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Dritter Teil

1

Der Lärm eines Gewehrfeuers riß ihn jäh aus seinem Schlaf; und trotz der inständigen Bitten Rosanettes wollte Frédéric durchaus fort, um nachzusehen, was vorging. Er schritt die Champs-Elysées hinunter, von wo die Schüsse gekommen waren. An der Rue de Saint-Honoré begegneten ihm Arbeiter und riefen:

»Nein! nicht dort! im Palais-Royal!«

Frédéric folgte ihnen. Man hatte die Gitter von l'Assomption niedergelassen. Weiterhin bemerkte er drei Haufen von Pflastersteinen in der Mitte der Straße, der Beginn einer Barrikade ohne Zweifel, dann Flaschenscherben und Ballen von Eisendraht, um die Berittenen abzusperren, als plötzlich aus einem Gäßchen ein langer, blasser junger Mensch stürzte, dessen schwarzes Haar, von einem farbig getupften Band zusammengehalten, über seine Schultern floß. Er hielt ein langes Soldaten-Gewehr und lief, einem Nachtwandler gleich und geschmeidig wie ein Tiger, auf den Zehen. Von Zeit zu Zeit hörte man eine Detonation.

Am vorhergehenden Abend hatte der Anblick des Wagens mit fünf Leichen, die mit anderen von dem Boulevard des Capucines fortgeschafft worden waren, die Haltung des Volkes verändert; und während in den Tuilerien die Adjutanten einander folgten, Monsieur Molé, der ein neues Kabinett bilden sollte, nicht zurückkehrte, Monsieur Thiers versuchte, ein anderes zusammenzubringen, der König chikanierte, zauderte, dann Bugeaud das General-Kommando übergab und ihn zugleich hinderte, es auszuüben, gestaltete sich der Aufstand furchtbar, wie durch einen einzigen Arm geleitet. Männer von frenetischer Beredsamkeit hielten an den Straßenecken Ansprachen an das Volk; andere läuteten in den Kirchen mit aller Kraft die Sturmglocke; man goß Kugeln, rollte Patronen; die Bäume der Boulevards, die öffentlichen Bedürfnisanstalten, Bänke, Gitter, Gasbrenner, alles wurde abgerissen, umgestürzt. Paris war am Morgen mit Barrikaden bedeckt. Der Widerstand hielt nicht vor, überall griff die Nationalgarde ein, – so daß das Volk sich um acht Uhr gütlich oder mit Gewalt in Besitz von fünf Kasernen, fast aller Mairien, der sichersten strategischen Punkte gesetzt hatte. Ganz von selbst, ohne den leisesten Anstoß sank die Monarchie in rapider Auflösung in sich zusammen; und jetzt wurde der Posten von Château-d'Eau angegriffen, um fünfzig Gefangene zu befreien, die gar nicht dort waren.

Frédéric war gezwungen, am Eingang des Platzes stehen zu bleiben. Bewaffnete Gruppen füllten ihn, Linientruppen besetzten die Straßen Saint-Thomas und Fromanteau. Eine enorme Barrikade versperrte die Rue de Valois. Der Rauch, der über der Schanze schwebte, zerteilte sich, Männer mit lebhaften Geberden stiegen hinüber und verschwanden; dann begann die Beschießung wieder. Der Posten erwiderte sie, ohne daß man im Innern jemand erblickte; die Fenster, durch Eichenläden geschützt, waren von Geschossen durchlöchert; und das Gebäude mit seinen zwei Stockwerken, seinen beiden Flügeln, seiner Fontäne und der kleinen Tür in der Mitte bedeckte sich unter dem Anprall der Kugeln allmählich mit weißen Flecken. Die Freitreppe von drei Stufen blieb leer.

Neben Frédéric stritt ein Mann in der Freiheitsmütze, die Patronentasche quer über seiner gestrickten Weste, mit seiner Frau, die ein Tuch auf dem Kopfe trug. Sie sagte zu ihm:

»So komm doch zurück! komm doch!«

»Laß mich in Ruhe!« erwiderte der Mann. »Du kannst die Loge gut allein überwachen. Ich frage Sie, Citoyen, ist das richtig? Ich habe überall meine Pflicht getan, 1830, 32, 34 und 39! Heute kämpft man! Ich muß mitkämpfen! – Geh!«

Und die Hausmeisterin gab schließlich seinen und den Vorstellungen eines etwa vierzigjährigen Nationalgardisten neben ihnen nach, dessen gutmütiges Gesicht von einem blonden Bart umrahmt war. Er lud seine Waffe und schoß, indem er sich ruhig mit Frédéric unterhielt, so gelassen mitten in dem Aufruhr wie ein Gärtner in seinem Garten. Ein junger Mann in grober Leinwandschürze schmeichelte ihm Zündhütchen für seine Flinte, einen schönen Jagd-Karabiner ab, den ein Herr ihm gegeben hatte.

»Halte dich hinter mir,« sagte der Bürger, »und verbirg dich, du wirst dich töten lassen!«

Die Trommeln wirbelten zum Sturm. Gellende Schreie und triumphierende Hurras ertönten. Ein ununterbrochenes Gewoge hielt die Menge in Bewegung. Zwischen zwei feste Massen geklemmt, überdies außerordentlich gefesselt und belustigt, rührte Frédéric sich nicht von der Stelle. Verwundete, die fielen, Tote, die hingestreckt lagen, sahen gar nicht wie wirklich Verwundete, wirklich Tote aus. Er meinte, einem Schauspiel beizuwohnen.

Mitten im Gewühl über den Köpfen bemerkte man einen Greis in schwarzer Kleidung auf weißem Pferde mit Samtsattel. In einer Hand hielt er einen grünen Zweig, in der andern ein Papier, das er beständig schwenkte. Schließlich, als er es aufgeben mußte, gehört zu werden, zog er sich zurück.

Die Linientruppe war verschwunden und die Munizipalgardisten blieben allein zurück, um die Posten zu verteidigen. Eine Menge Unerschrockener stürmte die Freitreppe; sie stürzten, andere kamen; und das Tor dröhnte, von den Stößen der Eisenstangen erschüttert, aber die Polizei wich nicht. Nun wurde ein Heuwagen, der wie eine Riesenfackel brannte, an die Mauer gezogen. Schnell trug man Reisig, Stroh und eine Branntweintonne herbei. Das Feuer stieg an den Steinen empor; das Gebäude fing an zu qualmen wie eine Schwefelgrube, und oben zwischen den Balustraden der Terrasse drangen mächtige Flammen mit prasselndem Geräusch hervor. Das erste Stockwerk des Palais-Royal hatte sich mit Nationalgardisten gefüllt. Aus allen Fenstern des Platzes wurde geschossen, die Kugeln pfiffen, das Wasser der geborstenen Fontaine mischte sich mit dem Blut und bildete Lachen auf dem Boden; man glitt in dem Schmutz auf Kleidern, Tchakos und Waffen aus; Frédéric fühlte etwas Weiches unter seinem Fuß; es war die Hand eines Sergeanten in grauer Kapuze, der mit dem Gesicht im Rinnstein lag. Fortwährend langten neue Volksmengen an und drängten die Kämpfenden an den Posten heran. Das Schießen wurde heftiger. Die Weinkneipen waren geöffnet; man ging von Zeit zu Zeit hinein, um eine Pfeife zu rauchen oder einen Schoppen zu trinken, dann kehrte man zum Kämpfen zurück. Ein verlaufener Hund heulte. Das erregte Lachen.

Frédéric wankte unter dem Anprall eines Mannes, der mit einer Kugel in der Seite röchelnd auf seine Schulter fiel. Dieser Schuß, der vielleicht auf ihn gezielt war, empörte ihn, und er drängte sich vorwärts, als ein Nationalgardist ihn anhielt:

»Es ist zwecklos! der König ist eben geflohen. Wenn Sie mir nicht glauben, gehen Sie hin und sehen Sie selbst nach!«

Eine solche Versicherung beruhigte Frédéric. Die Place du Carrousel hatte ein ruhiges Aussehen. Das Hôtel de Nantes stand immer noch ungefährdet, und die Häuser dahinter, die Kuppel des Louvre gegenüber, die lange Holzgalerie zur Rechten und die weite, hügelige Strecke, bis zu den Krämerbuden hin, war wie in graue Luft getaucht, wo sich fernes Gemurmel in dem Nebel verlor, während am andern Ende des Platzes ein grelles Licht aus einem Wolkenspalt auf die Fassade der Tuilerien fiel und alle Fenster hell aufleuchten ließ. Neben dem Arc de Triomphe lag ausgestreckt ein totes Pferd. Hinter den Gittern plauderten Gruppen von fünf, sechs Personen. Die Tore des Schlosses standen offen, die Diener auf der Schwelle ließen den Eintritt zu.

Unten standen in einem kleinen Saal Schalen mit Milchkaffee. Einige Neugierige setzten sich scherzend mit an den Tisch; die anderen blieben stehen, und unter diesen ein Droschkenkutscher. Er griff mit beiden Händen ein mit Streuzucker gefülltes Gefäß, warf einen scheuen Blick nach rechts und links und fing dann, die Nase in die enge Öffnung tauchend, gierig an, davon zu essen. Am Fuß der großen Treppe schrieb jemand seinen Namen in ein Register. Frédéric erkannte ihn von hinten.

»Sieh da, Hussonnet!«

»Freilich,« erwiderte der Bohémien. »Ich führe mich bei Hofe ein. Eine schöne Posse das, he?«

»Ob wir hinaufgehen?«

Sie traten in den Saal der Marschälle. Die Porträts dieser Erlauchten waren alle intakt geblieben, bis auf das Bugeauds, das mitten durchbohrt war. Sie standen da auf ihre Säbel gestützt, eine Lafette hinter ihnen, in drohender Haltung, die schlecht zu den Umständen paßte. Eine große Standuhr zeigte ein Uhr zwanzig Minuten.

Plötzlich ertönte die Marseillaise. Hussonnet und Frédéric neigten sich über die Rampe. Es war das Volk. Es stürzte sich auf die Treppen, und bloße Köpfe, Mützen, rote Kappen, Bajonette, Schultern wogten so ungestüm durcheinander, daß einzelne in dieser wimmelnden Masse verschwanden, die unter einem unwiderstehlichen Drang stetig anwuchs, brausend wie ein vom Herbststurm angeschwellter Fluß. Oben zerstreuten sie sich, und der Gesang verstummte.

Man hörte nichts weiter als das Stampfen all der Sohlen und Gesurr der Stimmen. Die harmlose Menge begnügte sich damit, sich umzuschauen. Doch dann und wann drückte sich ein Ellbogen, allzusehr eingeengt, in eine Scheibe; oder auch eine Vase, eine Statuette rollte von einer Konsole auf den Boden. Das zusammengedrückte Getäfel krachte. Alle Gesichter waren rot, der Schweiß rann in großen Tropfen herab; Hussonnet machte die Bemerkung:

»Die Helden riechen nicht gut!«

»Ach! Sie sind boshaft,« erwiderte Frédéric.

Wider Willen vorwärts gestoßen, traten sie in einen Raum, wo an der Decke ein Baldachin von rotem Samt hing. Auf dem Thron dahinter saß ein Proletarier mit schwarzem Bart, das Hemd offen, mit vergnügtem Gesicht und stupide wie ein Affe. Andere erkletterten die Estrade, um sich auf seinen Platz zu setzen.

»Welch eine Mythe!« sagte Hussonnet. »Das ist das souveräne Volk!«

Der Sessel wurde am Ende der Armlehnen emporgehoben und schwankend durch den ganzen Saal getragen.

»Sapperlot! wie er dahin segelt! Das Staatsschiff schaukelt auf stürmischem Meer! Wie es Cancan tanzt! Wie es Cancan tanzt!«

Man war an eines der Fenster gekommen, und unter lautem Gejohle warf man ihn hinaus.

»Armes altes Gestell!« sagte Hussonnet, als er ihn in den Garten fallen sah, wo man ihn an sich riß, um ihn gleich zur Bastille zu bringen und zu verbrennen.

Da brach ein frenetischer Jubel los, als sähen sie an Stelle des Thrones die Zukunft in unbegrenztem Glück! Und der Pöbel zertrümmerte und zerriß, weniger aus Rache, als um seinen Besitz zu betonen, Spiegel und Vorhänge, Kronleuchter, Kandelaber, Tische, Stühle, Taburetts, alle Möbel bis zu Albums mit Zeichnungen und den Handarbeitskörben. Da man Sieger war, mußte man sich doch amüsieren. Das Gesindel putzte sich spottend mit Spitzen und Kaschmirs. Goldene Franzen sahen aus den Blusenärmeln hervor. Hüte mit Straußenfedern schmückten die Köpfe von Grobschmieden, Bänder der Ehren-Legion wurden Gürtel für Prostituierte. Jeder gab seiner Laune nach, die einen tanzten, andere zechten. Im Gemach der Königin glättete eine Frau sich mit Pomade das Haar; hinter einem Wandschirm wurde Karten gespielt; Hussonnet zeigte Frédéric ein Individuum, das, auf den Balkon aufgestützt, einen Stummel rauchte; und die Raserei steigerte sich bei dem unausgesetzten Gepolter von zerbrochenem Porzellan und Kristall, das wie das Klirren einer Glasharmonika klang.

Dann nahm das Toben ab. Eine obscöne Neugierde trieb sie, alle Kabinette, alle Schlupfwinkel zu durchstöbern, alle Schubfächer aufzuziehen. Sträflinge wühlten in den Betten der Prinzessinnen und wälzten sich darin, zum Trost dafür, daß sie sie nicht vergewaltigen konnten. Andere, mit viel finstereren Gesichtern, schlichen schweigend umher und suchten etwas zu stehlen. Aber die Menge war zu groß. Durch die Türöffnungen erblickte man in der Flucht der Zimmer nichts als zwischen den Vergoldungen die dunkle Masse des Volkes in einer Wolke von Staub. Alle keuchten beim Atmen. Die Hitze wurde immer drückender, und aus Furcht zu ersticken eilten die beiden Freunde hinaus.

Im Vorzimmer stand auf einem Kleiderhaufen ein Freudenmädchen in der Haltung der Freiheits-Statue, – unbeweglich, mit weit geöffneten Augen, ein erschreckender Anblick.

Sie waren draußen drei Schritte gegangen, als ein Haufe Munizipalgardisten in Mänteln auf sie zukam, ihre Mützen zogen und alle zugleich ihre ein wenig kahlen Köpfe entblößten, das Volk sehr tief grüßten. Bei diesem Beweis von Achtung warfen die zerlumpten Sieger sich in die Brust. Hussonnet und Frédéric konnten auch nicht umhin, ein gewisses Vergnügen zu empfinden.

Begeisterte Stimmung erfaßte sie. Sie kehrten zum Palais-Royal zurück. Vor der Rue Fromanteau lagen Haufen von Soldatenleichen auf Stroh. Sie gingen kaltblütig daran vorbei, waren sogar stolz darauf, daß sie eine gute Haltung bewahrten.

Das Palais war von Menschen überfüllt. Im inneren Hof brannten sieben Holzstöße. Man warf Pianos, Kommoden, Uhren durch die Fenster. Feuerspritzen spien Wasser bis auf die Dächer. Strolche versuchten die Schläuche mit ihren Säbeln zu zerschneiden. Frédéric forderte einen Polytechniker auf, sich ins Mittel zu legen. Der Polytechniker aber schien dumm zu sein und verstand ihn nicht. Ringsherum in den beiden Galerien überliefe sich der Pöbel, jetzt Herr der Weinkeller, einer fürchterlichen Völlerei. Der Wein floß in Strömen auf den Boden, und Strolche, die aus den Flaschen tranken, schwankten und tobten laut.

»Laß uns fort von hier,« sagte Hussonnet, »dieses Volk widert mich an.«

Die ganze Galerie d'Orléans entlang lagen Verwundete auf Matratzen am Boden, mit Purpurvorhängen zugedeckt; und kleine Bürgerinnen aus dem Viertel brachten ihnen Bouillon und Wäsche.

»Tut nichts!« sagte Frédéric: »ich finde das Volk köstlich.«

Das große Vestibül war von einem Gewimmel rasender Leute angefüllt, Männer wollten in die oberen Stockwerke hinauf, um die Zerstörung zu vollenden; Nationalgardisten bemühten sich, sie zurückzuhalten. Der Unerschrockenste war ein Jäger mit bloßem Kopf, zerzaustem Haar, das Lederzeug zerrissen. Sein Hemd bildete zwischen Rock und Hose einen Bausch, und er kämpfte erbittert mitten unter den anderen. Hussonnet, der ein scharfes Auge hatte, erkannte von fern Arnoux.

Nun gingen sie in den Tuilerien-Garten, um freier atmen zu können. Sie setzten sich auf eine Bank und blieben einige Minuten mit geschlossenen Augen, so benommen, daß sie nicht die Kraft hatten, zu sprechen! Vorübergehende redeten sie an. Die Herzogin von Orléans sei zur Regentin ernannt; alles wäre zu Ende; und sie empfanden jenes Wohlbehagen, das rapiden Entwickelungen folgt, als an jedem der Mansardenfenster des Schlosses Bediente erschienen, die ihre Livreen zerrissen. Sie warfen sie als Zeichen der Abdankung in den Garten. Das Volk verhöhnte sie, und sie zogen sich zurück.

Die Aufmerksamkeit Frédérics und Hussonnets wurde durch einen großen Burschen abgelenkt, der sich mit einem Gewehr über der Schulter zwischen den Bäumen näherte. Ein Patronengürtel schnürte in der Taille seine rote Joppe zusammen, und ein Taschentuch umwand unter der Mütze seine Stirn. Er wandte den Kopf. Es war Dussardier; er warf sich in ihre Arme:

»Ach! welch ein Glück, meine Lieben!« weiter konnte er nichts sagen, so erschöpft war er vor Freude und Müdigkeit.

Seit achtundvierzig Stunden war er auf den Beinen. Er hatte mit an den Barrikaden im Quartier Latin gearbeitet, in der Rue Rambuteau gekämpft, hatte drei Dragoner gerettet, war mit der Abteilung Dunoyer in die Tuilerien eingerückt und dann nach der Kammer und dem Stadthaus geeilt.

»Ich komme von dort! alles geht gut! das Volk triumphiert! Arbeiter und Bürger umarmen sich! ach! wenn ihr wüßtet, was ich gesehen habe! was für tapfere Leute! wie ist das schön!«

Und ohne zu bemerken, daß sie keine Waffen hatten, fuhr er fort:

»Ich war sicher, euch hier zu treffen! Es ging hart her einen Augenblick, tut nichts!« Ein Tropfen Blut rann ihm über die Wange, und auf die Fragen der anderen erwiderte er:

»O, nichts! der Ritz eines Bajonettes!«

»Sie müssen sich aber noch schonen.«

»Ach! ich bin kräftig! was tut das? Die Republik ist proklamiert! jetzt wird man glücklich sein! Journalisten, die eben mit mir sprachen, sagten, daß man Italien und Polen befreien werde. Keine Könige mehr! begreift ihr! Die ganze Erde frei! die ganze Erde frei!«

Und den ganzen Horizont mit einem einzigen Blick umfassend, breitete er in triumphierender Haltung die Arme aus. Aber eine lange Reihe von Menschen lief auf die Terrasse, ans Ufer.

»Ach! Donnerwetter! ich vergaß! Die Forts sind besetzt! Ich muß hin! adieu!«

Er wandte sich, das Gewehr schwingend, um und rief ihnen zu:

»Es lebe die Republik!«

Aus den Schornsteinen des Schlosses wirbelten Massen schwarzen Rauches mit Funken vermischt. Das Läuten der Glocken wirkte von fern wie erschrockenes Stöhnen. Und rechts und links, überall feuerten die Sieger ihre Waffen ab. Obwohl kein Krieger, fühlte Frédéric sein gallisches Blut aufwallen. Das Feuer der enthusiastischen Menge hatte ihn erfaßt. Wollüstig sog er die Gewitterluft voll Pulverdampf ein; und dabei erschauerte er unter dem Fluidum einer grenzenlosen Liebe, einer außerordentlichen, allgemeinen Rührung, als schlüge das Herz der ganzen Menschheit in seiner Brust. Hussonnet sagte gähnend:

»Es wäre vielleicht an der Zeit, die Bevölkerung zu belehren!«

Frédéric begleitete ihn in sein Büro an der Place de la Bourse; und er begann für die Zeitung von Troyes in lyrischem Stil einen Bericht über die Ereignisse zu verfassen, ein wahres Kunstwerk, – das er mit seinem Namen unterzeichnete. Dann aßen sie zusammen in einer Kneipe. Hussonnet war nachdenklich; die Exzentrizitäten der Revolution übertrafen doch noch die seinigen.

Nach dem Kaffee, als sie sich ins Stadthaus begaben, um Neues zu erfahren, hatte seine natürliche Schelmenlaune wieder die Oberhand gewonnen. Er kletterte auf die Barrikaden wie eine Gemse und antwortete den Wachen mit patriotischen Scherzen.

Sie hörten bei Fackelschein die provisorische Regierung proklamieren. Endlich, um Mitternacht, erreichte Frédéric todmüde seine Wohnung.

»Nun,« sagte er beim Auskleiden zu seinem Diener, »bist du zufrieden?«

»Ja, gewiß, Herr! Aber was mir nicht gefällt, ist das Volk dabei!«

Am folgenden Morgen beim Erwachen dachte Frédéric an Deslauriers. Er eilte zu ihm. Der Advokat war eben abgereist, da er zum Kommissar in der Provinz ernannt war. Am Abend des vorhergehenden Tages war er bis zu Ledru-Rollin vorgedrungen und hatte ihn im Namen der Hochschulen bestürmt, ihm eine Stellung zu verschaffen. Übrigens, sagte der Portier, wolle er in der nächsten Woche schreiben, um seine Adresse anzugeben.

Hierauf machte Frédéric der Marschallin einen Besuch. Sie empfing ihn verstimmt, denn sie zürnte ihm wegen seiner Vernachlässigung. Ihr Groll schwand unter den wiederholten Versicherungen, daß wieder Friede sei. Alles wäre jetzt ruhig, kein Grund zur Furcht mehr; er küßte sie; und sie erklärte sich für die Republik, – wie es schon der Erzbischof von Paris getan hatte, und wie es dann mit wunderbarer Geschwindigkeit und Eifer der Magistrat, der Staatsrat, die Akademien, die Marschälle von Frankreich, alle Bonapartisten, alle Legitimisten und eine Anzahl bedeutender Orléanisten taten.

Der Sturz der Monarchie war so rasch gekommen, daß die Bürger, nachdem die erste Bestürzung vorüber war, es wie ein Wunder empfanden, noch zu leben. Die summarische Exekution einiger Diebe, die ohne Urteil erschossen worden waren, betrachtete man als eine gerechte Sache. Man wiederholte sich einen Monat lang den Satz Lamartines über die rote Fahne, »die nur auf dem Champ de Mars erschienen war, während die Tricolore und so weiter«, und alle steckten sich unter ihren Schutz, doch jede Partei sah von den drei Farben nur die ihrige – und gelobte sich fest, die beiden anderen zu entfernen, sobald sie die stärkste sein würde.

Da die Geschäfte stockten, lockten Unruhe und Neugierde jedermann von Hause fort. Die Nachlässigkeit in der Kleidung verminderte den Unterschied zwischen den sozialen Klassen, der Haß verbarg sich, Hoffnungen entfalteten sich, die Menge war voll Sanftmut. Der Stolz eines eroberten Rechts leuchtete auf den Gesichtern. Es herrschte eine Karnevalsfröhlichkeit, ein Biwakleben; es gab nichts Amüsanteres als den Anblick von Paris in diesen ersten Tagen.

Frédéric nahm den Arm der Marschallin, und sie schlenderten zusammen durch die Straßen. Die Rosetten in allen Knopflöchern, die Standarten, die aus allen Fenstern hingen, die Plakate in allen Farben, mit denen die Mauern beklebt waren, belustigten sie, und sie warfen hier und da einige Münzen in die Büchsen für die Verwundeten, die mitten auf der Straße auf einen Stuhl gestellt waren. Dann blieben sie vor den Karikaturen stehen, die Louis-Philippe als Pastetenbäcker, als Seiltänzer, als Hund, als Blutegel darstellten. Aber die Leute Caussidières mit ihren Säbeln und Schärpen erschreckten sie ein wenig. An anderen Stellen wurde ein Freiheitsbaum gepflanzt: Die Herren Geistlichen wetteiferten mit feierlichem Gepränge untereinander, indem sie, von goldbetreßten Dienern geleitet, die Republik segneten; und die Menge fand es sehr schön. Das häufigste Schauspiel war das irgendeiner Deputation, die im Stadthaus etwas fordern wollte; – denn jedes Gewerbe, jede Industrie erwartete von der Regierung das radikale Ende ihrer Not. Einige von ihnen zwar begaben sich nur dahin, um ihr zu raten, sie zu beglückwünschen oder ihr ganz einfach einen kleinen Besuch abzustatten und die Maschine arbeiten zu sehen.

Gegen Mitte März, als er an einem Tage den Pont d'Arcole überschritt, um im Quartier Latin eine Besorgung für Rosanette zu machen, sah Frédéric einen Trupp von Leuten mit bizarren Hüten und langen Bärten ankommen. An der Spitze marschierte als Trommelschläger ein Neger, ein ehemaliges Modell, und der Mann, der das im Winde flatternde Banner mit der Inschrift »Kunstmaler« trug, war kein anderer als Pellerin.

Er machte Frédéric ein Zeichen, zu warten und erschien fünf Minuten später wieder, denn er hatte Zeit, da die Regierung augenblicklich die Steinmetze empfing. Er wollte mit seinen Kollegen die Einrichtung eines Kunstforums fordern, einer Art Börse, wo über künstlerische Interessen verhandelt werden sollte; es würden bei gemeinsamer genialer Arbeit erhabene Werke erstehen. Paris würde dann bald mit riesenhaften Denkmälern bedeckt sein; er wollte sie ausschmücken; er hatte schon eine Figur der Republik angefangen. Einer seiner Kameraden holte ihn, denn die Deputation der Geflügelhändler war ihnen dicht auf den Fersen.

»Welch eine Torheit!« brummte eine Stimme in der Menge. »Immer unnützes Geschwätz! Nichts Kraftvolles!«

Es war Regimbart. Er grüßte Frédéric nicht, benutzte aber die Gelegenheit, seiner Entrüstung freien Lauf zu lassen.

Der Citoyen wandte seine Tage dazu an, in den Straßen umherzustreifen, wobei er sich den Schnurrbart strich, die Augen rollte und unheilkündende Nachrichten einzog und ausstreute; er hatte nur zwei Redensarten: »Hütet euch, man treibt uns in die Enge!« oder auch: »Aber Donnerwetter! man eskamotiert die Republik!« Er war mit allem unzufrieden und besonders darüber, daß man die natürlichen Grenzen nicht wieder zurückgenommen hatte. Schon bei dem Namen Lamartine allein zuckte er die Achseln. Er fand Ledru-Rollin »ungeeignet für das Problem«, erklärte Dupont (de l'Eure) für zopfig; Albert für einen Idioten; Louis Blanc für einen Utopisten, Blanqui für einen äußerst gefährlichen Menschen; und als Frédéric ihn fragte, was hätte getan werden müssen, erwiderte er, seinen Arm schüttelnd, als wolle er ihn zerbrechen:

»Den Rhein nehmen, sage ich Ihnen, den Rhein nehmen! Donnerwetter!«

Dann schimpfte er über die Reaktion.

Sie zeige sich wieder in ihrer wahren Gestalt. Die Plünderung der Schlösser von Neuilly und Suresne, die Feuersbrunst von Batignolles, die Unruhen in Lyon, all die Exzesse, alle Schäden, alles wurde jetzt übertrieben; dazu kam nun noch das Zirkular Ledru-Rollins, der erzwungene Kurs der Banknoten, die auf sechzig Francs gefallene Rente, schließlich als äußerste Ungerechtigkeit, als letzter Coup, als Höhepunkt des Schreckens, die Abgabe von fünfundvierzig Centimes! Obwohl über diese Theorien, die ebenso neu seien wie das Gänsespiel, seit vierzig Jahren soviel gestritten wurde, daß man damit Bibliotheken füllen könnte, erschreckten sie die Bürger wie ein Hagel von Meteorsteinen, und entfachten jenen Haß, den das Auftreten jeder Idee herausfordert, weil sie eine Idee ist, ein Abscheu, der ihr später zum Ruhme gereicht, und die Ursache ist, daß ihre Gegner sich nie zu ihr aufschwingen können, so mittelmäßig sie auch sein mag.

So stehe das Eigentum im Ansehn auf gleichem Niveau mit der Religion und werde selbst eins mit Gott. Jeder Angriff auf den Besitz käme einer Schändung gleich, fast einem Kannibalismus. Trotz der humansten Gesetzgebung, die je bestanden, erschiene das Gespenst von 93 abermals, und das Fallbeil der Guillotine verkünde schwirrend in tausend Silben das Wort Republik; was nicht hinderte, daß man sie ihrer Schwäche wegen verachtete. Frankreich, das keinen Herrn mehr fühle, beginne vor Bestürzung zu schreien wie ein Blinder ohne Stock, wie ein kleiner Junge, der seine Wärterin verloren hat.

Von allen Franzosen am meisten zitterte Monsieur Dambreuse. Die neuen Verhältnisse bedrohten sein Vermögen, widerlegten aber vor allen Dingen seine Erfahrung. Ein so gutes System, ein so weiser König, war es möglich! Die Welt mußte zusammenstürzen! Gleich am folgenden Morgen entließ er drei Dienstboten, verkaufte seine Pferde, kaufte sich, um auf die Straße zu gehen, einen weichen Hut, dachte selbst daran, seinen Bart wachsen zu lassen; er blieb zu Haus, kleinlaut, und las erbittert immer wieder die Zeitungen, die seinen Ideen am feindlichsten gegenüberstanden, und wurde dadurch so verstimmt, daß die Scherze über die Pfeife von Flocon nicht einmal mehr die Kraft hatten, ihm ein Lächeln zu entlocken.

Als Stütze der letzten Regierung fürchtete er die Rache des Volks gegen seine Besitzungen in der Champagne, als die Abhandlung Frédérics ihm in die Hände fiel. Er bildete sich ein, daß sein junger Freund eine sehr einflußreiche Persönlichkeit sei, die ihn, wenn auch nicht unterstützen, so doch wenigstens verteidigen könnte; daher stellte sich Monsieur Dambreuse, von Martinon begleitet, eines Morgens bei ihm ein.

Dieser Besuch, sagte er, hätte keinen andern Zweck, als ihn zu sehen und ein wenig mit ihm zu plaudern. Im ganzen genommen freue er sich über die Ereignisse und nehme von ganzem Herzen »unsere herrliche Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit an, da er im Grunde immer Republikaner gewesen sei«. Wenn er unter der früheren Regierung für das Ministerium gestimmt habe, war es einfach geschehen, um seinen unvermeidlichen Sturz zu beschleunigen. Er entrüstete sich sogar über Monsieur Guizot, »der uns in eine schöne Klemme gebracht hat, darüber sind wir doch einig«! Dagegen bewunderte er Lamartine sehr, der sich »prächtig benommen hat, auf mein Wort, besonders in bezug auf die rote Fahne ...«

»Ja, ich weiß,« sagte Frédéric.

Dann erklärte er seine Sympathie für die Arbeiter.

»Denn schließlich, mehr oder weniger sind wir alle Arbeiter!« Und er trieb seine Unparteilichkeit so weit, anzuerkennen, daß Proudhon Logik besäße. »O! sehr viel Logik! Teufel auch!« Dann sprach er mit der Unbefangenheit einer höheren Intelligenz von der Kunstausstellung, wo er das Bild von Pellerin gesehen hatte. Er fand es originell, sehr gelungen.

Martinon unterstützte jedes seiner Worte mit beistimmenden Bemerkungen; auch er meinte, man müsse »sich offen der Republik anschließen« und er sprach von seinem Vater als Arbeiter, spielte sich als den Bauern, als Mann aus dem Volke auf. Man kam bald auf die Wahlen zur National-Versammlung und auf die Kandidaten des Bezirkes de la Fortelle. Der von der Gegenpartei hätte keine Aussichten.

»Sie sollten seinen Platz einnehmen!« sagte Monsieur Dambreuse.

Frédéric erhob Einspruch.

»O! warum nicht?« Er würde die Stimmen der Ultras infolge seiner persönlichen Ansichten erhalten, die der Konservativen seiner Familie wegen. »Und vielleicht auch«, fügte der Bankier lächelnd hinzu, »ein wenig dank meinem Einflusse.«

Frédéric wandte ein, er wisse nicht, wie er es anfangen sollte. Nichts sei leichter, indem er sich den Patrioten des Aube-Departements durch einen Klub der Hauptstadt empfehlen lasse. Es handle sich darum, nicht ein Glaubensbekenntnis abzulegen, wie man es täglich höre, sondern eine Darlegung ernster Prinzipien zu geben.

»Bringen Sie es mir; ich weiß, was für diesen Bezirk paßt! Und Sie könnten, ich wiederhole es Ihnen, dem Lande, uns allen, mir selber große Dienste leisten.«

In solchen Zeiten müsse man sich gegenseitig helfen, und falls Frédéric etwas brauche, so würde er oder seine Freunde ...

»O! tausend Dank! Monsieur Dambreuse!«

»Aus Wiedervergeltung, wohl verstanden!«

Der Bankier war entschieden ein guter Mensch.

Frédéric konnte nicht umhin, über seinen Rat nachzudenken; und bald fühlte er sich von einer Art Schwindel ergriffen.

Die großen Gestalten des Konvents zogen an seinem Auge vorüber. Ihm schien, es breche eine herrliche Morgenröte an. Rom, Wien, Berlin im Ausstand; die Österreicher aus Venedig vertrieben; ganz Europa in Aufruhr. Es war an der Zeit, sich in die Bewegung zu stürzen, sie vielleicht zu beschleunigen; und dann lockte ihn das Kostüm, das die Deputierten tragen würden, wie man sagte. Er sah sich bereits in dem Wams, quer darüber eine dreifarbige Schärpe; und dieser Kitzel, diese Halluzination wurden so stark, daß er sich Dussardier anvertraute.

Der Begeisterung des braven Burschen war kein Ende.

»Gewiß, selbstverständlich! Lassen Sie sich ausstellen!«

Nichtsdestoweniger fragte Frédéric Deslauriers um Rat. Die idiotische Opposition, die den Kommissar in seiner Provinz hemmte, hatte seinen Liberalismus noch gesteigert. Er gab ihm sofort strenge Verhaltungsmaßregeln.

Doch Frédéric hatte das Verlangen, auch von andern unterstützt zu werden, und vertraute die Sache eines Tages Rosanette an, als die Vatnaz eben bei ihr war.

Sie war eine jener Pariser unverheirateten Frauen, die jeden Abend, nachdem sie ihre Stunden gegeben oder versucht haben, kleine Zeichnungen zu verkaufen und armselige Manuskripte anzubringen, mit angeschmutztem Rockrand nach Haus kommen, ihr Mittag selbst zubereiten, es ganz allein verzehren, dann mit den Füßen auf einem Fußwärmer, beim Schein einer unsauberen Lampe von einer Liebe träumen, von einer Familie, einem eignen Herd, dem Glück, von allem, was ihnen fehlt. Auch sie hatte, wie viele andere, in der Revolution den Beginn der Vergeltung begrüßt; – und sie widmete sich einer zügellosen, sozialistischen Propaganda.

Die Befreiung des Proletariats war nach der Vatnaz nur möglich durch Befreiung der Frau. Sie verlangte ihre Zulassung zu allen Ämtern, la recherche de la paternité, ein anderes Gesetzbuch, Abschaffung oder allerwenigstens »eine vernünftigere Regelung der Ehe«. Dann sollte jede Französin verpflichtet sein, einen Franzosen zu heiraten oder sich einen alten Liebhaber anzuschaffen. Die Ammen und Hebammen sollten vom Staat besoldete Beamtinnen sein; es müßte eine Jury bestehen, um Frauenarbeiten zu prüfen, spezielle Verleger für Frauen geben, eine polytechnische Schule für Frauen, eine Nationalgarde für Frauen, kurz alles für die Frauen! Und da die Regierung ihre Rechte verkannte, müßten sie die Gewalt durch Gewalt besiegen. Zehntausend Bürgerinnen mit guten Gewehren könnten das Stadthaus erzittern machen!

Die Kandidatur Frédérics schien günstig für ihre Ideen. Sie ermutigte ihn, indem sie ihm den Ruhm in der Ferne zeigte. Rosanette freute sich, einen Geliebten zu haben, der in der Kammer sprechen würde.

»Und dann gibt man dir vielleicht eine gute Stellung.«

Frédéric als großer Schwächling wurde von dem allgemeinen Wahn angesteckt. Er verfaßte eine Rede und ging zu Monsieur Dambreuse, sie ihm zu zeigen.

Bei dem Geräusch des großen Tores, das zufiel, öffnete sich der Vorhang hinter einem Fenster; eine Frau zeigte sich dort. Er hatte keine Zeit, sie zu erkennen; aber im Vorzimmer hielt ihn ein Bild auf, das Bild Pellerins, augenscheinlich provisorisch auf einen Stuhl gestellt.

Es sollte die Republik darstellen oder den Fortschritt, oder die Zivilisation in der Gestalt von Jesus Christus, der eine Lokomotive führte, die durch einen Urwald fuhr. Nach einer Minute des Anschauens rief Frédéric:

»Wie schauderhaft ist das!«

»Nicht wahr?« sagte Monsieur Dambreuse, der bei diesem Wort dazutrat und meinte, es beziehe sich nicht auf die Malerei, sondern auf die in dem Bilde verherrlichte Idee. Im selben Augenblick kam Martinon. Sie gingen in das Kabinett hinüber, und Frédéric zog ein Papier aus der Tasche, als Mademoiselle Cécile, die plötzlich eintrat, mit unbefangener Miene fragte:

»Ist meine Tante hier?«

»Du weißt doch, daß sie nicht hier ist;« erwiderte der Bankier. »Aber schadet nichts! Tun Sie ganz wie zu Haus, mein Fräulein.«

»O danke! ich gehe wieder!«

Kaum war sie gegangen, als Martinon tat, als suche er sein Taschentuch.

»Ich habe es in meinem Paletot vergessen. Verzeihen Sie!«

»Bitte!« sagte Monsieur Dambreuse.

Offenbar überraschte ihn dieses Manöver nicht, er schien es sogar zu begünstigen. Warum? Doch bald erschien Martinon wieder, und Frédéric begann seine Rede. Bei der zweiten Seite, die das Übergewicht pekuniärer Interessen als eine Schande bezeichnete, machte der Bankier eine Grimasse. Dann, bei Erörterung der Reformen, verlangte Frédéric den Freihandel.

»Wie? ... Aber erlauben Sie!«

Er hörte nicht und fuhr fort. Er forderte Vermögenssteuer, progressive Besteuerungsweise, einen europäischen Staatenbund, Belehrung des Volks, die weiteste Förderung der Schönen Künste.

Wenn das Land Männern wie Delacroix oder Hugo hunderttausend Francs Rente bewilligte, wäre das schlimm?

Das Ganze endigte mit Ratschlägen für die höheren Klassen.

»Spart nicht, ihr Reichen! gebt! gebt!«

Er hielt inne und blieb stehen. Seine beiden Zuhörer saßen und sprachen nicht; Martinon sperrte die Augen auf, Monsieur Dambreuse war ganz bleich. Schließlich verbarg er seine Erregung unter einem herben Lächeln und sagte:

»Ihre Rede ist vollendet!« Und er rühmte ihre Form, um nicht auf ihren Inhalt eingehen zu brauchen.

Diese Heftigkeit seitens eines harmlosen jungen Menschen erschreckte ihn, besonders als Symptom. Martinon suchte ihn zu beruhigen. Die konservative Partei würde in kurzem sicherlich Vergeltung üben; in mehreren Städten hatte man die Kommissare der provisorischen Regierung fortgejagt: die Wahlen wären erst für den 23. April festgesetzt, man hätte Zeit; kurz, Monsieur Dambreuse müsse sich selber in Aube aufstellen lassen; und von nun an verließ Martinon ihn nicht mehr, er wurde sein Sekretär und umgab ihn mit der Sorgfalt eines Sohnes.

Frédéric kam sehr zufrieden mit sich zu Rosanette. Delmar war dort und erzählte ihm, daß er sich »definitiv« als Kandidat der Seine-Wahlen aufstelle. In einem Aufruf, der »an das Volk« gerichtet war und in dem er es duzte, rühmte der Schauspieler sich, es zu verstehen, und sich zu seinem Heil der Kunst geopfert zu haben, so daß er nun deren Verkörperung sei, ihr Ideal; – er glaubte tatsächlich, einen enormen Einfluß auf die Massen zu haben, so daß et sich später in einem Büro des Ministeriums erbot, ganz allein einen Aufruhr zu unterdrücken: und nach den Mitteln gefragt, die er anzuwenden dachte, gab er die Antwort:

»Fürchten Sie nichts! Ich zeige ihnen meinen Kopf!«

Um ihn zu kränken, kündigte Frédéric ihm seine eigene Kandidatur an. Von dem Augenblick, wo sein zukünftiger Kollege die Provinz ins Augenmerk nahm, erklärte der Komödiant, ihm zu Diensten zu stehen und erbot sich, ihn in den Klubs herumzuführen.

Sie besuchten sie alle oder fast alle, die roten und die blauen, die wilden und die zahmen, der Puritaner, der Bettler, der Mystiker und der Trunkenbolde, die, wo man den Tod der Könige dekretierte, und die, wo man den Lebensmittelwucher bekämpfte; und überall verwünschten die Mieter die Hausbesitzer, die Bluse hatte es auf den Rock abgesehen, und die Reichen verschworen sich gegen die Armen. Mehrere wollten Entschädigungen als frühere Opfer der Polizei, andere verlangten Geld, um Erfindungen in Gang zu bringen, oder es waren auch Pläne zu Siedlungshäusern, Projekte für Bezirks-Bazare, Systeme für das öffentliche Wohl; – dann hier und da ein Geistesblitz in diesem nebelhaften Unverstand, Zurufe, plötzlich wie ein Aufzischen, und Redeblüten im Munde eines Burschen, der das Wehrgehänge eines Säbels auf der bloßen Brust trug. Bisweilen trat auch ein Herr auf, ein Aristokrat von bescheidener Haltung, der plebejische Anschauungen verkündete, und der sich nicht die Hände gewaschen hatte, um sie rauh erscheinen zu lassen. Ein Patriot erkannte ihn wieder, die fanatischsten mißhandelten ihn, und er ging grollenden Herzens hinaus. Man mußte dem gesunden Menschenverstand zuliebe immer die Advokaten verachten und sich so oft wie möglich der Schlagworte: »seinen Stein zum Bau beitragen, – soziales Problem, – Werkstätte« bedienen.

Delmar verfehlte keine Gelegenheit, das Wort zu ergreifen; und wenn er nichts mehr zu sagen fand, war sein Hilfsmittel, daß er sich, mit der geballten Hand auf der Hüfte, den andern Arm in der Weste, plötzlich im Profil, hinstellte, um auf diese Weise seinen Kopf zur Geltung zu bringen. Dann brach ein Beifallssturm los, von Mademoiselle Vatnaz im Hintergrund des Saales angeregt.

Frédéric wagte sich trotz der Unzulänglichkeit der anderen Redner nicht hervor. Alle diese Leute schienen ihm zu ungebildet oder zu feindlich gesinnt.

Aber Dussardier forschte nach und kündigte ihm an, daß in der Rue Saint-Jacques ein Klub existiere, der sich »Klub der Intelligenz« nenne. Ein solcher Name erweckte gute Aussichten. Außerdem würde er Freunde hinbringen.

Er führte alle hin, die er damals zu einem Punsch eingeladen hatte: den Buchhalter, den Weinreisenden, den Architekten: selbst Pellerin war gekommen, und vielleicht würde auch Hussonnet noch kommen. Auf dem Trottoir vor der Tür hatte Regimbart sich mit zwei Individuen aufgestellt, von denen der eine sein getreuer Compain war, ein ziemlich stämmiger, blatternarbiger Mensch mit roten Augen, und der andere ein affenartiger Neger mit außerordentlich starkem Haarwuchs, den er nur als »einen Patrioten aus Barcelona« kannte.

Sie durchschritten einen Gang und wurden dann in einen großen Raum geführt, ohne Zweifel eine Schreinerwerkstatt, deren noch neue Wände nach Mörtel rochen. Vier nebeneinander gehängte Lampen gaben ein unangenehmes Licht. Auf einer Estrade im Hintergrund stand ein Schreibtisch mit einer Glocke, unten davor ein Tisch, der die Tribüne vorstellen sollte, und an jeder Seite zwei andere, niedrigere für die Sekretäre. Das Auditorium auf den Bänken war aus alten Farbenklecksern, Schullehrern und ungedruckten Schriftstellern zusammengesetzt. In den Reihen der Paletots mit fettigem Kragen sah man hier und da den Hut einer Frau oder den Kittel eines Arbeiters. Der Hintergrund des Saales war von Arbeitern angefüllt; die augenscheinlich zum Zeitvertreib hergekommen waren, oder die von Rednern eingeführt waren, um zu applaudieren.

Frédéric trug Sorge, zwischen Dussardier und Regimbart zu kommen, der, kaum auf seinem Platz, die Hände auf seinen Stock stützte, das Kinn auf die Hände und die Lider schloß, während am andern äußersten Ende des Saales Delmar stehend die Versammlung überragte.

Am Tisch des Präsidenten erschien Sénécal.

Diese Überraschung, dachte der gute Kommis, würde Frédéric gefallen. Aber sie ärgerte ihn.

Die Menge bezeigte ihrem Präsidenten große Ehrerbietung. Er gehörte zu denen, die am 25. Februar die unmittelbare Organisation der Arbeiter verlangt hatten; am folgenden Morgen hatte er im Prado dafür gestimmt, das Stadthaus anzugreifen; und wie jeder sich nach einem Vorbild richtete, der eine kopierte Saint-Just, der andere Danton und einer Marat, versuchte er, Blanqui zu gleichen, der Robespierre nachahmte. Seine schwarzen Handschuhe und gebürsteten Haare gaben ihm ein strenges, sehr passendes Aussehen.

Er eröffnete die Sitzung mit der Erklärung der Menschenrechte und Bürgerrechte, dem üblichen Glaubensbekenntnis. Dann stimmte eine kräftige Stimme les Souvenirs du peuple von Béranger an.

Andere Stimmen erhoben sich.

»Nein! nein! nicht dies!«

»La Casquette!« fingen im Hintergrund die Patrioten an zu brüllen.

Und sie sangen im Chor das Lied des Tages:

Chapeau das devant ma casquette,
à genoux devant l'ouvrier!

Auf ein Wort des Präsidenten verstummten alle. Einer der Sekretäre schritt zur Verlesung der Briefe.

»Junge Leute kündigen an, daß sie jeden Abend vor dem Panthéon eine Nummer der Assamplée nationale verbrennen, und fordern alle Patrioten auf, ihrem Beispiel zu folgen!

»Bravo! angenommen!« erwiderte die Menge.

»Der Citoyen Jean-Jacques Langreneux, Typograph, Rue Dauphine, möchte, daß ein Denkmal zum Andenken der Märtyrer des Thermidor errichtet werde.«

»Michel-Evariste-Népomucène Vincent, Ex-Professor, verlangt, daß die europäische Demokratie die Einheit der Sprache annehme. Man könnte sich einer toten Sprache bedienen, wie zum Beispiel des vervollkommneten Latein.«

»Nein! kein Latein!« rief der Architekt.

»Warum?« erwiderte ein Lehrer.

Und diese beiden Herren begannen eine Diskussion, in die andere sich hineinmischten, jeder warf ein Wort hinein, um zu verblüffen, wodurch es so langweilig wurde, daß viele fortgingen.

Doch ein kleiner Greis mit grünen Brillengläsern und einer außergewöhnlich hohen Stirn verlangte das Wort zu einer dringenden Mitteilung.

Es war eine Ausstellung über die Steuerveranlagung. Ein Strom von Zahlen, es nahm kein Ende! Die Ungeduld machte sich anfangs in Murren Luft, in Unterhaltungen; nichts störte ihn. Dann begann man zu pfeifen, zu zischen. Man rief zur Ordnung, Sénécal vermahnte das Publikum; der Redner fuhr fort wie eine Maschine. Man mußte ihn, um ihn aufzuhalten, beim Ellbogen fassen. Der gute Mann schien wie aus einem Traum zu erwachen und nahm gelassen seine Brillengläser ab:

»Um Verzeihung! Bürger! Verzeihung! Ich ziehe mich zurück! bitte tausendmal um Entschuldigung!«

Der Mißerfolg dieses Vortrags entmutigte Frédéric. Er hatte seine Rede in der Tasche, aber eine Improvisation wäre wertvoller gewesen. Endlich verkündete der Präsident, daß man zur Hauptsache überginge, zur Wahl-Frage. Es würde nicht über die großen republikanischen Listen diskutiert werden. Der »Klub der Intelligenz« hätte aber ebenso gut wie jeder andere das Recht, eine solche aufzustellen, »trotz der Herren Paschas im Stadthaus«, und die Bürger, die sich um das Volks-Mandat bewerben, könnten ihre Ansprüche geltend machen.

»Gehen Sie doch hin!« sagte Dussardier.

Ein Mann in einer Soutane, kraushaarig und mit erregtem Gesicht, hatte bereits die Hand erhoben. Er erklärte stammelnd, daß er Ducretot heiße, Pastor und Agronom sei und Autor eines Werkes mit dem Titel »Dungmittel«. Man verwies ihn an einen Gartenbauverein.

Dann stieg ein Patriot in einer Bluse auf die Tribüne. Es war ein Plebejer, breitschultrig, mit vollem, sehr sanftem Gesicht und langem schwarzem Haar. Er schaute mit einem fast wollüstigen Blick auf die Versammlung, warf den Kopf zurück, und die Arme ausbreitend, begann er endlich:

»Ihr habt Ducretot zurückgestoßen, o, meine Brüder! und Ihr habt recht getan, aber es geschah nicht aus Gottlosigkeit, denn wir sind alle religiös.«

Viele hörten mit offenem Munde zu, mit der Miene von Konfirmanden und in ekstatischer Haltung.

»Es geschah auch nicht, weil er Priester ist, denn auch wir sind Priester! Der Arbeiter ist Priester, wie der Gründer des Sozialismus, unser aller Meister, Jesus Christus es gewesen ist!«

Der Augenblick sei gekommen, das Reich Gottes zu verkünden! Das Evangelium wiese geradezu auf 89 hin! Nach der Abschaffung der Sklaverei, Abschaffung des Proletariats. Das Zeitalter des Hasses sei vorüber, jetzt beginne das Zeitalter der Liebe.

»Das Christentum ist der Schlußstein des Gewölbes und das Fundament des neuen Gebäudes ...«

»Sie haben uns zum besten!« schrie der Schankwirt. »Hat man je einen solchen Pfaffen gesehen!«

Diese Unterbrechung verursachte großen Lärm. Fast alle stiegen auf die Bänke und schrien mit erhobenen Fäusten: »Atheist! Aristokrat! Kanaille!« während die Glocke des Präsidenten unausgesetzt läutete und die Rufe »Zur Ordnung!« sich wiederholten. Aber unerschrocken und überdies durch »drei Kaffees« gestärkt, die er vorher genommen hatte, verteidigte er sich mitten unter den anderen.

»Wie, ich ein Aristokrat? Geht doch!«

Als man ihm endlich gestattete, sich zu erklären, setzte er ihnen auseinander, daß man mit den Priestern niemals Ruhe haben werde, und da man eben von zweckmäßigen Einrichtungen gesprochen, wäre es am besten, die Kirchen, die heilige Monstranz und schließlich den ganzen Gottesdienst abzuschaffen.

Jemand warf ihm vor, er gehe zu weit.

»Ja, ich gehe weit! Aber wenn ein Schiff vom Sturm überrascht wird ...«

Ohne das Ende des Vergleichs abzuwarten, entgegnete ein anderer:

»Zugegeben! Aber das heißt, mit einem Schlage alles zerstören, wie ein Maurer ohne Unterscheidungsvermögen.«

»Sie beleidigen die Maurer,« brüllte ein mit Mörtel bedeckter Bürger. Und in dem hartnäckigen Glauben, daß man ihn herausgefordert hatte, stieß er Schimpfworte aus, wollte sich schlagen und klammerte sich an seine Bank. Drei Mann waren notwendig, ihn hinauszubringen.

Doch der Arbeiter war immer noch auf der Tribüne. Die beiden Sekretäre forderten ihn auf, herunterzukommen. Er protestierte gegen diese Zurücksetzung.

»Sie werden mich nicht daran hindern, zu rufen: Ewig lebe unser teures Frankreich! ewig lebe die Republik!«

»Bürger!« sagte Compain darauf, »Bürger!«

Und als er auf den wiederholten Ruf »Bürger« etwas Ruhe erlangt hatte, stützte er seine beiden roten Hände wie zwei Stümpfe auf die Tribüne, beugte sich vornüber und kniff die Augen zu:

»Ich glaube, man müßte dem Kalbskopf eine viel größere Verbreitung geben.«

Alle schwiegen in dem Glauben, nicht recht verstanden zu haben.

»Ja! dem Kalbskopf!«

Dreihundertstimmiges Gelächter brach mit einem Schlage aus. Die Decke zitterte. Vor all diesen vor Vergnügen verzerrten Gesichtern wich Compain zurück. Er erwiderte entrüstet:

»Wie, Sie kennen den Kalbskopf nicht?«

Es war ein Paroxysmus, ein Delirium. Man hielt sich die Seiten. Einige fielen sogar auf die Erde unter die Bänke. Compain flüchtete sich neben Regimbart und wollte ihn mitziehen.

»Nein! ich bleibe bis zum Schluß!« sagte der Citoyen.

Diese Antwort brachte Frédéric zum Entschluß; und als er zu seiner Unterstützung rechts und links nach seinen Freunden suchte, bemerkte er Pellerin auf der Tribüne vor sich. Der Künstler betrachtete die Menge von oben herab.

»Ich möchte wissen, wo bleibt bei all diesem der Kandidat für die Kunst? Ich habe ein Bild gemalt ...«

»Wir haben nichts mit Bildern zu schaffen!« rief brutal ein hagerer Mensch mit roten Flecken auf den Backen.

Pellerin beschwerte sich über diese Unterbrechung.

Doch der andere fuhr mit tragischem Ton fort:

»Hätte die Regierung nicht schon längst durch ein Dekret die Prostitution und das Elend abschaffen müssen?«

Und da diese Worte ihm sofort die Gunst der Menge verschafften, donnerte er gegen die Verderbtheit der großen Städte.

»Schimpf und Schande! Man müßte die Bürger beim Herauskommen aus der Maison d'or erwischen und ihnen das Gesicht zerkratzen! Wenn wenigstens die Regierung nicht die Schlemmerei begünstigte! Aber die Zollbeamten benehmen sich gegen unsere Töchter und Schwestern dermaßen unanständig ...«

Eine Stimme rief von weitem:

»Das ist ja ein Spaßvogel!«

»Hinaus!«

»Man nimmt uns Steuern ab, um die Liederlichkeit zu bezahlen! Dann die großen Gehälter der Schauspieler ...«

»Mir das!« schrie Delmar.

Er stürzte auf die Tribüne, schob alle beiseite und nahm seine Pose ein; dann erklärte er, daß er so platte Beschuldigungen verachte, und verbreitete sich über die zivilisatorische Mission des Schauspielers. Da das Theater der Herd nationaler Bildung sei, stimme er für die Reform der Theater; und vor allem keine Direktionen, keine Privilegien mehr!

»Ja! keinerlei!«

Das Gebaren des Schauspielers erhitzte die Menge, und es regnete umstürzlerische Anträge.

»Keine Akademien! Keine Institute!«

»Keine Missionen!«

»Keine Examina mehr!«

»Fort mit den Universitäts-Graden!«

»Behalten wir sie,« sagte Sénécal, »aber sie müssen durch allgemeine Abstimmung durch das Volk, diesen einzig gerechten Richter, verliehen werden!«

Das Wesentliche sei dies übrigens nicht! Man müsse vor allem erst einmal mit den Reichen aufräumen. Und er schilderte das verbrecherische Leben in ihren goldstrotzenden Palästen, während die Armen, die sich in ihren Dachkammern vor Hunger wanden, alle Tugenden pflegten.

Der Beifall wurde so stark, daß er eine Pause machen mußte. Während einiger Minuten stand er mit geschlossenen Augen da, den Kopf zurückgeworfen, wie eingewiegt von dieser Empörung, die er hervorgerufen hatte.

Dann begann er in lehrhaftem Ton, gebieterisch wie ein Gesetzgeber zu sprechen. Der Staat müsse sich der Banken und der Versicherungs-Anstalten bemächtigen. Erbschaften seien abzuschaffen. Ein Fonds für die Arbeiter sei zu stiften. Viele andere Maßnahmen wären in Zukunft noch notwendig. Dies genüge für den Augenblick; und auf die Wahlen zurückkommend, sagte er:

»Wir brauchen lautere Bürger, völlig neue Männer! Wird sich jemand melden?«

Frédéric erhob sich. Ein beifälliges Gemurmel entstand, von seinen Freunden ausgehend. Aber Sénécal begann, indem er Fouquier-Tinville nachahmte, ihn nach seinen Namen, Vornamen, Vergangenheit, Lebensumständen und Gewohnheiten auszufragen.

Frédéric beantwortete kurz die Hauptsachen und biß sich in die Lippen. Sénécal fragte, ob jemand Einwendungen gegen diese Kandidatur zu machen habe.

»Nein! nein!«

Aber er selbst hätte eine solche zu machen. Alle beugten sich und spitzten die Ohren. Dieser Citoyen habe eine gewisse Summe nicht gegeben, die er zu der Gründung einer demokratischen Zeitung versprochen hatte. Außerdem habe er am 22. Februar, obwohl genügend benachrichtigt, die Versammlung Place du Panthéon versäumt.

»Ich schwöre, daß er in den Tuilerien war!« rief Dussardier.

»Können Sie schwören, ihn im Panthéon gesehen zu haben?«

Dussardier senkte den Kopf. Frédéric schwieg; seine Freunde waren entrüstet und betrachteten ihn mit Unruhe.

»Vor allen Dingen,« fuhr Sénécal fort, »kennen Sie einen Patrioten, der uns für seine Prinzipien einsteht?«

»Ich!« sagte Dussardier.

»O! das genügt nicht! ein anderer!«

Frédéric wandte sich zu Pellerin. Der Künstler erwiderte ihm durch eine Reihe von Gebärden, die sagen sollten:

»Ach, mein Lieber, sie haben mich abgewiesen! Zum Teufel! was soll ich da?«

Da stieß Frédéric Regimbart mit dem Ellbogen an.

»Ja, es ist wahr! es ist Zeit! ich gehe!«

Und Regimbart stieg auf die Estrade; dann wies er auf den Spanier, der ihm gefolgt war:

»Erlaubt mir, Bürger, euch einen Patrioten aus Barcelona vorzustellen!«

Der Patriot verneigte sich tief, rollte die glänzenden Augen wie ein Automat, und sagte, die Hand auf dem Herzen:

» Ciudadanos! mucho aprecio el honor que me dispensais, y si grande es vuestra bondad mayor es vuestro atencion.«

»Ich bitte ums Wort,« rief Frédéric.

» Desde que se proclamo la constitucion de Cadiz, ese pacto fundamental de las libertades espanolas, hasta la ultima revolucion, nuestra patria cuenta numerosos y heroicos martires.«

Frédéric wollte sich noch einmal Gehör verschaffen:

»Aber Bürger!«

Der Spanier fuhr fort:

» El martes proximo tendra lugar en la iglesia de la Magdelena un servicio funebre.«

»Das ist ja lächerlich! niemand versteht etwas!«

Diese Bemerkung empörte die Menge.

»Hinaus! Hinaus!«

»Wer? ich?« fragte Frédéric.

»Ja, Sie!« sagte Sénécal gebieterisch. »Hinaus!«

Er erhob sich, um hinauszugehen; und die Stimme des Iberiers verfolgte ihn:

» Y todos los espanoles descarian ver alli reunidas las deputaciones de los clubs y de la milica nacional. Une oracion funebre en honor de la libertad espanola y del mundo entero, sera prononciado por un miembro del clero de Paris en la sala Bonne-Nouvelle. Honor al pueblo frances, que Ilamaria yo el primero pueblo del mundo, sino fuese ciudadano de otra nacion!«

»Aristo!« brüllte ein Zuhälter und hob die Faust. Entrüstet stürmte Frédéric in den Hof.

Er bereute seine Aufopferung, ohne zu überlegen, daß die gegen ihn vorgebrachten Beschuldigungen richtig waren. Welch eine fatale Idee war doch diese Kandidatur! Und was für Esel, was für Cretins! Er verglich sich mit diesen Menschen und tröstete sich mit ihrer Dummheit über seinen verletzten Stolz.

Dann hatte er das Bedürfnis, Rosanette zu sehen. Nach soviel Widerwärtigkeit und Hohlheit mußte ihr liebenswürdiges Wesen eine Erholung sein. Sie wußte, daß er sich an diesem Abend in einem Klub hatte vorstellen sollen. Doch als er eintrat, fragte sie nicht einmal danach. Sie saß neben dem Kamin und trennte das Futter aus einem Kleide. Eine solche Arbeit überraschte ihn.

»Was machst du denn da?«

»Du siehst es ja,« sagte sie trocken. »Ich bessere meine Sachen aus! Das macht deine Republik!«

»Warum meine Republik?«

»Ist es vielleicht meine?«

Und sie begann, ihm über alles Vorwürfe zu machen, was seit zwei Monaten in Frankreich vorging, beschuldigte ihn, die Revolution angezettelt zu haben, die Ursache davon zu sein, daß man ruiniert war, daß die reichen Leute Paris verließen und sie selber bald im Spital sterben werde.

»Du mit deinen Renten hast gut reden! Übrigens, wenn es so weiter geht, wirst du sie nicht lange mehr haben, deine Renten!«

»Das kann sein,« sagte Frédéric, »die Aufopferndsten werden immer verkannt; und wenn man nicht sein gutes Gewissen hätte, würden die Esel, mit denen man sich einläßt, einem noch die eigene Selbstverleugnung verleiden.«

Rosanette sah ihn mit gerunzelten Brauen an.

»Was? Welche Selbstverleugnung? Der Herr hat keinen Erfolg gehabt, wie es scheint? Umso besser! Das hast du davon, patriotische Schenkungen zu machen. O! lüge nicht! Ich weiß, daß du ihnen dreihundert Francs gegeben hast, denn sie läßt sich ja aushalten, deine Republik! Meinetwegen, amüsiere dich nur mit ihr, mein Guter!«

Diese Flut von Albernheiten bereitete Frédéric nach der einen Enttäuschung eine noch schwerere.

Er hatte sich in den Hintergrund des Zimmers zurückgezogen. Sie kam zu ihm.

»Sieh mal! In einem Lande ist ebenso wie in einem Hause ein Herr notwendig, sonst geht alles drüber und drunter. Erstlich weiß jedermann, daß Ledru-Rollin mit Schulden überladen ist! Was Lamartine anbetrifft, wie willst du, daß ein Dichter sich auf die Politik verstehe? Ah! du kannst wohl den Kopf schütteln und dich geistvoller dünken als die anderen, es ist dennoch wahr! Aber du bist zu rechthaberisch, man kann kein Wort mit dir reden! Da ist zum Beispiel Fournier-Fontaine, von den Magazinen von Saint-Roch; weißt du, wieviel Schulden er hat? achthunderttausend Francs! Und Gomer, der Packer drüben, auch ein Republikaner, er zerbrach die Feuerzange auf dem Kopf seiner Frau und hat soviel Absinth getrunken, daß man ihn in ein Krankenhaus bringen muß. So sind sie alle, die Republikaner: Eine Republik zu zwölf aufs Dutzend! Ach, ja! prahle nur damit!«

Frédéric ging. Die Albernheit dieses Mädchens, die sich plötzlich in einer pöbelhaften Sprache enthüllte, widerte ihn an. Er fühlte sich sogar wieder ein wenig Patriot werden.

Rosanettes schlechte Stimmung steigerte sich immer mehr. Die Vatnaz reizte sie durch ihre Begeisterung. In dem Glauben, eine Mission zu erfüllen, hatte sie eine wahre Sucht, hochtrabende Reden zu halten, zu predigen, und da sie in diesen Dingen viel gewandter war als ihre Freundin, überhäufte sie sie mit Argumenten.

Eines Tages kam sie ganz entrüstet über Hussonnet, der sich im Frauenklub Zoten erlaubt hatte. Rosanette stimmte ihr bei und erklärte, daß sie selbst Männerkleidung anlegen wolle, um »ihnen den Standpunkt klar zu machen, ihnen allen, und sie zu peitschen«. Frédéric trat in diesem Augenblick ein.

»Du begleitest mich, nicht wahr?«

Und trotz seiner Gegenwart zankten sie sich weiter, indem eine die Bürgerin spielte, die andere die Philosophin.

Die Frauen waren nach Rosanette nur zur Liebe geboren und um Kinder zu erziehen oder einen Haushalt zu führen.

Nach der Vatnaz sollte die Frau ihren Platz im Staat haben. Ehemals gaben die Gallierinnen Gesetze, die Angelsächsinnen ebenfalls, die Frauen der Huronen bildeten einen Teil des Rats. Die zivilisatorische Arbeit sei eine allgemeine. Alle müßten dazu beitragen und der Egoismus müsse endlich der Brüderlichkeit weichen, der Individualismus den Gemeinschaften, das Einzelinteresse der großen Kultur.

»Ausgezeichnet! Verstehst du dich jetzt auf Kultur?«

»Warum nicht? Übrigens, es handelt sich um die Menschheit, um ihre Zukunft!«

»Kümmere dich um deine!«

»Das ist meine Sache!«

Sie waren wütend aufeinander. Frédéric lenkte ein.

Die Vatnaz ereiferte sich und ging selbst so weit, den Kommunismus zu verteidigen.

»Welch ein Unsinn!« sagte Rosanette. »Kann es denn jemals dazu kommen?«

Die andere nannte als Beweis die Essäer, die Herrenhuter, die Jesuiten von Paraguay, die Familie Pingons in der Nähe von Thiers in der Auvergne; und da sie stark gestikulierte, verfing ihre Uhrkette sich an einem kleinen goldenen Schäfchen, das unter einer Menge anderer Berloques daran hing.

Plötzlich wurde Rosanette außerordentlich bleich.

Die Vatnaz fuhr fort, ihren Anhänger loszumachen.

»Gib dir nicht soviel Mühe,« sagte Rosanette, »jetzt kenne ich deine politischen Ansichten.«

»Wie?« erwiderte die Vatnaz, errötend wie ein junges Mädchen.

»O! du verstehst mich schon!«

Frédéric begriff nichts. Zwischen ihnen war augenscheinlich von etwas Wichtigerem, Intimerem die Rede als dem Sozialismus.

»Und wenn dem so wäre,« erwiderte die Vatnaz und richtete sich unerschrocken auf. »Es ist geliehen, meine Liebe, Pfand für eine Schuld!«

»Mein Gott, ich leugne meine Schulden nicht! Um ein paar tausend Francs, große Sache! Ich borge wenigstens, ich bestehle niemand!«

Die Vatnaz zwang sich zu lachen.

»O! ich lege meine Hand dafür ins Feuer.«

»Sieh dich vor! Sie ist dürr genug, um zu verbrennen.«

Das alte Mädchen hielt ihr die rechte Hand gerade vors Gesicht:

»Aber einige von deinen Freunden finden doch Geschmack daran!«

»Andalusier also? als Kastagnetten?«

»Dirne!«

Die Marschallin verneigte sich tief.

»Man ist nicht mehr verlockend!«

Die Vatnaz erwiderte nichts. Schweißtropfen standen auf ihren Schläfen. Sie keuchte. Ihre Augen hefteten sich auf den Teppich. Endlich erreichte sie die Tür und rief, bevor sie sie heftig zuschlug:

»Guten Abend! Sie werden von mir hören!«

»Sehr angenehm!«

Ihre Beherrschung, zu der sie sich gezwungen, hatte Rosanette erschöpft. Sie warf sich bebend auf den Diwan, stammelte Beschimpfungen und vergoß Tränen. War es die Drohung der Vatnaz, die sie quälte? Ach nein, daraus machte sie sich nichts! Schuldete die andere ihr vielleicht Geld? Es handelte sich um das goldene Schäfchen, ein Geschenk; und mitten in ihren Tränen entschlüpfte ihr der Name Delmar. Also sie liebte den Schauspieler!

»Warum also hat sie mich genommen?« fragte sich Frédéric. »Woher kommt es, daß ihre Liebe wieder erwacht ist? Wer zwingt sie, mich zu behalten? Was ist der Sinn von alledem?«

Rosanette fuhr fort, leise zu schluchzen. Sie lag immer noch am Rande des Diwans auf der Seite, die rechte Wange auf beiden Händen, – und sah so zart aus, so unschuldig und voller Schmerz, daß er sich ihr näherte und sie leise auf die Stirn küßte.

Da überschüttete sie ihn mit Beteuerungen ihrer Liebe: der Fürst reiste ab, sie würden frei sein. Aber im Moment sei sie in Verlegenheit. »Du hast neulich ja selbst gesehen, wie ich mein altes Futter benutzte.« Keine Equipage mehr! Und das sei nicht alles; der Tapezierer drohte, die Möbel aus dem großen Zimmer und dem Salon fortzunehmen. Sie wisse nicht aus noch ein.

Frédéric hatte Lust, zu antworten: »Beunruhige dich nicht! ich werde es bezahlen!« Aber die Dame konnte lügen. Die Erfahrung hatte ihn belehrt. Er beschränkte sich einfach darauf, sie zu trösten.

Die Befürchtungen Rosanettes waren nicht unberechtigt; die Möbel mußten zurückgegeben und die schöne Wohnung in der Rue Drouot verlassen werden. Sie nahm eine andere auf dem Boulevard Poissonnière, im vierten Stock. Die originellen Einzelheiten ihres früheren Boudoirs genügten, um drei Räumen ein kokettes Aussehen zu geben. Da waren chinesische Stores, ein Zelt auf der Terrasse, im Salon ein fast noch neuer Teppich und Puffs von rosa Seide. Frédéric hatte reichlich zu diesen Erwerbungen beigesteuert; er empfand die Freude eines Neuvermählten, der endlich ein Haus, eine Frau sein eigen nennt; und da es ihm dort sehr gut gefiel, kam er fast jeden Abend hin, dort zu schlafen.

Eines Morgens, als er aus dem Vorzimmer trat, bemerkte er in der dritten Etage auf der Treppe den Tschako eines Nationalgardisten, der heraufkam. Wohin ging er wohl? Frédéric wartete. Der Mann stieg immer höher, den Kopf ein wenig gesenkt; da blickte er auf. Es war Arnoux. Die Situation war klar. Sie erröteten beide, von der gleichen Verlegenheit ergriffen.

Arnoux fand als der erste ein Mittel, sich davon zu befreien.

»Es geht ihr besser, nicht wahr?« wie wenn Rosanette krank wäre und er gekommen, um sich nach ihr zu erkundigen.

Frédéric benutzte diese Einleitung.

»Ja, gewiß! Ihr Mädchen hat es mir wenigstens gesagt,« er wollte zu verstehen geben, daß man ihn nicht empfangen hatte.

Dann blieben sie einander gegenüber stehen, beide unentschlossen und sich beobachtend. Es handelte sich darum, wer von ihnen gehen würde. Arnoux behielt auch jetzt seine Geistesgegenwart.

»Ach was! ich komme später wieder! Wohin wollten Sie? Ich begleite Sie!«

Und als sie aus der Straße waren, plauderte er ebenso ungezwungen wie sonst. Augenscheinlich war er nicht eifersüchtig veranlagt, oder er war viel zu gutmütig, um sich zu ärgern.

Überdies nahm das Vaterland ihn völlig in Anspruch. Jetzt legte er die Uniform nicht mehr ab. Am 29. März hatte er die Büros der »Presse« verteidigt. Als man die Kammer angriff, hatte er sich durch seinen Mut ausgezeichnet und wurde zu dem Bankett eingeladen, das der Nationalgarde von Amiens gegeben wurde.

Hussonnet, der immer zu gleicher Zeit Dienst mit ihm hatte, sprach wie kein anderer seiner Flasche und seinen Zigarren zu, aber von Natur respektlos, gefiel er sich darin, ihm zu widersprechen, und tadelte den wenig korrekten Stil der Dekrete, die Konferenzen im Luxembourg, den Amazonenklub der Vesuvianerinnen, die Tiroler, selbst den Wagen des Ackerbaus, der von Pferden, anstatt von Ochsen gezogen und von häßlichen Mädchen begleitet war. Arnoux dagegen verteidigte die Regierung und träumte von der Fusion der Parteien. Indessen nahmen seine Geschäfte eine schlimme Wendung, aber er beunruhigte sich wenig darum.

Die Beziehungen Frédérics zu Rosanette hatten ihn nicht im geringsten gekränkt; denn diese Entdeckung berechtigte ihn (in seinem Gewissen) dazu, die Pension zurückzuziehen, die er ihr seit der Abreise des Fürsten wieder zahlte. Er schützte die verworrenen Verhältnisse vor, stöhnte viel, und die Marschallin war großmütig. Nun betrachtete Arnoux sich als Geliebten ihres Herzens, was ihn in seiner eigenen Achtung hob und ihn verjüngte. Da er nicht daran zweifelte, daß Frédéric die Marschallin bezahlte, hielt er es »für einen gelungenen Scherz«, ging selbst so weit, kein Hehl daraus zu machen, und räumte ihm das Feld, wenn sie sich begegneten.

Diese Teilung verletzte Frédéric, und die Höflichkeit seines Nebenbuhlers schien ihm ein zu weit geführter Spott. Doch wenn er sich entzweite, beraubte er sich dadurch jeder Aussicht auf eine Rückkehr zu der andern, und dann war es das einzige Mittel, von ihr zu hören. Der Fayence-Händler sprach aus Gewohnheit oder vielleicht Bosheit gern von ihr und fragte ihn sogar, warum er sie nicht mehr besuche.

Frédéric, der alle Ausreden erschöpft hatte, versicherte, daß er mehrmals vergeblich bei Madame Arnoux gewesen sei. Arnoux glaubte ihm, denn er hatte sich ihr gegenüber oft gewundert über die Abwesenheit seines Freundes und von ihr dann immer die Antwort erhalten, daß sie seinen Besuch verfehlt habe, so daß die beiden Lügen sich ergänzten, anstatt sich zu widersprechen.

Die Sanftmut des jungen Mannes und das Vergnügen, ihn zum besten zu haben, veranlaßten Arnoux, ihn noch mehr zu lieben. Er trieb die Vertraulichkeit nicht aus Geringschätzung bis zur äußersten Grenze, sondern weil er Vertrauen zu ihm hatte. Eines Tages schrieb er ihm, daß ein dringendes Geschäft ihn für vierundzwanzig Stunden in die Provinz rufe, und bat ihn, an seiner Stelle aus Wache zu ziehen. Frédéric wagte nicht, es abzuschlagen und begab sich aus den Posten des Caroussel.

Er mußte sich die Gesellschaft der Nationalgardisten gefallen lassen! und mit Ausnahme eines Fabrikarbeiters, eines drolligen Menschen, der unmäßig trank, schienen ihm alle unbedeutender als ihre Patronentaschen. Die Hauptunterhaltung drehte sich um den Ersatz des Lederzeugs durch Degengehänge. Andere entrüsteten sich über die National-Werkstätten. Es hieß: »Wohin wird das führen?« Der, an den die Frage gerichtet war, erwiderte, die Augen aufreißend wie am Rande eines Abgrunds: »Was soll daraus werden?« Dann rief ein kühnerer: »Das kann nicht so weiter gehen! es muß ein Ende nehmen!« Und dieselben Reden wiederholten sich bis zum Abend. Frédéric langweilte sich tödlich.

Seine Überraschung war groß, als er um elf Uhr Arnoux erscheinen sah, der sagte, daß er sofort nach Beendigung seines Geschäfts herbeigeeilt sei, um ihn abzulösen.

Er hatte kein Geschäft gehabt. Es war eine Erfindung, um vierundzwanzig Stunden allein mit Rosanette zu verbringen. Aber der brave Arnoux hatte sich selbst zu viel zugetraut, und mit seiner Müdigkeit kamen Gewissensbisse. Er komme, um sich bei Frédéric zu bedanken, sagte er, und ihn zum Abendessen einzuladen.

»Tausend Dank! Ich bin nicht hungrig! Ich verlange nichts als mein Bett!«

»Ein Grund mehr, nachher zusammen zu frühstücken! Welch ein Schwächling Sie sind! Man geht jetzt nicht nach Haus! Es ist zu spät! Es wäre gefährlich!«

Frédéric gab abermals nach. Arnoux, den zu sehen man nicht erwartet hatte, wurde von seinen Waffenbrüdern, besonders von dem Fabrikarbeiter, sehr verwöhnt. Alle liebten ihn, und er war ein so guter Kerl, daß er die Abwesenheit Hussonnets bedauerte. Aber er mußte für eine Minute, eine Minute nur die Augen schließen.

»Setzen Sie sich zu mir,« sagte er zu Frédéric, indem er sich auf dem Feldbett ausstreckte, ohne sein Lederzeug abzulegen. Aus Furcht ausgerufen zu werden, behielt er dem Reglement zum Trotz sogar sein Gewehr bei sich, dann murmelte er ein paar Worte: »Geliebte! mein kleiner Engel!« und schlief sofort ein.

Die gesprochen hatten, verstummten, und bald herrschte auf der Wache eine tiefe Stille. Von Flöhen gepeinigt, sah Frédéric sich um. An der gelb getünchten Wand war in ihrer halben Höhe ein langes Brett angebracht, auf dem die Tornister eine Reihe kleiner Erhöhungen bildeten, während darunter die bleifarbenen Gewehre eins neben das andere gestellt waren; und man vernahm ein Schnarchen von den Gardisten her, deren Körper sich verschwommen im Dunkel abzeichneten. Eine leere Flasche und Teller standen auf dem Ofen, drei Rohrstühle um den Tisch, auf dem ein Spiel Karten lag. Von einer Trommel mitten auf der Bank hing der Riemen herab. Der warme Wind, der von der Tür her kam, machte die Lampe qualmen. Arnoux schlief mit ausgebreiteten Armen; da sein Gewehr ein wenig schräg mit dem Kolben nach unten stand, reichte die Mündung der Waffe bis an seine Achselhöhle. Frédéric bemerkte es und erschrak.

»Ach was! es ist nichts zu befürchten! Doch wenn er stürbe ...«

Und eine Flucht von Bildern zog an ihm vorüber. Er sah sich mit »ihr«, nachts, in einem Postwagen, dann an einem Sommerabend am Ufer eines Flusses, und im Schein einer Lampe bei ihr, in ihrem Hause. Er war bereits bei Haushaltungsberechnungen angelangt, traf häusliche Bestimmungen, sah und fühlte schon sein Glück; – und um es verwirklicht zu sehen, brauchte sich nur der Hahn des Gewehrs zu heben! Man brauchte nur mit der Zehenspitze anstoßen, der Schuß würde losgehen, durch einen Zufall, weiter nichts!

Frédéric malte sich diese Idee aus wie ein Dramatiker, der einen Plan entwirft. Plötzlich schien sie ihm der Verwirklichung nahe, er selbst von dem Drang beseelt, dazu beizutragen, und ihn überfiel große Furcht. Mitten in diese Angst aber mischte sich die Freude, der er sich völlig überließ, während er mit Schrecken seine Bedenken schwinden sah; in dem Grauen seiner Träumerei erlosch die übrige Welt für ihn, und nur durch eine unerträgliche Beklemmung kam er zum Bewußtsein seiner selbst.

»Trinken wir Weißwein?« sagte der Fabrikarbeiter, der eben erwachte.

Arnoux sprang auf, und nach dem der Weißwein getrunken war, wollte er Frédéric ablösen.

Dann nahm er ihn zum Frühstück zu Parly, Rue de Chartres, mit; und da er das Bedürfnis hatte, sich zu stärken, bestellte er zwei Fleischgerichte, einen Hummer, eine Omelette mit Rum, einen Salat und so weiter, das Ganze befeuchtet mit einem Sauterne 1819, einem Romané 42, ohne den Champagner und die Liköre zum Dessert zu rechnen.

Frédéric widersprach ihm in nichts. Er war befangen, als könnte der andere auf seinem Gesicht die Spuren seiner Gedanken entdecken.

Beide Ellbogen auf den Tischrand gestützt, weit vorgeneigt, und mit einem Blick, der ihn belästigte, vertraute Arnoux ihm seine Pläne an.

Er hatte Lust, alle Dämme der Nordbahnlinie zu pachten, um Kartoffeln darauf zu pflanzen, oder auch eine Monstre-Kavalkade auf den Boulevards zu organisieren, in der die »Berühmtheiten des Tages« figurieren sollten. Er wollte dann alle Fenster vermieten, was bei drei Francs durchschnittlich einen hübschen Gewinn abgeben würde. Kurz, er träumte, durch ein Massen-Geschäft einen großen Schlager zu machen. Dabei war er moralisch, verurteilte alle Ausschreitungen, jeden unsoliden Lebenswandel, sprach von seinem »armen Vater«, und sagte, daß er jeden Abend sein Gewissen prüfe, ehe er Gott seine Seele befahl.

»Ein wenig Curaçao, was?«

»Wie Sie wünschen!«

Was die Republik anbelange, so würden die Dinge sich schon ordnen, schließlich fühle er sich als der glücklichste Mensch auf Erden; und sich vergessend, rühmte er die Eigenschaften Rosanettes, verglich sie sogar mit seiner Frau. Das sei doch ganz etwas anderes. Man könne sich von so schönen Schenkeln gar keine Vorstellung machen!

»Auf Ihr Wohl!«

Frédéric stieß mit ihm an. Er hatte aus Gefälligkeit ein wenig zu viel getrunken; überdies blendete ihn die helle Sonne, und als sie zusammen die Rue Vivienne hinaufgingen, berührten ihre Epaulettes sich brüderlich.

Zu Haus schlief Frédéric bis sieben Uhr. Dann ging er zur Marschallin. Sie war mit jemand ausgegangen. Mit Arnoux vielleicht? Da er nichts anzufangen wußte, setzte er seinen Spaziergang auf den Boulevards fort, kam aber nicht über das Tor Saint-Martin hinaus, so viele Leute hatten sich dort angesammelt.

In dem Elend war eine beträchtliche Anzahl von Arbeitern sich selbst überlassen, und sie kamen jeden Abend ohne Zweifel zur Musterung dorthin und in Erwartung eines Signals. Trotz des Verbots gegen die Zusammenrottungen vermehrten sich diese »Klubs der Verzweifelten« in erschreckender Weise, und viele Bürger fanden sich täglich aus Trotz oder weil es jetzt Mode war, dort ein.

Plötzlich bemerkte Frédéric drei Schritte weiter Monsieur Dambreuse mit Martinon; er wandte sich ab, denn er war aufgebracht über Monsieur Dambreuse, seit er sich zum Abgeordneten hatte ernennen lassen. Doch der Kapitalist hielt ihn an.

»Ein Wort, lieber Herr Moreau! Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig.«

»Ich verlange keine.«

»Bitte, hören Sie mich an.«

Es sei keineswegs seine Schuld gewesen. Man hätte ihn gebeten, gewissermaßen gezwungen. Martinon bekräftigte seine Worte: eine Deputation von Nogentinern hätte sich bei ihm vorgestellt.

»Überdies habe ich geglaubt, von dem Moment an frei zu sein...«

Ein Gedränge von Menschen auf dem Trottoir zwang Monsieur Dambreuse, zurückzuweichen. Eine Minute später erschien er wieder und sagte zu Martinon:

»Sie haben mir da wirklich einen Dienst erwiesen! Sie werden es nicht bereuen!«

Alle drei lehnten sich an einen Laden, um bequemer plaudern zu können.

Von Zeit zu Zeit schrie man: »Es lebe Napoleon! es lebe Barbès! nieder mit Marie!« die zahllose Menge schrie durcheinander; – und all diese Stimmen, durch die Häuser zurückgeworfen, glichen der ununterbrochenen Brandung in einem Hafen. Mitunter verstummten sie und dann ertönte die Marseillaise. Unter den Torwegen boten Männer mit geheimnisvollen Mienen Stockdegen an. Zuweilen blinzelten zwei Individuen, die aneinander vorübergingen, sich zu und entfernten sich darauf rasch. Gruppen von Gaffern nahmen das Trottoir ein, eine dichte Menge bewegte sich auf dem Pflaster. Ganze Trupps von Polizisten kamen aus den Gassen und verschwanden augenblicklich wieder. Kleine rote Fahnen glichen Flammen, die Kutscher gestikulierten lebhaft auf ihren hohen Böcken und kehrten dann um. Es war ein Gewühl, ein höchst sonderbares Schauspiel.

»Wie das alles Mademoiselle Cécile amüsiert hätte,« sagte Martinon.

»Meine Frau liebt es nicht, wie Sie wissen, daß meine Nichte mit uns geht,« erwiderte Monsieur Dambreuse lächelnd.

Man hätte ihn nicht wiedererkannt. Seit drei Monaten rief er: »Es lebe die Republik!« und hatte sogar für die Verbannung der Orléans gestimmt. Aber die Zugeständnisse sollten bald aufhören. Er war so aufgebracht, daß er selbst einen Totschläger in der Tasche trug.

Martinon hatte ebenfalls einen. Da die Unabsetzbarkeit der Richter aufgehoben war, hatte er sich von der Staatsanwaltschaft zurückgezogen und übertraf Monsieur Dambreuse noch an Ungestüm.

Der Bankier haßte besonders Lamartine (weil er Ledru-Rollin unterstützt hatte) und mit ihm Pierre Leroux, Proudhon, Considérant, Lamennais, alle diese Hirnverbrannten, alle Sozialisten.

»Denn was wollen sie schließlich? Man hat die Fleischsteuer aufgehoben und die Zwangsvollstreckung, jetzt studiert man das Projekt einer Hypotheken-Bank, neulich war es eine National-Bank! und da sind fünf Millionen im Budget für die Arbeiter! Aber glücklicherweise nimmt das dank Monsieur de Falloux ein Ende! Glückliche Reise! gingen sie nur!«

In der Tat hatte der Minister der öffentlichen Arbeiten, da er nicht wußte, wie die hundertdreißigtausend Menschen in den National-Werkstätten ernährt werden sollten, an diesem Tage gerade einen Erlaß unterzeichnet, der alle Bürger zwischen achtzehn und zwanzig Jahren aufforderte, als Soldaten einzutreten oder in die Provinzen zu gehen, um dort Ackerbau zu treiben.

Diese Alternative empörte sie, da sie überzeugt waren, daß man die Republik vernichten wolle. Ein Leben fern von der Hauptstadt traf sie wie eine Verbannung; sie sahen sich schon am Fieber sterben in den unwirtlichen Gegenden. Viele, die eine feinere Arbeit gewöhnt waren, sahen außerdem im Ackerbau etwas wie eine Erniedrigung; es war ein Köder, ein Hohn, die formelle Verleugnung aller Versprechungen. Wenn sie Widerstand leisteten, würde man Gewalt anwenden, sie zweifelten nicht daran und bereiteten sich darauf vor, dem zuvorzukommen.

Gegen neun Uhr strömten Rotten, die sich vor der Bastille und dem Châtelet gebildet hatten, nach dem Boulevard. Vom Tor Saint-Denis bis zum Tor Saint-Martin sah man nichts als ein ungeheures Gewimmel, eine einzige Masse von einem dunkeln, fast schwarzen Blau. Die Männer, die man darin sah, hatten alle glühende Augen, eine blasse Hautfarbe, Gesichter, die vom Hunger abgemagert waren und durch die Ungerechtigkeit erregt. Währenddessen türmten sich die Wolken auf; der Gewitterhimmel steigerte die Spannung der Menge, die durcheinander wirbelte, ziellos wie das Wogen der Brandung, und man fühlte in ihren Tiefen eine unberechenbare Kraft, eine elementare Gewalt. Dann begannen alle zu rufen: »Lampions! Lampions!« Mehrere Fenster erhellten sich nicht, es wurden Kieselsteine an ihre Scheiben geworfen. Monsieur Dambreuse entschloß sich klüglich, zu gehen. Die beiden jungen Leute begleiteten ihn zurück.

Er sah ein großes Unheil voraus. Das Volk konnte noch einmal die Kammer angreifen; und bei dieser Gelegenheit erzählte er, wie er am 15. Mai ohne die Aufopferung eines Nationalgardisten ums Leben gekommen wäre.

»Doch ich vergaß, es ist ja Ihr Freund! Ihr Freund, der Facence-Fabrikant, Jacques Arnoux!« Die Aufrührer hatten ihn umringt, da hatte dieser brave Bürger ihn in seine Arme genommen und fortgebracht. Seitdem bestand eine Art Beziehung zwischen ihnen. – »Wir müßten dieser Tage zusammen essen, und da Sie ihn oft sehen, versichern Sie ihn meiner Zuneigung. Er ist ein ausgezeichneter Mensch, verkannt, glaube ich, und er hat Geist, der Kerl! Also nochmals, grüßen Sie ihn von mir! guten Abend!«

Nachdem Frédéric Monsieur Dambreuse verlassen hatte, kehrte er zur Marschallin zurück und sagte ihr mit sehr düsterer Miene, daß sie zwischen ihm und Arnoux wählen müsse. Sie erwiderte sanft, daß sie nicht die Spur von »solchen Albernheiten« verstehe, daß sie Arnoux nicht liebe und ihr nichts an ihm liege. Frédéric sehnte sich, Paris zu verlassen. Sie wies die Idee nicht zurück, und am nächsten Tage reisten sie nach Fontainebleau.

Das Hotel, in dem sie wohnten, unterschied sich von den anderen durch einen Springbrunnen, der mitten im Hofe plätscherte. Die Türen der Zimmer gingen auf einen langen Gang wie in den Klöstern. Das man ihnen angewiesen hatte, war groß, mit guten Möbeln in Kattunüberzügen ausgestattet und ruhig, da Reisende nur spärlich waren. Längs der Häuser gingen müßige Bürgersleute vorüber; dann, als der Abend anbrach, begannen Kinder auf der Straße unter ihren Fenstern ein Fangspiel; – und nach dem Tumult in Paris erschien ihnen diese Stille wie ein Wunder, eine Beruhigung.

Früh morgens gingen sie, das Schloß zu besichtigen. Als sie durch das Gitter traten, übersahen sie seine ganze Fassade, die fünf Pavillons mit den spitzen Dächern und die eiserne Treppe zu beiden Seiten im Hintergrund des Hofes, den rechts und links niedrigere Gebäude begrenzen. Das Moos auf dem Pflaster nimmt von fern das fahle Rot der Ziegel an, und der ganze Palast, rostfarben wie eine alte Rüstung, hatte etwas streng Königliches, eine Art langweiliger und militärischer Größe.

Endlich erschien ein Diener mit einem Schlüsselbunde. Er zeigte ihnen zuerst die Gemächer der Königinnen, das Oratorium des Papstes, die Galerie Franz' I., den kleinen Mahagonitisch, an dem der Kaiser seine Abdankung unterzeichnet hatte, und in einem der Räume die Stelle, wo Christine Monaldeschi ermorden ließ. Rosanette hörte dieser Geschichte aufmerksam zu; dann wandte sie sich zu Frédéric:

»Das geschah doch sicherlich aus Eifersucht? nimm dich in acht!«

Dann durchschritten sie den Rüstungssaal, den Saal der Garde, den Thronsaal, den Saal Ludwigs XIII. Durch die hohen gardinenlosen Fenster ergoß sich weißes Licht; Staub trübte leicht den Glanz der Fensterriegelgriffe und der Messingfüße, der Konsolen, große Leinwandbezüge bedeckten die alten Fauteuils, man sah über den Türen Jagdstücke Ludwigs XV. und hier und da auf Gobelins die Götter des Olymp, Psyche oder die Schlachten Alexanders dargestellt.

Wenn sie an Spiegeln vorüberkamen, blieb Rosanette eine Minute stehen, um ihr Haar zu glätten.

Über den Turmhof und die Kapelle Saint-Saturnin gelangten sie in den Festsaal.

Sie waren geblendet von der Pracht der in gleiche Achtecke geteilten Decke in erhabenem Gold und Silber, die reicher ziseliert ist als ein Edelstein, und von der Überfülle der Gemälde an den Wänden, von dem riesenhaften Kamin mit dem Wappen von Frankreich, von Köchern und Halbmonden umgeben, bis zur Musikertribüne, die am andern Ende die Breite des Saales einnimmt. Die zehn Bogenfenster standen weit offen. Die Gemälde glänzten in der Sonne, der blaue Himmel verschmolz mit dem Ultramarin der Bogen; und tief aus den Wäldern, deren dunstige Wipfel den Himmelsrand verdeckten, hallte es wie ein Echo des Halali, das Elfenbeintrompeten hinausschmetterten, und der mythologischen Ballets, die unter dem Laubwerk Prinzessinnen, als Nymphen und Waldgötter verkleidet, und vornehme Herren versammelten, – eine Zeit der Harmlosigkeit, glühender Leidenschaft und prachtliebender Kunst, deren Ideal es war, die Welt zu einem Hesperidentraum umzugestalten, und in der die Maitressen der Könige sich mit Gestirnen verglichen. Die schönste dieser Heldinnen hatte sich malen lassen, rechts in der Gestalt der jagenden Diana und sogar als Diana der Hölle, ohne Zweifel, um ihre Macht bis jenseits des Grabes anzudeuten. Und in der Tat: alle diese Symbole zeugen von ihrem Ruhm, und es bleibt etwas von ihr zurück, ein unbestimmter Ton, ein Glanz, der nicht verblaßt.

Beim Betrachten dieser Dinge hatte Frédéric eine unbeschreibliche Begierde erfaßt. Um sein Verlangen abzulenken, betrachtete er Rosanette mit Zärtlichkeit und fragte sie, ob sie nicht diese Frau hätte sein mögen.

»Welche Frau?«

»Diane de Poitiers!«

Er wiederholte:

»Diane de Poitiers, die Maitresse Heinrichs II.«

Sie rief ein leises: »Ah!« das war alles.

Ihr Schweigen bewies deutlich, daß sie nichts von ihr wußte, nichts verstand, so daß er nachsichtig zu ihr sagte:

»Es langweilt dich vielleicht?«

»Nein, nein, im Gegenteil!«

Und mit erhobenem Kinn, während sie die Umgebung mit vagen Blicken musterte, warf Rosanette die Worte hin:

»Das ruft Erinnerungen wach!«

Jedoch merkte man ihren Anstrengungen an, guten Willen zu zeigen; und da dies ernste Aussehen sie noch hübscher machte, verzieh ihr Frédéric.

Der Karpfenteich machte ihr mehr Spaß. Eine Viertelstunde lang warf sie Brotstücke ins Wasser, um die Fische aufschnellen zu sehen.

Frédéric hatte sich neben sie unter die Linden gesetzt. Er dachte an all die Personen, die in diesen Mauern geweilt hatten: Karl V., die Valois, Heinrich IV., Peter den Großen, Jean-Jacques Rousseau und »die empfindsamen Schönen der ersten Rang-Logen«, Voltaire, Napoléon, Pius VII., Louis-Philippe; er fühlte sich von diesem Heer von Toten umgeben, unter ihnen; eine solche Fülle von Bildern betäubte ihn, er fand aber dennoch einen Reiz darin.

Endlich gingen sie in den Garten hinunter, ein weites Rechteck, wo man mit einem einzigen Blick seine breiten gelben Alleen, seine Rasenvierecke, seine Buchsbaumhecken, seine Taxuspyramiden, seine niedrigen Gewächse und seine schmalen, länglichen Beete übersehen kann, in denen spärlich gesäte Blumen Flecke auf der grauen Erde bilden. Am Ende des Gartens dehnt sich ein Park, der in seiner ganzen Breite von einem langen Kanal durchschnitten wird.

Königliche Schlösser haben eine eigene Melancholie, zweifellos durch ihre zu große Ausdehnung für die kleine Anzahl ihrer Gäste, durch die Stille, die nach soviel Trompetengeschmetter überrascht, und ihren starren Luxus, der durch sein Alter von der Vergänglichkeit der Dynastien, dem ewigen Verfall aller Dinge zeugt, – und dieser Hauch von Jahrhunderten, lähmend und düster wie Mumiengeruch, machte sich selbst einfachen Seelen fühlbar. Rosanette gähnte unbändig. Sie kehrten ins Hotel zurück.

Nach dem Frühstück fuhr ein offener Wagen für sie vor. Sie verließen Fontainebleau in einem weiten Bogen, und dann ging es im Schritt einen sandigen Weg zu einem Tannenwäldchen hinan. Die Bäume wurden größer, und der Kutscher erklärte von Zeit zu Zeit: »Dies sind die Siamesischen Zwillinge, dort Pharamund, der Königs-Busch; ...,« er vergaß keine der berühmten Stellen; zuweilen hielt er an, um sie bewundern zu lassen.

Sie kamen in den Hochwald von Franchard. Der Wagen glitt wie ein Schlitten über den Rasen; Tauben, die man nicht sah, girrten; plötzlich erschien ein Café-Kellner, und sie stiegen vor einer Gartenpforte ab, wo runde Tische standen. Dann schritten sie, die Mauern einer verfallenen Abtei zur Linken lassend, über große Felsen und erreichten bald den Boden der Schlucht.

Sie ist an einer Seite mit einem Gemisch von Sandstein und Wacholder bedeckt, während sich der Boden an der andern fast kahl zur Talsohle neigt, wo ein Pfad im farbigen Heidekraut eine helle Linie bildet; und in der Ferne erblickt man einen abgeplatteten Bergkegel mit einer Reihe Telegraphenstangen dahinter.

Eine halbe Stunde später machten sie sich nochmals auf, um zu Fuß die Höhen von Aspremont zu erklimmen.

Der Weg führt im Zickzack zwischen stämmigen Tannen unter zerklüfteten Felsen hin; dieser ganze Waldwinkel hat etwas Erstickendes, ein wenig Verwildertes, Lauschiges. Man denkt an Eremiten, – Gefährten mächtiger Hirsche mit einem Feuerkreuz zwischen den Hörnern, – die mit väterlichem Lächeln die guten Könige von Frankreich aufnahmen, die vor ihrer Höhle knieten. Harzgeruch erfüllte die heiße Luft, Wurzeln verflochten sich wie Adern auf dem flachen Boden. Rosanette stolperte darüber, sie war verzweifelt, dem Weinen nahe.

Aber ganz oben war sie wieder vergnügt, als sie unter einem Dach von Zweigen eine Art Ausschank vorfand, wo Holzschnitzereien verkauft wurden. Sie trank eine Flasche Limonade, kaufte einen Stock aus dem Holz der Stechpalme, und ohne einen Blick auf die Landschaft zu werfen, die man von dem Plateau aus übersieht, trat sie mit einem Jungen, der eine Fackel vorantrug, in die Räuberhöhle.

Ihr Wagen erwartete sie in Bas-Bréau.

Ein Maler in blauem Kittel arbeitete, mit seinem Farbenkasten auf den Knien, am Fuße einer Eiche. Er hob den Kopf und schaute ihnen nach.

Als sie mitten auf der Anhöhe von Chailly waren, zwang sie eine Wolke, die sich entlud, das Verdeck herunterzulassen. Aber der Regen hörte gleich darauf wieder auf, und das Straßenpflaster glänzte in der Sonne, als sie in die Stadt zurückkehrten.

Reisende, die kürzlich zurückgekommen waren, erzählten ihnen, daß in Paris eine blutige Schlacht wüte. Rosanette und ihren Liebhaber überraschte das nicht. Dann gingen alle, und das Hotel wurde ruhig, das Gas ausgelöscht, und sie schliefen beim Murmeln des Springbrunnens im Hofe ein.

Am folgenden Tage besuchten sie die Wolfsschlucht, den Elfensumpf, den langen Felsen und la Marlotte; am nächsten fuhren sie aufs Geratewohl aus, wie es ihrem Kutscher gefiel, ohne zu fragen, wo sie wären, und beobachteten oft nicht einmal die berühmtesten Punkte.

Sie fühlten sich so wohl in ihrem alten Landauer, der niedrig war wie ein Sofa und mit einer verblaßten, gestreiften Leinwand überzogen.

Die Gräben voller Gestrüpp zogen in sanfter, ununterbrochener Bewegung an ihren Augen vorüber. Weiße Strahlen schossen wie Pfeile durch die hohen Farren, bisweilen zeigte sich ein Pfad, der nicht mehr benutzt wurde, wie eine gerade Linie vor ihnen, und weiche Gräser schwankten hier und dort. An den Kreuzwegen streckte ein Wegweiser seine vier Arme aus, Pfähle neigten sich wie tote Bäume, und kleine gewundene Fußwege, die sich im Laub verloren, lockten, ihnen zu folgen; im selben Augenblick wandte sich das Pferd, und sie versanken im Morast; weiterhin wuchs Moos am Rande der tiefen Wagenfurchen.

Sie glaubten sich fern von allen anderen, ganz allein. Aber plötzlich kam ein Waldhüter mit seiner Flinte vorüber oder eine Bande zerlumpter Weiber, die große Reisigbündel auf ihren Rücken schleppten.

Wenn der Wagen anhielt, herrschte tiefe Stille. Man vernahm nur das Schnaufen des Pferdes und dann und wann einen ganz schwachen Vogelruf.

Das Licht erhellte an einzelnen Stellen den Waldrand und ließ die Tiefen im Schatten, oder es verbreitete, im Vordergrund zu einer Art Dämmerung abgeschwächt, in der Ferne auch wohl einen violetten Dunst, eine bleiche Klarheit. Mitten am Tage, wenn die Sonne senkrecht auf den weiten Grasweiden stand, die sie überflutete, hingen silberne Tropfen an den Spitzen der Zweige; sie zog Smaragdstreifen durch den Rasen und zeichnete goldene Flecke auf die Schicht dürrer Blätter; bog man den Kopf zurück, so erblickte man den Himmel zwischen den Wipfeln der Bäume. Einige von unermeßlicher Höhe hatten das Aussehen von Patriarchen und Kaisern oder bildeten, sich an den Spitzen berührend, mit ihren hohen Stämmen Triumphbogen; andere, die schräg gewachsen waren, glichen Säulen, die im Begriff waren, umzustürzen.

Diese Menge großer vertikaler Linien teilte sich halb, und nun entrollten sich gewaltige grüne Wogen in ungleichen Anschwellungen bis zur Talsohle, wo die Gipfel anderer Hügel hervortraten und die lichten Ebenen überragten, die sich in der Ferne in unbestimmtem, fahlem Licht verloren.

Auf einer Anhöhe, wo sie nebeneinander standen, fühlten sie, den Wind einatmend, ihre Seele schwellen in stolzer Freude über dieses freie Leben, empfanden sie eine Überfülle von Kraft und grundloser Freude.

Die Mannigfaltigkeit der Bäume bot ein wechselndes Schauspiel. Die Buchen mit ihrer glatten, hellen Rinde verzweigten ihre Kronen; Eschen bogen weich ihr graugrünes Geäst; zwischen den Weißbuchenschößlingen starrten bronzeartige Stechpalmen; dann kam eine Reihe winziger, wehmütig geneigter Birken; und die Kiefern, symmetrisch wie Orgelpfeifen, schienen zu singen und wiegten sich hin und her. Da waren knorrige Rieseneichen, die krampfhaft verzerrt sich aus dem Boden reckten, einander umwanden, und diese Unbeugsamen und Verwitterten schleuderten sich mit ihren nackten Armen Verzweiflungsrufe, wütende Drohungen zu, wie eine in ihrem Zorn erstarrte Gruppe von Titanen. Wie eine dumpfe, matte Fieberstimmung lag es über den Weihern, deren Wasserfläche von Dornengebüsch durchschnitten wurde; die Moose an ihren Ufern, wohin die Wölfe zum Trinken kamen, waren schwefelfarben, wie versengt unter dem Schritt von Zauberinnen, und das ununterbrochene Quaken der Frösche antwortete auf das Krächzen der aufflatternden Krähen. Dann durchschritten sie eintönige Lichtungen, hier und da mit jungen Schonungen bepflanzt. Ein Geräusch von Eisen ertönte, rasche und zahlreiche Schläge; es war eine Anzahl von Arbeitern, die an der Seite des Hügels Steine brachen. Sie sahen immer größere Mengen davon, und schließlich füllten sie die ganze Landschaft; haushohe Würfel, breite Platten stützten sich, hingen übereinander, lagen durcheinander wie ungeheuere Ruinen einer verschwundenen Stadt. Aber dieses gewaltige Chaos erweckt eher den Gedanken an Vulkane, an Sintfluten, an große, unbekannte Erdumwälzungen. Frédéric sagte, daß es dort seit Beginn der Welt so gewesen und bis zum Ende so bleiben werde; Rosanette wandte den Kopf ab, versicherte, daß dies sie verrückt machen würde, und ging, um Heidekraut zu pflücken. Seine kleinen violetten Blüten bildeten, nebeneinandergedrängt, ungleiche Flächen, und die darunter hervorsickernde Erde setzte schwarze Fransen an den Rand des Sandes, der mit Glimmer untermischt war.

Eines Tages kamen sie auf die halbe Höhe eines Sandhügels. Seine Oberfläche, von Schritten unberührt, war von symmetrischen Wellenlinien durchzogen; und wie Klippen in dem ausgetrockneten Bett des Ozeans erhoben sich hier und dort Felsen in der vagen Gestalt von Tieren, wie Schildkröten mit vorgestrecktem Kopf, kriechende Robben, Nilpferde und Bären. Nichts Lebendes. Kein Geräusch. Der Sand, auf den die Sonne fiel, blendete, – und plötzlich, in diesem zitternden Licht, schienen die Tiere sich zu bewegen. Sie kehrten schnell um und flohen fast erschrocken vor dem Spuk.

Die Stille des Waldes zog sie an, und sie verbrachten Stunden des Schweigens, wo sie, eingewiegt von dem Zauber, wie benommen in stille Trunkenheit versanken. Den Arm um ihre Taille, hörte er sie plaudern, während die Vögel zwitscherten. Er streifte dabei mit demselben Blick die schwarzen Trauben ihres Hütchens und die Beeren des Wacholders, die Falten ihres Schleiers und die Wolkengebilde; und wenn er sich zu ihr neigte, mischte sich die Frische ihrer Haut mit dem kräftigen Duft des Waldes. Sie freuten sich an allem, zeigten sich wie eine Merkwürdigkeit die Sonnenfäden, die an den Büschen hängen blieben, Löcher, mit Wasser gefüllt mitten zwischen den Steinen, ein Eichkätzchen auf den Zweigen, den Flug zweier Schmetterlinge, die sich verfolgten; oder sie sahen zwanzig Schritte weiter unter den Bäumen eine Hirschkuh hoheitsvoll, ruhig, mit sanfter Miene dahinschreiten, ihr Junges neben sich. Rosanette hätte ihm nachlaufen mögen, es zu streicheln.

Einmal hatte sie wohl Furcht, als ein Mann, der plötzlich auftauchte, ihr drei Schlangen in einem Kasten zeigte. Sie eilte bestürzt zu Frédéric; – und er war glücklich, daß sie sich schwach zeigte und er stark genug war, sie zu beschützen.

An diesem Abend aßen sie in einem Wirtshaus am Ufer der Seine. Der Tisch stand nahe beim Fenster, Rosanette saß ihm gegenüber, und er betrachtete ihr feines weißes Näschen, ihre geschwellten Lippen, die klaren Augen, ihre kastanienbraunen, gepufften Scheitel, das hübsche ovale Gesicht. Ihr Kleid von sandfarbenem Foulard schmiegte sich an ihre etwas abfallenden Schultern, und ihre Hände, die aus ihren ganz glatten Manschetten hervorsahen, schnitten vor, schenkten ein und streckten sich über das Tischtuch. Man servierte ihnen ein Huhn, das Flügel und Beine von sich streckte, ein Fischgericht von Aal in einer irdenen Schale, zusammengeschüttete Weinreste, zu hartes Brot, gab ihnen schartige Messer. Alles dies erhöhte das Vergnügen, die Illusion. Sie glaubten sich fast mitten auf Reisen, in Italien, in ihrem Honigmond.

Bevor sie wieder zurückkehrten, machten sie einen Spaziergang am Ufer entlang.

Der zartblaue Himmel, wie eine Kuppel gewölbt, stützte sich am Horizont auf den zackigen Rand der Wälder. Gegenüber, am Ende der Wiese, sah man den Kirchturm in einem Dorf; und weiter, zur Linken, bildete das Dach eines Hauses einen roten Fleck auf dem Fluß, der in der ganzen Länge seiner Windung reglos schien. Doch neigten sich Binsen darüber, und das Wasser bewegte leise die Stangen, die am Ufer zum Tragen der Netze eingerammt waren; eine Weidenreuse und zwei bis drei Schaluppen lagen da. Bei dem Wirtshaus zog ein Mädchen im Strohhut die Eimer eines Ziehbrunnens hoch; – jedesmal, wenn sie heraufkamen, hörte Frédéric mit unaussprechlicher Freude das Rasseln der Kette.

Er zweifelte nicht daran, daß er bis ans Ende seiner Tage dieses Glück besitzen würde, das so natürlich, so unzertrennlich von seinem Leben und der Persönlichkeit dieser Frau war. Ein Verlangen trieb ihn, ihr Zärtlichkeiten zu sagen. Sie erwiderte sie mit reizenden Worten, kleinen Schlägen auf die Schulter, Liebkosungen, die ihn entzückten. Er entdeckte an ihr eine ganz neue Schönheit, die vielleicht nichts weiter war als ein Abglanz der Dinge ringsum, wenn nicht deren geheime Kraft sie zur Entfaltung gebracht hatte.

Wenn sie sich im Freien ausruhten, legte er den Kopf auf ihre Knie, in den Schutz ihres Sonnenschirms; – oder sie lagen auf dem Bauche mitten im Grase, einer dem andern gegenüber, schauten sich an, die Blicke ineinander getaucht, berauschten sich an sich selber, hingenommen, mit halbgeschlossenen Lidern, und dann sprachen sie nicht mehr.

Zuweilen vernahmen sie ganz in der Ferne Trommelwirbel. Es war der Generalmarsch, den man in den Dörfern schlug, um zur Verteidigung von Paris aufzufordern.

»Ach! der Aufruhr!« sagte Frédéric mit geringschätziger Verachtung, so erbärmlich schien ihm diese ganze Agitation im Vergleich zu ihrer Liebe und der ewigen Natur.

Und sie plauderten von irgend etwas, von Dingen, die sie genau wußten, von Personen, die sie nicht interessierten, von tausend Nichtigkeiten. Sie unterhielt ihn von ihrer Jungfer und ihrem Friseur. Eines Tages vergaß sie sich und nannte ihr Alter: Neunundzwanzig Jahre; sie wurde alt.

Mehrmals erzählte sie ihm, ohne es zu wollen, Einzelheiten von sich selbst. Sie war »Fräulein in einem Geschäft« gewesen, hatte eine Reise nach England gemacht, mit Studien begonnen, um Schauspielerin zu werden; alles das ohne Übergänge, er vermochte nicht, sich ein Bild daraus zusammenzustellen. Sie erzählte mehr davon, als sie eines Tages unter einer Platane am Wiesenrain saßen. Unten am Rande des Weges ließ ein kleines Mädchen, die bloßen Füße im Staub, eine Kuh weiden. Als es ihrer ansichtig ward, kam es heran, um ein Almosen zu bitten; mit einer Hand hielt es sein zerlumptes Röckchen fest, kraute sich mit der andern in seinem schwarzen Haar, das wie eine Perücke à la Ludwig XIV. sein braunes, von prachtvollen Augen belebtes Gesicht umrahmte.

»Sie wird einmal sehr hübsch werden,« sagte Frédéric.

»Welche Aussicht für sie, wenn sie keine Mutter hat!« erwiderte Rosanette.

»Hm? Weshalb?«

»Nun ja; ich, ohne die meinige ...«

Sie seufzte und begann von ihrer Kindheit zu sprechen.

Ihre Eltern waren Hausweber in Croix-Rousse. Sie half ihrem Vater bei der Arbeit. Der arme Mann hatte sich aufreiben müssen, seine Frau überhäufte ihn mit Schimpfworten und verkaufte alles, um es zu vertrinken. Rosanette sah ihre Stube noch vor sich, mit Webstühlen, die der Länge nach vor die Fenster gestellt waren, den Kochtopf auf dem Ofen, das wie Mahagoni angemalte Bett, einen Schrank gegenüber und den dunklen Hängeboden, wo sie bis zu ihrem fünfzehnten Jahre geschlafen hatte. Schließlich war ein Herr gekommen, ein fetter Mann mit gelbem Gesicht und nach Art der Mucker in schwarzer Kleidung. Ihre Mutter und er hatten ein Gespräch miteinander und drei Tage darauf ... Rosanette hielt inne und sagte mit einem Blick, der schamlos war und bitter zugleich:

»Es war geschehen!«

Dann als Antwort auf eine Geberde Frédérics:

»Da er verheiratet war (er fürchtete, sich in seinem Hause zu kompromittieren), führte man mich in das Kabinett eines Gasthauses und sagte mir, daß ich glücklich sein und ein schönes Geschenk erhalten würde.

»Schon an der Tür war das erste, was mir auffiel, ein vergoldeter Kandelaber auf einem Tisch mit zwei Gedecken. Ein Spiegel an der Decke warf alles das zurück, und die Polsterung der Wände in blauer Seide gab dem Ganzen das Aussehen eines Alkovens. Ich war geblendet. Du begreifst, ein armes Ding, das niemals etwas gesehen hatte! Trotz meines Staunens hatte ich Furcht. Ich wollte fort. Ich bin aber doch geblieben.

»Der einzige Sitz, den es gab, war ein Diwan vor dem Tisch. Er sank weich unter mir ein; der Öffnung der Heizung auf dem Fußboden entströmte heißer Atem, und ich saß da, ohne etwas anzurühren. Der Kellner, der dabei stand, forderte mich auf, zu essen. Er goß mir gleich ein großes Glas Wein ein; der Kopf drehte sich mir, ich wollte das Fenster öffnen, da sagte er: »Nein, Fräulein, das ist verboten.« Und dann verließ er mich. Der Tisch war mit einer Menge von Dingen bedeckt, die ich nicht kannte. Nichts schmeckte mir. Dann machte ich mich über ein Glas mit eingelegten Früchten her und wartete weiter. Ich weiß nicht, was ihn verhinderte, zu kommen. Es war sehr spät, wenigstens Mitternacht, ich konnte nicht länger vor Müdigkeit; indem ich eines der Kissen fortschiebe, um mich besser auszustrecken, fühle ich unter meiner Hand eine Art Album, ein Heft; es waren obscöne Bilder ... Ich schlief darauf, als er eintrat.«

Sie senkte den Kopf und blieb nachdenklich.

Um sie her säuselten die Blätter, in einem Gewirr von Gräsern wiegte sich ein großer Fingerhut, über dem Rasen wogte das Licht, und die Stille wurde in kurzen Zwischenräumen von dem Grasrupfen einer Kuh unterbrochen, die man nicht sah.

Mit bebenden Nasenflügeln starrte Rosanette versonnen auf einen Fleck am Boden, drei Schritte vor sich. Frédéric nahm ihre Hand.

»Wie du gelitten hast, mein armes Lieb!«

»Ja,« sagte sie, »mehr als du glaubst! ... So, daß ich ein Ende machen wollte; man hat mich wieder herausgefischt.«

»Wie?«

»Ach, denken wir nicht mehr daran! ... Ich liebe dich, ich bin glücklich! küsse mich.« Und sie entfernte die Disteln, die sich am Rande ihres Kleides festgehakt hatten, eine nach der andern.

Frédéric dachte besonders an das, was sie nicht gesagt hatte. Auf welche Art hatte sie dem Elend entgehen können? Welchem Liebhaber verdankte sie ihre Erziehung? Was war in ihrem Leben geschehen bis zu dem Tage, an dem er das erste Mal zu ihr gekommen war? Ihr letztes Geständnis schloß jede Frage aus. Er fragte sie nur, wie sie die Bekanntschaft von Arnoux gemacht hatte.

»Durch die Vatnaz!«

»Warst du es nicht, die ich einmal mit ihnen beiden im Palais Royal gesehen habe?«

Er nannte das genaue Datum. Rosanette dachte nach.

»Ja, es ist wahr! ... Mir war nicht froh zumute in dieser Zeit damals!«

Aber Arnoux hätte sich ausgezeichnet benommen. Frédéric zweifelte nicht daran; jedoch war ihr Freund ein sonderbarer Mensch, voll Fehler, und er trug Sorge, sie ihr in Erinnerung zu bringen. Sie gab es zu.

»Schadet nichts! Man liebt ihn trotzdem, dieses Kamel.«

»Noch jetzt?« sagte Frédéric.

Sie errötete, halb lachend, halb erzürnt.

»O nein! Das ist eine alte Geschichte. Ich verberge dir nichts. Und selbst wenn es so wäre, mit ihm ist es etwas anderes! Übrigens finde ich dich nicht nett gegen dein Opfer.«

»Mein Opfer!«

Rosanette faßte ihn am Kinn.

»Freilich!«

Und lispelnd in der Weise der Kinderfrauen:

»Wir sind nicht immer artig gewesen! Sind mit seiner Frau in die Baba gegangen?«

»Ich, niemals im Leben!«

Rosanette lächelte. Er war verletzt durch ihr Lächeln, das er als einen Beweis von Gleichgültigkeit betrachtete. Aber sie erwiderte sanft und mit einem jener Blicke, die um eine Lüge flehen:

»Wirklich?«

»Gewiß!«

Frédéric schwor auf sein Ehrenwort, daß er niemals an Madame Arnoux gedacht habe, da er zu verliebt in eine andere war.

»In welche denn?«

»Aber in dich, du Schönste!«

»Ach! Mache dich nicht lustig über mich!«

Er hielt es für klug, eine Geschichte zu erfinden, eine Leidenschaft. Er erfand sogar Einzelheiten, die er umständlich schilderte. Diese Frau hätte ihn übrigens sehr unglücklich gemacht.

»Du hast entschieden kein Glück!« sagte Rosanette.

»O! o! vielleicht doch!« Er wollte von der Gunst verschiedener Frauen reden, um eine bessere Meinung von sich zu erwecken, ebenso wie Rosanette nicht alle ihre Liebhaber eingestand, damit er sie mehr achte; – denn mitten in den intimsten Geständnissen gibt es immer einen Vorbehalt aus falscher Scham, aus Rücksicht oder Mitleid. Man entdeckt bei dem andern oder sich selbst Abgründe oder Sümpfe, durch die man nicht mitkam; man fühlt überdies, daß man nicht verstanden werden würde, es ist so schwer, genau auszudrücken, um was es sich auch handeln mag; daher ist ein vollkommener Bund so selten.

Die arme Marschallin hatte es niemals so gut gehabt wie jetzt. Oft, wenn sie Frédéric anschaute, traten ihr Tränen in die Augen, dann blickte sie auf und richtete sie auf den Himmelsrand, als hätte sie ein neues Morgenrot, die Aussicht auf eine grenzenlose Glückseligkeit entdeckt. Endlich eines Tages gestand sie den Wunsch, eine Messe zu hören, »die unserer Liebe Glück bringen soll«.

Woher kam es nur, daß sie ihm so lange widerstanden hatte? Sie wußte es selbst nicht. Er wiederholte seine Frage mehrmals, und sie antwortete, indem sie ihn in die Arme schloß:

»Weil ich fürchtete, dich zu sehr zu lieben, mein Geliebter!«

Am Sonntagmorgen las Frédéric in einer Zeitung in der Liste der Verwundeten den Namen Dussardiers. Er stieß einen Schrei aus, zeigte das Blatt Rosanette und erklärte, daß er sofort abreisen müsse.

»Um was zu tun?«

»Ihn zu sehen, ihn zu pflegen!«

»Du wirst mich doch nicht allein lassen, denke ich?«

»Komm mit mir!«

»Ach! mich in einen solchen Wirrwarr begeben! Danke schön!«

»Aber ich kann nicht ...«

»Ach was! Als ob es in den Spitälern an Krankenwärtern mangelte!« Und dann, was ging ihn denn das schließlich an? Jeder ist sich selbst der Nächste!

Er war entrüstet über diesen Egoismus und machte sich Vorwürfe, nicht bei den anderen zu sein. Soviel Gleichgültigkeit dem Unglück des Vaterlandes gegenüber hatte etwas Kleinliches, Spießbürgerliches. Seine Liebe lastete plötzlich wie ein Verbrechen auf ihm. Sie schmollten über eine Stunde miteinander.

Dann beschwor sie ihn, zu warten, sich nicht der Gefahr auszusetzen.

»Wenn man dich tötete!«

»So würde ich nur meine Pflicht getan haben!«

Rosanette sprang auf. Vor allem sei seine Pflicht, sie zu lieben. Er wolle zweifellos fort, weil er ihrer überdrüssig sei! »Es ist ein Unsinn! Welche Idee! Mein Gott!«

Frédéric klingelte, um die Rechnung zu fordern. Aber es war nicht leicht, nach Paris zurückzukehren. Die Privatpost von Leloir war eben abgegangen, die Berlinen von Lecomte fuhren nicht, die Eilpost aus Bourbonnais kam erst spät in der Nacht vorüber und war vielleicht besetzt; man wußte nichts darüber. Nachdem er mit diesen Nachfragen viel Zeit versäumt hatte, kam ihm der Einfall, die Post zu nehmen. Der Postmeister weigerte sich, Pferde zu liefern, da Frédéric keinen Paß hatte. Schließlich mietete er eine Kalesche (die nämliche, in der sie spazieren gefahren waren), und gegen fünf Uhr langten sie in Melun vor dem Hotel de Commerce an.

Der Marktplatz war mit Waffenpyramiden bedeckt. Der Präfekt hatte den Nationalgardisten verboten, sich nach Paris zu begeben. Die nicht zu seinem Departement gehörten, wollten ihren Weg fortsetzen. Man lärmte. Im Gasthof herrschte großer Tumult.

Von Furcht erfüllt, erklärte Rosanette, daß sie nicht weiter wolle, und flehte ihn an, noch zu bleiben. Der Wirt und seine Frau schlössen sich ihr an. Doch ein biederer Mann, der dort aß, mischte sich hinein und versicherte, daß der Kampf in kurzem beendet sein würde; übrigens müsse man seine Pflicht tun! Das Schluchzen der Marschallin wurde heftiger. Frédéric war ausgebracht. Er gab ihr seine Börse, küßte sie flüchtig und verschwand.

In Corbeil auf dem Bahnhof angekommen, teilte man ihnen mit, daß die Insurgenten an vielen Stellen die Schienen aufgerissen hätten, und der Kutscher weigerte sich, weiterzufahren, da seine Pferde, sagte er, »total kaputt« seien.

Durch seine Fürsprache indessen erhielt Frédéric ein schlechtes Kabriolett, das ihn für die Summe von sechzig Francs, das Trinkgeld nicht mitgerechnet, bis an die Barrière d'Italie bringen sollte. Aber hundert Schritte vor der Barrière ließ sein Kutscher ihn aussteigen und kehrte um. Frédéric ging auf der Straße weiter, als eine Wache ihn plötzlich mit dem Bajonett aufhielt. Vier Mann packten ihn und schrien:

»Das ist einer von ihnen! Achtung! Durchsucht ihn! Brigant! Kanaille!«

Und seine Verblüffung war so groß, daß er sich auf die Tor-Wache schleppen ließ, in das Rondell, wo die Boulevards des Gobelins und de l'Hôpital und die Straßen Godefrey und Mouffetard zusammenliefen.

Vier Barrikaden bildeten am Ende der vier Straßen Stein-Wälle; Fackeln knisterten hier und da; trotz des Staubs, der sich erhob, unterschied er Liniensoldaten und Nationalgardisten, alle mit schwarzen Gesichtern, nachlässig gekleidet und verstört. Sie hatten eben den Platz genommen, hatten mehrere Menschen erschossen, ihre Erregung dauerte noch an. Frédéric sagte, daß er von Fontainebleau komme, um einem verwundeten Kameraden zu helfen, der Rue Bellefond wohne; niemand wollte ihm anfangs Glauben schenken; man untersuchte seine Hände, schnüffelte selbst an seinen Ohren, um sich zu versichern, daß er nicht nach Pulver rieche.

Allein es gelang ihm dank der wiederholten Versicherung schließlich, einen Hauptmann zu überzeugen, der zwei Füsilieren befahl, ihn bis zum Posten am Jardin des Plantes zu führen.

Sie gingen den Boulevard de l'Hôpital hinunter. Es blies ein starker Wind. Das belebte ihn wieder.

Dann bogen sie in die Rue du Marché-aux-Chevaux ein. Der Jardin des Plantes zur Rechten bildete eine große schwarze Masse, während zur Linken die ganze Fassade von la Pitté mit all den erleuchteten Fenstern flammte wie eine Feuersbrunst und Schatten lustig über die Scheiben glitten.

Die beiden Begleiter Frédérics verließen ihn. Ein anderer brachte ihn bis zum Polytechnikum.

Die Rue Saint-Victor war völlig dunkel, ohne jede Gasflamme noch ein Licht in den Häusern. Vor zehn zu zehn Minuten wurde gerufen:

»Wache! Achtung!« Und dieser Ruf, in die Stille geworfen, pflanzte sich fort wie der Widerhall eines Steines, der in einen Abgrund rollt.

Mitunter näherte sich ein Geräusch von schweren Schritten. Es waren Patrouillen von wenigstens hundert Mann; Geflüster und unbestimmtes Geklirr von Eisen drang aus dieser wirren Masse; dann verhallte der Gleichklang der Tritte und sie verschwanden in der Dunkelheit.

An den Straßenkreuzungen sah man überall Dragoner unbeweglich auf ihren Pferden halten. Von Zeit zu Zeit galoppierte ein reitender Eilbote vorüber, dann trat wieder Stille ein. In der Ferne hörte man das dumpfe, schreckliche Rollen der Kanonen auf dem Pflaster; das Herz zog sich zusammen bei diesen Geräuschen, die von allen gewohnten so verschieden waren. Sie schienen selbst die Stille zu erhöhen, die so tief war, so grenzenlos, – eine schwarze Stille. Männer in weißen Kitteln näherten sich den Soldaten, sprachen ein Wort mit ihnen und verschwanden wie Phantome.

Die Wache am Polytechnikum war überfüllt von Menschen. Frauen drängten sich an der Schwelle: sie verlangten ihre Söhne, ihre Männer zu sehen. Man schickte sie in das Panthéon, das zu einer Leichen-Halle umgewandelt war, – und Frédéric hörte man nicht an. Er wich nicht, schwor, daß sein Freund Dussardier ihn erwarte, daß er im Sterben liege. Man gab ihm schließlich einen Korporal mit, um ihn oben in die Rue Saint-Jacques, in die Mairie des XII. Arrondissements, zu führen.

Die Place du Panthéon war voll von Soldaten, die auf Stroh gelagert waren. Der Tag graute. Die Biwakfeuer erloschen.

Der Aufstand hatte in diesem Viertel schreckliche Spuren hinterlassen. Das Straßenpflaster war von einem Ende zum andern aufgerissen und zerwühlt. Auf den zerstörten Barrikaden waren Omnibusse, Gasröhren, Räder und Karren geblieben; kleine schwarze Lachen an einigen Stellen schienen Blut zu sein. Die Häuser waren von Geschossen durchlöchert, und ihr Gebälk zeigte sich unter den Mauerrissen; Jalousien hingen an einem Nagel noch als Fetzen herab. Die Treppen waren eingestürzt, Türen standen weit geöffnet. Man sah das Innere der Zimmer mit ihren zersetzten Tapeten. Kleinigkeiten waren mitunter erhalten geblieben, Frédéric entdeckte eine Uhr, eine Papageienstange, Kupferstiche.

Als er in die Mairie trat, schwatzten die Nationalgardisten unaufhörlich von dem Tode Bréas und Négriers, des Abgeordneten Charbonnel und des Erzbischofs von Paris. Man sagte, der Herzog d'Aumale sei in Boulogne angekommen, Barbès aus Vincennes entflohen, daß Artillerie von Bourges anrückte und Hilfstruppen aus der Provinz herbeiströmten. Gegen drei Uhr brachte jemand gute Nachrichten. Parlamentäre der Aufrührer seien bei dem Präsidenten der Nationalversammlung.

Darüber freuten sich alle; und da er noch zwölf Francs bei sich hatte, ließ Frédéric zwölf Flaschen Wein kommen in der Hoffnung, dadurch seine Befreiung zu beschleunigen. Plötzlich glaubte man, Schießen zu hören. Das Zechen wurde eingestellt; man betrachtete den Unbekannten mit mißtrauischen Blicken, es konnte Heinrich V. sein.

Um keinerlei Verantwortung zu tragen, transportierten sie ihn auf die Mairie des XI. Arrondissements, wo man ihn vor neun Uhr morgens nicht entließ.

Er eilte laufend bis zum Quai Voltaire.

An einem offenen Fenster sah ein Greis in Hemdsärmeln zum Himmel empor und weinte. Die Seine floß friedlich dahin. Der Himmel war ganz blau, in den Bäumen der Tuilerien sangen Vögel.

Frédéric überschritt die Place de Caroussel, als eine Tragbahre vorübergetragen wurde. Der Posten präsentierte sofort das Gewehr und der Offizier sagte, mit der Hand an seinem Tschako: »Ehre dem unglücklichen Tapferen!« Dieses Wort war fast obligatorisch geworden, und der es aussprach, schien immer feierlich bewegt. Eine Gruppe rasender Leute begleitete die Bahre und schrie:

»Wir werden euch rächen! wir werden euch rächen!«

Die Wagen fuhren auf dem Boulevard hin und her, und Frauen zupften vor den Türen Scharpie. Indessen war der Aufruhr, beinah wenigstens, unterdrückt; eine Proklamation Cavaignacs, die gerade angeschlagen wurde, verkündete es. Oben in der Rue Vivienne erschien ein Trupp Mobilgardisten. Da schrien die Bürger vor Begeisterung, sie schwenkten ihre Hüte, klatschten Beifall, tanzten, wollten sie umarmen, ihnen einen Trunk anbieten, – und Damen warfen Blumen von den Balkonen.

Endlich, um zehn Uhr, in dem Augenblick, wo die Kanonen dröhnten, um das Faubourg Saint-Antoine einzunehmen, langte Frédéric bei Dussardier an. Er fand ihn in seiner Mansarde, schlafend, auf dem Rücken ausgestreckt. Aus dem Nebenraum kam eine Frau mit unhörbaren Schritten, Mademoiselle Vatnaz.

Sie führte Frédéric beiseite und berichtete ihm, wie Dussardier verwundet worden war.

Am Samstag schrie ein Bursche, der in eine Trikolore eingehüllt war, von der Höhe einer Barrikade den Nationalgardisten zu: »Geht nur auf eure Brüder schießen!« Da hatte Dussardier sein Gewehr hingeworfen, die anderen beiseite geschoben, war mit einem Satz auf die Barrikade gesprungen und hatte den Aufrührer mit einem Fußstoß niedergeworfen, indem er ihm die Fahne entriß. Den Schenkel von einer Kupferladung durchbohrt, hatte man ihn unter den Trümmern wiedergefunden. Die Wunde mußte geschnitten werden, um das Geschoß daraus zu entfernen. Mademoiselle Vatnaz war an demselben Abend gekommen und hatte ihn seitdem nicht mehr verlassen.

Sie bereitete geschickt alles Nötige zum Verbinden vor, gab ihm zu trinken, erriet seine geringsten Wünsche, kam und ging leiser als eine Fliege und betrachtete ihn mit liebevollen Blicken.

Frédéric ging zwei Wochen lang jeden Morgen zu ihm; eines Tages, als er von der Aufopferung der Vatnaz sprach, zuckte Dussardier die Achseln.

»Ach was! Sie tut's aus Eigennutz!«

»Glaubst du?«

Er erwiderte: »Ich bin dessen sicher!« ohne sich weiter erklären zu wollen.

Sie überhäufte ihn mit Aufmerksamkeiten und brachte ihm Zeitungen, in denen man seine schöne Tat pries. Diese Huldigungen schienen ihn zu belästigen. Er gestand Frédéric sogar seine Gewissensunruhe.

Vielleicht hätte er sich auf die Seite der Arbeiter stellen müssen, denn schließlich hatte man diesen alles mögliche versprochen, das man nicht gehalten hatte. Ihre Besieger verabscheuten die Republik; und dann hatte man sich ihnen gegenüber sehr hart gezeigt! Sie hatten unrecht, zweifellos, allein nicht in allem; und der brave Bursche wurde von der Idee gepeinigt, daß er vielleicht die Gerechtigkeit bekämpft hatte.

Sénécal, der in den Tuilerien unter der Terrasse eingesperrt war, empfand nichts von diesen Ängsten.

Sie waren dort neunhundert Menschen, im Schmutz zusammengepfercht, bunt durcheinander, schwarz von Pulver und geronnenem Blut, zähneklappernd vor Fieber und schnaubend vor Wut; und man entfernte nicht einmal die Toten unter ihnen. Zuweilen, bei dem plötzlichen Geräusch einer Detonation, glaubten sie, daß man sie alle erschießen wolle; dann stürzten sie sich gegen die Mauern, fielen aber, vom Schmerz dermaßen abgestumpft, auf ihren Platz zurück, als wenn sie unter einem Alpdruck, in einer düstern Halluzination lebten. Die Lampe, die von dem Gewölbe herabhing, sah wie ein Blutfleck aus; und von der Ausdünstung des Kellers hervorgerufen, flackerten kleine grüne und gelbe Flämmchen. Aus Furcht vor Epidemien hatte man eine Kommission ernannt. Bei den ersten Schritten aber schreckte der Präsident voll Abscheu vor dem Geruch der Exkremente und Leichen zurück. Wenn die Gefangenen sich einer Kellerluke näherten, stießen Nationalgardisten, die draußen Posten standen, um sie daran zu verhindern, die Gitter zu erschüttern, mit Bajonetten aufs Geratewohl in den Haufen.

Sie waren alle unbarmherzig. Die nicht gekämpft hatten, wollten sich auszeichnen. Es war eine Schreckensherrschaft. Man rächte sich gleichzeitig an den Zeitungen, den Klubs, den Zusammenrottungen, den Doktrinen, an allem, was seit drei Monaten Empörung erweckte; und dem Siege zum Trotz manifestierte sich triumphierend die Gleichheit (wie als Züchtigung ihrer Verteidiger und zum Hohn ihrer Feinde), eine Gleichheit von viehischen Bestien, von blutigen Schandtaten, denn der Fanatismus der Interessen hielt den Delirien der Not das Gleichgewicht, die Aristokratie wütete wie der Pöbel, und die baumwollenen Mützen waren ebenso widerwärtig wie die roten. Die allgemeine Vernunft war gestört wie nach großen Umwälzungen in der Natur, und intelligente Leute wurden für ihr ganzes Leben zu Idioten.

Der alte Roque war sehr tapfer, fast verwegen geworden. Am sechsundzwanzigsten mit Nogentinern nach Paris gekommen, hatte er sich, anstatt mit ihnen zurückzukehren, der Nationalgarde angeschlossen, die in den Tuilerien kampierte; und er war sehr zufrieden, als Schildwache vor die Terrasse am Ufer gestellt zu werden. Hier wenigstens hatte er sie unter sich, diese Briganten! Er freute sich über ihre Niederlage, ihre Erniedrigung, und konnte es nicht unterlassen, sie mit Schmähungen zu überhäufen.

Einer von ihnen, ein Jüngling mit langem, blondem Haar, drückte sein Gesicht an das Gitter und bat um Brot. Monsieur Roque gebot ihm Schweigen. Aber der junge Mensch wiederholte mit kläglicher Stimme:

»Brot!«

»Habe ich denn welches!«

Andere Gefangene erschienen an den Kellerluken mit ihren zottigen Bärten, ihren flackernden Augen, alle stießen sich und heulten:

»Brot!«

Der alte Roque war sehr entrüstet, seine Autorität nicht anerkannt zu sehen. Um sie einzuschüchtern, legte er auf sie an; aber von der Menge, die ihn erstickte, bis an das Gewölbe gehoben, schrie der junge Mann, den Kopf hintenübergeneigt, nochmals:

»Brot!«

»Da! hier habt ihr's!« rief der alte Roque und feuerte sein Gewehr ab.

Ein furchtbares Geheul ertönte, dann Stille. Am Rande der Luke war etwas Weißes geblieben.

Darauf kehrte Monsieur Roque in seine Wohnung zurück, denn er besaß Rue Saint-Martin ein Haus, in dem er sich ein Absteige-Quartier vorbehalten hatte; und die Schäden, die durch den Aufruhr an der Vorbereite seines Grundstücks entstanden waren, hatten nicht wenig dazu beigetragen, ihn in Wut zu bringen. Als er es wiedersah, schien ihm, daß er das Übel übertrieben hatte. Seine Handlungsweise eben beruhigte ihn wie eine Entschädigung.

Seine Tochter selbst öffnete ihm die Tür. Sie sagte, daß seine lange Abwesenheit sie beunruhigt hätte, sie habe ein Unglück gefürchtet, eine Verwundung.

Dieser Beweis kindlicher Liebe rührte Vater Roque. Er war erstaunt, daß sie sich ohne Cathérine auf den Weg gemacht hatte.

»Ich habe sie eben fortgeschickt, um eine Besorgung zu machen,« erwiderte Louise.

Und sie erkundigte sich nach seiner Gesundheit, nach allem möglichen; dann fragte sie ihn mit gleichgültiger Miene, ob er nicht zufällig Frédéric begegnet sei.

»Nein! keine Spur von ihm!«

Nur allein seinetwegen hatte sie die Reise unternommen.

Es ging jemand durch den Korridor.

»Ach! Entschuldige!«

Und sie verschwand.

Cathérine hatte Frédéric nirgends gefunden. Er war seit mehreren Tagen abwesend, und sein intimer Freund, Monsieur Deslauriers, lebte jetzt in der Provinz.

Louise kam, an allen Gliedern zitternd, ohne sprechen zu können, wieder herein. Sie stützte sich auf die Möbel.

»Was hast du? Was hast du denn?« rief ihr Vater.

Sie gab durch ein Zeichen zu verstehen, daß es nichts sei, und faßte sich mit großer Willensanstrengung.

Der Speisewirt gegenüber brachte die Suppe. Aber die Erregung war für Vater Roque zu heftig gewesen. »Er konnte nicht darüber hinweg«, und beim Dessert hatte er einen Ohnmachtsanfall. Man ließ schnell einen Arzt holen, der eine Medizin verschrieb. Dann, als er im Bett war, verlangte Monsieur Roque soviele Decken wie möglich, um zu schwitzen. Er stöhnte und ächzte.

»Danke, meine Cathérine! – Küsse deinen armen Vater, mein Täubchen! Ach! diese Revolutionen!«

Und als seine Tochter ihn schalt, daß er sich aus Angst um sie krank gemacht hatte, erwiderte er:

»Ja! du hast recht! Aber das geht über meine Kräfte! Ich bin zu weichherzig!«


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