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In ihrem Boudoir, zwischen ihrer Nichte und Miß John sitzend, hörte Madame Dambreuse Monsieur Roque zu, der von seinen militärischen Strapazen erzählte.

Sie biß sich in die Lippen und schien leidend zu sein.

»O! es ist nichts! das geht vorüber!« Und mit anmutiger Miene fügte sie hinzu:

»Wir werden einen Ihrer Bekannten, Monsieur Moreau, zum Diner hier haben.«

Louise zitterte.

»Dann noch einige Intime, Alfred de Cisy unter anderen.«

Und sie rühmte seine Manieren, sein Gesicht, und hauptsächlich seinen Lebenswandel.

Madame Dambreuse log weniger, als sie glaubte; der Vicomte dachte an Ehe. Er hatte es Martinon gesagt und hinzugefügt, daß er sicher sei, Mademoiselle Cécile zu gefallen, und daß ihre Verwandten ihn nicht abweisen würden.

Um eine solche vertrauliche Mitteilung zu wagen, mußte er über die Mitgift günstige Auskunft erhalten haben. Nun argwöhnte aber Martinon, daß Mademoiselle Cécile die natürliche Tochter von Monsieur Dambreuse sei; und es wäre wahrscheinlich sehr klug gewesen, aufs Geratewohl um ihre Hand zu bitten. Diese Kühnheit aber bot Gefahren; und Martinon hatte bis jetzt daher vermieden, sich bloßzustellen, zumal da er nicht wußte, wie er die Tante loswerden sollte. Die Erwähnung Cisys bestimmte ihn nun; und er hatte dem Bankier seine Bitte vorgetragen, der eben, da er kein Hindernis sah, Madame Dambreuse davon unterrichtet hatte. Cisy erschien. Sie erhob sich und sagte:

»Sie vergessen uns ... Cécile, shake hands!«

Im selben Augenblick trat Frédéric ein.

»Ah! endlich findet man Sie wieder!« rief Vater Roque. »Ich bin in dieser Woche dreimal mit Louise bei Ihnen gewesen!«

Frédéric hatte sie sorgfältig gemieden. Er gab vor, jeden Tag bei einem verwundeten Kameraden zu verbringen. Seit langem hätten ihn außerdem auch noch eine Menge Dinge abgehalten, und er erfand allerlei Geschichten. Glücklicherweise kamen die Gäste: Zuerst Monsieur Paul de Grémonville, der Diplomat, den er auf dem Balle gesehen hatte; dann Fumichon, der Industrielle, dessen konservative Gesinnung ihn eines Abends so empört hatte; die alte Herzogin de Montreuil-Nantua folgte ihnen.

Zwei Stimmen erhoben sich im Vorzimmer.

»Ich bin dessen gewiß,« sagte die eine.

»Aber meine Teuerste, meine Teuerste!« erwiderte die andere, »bitte, beruhigen Sie sich!«

Es waren Monsieur de Nonancourt, ein alter Stutzer mit mumienhaft verschminktem Gesicht, und Madame de Larsillois, die Gattin eines Präfekten unter Louis-Philippe. Sie zitterte furchtbar, denn sie hatte eben auf einer Drehorgel eine Polka gehört, die ein Signal der Aufständischen war. Viele Bürger hatten solche Einbildungen; man glaubte, daß von den Katakomben aus das Faubourg Saint-Germain in die Luft gesprengt werden sollte; es drang verworrenes Getöse aus den unterirdischen Gewölben, an den Fenstern geschahen verdächtige Dinge.

Es bemühten sich indessen alle, Madame de Larsillois zu beruhigen. Die Ordnung sei wiederhergestellt. Nichts mehr zu befürchten. »Cavaignac hat uns gerettet!« Als wären die Schrecken des Aufruhrs nicht zahlreich genug, übertrieb man sie noch. Es sollten dreiundzwanzigtausend Sträflinge auf Seiten der Sozialisten sein – nicht weniger!

Man zweifelte keineswegs daran, daß es vergiftete Lebensmittel gebe, daß Mobilgardisten zwischen zwei Planken zersägt wurden, und daß Inschriften auf Fahnen zu Plünderung und Brandstiftung aufforderten.

»Und noch mehr!« setzte die Ex-Präfektin hinzu.

»Ach! meine Liebe!« sagte Madame Dambreuse vorbeugend, indem sie mit einem Blick auf die drei jungen Mädchen wies.

Monsieur Dambreuse kam mit Martinon aus seinem Kabinett. Sie wandte den Kopf und erwiderte den Gruß Pellerins, der auf sie zukam. Der Künstler betrachtete unruhig die Wände. Der Bankier nahm ihn beiseite und gab ihm zu verstehen, daß er für den Augenblick sein revolutionäres Bild hätte verstecken müssen.

»Selbstverständlich!« sagte Pellerin, denn seine Schlappe im »Klub der Intelligenz« hatte seine Ansichten geändert. Monsieur Dambreuse fügte verbindlich hinzu, daß er andere Arbeiten bei ihm bestellen würde.

»Aber bitte! ... Ach! lieber Freund! welch eine Freude!«

Arnoux und Madame Arnoux standen vor Frédéric.

Ein Schwindel überkam ihn. Rosanette hatte ihn mit ihrer Bewunderung für die Soldaten den ganzen Nachmittag gereizt, und die alte Liebe erwachte wieder.

Der Haushofmeister meldete, daß angerichtet sei. Mit einem Blick befahl Madame Dambreuse dem Vicomte, Cécile den Arm zu geben, sagte leise: »Elender!« zu Martinon, und man ging in den Speisesaal.

Unter den grünen Blättern einer Ananas mitten auf der Tafel streckte sich ein Goldkarpfen aus, dessen Maul an eine Rehkeule stieß, während sein Schwanz eine Krebspyramide berührte. Feigen, riesige Kirschen, Birnen und Weintrauben (Erstlinge der Pariser Kultur) häuften sich in alten Meißner Körben zu Pyramiden; Blumentuffs mischten sich in Abständen mit dem blanken Silberzeug. Vorhänge von weißer Seide vor den Fenstern gaben dem Raum ein sanftes Licht. Zwei Fontänen, in denen Eisstücke lagen, verbreiteten Kühle, und stattliche Diener in Kniehosen servierten. Alles dies schien nach den Aufregungen der vergangenen Tage von doppelt großem Wert. Man gab sich dem Genusse der Dinge wieder hin, die man zu verlieren gefürchtet, und Nonancourt gab dem allgemeinen Gefühl Ausdruck, indem er sagte:

»Ah! endlich gestatten uns die Herren Republikaner, zu speisen!«

»Trotz ihrer Brüderlichkeit!« fügte geistreich Vater Roque hinzu.

Diese beiden Ehrenmänner saßen zur Rechten und zur Linken von Madame Dambreuse, die ihren Mann zwischen Madame Larsillois mit dem Diplomaten neben sich und der alten Herzogin mit Fumichon als Nachbarn gegenüber hatte. Dann kamen der Maler, der Fayencenhändler, Mademoiselle Louise; und dank Martinon, der ihm seinen Platz fortgenommen hatte, um sich neben Cécile zu setzen, fand sich Frédéric an der Seite von Madame Arnoux.

Sie trug ein Kleid von schwarzer Barège, einen Goldreif um das Handgelenk und wie am ersten Tage, als er bei ihr gespeist hatte, etwas Rotes im Haar, einen Fuchsienzweig, der sich um ihren Haarknoten wand. Er konnte sich nicht enthalten, ihr zu sagen:

»Es ist lange her, seit wir uns gesehen haben!«

»O!« erwiderte sie kalt.

Er begann wieder mit einer Sanftheit in der Stimme, die die Kühnheit seiner Frage milderte:

»Haben Sie zuweilen an mich gedacht?«

»Warum hätte ich das tun sollen?«

Frédéric war verletzt durch dieses Wort.

»Sie haben schließlich vielleicht recht.«

Doch bereute er es schnell und beteuerte, daß er keinen einzigen Tag verlebt habe, ohne von seiner Erinnerung gepeinigt zu sein.

»Ich glaube kein Wort davon, mein Herr.«

»Allein Sie wissen doch, daß ich Sie liebe!«

Madame Arnoux erwiderte nichts.

»Sie wissen, daß ich Sie liebe!«

Sie schwieg noch immer.

»Nun, mir soll's recht sein!« sagte sich Frédéric. Und aufblickend gewahrte er am andern Ende der Tafel Mademoiselle Roque.

Sie hatte es für vorteilhaft gehalten, sich ganz in Grün zu kleiden, eine Farbe, die grell von dem Ton ihres roten Haares abstach. Ihre Gürtelschnalle saß zu hoch, ihr Kragen zwängte sie ein; dieser Mangel an Eleganz hatte anfangs wohl zu Frédérics Kälte mit beigetragen. Sie beobachtete ihn neugierig von fern; und Arnoux neben ihr verschwendete seine Galanterien vergebens: er brachte nicht drei Worte aus ihr heraus, so daß er darauf verzichtete, zu gefallen, und der Unterhaltung zuhörte. Sie drehte sich jetzt um allerlei Klatsch aus dem Luxembourg.

Louis Blanc besaß nach Fumichon ein Haus Rue Saint-Dominique und weigerte sich, an Arbeiter zu vermieten.

»Was ich komisch finde,« sagte Nonancourt, »ist, daß Ledru-Rollin in den Krondomänen jagt!«

»Er schuldet einem Goldschmied zwanzigtausend Francs!« fügte Cisy hinzu, »und man behauptet sogar ...«

Madame Dambreuse unterbrach ihn.

»Ach! wie häßlich ist es, sich über Politik so zu ereifern! Ein junger Mann, pfui! Beschäftigen Sie sich lieber mit Ihrer Nachbarin!«

Darauf griffen die gesetzteren Leute die Zeitung an.

Arnoux übernahm die Verteidigung, Frédéric mischte sich hinein, nannte sie Handelsfirmen wie andere auch. Ihre Mitarbeiter wären gewöhnlich Dummköpfe oder Prahler; er behauptete, sie zu kennen, und bekämpfte die edle Gesinnung seines Freundes mit Sarkasmen. Madame Arnoux sah nicht, daß dies eine Rache an ihr war.

Inzwischen strengte der Vicomte seinen Geist an, um Mademoiselle Cécile zu erobern. Zuerst entfaltete er künstlerischen Geschmack, indem er die Form der Kühleimer und die Gravierung der Messer tadelte. Dann sprach er von seinem Stall, seinem Schneider und seinem Hemdenlieferanten; schließlich kam er auf das Kapitel der Religion und gab zu verstehen, daß er all seinen Pflichten nachkomme.

Martinon fing es besser an. Er wandte keinen Blick von ihr und rühmte in monotoner Weise ihr Vogelprofil, ihr fades blondes Haar und ihre zu kurzen Hände. Das häßliche junge Mädchen beseligte diese Flut von Schmeicheleien.

Niemand vernahm etwas davon, da alle sehr laut sprachen. Monsieur Roque wünschte »einen Arm von Eisen, der Frankreich regieren sollte«. Nonancourt bedauerte sogar, daß das politische Schafott abgeschafft war. Man hätte alle diese Lumpen in Massen töten sollen!

»Es sind auch Feiglinge,« sagte Fumichon. »Ich sehe keine Tapferkeit darin, sich hinter Barrikaden aufzustellen.«

»Übrigens, erzählen Sie uns doch von Dussardier!« sagte Monsieur Dambreuse, zu Frédéric gewendet.

Der brave Kommis war jetzt ein Held, wie Sallesse, die Brüder Jeanson, die Péquillet und so weiter.

Frédéric erzählte, ohne sich bitten zu lassen, die Geschichte seines Freundes; es warf ja eine Art Glorienschein für ihn selbst ab.

Nun kam es natürlich dazu, daß verschiedene Züge von Mut geschildert wurden. Nach der Ansicht des Diplomaten war es nicht schwer, dem Tode die Stirn zu bieten, ein Beweis dafür wären die Duellanten.

»Man kann sich auf den Vicomte berufen,« sagte Martinon.

Der Vicomte wurde sehr rot.

Die Gäste sahen ihn an; und Louise, die erstaunter war als die anderen, murmelte:

»Was bedeutet denn das?«

»Er ist vor Frédéric ausgerückt,« erwiderte Arnoux ganz leise.

»Sie wissen etwas, mein Fräulein?« fragte alsbald Nonancourt; und er gab ihre Antwort an Madame Dambreuse weiter, die sich ein wenig vorneigte und Frédéric anblickte.

Martinon wartete nicht die Fragen von Cécile ab. Er sagte ihr, daß die Sache eine unqualifiziertere Person betreffe. Das junge Mädchen rückte leise ihren Stuhl ein wenig ab, wie um vor einer Berührung mit diesem Wüstling zu fliehen.

Die Unterhaltung hatte wieder begonnen. Starke Bordeaux-Weine wurden herumgereicht, man wurde lebhaft. Pellerin schimpfte auf die Revolution wegen des spanischen Museums, mit dem es nun entschieden vorbei war. Das kränkte ihn als Maler am meisten. Bei diesem Wort fragte ihn Monsieur Roque.

»Sind Sie nicht auch der Schöpfer eines sehr bemerkenswerten Bildes?«

»Vielleicht! Welches?«

»Es stellt eine Dame in einem ... ein wenig ... leichten Kostüm dar, mit einer Börse und einem Pfau hinter sich.«

Nun wurde Frédéric purpurrot. Pellerin tat, als höre er nicht.

»Aber es ist doch von Ihnen! Denn Ihr Name steht darunter, und eine Zeile auf dem Rahmen stellt fest, daß es Eigentum des Monsieur Moreau ist.«

Eines Tages, als der alte Roque und seine Tochter in seiner Wohnung auf ihn warteten, hatten sie das Porträt der Marschallin gesehen. Der gute Mann hatte es sogar für ein »mittelalterliches Bild« gehalten.

»Nein!« sagte Pellerin grob; »es ist das Porträt einer Frau!«

Martinon fügte hinzu:

»Einer ›sehr lebenden‹ Frau! Nicht wahr, Cisy?«

»Ach, ich weiß nichts davon.«

»Ich glaubte, Sie kennten sie. Aber wenn es Ihnen peinlich ist, bitte tausendmal um Verzeihung!«

Cisy senkte die Augen und bewies durch seine Verlegenheit, daß er mit Bezug auf das Porträt eine klägliche Rolle gespielt haben mußte. Was Frédéric anbetraf, konnte dieses Modell nur seine Maitresse sein. Es war eine jener Überzeugungen, die sich sofort bilden, und die Gesichter der Gesellschaft bestätigten es deutlich.

»Wie er mich belogen hat!« sagte sich Madame Arnoux.

»Darum also hat er mich verlassen!« dachte Louise.

Frédéric glaubte, daß diese beiden Geschichten ihn kompromittieren würden, und als man in den Garten ging, machte er Martinon Vorwürfe darüber.

Der Liebhaber von Mademoiselle Cécile lachte ihm ins Gesicht.

»Ach! durchaus nicht! es wird dir nützen! Laß nur gut sein!«

Was wollte er damit sagen? Und dann, warum dieses Wohlwollen, das so ganz gegen seine Gewohnheiten war? Ohne es sich erklären zu können, ging er gegen den Hintergrund, wo die Damen saßen. Die Herren standen, und Pellerin entwickelte, mitten unter ihnen, seine Ideen. Am günstigsten für die Kunst sei eine einsichtsvolle Monarchie. Die moderne Zeit widere ihn an; »wenn es auch nur um der Nationalgarde willen wäre«, ersehnte er das Mittelalter zurück und Ludwig XIV.; Monsieur Roque beglückwünschte ihn zu seinen Ansichten, gestand sogar ein, daß sie all seine Vorurteile gegen die Künstler zerstreuten. Aber von der Stimme Fumichons angelockt, entfernte er sich gleich wieder. Arnoux versuchte auseinanderzusetzen, daß es zwei Arten von Sozialismus gebe, einen guten und einen schlechten. Der Industrielle sah keinen Unterschied darin, bei dem Wort Eigentum geriet er sofort in Wut.

»Es ist ein Gesetz, das ist von der Natur vorgeschrieben! Die Kinder halten an ihrem Spielzeug fest, alle Völker denken wie ich, alle Tiere; selbst der Löwe würde sich, wenn er reden könnte, für das Eigentum erklären! Ich, meine Herren, habe mit fünfzehntausend Francs Kapital angefangen! Dreißig Jahre lang, wissen Sie, bin ich täglich um vier Uhr morgens aufgestanden. Ich war mit allen Teufeln gehetzt, um mein Vermögen zu machen! Und man wird nun kommen und behaupten, daß ich nicht der Herr davon bin, daß mein Geld nicht mein Geld ist, schließlich, daß Eigentum Diebstahl ist!«

»Aber Proudhon ...«

»Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Proudhon. Wäre er da, ich glaube, ich erdrosselte ihn!«

Er hätte ihn erdrosselt. Besonders nach den Likören. Fumichon kannte sich nicht mehr; und sein schlagflüssiges Gesicht war nahe daran, zu platzen wie eine Granate.

»Guten Tag, Arnoux,« sagte Hussonnet, der leichtfüßig über den Rasen kam.

Er brachte Monsieur Dambreuse die erste Nummer einer Broschüre, »Hydra« betitelt, darin der Bohémien als Vertreter der Interessen eines reaktionären Kreises auftrat, und der Bankier stellte ihn seinen Gästen als solchen vor.

Hussonnet erheiterte sie, indem er zuerst behauptete, daß die Talghändler dreihundertvierundzwanzig Gassenjungen bezahlten, um jeden Abend »Lampions!« zu schreien; dann, indem er sich über die Grundsätze von 89, über die Befreiung der Neger, die Redner der Linken lustig machte. Er trieb es selbst, vielleicht in einem Gefühl von Neid gegen diese Bürger, die so gut gespeist hatten, so weit, »Prudhomme auf einer Barrikade« darzustellen. Die Rolle gefiel nur mittelmäßig, und ihre Gesichter wurden länger.

Dies war übrigens auch nicht der Moment, zu scherzen; Nonancourt sagte es, indem er an den Tod Seiner Hochwürden Monseigneur Affre und des Generals de Bréa erinnerte. Man berief sich immer auf sie, argumentierte mit ihnen. Monsieur Roque nannte den Tod des Erzbischofs: »das Erhabenste, was es gab«; Fumichon reichte dem Militär die Palme; und anstatt einfach diese beiden Mordtaten zu beklagen, stritten sie darum, welche von ihnen Anlaß zu stärkerer Entrüstung gebe. Darauf wurde ein zweiter Vergleich zwischen Lamoricière und de Cavaignac gezogen, wobei Monsieur Dambreuse Cavaignac pries und Nonancourt Lamoricière. Keiner von der Gesellschaft, außer Arnoux, hatte sie bei der Arbeit sehen können. Nichtsdestoweniger bildeten sich alle ein unwiderlegbares Urteil über ihr Vorgehen. Frédéric hatte sich für inkompetent erklärt und eingestanden, daß er nicht zu den Waffen gegriffen hatte. Der Diplomat und Monsieur Dambreuse nickten ihm beifällig zu. Den Aufruhr bekämpfen hieß in der Tat die Republik verteidigen. Das Resultat, obwohl günstig, befestigte sie, und jetzt, da man sich die Besiegten vom Halse geschafft hatte, wünschte man es auch mit den Siegern zu tun.

Kaum im Garten, hatte Madame Dambreuse Cisy vorgenommen und ihm Vorwürfe über seine Ungeschicklichkeit gemacht; als sie Martinons ansichtig wurde, verabschiedete sie ihn, sie wollte von ihrem zukünftigen Neffen den Grund zu seinen Späßen über den Vicomte wissen.

»Ich habe keinen.«

»Also alles das nur zum Ruhm von Monsieur Moreau! Zu welchem Zweck?«

»Zu keinem! Frédéric ist ein prächtiger Mensch! Ich habe ihn sehr gern!«

»Und ich auch! Er soll kommen! Holen Sie ihn!«

Nach zwei oder drei banalen Redensarten begann sie ihre Gäste ein wenig herabzusetzen und stellte ihn dadurch über sie. Er verfehlte nicht, die anderen Damen etwas durchzuhecheln und ihr so auf eine geschickte Manier Komplimente zu sagen. Doch sie verließ ihn hin und wieder, da es ihr Empfangsabend war und einige Damen kamen; dann kehrte sie auf ihren Platz zurück, und die zufällige Anordnung der Sitze gestattete ihnen, ungehört zu bleiben.

Sie zeigte sich munter, ernst, melancholisch und vernünftig. Die Vorgänge des Tages interessierten sie nur wenig; für sie gäbe es ganz andere, weniger vergängliche Gefühlszustände. Sie beklagte sich über die Dichter, die die Wahrheit entstellten, dann hob sie die Augen zum Himmel und fragte ihn nach dem Namen eines Sternes.

Man hatte zwei, drei chinesische Lampions in die Bäume gehängt; der Wind bewegte sie, farbige Strahlen zitterten auf ihrem weißen Kleide. Sie saß, wie gewöhnlich, ein wenig zurückgelehnt in ihrem Fauteuil, vor dem ein Taburet stand; man gewahrte die Spitze ihres schwarzen Atlasschuhes, und mitunter entschlüpfte Madame Dambreuse ein lautes Wort, einige Male sogar ein Lachen.

Diese Koketterien drangen nicht bis zu Martinon, der mit Cécile beschäftigt war; aber sie trafen die kleine Roque, die mit Madame Arnoux plauderte. Diese war die einzige von allen Frauen, deren Manieren ihr nicht verächtlich erschienen. Sie hatte sich neben sie gesetzt und sagte dann, indem sie einem Mitteilungsbedürfnis nachgab:

»Spricht Frédéric Moreau nicht gut?«

»Sie kennen ihn?«

»O! Sehr gut! Wir sind Nachbarn, er hat mit mir gespielt, als ich noch ganz klein war.«

Madame Arnoux schaute sie mit einem langen Blick an, der sagen sollte: »Sie lieben ihn doch nicht, hoffe ich?«

Der des jungen Mädchens erwiderte ohne Verwirrung: »Ja!«

»Sie sehen ihn also oft?«

»Ach nein! Nur wenn er zu seiner Mutter kommt. Seit zehn Monaten war er nicht dort! Und er hatte doch versprochen, früher zu kommen.«

»Man muß den Versprechungen der Männer nicht zu sehr trauen, mein Kind.«

»Aber mich, mich hat er noch nicht getäuscht!«

»Wie andere!«

Louise zuckte zusammen: »Ob er ihr wohl auch etwas versprochen hat?« und ihr Gesicht verzerrte sich in Haß und Argwohn.

Madame Arnoux hatte fast Furcht davor; sie hätte ihre Worte zurücknehmen mögen. Dann schwiegen beide.

Da Frédéric gegenüber auf einem Klappsessel saß, betrachteten sie ihn, die eine verstohlen aus einem Augenwinkel, die andere freimütig, mit offenem Munde, so daß Madame Dambreuse zu ihm sagte:

»Drehen Sie sich ein wenig, damit sie Sie sehen kann.«

»Wer denn?«

»Die Tochter von Monsieur Roque dort.«

Und sie neckte ihn mit der Liebe dieser jungen Provinzialin. Er wehrte sich dagegen und versuchte darüber zu lachen.

»Ist das denkbar! ich bitte Sie! ein so häßliches Ding!«

Allein es schmeichelte seiner übermäßigen Eitelkeit. Er gedachte jenes Abends, da er, das Herz voller Demütigung, fortgegangen war, und atmete tief auf; jetzt fühlte er sich in seinem wahren Element, fast in seinem Gebiet, als ob alles, das Haus Dambreuse mit eingeschlossen, ihm gehörte. Die Damen bildeten einen Halbkreis um ihn und hörten ihm zu; um Eindruck zu machen, sprach er sich für die Wiedereinführung der Ehescheidung aus, durch die es leicht sein würde, einander zu verlassen und sich auf unbestimmte Zeit wieder zu vereinen, so oft man wollte. Einige widersprachen laut, andere flüsterten; man hörte leises Lachen im Schatten der mit Klematis überwachsenen Mauer. Es war wie ein fröhliches Hühner-Gegacker; und er entwickelte seine Theorie mit jener Sicherheit, die das Bewußtsein des Erfolges verleiht. Ein Bedienter brachte eine Platte mit Eis in die Laube. Die Herren kamen näher. Sie sprachen von Verhaftungen.

Frédéric rächte sich jetzt an dem Vicomte, indem er ihn glauben machte, daß man ihn vielleicht als Legitimisten verfolgen werde. Der andere wandte ein, daß er sich nicht aus seinem Zimmer gerührt habe; sein Gegner jedoch übertrieb die drohende Gefahr in solcher Weise, daß die Herren, selbst Monsieur Dambreuse und de Grémonville, sich darüber amüsierten. Dann machten sie Frédéric Komplimente, bedauerten, daß er seine Fähigkeiten nicht zur Verteidigung der öffentlichen Ordnung anwandte, und schüttelten ihm herzlich die Hand, er könne in Zukunft auf sie rechnen. Endlich, als alle gingen, verneigte der Vicomte sich sehr tief vor Cécile:

»Mademoiselle, ich habe die Ehre, Ihnen guten Abend zu wünschen.«

Sie erwiderte trocken:

»Guten Abend!« Martinon aber lächelte sie zu.

Um seine Diskussion mit Arnoux fortzusetzen, schlug der alte Roque vor, ihn »ebenso wie Madame« zu begleiten, da ihr Weg der gleiche sei. Louise und Frédéric gingen voran. Sie hatte seinen Arm genommen und sagte, als sie von den anderen ein wenig entfernt waren:

»Ach! endlich! endlich! Wie ich den ganzen Abend gelitten habe! Wie schlecht sind diese Frauen! Welch hochmütige Mienen!«

Er wollte sie verteidigen.

»Übrigens hättest du beim Hereinkommen wohl mit mir sprechen können, da du seit einem Jahr nicht gekommen bist!«

»Es ist noch kein Jahr her,« sagte Frédéric, glücklich, sie bei dieser Einzelheit zu fassen und allen anderen auszuweichen.

»Meinetwegen! mir ist die Zeit so lang vorgekommen. Aber während dieses schauderhaften Diners hätte man meinen können, du schämtest dich meiner! Ich verstehe schon, ich habe nicht, was man braucht, um zu gefallen wie jene.«

»Du irrst,« sagte Frédéric.

»Wirklich! Schwöre mir, daß du keine von ihnen liebst!«

Er schwor es ihr.

»Liebst du nur mich allein?«

»Wahrhaftig!«

Diese Versicherung machte sie wieder froh. Sie hätte sich in den Straßen verirren mögen, um die ganze Nacht zusammen mit ihm umherzuwandern.

»Ich habe mich zu Haus so geängstigt! Man sprach von nichts als von Barrikaden! Ich sah dich auf dem Rücken liegen, mit Blut bedeckt! Deine Mutter lag zu Bett mit ihrem Rheumatismus. Sie wußte nichts. Ich mußte schweigen! Ich ertrug es nicht länger. Da nahm ich Cathérine mit.«

Und sie erzählte von ihrer Abreise, der ganzen Fahrt, und von der Lüge ihrem Vater gegenüber.

»Er nimmt mich in zwei Tagen mit zurück. Komm morgen abend wie zufällig und benutze es, um einen Heiratsantrag zu machen.«

Niemals hatte Frédéric der Gedanke an eine Heirat ferner gelegen. Überdies erschien ihm Mademoiselle Roque als ziemlich lächerliches Persönchen. Welch ein Unterschied gegen eine Frau wie Madame Dambreuse! Eine ganz andere Zukunft war ihm beschieden! Er hatte heute die Gewißheit davon erhalten; dies war nicht der Moment, sich aus Herzensgüte auf eine Entscheidung von solcher Wichtigkeit einzulassen. Er mußte jetzt besonnen sein; – und dann hatte er Madame Arnoux wiedergesehen. Allein Louisens Freimütigkeit brachte ihn in Verlegenheit. Er erwiderte:

»Hast du dir diesen Schritt wohl überlegt?«

»Wie?« rief sie starr vor Überraschung und Entrüstung.

Er sagte, daß es tatsächlich eine Torheit wäre, sich zu verheiraten.

»Also willst du mich nicht?«

»Aber du mißverstehst mich!«

Und er erging sich in einem wüsten Wortschwall, um ihr verständlich zu machen, daß er durch höhere Rücksichten zurückgehalten würde, daß er endlose Geschäfte hätte, selbst daß sein Vermögen bedroht wäre (Louise schnitt alles mit einem klaren Worte ab), endlich, daß politische Umstände sich in den Weg stellten. Das vernünftigste also wäre, sich eine Weile zu gedulden. Es würde sich schon alles ordnen, wenigstens hoffte er es; und da er keine weiteren Gründe mehr fand, tat er, als erinnere er sich plötzlich, daß er seit zwei Uhr hätte bei Dussardier sein müssen.

Dann, als er sich von den anderen verabschiedet hatte, verschwand er in der Rue Hauteville, ging bis zum Gymnase, kam auf den Boulevard zurück und eilte die vier Stockwerke zu Rosanette hinauf.

Monsieur und Madame Arnoux verließen Vater Roque und seine Tochter am Eingang der Rue Saint-Denis. Sie kehrten zurück, ohne zu sprechen; er war nicht mehr imstande zu schwatzen, und sie empfand eine große Müdigkeit; sie stützte sich sogar auf seine Schulter. Er war der einzige Mensch, der während des Abends ehrliche Gesinnungen gezeigt hatte. Sie war voller Nachsicht gegen ihn. Er aber war empört über Frédéric.

»Hast du seine Miene gesehen, als von dem Porträt die Rede war? Sagte ich dir nicht, daß er ihr Geliebter sei? Du wolltest mir nicht glauben!«

»Ja, ja, ich hatte unrecht!«

Zufrieden mit seinem Triumph, fuhr Arnoux fort:

»Ich glaube sogar, daß er uns eben verlassen hat, um sie auszusuchen! Er ist jetzt bei ihr! Er verbringt die Nacht dort!«

Madame Arnoux hatte ihre Kapuze sehr tief herabgezogen.

»Aber du zitterst ja!«

»Weil mir kalt ist,« erwiderte sie.

Als ihr Vater eingeschlafen war, trat Louise in das Zimmer von Cathérine und rüttelte sie an der Schulter.

»Steh auf! ... schnell! ... schneller! und hole mir eine Droschke.«

Cathérine sagte ihr, daß es zu dieser Stunde keine gebe.

»Dann mußt du mich also selbst hinbringen!«

»Wohin denn?«

»Zu Frédéric!«

»Nicht möglich! Wozu?«

Um ihn zu sprechen. Sie könne nicht warten. Sie wolle ihn sogleich sehen.

»Was denken Sie! Mitten in der Nacht so in einem Hause zu erscheinen! Jetzt schläft er übrigens!«

»Ich werde ihn wecken!«

»Aber das schickt sich nicht für eine junge Dame!«

»Ich bin seine Frau! Ich liebe ihn! Komm, nimm dein Tuch.«

Cathérine stand an ihrem Bett und überlegte. Schließlich sagte sie:

»Nein! ich will nicht!«

»Gut, dann bleibe hier! Ich gehe hin!«

Louise glitt wie eine Natter die Treppe hinunter. Cathérine stürzte ihr nach, holte sie auf dem Bürgersteig ein. Ihre Vorstellungen waren vergeblich, und so folgte sie ihr, indem sie noch ihre Jacke zuknöpfte. Der Weg schien ihr außerordentlich lang. Sie klagte über ihre alten Beine.

»Mein Gott! Wer weiß, worauf Sie hiernach noch verfallen können!«

Dann wurde sie gerührt.

»Armes Herz! Keine ist doch wie deine Käthe, siehst du!«

Von Zeit zu Zeit kamen ihr neue Bedenken.

»Ach! Sie lassen mich etwas Schönes machen! Wenn Ihr Vater nun aufwacht! Herr des Himmels! Wenn nur kein Unglück geschieht!«

Vor dem Theater des Variétés hielt eine Patrouille von Nationalgardisten sie an. Louise sagte sofort, daß sie mit ihrem Mädchen nach der Rue Rumfort ginge, um einen Arzt zu holen. Man ließ sie vorbei.

An der Ecke der Madeleine begegneten sie einer zweiten Patrouille, und als Louise dieselbe Antwort gegeben, erwiderte einer der Bürger:

»Ist es für eine Krankheit von neun Monaten, mein Kätzchen?«

»Dummer Kerl!« rief der Hauptmann, »keine derartigen Zoten! – Gehen Sie weiter, meine Damen!«

Trotz des ausdrücklichen Befehls wurden weiter Witze gemacht:

»Viel Vergnügen!«

»Meine Empfehlungen an den Doktor!«

»Hütet euch vorm schwarzen Mann!«

»Sie lachen gern,« bemerkte Cathérine laut. »Das ist jugendlich!«

Endlich langten sie bei Frédéric an. Louise zog mehrmals kräftig an der Glocke. Die Tür öffnete sich und der Hausmeister antwortete auf ihre Frage:

»Nein!«

»Aber er muß doch zu Bett gegangen sein!«

»Ich sage Ihnen nein! Es sind fast drei Monate her, daß er nicht zu Haus schläft!«

Und das kleine Fenster der Loge fiel herab wie eine Guillotine. Sie blieben im Dunkeln unter dem Gewölbe stehen. Eine wütende Stimme schrie:

»Gehen Sie doch hinaus!«

Die Tür öffnete sich wieder; sie gingen.

Louise war genötigt, sich auf eine Schwelle zu setzen, und den Kopf in den Händen, weinte sie bitterlich. Der Tag graute, Karren kamen vorüber.

Cathérine führte sie zurück, indem sie sie stützte, sie küßte und ihr allerlei Ermutigendes sagte, das ihre Erfahrung ihr eingab. Man müsse sich nicht soviel Kummer um eines Liebhabers willen machen.

Wenn sie diesen nicht bekäme, würde sie schon andere finden!


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