Nähe weile, um von Leka aus den Kaiserstaat aus den Angeln zu heben, mit sichtlichem Erstaunen. Wenn das auch vielleicht Verstellung war, so konnte man ihnen doch nichts beweisen. Bei Nagy hatte man nichts, bei Berzsenyi nur wenig Verdächtiges gefunden: ein roth-weiß-grünes Schlafkäppchen und einen kleinen Vorrath ungarischen Landtabaks. Das waren allerdings an sich gravirende Dinge, aber ein Einverständniß mit Kossuth war dadurch dennoch nicht nachgewiesen, mindestens nicht direkt. So begnügte man sich denn, die Beiden unter Aufsicht zu stellen und das fliegende Korps flog auf Leiterwagen nach Leka. Dort ward zunächst in der Wohnung des Verwalters Rosenstingl das Unterste zu oberst gekehrt. Es war fruchtlos. Dann ward der Hauptschlag gegen das Gasthaus geführt – dasselbe ward umzingelt und vom untersten Keller bis zum obersten Dachboden sorgsamst durchschnüffelt. Aber hinter keinem der Fässer steckte irgend ein Kossuth, und wenn man oben in die Säcke stach, rieselte kein Blut hervor, sondern Hafer.

So schritt man denn schließlich zu energischer Vernehmung des Gastwirths. Inquisit leugnete hartnäckig. »Wir haben Beweise,« schrie ihm der kommandirende Offizier entgegen. Inquisit verharrte in seiner Verstocktheit. »Das ist unverschämt!« schrie ihm der Offizier noch »energischer« zu. »Vorgestern ist Kossuth hier angekommen und sehr freundlich empfangen worden. Am Abend desselben Tages wurde hier, in Ihrer Gegenwart, über das Ereignis gesprochen.«

Und was that Inquisit nun? Inquisit lachte, lachte herzlich, nahm von dem Fensterbrette eine alte Nummer der »Presse«, las die Telegramme nach und wies dann auf eines hin. Dasselbe lautete:

»London am Soundsovielten. Kossuth ist heute hier angekommen und sehr freundlich empfangen worden.«

Das fliegende Korps verzog sich geräuschlos. Matthias Kipfelbacher's Traum war zu Ende. . ..

* * *

. . . Es war im Spätherbst desselben Jahres 1851. Der schärfste Belagerungszustand lag düster und drohend, wie eine Wetterwolke, über Lombardo-Venetien. Aber deshalb spann die Sonne ihr goldiges Netz über den tiefblauen Lago di Garda wie sonst, auch war nicht zu bemerken, daß sich's die Trauben und Limonen verbieten ließen, zu reifen, und die Blumen, zu blühen. Kurz – es waren so prächtige Oktobertage, wie sie selbst dieser gesegnete Gau nicht alljährlich zu erleben pflegt. Daneben war freilich auch obenerwähnte Wetterwolke sichtbar – auf Schritt und Tritt. An den Ufern wimmelte es von Gensdarmen, Soldaten und Kanonen, allüberall wurden neue Forts gebaut und die alten stärker armirt. Daneben wurde die Strandpolizei in unerhört strenger Weise gehandhabt: kein Kahn fuhr undurchsucht aus, kein Kahn legte undurchsucht an. Kurz – ein Hochverräther, der sich in jenen Tagen hierher gewagt hätte, hätte verdient, nicht blos seiner Hochverrätherei, sondern auch seiner Dummheit wegen gehangen zu werden.

Aber deshalb glaubte der damals zu Riva stationirte k. k. Polizeicommissär es dennoch willig, als eines Abends der wackere Padrone Bartolomeo in seine Amtsstube stürzte und athemlos vermeldete: Ludwig Kossuth halte soeben in einer Felsnische über dem Seespiegel eine Konferenz mit einem wälschtirolischen Hochverräther ab.

Dieser Bartolomeo war ein sehr gefälliger und vielseitiger Mann, Besitzer mehrerer Lastbarken auf dem See und gefährlicher Pascher, Spion der Oesterreicher wie nicht minder der Italianissimi des Trentino, ein dicker gemüthlicher alter Knabe und ein Erzschuft vom Scheitel bis zur Sohle. Trotzdem – oder darum?! – ist es ihm im Leben sehr gut gegangen und er hat seinen Kindern ein hübsches Erbe hinterlassen. Für die athemlose Meldung an jenem Oktoberabend hat er übrigens hinterher schwerlich etwas bekommen.

Damals aber rapportirte er: »Signor Commissario – wir haben ihn, so wahr mir die heilige Jungfrau helfen möge, wir haben den ›principe ungharese‹, den Ludwig Kossuth, für dessen Auffindung Ihr mir ein so schönes Stück Geld versprochen habt. Und er steckt in nächster Nähe, kaum eine halbe Meile von hier. Ihr kennt ja hier am See, auf der lombardischen Seite, dicht, vor den Ponalfällen, die Felsnische, kaum einen Fuß über dem Seespiegel, wo einst ein verrückter Padre, welcher ein großer Heiliger war, als Einsiedler gelebt hat und gestorben ist. Also in dieser Höhle drin steckt er gerade jetzt und spricht ungarisch mit einigen Hochverräthern aus Riva und Torbole . . .«

»Wie habt Ihr das erkundet?« fragte der Commissär.

»Selber gesehen!« war die stolze Antwort. »Selber gesehen und selber gehört! Da fahre ich heute spät Nachmittags von Limone weg und hierher, immer am Ufer hin, und komme schon in der Dämmerung am Fall des Ponale vorüber und gegen jene Nische hin. Da sehe ich dort ein Boot müßig kreuzen und das kommt mir verdächtig vor und ich fahre darauf zu. Und wie ich erkenne, wer im Boot sitzt, da kommt mir die Sache noch verdächtiger vor. Denn, was meint Ihr, Signor, wer's war?! Der schwarze Antonio aus Torbole war's, der gefährlichste Hallunke am ganzen See, das Haupt der gottverdammten Pascher, welche dann mich verdächtigen, mich, den bravsten und kaisertreuesten Menschen unter der Sonne, mich, der ich vom Scheitel bis zur Sohle ein Austriaco bin!. . . »Was treibst Du Dich da allein und müßig auf dem See herum?« frag' ich ihn also. Und was antwortet mir der Hallunke? ›Dicker Wanst!‹ schreit er herüber, ›das werde ich Dir just auf die Nase binden‹, – und fährt lachend fort in den See hinaus. Natürlich schreie ich ihm die gehörige Antwort nach. Aber wie ich nun weiter fahren will, da sehe ich, wie von Riva her ein zweites Boot auf die Höhle zukommt. Das kommt mir natürlich noch verdächtiger vor und ich drücke mein Boot fein in den Schatten der Felswand und luge scharf aus. Und da sehe ich: es ist der alte Domenico aus Riva, gleichfalls ein sehr gefährlicher Mensch, der das Boot lenkt; drinnen aber sitzt eine vermummte Gestalt. Dicht an die Höhle fahren sie hin und da schwingt sich die Gestalt hinein und ruft dann dem Domenico zu: »Also in einer Stunde holst Du mich ab!« Und – was ich besonders sagen will – italienisch war das freilich – aber schändlich ausgesprochen – wie ein Fremder spricht, wie etwa con permesso! – Ihr zu sprechen pflegt, Signor Commissario! Nun, der Domenico zieht darauf ehrfurchtsvoll seine Kappe und fährt davon, gleichfalls in den See hinaus. Ich aber denke mir: ›Das ist eine höchst sonderbare Sache, der mußt du auf den Grund kommen‹ und fahre ganz leise an die Nische hin und lausche. Und da höre ich ganz deutlich, wie drin zwei Stimmen ungarisch sprechen . . .«

»Wie habt Ihr das erkannt?« frug der Commissär.

»Nun«, erwiderte der Bartolomeo, »es gibt am See enghosige Soldaten genug, von denen man den Klang der Sprache hören kann. Und der ist nicht so leicht zu verwechseln – das klingt ja wie ein ewiges Poltern und Fluchen. Also verlaßt Euch darauf, Signor – es war ungarisch. Und eben so deutlich habe ich den Namen ›Kossuth‹ gehört. Und nun frage ich Euch, wie ist dies anders zu erklären, als daß da drinnen der Kossuth verborgen steckt und daß andere Hochverräther aus Riva und Torbole zu ihm gefahren gekommen sind? Beeilt Euch, Signor, und wenn Ihr Euch beeilt, so könnt Ihr das ganze Nest aufheben . . .«

Und der Kommissar beeilte sich sehr, ja ganz ungeheuer. Seine Gensdarmen flogen nach allen Seiten und schon eine Viertelstunde später ruderte eine kleine k. k. Armada in den See hinaus. Sie bestand aus zwei größeren, mit je zehn Kaiserjägern bemannten Booten und einem kleinern Kahn, in welchem der Commissär und vier Gensdarmen saßen. Herr Bartolomeo war nicht von der Partie, seinen Beruf als Spitzel hatte er ja schon erfüllt. Rasch flogen die Boote über die murmelnden Wogen dahin. Die Nacht war sehr dunkel; nur einzelne Sterne flimmerten am Himmel.

»Halt!« rief plötzlich einer der Gensdarmen, ein Eingeborener, in die Nacht hinaus. Sein scharfes Auge hatte da ein kleines Boot erspäht. Aber der Zuruf hatte nur die Folge, daß der Flüchtling um so rascher ausgriff. Doch half ihm das wenig. Im Boote des Commissärs arbeiteten acht Ruder. Bald war der Flüchtling gestellt, es war der alte Domenico.

»Was suchst Du hier?« herrschte ihn der Kommissar an.

»Ich – ich fische . . .«, stammelte der Erschreckte.

»Du lügst!« donnerte abermals der Mann der Sicherheit. »Du hast vor einer Stunde einen Mann aus Riva bei der Einsiedler-Höhle abgesetzt und kommst nun, ihn abzuholen. Ich weiß Alles – Leugnen hilft nichts – nur ein offenes Geständnis kann Dich retten – wer war jener Mann?«

»Das darf ich nicht sagen«, wimmerte der Fischer.

»Warum nicht?«

»Santa Maria!« war die klagende Antwort, »weil ich sonst ›Fünfundzwanzig‹ kriege . . .«

Fünfundzwanzig! Altehrwürdige k. k. Polizei- und Militär-Ziffer! Untrügliches Kriterium unverfälschten Oesterreicherthums! Fünfundzwanzig! . . . fürwahr, wäre der Amtstscheche aus Riva ein Genie gewesen, aus dieser bloßen Andeutung hätte er theilweise bereits den Sachverhalt errathen können . . . Aber – er war kein Genie, sondern im Gegentheil k. k. Polizeicommissär. Und darum sagte er nur barsch:

»Das wird sich finden! – Bindet seinen Kahn an eine Barke, ihn aber werft in die Barke unter die Soldaten!«

So geschah's. Weiter ruderte die k. k. Armada durch die schwüle, pechschwarze Nacht. Und zwar schlauer Weise immer stiller und vorsichtiger, denn nun näherte man sich dem Neste der Hochverräter. Jetzt – dem Commissär schlug das Herz heftiger – war die Einsiedlerhöhle erreicht. Die eine Barke postirte sich rechts, die andere links, der Kahn mit dem Commissär und den Gensdarmen fuhr gerade auf die Höhle zu.

»Bist Du's, Domenico?« rief aus der Höhle eine kräftige Mannesstimme.

»Freilich bin ich da«, brüllte der Fischer, »aber gebunden haben mich diese – –«, der Rest verklang unter der kräftigen Faust eines Kaiserjägers. »Bassama!« rief dieselbe Stimme. »Was geht hier vor? Was wollt Ihr Männer?«

»Was wir wollen?« donnerte der Commissär und richtete sich todesmuthig empor – »das will ich Euch sagen: Im Namen des Kaisers! – ergebt Euch, Ihr Rebellen! Werft die Waffen fort, jeder Widerstand ist unnütz!«

Nach dieser Rede scholl aus der Höhle ein schriller Schrei, wie aus einer Frauenkehle. Sollte Ludwig Kossuth sein Weib mitgenommen haben? »Ergebt Euch!« donnerte der Commissär noch einmal.

»Bassama!« erscholl nun wieder aus der Höhle die kräftige Stimme, »was sind das für infame Späße!« Und dann setzte dieselbe Stimme in deutscher Sprache hinzu: »Verzeihung, wenn ich nicht irre, so habe ich die Ehre, mit dem Herrn Commissär N. N. aus Riva zu sprechen?«

»Allerdings!« erwiderte dieser verdutzt.

»Nun – da werden Sie mich ja auch vielleicht erkennen«, fuhr die Stimme fort. »Wir spielen ja im Café Andres oft genug Billard. Ich bin ja der k. k. Lieutenant Emmerich v. Sz. von Franz-Carl-Infanterie . . .«

»Das ist er wirklich!« flüsterte der scharfäugige eingeborne Gensdarm dem Commissär zu. Dieser schwieg einen Moment. Dann durchzuckte ihn ein neuer Gedanke: ›Franz Carl‹ ist ein ungarisches Regiment – Herr v. Sz. ist ein Magyare – Kossuth sucht österreichische Militärs zum Abfall zu verleiten . . . »Und was treiben Sie hier, Herr Lieutenant?« fragte er.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen!«

»Sie sind nicht allein! Wer ist bei Ihnen?«

»Kann ich Ihnen ebensowenig sagen. Wohl aber kann ich Sie versichern, und zwar als Edelmann und Offizier auf mein Ehrenwort versichern, daß die betreffende Persönlichkeit kein Rebell ist, und daß hier überhaupt nichts getrieben wurde, was den Bestand der Monarchie gefährden könnte.«

»Das wollen wir sehen«, brummte der Commissär, gab dem Gensdarm einen Wink und – im nächsten Augenblicke zischte ein weißes Sprühlicht auf und übergoß einen Moment lang Höhle und Barken mit taghellem Schimmer.

In der Höhle der schrille Schrei einer Frauenkehle und das Fluchen des Lieutenants – auf den Barken das Gewieher der Mannschaft. Nein! – der Lieutenant hat Recht gehabt – nein! hier war nichts getrieben worden, was den Bestand Österreichs hätte gefährden können . . .

Stumm und tiefgebeugt kehrte der Commissär mit der Armada nach Riva zurück, nachdem er Domenico und seinen Kahn bei der Höhle gelassen.

Der Abend war übrigens an verhängnisvollen Folgen reich. Am nächsten Tage schlug sich Lieutenant v. Sz. mit dem Hauptmann v. G., welcher in Torbole stationirt war, Frau Hauptmann v. G., eine üppige, blonde Magyarin, reiste zu ihren Verwandten nach Debreczin und die beiden Gatten sahen sich nie wieder. Nur Einer bewahrt dieser Kossuthjagd eine freundliche Erinnerung: das ist jener eingeborene Gensdarm, der heute übrigens kein Gensdarm mehr ist, sondern ein ältlicher, behäbiger Winzer im Sarca-Thal, welcher mir bei einer Foglietta eigenen Weines die Historie berichtet hat . . .

* * *

An meine letzte Historie weiß ich mich aus meiner Knabenzeit theilweise selbst zu erinnern. Sie spielt in meiner Heimath, in Podolien, im Dorfe Biala, über welches mein Freund Iwon Megega als Dorfrichter sein Szepter streckte, ein gar wackerer Mann, von dem ich in diesem Buche bereits des Ausführlichen erzählt habe.

Es war im Jahre 1856. An alle Dorfrichter im Czortkower Kreise war der Befehl ergangen, auf verdächtige Reisende zu vigiliren, insbesondere auf solche aus Ungarn. Auch das Signalement Kossuth's war gewohnheitsgemäß wieder publizirt worden. Niemand kam diesem Befehle pünktlicher nach, als unser Iwon, denn er war sehr gut kaiserlich. Er stellte einen Sensenmann auf die Landstraße, einen andern vor das Wirthshaus. Sie hatten jeden Reisenden anzuhalten, bis Iwon seinen Paß untersucht.

Lange ereignete sich nichts Auffälliges. Da kam an einem trüben, windigen Herbstnachmittage ein kleines Wägelchen durch das Dorf gefahren. Es gehörte einem jüdischen Lohnkutscher aus Drohobycz, welcher auch den Wagen lenkte. Im Wagen saß ein Mann von etwa vierzig Jahren. Er hatte schwarzes Haar, einen schwarzen Bart und war hager. Eingehüllt war er in einen verschossenen ungarischen Mantel, unter dem hohe Stiefel hervorlugten. »Halt!« rief der Sensenmann und hielt den Wagen an. »Herr – Ihren Paß!«

Der Reisende verstand nicht ruthenisch. »Brüderchen!« sagte der Kutscher zu dem Sensenmann, »der Mann ist ein Kaufmann aus Ungarn, Du kannst uns ruhig fahren lassen.«

»Aus Ungarn?! – hoho! – den Paß!«

Der Reisende reichte ihn hin. Der Sensenmann entfaltete das Papier und besah sehr aufmerksam die Siegel. Doch beschränkte sich seine Prüfung nothgedrungen auf diese nebensächliche Beigabe: er konnte nicht lesen. Darum rief er einige Bauern herbei, bat sie, den Wagen zu bewachen und brachte selbst den Paß zu Iwon. Der Dorfrichter rieb sich die Augen und begann zu lesen – d. h. er hielt die Schrift nahe den Augen. Dann aber schüttelte er den Kopf und schimpfte über die undeutliche Schrift. Das werde nicht einmal der Herr Pfarrer lesen können, erklärte er. Dann trug er das Dokument zu diesem. Iwon hatte überhaupt das Unglück, daß ihm lauter undeutliche Schriften unterkamen. Was nutzte es ihm da, daß er, wie er oft mit heiligen Schwüren betheuerte, vortrefflich lesen konnte?!

Heute hatte Iwon noch außerordentliches Unglück. Der Pfarrer sei in die Stadt, erklärte die Köchin, und komme erst am Abend wieder. Fluchend ließ Iwon das Dokument zurück und beschloß, den Reisenden bis zum Abend anzuhalten, jedoch vorläufig ein Verhör mit ihm anzustellen. Dabei ergaben sich freilich einige linguistische Schwierigkeiten. Der Reisende fluchte ungarisch und jammerte deutsch, der Dorfrichter inquirirte ruthenisch und ward immer aufmerksamer. Schon die Stiefel und der Mantel erregten seinen Verdacht. Dazu kam, daß ihm der Reisende plötzlich einen Gulden bot, wenn er ihn ziehen lassen wollte. Iwon trat entrüstet zurück. »Um einen Gulden verkaufe ich meinen Kaiser nicht!« Dann dachte er nach: ungarische Kleidung – ungarische Flüche – Bestechung – dunkles Haar – magere Gestalt – das paßt ja auf ein Haar, das war ja – »Du bist der verdammte Herr Kossuth, den wir schon so lange suchen!« schrie er.

»Kossuth!« rief der Reisende und sank todtenbleich auf seinen Sitz zurück.

»Habt Ihr gesehen, wie er erschrocken ist?« rief Iwon den Bauern zu. »Das ist Kossuth! Hinunter mit ihm, hinunter vom Wagen und in den Gemeindekotter. Bindet ihn, sperrt die Thüre hinter ihm zu und stellt zwölf Männer umher. Ihr bürgt mir dafür, daß er nicht entwischt. Ich selbst reite nach Czortkow und hole die Schreiber des Kaisers.«

Und so geschah's.

»Kossuth in Biala!« Ich war damals ein achtjähriger Bube, aber ich erinnere mich noch ganz genau, welchen Eindruck die Kunde im Städtchen machte. Denn Iwon schrie es den Leuten zu, als er im Galopp durch die Straßen zum Bezirksamt sprengte. Man lief, man schrie, man jammerte durch einander. Die Einen wollten mit den Glocken läuten, Andere eilten nach Hause und packten ihre Sachen zusammen, und die Muthigen bewaffneten sich mit rostigen Schwerten. Und das Alles vor dem bloßen Klange des Namens!

Der k. k. Bezirksvorsteher verlor Anfangs den Kopf. Dann raffte er sich auf. Die beiden Gensdarmen und den Gerichtsdiener packte er auf einen Wagen, sich selbst und seinen Schreiber auf einen zweiten. So kam der Zug vor unserm Hause an, und mein Vater mußte mit. Denn ein Arzt, meinte der Beamte, müsse immer dabei sein, wenn man einen großen Verbrecher verhafte. Nun ja, wie leicht kann sich ein solcher Mensch in der Verzweiflung ein Leid anthun! So fuhren die Herren in der Dämmerung, so rasch die Pferde laufen konnten, nach Biala. Iwon ritt neben ihnen her und kam erst jetzt dazu, keuchend die näheren Umstände der Verhaftung zu berichten. »Wo ist denn der Paß?« fragte der Vorsteher und befahl, als er's erfuhr, das Document sogleich vom Pfarrer zu holen.

So kam die Kommission in Biala an und fuhr vor der Scheune vor, welche den Gemeindekotter repräsentirte. Da standen rings herum die zwölf Bauern und meldeten, der Rebell drinnen jammere fürchterlich. Schnell wurden einige Laternen herbeigeschafft, Iwon lief nach dem Paß, der Vorsteher ließ durch die Gensdarmen die Thür öffnen und rief dann aus gemessener Entfernung in die Scheune hinein: »Kommen Sie heraus!«

»Gott über der Welt!« erwiderte eine jammernde Stimme, »wie kann ich kommen heraus, wenn die Bauern haben mir gebunden Händ' und Füß'!«

Der Vorsteher und sein Schreiber sahen sich entsetzt an. Dann faßte sich die Amtsperson und befahl, dem Gefangenen die Fußfesseln zu lösen und ihn vorzuführen.

Es geschah. Trotz der unsichern Beleuchtung der Laterne genügte ein Blick, um zu erkennen, daß das geknickte Menschenkind, welches man da vorschleppte, kein trotziger Rebell sei. Die Säbelbeine knickten und dicke Thränen rannen über die gebogene Nase und die näselnde Stimme schluchzte: »Gott, wohin schleppen Se mich! Gott, was wollen Se von mir! Ich bin nix Kossuth, ich bin ä Lederhändler, ich hab' bei Debreczin ä Weib und sieben Kinder.«

»Hier ist der Paß!« keuchte Iwon gerade heran.

Salomon Weiß, Lederhändler aus Debreczin – der Paß war in Ordnung.

Hier schließt mein Bericht von den Kossuth-Jagden. Vielleicht sind in jenen Jahren noch viel lustigere Geschichten derselben Art geschehen. Denn, wiederhole ich meine Eingangs aufgestellte Behauptung, jegliche Reaction ist nie ausschließlich Henker, sie ist stets zugleich Bajazzo! . . .


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