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Zwei Monate später beschloß Frédéric, der eines Morgens in der Rue Coq-Héron gelandet war, sogleich seinen großen Besuch zu machen.

Der Zufall war ihm günstig gewesen. Vater Roque hatte ihm eine Rolle Papiere gebracht und ihn gebeten, sie selbst bei Monsieur Dambreuse abzugeben; und er fügte der Sendung ein versiegeltes Schreiben bei, in dem er seinen jungen Landsmann empfahl.

Madame Moreau schien dieser Schritt zu überraschen. Frédéric verbarg seine Freude darüber.

Monsieur Dambreuse hieß eigentlich Graf d'Ambreuse; allein, seit 1825, nachdem er mit der Zeit seinen Adel und seine Partei aufgegeben, hatte er sich der Industrie zugewandt; und unterrichtet über alle Ereignisse, beteiligt an allen Unternehmungen, bei allen guten Gelegenheiten auf der Lauer, verschlagen wie ein Grieche und arbeitsam wie ein Auvergnat, hatte er ein Vermögen angesammelt, das beträchtlich sein sollte; außerdem war er Offizier der Ehrenlegion, Mitglied des Generalrats der Aube, Deputierter, nächstens Pair von Frankreich; selbst gern gefällig, ermüdete er den Minister durch seine beständigen Bitten um Beistand, um Orden, um Tabakbüros, und in seiner Abneigung gegen die Regierung zur Linken schloß er sich dem Zentrum an. Seine Frau, die hübsche Madame Dambreuse, die von den Modejournalen genannt wurde, präsidierte bei Wohltätigkeitsvereinen. Indem sie den Herzoginnen schmeichelte, beschwichtigte sie den Groll des vornehmen Faubourg und erweckte den Glauben, daß Monsieur Dambreuse sein Eindringen vielleicht noch bereuen werde und ihm noch einmal Dienste erweisen könnte.

Der junge Mann war erregt, als er zu ihnen ging.

»Ich hätte besser getan, meinen Frack anzuziehen. Sie laden mich gewiß für die nächste Woche zum Ball ein? Was werden sie sagen?«

Die Zuversicht kehrte ihm bei dem Gedanken zurück, daß Monsieur Dambreuse nur ein Bürger war, und verwegen sprang er von seinem Kabriolett auf das Trottoir der Rue d'Anjou.

Nachdem er durch das eine der beiden Einfahrttore gekommen war, überschritt er den Hof, stieg die Freitreppe hinan und trat in ein Vestibül, das mit farbigem Marmor ausgelegt war.

Eine gerade Doppeltreppe mit rotem Teppich und Messingstangen lief die hohe, mit reichem Stuck verzierte Mauer entlang. Am Fuß der Stufen stand ein Bananenbaum, dessen breite Blätter auf die Samtrampe fielen. Zwei Bronzekandelaber trugen Porzellanglocken, die an kleinen Kettchen hingen. Den Luftlöchern der Heizung entströmte eine trockene Hitze; und man vernahm nur das Ticktack einer großen Uhr, die am andern Ende des Vestibüls unter einem Waffengestell stand.

Eine Glocke erklang; ein Diener erschien und führte Frédéric in einen kleinen Raum, in dem man zwei Geldschränke mit Fächern voller Mappen gewahrte. Monsieur Dambreuse schrieb in der Mitte an einem Zylinderbüro.

Er las flüchtig den Brief Vater Roques, schnitt mit seinem Taschenmesser die Leinenhülle auf, die die Papiere umschloß, und prüfte sie.

Aus der Entfernung konnte er seiner schmächtigen Gestalt wegen noch jung erscheinen. Aber seine spärlichen weißen Haare, seine kraftlosen Glieder und besonders sein außerordentlich fahles Gesicht verrieten einen zerrütteten Körper. Unerbittliche Energie lag in seinen meergrünen Augen, die kälter waren als Glasaugen. Er hatte vorstehende Backenknochen und Hände mit knochigen Gelenken.

Endlich stand er auf und richtete an den jungen Mann einige Fragen über Personen ihrer Bekanntschaft, über Nogent, über seine Studien; dann verabschiedete er ihn, indem er sich verneigte. Frédéric ging durch einen andern Korridor hinaus und befand sich am unteren Ende des Hofes bei den Stallungen.

Ein blaues Coupé mit einem Rappen vorgespannt stand an der Freitreppe. Der Schlag öffnete sich, eine Dame stieg ein, und der Wagen rollte mit dumpfem Geräusch auf dem Kies davon.

Frédéric langte von der anderen Seite zu gleicher Zeit mit ihr unter der Einfahrt an. Da der Raum nicht groß genug war, sah er sich gezwungen zu warten. Die junge Frau neigte sich aus dem kleinen Schiebefenster und sprach leise mit dem Pförtner. Er konnte nichts weiter sehen als ihren Rücken, den ein violetter Mantel verhüllte. Indessen musterte er das Innere des Wagens, in blauem Rips mit seidenen Passementerien und Fransen gehalten. Die Gewänder der Dame füllten ihn ganz aus; dem kleinen, gepolsterten Kasten entströmte Irisparfüm wie eine Duftwoge weiblicher Eleganz. Der Kutscher lockerte die Zügel, das Pferd streifte ungestüm den Prellstein, und alles verschwand.

Frédéric ging zu Fuß die Boulevards entlang zurück. Er bedauerte, Madame Dambreuse nicht gesehen zu haben.

Etwas hinter der Rue Montmartre veranlaßte ihn eine Wagenstockung, den Kopf zu wenden, und an der andern Seite, gegenüber, las er auf einer Marmorplatte:

Jacques Arnoux.

Warum hatte er nicht früher an sie gedacht? Das war Deslauriers' Schuld, und er ging auf den Laden zu, trat jedoch nicht ein, in der Erwartung, daß sie sich zeigen könnte.

Durch die hohen, durchsichtigen Spiegelscheiben hatte man den Blick auf eine geschmackvolle Anordnung von Statuetten, Zeichnungen, Gravüren, Katalogen und Nummern der Kunsthandlung; und auf der Tür, in der Mitte mit den Initialen des Herausgebers dekoriert, waren die Preise des Abonnements wiederholt. An den Wänden lehnten große Gemälde, deren Firnis glänzte, und im Hintergrund sah man zwei Truhen mit Porzellan, Bronzen und lockenden Kuriositäten beladen; eine kleine Treppe, oben durch eine Samtportiere geschlossen, trennte sie; und ein alter Meißner Kronleuchter, ein grüner Teppich auf dem Fußboden, sowie ein Tisch mit eingelegter Arbeit gaben diesem Interieur eher das Aussehen eines Salons als eines Ladens.

Frédéric gab sich den Anschein, als mustere er die Zeichnungen. Nach endlosem Zögern trat er ein.

Ein Angestellter hob die Portiere und erwiderte, daß der Chef nicht vor fünf Uhr im Magazin sein werde. Aber wenn der Auftrag sich übermitteln ließe ...

»Nein! ich werde wiederkommen.« entgegnete Frédéric freundlich.

Die folgenden Tage wurden angewandt, um eine Wohnung zu suchen; und er entschied sich für ein Zimmer in der zweiten Etage eines Hotel garni in der Rue Saint-Hyacinthe.

Mit nagelneuen Heften unter dem Arm begab er sich zur Eröffnung der Vorlesungen. Dreihundert junge Leute mit bloßen Köpfen füllten ein Amphitheater, in dem ein Greis in roter Robe mit monotoner Stimme vortrug; Federn kratzten auf dem Papier. Er fand in diesem Saal den Staubgeruch der Klasse, ein Katheder in gleicher Form, dieselbe Langeweile wieder! Vierzehn Tage lang ging er hin. Aber man war noch nicht bei Artikel drei, als er das Studium des Bürgerlichen Gesetzbuches im Stich ließ und die Vorlesungen aufgab.

Die Freuden, die er sich versprochen hatte, blieben aus; und als er sich durch ein Lesekabinett durchgearbeitet hatte, die Sammlungen im Louvre durchlaufen und verschiedene Theater besucht hatte, verfiel er völlig dem Müßiggang.

Tausend neue Dinge vermehrten seine Niedergeschlagenheit. Er mußte seine Wäsche zählen und den Hausmeister, einen Grobian mit dem Gebaren eines Krankenwärters, dulden, der nach Alkohol roch und morgens mürrisch sein Bett machte. Sein Zimmer, mit einer Alabasteruhr geschmückt, mißfiel ihm. Die Zwischenwände waren dünn, er hörte die Studenten Punsch bereiten, lachen, singen.

Dieser Einsamkeit müde, suchte er einen seiner Kameraden namens Baptiste Martinon auf, und er entdeckte ihn, über seiner Prozeßordnung büffelnd, vor einem Steinkohlenfeuer, in einer kleinbürgerlichen Pension der Rue Saint-Jacques.

Ihm gegenüber saß ein Mädchen in einem Kattunkleid und stopfte Strümpfe.

Martinon war, was man einen sehr schönen Menschen nennt: groß, voll, mit regelmäßigen Gesichtszügen und bläulichen, schöngeschnittenen Augen. Sein Vater, ein tüchtiger Landwirt, hatte ihn zum Richterstand bestimmt, – und da er schon gesetzt erscheinen wollte, trug er einen Vollbart.

Da Frédérics Verdruß seinen vernünftigen Grund hatte und ein Unglück ihm ausgeschlossen schien, begriff Martinon seine beständige Unzufriedenheit nicht. Er selbst ging täglich zur Universität, machte daraus seinen Spaziergang im Luxembourg, ging abends in ein kleines Café und fühlte sich mit fünfzehnhundert Francs jährlich und der Liebe dieses Mädchens vollkommen glücklich.

»Welch ein Glück!« dachte Frédéric bei sich.

Er hatte auf der Universität eine andere Bekanntschaft gemacht, Monsieur de Cisy, Sohn einer vornehmen Familie und in seinen Manieren anmutig wie ein Mädchen.

Monsieur de Cisy beschäftigte sich mit Zeichnen, namentlich liebte er Gothik. Mehrmals gingen sie zusammen die Heilige Kapelle und Notre-Dame bewundern. Aber die Vornehmheit des jungen Patriziers barg eine höchst dürftige Intelligenz. Alles versetzte ihn in Erstaunen; er lachte laut über den geringsten Scherz und zeigte anfangs eine so vollkommen naive Unschuld, daß Frédéric ihn zuerst für einen Spaßvogel hielt, ihn schließlich aber als Dummkopf betrachtete.

Ein Gedankenaustausch war also mit niemand möglich, und er erwartete immer noch die Einladung der Dambreuse.

Am Neujahrstag sandte er ihnen Visitenkarten, er aber erhielt keine.

Er war nochmals in der Kunsthandlung gewesen.

Er ging ein drittes Mal hin und sah endlich Arnoux, der inmitten von fünf oder sechs Personen disputierte und seinen Gruß kaum erwiderte; das verletzte Frédéric. Doch überlegte er darum nicht weniger, wie er zu ihr gelangen könnte.

Anfangs hatte er die Idee, oft vorzusprechen, um nach Bildern zu fragen. Dann dachte er daran, einige sehr kräftige Artikel in der Zeitung anzubringen, wodurch Beziehungen angeknüpft werden könnten. Vielleicht war es das beste, gerade auf sein Ziel loszugehen und ihr seine Liebe zu erklären. Er verfaßte also einen Brief von zwölf Seiten voll lyrischer Empfindungen und Apostrophen, aber er zerriß ihn, und – in der Furcht vor Mißerfolg tat er nichts und versuchte nichts.

Über dem Laden Arnoux' befanden sich in der ersten Etage drei Fenster, die jeden Abend erleuchtet waren. Schatten bewegten sich dahinter, besonders einer, das mußte der ihre sein – und er scheute die Mühe nicht, von weit her zu kommen, um diese Fenster zu sehen und diesen Schatten zu betrachten.

Eine Negerin mit einem kleinen Mädchen an der Hand, die in den Tuilerien an ihm vorüberging, erinnerte ihn an die Negerin von Madame Arnoux. Sie mußte wie die andern hierher kommen; jedesmal, wenn er die Tuilerien durchschritt, klopfte sein Herz in der Hoffnung, ihr zu begegnen. An sonnigen Tagen setzte er seinen Spaziergang bis zu den Champs-Elysées fort.

Nachlässig in Kaleschen sitzend, fuhren Damen, deren Schleier im Winde wehten, unter dem festen Tritt ihrer Pferde mit unmerklichem Schwanken, das das lackierte Leder knirschen machte, dicht an ihm vorüber. Die Wagen wurden zahlreicher, und beim Ausgang des Rond-Point langsamer werdend, nahmen sie die ganze Straße ein. Mähne stand dicht an Mähne, Laterne dicht an Laterne; die stählernen Steigbügel, die silbernen Kinnketten, die Kupferschnallen waren hier und dort leuchtende Punkte inmitten der kurzen Hosen, der weißen Handschuhe und dem auf das Wappen der Wagenschläge herabfallenden Pelzwerk. Er fühlte sich wie verloren in einer fernen Welt. Seine Augen irrten über die Frauenköpfe, und vage Ähnlichkeiten brachten ihm Madame Arnoux in Erinnerung. Er stellte sie sich mitten unter den andern vor, in einem dieser kleinen Coupés wie dem von Madame Dambreuse. – Aber die Sonne sank und der kalte Wind wirbelte den Staub empor. Die Kutscher versenkten das Kinn in ihre Krawatten, die Räder fingen an, sich schneller zu drehen, das Pflaster aus zerstobenem Granit knirschte, und alte Wagen fuhren in schnellem Trabe die lange Avenue hinunter, einander streifend, überholend, ausweichend, um sich dann auf der Place de la Concorde zu zerstreuen. Hinter den Tuilerien nahm der Himmel die Färbung des Schiefers an. Die Bäume des Gartens bildeten zwei enorme, in den Wipfeln veilchenblaue Massen. Die Gaslaternen wurden angezündet und das grünliche Wasser der Seine brach sich an den Brückenpfeilern in Silberwellenlinien.

Er speiste für dreiundvierzig Sous im Abonnement in einem Restaurant in der Rue de la Harpe.

Er betrachtete mit Verachtung das alte Mahagony-Büffet, die fleckigen Tischtücher, das unsaubere Silberzeug und die an der Wand hängenden Hüte. Alle um ihn her waren Studenten wie er. Sie unterhielten sich über ihre Professoren, ihre Geliebten. Was kümmerten ihn die Professoren! Hatte er eine Geliebte? Um ihrer Fröhlichkeit auszuweichen, kam er so spät wie möglich. Speisereste bedeckten alle Tische. Die beiden ermüdeten Kellner schliefen in den Ecken, und der Geruch von Küche, Lampen und Tabak erfüllte den leeren Saal.

Dann ging er langsam wieder die Straße hinauf. Die Laternen schaukelten und ließen auf dem Schmutz lange gelbliche Reflexe zittern. Schatten unter Regenschirmen glitten am Rande des Trottoirs hin. Das Pflaster war schlüpfrig, der Nebel fiel, und ihm war, als senkte die feuchte Dunkelheit sich tief in sein Herz hinab.

Gewissensbisse erfaßten ihn. Er kehrte zu den Vorlesungen zurück. Doch da er nichts von den vorgetragenen Materien wußte, brachten ihn die einfachsten Dinge in Verlegenheit.

Er fing an, einen Roman zu schreiben, mit dem Titel: »Sylvio, der Sohn des Fischers«. Die Geschichte spielte in Venedig. Der Held war er selber, die Heldin Madame Arnoux. Sie hieß Antonia – und um sie zu besitzen, tötete er mehrere Edelleute, brannte einen Teil der Stadt nieder und sang unter ihrem Balkon, wo die roten Damastvorhänge sich wie am Boulevard Montmartre im Winde bewegten. Allein die allzu zahlreichen Reminiszenzen, bei denen er sich ertappte, entmutigten ihn; er gab es auf, und seine Trägheit steigerte sich noch.

Nun bat er Deslauriers, sein Zimmer mit ihm zu teilen. Sie würden sich einrichten, mit seinen zweitausend Francs zu leben; alles sei besser als diese unerträgliche Existenz. Deslauriers konnte Troyes noch nicht verlassen. Er schlug ihm vor, sich zu zerstreuen, Sénécal zu besuchen.

Sénécal war ein Hilfslehrer der Mathematik, ein Mensch von starkem Geist und republikanischen Überzeugungen, ein zukünftiger Saint-Just, wie der Schreiber sagte, Frédéric hatte dreimal seine fünf Stockwerke erstiegen, ohne danach einen Besuch zu erhalten. Er ging nicht wieder hin. Er wollte sich amüsieren. Er ging auf die Opernbälle. Die lärmende Fröhlichkeit stieß ihn schon beim Eintritt ab. Überdies hielt ihn die Furcht vor pekuniären Verlegenheiten zurück, denn er stellte sich ein Souper mit einem Domino als ein sehr kostspieliges Abenteuer vor.

Trotzdem glaubte er, daß er geliebt werden würde. Zuweilen erwachte er mit einem Herzen voll Hoffnung, kleidete sich sorgfältig wie zu einem Rendezvous an und machte endlose Streifzüge durch Paris. Bei jeder Frau, die vor ihm ging oder ihm entgegenkam, sagte er sich: »Das ist sie!« Es war jedesmal eine neue Enttäuschung. Der Gedanke an Madame Arnoux verstärkte seine Begierde. Vielleicht begegnete er ihr auf seinem Wege; und er erdachte, um sie anzusprechen, zufällige Schwierigkeiten, außerordentliche Gefahren, aus denen er sie retten würde.

So gingen die Tage in der Wiederholung derselben Verdrießlichkeiten und angenommenen Gewohnheiten hin. Er durchblätterte die Broschüren unter den Arcaden des Odéon, ging ins Café, die Revue des Deux Mondes zu lesen, trat in einen Saal des Collège de France und hörte eine Stunde lang Chinesisch oder Staatsökonomie. In all diesen Wochen schrieb er ausführlich an Deslauriers, speiste zuweilen mit Martinon und besuchte mitunter Monsieur de Cisy.

Er mietete ein Piano und komponierte deutsche Walzer.

Eines Abends bemerkte er im Theater des Palais-Royal Arnoux neben einer Frau in einer Proszeniumloge. War sie es? Die grüne Taffet-Gardine am Rande der Loge verdeckte ihr Gesicht. Endlich ging der Vorhang auf, die Gardine wurde zurückgeschoben. Es war eine große, verblühte Person von etwa dreißig Jahren, deren volle Lippen beim Lachen prachtvolle Zähne enthüllten. Sie sprach vertraulich mit Arnoux und schlug ihm mit dem Fächer auf die Finger. Später saß ein junges, blondes Mädchen zwischen ihnen, dessen Lider etwas gerötet waren, als hätte es eben geweint. Arnoux blieb von da ab halb über ihre Schulter geneigt und redete auf sie ein, was das Mädchen anhörte, ohne zu antworten.

Frédéric zerbrach sich den Kopf, um den Stand dieser Frauen in bescheidenen dunkeln Kleidern und glatten Umlegekragen zu erraten.

Am Schluß des Schauspiels stürzte er in die Couloirs, die voll von Menschen waren. Vor ihm schritt Arnoux Stufe um Stufe die Treppe hinab, an jedem Arme eine der Frauen.

Plötzlich fiel das Licht einer Gasflamme auf ihn. Er trug Krepp an seinem Hut. War sie vielleicht gestorben? Dieser Gedanke peinigte Frédéric so sehr, daß er am nächsten Morgen in die Kunsthandlung eilte, und indem er schnell eine der Gravuren kaufte, die vor der Uhr ausgelegt waren, fragte er den Verkäufer, wie es Monsieur Arnoux ginge.

Der Mann erwiderte:

»Aber sehr gut!«

Frédéric fügte erbleichend hinzu:

»Und Madame?«

»Madame ebenfalls.«

Frédéric vergaß, seine Gravüre mitzunehmen.

Der Winter ging zu Ende. Im Frühjahr war er weniger schwermütig, begann sich zum Examen vorzubereiten und nachdem er es mittelmäßig bestanden hatte, reiste er nach Nogent.

Er besuchte seinen Freund in Troyes nicht, um den Bemerkungen seiner Mutter auszuweichen. Dann, nach seiner Rückkehr verließ er seine Wohnung und nahm auf dem Quai Napoleon zwei Zimmer, die er möblierte. Die Hoffnung, von Dambreuse eine Einladung zu erhalten, hatte er aufgegeben; seine große Leidenschaft für Madame Arnoux begann zu erlöschen.


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