Egid Filek
Wienerwald
Egid Filek

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VIII.

Bunte Landschaft.

Mödling – Anninger – Gumpoldskirchen – Thalern.

Hingeduckt an den Fuß zackiger Kalkfelsen liegt das Städtchen Mödling.

Zerbröckelnde Mauern, Türme, gotische Fensterrippen schauen von trotzig aufstrebenden Felsen hinab. Das Mödling von einst war eine wehrhafte Burganlage, von Heinrich I. von Babenberg als Grenzfestung gegen die Ungarn erbaut. Und wen es gelüstet, die Luft der Vergangenheit zu atmen, der muß zu der alten gotischen Othmarskirche mit ihrem kühn gesteilten Dach hinaufsteigen, die mit einer Ringmauer umschlossen ist; innerhalb derselben hat sich 1683, beim zweiten Einfall der Türken, die wehrfähige Bürgerschaft der Stadt gesammelt, während der Feind die Kirche in Brand schoß. Trotz feierlicher Versprechungen wurden die Verteidiger, die sich endlich 128 ergeben mußten, in blutigem Gemetzel niedergehauen und Weiber und Kinder in die Gefangenschaft geschleppt.

So erzählt der Mesner von Sankt Othmar; er ist ein freundlicher und sehr umgänglicher Mann und weiß trefflich Bescheid in der Geschichte seiner Heimat, und das sind Eigenschaften, die durchaus nicht jeder Mesner besitzt. Ernst und feierlich rasselt der mächtige Schlüsselbund, langsam öffnet sich die Kirchentür . . . Es ist ein ruhiger, erhebender Eindruck, den der große und freundliche Raum gewährt. Nur die barocken Altäre wollen mir hier nicht recht hereinpassen. So prächtig und farbenfroh die Einzelheiten des Holzschnitzwerkes, der verschnörkelten Säulen und Balustraden sich geben mögen: hier ringen doch immer zwei grundverschiedene Zeitalter und, was noch mehr, zwei Weltanschauungen miteinander; der Geist der Gotik mit seinen Bündelpfeilern, Gewölberippen und reich geteilten, hohen Spitzbogenfenstern will sich nicht mit der sinnenfrohen, geschwungenen und geschweiften, launischen und goldstrahlenden Barocke vertragen, die alle Strenge der älteren Auffassung in diesseitsfreudige Heiterkeit verwandelt.

Die unterirdische Kapelle, viel älter als die 1451 erbaute Pfarrkirche, wurde früher mit dem Templerorden in Zusammenhang gebracht, der einst in der Umgebung begütert war, und mit einer düsteren Sage, die von der Ermordung von vierzig Tempelrittern zur Zeit der Auflösung des mächtigen Ordens berichtet. Grabsteine sind von innen und außen in die Kirchenwände eingebacken; einer erzählt von dem Beamtenleben des Freiherrn von Löhr, Hofrats und Kanzleidirektors des Obersthofmeisteramtes. 129

Ein prächtiges Stückchen spätromanischer Baukunst ist das Portal der neben der Kirche stehenden Pantaleonskapelle; schade, daß ihr die Barockzeit einen ungefügen Helm aufgesetzt hat. Bandornamente, reizend verschlungene Säulchen, Rundbogen deuten auf die Mitte des 13. Jahrhunderts; ein figurenreiches Fresko im Innern des engen, kuppelförmigen Raumes schildert das Leben des heiligen Pantaleon und dürfte derselben Zeit angehören. Unter der Kapelle liegt der Karner mit Schädeln aus den Türkenkriegen. Mittelalterliche Stimmung umwittert die Stelle und es bedarf keiner allzuregen Einbildungskraft, um sich hier Gepanzerte mit Topfhelmen und klirrender Rüstung zu denken.

Aber nun zu dem Landschaftsbild. Wie ganz anders spricht es zu uns als das Sandstein- und Buchenwaldgebiet des eigentlichen Wienerwaldes! Das Gesetz des Gegensatzes zwischen Bergland und Ebene beherrscht alles. In weiten Bogen überspannt die Wiener Hochquellenleitung das enge Tal; tief und steil fällt der Blick von den Höhen unweit der Othmarkirche oder von dem Gemäuer des »Schwarzen Turmes« zum Eingang der Klause hinab, aus der die Häuschen hervorkommen wie eine Schafherde, so weiß und sauber. Auf den zerrissenen, in senkrechten Wänden abstürzenden Kalkfelsen ist bei unvorsichtigen Kletterwagnissen schon manches Unglück geschehen. Es ist eine Dolomitenlandschaft im kleinen, abenteuerlich und seltsam; und allenthalben steigen auf grellweißen Hängen die Schwarzföhren empor, mit ihren gleich Schirmen sich ausbreitenden Kronen, die ein ganz fremdes Element in die Gegend tragen, mag man nun 130 an eine japanische Landschaft denken oder an die Pinien des Südens. Das ist wohl der merkwürdigste Baum des östlichen Wienerwaldes. Aus seiner Heimat, dem pontischen Vegetationsgebiet, reicht er hier bis an den Fuß der Alpen; er bezeichnet die Grenze gegen die baltische Flora, so daß im Wienerwalde zwei Pflanzengebiete zusammentreffen; und entlang der Zone, die sie scheidet, siedeln die Charakterpflanzen von hüben und drüben in buntem Gemisch, die pontische Zerreiche findet sich mit den baltischen Borstengraswiesen zusammen, mit Heidekraut und Heidelbeergestrüpp.

Alte behagliche Häuser mit vorspringenden Erkern, ein kleiner, geräuschvoller Marktplatz mit ländlichem Fuhrwerk und einer barocken Pestsäule, ein Schöffeldenkmal, ein altes Rathaus mit drei Rundbogen, eine überflüssig große Anzahl neuer Villen, ein Theater, ein Kino, ein paar Kaffeehäuser, der große Bau der Militärakademie: das ist das Mödling von heute. Bunte Plakatwände – sie sind immer und überall ein Querschnitt geistigen Lebens – bringen Ankündigungen von bildenden Vorträgen und Veranstaltungen aller Art; sie deuten auf erfreulichen Kulturzusammenhang mit der Großstadt, trotzdem heute zwischen Wien und der Provinz heimliche Feindschaft gesetzt ist – zum Schaden beider Teile. Das einst stark besuchte, blühende Mineralbad ist infolge der Kriegszeit und Geldnot verödet; immer wieder aufs neue aber muß sich der Wanderer an den schönen Anlagen freuen, durch welche der Fürst Johann von Liechtenstein die Umgebungen Mödlings und der Brühl in einen einzigen großen Naturpark verwandelt hat. Da fällt uns wohl das Goethe-Wort 131 in die Seele: »Ich erkenne dich, bildender Geist, hast dein Siegel in den Stein geprägt.« Und dieser bildende Geist war ein wahrhaft demokratischer. Lacy schuf den Neuwaldegger Park und das Hameau zum Paradies für die kleine, exklusive Welt der Kavaliere; hier liegt alles frei und offen zum Genuß für jeden, der sich daran freuen kann und mag. So liest man mit Befriedigung die Votivtafel an dem Felsen beim Eingang der Klause, welche die Dankbarkeit der Bewohner gegen den trefflichen Mann bezeugt.

Mödling war sicher ursprünglich eine Römersiedlung; schon die warme Quelle mußte das kluge Herrenvolk hieher gelockt haben. Später geboten die Babenberger auf der Burg, wo 1219 auch Herr Walther von der Vogelweide eine Zeitlang weilte; alte Überlieferung bezeichnet ein Haus in der Herzoggasse, das allerdings erst aus dem 15. Jahrhundert stammt, als zeitweiligen Wohnsitz der Herzoge von Mödling. Es muß ein Festtag für die Bürger gewesen sein, als ihnen Herzog Albrecht III. 1374 die Erbauung einer Schranne oder eines Markthauses bewilligte, das an der Stelle des heutigen Rathauses stand; da wehte die rote Marktfahne über dem belebten Platz, deren Ausstecken den Beginn des Marktes anzeigte, in den kleinen Buden wurde gefeilscht und geplaudert, Ratsherren in schwarzen Kleidern und spitzen Hüten, wie man sie auf einer Grabtafel in der gotischen Spitalskirche sehen kann, schritten gar würdevoll neben grauen Zisterzienserordensbrüdern über das Pflaster; denn Mödling war ein sehr betriebsamer Ort, die Stiftsherren von Heiligenkreuz kauften hier für das Kloster Getreide, Wein 132 und gewerbliche Erzeugnisse und die Bauern der Ebene brachten ihr Getreide in die großen Mühlen und tauschten dafür allerlei Hausbedarf ein.

Man kann von Mödling über die Eichkogelstraße, die ihre Entstehung Josef Schöffel, dem Retter des Wienerwaldes, verdankt, durch Wälder und Weinberge zum Richardshof und nach Gumpoldskirchen gehen; es ist eine hübsche Wanderung mit überraschenden Ausblicken gegen Wien. Aber lohnender ist der Weg zum Kleinen Anninger mit dem Husarentempel. Schon hier gibt es eine herrliche Fernsicht: im Süden lagert sich der massige, waldbedeckte Hohe Anninger, der gerade durch die Einfachheit seiner Umrißlinie von mächtiger Wirkung ist, der Eschenkogel, das Kaisergerndl; gegen Norden schlägt der Wienerwald seine Wellen, nach Osten hin dehnt sich die Ebene, weit, in den Fernen verdämmernd. Der kleine, weiße, säulengeschmückte Tempel ist ein Totenmal, angeblich vom Fürsten Liechtenstein in dankbarer Treue seinen tapferen Kriegskameraden 133 errichtet, die ihn einst in der Schlacht mit Opferung ihres Lebens gerettet haben. Ein Stückchen Heimatsgeschichte in schöner, heimatlicher Landschaft. Allerdings – nicht alle Besucher sind solch historischer Stimmung zugänglich; gedankenverloren stehst du an diesem wirklich schönen Fleck – da naht ein harter Touristenschritt, ein junger Mann mit Rucksack, Lodenjoppe und Nagelschuhen tritt in die Erscheinung, sieht sich flüchtig um, zieht einen Tintenstift, schreibt seinen Namen an die Tempelwand – wunderbarerweise findet er noch ein leeres Plätzchen – und wandert weiter. Auch eine Art Naturgenuß.

Die Krone der Umgebung von Mödling und Gumpoldskirchen ist der Hohe Anninger. Auf seinem Gipfel fühlt man nichts von der Angelus-Silesius-Stimmung, die um die Sophienalpe webt; da ist alles klar und scharf umrissen, Farben und Formen kräftig und bestimmt wie im Süden, und der Geist des Gebirges hält dir einen Vortrag mit Demonstrationen über die geologischen Verhältnisse der Landschaft. Deutlich erkennst du den Verlauf jener merkwürdigen »Wiener Thermenlinie«, an der die berühmten Heilquellen liegen: Vöslau, Baden, das Mineralbad von Meidling. Sie bezeichnen eine Verwerfung, die den Wiener Kesselbruch gegen Westen hin begrenzt; diese Spalte steht auch in Beziehung zu den Erdbeben, die in längeren Zwischenräumen in Wien und Umgebung auftreten. Die scharfen Felsengipfel des norischen Kalkalpenzuges an den Grenzen der Steiermark zeigen ihre gefurchte Stirn: der Schneeberg, die Rax und die Berge des Semmeringgebietes; ganz anders sind hier Gehänge und Gipfelformen als im Gebiete des weichen Wienersandsteins. Man erkennt 134 die Hohe Wand, das Eiserne Tor, die ruhigen Linien des aus Urgestein bestehenden Wechsels und des Stuhlecks, die Wienerwaldberge, den Schöpfl, die Reisalpe und den Unterberg; im Süden strecken sich Baden und Vöslau in das Weingelände hin, nach Osten aber schweift der Blick weithin bis zum Leithagebirge, hinter dem sich für uns das Reich des geheimnisvollen Ostens auftut, über die mit unzähligen weiß schimmernden Ortschaften dicht bestreute Ebene, die im Sonnenlicht glänzt – das Steinfeld, in welches Schwechat, Triesting, Schwarza und die anderen Gebirgsbäche seit Jahrtausenden ihre Schottermassen schütten. Oh, sie hat auch ihren Stimmungszauber, diese scheinbare Eintönigkeit; Rudolf Hans Bartsch hat ihn in Worte zu fassen verstanden, wenn er von der tiefen Steppenschwermut der Neustädter Heide spricht, wo »auf den werdenden Orient die Alpen niederschauen und die karge Erde vom Klappern hunnischer Pferdehufe träumt«; darüber hin aber schwingt sich »der gewaltige Akkord der unbegrenzten Himmelsglocke, den man mit den Augen in die Seele trinkt«.

Aber auch die wunderbarste Gipfelstimmung ist ein zeitlich begrenztes Erlebnis und wir wollen doch noch in Gumpoldskirchen ein Gläschen »Gfrörten« trinken – jenen köstlichen Trank, dessen Trauben den ersten Reif überstanden haben . . . Ein kurzer, aber steiler Weg trägt uns von der Anningerhöhe zum Kalvarienberg und weiter in die Mauerstraße des Deutschordenshauses. Und plötzlich sind wir mitten in der uralten Rebenstadt, die Friedrich der Streitbare, der letzte Babenberger, als Commende des Deutschen Ordens in der ersten Hälfte 136 des 13. Jahrhunderts gegründet hat; andere Quellen nennen sogar den römischen Kaiser Probus als Gründer. Überall schwanken die dunkelgrünen Föhrenkränze im Abendwind, locken von einer Gasse in die andere, in stille, verträumte Höfe hinein, wo ein Ziehbrunnen steht und Weinlaub um die kleinen Fenster wuchert, bis man endlich das richtige Plätzchen zu beschaulicher Trinkung gefunden hat. Ein Rathaus ist da, mit einer alten, verblaßten Sonnenuhr und einem seitlich durch einen Pfeiler gestützten Turm, eine Prangersäule, ein angeblich römischer Sarkophag, der als Brunnenbecken dient; Mondlicht füllt den kleinen Gasthausgarten, der kühle, bläuliche Glanz kämpft mit dem warmen Schimmer, der aus den bunten Leuchtkugeln der Lampions in die helle Nacht hinausfließt, Lautengezirp mengt sich in das fröhliche Gesumme plaudernder Menschen. Die hübsche kleine Kellnerin mit dem braunen Gesichtel und den eigentümlich dunklen Augen, die man in dieser Gegend häufig antrifft, zündet die Windlichter an . . . Hab ich dich nicht schon einmal gesehen, du feines Kind, in den Jahren meiner Jugend, irgendwo im tiefen Süden – in der kleinen Osteria bei Sorrent vielleicht, wo mein lieber alter Joseph Viktor Scheffel Stammgast war? Aber damals hießest du Marietta und trugest große kreisrunde Goldringe in den Ohren und sangest: »oh dolce Napoli . . . .« Und der Mond stand noch viel weißer und größer am blausamtenen Nachthimmel als jetzt und 137 aus einem Boot draußen auf dem Meere scholl Mandolinenklang und die kleinen Wellen griffen wie mit zärtlichen Händen nach den Uferfelsen.

Und wieder tönt Gesang – ein deutsches Lied in deutscher Mondnacht. Der junge blasse Mensch dort in der Ecke des Gärtchens singt mit weichem, schmiegsamem Bariton »Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum . . .«.

Und das ist eigentlich noch viel schöner als das dolce Napoli

Ein altes Ehepaar sitzt an meinem Tisch. Philemon und Baucis, aus der Zeit der alten Griechen in unsere Gegenwart übersetzt . . . Er trägt einen Stößer, buntes Halstuch, eisgrauen Greißlerbart, sie einen seidenen Schal, wie ihn Großmutter trug, der nach einem verschollenen Parfüm duftet. Es sind Eingeborene von Gumpoldskirchen. Von Thalern kommen sie, dem alten Freigut des Stiftes Heiligenkreuz, und Philemon spricht klug und verständig von dem schönen Renaissancehof des Schlößchens; er scheint einer von den seltenen Fußwanderern zu sein, die am Rastort noch andere Dinge suchen und sehen als die Wirtshäuser, und weiß sogar, daß der Herzog Leopold V. Thalern den Heiligenkreuzern geschenkt und der Abt Udalrich dort eine berühmte riesengroße Weinpresse aufgestellt hat. Baucis erzählt mit leise umflorter Stimme, daß Thalern noch vor zehn, zwölf Jahren eine berühmte Jausenstation war, wo es Kaffee mit Schlagobers gab und Backhühner, so gut wie sonst nirgends auf der ganzen Welt. Das ist nun alles vorbei, und wenn ja noch irgendwo Backhühner aufgetragen werden, so 138 kann sie ein ehrlich arbeitender Mensch eben nicht mehr bezahlen. Und Philemon nickt mit dem eisgrauen Greißlerbart und sagt langsam: »Ja . . . Ja . . . Bachhendeln . . . .« Und in dem einen Wort liegt der ganze Weltschmerz des versunkenen Altwienertums.

 


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