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Mit dem Kronprinzen Rudolf auf der unteren Donau

Kronprinz Rudolf von Österreich kam an einem schönen Frühlingsabend des Jahres 1877 von anstrengender Adler- und Geierjagd aus den versumpften Auenwäldern der Donau beim Draueck zurück. Sein Wagen durchfuhr in flottem Trabe die kleine Ortschaft Kovil, an deren Landungsstelle ein schmucker Räderdampfer als gegenwärtiges Standquartier des Erben der habsburgischen Kaiserkrone vor Anker lag. Zwischen Ort und Strand zogen sich weite Wiesenflächen hin, die aber seit diesem Morgen knietief unter Wasser standen. Als der Blick des Kronprinzen beim Herauskommen aus dem Städtchen auf sie fiel, bog er sich plötzlich vor Lachen, bis ihm die Tränen in die Augen traten. Zum Teufel, was hatte da dieser Tausendsassa von Brehm wieder angestellt! Er hatte ja ein so unglaubliches Geschick, sich bei der urwüchsigen serbischen Bevölkerung dieser Gegenden beliebt zu machen, ihr Achtung einzuflößen und beides dazu zu benutzen, ihre eigenartigen Nationaltänze, Trachten und Sitten zu studieren. So hatte er schon am Abend vorher auf der grünen Wiesenfläche vor dem Dampfer einen großen Reigentanz (Kolo) veranstaltet, und die Jungfrauen des Ortes waren bereitwillig dem Wunsche des fremden und anscheinend doch sehr vornehmen Reisenden gefolgt. Heute nun wollte Brehm dies kleine Volksfest wiederholen, aber die eingetretene Wiesenüberschwemmung verursachte einige Hindernisse. Brehm thronte deshalb hoch oben auf dem Bugspriet des Dampfers und leitete von da aus die Unterhaltung, die sich in bis über die Knie reichendem Wasser abspielte, was aber den Reiz der Sache in den Augen der Zuschauer nur erhöhte, da die Tänzerinnen gezwungen waren, ihre bunten Kleider durch entsprechendes Hochraffen vor allzu inniger Berührung mit dem feuchten Element zu schützen. Einige Mädchen kamen dann noch auf das Verdeck, um Blumensträuße zu überreichen, und bald darauf setzte sich der Dampfer unter den Hochrufen der gesamten Bevölkerung in Bewegung.

Wie kam nun aber unser Freund zu so vornehmen Beziehungen, wie gelangte er hierher in die weltentlegene Einsamkeit der unteren Donau-Auen? Schon vor Jahr und Tag hatten sich zunächst briefliche Beziehungen zwischen dem bereits zu europäischer Berühmtheit gelangten Forscher und dem hochbegabten Kronprinzen angesponnen, der das lebhafteste Interesse für Vogelkunde zeigte und bald zu einem eifrigen Schüler des von ihm hoch und aufrichtig verehrten Brehm wurde. Bald ergaben sich auch persönliche Zusammenkünfte, die im Laufe der Zeit ein wahres Freundschaftsverhältnis zwischen Thronerbe und Forscher entwickelten. Es war keineswegs bloße Jagdlust, die den später so unglücklich endenden Kronprinzen zur Vogelkunde führte, und er beschäftigte sich keineswegs nur laienhaft oberflächlich mit ihr, sondern er arbeitete ernsthaft, nachdrücklich und erfolgreich mit an den wissenschaftlichen Streitfragen. Damals erregte die »Adlerfrage« die Gemüter und gab zu erbitterten Fehden Anlaß. Man stritt sich darum, ob Stein- und Goldadler verschiedene Arten oder nur verschiedene Färbungsphasen der gleichen Art seien. Der Kronprinz bemühte sich redlich, seinen Freund aus dem weiten Gebiete der vogelreichen Doppelmonarchie mit Adlermaterial zu versorgen, und eines Tages überraschte er ihn gar durch die Frage:

siehe Bildunterschrift

Brehm mit dem Kronprinzen Rudolf von Österreich auf der Jagd in Kroatien.
Nach einer Originalzeichnung für den »Kosmos« von W. Planck

»Wollen Sie mich zu Adlerjagden nach Südungarn begleiten? Ich habe bestimmte Nachrichten von vielleicht 20 Adlerhorsten und glaube, daß wir alle werden lernen können, wenn wir sie besuchen und fleißig dabei beobachten.« Zwanzig Adlerhorste! welche Versuchung für einen im raubvogelarmen Deutschland wohnenden Vogelforscher! Brehm hätte ja nicht der Sohn seines Vaters sein dürfen, wenn er nicht freudig eingeschlagen hätte. Außer ihm nahm auf Einladung des Kronprinzen noch ein zweiter deutscher Ornithologe an der Fahrt teil, der Baron Eugen Ferdinand von Homeyer aus Pommern, ferner der dem Kronprinzen persönlich befreundete Graf Bombelles und Rudolfs Schwager, Prinz Leopold von Bayern. Dem bekannten Wiener Präparator Hodek nebst Sohn und Gehilfen war das Geschäft des Abbalgens übertragen.

Die nur 15tägige Reise, bei der aber jede Minute ausgenützt wurde, gehört sicherlich zu den glücklichsten und ungetrübtesten Zeitabschnitten in Brehms vielbewegtem Leben. Kein Mißklang störte sie, von Anfang bis zu Ende klappte alles tadellos. Das war nun freilich eine ganz andere Stromfahrt als vor Jahren auf dem Nil in gebrechlicher Segelbarke mit widerspenstigem nubischem Schiffsvolk. Jetzt war für das Behagen und die Bequemlichkeit der Forscher in einer geradezu glänzenden Weise gesorgt. Nachts trug das brave Schiff sie mit der Geschwindigkeit und Sicherheit der Dampfmaschine dem neuen Tagesziele zu. Schon im Morgengrauen wurde aufgestanden, rasch gefrühstückt, die erste Zigarre geraucht und dann an Land gegangen, wo schon Wagen oder kleine Boote bereitstanden, um die einzelnen Jäger nach den ihnen zugewiesenen Revierteilen zu bringen. Ortskundige Grünröcke geleiteten sie dann zu Fuß nach den vom Forstpersonal vorher sorgfältig ausgekundschafteten Horsten, und nun hieß es, sich in Geduld zu fassen und Dianas Gunst zu erflehen, um den am Horste an- oder abstreichenden Adler oder Geier zu Schuß zu bekommen, war ein Horst mit oder ohne Erfolg erledigt, so befand sich gewöhnlich noch ein zweiter und dritter in der Nähe, an dem das Weidmannsheil erneut versucht werden konnte.

Den mächtigen Seeadler, den Brehm von Afrika her nur als räuberischen Wintergast kannte, durfte er hier an seiner umfangreichen Knüppelburg belauschen, und den gewaltigen Kuttengeier, den er im Sudan so oft beim Aase gestreckt hatte, konnte er hier von seiner Kinderwiege mit sicherer Kugel herabschießen. Besonders anregend war es für ihn, die zwischen diesem feigen Riesenvogel und dem kleineren, aber schneidigeren, kräftigeren und gewandteren Steinadler bestehende Todfeindschaft zu beobachten. Der Haß dieser großen Raubvögel gegeneinander ist ganz merkwürdig. Kronprinz Rudolf sah sogar einmal, wie Adler und Geier, in einen einzigen Knäuel verkrallt, sich wütend im Geierhorste herumwälzten, wobei der Horst wankte, Aste brachen und Wolken von Staub aufstiegen, bis schließlich der mächtige Geier herausgeworfen wurde und erschöpft auf einen niedrigeren Ast heruntertaumelte, wo die Kugel des Prinzen seinem Leben ein Ziel setzte. Auf diesen Schuß hin stürzte aber aus dem Horste nicht nur der siegreiche Steinadler hervor, sondern auch das brütende Geierweibchen, auf dessen breitem Rücken sich also offenbar der ganze erbitterte Kampf abgespielt hatte!

Abends kamen alle fünf Jäger aus den verschiedensten Richtungen her mit ihrer Beute wieder beim Schiff zusammen, wo schon ein reichliches Abendessen ihrer harrte und beim Becherklang die gegenseitigen Erfahrungen ausgetauscht wurden, war dann die Verdauungszigarre auf Deck geraucht, so ging es an die Abfassung der Tagebücher, und schließlich wollten auch die erlegten Vögel noch näher untersucht und gemessen sein. Das war namentlich bei den großen Geiern keine ganz angenehme Arbeit, vor der sich deshalb namentlich Prinz Leopold, der einzige noch lebende Teilnehmer dieser Frühlingsfahrt auf der Donau, und Graf Bombelles gern zu drücken suchten. Ohne eine Zigarre im Munde konnte man sich der unheimlich nach faulenden Kadavern duftenden Beute wirklich nicht nähern, und der Kronprinz brachte kein geringes Opfer, wenn er darauf bestand, alle Maße der Tiere ganz genau zusammen mit Brehm zu nehmen.

siehe Bildunterschrift

Alfred Edmund Brehm.
Nach einer zeitgenössischen Aufnahme

Der letzte Abend an Bord war eine wundervolle Maiennacht. Die Grillen zirpten laut an den Gestaden des majestätischen Stroms, leise rauschten die Wellen, und die weite ungarische Ebene dehnte sich in verschwommenen Umrissen endlos vor den Blicken. Unzählige Sterne glänzten am Himmel, und die Mondessichel stand klar und silberhell am Firmamente, sich in den Wellen des Stromes widerspiegelnd. Rudolf und Brehm blieben diesmal noch lange Stunden auf dem Verdeck, die herrliche Nacht bewundernd. Sie sprachen von den schönen Erinnerungen dieser Reise und entwarfen Pläne für neue Forscherfahrten. Die Freundschaft zwischen beiden ist nie getrübt worden und hielt trotz mancher Quertreibereien unvermindert bis zu Brehms Tode an, der auch für den Habsburgersproß zu früh kam.


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