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Zu Beginn dieses Winters plauderten Frédéric und Deslauriers vor dem Kamin, nochmals versöhnt durch eine verhängnisvolle Macht ihres Wesens, die sie immer wieder zusammenführte und sie trieb, sich zu lieben.

Der eine erklärte kurz seinen Bruch mit Madame Dambreuse, die sich mit einem Engländer wiederverheiratet hatte.

Der andere erzählte, ohne zu sagen, wie er dazu gekommen war, sich mit Mademoiselle Roque zu verheiraten, daß seine Frau eines Tages mit einem Sänger durchgegangen war. Um sich von dieser Lächerlichkeit ein wenig zu reinigen, hatte er sich in seiner Präfektur durch ein Übermaß von Eifer für die Regierung kompromittiert. Man hatte ihn abgesetzt. Er war darauf Chef der Kolonisation in Algier gewesen, dann Sekretär eines Pascha, Herausgeber einer Zeitung, Annoncen-Vermittler, um schließlich Syndikus bei einer industriellen Gesellschaft zu werden.

Frédéric dagegen lebte, nachdem er zwei Drittel seines Vermögens aufgebraucht hatte, in kleinbürgerlichen Verhältnissen.

Dann erkundigten sie sich gegenseitig nach ihren Freunden.

Martinon war jetzt Senator.

Hussonnet bekleidete eine hohe Stellung und hatte alle Theater und die ganze Presse unter sich.

Cisy, der sich ganz der Religion ergeben hatte und Vater von acht Kindern war, bewohnte das Schloß seiner Ahnen.

Pellerin war, nachdem er sich mit Fourierismus, der Homöopathie, dem Tischrücken, der gothischen Kunst und der sozialen Tendenz-Malerei beschäftigt hatte, Photograph geworden; und auf allen Mauern von Paris sah man ihn in schwarzem Anzug mit winzigem Körper und einem dicken Kopf abgebildet.

»Und dein Intimus Sénécal?« fragte Frédéric.

»Verschwunden! Ich weiß nicht! Und du, und deine große Leidenschaft, Madame Arnoux?«

»Sie soll mit ihrem Sohn, der Jäger-Leutnant ist, in Rom sein.«

»Und ihr Mann?«

»Gestorben. Im vorigen Jahr.«

»Halt!« sagte der Advokat.

Dann sich an die Stirn klopfend:

»Übrigens, neulich habe ich in einem Laden die gute Marschallin getroffen, mit einem kleinen Knaben an der Hand, den sie angenommen hat. Sie ist Witwe eines gewissen Monsieur Oudry und sehr stark jetzt, enorm. Welche Wandlung! Sie, die früher so schlank gewesen ist.«

Deslauriers verschwieg nicht, daß er sich ihre Verzweiflung zu nutze gemacht hatte, um sich selbst davon zu überzeugen.

»Wie du es mir übrigens erlaubt hattest!«

Dieses Geständnis war ein Ausgleich für das Schweigen, das er über seinen Versuch bei Madame Arnoux bewahrte. Frédéric hätte ihn verziehen, da er nicht geglückt war.

Obwohl er sich über diese Enthüllung ein wenig ärgerte, stellte er sich belustigt, und bei dem Gedanken an die Marschallin fiel ihm die Vatnaz ein.

Deslauriers hatte sie nie gesehen; ebensowenig wie andere, die zu Arnoux kamen; aber er erinnerte sich vollkommen Regimbarts.

»Lebt er noch?«

»Kaum! Jeden Abend schleppt er sich von der Rue de Grammont bis zur Rue Montmartre vor den Cafés hin, entkräftet, gebückt, abgezehrt wie ein Gespenst!«

»Und Compain?«

Frédéric stieß einen Freudenschrei aus und bat den Ex-Delegierten der provisorischen Regierung, ihm das Geheimnis des Kalbskopfs zu erklären.

»Das ist aus England importiert. Um die Zeremonie zu parodieren, mit der die Royalisten den 30. Januar feierten, gaben die Independenten ein jährliches Bankett, bei dem man Kalbsköpfe aß und Rotwein aus den Kalbsschädeln trank, wobei Toaste auf die Ausrottung der Stuarts gehalten wurden. Nach dem Thermidor organisierten die Terroristen eine ganz ähnliche Brüderschaft, ein Beweis dafür, daß Blödsinn ansteckend wirkt.«

»Du scheinst die Politik jetzt ruhig zu nehmen?«

»Wirkung des Alters,« sagte der Advokat. Und sie überblickten ihr Leben noch einmal.

Sie hatten es beide verfehlt, der eine mit seinem Traum von Liebe, der andere mit seinem Traum von Macht. Was war davon das Vernünftigere?

»Es ist vielleicht die Schuld zu großer Gewissenhaftigkeit,« sagte Frédéric. »Für dich mag das zutreffen. Ich dagegen habe durch Übermaß von Redlichkeit gesündigt, ohne tausend nebensächliche Dinge zu berücksichtigen, die stärker sind als alles andere. Ich habe zuviel Logik und du zuviel Gefühl.«

Dann klagten sie den Zufall an, die Umstände, die Zeit, in der sie geboren waren. Frédéric fuhr fort:

»Es ist nicht gegangen, wie wir es uns damals in Sens dachten, als du eine kritische Geschichte der Philosophie schreiben wolltest und ich einen großen mittelalterlichen Roman über Nogent, zu dem ich das Sujet in Froissard gefunden hatte: Wie Messire Brokars de Fénestranges und der Erzbischof von Troyes Messire Eustache d'Ambrecicourt überfielen. Weißt du noch?«

Und ihrer Jugend gedenkend, sagten sie bei jedem Satz:

»Weißt du noch?«

Sie sahen den Schulhof wieder vor sich, die Kapelle, das Sprechzimmer, den Fechtsaal unten am Fuß der Treppe, die Gesichter der Aufsichtslehrer und Schüler, einen Namens Angelmarre, aus Versailles, der sich Hosenstege aus alten Stiefeln schnitt, Monsieur Mirbal und seinen roten Bart, die beiden Lehrer für Geometrie und Zeichnen, Varaud und Suriret, die immer in Streit waren, und den Polen, Landsmann von Kopernikus, mit seinem Planetensystem aus Pappe, ein umherziehender Astronom, dem man die Stunde mit einer Mahlzeit im Refektorium bezahlt hatte; – dann gedachten sie einer furchtbaren Kneiperei auf dem Spaziergang, der ersten Pfeife, die sie geraucht hatten, der Verteilung der Preise, der Ferienfreude.

Und sie erinnerten sich ihrer Ferien im Jahre 1837, als sie bei der Türkin gewesen waren.

So nannte man eine Frau, deren wahrer Name Zoraide Turc war; und viele hielten sie für eine Muselmanin, eine Türkin, was die Poesie ihres Etablissements am Ufer des Flusses hinter den Wällen erhöhte; selbst mitten im Sommer war Schatten rings um das Haus, das an einem Glasgefäß mit Goldfischen neben einem Topf Reseden an einem Fenster zu erkennen war. Mädchen in weißen Jacken mit Schminke auf den Wangen und langen Ohrringen klopften an die Scheiben, wenn man vorüberging, und abends standen sie auf der Türschwelle und sangen leise mit heiserer Stimme.

Dieser Ort der Verderbnis warf einen phantastischen Schein über die ganze Gegend. Man bezeichnete ihn durch Umschreibungen wie: »Der Ort, wo, Sie wissen doch, – eine gewisse Straße, – unten an den Brücken.« Die Pächterinnen der Umgegend zitterten für ihre Männer, die Bürgerfrauen fürchteten ihn für die Mägde, weil die Köchin des Herrn Unter-Präfekten dort überrascht worden war; und natürlich war es die geheime Sehnsucht aller Jünglinge.

Eines Sonntags nun, während alle zur Vesper waren, pflückten Frédéric und Deslauriers, nachdem sie sich vorher hatten frisieren lassen, Blumen im Garten von Madame Moreau, gingen dann durch die Hinterpforte hinaus, und nach einem weiten Umweg über die Weinberge kamen sie über die Fischerei zurück, und ihre großen Sträuße immer noch in der Hand, stahlen sie sich zu der Türkin hinein.

Frédéric bot den seinen an wie ein Bräutigam seiner Braut. Aber die Hitze da drinnen, Furcht vor dem Unbekannten, eine Art von Gewissensbissen und selbst das Vergnügen, mit einem Blick so viele Frauen zu seiner Verfügung zu sehen, erregte ihn so, daß er sehr blaß wurde und stehen blieb, ohne etwas zu sagen. Alle lachten belustigt über seine Verlegenheit, und in dem Glauben, daß man sich über ihn lustig mache, floh er; da Frédéric aber das Geld hatte, war Deslauriers genötigt, ihm zu folgen.

Man sah sie hinausgehen. Es war eine Geschichte, die drei Jahre lang nicht vergessen wurde.

Sie wiederholten sie sich umständlich, und jeder vervollständigte die Erinnerungen des andern; und als sie zu Ende waren, sagte Frédéric:

»Es ist das Beste, was wir erlebt haben!«

»Ja! vielleicht ist es das Beste, was wir erlebt haben!« sagte Deslauriers.


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