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6

Ruiniert, mittellos, verloren!

Wie von einem Schlag betäubt, war er auf der Bank sitzen geblieben. Er fluchte dem Schicksal, hätte jemand schlagen mögen; und seine Verzweiflung steigerte sich noch dadurch, daß er eine Art Schmach, eine Entehrung auf sich lasten fühlte; – denn Frédéric hatte angenommen, daß sein väterliches Vermögen eines Tages bis zu fünfzehntausend Francs Zinsen anwachsen würde, und es Arnoux in indirekter Weise zu verstehen gegeben. Er würde als Prahler, als Betrüger, als ein elender Lump angesehen, der sich in der Hoffnung auf irgend welchen Nutzen bei ihnen eingeführt hatte! Und sie, Madame Arnoux, wie konnte er sie jetzt wiedersehen?

Das war übrigens, da er nur dreitausend Francs Rente hatte, vollkommen unmöglich! Er konnte nicht immer im vierten Stock wohnen, sich vom Hausmeister bedienen lassen, sich in armseligen, schwarzen, an den Spitzen bläulichen Handschuhen, einem fettigen Hut, und das ganze Jahr hindurch in demselben Überrock zeigen. Nein, nein! niemals! Allein ohne sie war das Dasein unerträglich. Es lebten doch viele, ohne Vermögen zu haben, Deslauriers unter anderen; – er nannte sich feige, untergeordneten Dingen eine solche Wichtigkeit beizulegen. Vielleicht verhundertfachte das Elend seine Fähigkeiten. Er begeisterte sich bei dem Gedanken an große Männer, die in Dachstuben arbeiteten. Eine Seele wie die der Madame Arnoux mußte bei diesem Anblick bewegt werden, und sie würde gerührt sein. So war diese Katastrophe schließlich sein Glück; wie jene Erdbeben, die Schätze enthüllen, hatte sie ihm den verborgenen Reichtum seiner Natur entdeckt. Aber es gab in der Welt nur einen einzigen Ort, ihn zur Geltung zu bringen: Paris! Denn seiner Meinung nach konnten die Kunst, die Wissenschaft und die Liebe (diese drei Antlitze Gottes, wie Pellerin einmal gesagt hatte) nur in der Hauptstadt allein gedeihen.

An demselben Abend erklärte er seiner Mutter, daß er dahin zurückkehren werde. Madame Moreau war überrascht. Er täte besser, ihrem Rat zu folgen, das heißt, in ihrer Nähe eine Stellung anzunehmen. Frédéric zuckte die Achseln: »Genug davon!« Er fühlte sich durch diesen Vorschlag beleidigt.

Da wandte die gute Dame eine andere Methode an. Mit zärtlicher Stimme und leisen Seufzern begann sie von ihrer Einsamkeit zu sprechen, von ihrem Alter, den Opfern, die sie gebracht. Jetzt, wo sie so unglücklich wäre, verließe er sie. Dann spielte sie auf ihr nahes Ende an.

»Mein Gott, ein wenig Geduld nur! bald wirst du frei sein!«

Diese Lamentationen wiederholten sich drei Monate lang zwanzigmal des Tages; und gleichzeitig verwöhnten ihn die Annehmlichkeiten der Häuslichkeit. Er genoß es, ein weicheres Bett und Handtücher ohne Risse zu haben, so daß er sich, mürbe gemacht, entnervt und durch die schreckliche Macht der Güte besiegt, eines Tages zu Herrn Prouharam führen ließ.

Er zeigte dort weder Wissen noch besondere Fähigkeiten. Man hatte ihn bis dahin für einen hochbegabten jungen Mann gehalten, der die Zierde des Departements werden würde. Es war eine allgemeine Enttäuschung.

Anfangs hatte er sich gesagt: »Madame Arnoux muß benachrichtigt werden,« und eine Woche lang hatte er über dithyrambischen Briefen, kurzen Billets in erhabenem Lapidarstil gegrübelt. Die Scheu, seine Lage einzugestehen, hielt ihn zurück. Dann dachte er, es sei besser, an ihren Mann zu schreiben. Arnoux kannte das Leben und würde verstehen. Schließlich, nach vierzehntägigem Zaudern sagte er sich:

»Ach was! ich darf sie ja nicht wiedersehen; mögen sie mich vergessen! Wenigstens werde ich in ihrer Erinnerung nicht gesunken sein. Sie wird mich tot glauben, mich bedauern... vielleicht.«

Da übertriebene Entschlüsse ihn wenig kosteten, hatte er sich geschworen, niemals nach Paris zurückzukehren, selbst sich nie nach Madame Arnoux zu erkundigen.

Allein er vermißte es bis auf den Gasgeruch und den Lärm der Omnibusse. Er träumte von jedem Wort, das sie zu ihm gesprochen, von dem Klang ihrer Stimme, dem Glanz ihrer Augen, – und da er sich als ein Toter vorkam, tat er nichts mehr, absolut nichts.

Er stand sehr spät auf und blickte durch sein Fenster auf die Gespanne der Fuhrleute, die vorüberkamen. Besonders die ersten sechs Monate waren fürchterlich.

An gewissen Tagen aber überkam ihn eine Entrüstung über sich selber. Dann ging er aus. Er wanderte über die Wiesen, die während des Winters durch den Übertritt der Seine bis zur Hälfte überschwemmt sind. Pappelreihen unterbrechen sie. Hier und dort erhebt sich eine kleine Brücke. Er strich bis zum Abend umher, schritt über gelbe Blätter, atmete den Nebel ein und sprang über Gräben; je nachdem es stärker in seinen Adern pochte, riß ihn der rasende Wunsch zu handeln mit sich fort; er wollte Trapper in Amerika werden, in den Dienst eines Pascha im Orient treten, sich als Matrose einschiffen; und er machte seiner Melancholie in langen Briefen an Deslauriers Luft.

Dieser mühte sich, vorwärts zu kommen. Die Trägheit seines Freundes und seine ewigen Jeremiaden schienen ihm albern. Ihre Korrespondenz hörte bald ganz auf; Frédéric hatte Deslauriers, der seine Wohnung behielt, alle seine Möbel gegeben. Seine Mutter sprach von Zeit zu Zeit von diesen; eines Tages endlich gestand er das Geschenk ein, und sie schalt ihn darum, als er einen Brief erhielt:

»Was ist es denn?« sagte sie, »du zitterst?«

»Es ist nichts!« erwiderte Frédéric.

Deslauriers teilte ihm mit, daß er Sénécal aufgenommen habe und sie seit vierzehn Tagen zusammen hausten. Also Sénécal machte sich jetzt mitten unter den Sachen breit, die von Arnoux herrührten! Er konnte sie verkaufen, Bemerkungen darüber machen, darüber scherzen! Frédéric fühlte sich bis in die Seele hinein verletzt. Er ging in sein Zimmer hinauf. Das Leben war ihm vergällt.

Seine Mutter rief ihn, um ihn wegen einer Anpflanzung im Garten um Rat zu fragen.

Dieser Garten, in der Art der englischen Parks, war in der Mitte durch einen Zaun von Pfählen geteilt, und die Hälfte gehörte dem alten Roque, der noch einen Gemüsegarten am Ufer des Flusses besaß. Die beiden entzweiten Nachbarn vermieden es, sich zur selben Zeit darin aufzuhalten. Aber seit Frédérics Rückkehr ging der gute Mann öfters darin spazieren und ließ es dem Sohn Madame Moreaus gegenüber nicht an Höflichkeiten fehlen. Er bemitleidete ihn, weil er in einer kleinen Stadt wohnen mußte. Eines Tages erzählte er, daß Monsieur Dambreuse sich nach ihm erkundigt hätte. Ein andermal sprach er über die Sitten in der Champagne, wo der Adel sich auf die direkten Nachkommen vererbe.

»Damals wären Sie ein Edelmann gewesen, da Ihre Mutter de Fouvens hieß. Und man hat gut reden, sage ich Ihnen! Ein Name ist doch etwas! Indessen«, fügte er hinzu und blickte ihn schmunzelnd dabei an, »das hängt vom Justizminister ab.«

Diese Vorliebe für die Aristokratie stand in sonderbarem Gegensatz zu seiner Person. Da er klein war, schien die Länge seines Oberkörpers durch seinen weiten, kastanienbraunen Überrock übertrieben. Wenn er seine Mütze abnahm, sah man ein fast weibliches Gesicht mit einer ungemein spitzen Nase; sein gelbes Haar glich einer Perücke; er grüßte die Leute sehr tief, indem er sich dabei dicht an die Mauer drückte.

Bis zu seinem fünfzigsten Jahre hatte er sich mit den Diensten von Cathérine, einer sehr blatternarbigen Lothringerin seines Alter, begnügt. Aber im Jahre 1834 brachte er aus Paris eine schöne Blondine mit einem Schafsgesicht und der Haltung einer Königin mit.

Bald sah man sie sich mit großen Ohrringen spreizen, und alles erklärte sich durch die Geburt eines Mädchens, das unter dem Namen Elisabeth Olympe Louise Roque angemeldet wurde.

Cathérine nahm sich in ihrer Eifersucht vor, dieses Kind zu verabscheuen. Aber sie liebte es im Gegenteil. Sie überhäufte es mit Sorgfalt, Aufmerksamkeiten und Liebkosungen, um ihm seine Mutter zu ersetzen und sie ihm widerwärtig zu machen; ein leichtes Unternehmen, denn Madame Eleonore vernachlässigte die Kleine vollständig und zog es vor, bei den Krämern zu schwatzen. Am Tage nach ihrer Hochzeit machte sie einen Besuch in der Unter-Präfektur, duzte ihre Dienstboten nicht mehr und glaubte des guten Tones halber streng gegen ihr Kind sein zu müssen. Sie wohnte dem Unterricht bei; der Lehrer, ein früherer Beamter aus der Mairie, wußte sich nicht dabei zu benehmen. Die Schülerin wurde aufsässig, erhielt Ohrfeigen und lief hinaus, um auf Cathérines Knien zu weinen, die ihr unentwegt recht gab. Darauf zankten sich die beiden Frauen, bis Monsieur Roque sie zum Schweigen brachte. Er hatte sich aus Zärtlichkeit für seine Tochter verheiratet und wollte nicht, daß sie gequält würde.

Oft trug sie ein zerrissenes weißes Kleid und mit Spitzen verzierte Höschen; und an großen Festtagen ging sie wie eine Prinzessin gekleidet aus, um die Bürgersleute ein wenig zu ärgern, die ihren Kleinen wegen der illegitimen Geburt verboten, mit ihr zu verkehren.

Sie lebte allein in ihrem Garten, sie schaukelte sich, lief hinter den Schmetterlingen her und blieb dann plötzlich stehen, um Käfer zu betrachten, die sich auf die Rosensträucher setzten. Diese Eigenheiten waren es offenbar, die ihrem Gesicht einen Ausdruck von Kühnheit und Träumerei zugleich verliehen. Sie war zudem von der Größe Marthes, ihr so ähnlich, daß Frédéric sie beim zweiten Zusammensein fragte:

»Erlauben Sie mir, Sie zu küssen, kleines Fräulein?«

Die kleine Person hob den Kopf und erwiderte:

»Das will ich gern!«

Aber der Zaun trennte sie voneinander.

»Man muß hinübersteigen,« sagte Frédéric.

»Nein, heben Sie mich in die Höhe!«

Er beugte sich über den Zaun und hob sie an den Armen empor, wobei er sie auf beide Augen küßte; dann setzte er sie auf die gleiche Weise wieder ab und machte es die folgenden Male ebenso.

Mit der geringen Zurückhaltung eines vierjährigen Kindes stürzte sie sich ihm entgegen, sobald sie ihn kommen hörte, oder sie verbarg sich auch hinter einem Baum, wo sie ein Gekläff ausstieß wie ein Hund, um ihn zu erschrecken.

Eines Tages, als Madame Moreau ausgegangen war, ließ er sie in sein Zimmer heraufkommen. Sie öffnete alle Parfüm-Fläschchen und pomadisierte sich reichlich das Haar; dann legte sie sich ganz unbefangen auf das Bett, wo sie vergnügt liegen blieb.

»Ich denke mir, daß ich deine Frau bin,« sagte sie.

Am nächsten Morgen fand er sie ganz in Tränen. Sie gestand, daß sie »über ihre Sünden weine«, und als er eine nähere Erklärung verlangte, erwiderte sie mit gesenkten Augen:

»Frage mich nicht weiter!«

Die erste Kommunion nahte; sie war am Morgen zur Beichte geführt worden.

Das Sakrament machte sie nicht sonderlich verständiger. Sie verfiel zuweilen in wahrhafte Wutanfälle, und Frédéric mußte herbeigeholt werden, um sie zu beruhigen.

Oftmals nahm er sie mit auf seine Spaziergänge. Während er im Gehen vor sich hinträumte, pflückte sie Mohnblumen am Rande der Kornfelder, und wenn sie ihn trauriger sah als gewöhnlich, versuchte sie ihn durch freundliche Worte zu trösten. Sein der Liebe beraubtes Herz klammerte sich an diese Kinder-Freundschaft; er zeichnete ihr Männchen, erzählte ihr Geschichten und begann ihr vorzulesen.

Er fing mit den Annales romantiques an, einer damals berühmten Sammlung von Versen und Prosa. Dann, da ihre Intelligenz ihn entzückte, so daß er ihr Alter ganz vergaß, las er nacheinander Atala, Cing-Mars, les Feuilles d'Automne. Aber in einer Nacht (nach demselben Abend, als sie Macbeth in der einfachen Übersetzung von Letourneur gehört hatte), erwachte sie mit dem Schrei: »Der Fleck! der Fleck!« Ihre Zähne schlugen aufeinander, sie zitterte, und ihre entsetzten Augen auf die rechte Hand heftend, rieb sie diese und schrie: »Immer ein Fleck!« Endlich kam der Arzt, der jede Erregung zu vermeiden vorschrieb.

Die Spießbürger sahen darin nur ein ungünstiges Anzeichen ihrer Sitten. Man sagte, der junge Moreau wolle später eine Schauspielerin aus ihr machen.

Bald war die Rede von einem anderen Ereignis, nämlich der Ankunft des Oheims Barthélemy. Madame Moreau überließ ihm ihr Schlafzimmer und trieb ihren Eifer so weit, daß sie an den Fasttagen Fleisch auftischte.

Der alte Mann war nicht sonderlich liebenswürdig. Er machte fortwährend Vergleiche zwischen Havre und Nogent, wo er die Luft dumpf, das Brot ungenießbar, die Straßen schlecht gepflastert, das Essen mittelmäßig und die Einwohner faul fand. – »Welch einen armseligen Handel habt ihr!« Er tadelte die Extravaganzen seines verstorbenen Bruders, während er selbst siebenundzwanzigtausend Francs Rente angesammelt hatte! Endlich reiste er am Ende der Woche ab und ließ auf dem Wagentritt die wenig beruhigenden Worte fallen: »Es ist mir sehr lieb, euch in einer so guten Lage zu wissen.«

»Du wirst nichts bekommen!« sagte Madame Moreau, als sie wieder in den Saal trat.

Der Oheim war nur auf ihre Bitten gekommen, und sie hatte acht Tage hindurch vielleicht allzu deutlich eine Erklärung herbeizuführen gesucht. Sie bereute diese Handlungsweise und blieb gesenkten Hauptes mit zusammengepreßten Lippen in ihrem Lehnstuhl sitzen. Frédéric, ihr gegenüber, beobachtete sie; und beide schwiegen, wie vor fünf Jahren bei seiner Rückkehr von Montereau. Diese Übereinstimmung erweckte die Erinnerung an Madame Arnoux.

In diesem Augenblick hörte man Peitschenknallen unter dem Fenster und zugleich eine Stimme, die ihn rief.

Es war Vater Roque, allein in seinem Wagen. Er sollte den ganzen Tag in Fortelle bei Monsieur Dambreuse zubringen und forderte Frédéric freundschaftlich auf, ihn zu begleiten.

»Mit mir brauchen Sie keine Einladung; seien Sie ohne Sorge!«

Frédéric hatte Lust, anzunehmen; aber wie sollte er seinen definitiven Aufenthalt in Nogent erklären? Er hatte keinen passenden Sommeranzug; was würde seine Mutter sagen? Er lehnte es ab.

Von da an zeigte der Nachbar sich weniger freundschaftlich. Louise wuchs heran; Madame Eléonore erkrankte gefährlich; und die Beziehungen lösten sich zur großen Freude von Madame Moreau, die für die Niederlassung ihres Sohnes den Umgang mit solchen Leuten fürchtete.

Sie träumte davon, die Anwalt-Praxis für ihn zu erwerben. Frédéric wies diese Idee nicht ganz zurück. Jetzt begleitete er sie zur Messe, spielte abends eine Partie Karten, er gewöhnte sich an die Provinz, versenkte sich hinein, – und selbst seine Liebe hatte eine traurige Süßigkeit, einen betäubenden Reiz angenommen. Da er seinen Schmerz in Briefen ergossen hatte, ihn mit seiner Lektüre vermischt, ihm überall auf seinen Spaziergängen nachgehangen, hatte er ihn fast erschöpft, und Madame Arnoux war für ihn fast wie eine Tote, deren Grab nicht zu kennen ihn überraschte, so ruhig und resigniert war diese Neigung geworden.

Eines Tages, am 12. Dezember 1845, gegen neun Uhr morgens, brachte die Köchin einen Brief auf sein Zimmer. Die mit großen Buchstaben geschriebene Adresse war von unbekannter Hand; und Frédéric, noch verschlafen, beeilte sich nicht, ihn zu entsiegeln. Endlich las er:

»Justice de Paix du Havre, III. Arrondissement.

Mein Herr!

Da Monsieur Moreau, Ihr Oheim, ab intestat verstorben ist...«

Er erbte!

Wie wenn eine Feuersbrunst hinter der Wand nebenan ausgebrochen wäre, sprang er im Hemd, mit nackten Füßen aus dem Bett; er strich sich mit der Hand übers Gesicht, traute seinen Augen nicht, glaubte noch zu träumen, und um sich der Wirklichkeit zu versichern, öffnete er ganz weit das Fenster.

Es war Schnee gefallen; die Dächer waren weiß; – und auf dem Hof erkannte er sogar einen Waschzuber, über den er gestern abend gestolpert war.

Er las den Brief dreimal hintereinander; wirklich wahr? das ganze Vermögen des Oheims! Siebenundzwanzigtausend Francs Rente! – und eine unsinnige Freude über den Gedanken, Madame Arnoux wiederzusehen, brachte ihn außer Fassung. Mit der Klarheit einer Halluzination sah er sich bei ihr, neben ihr, mit einem Geschenk in Seidenpapier, während vor der Tür sein Tilbury, nein, lieber ein Coupé, mit einem Diener in brauner Livree wartete; er hörte sein Pferd wiehern und das Geräusch der Kinnketten sich mit dem Seufzen ihrer Küsse vermischen.

Das würde sich alle Tage wiederholen, unbegrenzt. Er wird sie bei sich empfangen, in seinem Hause; der Speisesaal wird in rotem Leder sein, das Boudoir in gelber Seide, überall Diwans! und was für Wandbretter, was für chinesische Vasen! welche Teppiche! Diese Bilder stürmten so heftig auf ihn ein, daß ihm ganz schwindelig wurde. Dann erinnerte er sich seiner Mutter; er ging hinunter, den Brief hielt er noch immer in der Hand.

Madame Moreau suchte ihre Bewegung zu beherrschen und fiel in Ohnmacht. Frédéric nahm sie in die Arme und küßte sie auf die Stirn.

»Du gute Mutter kannst jetzt deinen Wagen wieder zurückkaufen; lache doch, weine nicht mehr, sei glücklich!«

Zehn Minuten später war die Nachricht bis in die Vorstädte gedrungen. Madame Benoist, Monsieur Gamblin, Monsieur Chambion, alle Freunde eilten herbei. Frédéric entschlüpfte eine Minute, um an Deslauriers zu schreiben. Andere Besuche kamen dazu. Der Nachmittag verstrich mit Beglückwünschungen. Man vergaß Frau Roque gänzlich, mit der es indessen »sehr schlecht« stand.

Abends, als sie beide ganz allein waren, sagte Madame Moreau ihrem Sohne, daß sie ihm rate, sich als Advokat in Troyes niederzulassen. Da er in seiner Heimat bekannter sei als in anderen Gegenden, könne er dort viel leichter eine vorteilhafte Partie machen.

»Nein, das ist zu stark!« rief Frédéric.

Kaum hatte er das Glück in Händen, als man es ihm rauben wollte. Er erklärte ihr seinen ausdrücklichen Wunsch, in Paris zu wohnen.

»Um dort was zu tun?«

»Nichts!«

Überrascht von seinem Wesen, fragte Madame Moreau ihn, was er werden wolle.

»Minister!« erwiderte Frédéric.

Er versicherte, durchaus nicht zu scherzen, daß er vorhabe, sich auf die Diplomatie zu werfen, daß seine Studien und seine Gefühle ihn dorthin trieben. Er würde zuerst mit der Protektion von Monsieur Dambreuse in den Staatsrat eintreten.

»Du kennst ihn also?«

»Allerdings! durch Monsieur Roque!«

»Das ist sonderbar,« sagte Madame Moreau.

Er hatte die alten ehrgeizigen Träume in ihrem Herzen wieder erweckt. Sie überließ sich ihnen vollständig und sprach von keinen anderen mehr.

Hätte er seiner Ungeduld gehorcht, so wäre er augenblicklich abgereist. Am nächsten Morgen waren alle Plätze auf der Post besetzt; er mußte sich bis zum nächsten Tage sieben Uhr abends gedulden.

Sie setzten sich zu Tisch, als von der Kirche drei langsame Glockenschläge ertönten; und das eintretende Dienstmädchen verkündete, daß Madame Eleonore soeben gestorben wäre.

Dieser Tod war übrigens für niemand ein Unglück, nicht einmal für ihr Kind. Das junge Mädchen würde es später dadurch nur besser haben.

Da die beiden Häuser aneinander stießen, hörte man ein lebhaftes Kommen und Gehen, ein Stimmengewirr; und der Gedanke an den Leichnam in ihrer Nähe warf etwas Düsteres auf ihre Trennung.

Madame Moreau trocknete sich zwei- oder dreimal die Augen, Frédéric war beklommen ums Herz.

Nach beendeter Mahlzeit hielt Cathérine ihn zwischen Tür und Angel auf. Mademoiselle wollte ihn absolut sehen. Sie erwarte ihn im Garten. Er ging hinaus, stieg über den Zaun und schlug, sich ein wenig an den Bäumen stoßend, den Weg zu Monsieur Roques Haus ein. In einem Fenster des zweiten Stockwerks brannte Licht; dann erschien eine Gestalt in der Dunkelheit und eine Stimme flüsterte:

»Ich bin es!«

Sie erschien ihm, offenbar ihres schwarzen Kleides halber, viel größer als sonst. Da er nicht wußte, mit welchen Worten er sie anreden sollte, begnügte er sich damit, ihre Hände zu fassen und zu seufzen:

»Ach, meine arme Louise!«

Sie antwortete nicht, nur schaute sie ihn lange an. Frédéric fürchtete, den Wagen zu verfehlen; er glaubte fern ein Rollen zu vernehmen, und begann, um ein Ende zu machen:

»Cathérine sagte mir, du hättest mir etwas...«

»Ja, es ist wahr! ich wollte Ihnen sagen...«

Dieses Sie überraschte Frédéric, und da sie noch schwieg, sagte er:

»Nun was?«

»Ich weiß es nicht mehr. Ich habe es vergessen! Ist es wahr, daß Sie abreisen?«

»Ja, jetzt gleich!«

Sie wiederholte:

»Ach! jetzt gleich? ... für immer? ... werden wir uns nicht wiedersehen?«

Schluchzen erstickte sie.

»Adieu! Adieu! Küsse mich doch! ...«

Und sie warf sich ihm leidenschaftlich in die Arme.


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