Autorenseite

 << zurück weiter >> 

4

Als Deslauriers sich vorstellte, dachte Monsieur Dambreuse daran, die große Kohlen-Affäre wieder aufzunehmen. Aber die Fusion aller Gesellschaften in eine einzige war ungern gesehen: man schrie über Monopole, als ob zu einem derartigen Betrieb nicht ungeheure Kapitalien notwendig wären!

Deslauriers, der eigens dazu die Arbeit von Gobet und die Artikel Monsieur Chappes im »Journal des Mines« gelesen hatte, kannte die Frage vollkommen. Er wies nach, daß das Gesetz von 1810 im Interesse der Konzessionierten ein unumstößliches Recht geschaffen hatte. Zudem könne man dem Unternehmen einen demokratischen Anstrich geben: den Kohlenring verhindern, hieße ein Attentat gegen das Prinzip der Association selber.

Monsieur Dambreuse vertraute ihm Notizen an, um einen Bericht abzufassen. Über die Art der Bezahlung seiner Arbeit machte er Versprechungen, die umso günstiger schienen, als nichts Genaues bestimmt wurde.

Deslauriers kam von dort zu Frédéric zurück und berichtete ihm über die Unterredung. Übrigens hatte er unten an der Treppe Madame Dambreuse gesehen, als sie ausging.

»Ich mache dir mein Kompliment, Donnerwetter!«

Dann sprachen sie von der Wahl. Es mußte etwas ausgeheckt werden.

Drei Tage später erschien Deslauriers mit einem Schriftstück, das für die Zeitungen bestimmt war und einen vertraulichen Brief enthielt, in dem Monsieur Dambreuse die Kandidatur ihres Freundes billigte. Von einem Konservativen unterstützt und einem Roten empfohlen, mußte es gelingen. Wie kam es aber, daß der Kapitalist eine solche Arbeit unterzeichnete? Der Advokat hatte sie ohne das geringste Bedenken aus eignem Antriebe Madame Dambreuse gezeigt, die sie sehr gut fand und das Weitere übernommen hatte.

Dieser Schritt überraschte Frédéric, aber er billigte ihn; dann, da Deslauriers mit Monsieur Roque verbandeln wollte, erzählte er ihm von seiner Lage Louise gegenüber.

»Sage ihnen alles, was du willst, daß meine Angelegenheiten in Verwirrung sind, daß ich sie ordnen müsse;, sie ist jung genug, um zu warten!«

Deslauriers reiste ab, und Frédéric hielt sich für etwas ganz Besonderes. Er empfand eine Befriedigung, eine tiefe Genugtuung. Seine Freude, eine reiche Frau zu besitzen, wurde durch keinen Kontrast getrübt, sein Gefühl stand im Einklang mit der Umgebung. Sein Leben war jetzt voll Harmonie.

Das Köstlichste war vielleicht, Madame Dambreuse in ihrem Salon im Verkehr mit andern zu betrachten. Bei der Förmlichkeit ihres Auftretens konnte er von anderen Situationen träumen; während sie in kühlem Tone plauderte, erinnerte er sich ihrer gestammelten Liebesworte; die allgemeine Hochachtung vor ihrer Tugend genoß er wie eine Huldigung, die ihm galt, und zuweilen wandelte ihn die Lust an, zu rufen: »Aber ich kenne sie besser als ihr! Sie ist mein!«

Ihr Verhältnis galt bald als eine abgemachte Tatsache. Madame Dambreuse schleifte Frédéric während des ganzen Winters in Gesellschaften mit.

Er traf meist vor ihr ein; und er sah sie eintreten mit nackten Armen, den Fächer in der Hand und Perlen im Haar. Sie blieb auf der Schwelle stehen (die Türeinfassung umgab sie wie ein Rahmen), und machte blinzelnd eine unschlüssige Bewegung, um zu entdecken, ob er da war. Sie nahm ihn in ihren Wagen mit, der Regen peitschte gegen die Scheiben, Passanten glitten wie Schatten in der Nässe vorüber, und aneinandergepreßt sahen sie all das undeutlich, mit stiller Geringschätzung. Unter verschiedenen Vorwänden blieb er noch eine gute Stunde in ihrem Zimmer.

Es war hauptsächlich Langeweile gewesen, die sie bestimmt hatte, nachzugeben. Aber dieser letzte Versuch sollte nicht umsonst sein. Sie wollte die große Liebe und begann ihn mit Schmeicheleien und Zärtlichkeiten zu überhäufen.

Sie schickte ihm Blumen, stickte ihm einen Stuhl, sie schenkte ihm eine Zigarrentasche, ein Schreibzeug, tausend kleine Dinge zum täglichen Gebrauch, so daß er nichts vornehmen konnte, ohne an sie erinnert zu werden. Diese Aufmerksamkeiten entzückten ihn anfangs und erschienen ihm bald ganz natürlich.

Sie stieg in eine Droschke, schickte sie am Eingang einer Passage fort und ging am andern Ende wieder hinaus; dann glitt sie, mit einem Doppelschleier vor dem Gesicht, die Hauswände entlang und erreichte die Straße, wo Frédéric aufpaßte und ihren Arm nahm, um sie in seine Wohnung zu führen. Seine beiden Diener waren aus, der Hausmeister machte Gänge; sie sah sich um, nichts war zu befürchten! Und sie stieß einen Seufzer aus wie ein Verbannter, der sein Vaterland wiedersieht. Das Glück machte sie kühner. Ihre Zusammenkünfte wurden häufiger. Eines Abends erschien sie sogar plötzlich in großer Balltoilette. Diese Überraschungen konnten gefährlich sein, er tadelte ihre Unvorsichtigkeit, sie mißfiel ihm außerdem. Ihre ausgeschnittene Toilette enthüllte ihre magere Brust zu sehr.

Er erkannte nun, was er sich bisher nicht hatte eingestehen wollen, die Enttäuschung seiner Sinne. Er war darum nicht weniger bereit, starke Begierde zu heucheln, doch um sie zu empfinden, mußte er das Bild Rosanettes oder Madame Arnoux' heraufbeschwören.

Die Armseligkeit dieser Neigung hielt ihm den Kopf völlig frei, und mehr denn je trachtete er nach einer hohen Stellung. Da sie ihm nun diese Stütze bot, war es wohl das natürlichste, sich ihrer zu bedienen.

Gegen Mitte Januar trat Sénécal eines Morgens in sein Kabinett, und auf seinen überraschten Ausruf erwiderte er, daß er Deslauriers' Sekretär sei. Er brachte ihm sogar einen Brief. Dieser enthielt gute Nachrichten, aber auch einen Tadel wegen seiner Nachlässigkeit; er müsse sofort hinkommen.

Der künftige Abgeordnete sagte, daß er übermorgen abreisen werde.

Sénécal äußerte keine Ansicht über diese Kandidatur. Er sprach von sich selbst, von den allgemeinen Zuständen.

So jämmerlich sie waren, er freute sich darüber, denn man steuere dem Kommunismus zu. Erstens führten die Behörden uns selbst dahin, und dann kämen täglich mehr Dinge dazu, die von der Regierung verwaltet würden. Und das Eigentum hatte die Konstitution von 48 trotz ihrer Schwächen nicht bedroht; im Namen des öffentlichen Wohles konnte der Staat hinfort nehmen, was ihm gut dünkte. Sénécal erklärte sich für die Autorität, und Frédéric merkte in diesen Reden die Übertreibung seiner eigenen Worte Deslauriers gegenüber. Der Republikaner wetterte selbst gegen die Unzulänglichkeit der Massen.

Robespierre führte, indem er das Recht einer Minderheit verteidigte, Ludwig XVI. vor den Konvent und rettete das Volk. Der Ausgang der Dinge macht sie rechtskräftig. Die Diktatur ist zuweilen unerläßlich. Es lebe die Tyrannei, vorausgesetzt, daß der Tyrann das Gute will.

Ihre Diskussion währte lange, und als er ging, gestand Sénécal (dies war vielleicht der Zweck des Besuches), daß Deslauriers wegen des Schweigens von Monsieur Dambreuse sehr beunruhigt sei.

Aber Monsieur Dambreuse war krank. Frédéric sah ihn alle Tage, da er als Intimer zu ihm vorgelassen wurde.

Die Absetzung des Generals Changarnier hatte den Kapitalisten außerordentlich erregt. Er bekam am selben Abend einen Fieberanfall und Beklemmungen, so daß er nicht zu liegen vermochte. Blutegel führten eine augenblickliche Erleichterung herbei. Der trockne Husten schwand, der Atem wurde ruhiger, und acht Tage später sagte er, als er eine Bouillon schlürfte:

»Ah! es geht besser! Aber ich hätte beinahe die große Reise gemacht!«

»Nicht ohne mich!« rief Madame Dambreuse, um mit diesem Wort anzudeuten, daß sie ihn nicht überleben wolle. Anstatt zu antworten, schaute er sie und ihren Liebhaber mit einem eigenen Lächeln an, in dem Resignation, Nachsicht, Ironie und zugleich ein Anflug von Heiterkeit, etwas wie ein Hintergedanke lag.

Frédéric wollte nach Nogent abreisen, Madame Dambreuse widersetzte sich; und er packte seine Sachen je nach dem Wechsel der Krankheit aus und ein.

Plötzlich spie Monsieur Dambreuse übermäßig viel Blut. Die »Spitzen der Wissenschaft«, die zugezogen wurden, sahen nichts Neues darin. Seine Beine schwollen an, und die Schwäche nahm zu. Er hatte mehrmals den Wunsch geäußert, Cécile zu sehen, die mit ihrem Mann, der seit einem Monat zum Steuereinnehmer ernannt war, am andern Ende von Frankreich lebte. Er ordnete ausdrücklich an, sie kommen zu lassen. Madame Dambreuse schrieb drei Briefe und zeigte sie ihm.

Selbst der frommen Schwester vertraute sie ihn nicht an und verließ ihn nicht eine Sekunde; sie legte sich gar nicht mehr hin. Alle, die sich beim Hausmeister einschrieben, erkundigten sich voll Bewunderung nach ihr, und die Vorübergehenden waren beim Anblick der Menge Strohs, das unter den Fenstern auf der Straße lag, von Ehrfurcht ergriffen.

Am 12. Februar um fünf Uhr befiel ihn ein furchtbarer Bluthusten. Der Arzt erklärte ihn für gefährlich. Man eilte schnell zu einem Priester.

Während der Beichte von Monsieur Dambreuse betrachtete seine Frau ihn neugierig von fern. Danach legte der junge Arzt ein Zugpflaster auf und wartete.

Das Lampenlicht, das durch die Möbel verdeckt war, erhellte das Zimmer ungleichmäßig. Frédéric und Madame Dambreuse beobachteten am Fußende des Lagers den Totkranken. In der Fensternische sprachen der Arzt und der Priester leise miteinander; die Schwester lag auf den Knien und murmelte Gebete.

Endlich vernahm man ein Röcheln. Die Hände erkalteten, das Gesicht begann bleich zu werden. Zuweilen holte er plötzlich tief Atem; es kam seltener und seltener, zwei, drei wirre Worte entschlüpften ihm, er hauchte einen leisen Seufzer aus, verdrehte gleichzeitig die Augen, und der Kopf fiel seitwärts auf das Kissen zurück.

Alle blieben eine Minute lang regungslos.

Madame Dambreuse näherte sich, und ohne Überwindung, mit der Selbstverständlichkeit einer Pflicht, drückte sie ihm die Augen zu.

Dann breitete sie die Arme aus, wand sich wie im Krampf verhaltener Verzweiflung und verließ, auf den Arzt und die Nonne gestützt, das Gemach. Eine Viertelstunde später ging Frédéric in ihr Zimmer hinauf.

Man atmete hier einen undefinierbaren Duft, den Duft der zarten Dinge, die es erfüllten. Auf dem Bett lag ausgebreitet ein schwarzes Kleid und hob sich scharf von der rosa Bettdecke ab.

Madame Dambreuse stand an der Ecke des Kamins. Ohne heftige Trauer bei ihr zu vermuten, glaubte er sie doch ein wenig betrübt, und fragte mit wehmütiger Stimme:

»Du leidest?«

»Ich? Nein, durchaus nicht!«

Als sie sich umwandte, bemerkte sie das Kleid und prüfte es; dann bat sie ihn, sich nicht zu genieren:

»Rauche, wenn du willst! Du bist hier bei mir!«

Und mit einem tiefen Seufzer fügte sie hinzu:

»Ah! Heilige Jungfrau! Welche Erlösung!«

Frédéric überraschte dieser Ausruf. Er küßte ihr die Hand und erwiderte:

»Wir waren doch immer frei!«

Die Anspielung auf die Ungezwungenheit ihrer Liebe schien Madame Dambreuse zu verletzen.

»Ach, du weißt nicht, was ich für ihn getan und in welchen Ängsten ich gelebt habe!«

»Wie?«

»Jawohl! War das eine Sicherheit, stets den Bastard um sich zu haben, ein Kind, das nach fünfjähriger Ehe ins Haus gebracht wurde, und das ihn ohne mich sicherlich zu irgendeiner Dummheit verleitet hätte?«

Dann setzte sie ihm ihre Verhältnisse auseinander. Sie hatten unter Ausschließung der Gütergemeinschaft geheiratet. Ihr Erbe betrug dreihunderttausend Francs. Monsieur Dambreuse hatte ihr kontraktlich für den Fall, daß sie ihn überlebte, fünfzehntausend Francs Rente und das Haus als Eigentum zugesichert. Doch kurze Zeit darauf hatte er ein Testament gemacht, in dem er ihr sein ganzes Vermögen verschrieb; und sie schätzte es, soweit es sich jetzt beurteilen ließ, auf mehr als drei Millionen.

Frédéric machte große Augen.

»Das war der Mühe wert, nicht wahr? Ich habe übrigens dazu beigesteuert. Es war mein Gut, das ich verteidigte. Cécile hätte mich ungerecht ausgebeutet.«

»Warum ist sie nicht gekommen, ihren Vater zu sehen?« sagte Frédéric.

Bei dieser Frage sah Madame Dambreuse ihn prüfend an, dann sagte sie in trockenem Ton:

»Ich weiß es nicht! Mangel an Herz, augenscheinlich! O! ich kenne sie! Sie soll von mir aber auch keinen Heller haben!«

»Sie störte doch kaum, wenigstens seit ihrer Heirat.«

»Ach! ihre Heirat!« sagte Madame Dambreuse mit höhnischem Lächeln.

Und sie ärgerte sich, daß sie diese Person, die eifersüchtig, eigennützig, eine Heuchlerin war, zu gut behandelt hatte. »Alles Fehler ihres Vaters!« Sie verleumdete sie immer mehr. Keiner sei so falsch, dazu so unbarmherzig und hart wie ein Kieselstein, »ein schlechter Mensch, ein schlechter Mensch«.

Selbst die klügsten Leute machen Fehler. Madame Dambreuse tat es eben durch dieses Übermaß von Haß. Frédéric, ihr gegenüber in einem Schaukelstuhl, war innerlich entrüstet.

Sie erhob sich und setzte sich sanft auf seine Knie.

»Du allein bist gut! Nur dich liebe ich!« Bei seinem Anblick wurde sie weich, eine nervöse Reaktion trieb ihr Tränen in die Augen, und sie murmelte:

»Willst du mich heiraten?«

Er glaubte zuerst nicht verstanden zu haben. Dieser Reichtum betäubte ihn. Sie wiederholte lauter:

»Willst du mich heiraten?«

Endlich sagte er lächelnd:

»Zweifelst du daran?«

Dann überkam ihn eine Scham, und um dem Verstorbenen eine Art Abbitte zu tun, erbot er sich, bei ihm zu wachen. Da er sich jedoch dieser frommen Regung schämte, fügte er ungezwungen hinzu:

»Es wäre vielleicht schicklicher!«

»Ja, vielleicht,« sagte sie, »der Dienstboten wegen!«

Man hatte das Bett vollständig aus dem Alkoven gezogen. Die Nonne stand zu Füßen, und zu Häupten der Priester, ein anderer, ein großer hagerer Mensch mit spanischen, fanatischen Zügen. Auf dem Nachttisch, der mit einer weißen Serviette bedeckt war, brannten drei Kerzen.

Frédéric nahm einen Stuhl und betrachtete den Toten.

Sein Gesicht war strohgelb, etwas blutiger Schaum an seinen Mundwinkeln. Er trug ein seidenes Tuch um den Kopf, eine Trikot-Unterjacke, und ein silbernes Kreuz lag auf der Brust, zwischen den gekreuzten Armen.

Es war zu Ende, dieses Leben voll Aufregungen!

Wieviel Gänge hatte er wohl in die Büros gemacht, wieviel Zahlen aneinander gereiht, was für Geschäfte abgeschlossen und Berichte angehört! Wieviel Redensarten, Lächeln, Bücklinge! Denn er hatte Napoleon zugestimmt, den Kosaken, Ludwig XVIII., 1830, den Arbeitern, jeder Regierung, er huldigte der Macht in solchem Maße, daß er noch dafür gezahlt haben würde, sich ihr zu verkaufen.

Aber er hinterließ die Domäne de la Fortelle, drei Fabriken in der Picardie, den Wald von Crancé in l'Yonne, ein Gut in der Nähe von Orléans und bewegliche Habe von beträchtlichem Wert.

Frédéric wiederholte sich noch einmal den Umfang seines Vermögens, und das sollte nun also ihm gehören! Er dachte zuerst daran, »was man sagen werde«, an ein Geschenk für seine Mutter, seine zukünftigen Gespanne, an einen alten Kutscher seiner Familie, den er zum Hausmeister machen wollte. Die Livree könnte natürlich nicht dieselbe bleiben. Er würde den großen Saal zum Arbeitszimmer nehmen. Nichts hinderte ihn, wenn er drei Wände niederreißen ließ, im zweiten Stock eine Bildergalerie einzurichten. Unten ließe sich vielleicht ein Saal zu türkischen Bädern umwandeln. Und das Büro von Monsieur Dambreuse, ein unangenehmer Raum, wozu könnte der dienen?

Der Priester, der sich schneuzte, oder die Schwester, die das Feuer schürte, unterbrachen jäh diese Phantasien. Aber die Wirklichkeit bestätigte sie; der Leichnam lag immer noch da. Seine Lider hatten sich wieder geöffnet, und die Pupillen hatten, obwohl völlig im Dunkeln, einen rätselhaften, unerträglichen Ausdruck. Frédéric glaubte darin etwas wie ein Urteil über sich zu sehen und empfand Gewissensbisse, denn er hatte sich über diesen Mann nie zu beklagen gehabt, im Gegenteil... »Ach was! ein alter Gauner!« dachte er, und er betrachtete ihn näher, um sich wieder zu vergewissern, und rief ihm in Gedanken zu:

»Nun, was? Habe ich dich etwa getötet?«

Unterdessen las der Priester sein Brevier, die Nonne schlummerte unbeweglich; die Dochte der drei Kerzen wurden länger.

Seit zwei Stunden vernahm man das dumpfe Rollen der Karren, die zur Halle fuhren. Die Scheiben wurden heller, eine Droschke kam vorüber, dann eine Herde Eselinnen, die auf dem Pflaster trabten, Hammerschläge waren zu hören, die Rufe umherziehender Händler, Trompetenstöße; alles vereinigte sich schon zu der großen Stimme des erwachenden Paris.

Frédéric besorgte nun die notwendigen Gänge. Er begab sich zuerst zur Mairie, um die Anzeige zu machen; dann, als der Arzt einen Totenschein ausgefertigt hatte, kam er zur Mairie zurück, um zu sagen, welchen Friedhof die Familie wählte, und um sich mit dem Beerdigungs-Institut zu verständigen.

Der Beamte zeigte ihm ein Verzeichnis und ein Programm, das eine gab die verschiedenen Beerdigungsklassen an, das andere alle Einzelheiten der Ausschmückung. Wünschte man einen Wagen mit Galerie oder einen Wagen mit Federbüschen, Flechten für die Pferde, Reiherbüschel für die Bedienten, Initialen oder ein Wappenschild, Trauer-Lampen, einen Mann, um die Ehrenzeichen zu tragen, und wieviele Wagen? Frédéric war freigebig; Madame Dambreuse hielt darauf, nichts zu sparen.

Dann ging er zur Kirche.

Der Vikar für Leichenbegängnisse begann damit, den Betrieb der Beerdigungs-Institute zu tadeln; so sei zum Beispiel der Beamte für die Ehrenabzeichen durchaus unnötig; viele Wachskerzen wären wünschenswerter! Sie entschieden sich für eine stille Messe mit darauffolgender Musik. Frédéric unterzeichnete, was abgemacht war, mit der solidarischen Verpflichtung, alle Kosten zu zahlen.

Er ging darauf ins Stadthaus, um über den Ankauf des Platzes zu verhandeln. Die Überlassung eines solchen von zwei Meter Länge und einem Meter Breite kostete fünfhundert Francs. Sollte es ein Vertrag auf fünfzig Jahre sein oder ein dauernder?

»O! ein dauernder!« sagte Frédéric. Er nahm die Sache ernst, gab sich viele Mühe. Im Hof des Hauses erwartete ihn der Steinmetz, um ihm Anschläge und Pläne für griechische, ägyptische, maurische Gräber zu zeigen. Aber der Architekt des Hauses hatte mit Madame bereits darüber verhandelt; und auf dem Tisch im Vestibül lagen allerlei Prospekte in bezug auf die Reinigung der Matratzen, die Desinfektion der Zimmer und verschiedene Einbalsamierungs-Verfahren.

Nach dem Mittagessen ging er wegen der Trauerkleidung der Dienerschaft wieder zum Schneider und mußte noch einen letzten Gang machen, da er wollene Handschuhe bestellt hatte, während allein solche aus Flockseide passend waren.

Als er am nächsten Tage um zehn Uhr kam, füllte der große Saal sich mit Leuten, und fast jeder sagte, indem er ihn mit trauriger Miene anredete:

»Noch vor einem Monat habe ich ihn gesehen! Mein Gott! Es ist unser aller Schicksal!«

»Ja, aber versuchen wir es möglichst hinauszuschieben!«

Dann kam ein leises Lachen der Befriedigung und es begannen Gespräche, die den Umständen völlig fernlagen. Endlich kam der Zeremonienmeister, im schwarzen Rock auf französische Art, Kniehosen, mit Mantel, Trauerbinde, Degen zur Seite und den Dreispitz unterm Arm, verneigte sich und sprach die üblichen Worte:

»Meine Herren, wenn es gefällig wäre.« Man brach auf.

Es war der Tag des Blumenmarktes auf dem Platz de la Madeleine. Das Wetter war klar und mild, und der Wind, der die Leinwandbuden ein wenig schüttelte, blähte das riesige schwarze Tuch, das am Portal befestigt war. Das Wappenschild von Monsieur Dambreuse in einem Samt-Viereck wiederholte sich dreimal. Es war auf schwarzem Grund in Gold eine geballte Faust in silbernem Handschuh, die Grafenkrone und die Devise: » Par toutes voies«.

Die Träger stiegen mit dem schweren Sarg bis oben auf die Treppe, und man trat ein.

Die sechs Kapellen, die halbkreisförmige Estrade und die Stühle waren schwarz verhangen. Der Katafalk vor dem Chor mit seinen hohen Wachskerzen glich einem Flammenherd von gelbem Licht. An den beiden Ecken brannten auf zwei Kandelabern Weingeistflammen.

Die Angesehensten nahmen am Hochaltar Platz, die übrigen im Schiff, und der Gottesdienst begann.

Mit Ausnahme von einigen war die religiöse Unwissenheit aller so groß, daß der Zeremonienmeister von Zeit zu Zeit Zeichen machen mußte, sich zu erheben, niederzuknien, sich wieder zu setzen. Die Orgel und die beiden Kontrabässe wechselten mit den Stimmen ab; in den Pausen vernahm man das Murmeln des Priesters am Altar: dann begannen Musik und Gesang von neuem.

Ein mattes Licht fiel von den drei Kuppeln herab, aber durch die offene Tür flutete ein Strom weißer Helligkeit herein, die alle die bloßen Köpfe traf; und in der Luft, in der halben Höhe des Schiffes schwebte ein Schatten, den der Reflex des Goldzierrats an den Bogen und dem Blattwerk der Kapitale aufhellte.

Um sich zu zerstreuen, hörte Frédéric dem Dies irae zu, er betrachtete die Meßdiener und versuchte die zu hoch angebrachten Malereien zu erkennen, die das Leben der Magdalena darstellten. Glücklicherweise setzte Pellerin sich neben ihn und begann sofort mit einer langen Auseinandersetzung über die Fresken. Die Glocke läutete. Man verließ die Kirche.

Der Leichenwagen, der mit herabhängenden Draperien und hohen Federbüschen geschmückt war, nahm den Weg zum Père-Lachaise; ihn zogen vier Rappen, bis zu den Hufen in große, silbergestickte Pferdedecken gehüllt, die geflochtene Mähnen und Federbüsche auf den Köpfen hatten. Der Kutscher in Reitstiefeln trug einen Dreispitz mit lang herabfallendem Krepp. Die Sargschnüre wurden von vier Personen gehalten: einem Quästor der Deputierten-Kammer, einem Mitglied des General-Rats von Aube, einem Delegierten der Kohlen-Gesellschaft – und von Fumichon als Freund. Die Kalesche des Verstorbenen und ein Dutzend Trauerwagen folgten. Das Gefolge dahinter nahm die Mitte des Boulevards ein.

Die Vorübergehenden blieben stehen, um das alles zu sehen; Frauen mit ihren kleinen Kindern auf dem Arm stiegen auf die Stühle; und Männer, die in den Cafés ihren Schoppen nahmen, zeigten sich an den Fenstern, ein Billardqueue in der Hand.

Der Weg war lang, und – wie bei feierlichen Gastmählern, wo man anfangs zurückhaltend ist und dann mitteilsam wird, – wurde die allgemeine Haltung bald ungezwungener. Man sprach nur noch von dem Gelde, das die Kammer dem Präsidenten verweigert hatte. Monsieur Piscatory hätte sich zu streng gezeigt, Montalembert war »prachtvoll« wie gewöhnlich, und die Herren Chambolle, Pidoux, Creton, kurz die ganze Kommission hätte vielleicht dem Rat der Herren Quentin-Bauchard und Dufour folgen sollen.

Diese Unterhaltungen wurden in der Rue de la Roquette fortgesetzt, die von Läden begrenzt war, in denen man nur Ketten von buntem Glas sah und schwarze, mit goldenen Buchstaben bedeckte Grabtafeln, – so daß sie Grotten voller Stalaktiten oder Fayence-Magazinen glichen. Vor dem Gitter des Friedhofs aber verstummten auf einmal alle.

Die Gräber erhoben sich mitten unter den Bäumen, mit abgebrochenen Säulen, Pyramiden, Tempeln, keltischen Steindenkmälern, Obelisken, etruskischen Grabgewölben mit erzenen Türen. Man sah in einigen eine Art Trauerkabinett mit einfachen Garten- und Klappstühlen. Spinngewebe hingen wie Fetzen an den Kettchen der Urnen, und Staub bedeckte die Buketts mit seidenen Bändern und die Kruzifixe. Überall, zwischen den Balustraden, auf den Gräbern sah man Kränze von Immortellen und Leuchter, Vasen, Blumen, schwarze Platten mit erhabenen goldenen Inschriften, Gipsstatuetten – kleine Knaben und Mädchen oder Engel, von Messingdrähten in der Luft gehalten – manche sogar mit einem Zinkdach über dem Kopf. Enorme Seile, mit Glas übersponnen, hingen in schwarz, weiß und himmelblau, gewunden wie eine Boa, von der Spitze der Grabmäler bis aus die Fliesen herab. In der Sonne funkelten sie zwischen den schwarzen Holzkreuzen; – und der Leichenwagen rollte über die breiten Wege, die gepflastert sind wie die Straßen einer Stadt. Dann und wann knarrten die Achsen. Kniende Frauen, deren Kleid im Grase nachschleppte, hielten leise Zwiesprache mit den Toten. Weißliche Rauchwolken stiegen aus dem Grün des Taxus auf. Es waren die Reste von Spenden, die man verbrannte.

Das Grab des Monsieur Dambreuse war in der Nachbarschaft von Manuel und Benjamin Constant. Der Boden senkt sich an dieser Stelle jäh als steiler Abhang. Man hat die Wipfel grüner Bäume zu seinen Füßen, weiterhin die Schlote der Dampfpumpen, dann die ganze große Stadt.

Frédéric konnte die Landschaft bewundern, während die Reden gehalten wurden.

Die erste war im Namen der Deputiertenkammer, die zweite im Namen des Generalrats Aube, die dritte im Namen der Kohlengesellschaft der Saine-et-Loire, die vierte im Namen der Ackerbaugesellschaft von Yonne; und dann kam noch eine im Namen einer philantropischen Gesellschaft. Endlich, als man fortging, begann ein Unbekannter eine sechste Rede im Namen der Gesellschaft der Antiquare von Amiens.

Und alle benutzten die Gelegenheit, um gegen den Sozialismus zu wettern, als dessen Opfer Monsieur Dambreuse gestorben war. Das Aufkommen der Anarchie und sein Eintreten für die öffentliche Ordnung hatten seine Tage verkürzt. Man rühmte seine Einsicht, seine Rechtschaffenheit, seine Großmut und selbst seine Schweigsamkeit als Repräsentant des Volkes, denn wenn er kein Redner war, besaß er dafür die soliden, tausendmal mehr vorzuziehenden Eigenschaften und so weiter ... dazu alle die üblichen Lebensarten: – »Vorzeitiges Ende, – ewiges Bedauern, – das Jenseits, – lebwohl, oder nein, auf Wiedersehn!«

Die Erde, mit Kies vermischt, fiel herab; und es sollte nun nicht mehr die Rede davon sein.

Man sprach noch ein wenig von ihm, als man den Kirchhof verließ, und genierte sich nicht, seine Meinung zu sagen. Hussonnet, der in den Zeitungen über dieses Leichenbegängnis berichten sollte, machte sich lustig über alle Reden; – denn schließlich war der gute Dambreuse doch einer der hervorragendsten »Schlauberger« der letzten Regierung. Dann brachten die Trauerwagen die Männer wieder zu ihren Geschäften zurück. Die Feier hatte nicht lange gewährt, und man empfand es wohltuend.

Ermüdet kehrte Frédéric nach Haus zurück.

Als er sich am nächsten Tage im Hause Dambreuse einstellte, teilte man ihm mit, daß Madame unten im Büro arbeite. Die Kartons lagen bunt durcheinander, die Schubfächer waren aufgezogen, Rechnungsbücher nach rechts und links umhergeworfen; eine Papierrolle mit der Aufschrift: »Aussichtslose Rückstände« schleifte am Boden; er wäre fast darüber gefallen und nahm sie auf. Madame Dambreuse verschwand, begraben in dem großen Lehnstuhl.

»Nun? Wo sind Sie denn? Was gibt's?«

Sie erhob sich mit einem Satz.

»Was es gibt? Ich bin ruiniert, ruiniert! hörst du?«

Monsieur Adolphe Langlois, der Notar, hatte sie in sein Büro kommen lassen und ihr ein Testament vorgelegt, das ihr Mann vor ihrer Heirat gemacht hatte. Er vermachte alles Cécile; und das andere Testament war verloren. Frédéric erbleichte. Sicherlich hatte sie schlecht gesucht?

»Aber so sieh dich doch um!« sagte Madame Dambreuse und wies auf den Raum.

Die beiden Geldschränke standen offen, ganz durchwühlt, und sie hatte die Pulte umgeklappt, die Wandschränke durchsucht, die Binsenmatten ausgeschüttelt, als sie sich plötzlich mit lautem Schrei in eine Ecke stürzte, wo sie eben einen kleinen Kasten mit einem Kupferschluß entdeckt hatte; sie öffnete ihn: nichts!

»Der Elende! Und ich habe ihn mit soviel Hingabe gepflegt!«

Dann brach sie in Schluchzen aus.

»Vielleicht ist es irgendwo anders?« sagte Frédéric.

»Ach nein! Es war hier in diesem Geldschrank. Ich habe es noch vor kurzem gesehen. Es ist verbrannt! das ist sicher!«

Eines Tages, zu Beginn seiner Krankheit, war Monsieur Dambreuse hinuntergegangen, um einiges zu unterschreiben.

»Da muß er den Streich gemacht haben!«

Sie sank vernichtet auf einen Stuhl. Eine trauernde Mutter konnte an einer leeren Wiege nicht verzweifelter wehklagen, als Madame Dambreuse vor den gähnenden Geldschränken. Ihr Schmerz schien trotz der Niedrigkeit des Motivs so tief, daß Frédéric versuchte, sie damit zu trösten, daß sie doch nicht dem Elend preisgegeben sei.

»Es ist Elend, da ich dir kein großes Vermögen anbieten kann!«

Sie hatte nur dreißigtausend Francs Rente, ohne das Haus zu rechnen, das etwa achtzehn- bis zwanzigtausend einbrachte.

Obwohl dies für Frédéric Überfluß bedeutete, empfand er dennoch eine Enttäuschung. Dahin waren seine Träume und das vornehme Leben, das er hätte führen können! Die Ehre zwang ihn, Madame Dambreuse zu heiraten. Er überlegte eine Minute, dann sagte er mit zärtlicher Miene:

»Ich habe doch immer dich!«

Sie warf sich in seine Arme; und er drückte sie mit einer Rührung an die Brust, in der ein wenig Bewunderung für sich selbst lag. Madame Dambreuse, deren Tränen versiegt waren, hob strahlend vor Glück das Gesicht und faßte seine Hand.

»O! ich habe nie an dir gezweifelt! Ich rechnete darauf!«

Diese vorweggenommene Gewißheit über sein Benehmen, das er als besondere Großmut empfand, mißfiel dem jungen Mann.

Dann führte sie ihn in ihr Zimmer, und sie machten Pläne. Frédéric müßte jetzt daran denken, sich vorwärts zu bringen. Sie gab ihm für seine Kandidatur sogar vorzügliche Ratschläge.

Der erste Punkt sei, zwei oder drei Phrasen über Volkswirtschaft zu wissen. Er müsse eine Spezialität wählen, die Gestüte zum Beispiel, mehrere Denkschriften über eine Frage von lokalem Interesse verfassen, immer Postbüros und Tabakläden zu seiner Verfügung haben und vor allem kleine Gefälligkeiten erweisen. Monsieur Dambreuse sei darin ein wahres Muster gewesen. So hatte er einmal auf dem Lande seinen Char-à-bancs voller Freude vor einem Schusterladen halten lassen, hatte für seine Gäste ein Dutzend Schuhe gekauft und für sich schreckliche Stiefel, – hatte selbst den Heroismus, sie vierzehn Tage lang zu tragen. Diese Anekdote erheiterte sie. Und in erneuter jugendlicher Anmut und Laune erzählte sie noch andere.

Sie billigte seine Absicht, unmittelbar nach Nogent zu reisen. Ihr Abschied war zärtlich; auf der Schwelle flüsterte sie nochmals:

»Du liebst mich, nicht wahr?«

»Ewig!« erwiderte er.

Ein Bote erwartete ihn mit der in Bleistift geschriebenen Nachricht, daß Rosanette ihre Entbindung erwarte. Er war seit mehreren Tagen so beschäftigt gewesen, daß er daran nicht mehr gedacht hatte. Sie hatte sich in eine Spezialanstalt in Chaillot begeben.

Er nahm eine Droschke und fuhr hin.

An der Ecke der Rue de Marboeuf las er auf einer Planke in großen Buchstaben: – »Privat-Heil- und Entbindungsanstalt, geleitet von Madame Alessandri, Hebamme erster Klasse, frühere Elevin der Maternité, Verfasserin mehrerer Arbeiten« und so weiter. Dann in der Mitte der Straße an der Tür, einer kleinen, niedrigen Tür, wiederholte sich auf dem Schild (ohne das Wort Entbindung): »Heilanstalt von Madame Alessandri,« mit all ihren Titeln.

Frédéric ließ den Klopfer fallen.

Ein Stubenmädchen mit der Haltung einer Soubrette führte ihn in den Salon, der mit einem Mahagonitisch, roten Plüschsesseln und einer Standuhr unter einer Glasglocke ausgestattet war.

Fast unmittelbar darauf erschien Madame Alessandri. Sie war eine große Brünette von vierzig Jahren mit zierlicher Taille und schönen Augen, voll Lebensart. Sie meldete Frédéric die glückliche Entbindung der Mutter und ließ ihn in ihr Zimmer hinauf.

Rosanette lächelte glückselig; und wie versunken in der Flut der Liebe, die sie überwältigte, sagte sie mit leiser Stimme:

»Ein Knabe, da, da!« und wies auf eine Wiege neben ihrem Bett.

Er zog die Vorhänge zur Seite und sah mitten in dem Weißzeug etwas Gelblich-Rotes, außerordentlich Verschrumpftes, das schlecht roch und schrie.

»Küsse ihn!«

Er erwiderte, um seinen Widerwillen zu verbergen:

»Aber ich fürchte, ihm weh zu tun!«

»Nein! nein!«

Da küßte er mit spitzen Lippen sein Kind.

»Wie er dir gleicht!«

Und mit ihren beiden Armen hing sie sich in überfließendem Gefühl, wie er es nie gesehen, an seinen Hals.

Die Erinnerung an Madame Dambreuse kam über ihn. Und er warf es sich wie eine Ungeheuerlichkeit vor, dieses arme Wesen zu verraten, das offenbar in der ganzen Freimütigkeit seiner Natur liebte und litt. Während mehrerer Tage leistete er ihr bis zum Abend Gesellschaft.

Sie fühlte sich glücklich in diesem verschwiegenen Hause; die Läden nach der Straße blieben beständig geschlossen; ihr Zimmer, in hellem Blau gehalten, ging nach einem großen Garten. Madame Alessandri, deren einziger Fehler es war, daß sie die berühmtesten Ärzte als ihre intimen Freunde bezeichnete, umgab sie mit Aufmerksamkeiten; ihre Gefährtinnen, fast alles junge Mädchen aus der Provinz, langweilten sich sehr, da sie niemand besuchte; Rosanette merkte, daß man sie beneidete, und sagte es Frédéric mit Stolz. Allein man mußte leise sprechen; die Zwischenwände waren dünn, und alle standen auf der Lauer, trotz des ununterbrochenen Geräusches der Klaviere.

Er wollte endlich nach Nogent abreisen, als er einen Brief von Deslauriers erhielt. Zwei neue Kandidaten hätten sich vorgestellt, einer konservativ, der andere rot; ein dritter, wer es auch sein mochte, hatte keine Aussichten. Es wäre Frédérics Schuld; er habe den günstigen Augenblick vorübergehen lassen, hätte früher kommen, sich rühren müssen. »Man hat dich nicht einmal im landwirtschaftlichen Verein gesehen!« Der Advokat tadelte ihn, weil er keine Beziehungen zu den Zeitungen hatte. »Ach! wenn du früher meinem Rat gefolgt wärst! Wenn wir ein eigenes Blatt für uns gehabt hätten!« Dabei blieb er.

Übrigens würden viele Leute, die aus Rücksicht auf Monsieur Dambreuse für ihn gestimmt hätten, ihn jetzt im Stich lassen. Deslauriers gehörte selbst zu diesen. Da er von dem Kapitalisten nichts mehr zu erwarten hatte, ließ er seinen Schützling fallen.

Frédéric brachte Madame Dambreuse diesen Brief.

»Du bist also nicht in Nogent gewesen?« sagte sie.

»Warum?«

»Weil ich Deslauriers vor drei Tagen gesprochen habe.«

Da der Advokat von dem Tode ihres Gatten wußte, war er gekommen, um Berichte über die Kohlengesellschaft zu bringen und ihr als Geschäftsmann seine Dienste anzubieten.

Das erschien Frédéric seltsam, und was tat sein Freund wohl dort?

Madame Dambreuse wollte wissen, wie er seine Zeit seit ihrer Trennung verbracht hatte.

»Ich war krank,« erwiderte er.

»Du hättest mich wenigstens benachrichtigen können.«

»O! es war nicht der Mühe wert!« Außerdem habe er eine Menge Störungen, Zusammenkünfte gehabt.

Er führte von nun an eine doppelte Existenz, schlief gewissenhaft bei Rosanette und verbrachte die Nachmittage bei Madame Dambreuse, so daß ihm am Tage kaum eine freie Stunde blieb.

Das Kind war auf dem Lande, in Andilly. Sie besuchten es jede Woche. Das Haus der Amme lag oben im Dorf, in einem kleinen Hof, dunkel wie ein Brunnen, mit Stroh auf der Erde, Hühnern, die umherliefen, und einer Karre mit Gemüse unter dem Schuppen. Rosanette küßte ihr Püppchen ungestüm, sobald sie kam; und von einer Art Fieber ergriffen, ging sie hin und her, versuchte die Ziege zu melken, aß grobes Brot, atmete den Geruch des Düngers ein, wollte sogar ein wenig davon in ihr Taschentuch tun.

Dann machten sie weite Spaziergänge, sie ging zu den Gärtnern hin, riß Fliederzweige ab, die außen an der Mauer hingen, rief den Zugeseln vor den Karren »Hü, Eselchen!« zu und blieb stehen, um durch ein Gitter das Innere der schönen Gärten zu betrachten; oder auch die Amme nahm wohl das Kind, legte es in den Schatten unter einen Nußbaum, und die beiden Frauen trieben stundenlang unerträgliche Albernheiten.

Frédéric stand neben ihnen und blickte auf die Weinberge, die Abhänge mit einer Baumgruppe hier und dort, auf die staubigen Wege, die graufarbenen Bändern glichen, auf Häuser, die rote und weiße Flecke in das Grün streuten; und mitunter dehnte sich am Fuße der bebauten Hügel der Rauch einer Lokomotive am Horizont wie eine riesenhafte Straußenfeder, deren dünnes Ende davonfliegt.

Dann fiel sein Blick wieder auf seinen Sohn. Er stellte ihn sich als jungen Mann vor, machte ihn zu seinem Gefährten; aber vielleicht wird er ein Dummkopf, sicherlich ein Unglücklicher. Seine uneheliche Geburt wird ihn immer bedrücken, für ihn wäre es besser, nie geboren zu sein, und Frédéric murmelte: »Armes Kind!« das Herz erfüllt von einer unbegreiflichen Traurigkeit.

Oft versäumten sie den letzten Zug. Dann schalt Madame Dambreuse ihn wegen seiner Unpünktlichkeit.

Er erfand irgendeine Geschichte für sie.

Auch Rosanette gegenüber mußte er es tun. Sie begriff nicht, womit er alle seine Abende zubrachte, und wenn man zu ihm schickte, war er niemals da! Eines Tages, als er zu Haus war, erschienen beide fast zu gleicher Zeit. Er ließ die Marschallin fortgehen und verbarg Madame Dambreuse, indem er sagte, daß seine Mutter komme.

Bald belustigten ihn diese Lügen; er wiederholte der einen den Schwur, den er der andern eben geleistet, er schickte ihnen zwei gleiche Buketts, schrieb ihnen zur selben Zeit und stellte dann Vergleiche zwischen ihnen an; – eine dritte war in seinen Gedanken immer gegenwärtig. Die Unmöglichkeit, sie zu besitzen, rechtfertigte seinen Betrug, der das Vergnügen erhöhte, weil er Abwechslung hineinbrachte: und je mehr er beide getäuscht, desto mehr liebten sie ihn, wie wenn ihre Liebe sich gegenseitig anfachte und eine jede ihn in einer Art Wetteifer die andere vergessen machen wollte.

»Bewundere mein Vertrauen!« sagte eines Tages Madame Dambreuse zu ihm und entfaltete ein Papier, in dem man ihr mitteilte, daß Monsieur Moreau mit einer gewissen Rose Bron zusammen lebte. »Ist das etwa die Dame vom Rennen?«

»Was für ein Unsinn!« erwiderte er. »Laß mich sehen.«

Der Brief war mit lateinischen Buchstaben geschrieben und nicht unterzeichnet. Madame Dambreuse hatte im Anfang diese Maitresse geduldet, die ihren Ehebruch deckte. Doch als ihre Leidenschaft sich steigerte, hatte sie einen Bruch verlangt, was auch, wie Frédéric versicherte, längst geschehen war; und als er mit seinen Protesten zu Ende war, erwiderte sie mit blinzelnden Lidern, zwischen denen ein Blick funkelte wie eine Dolchspitze unter Musseline:

»Nun, und die andere?«

»Welche andere?«

»Die Frau des Fayence-Händlers?«

Er zuckte verächtlich die Achseln. Sie forschte nicht weiter.

Aber einen Monat später, als sie von Ehre und Treue sprachen und er (aus Vorsicht) die seine rühmte, sagte sie:

»Es ist wahr, du bist ehrlich, du gehst nicht mehr hin.«

Frédéric, der an die Marschallin dachte, stotterte:

»Wohin denn?« »Zu Madame Arnoux.«

Er beschwor sie, ihm zu sagen, woher sie diese Auskunft habe. Von ihrer Schneiderin, Madame Regimbart.

Also kannte sie sein Leben, und er wußte nichts von ihrem!

Doch er hatte in ihrem Ankleidezimmer das Miniaturbild eines Herrn mit langem Schnurrbart entdeckt: war es derselbe, über den man ihm früher eine vage Selbstmordgeschichte erzählt hatte? Aber es war nicht möglich, mehr davon zu erfahren! Wozu auch übrigens? Frauenherzen sind wie jene kleinen Geheimschränke voll ineinander geschachtelter Schubfächer; man müht sich, bricht sich die Nägel ab, und findet dann auf dem Grund eine verdorrte Blume, ein Krümchen Staub – oder gähnende Leere! Und dann fürchtete er, vielleicht zu viel davon zu erfahren.

Sie zwang ihn, Einladungen abzulehnen, wenn sie nicht mit ihm gehen konnte, hielt ihn an ihrer Seite fest in der Furcht, ihn zu verlieren; und trotz dieser Vereinigung, die täglich inniger wurde, öffneten sich plötzlich Abgründe zwischen ihnen bei ganz unbedeutenden Dingen, der Beurteilung einer Person, eines Kunstwerks wegen.

Sie hatte eine Art Klavier zu spielen, die korrekt und hart war. Ihr Spiritualismus (Madame Dambreuse glaubte an Seelenwanderung in den Sternen) hinderte sie nicht, ihre Kasse bewundernswert zu führen. Sie war hochmütig gegen ihre Leute; ihre Augen blieben trocken vor den Lumpen der Armen. Ein unbewußter Egoismus verriet sich in ihren gewohnten Lebensarten: »Was geht das mich an? ich werde mich wohl hüten! habe ich das nötig?« und in tausend ebenso unanalysierbaren, häßlichen, kleinen Handlungen. Sie hatte hinter den Türen gehorcht und belog sicherlich ihren Beichtvater. Aus Herrschsucht verlangte sie, daß Frédéric sie Sonntags zur Kirche begleite. Er gehorchte und trug das Buch.

Der Verlust der Erbschaft hatte sie bedeutend verändert. Diese Spuren des Kummers, die man dem Tode von Monsieur Dambreuse zuschrieb, machten sie interessant; und 467 wie ehemals empfing sie viele Leute. Seit dem Wahl-Mißerfolg Frédérics strebte sie ehrgeizig nach einem Posten in Deutschland für sie beide; das erste, was getan werden mußte, war, sich den herrschenden Ideen anzupassen.

Die einen wünschten das Kaiserreich, die anderen die Orléans, wieder andere den Grafen von Chambord; aber alle stimmten in bezug auf die Dringlichkeit der Dezentralisation überein, und es wurden mehrfach Mittel wie diese vorgeschlagen: Paris in eine Menge großer Straßen zu verteilen, um dort Dörfer zu errichten, den Sitz der Regierung nach Versailles zu verlegen, in Bourges Schulen zu errichten, die Bibliotheken aufzuheben, alles den Divisions-Generälen anzuvertrauen; – und man pries das Landleben, da unwissende Menschen natürlich mehr Verstand hätten als die andern! Der Haß steigerte sich: Haß gegen die Elementarlehrer und gegen die Weinhändler, gegen die Vorlesungen über Philosophie, gegen die Geschichtskurse, gegen die Romane, die roten Westen, die langen Bärte, gegen jede Unabhängigkeit, jede individuelle Kundgebung; denn man mußte »das Prinzip der Autorität« wieder aufrichten, einerlei von wem sie ausgeübt wurde, woher sie kam, wenn es nur Kraft war, Autorität! Die Konservativen sprachen jetzt wie Sénécal. Frédéric kannte sich nicht mehr aus, und er fand bei seiner früheren Geliebten dieselben Reden, von denselben Menschen vorgetragen.

Die Salons der »galanten Damen« (ihre Bedeutung datiert seit dieser Zeit) waren neutrales Gebiet, wo die Reaktionäre verschiedener Richtungen sich trafen. Hussonnet, der sich der Verlästerung seiner berühmten Zeitgenossen widmete (ein gutes Mittel zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung), regte bei Rosanette die Lust an, wie andere ihre Abende zu haben; er wollte Berichte darüber schreiben und führte zunächst einen ernsten Mann, Fumichon, ein; dann erschienen Ronancourt, Monsieur de Grémonville, der Herr von Larsilloix, Ex-Präfekt, und Cisy, der jetzt Agronom, Nieder-Bretagner und frommer war denn je. Es kamen außerdem frühere Liebhaber der Marschallin, wie der Baron de Comaing, Graf de Jumillac und einige andere; die Ungeniertheit ihres Benehmens verletzte Frédéric.

Um sich als Herr des Hauses zur Geltung zu bringen, vergrößerte er den Haushalt. Es wurde ein Groom genommen, die Wohnung gewechselt und neues Mobiliar angeschafft. Diese Ausgaben waren nützlich, um seine Heirat in ein besseres Verhältnis zu seinem Vermögen zu bringen. Es verminderte sich erschreckend; – und Rosanette begriff nichts von alledem!

Als deklassiertes Bürgermädchen schwärmte sie für häusliches Leben, für ein friedliches Heim. Allein sie war zufrieden, einen »Jour« zu haben; sie sagte: »Solche Frauen!« wenn sie von ihresgleichen sprach, wollte eine »Dame von Welt« sein und hielt sich für eine solche. Sie bat ihn, nicht mehr im Salon zu rauchen, versuchte, ihn zu bewegen, des guten Tones halber die Fasten einzuhalten.

Schließlich log sie in ihrer Rolle, denn sie wurde ernst, und selbst vor dem Schlafengehen zeigte sie immer einige Melancholie –, wie es mitunter Cypressen vor der Tür eines Wirtshauses gibt.

Er entdeckte die Ursache davon: sie träumte von Heirat, – auch sie! Frédéric war außer sich. Zu alledem erinnerte er sich ihres Erscheinens bei Madame Arnoux, und dann hegte er wegen ihres langen Widerstands noch Groll gegen sie.

Er forschte darum nicht weniger nach, wer ihre früheren Liebhaber gewesen waren. Sie verleugnete alle. Eine Art Eifersucht überkam ihn. Er erregte sich über Geschenke, die sie erhalten hatte, und die sie erhielt – allein je mehr ihr Wesen ihn reizte, desto stärker zog eine gierige, tierische Sinnenlust ihn zu ihr hin, Illusionen einer Minute, die sich in Haß auflösten.

Ihre Worte, ihre Stimme, ihr Lächeln, alles begann ihm zu mißfallen, besonders ihre Blicke, diese Augen einer Frau, die ewig albern und heiter ist. Es war ihm bisweilen so lästig, daß er sie ohne Bewegung hätte sterben sehen können. Aber wie sich mit ihr entzweien? Sie war von einer Sanftmut, die zum Verzweifeln war.

Deslauriers erschien wieder und erklärte seinen Aufenthalt in Nogent mit den Verhandlungen über eine Anwalt-Praxis. Frédéric war glücklich, ihn wiederzusehen; er war doch ein Mensch! Er nahm ihn als Dritten in ihrem Bunde auf.

Der Advokat aß von Zeit zu Zeit bei ihnen, und wenn es zu kleinen Streitigkeiten kam, stellte er sich immer auf die Seite Rosanettes, so daß Frédéric einmal zu ihm sagte:

»Schlafe doch mit ihr, wenn es dir Spaß macht!« so sehr Wünschte er einen Zufall herbei, der ihn von ihr befreite.

Gegen Mitte Juni erhielt sie eine Zustellung, in der Maître Athanase Gautherot, Gerichtsvollzieher, sie aufforderte, viertausend Francs, die sie Mademoiselle Clémence Vatnaz schulde, zu zahlen; tue sie es nicht, so würde er am nächsten Tage kommen, sie zu pfänden.

In der Tat war von den vier Wechseln, die sie früher unterschrieben hatte, nur ein einziger bezahlt; – das Geld dafür war für andere Bedürfnisse verbraucht.

Sie eilte zu Arnoux. Er wohnte jetzt im Faubourg Saint-Germain, aber der Hausmeister kannte die Straße nicht. Sie begab sich zu mehreren Freunden, traf niemand an und kam verzweifelt wieder zurück.

Frédéric wollte sie nichts sagen, sie zitterte, daß diese neue Geschichte ihrer Heirat hinderlich sein könnte.

Am nächsten Morgen stellte Monsieur Athanase Gautherot sich ein, von zwei Gehilfen begleitet, der eine bleich mit verschlagenem, mißgünstigem Gesicht, der andere mit Vatermördern, sehr straff gespannten Stegen an den Beinkleidern und einem schwarzen Handschuhfinger am Zeigefinger; – alle beide waren widerlich schmutzig und hatten fettige Rockkragen und zu kurze Ärmel.

Ihr Vorgesetzter, ein sehr schöner Mensch dagegen, begann sich wegen seiner peinlichen Mission zu entschuldigen und betrachtete dabei das Zimmer, »voll hübscher Sachen, auf mein Wort«! Er fügte hinzu, »außer denen, die man nicht pfänden kann«. Auf einen Wink verschwanden die beiden Schergen.

Er sparte nicht mit Komplimenten. War es zu glauben, daß eine so ... reizende Person keinen wirklichen Freund hatte! Eine gerichtliche Pfändung sei ein wahres Unglück! Man erholt sich nie danach! Er versuchte sie zu erschrecken; dann, als er sie bewegt sah, nahm er einen väterlichen Ton an. Er kenne die Welt, er hätte mit all diesen Damen zu tun, und während er sie nannte, prüfte er die Bilder an den Wänden. Sie gehörten früher Arnoux, darunter waren Skizzen von Sombaz, Aquarelle von Burieu, drei Landschaften von Dittmer. Rosanette kannte ihren Preis augenscheinlich nicht. Maître Gautherot wandte sich zu ihr:

»Um Ihnen zu zeigen, daß ich ein guter Kerl bin, wollen wir es so machen: Überlassen Sie mir diese drei Dittmers da! und ich zahle alles! Einverstanden?«

In diesem Augenblick trat Frédéric, der von Delphine im Vorzimmer alles erfahren und die beiden Gehilfen gesehen hatte, mit dem Hut auf dem Kopf und barscher Miene herein. Maître Gautherot nahm seine würdige Haltung wieder an und rief, da die Tür offen geblieben war:

»Vorwärts, meine Herren, schreiben Sie auf! Im zweiten Zimmer sagen wir: ein Eichentisch mit zwei Ausziehplatten, zwei Büffets ...«

Frédéric unterbrach ihn mit der Frage, ob es kein Mittel gebe, die Pfändung zu verhindern.

»O! gewiß! Wer hat die Möbel bezahlt?«

»Ich!«

»Gut, beantragen Sie Freigabe, Sie haben dann immer Zeit vor sich.«

Maître Gautherot beendete schnell seine Schreibereien und vermerkte im Protokoll: »auf Antrag von Mademoiselle Bron«; dann zog er sich zurück.

Frédéric machte ihr keinen Vorwurf. Er betrachtete die Schmutzspuren, die die schmutzigen Stiefel der Gehilfen auf dem Teppich zurückgelassen hatten, und sprach zu sich selber:

»Man muß sich Geld zu verschaffen suchen!«

»Ach, mein Gott, wie bin ich dumm!« rief die Marschallin.

Sie durchwühlte ein Schubfach, nahm einen Brief und eilte zum Büro der Beleuchtungsgesellschaft des Languedoc, um ihre Aktien überweisen zu lassen.

Nach einer Stunde kam sie wieder. Die Papiere waren an einen andern verkauft! Der Kommis hatte ihr, nachdem er ihren Wechsel mit der Unterschrift Arnoux' geprüft, erwidert: »Diese Urkunde stellt Sie keineswegs als Eigentümerin hin. Die Gesellschaft erkennt das nicht an.« Kurz, er habe sie abgewiesen, sie ersticke vor Zorn; Frédéric müsse augenblicklich Arnoux aufsuchen, um die Sache aufzuklären.

Aber Arnoux würde vielleicht glauben, er komme, um indirekt die fünfzehntausend Francs seiner verlorenen Hypothek wiederzuerlangen; und dann erschien ihm diese Forderung einem Manne gegenüber, der der Liebhaber seiner Maitresse gewesen war, als eine Schändlichkeit. Um einen Mittelweg zu wählen, lies er sich im Hause Dambreuse die Adresse von Madame Regimbart geben, schickte einen Boten zu ihr und erfuhr so das Café, in dem der Citoyen jetzt verkehrte.

Es war ein kleines Café auf der Place de la Bastille, wo er sich den ganzen Tag aufhielt; stets saß er in der Ecke im Hintergrund und rührte sich nicht, als wäre er festgewachsen.

Nachdem er der Reihe nach eine kleine Tasse Kaffee, Grog, Bischof, Glühwein und selbst Wein mit Wasser durchkostet, war er zum Bier zurückgekehrt; alle Stunde ließ er das Wort »Bock« fallen, da er seine Sprache aufs unentbehrlichste eingeschränkt hatte. Frédéric fragte ihn, ob er bisweilen Arnoux sehe.

»Nein!« »Warum nicht?«

»Ein Dummkopf!«

Vielleicht trennte sie die Politik, und Frédéric glaubte recht zu tun, sich nach Compain zu erkundigen.

»Ein Vieh!« sagte Regimbart.

»Wieso?«

»Ein Kalbskopf!«

»Ach! sagen Sie mir doch, was der Kalbskopf bedeutet!«

Regimbart hatte ein mitleidiges Lächeln.

»Blödsinn!«

Nach einem langen Schweigen begann Frédéric wieder:

»Er hat also seine Wohnung gewechselt?«

»Wer?«

»Arnoux!«

»Ja: Rue de Fleurus.«

»Welche Nummer?«

»Besuche ich denn die Jesuiten?«

»Warum Jesuiten!«

Der Citoyen erwiderte wütend:

»Mit dem Gelde eines Patrioten, mit dem ich ihn bekannt machte, hat dieses Schwein einen Handel mit Rosenkränzen begonnen.«

»Nicht möglich!«

»Sehen Sie selber zu!«

Es war richtig. Durch einen Anfall sehr geschwächt, hatte Arnoux sich der Religion zugewandt; »übrigens hatte er immer einen Hang zur Religion gehabt«, und mit seinem Krämergeist und der Harmlosigkeit, die ihm angeboren war, hatte er, die ewige Seligkeit zu gewinnen und sein Glück zu machen, einen Handel mit religiösen Gegenständen begonnen.

Es fiel Frédéric nicht schwer, sein Etablissement zu entdecken, auf dessen Schild stand: » Aux arts gothiques. – Wiederherstellung von Gräberschmuck. – Kirchenzierat. – Polychrome Bildwerke. – Weihrauch der heiligen drei Könige« und so weiter.

An beiden Ecken des Schaufensters standen zwei Holzstatuetten, buntscheckig mit Gold, Zinnober und Himmelblau bemalt; ein heiliger Johannes der Täufer mit seinem Widderfell und eine heilige Genoveva mit Rosen in ihrer Schürze und einem Spinnrocken unterm Arm; dann Gipsgruppen: eine fromme Schwester, die ein kleines Mädchen unterrichtet, eine kniende Mutter neben einem Bettchen, drei Schüler vor dem Tisch des Herrn. Das Hübscheste war eine Art Hütte, die das Innere der heiligen Krippe mit dem Esel, dem Ochsen und dem auf Stroh, auf wirklichem Stroh gebetteten kleinen Jesus darstellte. Von oben bis unten Etageren, auf denen man dutzendweise Medaillen, alle Arten Rosenkränze, Weihwasserkessel in Gestalt von Muscheln und Porträts von Zierden der Kirche sah, unter denen die beiden lächelnden des Monseigneur Affre und des heiligen Vaters auffielen.

Arnoux schlief mit gesenktem Kopf auf seinem Pult. Er war erstaunlich gealtert, hatte an den Schläfen einen Kranz roter Bläschen, und der Reflex der goldenen Kreuze, die von der Sonne getroffen wurden, fiel darauf.

Frédéric ergriff eine große Traurigkeit über diesen Verfall. Aus Rücksicht auf die Marschallin jedoch überwand er sich und ging weiter, da erschien im Hintergrund des Ladens Madame Arnoux, und er machte kehrt.

»Ich habe ihn nicht gefunden,« sagte er, als er zurückkehrte.

Und mochte er noch so oft wiederholen, daß er sofort um Geld an seinen Notar in Havre schreiben werde, Rosanette war entrüstet. Hatte man je einen so schwachen, schlaffen Menschen gesehen; während sie tausend Entbehrungen zu ertragen hatte, machten andere sich's bequem.

Frédéric dachte an die arme Madame Arnoux und stellte sich die herzzerreißende Einfachheit ihres Heims vor. Er hatte sich an den Schreibtisch gesetzt, und als die kreischende Stimme Rosanettes fortfuhr, rief er:

»Um Himmelswillen, schweig still!«

»Willst du sie etwa verteidigen?«

»Gewiß, ja!« sagte er, »woher kommt denn diese Erbitterung?«

»Warum willst du denn nicht, daß sie zahlen? Aus Furcht, deine alte Flamme zu betrüben, gestehe es nur!«

Er hatte Lust, sie mit der Stutzuhr zu erschlagen; die Worte gingen ihm aus. Er schwieg. Rosanette, die im Zimmer hin und her ging, fügte hinzu:

»Ich werde ihm einen Prozeß machen, deinem Arnoux. O! ich brauche dich nicht!« und mit spitzen Lippen: »Ich werde mir Rat holen!«

Drei Tage später kam Delphine hereingestürmt:

»Madame, Madame, da ist ein Mann mit einem Leimtopf, der mir Furcht einjagt.«

Rosanette ging in die Küche und sah einen Burschen mit blatternarbigem Gesicht und gelähmtem Arm, der halb betrunken war und etwas stammelte.

Es war der Zettelankleber von Maître Gautherot. Da der Einspruch gegen die Pfändung zurückgewiesen worden war, kam es natürlich zur Versteigerung.

Für die Mühe, daß er die Treppe heraufgekommen war, verlangte er vorerst einen Schnaps; – dann bat er um eine andere Gunst, um Theaterbillets, da er Madame für eine Schauspielerin hielt, daraus verbrachte er mehrere Minuten damit, unverständliche Augenwinke zu geben, endlich erklärte er, daß er für vierzig Sous die Ecken der Zettel abreißen wolle, die unten bereits an die Tür geklebt waren. Rosanette war darauf mit ihrem Namen angegeben, eine außergewöhnliche Härte, die den ganzen Haß der Vatnaz offenbarte.

Früher einmal war sie feinfühlig gewesen, hatte in einer Herzensnot an Béranger geschrieben, um einen Rat zu erhalten; aber im Kampf ums Dasein war sie hart geworden, hatte der Reihe nach zuerst Klavierunterricht gegeben, einem Mittagstisch vorgestanden, war Mitarbeiterin an Modezeitungen gewesen, hatte Zimmer weitervermietet, einen Spitzenhandel in der galanten Welt betrieben, wobei sie durch ihre Verbindungen vielen Leuten gefällig sein konnte. Unter anderen Arnoux. Früher hatte sie auch in einem Handelshaus gearbeitet.

Dort zahlte sie die Löhne der Arbeiterinnen aus, für deren jede es zwei Bücher gab, von denen eines stets in ihren Händen blieb. Dussardier, der aus Gefälligkeit das einer gewissen Hortense Baslin mitgenommen hatte, stellte sich eines Tages gerade in dem Moment an der Kasse ein, wo Mademoiselle Vatnaz den Betrag dieses Mädchens, 1862 Francs brachte, die der Kassierer ihr ausgezahlt hatte. Noch am Abend vorher hatte Dussardier nur 1082 Francs in das Buch der Baslin eingetragen. Er forderte es unter einem Vorwand zurück; dann, da er diese Diebstahlsgeschichte begraben wollte, erzählte er ihr, daß er es verloren hätte. Die Arbeiterin gab die Lüge harmlos an die Vatnaz weiter, diese sprach, um darüber ins Reine zu kommen, mit gleichgültiger Miene mit dem braven Kommis davon. Er begnügte sich damit, zu antworten: »Ich habe es verbrannt;« das war alles. Sie verließ das Haus wenige Tage darauf, ohne an die Vernichtung des Buches zu glauben, und bildete sich ein, daß Dussardier es aufbewahre.

Bei der Nachricht von seiner Verwundung war sie in der Absicht zu ihm geeilt, es zurückzunehmen. Dann, da sie trotz der sorgfältigsten Nachforschungen nichts entdeckt hatte, erfaßte sie Achtung und bald Liebe für diesen treuen, gutmütigen, heldenhaften und starken Jüngling! Ein solches Glück in ihrem Alter war unverhofft. Sie stürzte sich mit unmenschlichem Heißhunger darauf; – und sie hatte die Literatur, den Sozialismus, »die tröstlichen Lehren und die hochherzigen Utopien«, ihren Vortrags-Kursus über »Die Emanzipation der Frau«, alles, selbst Delmar, aufgegeben; schließlich bot sie Dussardier an, sich mit ihm zu verheiraten.

Obwohl er sie zur Geliebten hatte, war er doch keineswegs verliebt in sie. Überdies hatte er ihren Diebstahl nicht vergessen. Dann war sie ihm zu reich. Er schlug es ab. Da sagte sie ihm weinend von den Träumen, die sie gehegt: sie hätte ein Konfektions-Geschäft für sie beide einrichten wollen. Sie besitze die ersten unentbehrlichen Mittel, die sich in der nächsten Woche um viertausend Franken vermehren würden; und sie erzählte von ihrem Vorgehen gegen die Marschallin.

Dussardier verstimmte das seines Freundes wegen. Er dachte an die Zigarrentasche, die er ihm auf der Wache angeboten, an die Abende am Quai Napoléon, die vielen angenehmen Plauderstunden, die geliehenen Bücher, die tausenderlei Gefälligkeiten Frédérics. Und er bat die Vatnaz, davon abzustehen.

Sie spottete über seine Gutmütigkeit und zeigte dabei einen unbegreiflichen Abscheu vor Rosanette: sie wünschte sich nur ein Vermögen, um später mit ihrer Karosse über sie hinwegzufahren.

Diese Abgründe von Heimtücke erschreckten Dussardier; und als er den Tag der Versteigerung mit Sicherheit erfahren hatte, ging er fort. Schon am nächsten Morgen trat er in verlegener Haltung bei Frédéric ein.

»Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen.«

»Weshalb denn?«

»Sie müssen mich für einen Undankbaren halten, mich, der doch ihr ...« Er stotterte. »O! ich werde sie nicht wiedersehen, ich werde nicht ihr Mitschuldiger sein!« Und als Frédéric ihn ganz erstaunt anblickte: »Sollen nicht die Möbel Ihrer Geliebten in drei Tagen verkauft werden?«

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Sie selbst, die Vatnaz! Aber ich fürchte, Sie zu verletzen ...«

»Unmöglich, lieber Freund!«

»Ach, es ist wahr, Sie sind so gut!«

Er reichte ihm verstohlen eine kleine lederne Brieftasche.

Es waren viertausend Francs, seine ganzen Ersparnisse.

»Wie! Ach! nein! – nein! ...«

»Ich wußte wohl, daß ich Sie kränken würde,« erwiderte Dussardier mit einer Träne an den Wimpern. Frédéric schüttelte ihm die Hand, und der brave Junge fuhr mit bittender Stimme fort:

»Nehmen Sie es an! Machen Sie mir die Freude! Ich bin so verzweifelt! Ist denn jetzt nicht doch alles aus? – Als die Revolution ausbrach, hatte ich geglaubt, alles würde glücklich sein. Erinnern Sie sich, wie schön es war! Wie wir frei aufatmeten! Aber nun sind wir schlimmer daran denn je.«

Und seine Augen auf den Fußboden heftend, fuhr er fort:

»Jetzt töten sie unsere Republik, wie sie die andere, die römische, getötet haben! und das arme Venedig, das arme Polen, das arme Ungarn! Welche Greuel! Zuerst hat man die Freiheitsbäume umgehauen, dann das Wahlrecht eingeschränkt, die Klubs geschlossen, die Zensur wieder eingeführt und das Unterrichtswesen den Pfaffen überlassen, bleibt nur noch die Inquisition. Warum nicht? Die Konservativen wünschen uns die Kosaken! Man verurteilt die Zeitungen, wenn sie gegen die Todesstrafe reden, Paris strotzt von Bajonetten, sechzehn Departements sind im Belagerungszustand; – die Amnestie ist nochmals verworfen!«

Er preßte die Stirn in beide Hände und breitete dann die Arme aus wie in einer großen Herzenspein und sagte: »Wenn man es doch versuchte; wenn man nur ernstlich wollte, könnte man sich schon Gehör verschaffen. Aber nein! Die Arbeiter, sehen Sie nur, sind nicht mehr wert als die Bürger! In Elboeuf haben sie neulich bei einer Feuersbrunst ihre Hilfe verweigert. Elende behandeln Barbès als Aristokraten! Um sich über das Volk lustig zu machen, wollen sie Nadaud, einen Maurer, zum Präsidenten ernennen, nun bitte ich Sie! Und es gibt kein Mittel dagegen, keine Hilfe! Die ganze Welt ist gegen uns! – Ich habe niemals Böses getan, und dennoch, es lastet wie ein Gewicht auf meiner Brust. Ich werde verrückt, wenn es so weitergeht. Ich hatte Lust, mich zu töten. Ich sage Ihnen, daß ich mein Geld nicht brauche! Sie werden es mir wiedergeben, Herrgott! ich leihe es Ihnen!«

Notgedrungen nahm Frédéric schließlich seine viertausend Francs an. So hatten sie von seiten der Vatnaz keine Beunruhigung mehr zu fürchten.

Aber Rosanette verlor bald darauf ihren Prozeß gegen Arnoux, und sie bestand eigensinnig daraus, zu appellieren.

Deslauriers mühte sich ab, ihr begreiflich zu machen, daß die Verschreibung Arnoux' weder eine Schenkung noch eine reguläre Zession bedeutete; sie hörte gar nicht zu und fand das Gesetz ungerecht; nur weil sie eine Frau war, hielten die Männer unter sich zusammen! Schließlich jedoch folgte sie seinem Rat.

Er tat sich im Hause so wenig Zwang an, daß er mehrmals Sénécal zum Mittagessen mitbrachte. Diese Ungeniertheit mißfiel Frédéric, der ihm Geld vorschoß, ihn sogar von seinem Schneider kleiden ließe; und der Advokat gab seine alten Röcke dem Sozialisten, dessen Existenzmittel niemand kannte.

Rosanette aber wollte er gern dienlich sein. Eines Tages, als sie ihm zwölf Aktien der Kaolin-Gesellschaft zeigte (jenes Unternehmen, durch das Arnoux zu dreißigtausend Francs verurteilt worden war), sagte er zu ihr:

»Aber das ist ja eine heikle Sache! Das ist herrlich!« Sie hätte das Recht, ihn zur Zahlung seiner Schulden vor Gericht zu laden. Sie würde erst einmal beweisen, daß er solidarisch verpflichtet sei, die ganzen Passiva der Gesellschaft zu zahlen, da er persönliche Schulden für Gesamt-Schulden erklärt hatte, schließlich, daß er mehrere Effekten der Gesellschaft unterschlagen hatte.

»Alles dies macht ihn nach Artikel 586 und 587 des Handelsgesetzes des betrügerischen Bankerotts schuldig, und wir werden ihn einstecken lassen, verlassen Sie sich darauf, Kleine.«

Rosanette fiel ihm um den Hals. Er empfahl sie am nächsten Tage seinen früheren Vorgesetzten, denn er konnte sich nicht selber mit dem Prozeß beschäftigen, da er notwendig in Nogent zu tun hatte. Falls es dringlich war, sollte Sénécal ihm schreiben. Seine Verhandlungen über den Kauf einer Praxis waren ein Vorwand. Er verbrachte seine Zeit bei Monsieur Roque, wo er den Freund nicht nur lobte, sondern begonnen hatte, ihn soviel wie möglich in Wesen und Sprache zu imitieren; – er hatte dadurch das Vertrauen Louisens gewonnen und das ihres Vaters erlangt, indem er über Ledru-Rollin herfiel.

Frédéric komme nicht zurück, weil er in der vornehmen Gesellschaft verkehre, und nach und nach teilte Deslauriers ihnen mit, daß er eine andere liebe, daß er ein Kind habe, und daß er ein Frauenzimmer unterhalte.

Die Verzweiflung Louisens war grenzenlos, die Entrüstung Madame Moreaus nicht minder stark. Sie sah ihren Sohn in die Tiefe eines Abgrunds taumeln, war in ihrem Anstandsgefühl verletzt und empfand es fast als persönliche Entehrung. Doch plötzlich änderte sich der Ausdruck ihres Gesichts. Auf die Fragen über Frédéric, die man an sie stellte, erwiderte sie schmunzelnd:

»Es geht ihm gut, sehr gut!«

Sie wußte von seiner Heirat mit Madame Dambreuse.

Der Zeitpunkt dafür war festgesetzt, und er dachte nun darüber nach, wie er Rosanette die Sache beibringen sollte.

Gegen Mitte des Herbstes gewann sie ihren Prozeß in der Angelegenheit der Kaolin-Aktien; Frédéric erfuhr es, als er vor seiner Tür Sénécal begegnete, der von dem Termin kam.

Man hatte Arnoux des Betruges schuldig befunden, und der Ex-Hilfslehrer bezeigte eine solche Freude darüber, daß Frédéric ihn zurückhielt und ihm versprach, seinen Auftrag Rosanette zu überbringen.

Er trat erregt bei ihr ein:

»Nun, jetzt bist du wohl zufrieden?«

Aber ohne seine Worte zu beachten, sagte sie:

»Sieh doch!«

Und sie zeigte ihm ihr Kind, das in einer Wiege neben dem Kamin lag. Sie hatte es am Morgen so elend bei der Amme angetroffen, daß sie es mit nach Paris genommen hatte.

Alle seine Glieder waren außerordentlich abgemagert und die Lippen mit weißen Punkten bedeckt, die innen im Munde wie geronnene Milch aussahen.

»Was hat der Arzt gesagt?«

»Ach! der Arzt! Er behauptet, die Reise hätte seine ... ich weiß nicht mehr, ein Name, der mit itis ... endete, verschlimmert, es hätte den Mundschwamm. Kennst du das?«

Frédéric zögerte nicht, »gewiß« zu antworten, und fügte hinzu, daß es nichts Schlimmes sei.

Aber abends erschreckte ihn das kraftlose Aussehen des Kindes und das Zunehmen jener weißlichen Flecke, die Schimmel glichen, wie wenn das Leben, das den armen kleinen Körper schon verlassen, nichts als einen Stoff zurückgelassen hätte, auf dem diese Wucherung gedieh. Seine Händchen waren kalt, es vermochte nicht mehr zu trinken, und die Amme, eine andere, die der Hausmeister aufs Geratewohl aus einem Mietsbüro geholt hatte, wiederholte:

»Es scheint mir sehr schwach, sehr schwach!«

Rosanette blieb die ganze Nacht auf.

Am Morgen holte sie Frédéric.

»Komm und sieh es an. Es regt sich nicht mehr.«

Wirklich, es war tot. Sie nahm es, schüttelte es, umschlang es, indem sie ihm die süßesten Namen gab, bedeckte es mit Küsten und Tränen, geriet außer sich, raufte sich das Haar und schrie laut, – dann ließ sie sich auf den Rand des Diwans fallen, wo sie mit offenem Munde blieb, während eine Flut von Tränen aus ihren starren Augen stürzte. Schließlich sank sie in eine Betäubung, und es ward still im Zimmer. Die Möbel standen unordentlich umher, zwei oder drei Handtücher lagen am Boden. Es schlug sechs Uhr. Die Nachtlampe erlosch.

Als Frédéric alles dies erblickte, glaubte er zu träumen. Sein Herz krampfte sich vor Bangigkeit zusammen. Ihm schien, als wäre dieser Tod nur erst ein Anfang, und als sei hiernach ein noch viel größeres Unglück im Anzuge. Plötzlich sagte Rosanette mit weicher Stimme: »Wir behalten ihn, nicht wahr?«

Sie wünschte ihn einbalsamieren zu lassen. Viele Gründe waren dagegen. Frédéric meinte, daß es bei Kindern in so zartem Alter unausführbar sei. Ein Porträt wäre besser. Sie nahm diese Idee auf. Er schrieb ein Wort an Pellerin, und Delphine eilte damit zu ihm.

Pellerin kam sofort, er wollte durch diesen Eifer jede Erinnerung an sein Benehmen auslöschen. Er sagte zuerst: »Armer kleiner Engel! O! mein Gott, welch ein Unglück!«

Aber kurz darauf (der Künstler in ihm gewann die Oberhand), erklärte er, daß mit diesen rußbraunen Augen, dem fahlen Gesicht nichts zu machen sei, es wäre ein wahres Stilleben, das sehr viel Talent erfordere; und er murmelte: »O! Es ist nicht so einfach, nicht so einfach!«

»Wenn es nur ähnlich wird,« warf Rosanette ein.

»Pah! ich pfeife auf die Ähnlichkeit! Nieder mit dem Realismus! Das Geistige ist's, was man malt! Lassen Sie mich! Ich will versuchen mir vorzustellen, wie es sein müßte.«

Die Stirn in der linken Hand, den Ellbogen in der rechten, überlegte er; dann sagte er plötzlich:

»Ah! eine Idee! ein Pastell! mit farbigen Halbtönen, fast ganz flach aufgetragen, kann man eine gute Modellierung erreichen.

Er schickte das Mädchen nach seinem Kasten; dann begann er mit einem Stuhl unter den Füßen und einem zweiten neben sich in großen Umrissen so ruhig zu entwerfen, als arbeite er nach einem Gipsabguß. Er sprach begeistert von dem kleinen heiligen Johannes von Correggio, der Infantin Rose von Velasquez, dem milchigen Fleisch von Reynolds, der Vornehmheit von Lawrence und besonders dem Kind mit langem Haar auf dem Schoß der Lady Glower. »Übrigens kann man nichts Reizenderes finden als diese kleinen Krabben! Der Typus des Erhabenen (Raphael hat es mit seinen Madonnen bewiesen) ist doch wohl eine Mutter mit ihrem Kind!«

Rosanette ging schluchzend hinaus, und Pellerin sagte alsbald:

»Nun, was sagen Sie zu Arnoux! ... Sie wissen, was geschehen ist?«

»Nein? Was?«

»Es mußte ja übrigens so enden ...«

»Was ist's denn?«

»Er ist jetzt vielleicht... Pardon!«

Der Künstler erhob sich, um den Kopf der kleinen Leiche höher zu legen.

»Sie sagten« ... begann Frédéric wieder. Und Pellerin kniff die Augen zusammen, um seine Maße besser nehmen zu können:

»Ich sage, daß unser Freund Arnoux jetzt vielleicht eingesteckt ist.«

Dann fuhr er in zufriedenem Ton fort:

»Sehen Sie einmal her! Ist's so recht?«

»Ja, sehr gut! Aber Arnoux?«

Pellerin legte seinen Bleistift fort.

»Soviel ich verstanden habe, wird er von einem gewissen Mignot verfolgt, einem der Intimen Regimbarts, ein guter Kopf das, he? Welch ein Idiot! Stellen Sie sich vor, daß eines Tages...«

»Ach! es handelt sich doch nicht um Regimbart!«

»Das ist wahr. Nun also, Arnoux sollte bis gestern abend zwölftausend Francs auftreiben, wenn nicht, war er verloren.«

»O! das ist vielleicht übertrieben«, sagte Frédéric.

»Nicht im allergeringsten! Es sah mir sehr ernst aus, sehr ernst!«

Rosanette erschien in diesem Augenblick mit glühenden, geröteten Lidern wieder, die aussahen wie geschminkt. Sie stellte sich neben den Karton und betrachtete ihn. Pellerin machte ihm ein Zeichen, um ihretwegen zu schweigen. Aber Frédéric sagte, ohne es zu beachten:

»Allein, ich kann mir nicht denken ...«

»Ich wiederhole Ihnen, daß ich ihn gestern getroffen habe,« sagte der Künstler, »um sechs Uhr abends, Rue Jacob. Er hatte vorsichtshalber sogar seinen Paß mit, und er sprach davon, sich mit seiner ganzen Familie nach Havre einzuschiffen.«

»Wie! Mit seiner Frau?«

»Selbstverständlich! Er ist zu sehr guter Familienvater, um ganz allein zu leben.«

»Und Sie sind dessen sicher?«

»Mein Gott! Wo, glauben Sie denn, hätte er zwölftausend Francs hernehmen sollen?«

Frédéric ging zwei – dreimal durchs Zimmer. Er atmete schwer, nagte an den Lippen, dann nahm er seinen Hut.

»Wohin gehst du?« sagte Rosanette.

Er antwortete nicht und verschwand.


 << zurück weiter >>