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3

Als Rosanettes Begeisterung für die Mobilgardisten sich gelegt hatte, wurde sie wieder reizender denn je, und Frédéric nahm unmerklich die Gewohnheit an, mit ihr zu leben.

Das Beste von ihrem Tage war der Morgen auf ihrer Terrasse. Im Battistmieder und mit nackten Füßen in ihren Pantöffelchen ging und kam sie, reinigte den Käfig ihrer Kanarienvögel, gab ihren Goldfischen Wasser und gärtnerte mit einer Feuerschaufel in dem mit Erde gefüllten Kasten, aus dem ein Gitter mit Kapuzinerkresse ragte, das die Mauern schmückte. Dann betrachteten sie, auf ihren Balkon gestützt, miteinander die Wagen und die Vorübergehenden; sie wärmten sich in der Sonne und machten Pläne für den Abend. Er war höchstens auf zwei Stunden fort; dann nahmen sie eine Loge in irgendeinem Theater, und Rosanette hörte, mit einem großen Blumenstrauß in der Hand, auf die Instrumente, während Frédéric ihr lustige oder galante Dinge ins Ohr flüsterte. Ein andermal nahmen sie einen Wagen, der sie ins Bois de Boulogne führte, wo sie spät, bis Mitternacht spazieren gingen. Endlich kehrten sie über den Arc de Triomphe und die große Avenue zurück, sie sogen die Luft ein, sahen die Sterne über sich und die Gasflammen schnurgerade wie eine Doppelreihe leuchtender Perlen vor sich in der Ferne.

Frédéric mußte stets auf sie warten, wenn sie ausgehen wollten; sie brauchte lange Zeit, die beiden Kinnbänder ihres Hutes zu knüpfen, und lächelte sich selbst vor ihrem Spiegelschrank zu. Dann schob sie ihren Arm in den seinen und zwang ihn, sich neben ihr im Spiegel anzuschauen.

»Wir nehmen uns gut aus so nebeneinander! Ach, Liebster, ich könnte dich aufessen!«

Er war jetzt ihre Sache, ihr Eigentum. Ihr Gesicht hatte jetzt immer etwas Strahlendes, und zugleich schienen ihr Wesen hingebender, ihre Formen voller; ohne sagen zu können worin, fand er sie verändert.

Eines Tages teilte sie ihm als eine sehr wichtige Neuigkeit mit, daß Arnoux einer früheren Arbeiterin seiner Fabrik ein Weißwarengeschäft eingerichtet habe; er käme jeden Abend hin, »gäbe sehr viel aus, hätte ihr erst in vergangener Woche eine Zimmereinrichtung aus Polisander geschenkt.«

»Woher weißt du es?« fragte Frédéric.

»O! ich weiß es ganz sicher!«

Delphine hatte, ihrem Auftrag folgend, Erkundigungen eingezogen. Sie liebte Arnoux also sehr, da sie sich so stark mit ihm beschäftigte! Er begnügte sich damit, ihr zu antworten:

»Was kümmert dich das?«

Rosanette sah überrascht aus bei dieser Frage.

»Aber die Kanaille schuldet mir doch Geld! Ist es nicht schauderhaft, daß er jetzt Dirnen unterhält!«

Dann fügte sie mit einem Ausdruck triumphierenden Hasses hinzu:

»Übrigens macht sie ihn hübsch zum Narren! Sie hat noch drei andere Liebhaber. Umso besser! Äße sie ihn nur bis zum letzten Heller auf, ich wär's zufrieden!«

Arnoux ließ sich in der Schlaffheit seniler Liebe tatsächlich von der Bordelaisin ausbeuten.

Seine Fabrik ging nicht mehr; seine ganze geschäftliche Lage war erbärmlich, so daß er, um sie wieder zu heben, anfangs daran dachte, ein Café chantant zu errichten, in dem nur patriotische Lieder gesungen werden sollten; hätte der Minister ihm eine Subvention bewilligt, wäre dieses Etablissement ein Mittelpunkt der Propaganda und eine Quelle des Gewinns zugleich geworden. Da aber ein Wechsel in der Regierung eingetreten war, wurde die Sache unmöglich. Jetzt träumte er von einer großen militärischen Mützenfabrik. Ihm fehlten aber die Mittel um anzufangen.

In seiner Häuslichkeit war er auch nicht glücklich. Madame Arnoux war ihm gegenüber weniger milde, zuweilen selbst ein wenig rauh. Marthe stellte sich immer auf Seite des Vaters. Das erhöhte den Mißklang, und das Haus wurde ihm unerträglich. Oft ging er schon am Morgen fort, verbrachte den Tag mit weiten Ausflügen, um sich zu betäuben, und aß dann in einem ländlichen Gasthaus, wo er sich seinen Betrachtungen überliefe.

Frédérics fortdauerndes Fernbleiben störte seine Gewohnheiten. Darum erschien er eines Nachmittags und bat ihn, zu kommen wie ehemals, was ihm auch versprochen wurde.

Frédéric wagte nicht, zu Madame Arnoux zurückzukehren. Er hatte das Gefühl, sie verraten zu haben. Aber sein Benehmen war sehr feige. Es gab seine Entschuldigung dafür. Er mußte einen Entschluß fassen! und eines Abends machte er sich auf den Weg.

Da es regnete, war er eben in die Passage Jouffroy eingetreten, als ihn im hellen Licht der Schaufenster ein kleiner dicker Mensch in einer Mütze ansprach. Frédéric hatte seine Mühe, Compain wiederzuerkennen, den Redner, dessen Antrag soviel Gelächter im Klub veranlaßt hatte. Er stützte sich auf den Arm eines Individuums in roter Zuavenmütze, mit sehr langer Oberlippe, gelbem Teint wie eine Orange und kleinem Kinnbart, der ihn mit großen Augen voller Bewunderung betrachtete.

Compain war zweifellos stolz auf ihn, denn er sagte:

»Ich stelle Ihnen diesen Halunken vor! Er ist Schuster, einer meiner Freunde, ein Patriot! Wollen wir etwas trinken?«

Als Frédéric dankte, wetterte er sofort über den Anschlag Rateau, den er ein Aristokraten-Manöver nannte. Um ein Ende zu machen, müsse man wieder mit 93 beginnen! Dann erkundigte er sich nach Regimbart und einigen anderen, wie Masselin, Sanson, Lecornu, Maréchal und einem gewissen Deslauriers, der in die Affäre der kürzlich in Troyes aufgegriffenen Karabiner verwickelt war.

Das alles war Frédéric neu. Mehr wußte Compain auch nicht. Er verließ ihn, indem er sagte: »Auf bald, nicht wahr, Sie gehören doch dazu?«

»Wozu?«

»Zum Kalbskopf!«

»Welchem Kalbskopf?«

»Ach, Sie Schelm!« erwiderte Compain und gab ihm einen Schlag auf den Bauch.

Und die beiden Terroristen verschwanden in einem Café.

Zehn Minuten später dachte Frédéric nicht mehr an Deslauriers. Er stand auf dem Trottoir der Rue Paradis vor einem Hause und betrachtete im zweiten Stockwerk hinter den Vorhängen den Schein einer Lampe.

Endlich stieg er die Treppe hinauf.

»Ist Arnoux zu Haus?«

Das Mädchen antwortete:

»Nein! aber bitte, treten Sie ein!«

Und plötzlich eine Tür öffnend, rief sie:

»Madame, Monsieur Moreau ist hier!«

Sie erhob sich, bleicher als ihr Kragen. Sie zitterte.

»Was verschafft mir die Ehre ... eines so ... unvorhergesehenen Besuchs?«

»Nichts als das Vergnügen, alte Freunde wiederzusehen!«

Und indem er sich setzte, fügte er hinzu:

»Wie geht es dem guten Arnoux?«

»Vortrefflich! er ist ausgegangen.«

»Ah! ich verstehe! immer noch seine alten Abendgewohnheiten; ein wenig Zerstreuung!«

»Warum auch nicht? Nach einem anstrengenden Geschäftstage hat der Kopf das Bedürfnis, auszuruhen!«

Sie rühmte ihren Mann sogar als Arbeiter. Dieses Lob irritierte Frédéric; und auf ein Stück schwarzen Tuches mit blauer Soutache-Näherei weisend, das auf ihren Knien lag:

»Was machen Sie da?«

»Eine Jacke; die ich für meine Tochter in Ordnung bringe.«

»Übrigens, ich sehe sie nicht, wo ist sie denn?«

»In einer Pension,« erwiderte Madame Arnoux.

Tränen traten ihr in die Augen; sie hielt sie zurück, indem sie schnell ihre Nadel gebrauchte. Er hatte, um seine Fassung zu bewahren, eine Nummer der »Illustration« von einem Tischchen neben ihr genommen.

»Diese Karikaturen von Cham sind sehr drollig, nicht wahr?«

»Ja.«

Dann herrschte wieder Schweigen zwischen ihnen.

Ein Windstoß erschütterte plötzlich die Scheiben.

»Welch ein Wetter!« sagte Frédéric.

»Es ist in der Tat sehr liebenswürdig, bei diesem furchtbaren Regen zu kommen!«

»Ach, ich! ich mache mir nichts daraus! Ich bin nicht wie diejenigen, die er offenbar verhindert, zu einem Rendezvous zu gehen!«

»Zu welchem Rendezvous?« fragte sie naiv.

»Sie erinnern sich nicht?«

Ein Frösteln überlief sie, und sie senkte den Kopf.

Er legte ihr sanft die Hand auf den Arm.

»Ich versichere Sie, daß Sie mir großes Leid zugefügt haben!«

Sie erwiderte mit einem klagenden Ton in der Stimme: »Aber ich war in Angst um mein Kind!« Sie erzählte ihm von der Krankheit des kleinen Eugène und allen Ängsten dieses Tages.

»Haben Sie Dank! Ich zweifle nicht mehr! Ich liebe Sie wie immer!«

»Nein, nein! das ist nicht wahr!«

»Warum?«

Sie blickte ihn kalt an.

»Sie vergessen die andere! Die Sie zum Rennen führen! Die Frau, deren Porträt Sie haben, Ihre Geliebte!«

»Nun, ja!« rief Frédéric. »Ich leugne nichts! Ich bin ein Elender! hören Sie mich an!« Wenn er sie gehabt, geschah es aus Verzweiflung, wie man einen Selbstmord begeht. Übrigens hatte er sie sehr unglücklich gemacht, um sich für seine eigene Schande an ihr zu rächen. »Welch eine Marter! Begreifen Sie das nicht?«

Madame Arnoux wandte ihm ihr schönes Gesicht zu und reichte ihm die Hand, und sie schlossen die Augen in süßer Trunkenheit, gewiegt von unendlicher Seligkeit. Dann blieben sie nebeneinander sitzen und schauten sich lange an.

»Konnten Sie denn glauben, daß ich Sie nicht mehr liebte?«

Sie antwortete mit leiser Stimme, voll Zärtlichkeit:

»Nein! trotz allem fühlte ich im Grunde meines Herzens, daß es unmöglich war und daß ein Tag kommen mußte, an dem das Hindernis zwischen uns beiden schwinden würde!«

»Ich auch! und ich hatte ein unsagbares Verlangen, Sie wiederzusehen.«

»Einmal«, erwiderte sie, »bin ich im Palais Royal an Ihnen vorübergegangen.«

»Wahrhaftig?«

Und er sprach von dem Glück, das er empfunden, als er sie bei Dambreuse wiedergesehen.

»Doch wie habe ich Sie an jenem Abend, als ich von dort wegging, verabscheut!«

»Armer Junge!«

»Mein Leben ist so traurig!«

»Und das meine! ... Wenn es nur der Kummer, die Unruhe, die Demütigungen wären, alles, was ich als Frau, als Mutter ertrage, wenn man daran stürbe, ich würde mich nicht beklagen; das Furchtbarste ist meine Einsamkeit, ohne einen Menschen ...«

»Aber ich bin doch da, ich!«

»O ja!«

Übermannt von Zärtlichkeit hatte sie sich schluchzend erhoben. Sie breiteten ihre Arme aus und umschlangen sich in einem langen Kuß.

Es knackte auf dem Fußboden. Eine Frau stand neben ihnen, Rosanette. Madame Arnoux hatte sie wiedererkannt; die Augen weit geöffnet, blickte sie sie voll Überraschung und Entrüstung an. Endlich sagte Rosanette:

»Ich komme, um mit Monsieur Arnoux über eine geschäftliche Angelegenheit zu sprechen.«

»Er ist nicht hier, wie Sie sehen!«

»Ah! es ist wahr!« erwiderte die Marschallin, »Ihr Mädchen hatte recht! Bitte tausendmal um Vergebung!«

Und zu Frédéric gewendet:

»Du bist hier, du?«

Dieses Duzen vor ihr machte Madame Arnoux erröten wie ein Schlag ins Gesicht.

»Er ist nicht hier, ich wiederhole es Ihnen!«

Da sagte die Marschallin, die sich überall umsah, gelassen:

»Fahren wir nach Haus? Ich habe unten eine Droschke.«

Er tat, als habe er nichts gehört.

»Laß uns gehen! Komm!«

»Ja, ja! das trifft sich gut! Gehen Sie, gehen Sie!« sagte Madame Arnoux.

Die beiden gingen. Sie neigte sich über das Geländer, um ihnen noch nachzusehen; und ein spitzes, schneidendes Lachen traf sie oben von der Treppe. Frédéric schob Rosanette in die Droschke, setzte sich ihr gegenüber und sprach auf dem ganzen Wege kein Wort.

Er selbst war schuld an dieser Gemeinheit, die beleidigend auf ihn zurückfiel. Er empfand die Schmach einer vernichtenden Demütigung zugleich mit dem Schmerz über sein Glück, das gerade, als er es endlich fassen sollte, unwiederbringlich, unmöglich geworden – und durch die Schuld dieser hier, dieses Mädchens, dieser Dirne. Er hätte sie erdrosseln mögen; er meinte zu ersticken. Zu Haus angelangt, warf er seinen Hut auf ein Möbel und riß sich die Krawatte herunter.

»O! du hast eben etwas Sauberes vorgehabt, gestehe es!«

Sie pflanzte sich trotzig vor ihm auf.

»Nun? Und wenn? Wem schadet es?«

»Wie! Du spionierst mir nach?«

»Kann ich dafür? Wozu gehst du zu anständigen Frauen, um dich zu amüsieren?«

»Ganz gleich! Ich will nicht, daß du sie beleidigst.«

»Wodurch habe ich sie beleidigt?«

Er hatte nichts darauf zu erwidern und fuhr mit noch gehässigerem Ton fort:

»Neulich, auf dem Champ de Mars.«

»Ach, du langweilst einen mit deinen alten Flammen!«

»Elende!«

Er hob die Faust.

»Töte mich nicht! Ich bin schwanger!«

Frédéric wich zurück.

»Du lügst!«

»Aber so sieh mich doch an!«

Sie nahm eine Kerze und zeigte ihr Gesicht:

»Verstehst du dich daraus?«

Kleine gelbe Flecken bedeckten ihre Haut, die seltsam aufgedunsen war. Frédéric stellte die Tatsache nicht in Abrede. Er öffnete ein Fenster, machte ein paar Schritte auf und ab und sank dann in einen Lehnstuhl.

Dieses Ereignis war ein Mißgeschick, das zunächst ihren Bruch hinausschob, – und dann all seine Pläne umwälzte. Der Gedanke, Vater zu werden, erschien ihm überdies grotesk, unmöglich. Aber warum? Wenn an Stelle der Marschallin ...? Und er vertiefte sich so sehr in seine Träumerei, daß er eine Art Halluzination hatte. Er sah dort, auf dem Teppich vor dem Kamin, ein kleines Mädchen. Es glich Madame Arnoux und ein wenig ihm selbst; – brünett mit weißer Haut, schwarzen Augen und sehr langen Brauen, ein rosa Band in dem lockigen Haar! (O! wie er es geliebt hätte!) Und er meinte seine Stimme zu vernehmen: »Papa! Papa!«

Rosanette, die sich eben entkleidet hatte, näherte sich ihm, sah eine Träne an seinen Wimpern und küßte ihn ernst auf die Stirn. Er erhob sich und sagte:

»Mein Gott! Morden wird man dieses Wurm ja nicht.«

Da fing sie an, lebhaft zu plaudern. Es würde ein Junge sein, sicherlich! Man wird ihn Frédéric nennen! Es müsse mit seiner Ausstattung begonnen werden; – und als er sie so glücklich sah, überkam ihn Mitleid. Da er keinen Zorn mehr empfand, wollte er nun den Grund ihres Benehmens wissen.

Weil Mademoiselle Vatnaz ihr an diesem selben Tage einen seit lange protestierten Wechsel geschickt hatte, war sie zu Arnoux geeilt, um das Geld zu erhalten.

»Ich hätte es dir geben können!« sagte Frédéric.

»Es war viel einfacher, dort zu nehmen, was mir gehört, und der Vatnaz ihre tausend Francs wiederzugeben.«

»Ist das wenigstens alles, was du ihr schuldest?«

Sie erwiderte:

»Gewiß!«

Am folgenden Tage um neun Uhr abends (der vom Hausmeister bezeichneten Stunde) begab sich Frédéric zu Mademoiselle Vatnaz.

Im Vorzimmer stieß er sich an aufgestapelten Möbeln. Aber ein Geräusch von Stimmen und Musik leitete ihn. Er öffnete eine Tür und geriet mitten in einen »Rout«. Vor dem Piano, wo eine Dame mit einer Brille spielte, stand Delmar, feierlich wie ein Oberpriester, und deklamierte eine menschenfreundliche Dichtung über die Prostitution, und seine Grabesstimme rollte, von den angeschlagenen Akkorden begleitet. Eine Reihe von Frauen, durchweg in dunkle Farben gekleidet, ohne Kragen und Manschetten, nahm eine Wand ein. Fünf oder sechs Männer, lauter Denker, saßen hier und da auf Stühlen; in einem alten Lehnstuhl ein ehemaliger Fabeldichter, eine Ruine, – und der scharfe Geruch zweier Lampen mischte sich mit dem Aroma der Schokolade, die in Schalen auf dem Spieltisch stand.

Mademoiselle Vatnaz, mit einer orientalischen Schärpe um die Hüften, stand an einer Ecke des Kamins. Dussardier gegenüber, am andern Ende; er sah in dieser Situation etwas verlegen aus, außerdem schüchterte das künstlerische Milieu ihn ein.

War es aus zwischen der Vatnaz und Delmar? vielleicht nicht. Indessen schien sie eifersüchtig auf den braven Kommis. Nachdem Frédéric sie um eine kurze Unterredung gebeten, machte sie ihm ein Zeichen, mit ihnen in ihr Zimmer zu kommen. Als die tausend Francs aufgezählt waren, forderte sie noch die Zinsen.

»Das ist nicht der Rede wert!« sagte Dussardier.

»Sei doch still!«

Diese Feigheit eines sonst so mutigen Mannes war Frédéric angenehm, wie eine Rechtfertigung der seinen. Er brachte den Wechsel zurück und sprach nie wieder von dem ärgerlichen Auftritt bei Madame Arnoux. Aber ihm zeigten sich seitdem alle Mängel der Marschallin.

Sie hatte einen unverbesserlichen schlechten Geschmack, war von unbegreiflicher Faulheit, einer barbarischen Unwissenheit, die so weit ging, daß sie den Doktor Desrogis für sehr berühmt hielt und sehr stolz war, ihn und seine Gattin zu empfangen, weil sie »verheiratet« waren. In pedantischer Weise belehrte sie Mademoiselle Irma, ein armes, unbedeutendes Geschöpf mit einer kleinen Stimme, das einen »sehr guten« Herrn, Ex-Beamten in der Zollverwaltung und geschickt im Kartenspiel, zum Beschützer hatte, über Lebensfragen. Rosanette nannte ihn »mein Dickerchen«. Frédéric konnte auch die Wiederholung ihrer albernen Ausdrücke nicht ertragen, wie: »Ja, Kuchen! Hol' dich der Teufel! Hat man jemals wissen können« und so weiter; und sie bestand hartnäckig darauf, morgens ihre Nippsachen mit einem Paar alter weißer Handschuhe abzustauben! Besonders aber war er empört über ihr Benehmen gegen ihr Mädchen, – dessen Lohn unaufhörlich im Rückstand war, und von dem sie selbst Geld lieh. An den Tagen ihrer Abrechnungen keiften sie miteinander wie zwei Marktweiber, und dann versöhnten sie sich wieder unter Küssen. Das Alleinsein mit ihr wurde lästig. Es war ihm eine Erleichterung, als die Abendgesellschaften von Madame Dambreuse wieder begannen.

Sie amüsierte ihn wenigstens! Sie kannte die Intriguen der Gesellschaft, die Veränderungen bei der Gesandtschaft, die persönlichen Beziehungen der Schneiderinnen; und wenn ihr Banalitäten entschlüpften, geschah es in so einnehmender Form, daß solch ein Satz für eine Liebenswürdigkeit oder eine Ironie gelten konnte. Man mußte sie unter zwanzig plaudernden Personen sehen, von denen sie keine übersah, wie sie Antworten erlangte, die sie wollte, und gefährliche Dinge vermied! Die einfachsten Dinge, von ihr erzählt, schienen vertrauliche Mitteilungen; ihr kleinstes Lächeln erweckte Träume; ihr Reiz endlich war wie das erlesene Parfüm, das sie immer benutzte, zusammengesetzt und undefinierbar. In ihrer Gesellschaft empfand Frédéric jedesmal eine Freude, als hätte er etwas Neues an ihr entdeckt, und dabei fand er sie stets in derselben Heiterkeit, die wie der Spiegel eines klaren Gewässers war. Aber warum nur war ihr Benehmen gegen ihre Nichte von solcher Kälte? Sie warf ihr zuweilen sogar seltsame Blicke zu.

Seit von der Heirat die Rede war, hatte sie Monsieur Dambreuse gegenüber die Gesundheit des »lieben Kindes« vorgeschützt und sie gleich ins Bad nach Balaruc geschickt. Nach ihrer Rückkehr wurden neue Einwände vorgebracht: der junge Mann besäße seine Stellung, die große Liebe scheine nicht ernsthaft, man riskierte nichts, wenn man wartete. Martinon hatte erwidert, daß er warten wolle. Er benahm sich vortrefflich. Er rühmte Frédéric. Er tat noch mehr: er gab ihm Auskunft über die Mittel, Madame Dambreuse zu gefallen, wobei er durchblicken ließ, daß er durch die Nichte die Gefühle der Tante kenne.

Weit entfernt Eifersucht zu zeigen, überschüttete Monsieur Dambreuse seinen jungen Freund mit Aufmerksamkeiten, fragte ihn in verschiedenen Dingen um Rat, machte sich selbst Sorgen über seine Zukunft, so daß er ihm eines Tages, als von Vater Roque die Rede war, mit pfiffiger Miene ins Ohr sagte:

»Sie haben recht getan!«

Und Cécile, Miß John, die Dienstboten, der Portier, nicht einer, der in diesem Hause nicht liebenswürdig gegen ihn gewesen wäre. Er kam jeden Abend hin und vernachlässigte Rosanette. Ihre zukünftige Mutterschaft machte sie ernster, sogar ein wenig traurig, als quäle sie eine Unruhe. Auf alle Fragen antwortete sie:

»Du täuschest dich! Mir geht es gut!«

Es waren fünf Wechsel gewesen, die sie früher unterschrieben hatte, und da sie nicht wagte, es Frédéric nach der Bezahlung des ersten zu sagen, war sie zu Arnoux zurückgekehrt, der ihr schriftlich den dritten Teil seiner Einnahmen bei der Gas-Beleuchtung der Städte in Languedoc (einem wunderbaren Unternehmen!) versprochen hatte und ihr empfohlen, sich dieses Brieses nicht vor der Versammlung der Aktionäre zu bedienen; die Versammlung wurde von Woche zu Woche verschoben.

Allein die Marschallin brauchte Geld. Sie wäre lieber gestorben, als Frédéric darum zu bitten. Sie wollte keins von ihm. Es hätte ihre Liebe beeinträchtigt. Er bestritt zwar die Kosten des Haushalts; aber ein monatlich gemieteter, kleiner Wagen und andere Verpflichtungen, die unumgänglich notwendig waren, seit er die Dambreuse häufig besuchte, verhinderten ihn, mehr für seine Geliebte zu opfern. Zwei- oder dreimal, als er zu ungewöhnlicher Stunde heimkehrte, glaubte er den Rücken einer männlichen Gestalt durch die Türen verschwinden zu sehen, und sie ging oft aus, ohne sagen zu wollen, wohin. Frédéric machte keinen Versuch, die Dinge zu ergründen. Eines Tages würde er eine definitive Entscheidung treffen. Er träumte von einem andern Leben, das anregender sein würde und vornehmer. Ein solches Ideal machte ihn nachsichtiger gegen manches im Hause Dambreuse.

Es war jetzt eine geheime Versammlungsstätte in der Rue de Poitiers. Er traf dort den großen M. A., den berühmten B., den bedeutenden C., den beredten Z., den mächtigen Y., die ehemals glänzendsten Zierden des linken Zentrums, die Paladine der Rechten, die Doktrinäre der Regierungspartei, die ewigen Komödianten. Er war entsetzt über ihre abscheuliche Sprache, ihre Kleinlichkeit, ihre Rachsucht, ihre Gewissenlosigkeit, – alle diese Leute, die für die Konstitution gestimmt hatten, bemühten sich jetzt, sie niederzureißen; – und sie waren in beständiger Bewegung, verbreiteten Manifeste, Pamphlete, Biographien! unter diesen war die Fumichons von Hussonnet ein Meisterwerk. Nonancourt beschäftigte sich mit der Propaganda aus dem Lande, Monsieur de Grémonville bearbeitete den Klerus, Martinon sammelte die neuen Bürger. Jeder betätigte sich nach seinen Gaben, selbst Cisy. Er beschäftigte sich jetzt den ganzen Tag lang mit ernsten Dingen und fuhr im Kabriolett für die Partei umher.

Monsieur Dambreuse zeigte wie ein Barometer zuverlässig die letzte Veränderung. Man konnte nicht von Lamartine sprechen, ohne daß er den Ausspruch eines Mannes aus dem Volke zitierte: »Genug der schönen Worte!« Cavaignac war in seinen Augen nur ein Verräter. Der Präsident, den er drei Monate lang bewundert hatte, begann in seiner Achtung zu sinken (da er in ihm nicht die »notwendige Energie« sah); und da er immer einen Retter brauchte, gehörte seine Anerkennung seit der Affäre des Konservatoriums Changarnier: »Gott sei Dank, Changarnier ... Hoffen wir, daß Changarnier ... O! es ist nichts zu befürchten, solange Changarnier ...«

Man pries vor allem Monsieur Thiers' Buch gegen den Sozialismus, in dem er sich ebenso als Denker wie als Schriftsteller gezeigt hatte. Man lachte ungeheuer über Pierre Leroux, der in der Kammer die Philosophen zitierte, machte Witze über die Folgen der Phalanstère. Man lobte die Foire aux Idées und verglich den Verfasset mit Aristophanes. Frédéric ging hin, wie die anderen!

Die politische Kannegießerei und das gute Leben stumpften ihn moralisch ab. So minderwertig ihm diese Persönlichkeiten auch erschienen, so war er doch stolz, sie zu kennen, und wünschte sich im geheimen gesellschaftliches Ansehen. Eine Geliebte wie Madame Dambreuse würde ihm eine Stellung geben.

Er begann alles zu tun, was erforderlich dazu war. Er führte eine Begegnung auf ihren Spaziergängen herbei, versäumte es nicht, sie im Theater in ihrer Loge zu begrüßen; und da er die Stunde kannte, wo sie zur Kirche ging, stellte er sich in melancholischer Haltung hinter einen Pfeiler. Über den Nachweis von Raritäten, die Mitteilung über ein Konzert, den Austausch von Büchern und Zeitschriften wechselte er fortwährend kleine Billets mit ihr. Außer seinen Abendbesuchen machte er ihr mitunter einen andern am Nachmittag; und seine freudige Erregung steigerte sich, wenn er nacheinander durch das große Portal, über den Hof, durch das Vorzimmer und die beiden Salons endlich in ihr Boudoir gelangte, das verschwiegen war wie ein Grab und schwül wie ein Alkoven, wo man sich an den gepolsterten Möbeln stieß, die zwischen allerlei anderen Gegenständen standen, wie Schränkchen, Ofenschirme, Schalen und Tabletts aus Lack, Schildpatt, Elfenbein, aus Malachit, kostspielige Kleinigkeiten, die oft erneuert wurden. Es waren auch einfache Dinge darunter: drei Kieselsteine, die als Briefbeschwerer dienten, eine friesische Haube, die an einem chinesischen Wandschirm hing; alle diese Dinge aber stimmten dennoch zueinander; man war so überrascht von der Vornehmheit des Ganzen, und das war vielleicht der Höhe der Decke, der reichen Pracht der Vorhänge und den langen Seidenfransen an den vergoldeten Stäben der Taburetts zuzuschreiben.

Er fand sie meist auf einem kleinen Sofa neben dem Blumentisch, der die Fensternische schmückte. Am Rande eines Puffs sitzend, machte er ihr die schönsten Komplimente, und sie blickte ihn, den Kopf ein wenig auf der Seite, mit lächelndem Munde an.

Er las ihr Gedichte vor, in die er seine ganze Seele legte, um Eindruck auf sie zu machen und sich bewundern zu lassen. Sie unterbrach ihn mit einer geringschätzigen Bemerkung oder einer nüchternen Beobachtung, und ihre Unterhaltung kam unablässig auf die ewige Frage der Liebe zurück! Sie fragten sich, was sie hervorrief, ob Frauen tiefer empfanden als die Männer und worin der Unterschied bestand. Frédéric versuchte, seine Ansichten zu äußern, ohne fade oder derb zu werden. Es entstand eine Art Kampf daraus, der bisweilen anregend, manchmal aber auch ziemlich langweilig wurde.

Er empfand an ihrer Seite nicht jenes überwältigende Entzücken wie Madame Arnoux gegenüber, noch den fröhlichen Uebermut, in den ihn Rosanette anfangs versetzt hatte. Aber er begehrte sie wie etwas Ungewöhnliches, schwer zu Erlangendes, weil sie vornehm war, weil sie reich war und fromm, – und er sich vorstellte, daß sie Zartheiten der Empfindung haben müsse, selten wie ihre Spitzen, Amuletts auf ihrer Haut trage und in der Verderbtheit schamhaft sei.

Er bediente sich der Erfahrungen seiner früheren Liebe. Er erzählte ihr alles, was Madame Arnoux ihn ehemals hatte empfinden lassen als stamme es von ihr: seine Sehnsucht, seine Befürchtungen, seine Träume. Sie nahm es auf wie jemand, der an solche Dinge gewöhnt ist, ohne ihn recht abzuweisen, gewährte ihm jedoch nichts; und es gelang ihm ebensowenig, sie zu verführen, wie Martinon, sich zu verheiraten. Um mit dem Liebhaber ihrer Nichte ein Ende zu machen, beschuldigte sie ihn, es nur aus das Geld abzusehen, und bat ihren Mann, ihn auf die Probe zu stellen. Monsieur Dambreuse erklärte also eines Tages dem jungen Mann, daß Cécile als Waise von armen Eltern weder »Aussichten« noch eine Mitgift hätte.

Martinon, der nicht daran glaubte oder zu weit gegangen war, um sich zurückzuziehen, oder in jener idiotischen Starrköpfigkeit, die mitunter genial sein kann, erwiderte, daß sein väterliches Erbe, fünfzehntausend Francs Rente, ihnen genüge. Diese unerwartete Uneigennützigkeit rührte den Bankier. Er versprach ihm die Kautionssumme für einen Steuereinnehmer und verpflichtete sich, ihm die Stellung zu verschaffen; und so heiratete Martinon Mademoiselle Cécile im Mai 1850. Die jungen Leute reisten noch am selben Abend nach Italien. Frédéric machte Madame Dambreuse am nächsten Tage einen Besuch. Sie erschien ihm bleicher als sonst. Sie widersprach ihm mit Heftigkeit in zwei oder drei unwichtigen Dingen. Alle Männer wären übrigens Egoisten, meinte sie.

Es gebe doch aber opferwillige, wenn auch nur er es sei.

»Ach, Sie sind wie alle anderen!«

Ihre Lider waren gerötet, sie weinte. Dann zwang sie sich zum Lächeln:

»Entschuldigen Sie! Ich habe unrecht! Mir kam ein trauriger Gedanke!«

Er verstand nichts von allem.

»Was tut's! sie ist doch weniger stark, als ich glaubte,« dachte er.

Sie klingelte, um sich ein Glas Wasser bringen zu lassen, trank einen Schluck, schickte es zurück und beklagte sich, daß man sie schlecht bediene. Um sie zu erheitern, bot er sich als Diener an, behauptete, daß er verstehe, Teller herumzureichen, die Möbel abzustauben. Besuche anzumelden, selbst Kammerdiener oder besser Leibjäger zu sein, obwohl diese Mode vorüber sei. Er hätte mit einem Hut von Hahnenfedern hinten auf ihrem Wagen sitzen mögen.

»Und wie majestätisch ich Sie zu Fuß mit einem Hündchen auf dem Arm begleiten würde!«

»Sie sind lustig!« sagte Madame Dambreuse.

Sei es nicht eine Torheit, alles ernst zu nehmen? Es gebe schon genug Elend, ohne daß man noch etwas dazuzudichten brauche. Nichts sei der Qual eines Schmerzes wert. Madame Dambreuse zog die Brauen hoch als Zeichen ihrer Zustimmung.

Diese Gleichheit der Empfindung machte Frédéric kühner. Seine früheren Enttäuschungen verliehen ihm jetzt einen Scharfblick. Er fuhr fort:

»Unsere Großväter wußten besser zu leben. Warum nicht dem Impuls folgen, der uns treibt!« Die Liebe sei ohnehin an sich keine wichtige Sache.

»Aber was Sie da sagen, ist ja unmoralisch!«

Sie hatte ihren Platz wieder auf dem kleinen Sofa eingenommen. Er setzte sich am Rande zu ihren Füßen nieder.

»Sehen Sie nicht, daß ich lüge? Denn um den Frauen zu gefallen, muß man die Harmlosigkeit eines Narren heucheln oder tragische Leidenschaft! Sie machen sich einfach lustig über uns, wenn man ihnen sagt, daß man sie liebt! Ich nenne diese Übertreibungen, die sie unterhalten, eine Entweihung der wahren Liebe; und man weiß nicht mehr, wie man sich geben soll, besonders vor denen ... die ... Geist haben.«

Sie betrachtete ihn durch halbgeschlossene Lider. Er senkte die Stimme und neigte sich zu ihrem Gesicht.

»Ja! Sie machen mir Angst! Ich beleidige Sie vielleicht? ... Verzeihung! ... Ich habe das alles nicht sagen wollen! Es ist nicht meine Schuld! Sie sind so schön!«

Madame Dambreuse schloß die Augen, und ihn überraschte die Leichtigkeit seines Sieges. Das leise Rauschen der großen Bäume im Garten verstummte. Reglose Wolken zogen lange, rote Streifen über den Himmel, und es schien eine allgemeine Ruhe über allem zu liegen. Da kamen ihm ähnliche Abende mit der gleichen Stille undeutlich wieder in Erinnerung. Wo war das nur gewesen? ...

Er kniete nieder, ergriff ihre Hand und schwor ihr ewige Liebe. Dann, als er fortging, rief sie ihn mit einem Wink zurück und sagte ganz leise:

»Kommen Sie zum Diner wieder! Wir werden allein sein!«

Als Frédéric die Treppe hinunterging, meinte er, daß er ein anderer Mensch geworden sei, daß balsamische Treibhausluft ihn umwogte, daß er nun endgültig in die Welt vornehmer Ehebrüche und stolzer Intriguen eingetreten war. Um den ersten Platz darin zu behaupten, genügte ja eine Frau wie diese. Offenbar lüstern nach Macht und Betätigung, verheiratet mit einem mittelmäßigen Mann, dem sie ungeheure Dienste geleistet, sehnte sie sich wohl nach einer starken Natur, die sie leiten sollte? Nichts war jetzt mehr unmöglich!

Er fühlte sich fähig, zweihundert Meilen zu Pferde zu machen, mehrere Nächte hintereinander zu arbeiten, ohne zu ermüden; sein Herz schwellte vor Stolz.

Aus dem Trottoir vor ihm ging ein Mann in einem alten Paletot mit gesenktem Kopf und so bekümmerter Miene, daß Frédéric sich umwandte, um ihm nachzusehen. Der andere hob sein Gesicht. Es war Deslauriers. Er zögerte, Frédéric fiel ihm um den Hals.

»Ach! mein armer Junge! Wie! bist du es denn?!«

Und er schleppte ihn mit nach Haus und bestürmte ihn mit Fragen.

Der Ex-Kommissar Ledru-Rollins erzählte zuerst von den Qualen, die er erlitten. Wie, als er den Konservativen die Brüderlichkeit und den Sozialisten Achtung vor den Gesetzen gepredigt, die einen auf ihn geschossen hätten und die anderen einen Strick gebracht, um ihn zu hängen. Nach den Junitagen hätte man ihn brutal verlassen. Er hatte sich an einem Komplott beteiligt, wobei dann die Waffen in Troyes gefunden wurden. Man hätte ihn aus Mangel an Beweisen freigelassen. Dann hätte ihn das Exekutivkomitee nach London geschickt, wo er sich während eines Banketts mit seinen Genossen geohrfeigt hätte. Bei der Rückkehr nach Paris ...

»Warum bist du nicht zu mir gekommen?«

»Du warst immer abwesend! Dein Diener hatte eine geheimnisvolle Miene, ich wußte nicht, was ich denken sollte; und dann wollte ich nicht als Besiegter wiedererscheinen.«

Er hatte an die Türen der Demokratie geklopft, sich angeboten, ihr mit der Feder zu dienen, mit Reden, mit Taten; überall hatte man ihn abgewiesen; man mißtraute ihm, und er hatte seine Uhr, seine Bibliothek, seine Wäsche verkaufen müssen.

»Es wäre besser gewesen, auf den Pontons von Belle-Isle mit Sènècal umzukommen!«

Frédéric, der gerade seine Krawatte knüpfte, schien bei dieser Nachricht nicht sehr bewegt.

»Ach! Er ist deportiert, der gute Sénécal?«

Deslauriers erwiderte mit einem neidischen Blick auf die Wände:

»Jeder hat nicht deine Chancen!«

»Entschuldige mich,« sagte Frédéric, ohne die Anspielung zu beachten, »aber ich bin ausgebeten. Für dich wird gedeckt, fordere, was du magst! Selbst mein Bett kannst du nehmen!«

Vor so aufrichtiger Herzlichkeit schwand Deslauriers' Bitterkeit.

»Dein Bett? Aber ... das wird dich stören!«

»O nein! Ich habe noch andere!«

»Ah! sehr gut,« erwiderte der Advokat lachend. »Wo dinierst du denn?«

»Bei Madame Dambreuse!«

»Ist sie ... etwa ... jetzt ...?«

»Du bist zu neugierig,« sagte Frédéric mit einem Lächeln, das diese Vermutung bestätigte.

Dann, als er nach der Uhr gesehen, setzte er sich wieder.

»Es ist nun einmal so! und man darf nicht verzweifeln, alter Volksverteidiger!«

»Daß sich Gott erbarm! Mögen andere sich damit abgeben!«

Der Advokat verabscheute die Arbeiter, unter denen er in seiner Provinz, einer Kohlengegend, soviel gelitten hatte. Jede Fördergrube hatte eine provisorische Behörde ernannt, die ihm Verhaltungsmaßregeln gab.

»Übrigens haben sie sich überall reizend benommen: in Lyon, in Lille, in Havre, in Paris! Denn nach dem Beispiel der Fabrikanten, die die Einfuhr ausländischer Produkte verbieten wollen, verlangen diese Herren, daß man die englischen, die deutschen, die belgischen und savoyischen Arbeiter ausweise! Und was ihre Intelligenz anbelangt, wozu diente denn unter der Restauration ihre berühmte Genossenschaft? 1830 sind sie in die Nationalgarde eingetreten, ohne auch nur soviel Verstand zu haben, sie zu beherrschen! Sind die Zünfte nicht 1848 im Handumdrehen wieder mit ihren Fahnen erschienen? Sie verlangten sogar Volksvertreter für sich, die nur für sie sprechen sollten! Ganz wie die Deputierten für den Rübenbau sich um nichts kümmerten als um den Rübenbau! – Ach! ich habe genug von diesem Gesindel, das sich der Reihe nach anbetend vor dem Schafott von Robespierre, den Stiefeln des Kaisers, dem Regenschirm von Louis-Philippe niederwirft, diesem Lumpenpack, das stets dem ergeben ist, der ihm Brot in den Rachen wirft! Man schreit immer über die Bestechlichkeit Talleyrands und Mirabeaus; aber der Dienstmann dort unten würde das Vaterland für fünfzig Centimes verkaufen, wenn man ihm verspricht, den Tarif für seinen Weg auf drei Francs festzusetzen. Ach! wie dumm wir waren! Wir hätten Europa an allen vier Ecken anzünden sollen!«

Frédéric entgegnete ihm:

»Der zündende Funke fehlte! Ihr wart einfach Spießbürger, und die besten unter Euch Pedanten! Die Arbeiter allerdings, die können sich beklagen, denn wenn man eine Million ausnimmt, die von der Zivilliste gestrichen wurde und die Ihr ihnen mit der niedrigsten Speichelleckerei aufgedrungen habt, gabt Ihr ihnen nichts als Phrasen! Das Dienstbuch bleibt in den Händen des Meisters, und der Angestellte ist (selbst vor dem Gesetz) immer noch geringer als der Arbeitgeber, da man seinem Wort nicht glaubt. Endlich scheint mit die Republik veraltet. Wer weiß? Der Fortschritt ist vielleicht nur durch eine Aristokratie oder einen einzelnen Menschen zu erreichen? Die Initiative kommt immer von oben! Das Volk ist unmündig, was man auch behaupten mag!«

»Das ist vielleicht wahr!«

Nach Frédérics Ansicht strebte die große Masse der Bürger nach Ruhe (er hatte im Hause Dambreuse profitiert), und die Konservativen hatten daher die besten Chancen. Dieser Partei indessen fehlte es an neuen Männern.

»Wenn du dich vorstelltest, ich bin sicher ...«

Er beendete den Satz nicht. Deslauriers verstand, strich sich mit beiden Händen über die Stirn und sagte dann plötzlich:

»Aber du? Nichts hindert dich? Warum solltest du nicht Abgeordneter werden? Infolge einer doppelten Wahl ist in Aube eine Kandidatur frei. Monsieur Dambreuse, der wiedergewählt war, gehörte zu einem andern Bezirk. Willst du, daß ich mich damit befasse?« Er kannte viele Gastwirte, Lehrer, Ärzte, Kanzlisten und ihre Vorgesetzten. »Außerdem kann man den Bauern aufbinden, was man will!«

Frédéric fühlte seinen Ehrgeiz wieder erwachen.

Deslauriers fügte hinzu:

»Du könntest mir gut eine Stellung in Paris verschaffen.«

»O! das wird sich durch Monsieur Dambreuse leicht machen lasten.«

»Da wir von Kohlen sprachen,« begann der Advokat wieder, »was wurde aus seiner großen Gesellschaft? Solch eine Beschäftigung wäre nach meinem Sinn! – und ich würde ihr nützen und dabei doch meine Unabhängigkeit bewahren.«

Frédéric versprach, ihn in drei Tagen zu dem Bankier zu führen.

Sein Abendessen im tête à tête mit Madame Dambreuse war etwas Köstliches. Sie lächelte ihm von der andern Seite des Tisches zu, über die Blumen hinweg, die in einem Korbe unter der Hängelampe standen, und da das Fenster offen stand, sah man die Sterne. Sie sprachen sehr wenig, wahrscheinlich, weil sie sich noch nicht sicher fühlten: aber sobald die Diener den Rücken kehrten, warfen sie sich Kußhände zu. Er sprach von seiner Kandidatur. Sie ermutigte ihn dazu, erbot sich sogar, Monsieur Dambreuse zu veranlassen, dafür zu arbeiten.

Abends erschienen einige Freunde, um sie zu beglückwünschen und zu bedauern: sie müsse wohl traurig sein, ihre Nichte nicht mehr zu haben? Es wäre übrigens sehr richtig von den Neuvermählten, auf Reisen zu gehen, später kämen Hindernisse, die Kinder dazwischen! Aber Italien entspreche nicht der Vorstellung, die man sich davon mache. Doch sie wären im Alter der Illusionen! Und die Flitterwochen verschönten alles! Die beiden letzten, die blieben, waren Monsieur de Grémonville und Frédéric. Der Diplomat wollte nicht gehen. Endlich, um Mitternacht, erhob er sich. Madame Dambreuse machte Frédéric ein Zeichen, mitzugehen und dankte ihm für seinen Gehorsam mit einem Händedruck, der köstlicher war als alles andere.

Die Marschallin stieß einen Freudenschrei aus, als sie ihn wiedersah. Sie erwartete ihn seit fünf Uhr. Er gab als Entschuldigung einen notwendigen Gang im Interesse Deslauriers' an. Sein Gesicht hatte einen triumphierenden Ausdruck, einen Glanz, der Rosanette blendete.

»Es ist vielleicht wegen des schwarzen Anzugs, der dir gut steht; aber ich habe dich noch niemals so schön gefunden! Wie schön du bist!«

In einem Übermaß von Zärtlichkeit schwor sie sich, keinem andern mehr zu gehören, was auch kommen mochte, und wenn sie im Elend umkommen sollte.

Ihre schönen feuchten Augen funkelten von einer so übermächtigen Leidenschaft, daß Frédéric sie auf seine Knie zog und sich sagte: »Was für ein Lump ich bin!« und sich doch seiner Verderbtheit freute.


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