Karl Emil Franzos
Aus Halb-Asien – Zweiter Band
Karl Emil Franzos

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Todte Seelen.

(1875.)

»Ein seltsamer Handel, he! he!« sagt der Gutsbesitzer verlegen, »Man könnte darüber lachen, und es ist doch so schauerlich . . .«
      N. Gogol

Im heutigen Rußland gibt's keinen solchen ›Handel‹ mehr: die Aufhebung der Leibeigenschaft hat auch das scheußliche Geschäft jener Menschen todtgeschlagen, welche in ›todten Seelen‹ machten, wie Andere in Leder, Wein oder Zwirnwaaren. Der Handel ist aus, und nur so, wie im klaren Bernstein das häßliche Mücklein der Urzeit, nur so lebt er fort in dem größten Werke des größten Erzählers, der unter den Moskowitern erstanden – in den ›Todten Seelen‹ des Nikolai Gogol. Der Roman ist bekannt, freilich nicht in jenem Grade, wie er's verdient. Denn er ist einzig in seiner Vereinigung gewaltigen Talents in Beobachtung und Darstellung, herber, düsterer Weltanschauung, wilden patriotischen Schmerzes. Laut, hart, erbarmungslos erzählt der Dichter die tiefgeheimste Krankheitsgeschichte seines Volkes; nur zuweilen unterbricht er sich, um höhnisch aufzulachen oder blutig zu weinen. Das Buch muthet an wie ein ungeheurer Edelstein, den der Dichter seinem Volke ohne Schonung an den Kopf geworfen. Freilich, nicht recht geschliffen ist der Edelstein, denn des Dichters Herz war weicher als sein Stoff und ist darüber gebrochen. . .. Der Roman ist bekannt, und der Handel, den er geißelt. Bei der Conscription wird die Zahl der Leibeigenen ermittelt und der Kopfzins festgestellt. Der gilt nun unabänderlich bis zur nächsten Conscription und muß vom Besitzer an des Czaren Amt geleistet werden. Was inzwischen geboren wird, ist steuerfrei; stirbt aber ein Leibeigener oder läßt der Herr ihn todtprügeln, so muß der Kopfzins dennoch entrichtet werden: dem Herrn ist die »Seele« gestorben, dem Amte nicht. Das nützt nun der Speculant und kauft dem Herrn die »todten Seelen« ab. Für den Besitzer das beste Geschäft! – er erspart den weitern Zins, welchen nun der Käufer trägt, und erhält außerdem für das Gebein, das draußen auf dem Kirchhofe vermodert, einiges Baargeld. Aber auch für den Speculanten ein treffliches Geschäft, denn in der Kaufurkunde werden die todten Seelen lebendig, und das Amt bestätigt sie als lebendig, und man kann sie mit ungeheurem Nutzen weiterverkaufen! Kurz – ein schamloser, abgefeimter Betrug, nur möglich in einem Lande, wo die Seelen der Freien, besonders der hochverehrlichen Herren Beamten, just so käuflich sind, wie die armen »Seelen«, die Leibeigenen. . ..

Unter Alexander Nikolajewitsch hat solche Käuflichkeit aufgehört – das heißt jene der Leibeigenen. Heute macht man in Rußland nicht mehr in »todten Seelen«. Aber noch gibt es ein Land Europas, wo solcher Handel blüht. Freilich in grundverschiedener Art, mit entgegengesetzter Tendenz. Aber auch hier bilden »todte Seelen« die Waare, und wenn auch die Preise keineswegs fix sind, so sind doch die Usancen feststehend und geheiligt, wie nur jene im Leder- oder Korngeschäft. Dieses Land hat die freisinnigste Verfassung auf Erden und das trefflichste Gesetzbuch – es präcisirt die Paragraphe über Betrug und Mißbrauch der Amtsgewalt so scharf, daß jedem Logiker und Juristen das Herz im Leibe lacht. . . . Dieser Codex und diese Magna charta sind wahre Ideale, aber – hat einmal ein österreichischer Staatsmann gesagt, den ich gerne als geistvoll bezeichnen möchte, wenn ich nicht befürchten müßte, daß dies als Ironie ausgelegt wird – »Ideal ist, was nicht erreicht werden kann«. Du ahnungsvoller Engel, du! – Denn jenes Land ist – Rumänien. . ..

Noch hat sich kein rumänischer Gogol gefunden, der diesen neuen Handel gegeißelt hätte; nur wo ein, noch im innersten Kerne gesundes Volksthum mit Krankheit ringt, kann als Arzt ein Mann so großer, so herber Art entstehen . . . Kein Rumäne erzählt von den »todten Seelen«. So versucht's denn hiemit ein Deutscher – nicht in künstlerischer Form, sondern himmelweit entfernt von jeglicher Ambition, kurz und schlicht. Ich erzähle von den »todten Seelen«, weil ich glaube, daß es der Mühe werth. Und just jetzt thue ich's, weil die neueste »todte Seele« interessiren dürfte. Es ist ein guter Bekannter; man hat oft von ihm gelesen, wohl öfter, als Einem lieb war.Geschrieben Ende März 1875 für das Feuilleton der »Neuen Freien Presse« als sich das Gerücht verbreitete, daß Getzel Wilkenfeld, der berüchtigte Wucherer, nach Rumänien entflohen. Das Gerücht erwies sich als unbegründet, aber was ich aus Veranlassung dieses Gerüchtes geschrieben, ist und bleibt wahr.

Nicht an dieser Stelle, durchaus nicht! Zum allererstenmale und hierauf durch manches Jahr hat er weit hinten in der Türkei des »Localberichts« gespukt, wo die Betrunkenen auf einander schlagen und sonstige kleine Scherze verzeichnet werden, welche nur die heilige Hermandad schlichtet, nicht die heilige Themis. Dann hat er doch endlich einmal, vielleicht zu unserem, aber sicherlich nicht zu seinem eigenen Vergnügen eine vornehmere Rubrik erklommen: den »Gerichtssaal«. Anläßlich seiner Verurtheilung hat er sogar den Leitartikel gestreift. Und jetzt bringt ihn seine Flucht in das stille, stolze Reich unter den Strich. Er hat rasche Carrière gemacht – der Getzel Wilkenfeld. . .

Aber, bemerke ich nebenbei, vielleicht hätte der Mann schon auf der allerersten Sprosse seiner Ehren verdient, auch einmal von dem Pinsel des Feuilletonisten vorgeführt zu werden, nicht blos von dem mechanisch geführten Bleistift des Reporters. Denn Getzel Wilkenfeld ist mehr als ein einzelner Gauner, er ist die unsäglich widrige Verkörperung widriger Verhältnisse. Dieser Mensch – aber mit diesem Namen verdient dies Wesen kaum mehr bezeichnet zu werden – dieses Raubthier predigt eine furchtbare Lehre. So wie es ist, konnte es nur auf dem Boden Galiziens gedeihen – wehe dem Boden, der solche Früchte trägt! Auf gesunder Erde und im Sonnenschein wachsen keine solchen Giftpflanzen, nur im Schlamm und Dunkel gedeihen sie. Ach, es ist eine traurige Frage, und nicht leicht ist, sie zu entscheiden, wer sich des Getzel mehr zu schämen hat, die polnischen Juden oder die christlichen Polen?! . . . Wie Hund und Katze stehen sie einander gegenüber; hier die brutale Gewalt, dort die tückische List, beiderseits der grimmigste Haß – wie wird es enden? Mit dem Ruin des Landes, antworte ich, sobald man beide einander – abwürgen läßt! Freilich kann sie keine fremde Macht trennen, sie müssen selbst von einander lassen. Der Pole muß bedenken: wen ich wie ein Thier behandele, der wird ein Thier. Und der Jude muß bedenken: ward ich ein Thier durch fremde Schuld – wohlan! doppelt ehrenvoll, wenn ich wieder ein Mensch werde durch eigene Kraft! Aber rasch muß diese Einsicht kommen, sonst kommt sie zu spät! Zu spät! – das ist keine Phrase: die Kugel ist im Rollen, der Ruin vollzieht sich mit unerbittlicher Nothwendigkeit. . . Jedes Land hat die Juden, die es verdient – man wird vielleicht meine barocke Sentenz belächeln, wahr bleibt sie doch! Mir ist sie der Schlüssel zur neueren Geschichte der Juden. Wer daran zweifelt, der erwäge die uralte Wahrheit, daß höchste Güte stets und allerorts zugleich größte Klugheit ist. Oder er frage sich, ob er sich den Getzel als englischen Juden denken könne!. . . Jedes Land hat die Juden, die es verdient, und Sir Moses Montefiore ist ein englischer, Reb Getzel Wilkenfeld ein polnischer Jude – nur in diesem Causalnexus ist der Unhold der Beachtung werth. In jeder andern Beziehung ist er wenig interessant – in psychologischer zum Beispiel gar nicht. Hier zeigt er durchweg typische Züge, nur eben in's Ungeheure gesteigert, in's Abscheuliche verschärft. Ein typischer Zug, aber nicht des Juden, sondern des abergläubischen Gauners, ist auch seine Frömmigkeit. Die Meisten halten sie für Heuchelei – mit größtem Unrecht! Getzel ist wirklich fromm, nur glaubt er nicht etwa an Gott, sondern nur an den Wunder-Rabbi von Neu-Sandec – ganz so wie der Bandit in den Abruzzen auch nur an »seinen« Capuziner glaubt. Und wie der gute Pietro seinem hochwürdigen Padre, sobald die Carabinieri verdächtig nahe streifen, einen Theil der Beute schenkt, damit die Sache gut ablaufe, so schickt Getzel seinem Rabbi vor der Verhandlung dreihundert Gulden. Auch das glaube ich der Frau Getzelin aufs Wort: ihrem Herrn Gemahl sei unter allen Schrecken des Kerkers das »Trefe-Essen« als der größte erschienen. Es stimmt! Auch Pietro bringt lieber zehn Menschen um, als daß er am Charfreitag Fleisch äße. Kurz – diese »Frömmigkeit« bleibt sich unter allen Breitegraden gleich, und es ist pure Geschmackssache, ob Einem der Wunder-Rabbi von Neu-Sandec besser gefällt oder der Capuziner des guten Pietro. Mir gefallen sie Beide nicht. . . Siehe Heine, »Disputation«, letzter Vers. . ..

Doch – das hat uns hier nicht weiter zu kümmern. Getzel's Gott ist fern, Getzel selbst noch ferner. Denn nur sein Sohn Marcus ist in Krakau gefangen worden, er selbst ist nach Rumänien gegangen. Nach Rumänien! Wie doch große Dichterworte täglich neu werden! »Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt!« . . . Nach Rumänien!

Man wird ihn suchen, ich zweifle nicht daran. Man wird ihn nicht finden, daran zweifle ich noch minder! Ihn nicht, wohl aber seinen Todtenschein. Und daran zweifle ich schon nicht im mindesten. Bald, in zwei, in drei Monaten kommt das düstere Document in eine unserer Consular-Agentien geflattert. Schwarz auf Weiß, in deutlicher Schrift steht darauf geschrieben, wann Getzel Wilkenfeld, seines Standes »Jude aus Radomyschl«, gestorben, wie er gestorben, an welcher Krankheit. Die Cultusgemeinde bestätigt es, die Communal-Behörde bestätigt es, die politische Behörde nicht minder. Die Cultusgemeinde hat ihr Siegel beigedrückt, die Communal-Behörde detto, detto die politische. Was bleibt der Consular-Agentie übrig, als ein viertes Siegel beizudrücken?! . . .

Ich sage: das geschieht in zwei, drei Monaten. Vielleicht dauert es diesmal länger, weil diese Zeilen störend dazwischentreten. Denn die »Neue Freie Presse« findet sich in den ödesten rumänischen Städtchen (Himmel, wie viel hundert saftige Flüche werden sich in den nächsten Tagen in all diesen Städtchen über meinem Haupte entladen!). Vielleicht dauert es diesmal länger, vielleicht stirbt Getzel erst in einem halben Jahre. Aber sonst genügt ein Drittheil dieser Zeit vollkommen, den Handel mit der »todten Seele« perfect zu machen.

Warum auch nicht? Die Agenten sind ständig und zahlreich, über den Preis einigt man sich, die Usancen stehen fest.

Ich versuche es, sie zu skizzieren.

Es gibt bekanntlich viele Lumpe in der weiten Welt, sehr viele Lumpe, Leute, welche das dringende und wohlbegründete Bestreben haben, für immer aus dem Gesichtskreis ihrer verehrlichen Mitbürger zu scheiden. Auch ehrliche Leute können stellenweise dies Bestreben haben, zum Beispiel junge, fanatische Polen, denen die Temperatur in Sibirien etwas zu kühl scheint. Nun, am Pruth, an der Aluta und der »süßen Dombrovizza« ist es wärmer. Der Mann (ob nun Auswürfling oder Flüchtling, ist ganz einerlei) wünscht natürlich auch in dieser behaglichen Temperatur zu bleiben. Er erfragt einen Agenten, der in »todten Seelen« macht. Das ist nicht schwer; die Herren sind zahlreich und von der Bevölkerung gekannt. Gewöhnlich arbeitet jeder Agent nur in seiner Confession. Juden vermitteln das mosaische, Armenier oder Rumänen das christkatholische oder griechisch-orientalische Hinscheiden aus diesem irdischen Jammerthale. Also der Würdige ist gefunden, und der Flüchtling eröffnet ihm seinen Wunsch: »Ich wünsche so bald als möglich zu sterben«. – »Wie Sie befehlen«, erwidert der Agent, »das heißt, wenn Sie die nöthigen Mittel haben. Das Sterben ist theuer.« Folgt eine langwierige, oft wochenlange Verhandlung über den Preis. Das Resultat ist natürlich ein sehr verschiedenes, je nach den Motiven der Flucht, je nach dem Vermögen des Flüchtlings. Endlich ist die Summe festgestellt und baar hinterlegt. Der Agent geht an's Werk. Er begibt sich zum Pfarrer oder zum Juden-Vorsteher: »Herr X. Y. aus Z. ist vorgestern gestorben und heute begraben worden.« Der betreffende Würdenträger ist darüber gar nicht erstaunt – alle Menschen müssen sterben, warum nicht Herr X. Y. aus Z.? Auch daß diese betrübliche Thatsache in amtlicher Form beglaubigt werden müsse, ist dem Manne vollkommen einleuchtend; minder einleuchtend ist ihm gewöhnlich der gebotene Preis. Aber schöne Seelen finden sich schließlich doch. Und der betreffende Communal-Beamte ist gleichfalls eine schöne Seele. Auch sind k. k. österreichische Randducaten eine hübsche Münze, womit ich übrigens den Napoleons nicht nahetreten will, sie sind eine ebenso hübsche Münze.

Ich nehme an, daß der Herr Präfect, Sub-Präfect oder wer sonst eine hohe Regierung im Städtchen vertritt, derselben Ansicht ist, daß auch ihm Napoleons oder Ducaten nicht häßlich scheinen. Daraus folgt das dritte Siegel, die dritte Bestätigung. Und endlich kann der Agent vor seinen Auftraggeber treten und sagen: »Hier mein Herr, Sie sind todt!«.

Die Verstorbenen machen natürlich von dem kostbaren Documente verschiedenen Gebrauch, je nach dem Motive der Flucht. Oft genügt es, dasselbe in die Heimat gelangen zu lassen, oft – besonders wenn ein Steckbrief droht – ist es nothwendig, dasselbe in unverfänglicher und glaubwürdiger Weise an die Consular-Behörde gelangen zu lassen. Auch das geht – der Agent kann Alles. Dann hört natürlich die Verfolgung auf, und der betreffende Polizei-Director in der fernen Heimat wischt sich gerührt den Thränenwinkel: de mortuis nil nisi bene. . . .

Aber damit ist die Historie noch nicht zu Ende. Der Todte muß weiter leben, und wer lebt, muß einen Namen und Papiere haben. Ist es ein Jude niedrigen Standes, so ist diese Notwendigkeit gerade keine unumgängliche; der verschwindet dann eben spurlos als eine Woge in dem Meer der anderen Kaftane und Schmachtlöcklein. Anders die Christen und diejenigen Juden, welche mehr Prätension haben. Die müssen selbstverständlich wieder geboren werden. Der Christ wird in der Regel rumänischer, der Jude französischer oder amerikanischer Unterthan. Wie das möglich ist? In Rumänien ist Alles möglich!

Was aus Getzel Wilkenfeld wird, ob er nur eben schlicht als Getzel unter seinen Glaubensgenossen fortleben, ob er stolz als Mr. Gideon X. unter dem Schutze des Sternenbanners seine Tage genießen wird, überlasse ich der Phantasie des geneigten Lesers. Natürlich müßte er auch da sehr vorsichtig sein, denn wenn der Repräsentant Nordamerikas davon Wind bekäme, daß ein so berühmter Mann unter seinen Fittigen rastet, so würde er ihn schleunigst zu weiterer Rast nach Norden befördern lassen – nach Wien.

Doch ist dazu wenig Aussicht vorhanden. Der Handel ist in so raffinirter Weise organisirt, daß die »todte Seele« sich in der Regel ungestört ihres Daseins freuen kann. Wenigstens hört man höchst selten von einer Entdeckung. Und doch gibt es so viele »todte Seelen«.

Ich habe das Vergnügen, deren drei zu kennen. Ich berichte kurz von ihnen, um nebenbei auch zu zeigen, daß es oft zu seltsamen Konsequenzen führt, wenn man gleichzeitig lebensfrisch und mausetodt ist.

. . . Ich bin, wie ich bereits an anderer Stelle mitgetheilt, in einem kleinen podolischen Städtchen aufgewachsen, wo mein Vater als Bezirksarzt lebte. Zu den ständigen Patienten meines Vaters gehörte auch ein reicher jüdischer Gutspächter aus der Nachbarschaft. Fast keine Woche verging, in der nicht sein Sohn, ein junger, starker, rothhaariger Mensch, dahergefahren kam und meinen Vater holte. Der rothe Isaak geberdete sich dabei immer ganz verzweifelt; mein Vater nahm die Sache kaltblütiger. Er wußte, daß dem Alten im Grunde – nichts fehle. Die Leute waren Emporkömmlinge, rohe, orthodoxe Juden. Der Alte genoß seinen Reichthum gar nicht; sein einziger Luxus war, sich ein Leiden einzubilden und den Arzt möglichst oft um sich zu haben.

Da kam eines Tages wieder die wohlbekannte Britschka dahergesaust. Aber diesmal saß nicht Isaak darin, sondern – sein Vater. Er beschwor meinen Vater, doch ja gleich zu kommen und Verbandzeug mitzunehmen; es sei draußen ein furchtbares Unglück geschehen. Isaak war mit einem Bauer in Streit gekommen. Der Bauer hatte sein Vieh in den Acker des Gutspächters getrieben und sah gemüthlich zu, wie es sich da gütlich that. Isaak kam zufällig dazu, gerieth in heftigen Zorn und wollte eines der Viehstücke pfänden. Der Bauer ließ es nicht zu und spie endlich dem jungen Menschen in's Gesicht: »Du bist doch nur ein Jud'!« Da übermannte den Jähzornigen die Wuth, er warf sich auf den Bauer und mißhandelte ihn dergestalt, daß der Mann nur noch eben zwischen Leben und Sterben in's Dorf zurückgebracht wurde. Da schickte der Gutspächter seinen Sohn eiligst fort, er selbst fuhr um den Arzt.

Es war vergeblich; in der Nacht starb der Bauer. Die gerichtliche Anzeige wurde erstattet, die Untersuchung gegen den rothen Isaak eingeleitet, der Steckbrief erlassen. Aber man fand ihn nicht. Und ein halbes Jahr darauf präsentirte der alte Gutspächter düster, aber gefaßt, den Todtenschein des Flüchtlings. Isaak B. war in Galatz gestorben. Das Document war in Ordnung; die Untersuchung wurde eingestellt.

Drei Jahre später, an einem prächtigen Frühlingstage, kam wieder die Britschka vor meines Vaters Thür. Den alten Juden habe der Schlag getroffen, meldete athemlos der Knecht. Mein Vater fand den Alten halb gelähmt, aber bei voller Geisteskraft. Durch Lallen, dann durch Schriftzeichen bat er den Arzt, doch sogleich eine Depesche aufzusetzen an Hirsch G. in Galatz. Hirsch möge augenblicklich hierherkommen. Wer Hirsch sei? fragte mein Vater. Aber darauf schüttelte der Alte nur den Kopf, so heftig er eben konnte.

Sechs Tage später erfuhr es mein Vater; da fand er den rothen Isaak in der Krankenstube. Trotzdem ihn nun die Strafe für zweifaches Verbrechen erwartete, war er dennoch gekommen, seine Sohnespflicht zu erfüllen. Es sollte ihm zum Verderben werden. Eben als der alte Mann ausgeathmet, als sich der Flüchtling zur Rückkehr in's Asyl rüstete, kamen die Gendarmen und verhafteten ihn. Die Geschwister des Erschlagenen hatten die Anzeige erstattet.

An die Thatsachen erinnere ich mich genau, auch die Gestalt des rothen Isaak steht mir klar vor Augen. Aber welche Strafe ihm wurde, weiß ich nicht zu sagen. Es sind nun an siebzehn Jahre her.

Die zweite »todte Seele« habe ich im August 1874, in einem Dorfe der Bukowina, kennen gelernt. Es war ein höflicher, behäbiger Pole, ein so rüstiger Oekonom mit so gesunden rothen Backen, daß man ihm wahrlich nicht ansehen konnte, er sei schon einmal todt gewesen. Gleichwohl war dies der Fall. Er war nach dem Aufstand von 1863 in die Moldau geflüchtet. Die Russen forderten seine Auslieferung, er sei ein gemeiner Verbrecher, ein Meuchelmörder. Darum mußte unser Mann sterben und wurde französischer Unterthan. Jetzt hatte er das österreichische Staatsbürgerrecht erworben. Er selbst zeigte mir ein Duplikat seines Todtenscheins, und darauf stießen wir in gutem, feurigem Moldauer Wein auf langes Leben an.

Der dritten »todten Seele« bin ich nur flüchtig begegnet – es war ein widriger Patron. Arthur, recte Aaron P. war ein junger Kaufmann in einer größeren Stadt Russisch-Podoliens. Ein beneidenswerther Mensch, er hatte ein blühendes Geschäft, und sein junges Weib war eines der reizendsten Geschöpfe, die ich je gesehen. Sie gab ihm wahrhaftig nicht den leisesten Grund zur Klage, aber er behandelte sie unsäglich roh, weil das so in seiner Natur lag. Nach zwei Jahren machte der Mann eine betrügerische Crida in großem Betrage, floh nach Rumänien und starb daselbst. Dann schrieb er an sein Weib, das wieder bei den Eltern wohnte, und forderte es auf, zu ihm nach Jassy zu kommen, sein Name sei nun Heinrich X. Aber das Weibchen erwiderte sehr resolut, einen Herrn Heinrich X. kenne sie nicht; ihr Gatte, Arthur P. sei todt, sie selbst habe das Document gesehen und trauere ihm noch jetzt nach, wie sich's für eine rechtschaffene Witwe gebühre. Arthur-Heinrich schäumte vor Wuth und wendete sich an den Rabbi und die orthodoxen Eltern seiner Gattin. Diese suchten mit allen erdenklichen Mitteln auf sie einzuwirken, aber die junge, schöne Frau blieb fest. Schließlich erklärte sie, sie werde die Hilfe der Behörde anrufen, damit diese wenigstens vorher konstatire, ob ihr verstorbener Arthur und dieser neue Heinrich wirklich – identisch seien. Das wirkte; die Scheidung wurde nun auch rituell vollzogen. Die prächtige Frau lebt jetzt als die glückliche Gattin eines Arztes im Gouvernement Cherson.

Man sieht, selbst »todte Seelen« sind nie ganz todt. . . Wann aber der Handel aufhören wird und wie ihm zu steuern ist, das – weiß Gott und könnte höchstens noch die rumänische Regierung wissen. Gott ist stumm, die rumänische Regierung sagt auch nichts. Freilich wäre dagegen viel zu sagen, aber außer der Dummheit gibt es noch andere Dinge auf Erden, gegen welche die Götter selbst vergebens kämpfen. Und nun gar ein – einzelner Schriftsteller!

* * *

Auch dieser, 1875 geschriebenen Skizze darf ich heute das freudige Bekenntniß folgen lassen, daß ich die Wirkung eines wahren und freimüthigen Wortes unterschätzt. Der Handel mit todten Seelen florirt nicht mehr; meine Enthüllungen haben ihn nahezu todtgeschlagen. Als diese Skizze erschien und dann auch in dem Buche ihren Platz fand, ging ein Aufschrei der Entrüstung durch Rumänien und alle ehrlichen Leute riefen der Regierung und den Municipien zu: »Ihr seid öffentlich angegriffen – vertheidigt Euch öffentlich! Hat der Mann verleumdet, so zieht ihn vor seine Richter: die Jury am Wiener Landesgericht! Hat er Recht – so erstickt den Unfug – Eure und des Landes Ehre steht auf dem Spiele!« Ich meinerseits wünschte im Interesse der Sache nichts sehnlicher, als eine solche Anklage. Aber es kam nicht dazu – aus guten Gründen! Wohl aber wurden in aller Stille seitens der Regierung an ihre Organe, seitens der auswärtigen Mächte an ihre Konsulate Weisungen erlassen, welche es heute den nach Rumänien zugereisten Hallunken unmöglich machen, zu sterben, um weiter leben zu können. Unmöglich – oder doch sehr schwer! Denn einzelne solche Fälle kommen noch immmer vor und dieser Abschnitt meines Buches hat leider noch immer nicht blos historisches Interesse. Aber mit dem Zustand von einst verglichen, ist der heutige ein Fortschritt, wie ihn Niemand – wie gesagt, auch ich nicht – zu hoffen gewagt.


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