Karl Emil Franzos
Aus Halb-Asien – Zweiter Band
Karl Emil Franzos

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V. Aus der Bukowina.

Von Wien nach Czernowitz.

(1875.)

»Bitte, mein Herr, ist die asiatische Grenze schon passiert?«

Sie sprach es mit einem eigenthümlichen Lächeln und jenem sonderbaren heisern Timbre, welches dem Kenner beweist, daß sein Gegenüber nicht leicht etwas übelnimmt. Wer sie war, hatte ich auf den ersten Blick weg: eine Dame, die im Osten ihr Glück versuchen wollte, nachdem sie im Westen sehr viel Glück gegeben und empfangen. Uebrigens nicht ohne Witz und Bildung, wahrscheinlich ein gefallener Bildungsengel, eine ausgeglittene Gouvernante.

»Wo denken Sie hin – erst am Ural . . .«

»Ja – wie diese Geographen sagen. Aber blicken Sie doch hinaus . . .«

Das that ich. Es war hinter Lemberg. Der Zug wand sich durch ödes, ödes Haideland. Zuweilen war ein abscheuliches Hüttchen zu sehen; das modrige Strohdach stand dicht über der Erde auf: eine rechte Troglodyten-Höhle. Zuweilen ein Ochs vor einem Karren oder ein Haufe halbnackter Kinder. Und wieder die unendliche Oede der Haide, und der graue Himmel hing trostlos darüber.

»Wir sind bereits in Asien«, wiederholte sie mit größter Bestimmtheit. »Ich könnte drei körperliche Eide darauf schwören . . .« Und sie begann sich im Waggon einzurichten, als ob wir in Asien wären.

. . . Das war vor vier Jahren. Unmittelbare Folgen hatte es nicht, daß wir damals bereits in Asien waren. Ich benahm mich auch ferner gegen sie, als wären wir in Europa. Aber indirecte Folgen hatte es: diese Zeilen. So oft ich wieder nach Osten fuhr, fiel mir die galante Asiatin ein, und nun treibt es mich, auch einmal mit der Feder in der Hand zu untersuchen, inwiefern sie Recht gehabt.

Daß »diese Geographen« Unrecht haben, steht fest. Das weiß Jeder, der jemals die Steppe zwischen Don und Wolga durchmessen. Geographisch und ethnographisch gehört dieser unendliche Tummelplatz von Nomaden zu Asien. Von dem westlichen Anland Sibiriens gilt dasselbe.

Also westwärts zurück mit den Grenzpfählen des kleinsten Welttheils! Aber wie weit?! Darüber sind verschiedene Menschen sehr verschiedener Ansicht. Alexander Herzen meint, bei Eydtkuhnen stehe der Grenzpfahl Europas . . . »es ist Zeit, der geschickten Lüge des Czars Peter ein Ende zu machen.« Dem Fürsten Metternich erschien der Linienwall von St. Marx als Schranke – das dürfte etwas zu eng sein; es war überhaupt eine Eigenthümlichkeit des Mannes, zu enge Schranken aufzurichten . . . In einem südslavischen Feuilleton habe ich einmal gelesen, Wien sei ein asiatisches Babel; freilich können wir nicht Alle so gebildete Europäer sein, wie die Morlaken . . . Die polnischen Geographen lassen im äußersten Falle den Don als Grenze gelten, und in der Klosterschule zu Barnow in Podolien habe einmal ich oder vielmehr eine ansehnliche Partie von mir einige Unannehmlichkeiten erduldet, weil ich der Ansicht war, daß Moskau in Europa liegt. »In Asien!« rief der Pater Marcellinus und applicirte mir einigen polnischen Patriotismus an jene Körperstelle, welche er wahrscheinlich für dies Gefühl besonders empfänglich hielt. . . .

Wenn »diese Geographen« und die galante Asiatin, Pater Marcellinus und Fürst Metternich, ja sogar ein südslavischer Feuilletonist ihre eigenen Hypothesen haben dürfen, so ist wohl auch noch Raum für den Flügelschlag meiner geographischen Ueberzeugung. Nach meiner Ansicht laufen die Grenzen beider Welltheile sehr verwickelt ineinander. Wer zum Beispiel den Eilzug von Wien nach Jassy benützt, kommt zweimal durch halbasiatisches, zweimal durch europäisches Gebiet. Von Wien bis Dzieditz Europa, von Dzieditz bis Suiatyn Halbasien, von Suiatyn bis Suczawa Europa, von Suczawa bis zum Pontus oder zum Ural Halbasien, tiefes Halbasien, wo Alles Morast ist, nicht blos die Heerstraßen im Herbste. In diesem Morast gedeiht keine Kunst mehr und keine Wissenschaft, vor Allem aber kein weißes Tischtuch mehr und kein gewaschenes Gesicht.

Wie gesagt, zweimal trifft man da auf Europa, zweimal auf Halbasien. Und dabei braucht man nirgendwo Halt zu machen. Der Blick aus dem Coupéfenster genügt, höchstens auch noch das Betreten der Bahnhof-Restaurationen und der Genuß der landesüblichen Speisen und Getränke. Ein Genuß übrigens, der meist wahrhaftig kein Genuß ist. Ich habe diese »Culturstudie im Fluge« unzähligemale in Wirklichkeit gemacht. Warum nicht auch einmal auf dem Papier?

Nordbahnhof zu Wien. Halb 10 Uhr Vormittags. So lehrt die Uhr in der Halle. Freilich ist es derzeit nirgendwo so viel an der Zeit, weder in Wien, noch sonst wo. Es ist die »mittlere Ortszeit«. Eine recht sinnige Anordnung des Dr. Vanhans, da er noch Handelsminister war. Sie bewährt sich vorzüglich, insbesondere werden sehr viele Menschen von voreiligen Reisen abgehalten, indem sie den Zug versäumen.Gegenwärtig geht die Uhr am Nordbahnhof zu Wien, wie so ziemlich Alles in Österreich, nach – »Prager Zeit« Anm. zur 3. Aufl.

Also: Halb 10 Uhr. Einsam leuchtet der marmorne Rothschild in das stille Treppenhaus hinab. Einsam wimmelt vor dem Eingang ein Lastträger hin und her. Die beiden Damen in der Nachbarschaft Rothschild's, die junge, welche Zeitungen verkauft, und die alte, welche Schlüssel vermiethet, unterhalten sich. Man hört es bis an den geschlossenen Schalter, bis in die verödete Gepäckhalle hinein. . . .

Ein Wagen kommt herangerollt, der elegante Miethwagen eines großen Hotels. Was darin liegt, ist minder elegant, wenigstens die Emballage ist es nicht. Zuerst sieht und riecht man nur sehr viel Schafpelzwerk. Dann wird eine unförmliche Gestalt sichtbar, ein blasses weitläufiges Gesicht, geschlitzte Aeuglein, welche mißtrauisch die fünfundzwanzig Packträger anblinzeln, die urplötzlich wie aus dem Boden herausgewachsen sind. »Podwoloczysk», sagt die Gestalt, dies einzige Wort aus dem gesammten Sprachschatz der Menschheit scheint ihr geläufig. Darum wiederholt sie es aber auch recht häufig. Ein Großgrundbesitzer aus Südrußland, der wie ein dickes Mammuth nach Marienbad gegangen und wie ein etwas dünneres Mammuth zurückkehrt.

Ein Fiaker. Sehr viele Koffer und Schachteln darin. Ueberdies zwei Damen. Blaue Kleider, grüne Mäntel, rothe Hüte, gelbe Handschuhe. Oder gelbe Kleider, rothe Mäntel, grüne Hüte und blaue Handschuhe. Ein Regenbogen ist gegen diese Anzüge ein monotones Ding. Die eine Dame ist überaus dick, gelbes Gesicht, schwarze Augen. Die andere überaus dünn, gleichfalls gelb und schwarz. »Itzkany« sagen sie und steigen die Treppe empor. Was dabei an Unterröcken sichtbar wird, mag vielleicht zuletzt im Jahre des Heiles 1873 gewaschen worden sein. Sie setzen sich in die Restauration, trinken Kaffee und rauchen Cigaretten. Dabei werfen sie sehr begehrliche Blicke. Es ist zwar Niemand im Saale, als ein Bierjunge, die Buffetdame und das Mammuth aus Südrußland. Aber sie thun es auch nur der lieben Gewohnheit wegen oder um nicht aus der Uebung zu kommen. Im Uebrigen zwei rumänische Bojarinnen, die aus Franzensbad heimkehren.

Ein Einspänner kommt mühsam herangekeucht. Drinnen sehr viel Gepäck und vier Personen, ein Herr und eine Dame, ein Knabe und ein Mädchen. Alle Vier lang, blond und mager. Der Herr feilscht auf Tod und Leben mit dem Kutscher. Aber es handelt sich auch um eine Differenz von zwanzig Kreuzern. Zehn Kreuzer zahlt er endlich, aber er schimpft dabei gewaltig auf das verlotterte Oesterreich. Dann gibt er dem Lastträger fünf Kreuzer für den Transport ebenso vieler Koffer. Das leuchtet dem Manne nicht ein. Der Herr feilscht mit ihm auf Tod und Leben. Endlich gibt er ihm fünf weitere Kreuzer, aber er schimpft dabei auf das verlotterte Oesterreich. Am Schalter will er Karten dritter Klasse lösen. Aber der Eilzug führt nur zwei Klassen. Der Herr löst Karten zweiter Klasse, aber er schimpft dabei auf das verlotterte Oesterreich. So schimpft er noch einige Male, bis er sich auf den Perron durchschimpft. Die Familie unterstützt ihn kräftig. Vielleicht sind die armen Leute nur deshalb so mager, weil sie sich so viel über Oesterreich ärgern. Im Uebrigen sind es Berliner und reisen nur zu ihrem Vergnügen.

Die Omnibusse! . . . Da sind Handlungsreisende, die nach Rußland gehen, nach Preußen, nach Rumänien. Dieser Zug ist stets sehr stark mit solchen Herren gesegnet. Da gibt es Mercure, die in Seide machen oder in Papier, oder in Tuch, oder in wollenen Strümpfen und Glanzleder. Ganz besonders häufig aber solche, die in Wein machen. Die Herren sind sehr verschieden, arm oder wohlhabend, – kurz oder lang, dünn oder dick, aber in Einem gleichen sie einander: sie Alle sind sehr geistreich und sehr jovial, und es gibt keinen, der nicht mindestens 23757 Anekdoten wüßte. Aber mindestens so viel!

Mit dem Omnibus kommen auch polnische Juden, bessarabische Ochsenhändler, russische Getreidemakler, schlesische Kaufleute. Vielleicht kommt auch hie und da ein Mädchen mit diesem bescheidenen Gefährt zum Krakauer Eilzug – ein blondes, blasses, schüchternes Mädchen in ärmlicher, dunkler Kleidung. »Itzkany« sagt sie, indem sie ihr kleines Kofferchen aufgibt. – Armes Kind, welches die Noth zwingt, sein kümmerliches Brot als Erzieherin in wildfremdem Lande zu suchen, wie wird es dir ergehen?! Armes Kind!

Mehr als eine Stunde ist vergangen, und der Portier stimmt in höchst eigenthümlichem Rhythmus und mit überaus gewaltiger Stimme sein Lied an: »Oderberg-Krakau-Podwoloczysk-Itzkany». Und noch einmal und zum drittenmale. Die Passagiere werden in die Waggons gepackt. Nirgendwo ist man mit Waggons sparsamer, als bei diesem Eilzug. Vielleicht geschieht es nur, um die Geselligkeit unter den Reisenden zu fördern. Wir sind ja in Europa!

Und wir bleiben's, auch wenn sich der Zug in Bewegung setzt. Fabriken, stattliche Wohnhäuser fliegen an uns vorbei. Das Riesenwerk des neuen Donaubettes. Dann gesegnete Felder, so üppig, wie sie selten der Blick erschauen kann, jede Scholle unendlich fleißig ausgenützt. Das ist das Marchfeld. Stattliche Dörfer, blühende Gärten. Und in Gänserndorf Frankfurter Würste und Schwechater »Lager«. Ja, wir sind in Europa! . . .

Sanft hügelt sich das Gelände; wir brausen nach Mähren ein. Das ist aber nur eine neue Provinz, kein neuer Welttheil. Ueberall die lichten Spuren der Kultur. Da rauscht der wohlgepflegte Wald, da gedeiht auf den Fluren die reiche Saat. Der Berliner sieht sich's an und sagt zu seiner bessern Hälfte: »Ja, das Land ist gesegnet! Wenn nur die verlotterten Oesterreicher etwas arbeiten wollten. Es wächst hier nämlich Alles von selber!« – »Von selber!« sagt sie, »o diese Oesterreicher!« . . . Aber das sind ja Vergnügungs-Reisende und daher müssen sie sich ärgern.

Die Fabriken mehren sich, Schlot an Schlot, in den Lüften schwimmt dichter Kohlendunst, was wohl für die Nase kein lieblicher Duft ist, desto mehr jedoch für den Verstand. Wie Schlösser sehen die Fabriken und wie Städte die Dörfer aus. Jede zehnte Minute saust irgend ein Zug vorbei: Passagiere, Kohlen, Ochsen, Kohlen, Waaren, Kohlen – die Kohle ist der häufigste und beliebteste Passagier der Nordbahn, und diesem rußigen Gesellen wird darum auch auf dieser Bahn große Achtung erwiesen.

Auf das Mammuth aus Südrußland ist hingegen weit weniger Rücksicht genommen worden. Es ist mit fünf anderen Herren in ein Coupé eingepackt. Das Mammuth ärgert sich, aber vielleicht hätten seine fünf Mitdulder weit mehr Grund dazu. Denn ihnen hat Gott den Leib nicht so wunderbarlich gestaltet, auch haben sie sich in ein anderes Gewand gehüllt, als in frischduftendes Schafpelzwerk. Darum ziehen auch vier von ihnen schiefe Gesichter. Aber der fünfte lächelt, seine Nase leidet fürchterlich, aber das geschniegelte Männchen schmunzelt. Denn das unförmliche Stück Menschheit ihm gegenüber sieht stark danach aus, als könnte man ihm straflos mindestens hundert Anekdoten versetzen. . . .

Das Mammuth ahnt nichts von der Gefahr. Harmlos blickt es auf das blühende Dorf, an dem der Zug vorübersaust, und dann auf sein Gegenüber. »Sehr – schöner – Stadt«, bemerkt es in sehr schlechtem Deutsch.

»Eine Stadt?!« Das geschniegelte Männchen lächelt überlegen. »Sie irren – ein Dorf. Aber Irren ist menschlich. Wissen Sie, welcher Irrthum einmal mir passirt ist? Da komme ich in ein ungarisches Schloß. Die wunderschöne Gräfin –«

»Dorf?« Das Mammuth wundert sich. »So – großer – Dorf! Hier Deutsche?«

»Czechen!« tönt es stolz aus einer Ecke und hinter einer Nase hervor, die stark gegen Himmel gerichtet ist.

»Aber – Sklaven – Czechen?!« stammelt das Mammuth. Es erinnert sich, sehr oft gehört zu haben, wie arm und unglücklich die Czechen in Oesterreich sind. Und nun wohnen diese Heloten in Häusern, wie sie in Südrußland kaum ein Adeliger hat. Es sind Fenster darin, wirkliche leibhaftige, gläserne Fenster!

. . . Auch die beiden schwarzgelben Damen in den geschmackvollen Toiletten wundern sich. Wo der Zug hält, da gehen Weiber und Kinder die Wagen auf und ab und halten Wasser, Früchte, Würste feil u. s. w.. Im Osten kommt Niemand auf solche Gedanken. Und dann: diese Weiber und Kinder sind vollständig bekleidet und tragen sogar Schuhe. Schuhe! Bauernkinder, welche Schuhe tragen! In der »süßen Heimat«, in Rumänien, kommt solcher Unfug nicht vor. Dort tragen sogar die Kammerzofen keine Schuhe, und manchmal sogar die – Bojarinnen selbst . . .

Prerau! Fünfzehn Minuten Aufenthalt!

Dich grüß' ich in Ehrfurcht, ragende Halle, dir beuge ich mein Haupt, dicker Zahlkellner von Prerau, der du der letzte Pfeiler europäischer Speisecultur bist für Jeden, welcher den Krakauer Eilzug benützt. Hier sind noch die Tischtücher weiß, die Gläser rein, die Speisen genießbar. Und darum wird hier durch eine Viertelstunde gewüthet – »nicht eine Schlacht, ein Schlachten ist's zu nennen«. Der dicke Südrusse leert fünf, die magere Rumänin sechs Schüsseln. Nur eine Reisende hat nicht den Waggon verlassen. Da sitzt die blonde, schmächtige Gouvernante und ißt betrübt ein Stücklein Wurst und ein groß Stück Brot. Wurstessen ist keine poetische Thätigkeit, und doch! – wenn ich das arme, todtbange Kind so recht hinzumalen verstünde, dem härtesten Menschen müßte das Auge sich feuchten. . . .

Weiter geht's durch's blühende »Kuhländchen« – nach Oderberg. Hier ist der Aufenthalt zu kurz, sonst wäre hier vielleicht in einem andern dicken Zahlkellner ein anderer Eckpfeiler deutscher Kultur zu entdecken. Aber diesmal sicherlich der allerletzte.

Hier verlassen die Berliner Vergnügungsreisenden das verlotterte Österreich. Alles Uebrige läßt sich durch die gesegnete schlesische Ebene gemächlich vorwärtsschleppen. Schon vor Dzieditz verschwinden auf den Stationen die Verkäufer. Daß ein Reisender Hunger und Durst haben könnte – auf diesen sonderbaren, unerhörten Gedanken kommen hier die Leute nicht mehr.

Dzieditz – ein kleines Nest, aber als Grenze Europas bemerkenswerth. Hier führt ein Schienenstrang nach Bielitz und Biala. In dieser letzteren Stadt, welche durch eine boshafte Laune des Zufalls zu Galizien gehört, wohnen liebe, muthige, deutsche Menschen, welche um die Wahrung ihres Volksthums einen Kampf ausfechten müssen, wie man ihn fünf Jahre nach Sedan und vier Jahre nach Besiegung Hohenwart's kaum für möglich halten sollte. Sie stehen einsam in diesem Kampfe und machen nicht viel Aufhebens von ihrem Heldenthum.Das gilt noch heute. Wohl aber mußte ein nächster Absatz, welcher die Bedeutung der Thätigkeit Rudolf Seeliger's, des Bürgermeisters von Biala, für das Deutschthum in Westgalizien betonte, entfallen. Seeliger ist 1884, von seinen Freunden verehrt und selbst von seinen Feinden geachtet, als hochbetagter Mann gestorben. Gäbe es einen Kranz für deutsche Bürgertugend, dieser Mann hätte ihn verdient, wie Wenige innerhalb der schwarzgelben Pfähle. Anm. zur 3. Aufl. Aber sollen wir fortfahren, thatlos zuzusehen, wie hier ein vorgeschobener Posten des Deutschthums langsam von polnischem Uebermuthe zu Grunde gerichtet wird?! . . .

In Dzieditz fängt »Halb-Asien« an. Nur zögernd habe ich mich zur Schaffung dieses eigenthümlichen geographischen Terminus entschlossen. Er ist aber nothwendig. Manches erinnert in Galizien allerdings an Europa: zum Beispiel das wahrhaft kunstvoll ausgebildete System der Wechselreiterei, das nicht minder kunstvolle Steuersystem und was solcher Kultursegnungen mehr sind. Aber ein Land, in welchem man auf schmutzigen Tischtüchern ißt, von anderen Dingen ganz abgesehen, kann man unmöglich zu unserem Welttheile rechnen . . .

Krakau!

Die Italiener geben jeder Stadt einen klingenden Beinamen, Genova la superba, Firenze la bella und so weiter. Wäre diese Sitte auch in Halb-Asien gebräuchlich, dann könnte das heilige Krakau nicht anders heißen als »Cracovia la stincatoria« . . . Pardon, verehrte Leserin, aber der Name würde passen. Ich habe nie in dieser Stadt geweilt, ohne mir einen ausgiebigen Schnupfen zu wünschen, um dieses Duftes nicht gewahr zu werden. Uebrigens war dies ein bescheidener Wunsch, welcher erfüllt wurde; der Duft war so stark, daß ich den Schnupfen bekam. Daß die Menschen, welche in dieser Stadt zu leben verdammt sind, nicht alljährlich von einer Epidemie decimirt werden, ist wahrhaftig ein besonderes Wunder Gottes. Warum es in Krakau so fürchterlich duftet, darüber sind die Bewohner verschiedener Ansicht, und zwar je nach ihrer Confession. Die Juden behaupten, das sei Schuld der Klöster, insbesondere der Bettelmönche. Die Christen behaupten, das jüdische Proletariat mit Kaftan und Schmachtlöcklein sei daran schuld. Der Streit könnte wahrlich ruhen, denn sie haben Beide Recht . . .

An heißen Sommertagen duftet es aus der Stadt bis in den Bahnhof hinein, in den übrigen Jahreszeiten bestreitet der Bahnhof seinen Odeur aus Eigenem. Jene würdige Dame, welche im Wiener Nordbahnhofe in der Nähe Rothschild's ihren Sitz hat, hat in Krakau keine Collegin . . .

In der Restauration sieht es wesentlich anders aus, als in Europa. Wohl tragen die Kellner noch Fräcke, sogar recht ehrwürdige und durch ihr Alter Respect einflößende Fräcke; aber wahrlich, es wäre besser, sie trügen keine. Denn ein Frack läßt sehr viel von der sonstigen Bekleidung und besonders von der Wäsche sehen . . . Es ist vielleicht ein frommer Wunsch, aber er ringt sich mir ungestüm aus der Brust empor: »O, möchten die Krakauer Kellner doch lieber in dichtgeschlossenen Oberröcken serviren!«

Für reisende Geographen werden die Tischtücher von Interesse sein; sie finden darauf alle erdenklichen Grenzen in verschiedenen Saucen ausgeführt. Wen etwa der Abgang des Zuges an eingehenden Studien hindert, der mag sich trösten: er wird nach drei Monaten, wenn er wieder hier sitzt, dasselbe Tischtuch mit denselben Saucen wiederfinden!

Die Verkehrssprache ist die polnisch-deutsche. Zum Beispiel: »Befehlen Sie poledwica?« – »Prosze Bier oder Wein?« – »Rynski und zwanzig Kreuzer!« Auch das Publicum, welches hier neu hinzukommt, den Eilzug bis Lemberg zu benützen, spricht zum großen Theil diesen Mischmasch. Seit die Polen die deutschen Bildungsanstalten vergewaltigt, sprechen sie statt eines guten Deutsch ein erbärmliches Deutsch. Das ist der einzige Unterschied zwischen Einst und Jetzt. Denn Deutsch sprechen sie auch jetzt noch, sie fühlen instinctiv, daß es ein Wahnsinn, ein geistiger Selbstmord wäre, sich dieser Kultursprache zu verschließen.Heute hört man in Galizien von Jahr zu Jahr weniger deutsch sprechen und das Wenige um so schlechter! Ach ja! die nationale Kultur macht ganz überaus herrliche Fortschritte. Anm. zur 3. Aufl.

Wer in der Krakauer Bahnhof-Restauration dicht an der Thür sitzt, hört draußen ein verworrenes Lärmen, Toben und Jammern, wie es etwa Dante vernahm, als er sich der Hölle näherte. »Ausgang« steht über dieser Thüre geschrieben, aber passender wäre jenes: »Lasciate ogni speranza . . .« Weh' dir, der du, ein harmloser Reisender, in die Vorhalle dieses Bahnhofs trittst! Urplötzlich umgibt dich ein Knäuel streitender, schmeichelnder, brüllender, flüsternder, stoßender, zerrender Gestalten, Juden in Kaftan und Schmachtlöcklein, so fürchterlich schmutzig, daß du kaum begreifst, warum sie nicht an einander kleben bleiben, sobald sie zusammenstoßen. »Sie Alle sind erschienen, dich herrlich zu bedienen,« wie's im Studentenlied heißt. Es sind »Factoren«, zu Deutsch Vermittler. Der Eine erzählt Dir von einem wundervollen Hotel, der Zweite von einem eleganten Wagen, der Dritte von Krakau's Königsgräbern, der Vierte von Wieliczka, der Fünfte will dir Thaler wechseln, der Sechste Geld auf deine Uhr leihen. Und wenn du dies Alles nicht brauchst, dann beginnen sie flüsternd das Sirenenlied von einer jungen Krakauer Dame, welche vor Sehnsucht brennt, dich in ihren Salons zu empfangen.

Halb-Asien! In Europa hätte doch wohl die Polizei der schamlosen Kuppelei im Bahnhofe zu steuern gewußt.

Die Glocke läutet zum drittenmale. Der Zug geht nach Lemberg ab. Es ist 9 Uhr Abends, im Morgengrauen sind wir in der galizischen Hauptstadt. Wahrlich, es ist überaus menschenfreundlich von der Karl-Ludwigsbahn, daß sie den Eilzug Nachts gehen läßt. Denn einen trostloseren Anblick hat man kaum aus dem Coupé irgend einer Bahn des Kontinents. Oede Haide, spärliches Gefild, zerlumpte Juden, schmutzige Bauern. Oder irgend ein verwahrlostes Nest und auf dem Bahnhofe ein paar gähnende Local-Honoratioren, einige Juden und einige andere Geschöpfe, denen man kaum noch den Titel Mensch zuwenden kann. Wer auf dieser Bahn, welche übrigens derzeit sehr gut administrirt wird, bei Tage reist, wird vor Langeweile sterben, wenn er nicht vor Hunger stirbt. Wohl gibt es einige Restaurationen auf dieser Strecke . . . aber der Mensch begehre sie nimmer und nimmer zu schauen . . . Ich selbst habe in Przemysl einmal das allersonderbarste Kalbsschnitzel meines Lebens gegessen. Es war ein gefülltes Kalbsschnitzel, und zwar fand ich da: einen Nagel, stark verrostet, eine Stahlfeder und ein Büschel Haare. Als ich dem Restaurateur die Corpora delicti unter die Nase hielt, meinte er höchst gleichmüthig: »Ich weiß nicht, warum Sie sich so ereifern. Habe ich Ihnen gesagt, daß Sie sollen essen das alte Eisen? Sie sollen essen das Fleisch!«Als Curiosum sei zu diesen Zeilen bemerkt, daß mir dieselben um ein Haar die Freude eines angesichts des Wortlauts der incrimirten Stelle jedenfalls sehr heiteren Preßprozesses bereitet hätten. Im Jahr 1876 reichte nämlich der damalige Restaurateur am Bahnhofe zu Przemysl eine Preßklage beim Wiener Landesgerichte gegen mich ein, weil ich ihn an seiner Geschäftsehre gekränkt. Er verlangte nicht blos meine exemplarische Bestrafung, sondern auch die Confiscation des Aufsatzes. Leider lehnte das Wiener Landesgericht die Klage wegen Mangels eines Thatbestandcs von vornherein ab! Anm. zur 3. Aufl.

Aber wir machen ja die Reise Nachts. Wir verschlafen alle Schrecken dieser Landschaft und dieser Kalbsschnitzel. Erst im Morgengrauen weckt uns der Ruf: »Lemberg!« Ein fahler, grauer Herbstmorgen lugt in die hohen, von Schmutz erblindeten Bahnhof-Fenster. Vielleicht ist dies das einzig passende Licht für diese trostlosen Räume. Ich habe selten irgendwo einen so verwahrlosten Raum gefunden, wie die Restauration zu Lemberg. Und diese verschlafenen Kellner, die in ganz unsäglichen Toiletten verdrießlich einherschlurfen! Und diese Tassen, aus denen man den Kaffee trinken muß! Man kämpft wahrhaftig mit sich selbst, bis endlich das Bedürfniß siegt, etwas Warmes in den Leib zu bekommen.

Die Leute um uns scheinen freilich nichts von solchen Scrupeln zu empfinden. Es ist ein lebhafter Verkehr in dieser Station, und das Bild verdient wohl mindestens in flüchtigen Strichen fixirt zu werden.

Freilich ist das Gewühl noch größer, wenn hier zu Mittag gespeist wird. Da drängen die Menschen durcheinander, wie bei einer Recrutirung oder einem Jahrmarkt oder vielleicht am richtigsten: wie bei einem Fastnachtsballe. Himmel, was für Menschen kann man da sehen, und wie speisen sie zu Mittag! In der Restauration drinnen, da sitzen an den wackligen Tischen, welche gleichfalls, wie in Krakau, mit Landkartentüchern bedeckt sind, die vornehmen Reisenden und werden von schmutzigen Schlingeln mit ölgetränkten Haaren bedient. Da sitzen Bojaren aus der Moldau mit schwarzen verschmitzten Gesichtern, schweren Goldringen und Uhrbehängen und mit ungewaschenen Händen. Da sitzen feine, glatte, elegant gekleidete Herren, welche drei Brode nehmen und eines ansagen und dann vielleicht einen Gulden Trinkgeld geben. Da sind herrliche, dunkeläugige Frauen in schweren Seidenkleidern und schmutzigen Unterröcken. Dazwischen civilisirte Reisende aus Deutschland und England, emancipirte polnische Juden, welche gern jüdische Polen sein möchten und in der Speisekarte vor Allem nach dem Schweinebraten suchen; langbärtige, ruthenische Popen in fettglänzenden Kaftanen, elegante Husaren-Officiere, abgeblühte Cocotten, die nach Bukarest und Jassy gehen, um dort »ihr Glück zu machen«. Und sie Alle essen à la carte aus der französischen Hexenküche des jüdischen Restaurants und zahlen ein Heidengeld dafür.

Draußen ist das Gewimmel noch größer. Jüdische Obstweiber preisen schreiend die saftigen Früchte der Ebene, kleine Judenmädchen betreiben einen schwunghaften Handel mit Wasser und kleine Judenknaben desgleichen mit Süßigkeiten. Sie sind sehr regsam. Aber glotzend und theilnahmlos stehen die russischen Bauern und Kleinbürger hinter ihren Verkaufsbuden, wo sie Früchte feilbieten oder Brot und Wurst. Dazwischen drängen lange, magere, zerlumpte Jungen, die aus großen grünen Flaschen in kleinen grünen Gläschen Schnaps feilbieten. Derartiges genießen die Reisenden der dritten Klasse: schmutzstarrende polnische Juden mit langen Bärten und Wangenlöckchen, unter denen euch oft in typischer Schärfe ein edler Christuskopf in die Augen sticht oder ein grinsender Judaskopf; streitende, schreiende italienische Bahnarbeiter; stumpfe, gleichmüthig vor sich hinstarrende podolische Landleute. An den Thüren aber stehen die Elegants von Lemberg und näseln Bemerkungen über die Damen. Polnische Gepäckträger schleppen kleine Kofferchen unter Aechzen und Stöhnen ab und zu; jüdische Lohndiener preisen die prachtvollen Hotels des Ortes, und jüdische Lohnkutscher ihre überaus vortrefflichen Wagen. Dazwischen brüllt eine volhynische Ochsenheerde, die man eben nach Wien verladet. Kurz – ein Hexensabbath und ein Höllenconcert.

. . . Heute, im Morgengrauen ist es weit stiller. Das Ungeziefer, welches den Reisenden in der Krakauer Vorhalle anfällt, die »Factoren«, fehlen gänzlich. Auch bei Tage sind sie in Lemberg minder sichtbar. Lemberg ist auch in dieser, wie in jeder andern Beziehung reinlicher als Krakau. In der galizischen Hauptstadt liegt wenig Unrath auf den Straßen. Desto dichter ist er leider in den Spalten mancher Blätter aufgehäuft, die in Lemberg erscheinen.

. . . Der Eilzug nach Czernowitz geht ab. Die Fahrt ist trostlos langweilig, und was zwischen Krakau und Lemberg die Nacht milde verhüllt, das zeigt hier in Ostgalizien der Tag erbarmungslos klar: die kahle Haide, die ärmlichen Hütten, den Mangel jeglicher Industrie und Kultur. Es ist gut, wenn man sich in Lemberg mit Lectüre versorgt. Freilich ist die Auswahl, welche man dort im Bahnhofe treffen kann, eine sehr beschränkte. Es werden zwei Sorten Literatur feilgeboten: Obscönitäten und Hetzschriften gegen die Juden. Man hält eben auf Lager, was Absatz findet! Aber wie charakteristisch ist der kleine Broschürenschatz für die Verhältnisse in Halb-Asien!

Auch auf dieser Strecke kann man sich im Hunger üben. Ein österreichischer General und ich, wir waren bereits in gelinder Verzweiflung, als wir endlich in Stanislau einfuhren. Aber auch da bekamen wir nichts, als ein Glas Branntwein und ein Stück Brot. Noth lehrt Schnaps trinken.

Das ist aber auch die letzte Prüfung. Die Haide bleibt hinter uns, den Vorbergen der Karpathen braust der Zug entgegen und über den schäumenden Pruth in das gesegnete Gelände der Bukowina. Der Boden ist besser angebaut und die Hütten sind freundlicher und reiner. Nach einer Stunde hält der Zug im Bahnhofe zu Czernowitz. Prächtig liegt die Stadt auf ragender Höhe. Wer da einfährt, dem ist seltsam zu Muthe: er ist plötzlich wieder im Westen, wo Bildung, Gesittung und weißes Tischzeug zu finden. Und will er wissen, wer dies Wunder vollbracht, so lausche er der Sprache der Bewohner: sie ist die deutsche. Und er sehe zu, zu welchem Feste sie rüsten; zu einem Feste des deutschen Geistes.Geschrieben im September 1875, vor der Czernowitzer Jubiläumsfeier. Vgl. die Skizze »Ein Kulturfest«.

Der deutsche Geist, dieser gütigste und mächtigste Zauberer unter der Sonne, er – und er allein! – hat dies blühende Stücklein Europa hingestellt, mitten in die halbasiatische Kulturwüste! Ihm sei Preis und Dank!


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