Egid Filek
Wienerwald
Egid Filek

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I.

»Hast du vom Kahlenberg das Land dir rings besehn . . .«

Heiligenstadt – Klosterneuburg – Greifenstein – Weidlingbach – Hermannskogel – Kobenzl – Grinzing.

Von Heiligenstadt bis Greifenstein, am Kobenzl und Hermannskogel brennen die Wälder in den bunten Flammen des Herbstes.

Diese Landschaft muß man im Herbst genießen, in der Jahreszeit der klaren Luft, die alles Ferne in greifbare Nähe rückt; wenn der Himmel tiefblau leuchtet und die Blätter sich goldrot färben, die reifen Früchte auf den Obstbäumen prangen, duftend wie Frühlingsblüten und süß gekocht von der Glut des Sommers.

Mödling, Baden, Vöslau, Perchtoldsdorf, die ganze Südbahnstrecke – dort ist's im Frühling, zur Zeit der Baumblüte, am schönsten.

Aber den Nordosthang des Wienerwaldes gegen den Donaustrom hin – den hat der Herbst unter seinen 14 Schutz genommen und überschüttet ihn mit Gnadenbezeugungen wie ein König aus versunkener Zeit.

Wir wandern durch Heiligenstadt. Hier ringt die Großstadt noch mit dem freien Land und zeigt sich als die stärkere Macht – Schornsteine qualmen und Fabrikssirenen durchheulen die Luft; inmitten einer weiten, ebenen Fläche von Gemüsegärten liegt der Zentralbahnhof der Stadtbahn, an ungünstiger Stelle; und dennoch ist auch er nach langem Kriegsschlaf in den letzten Jahren wieder zu neuem Leben erwacht. Alt, uralt ist der Ort. Stand hier wirklich an der Stelle der ehrwürdigen Jakobskirche die Zelle des heiligen Severinus, des norischen Apostels, der aus unbekannter Gegend des Ostens hieher kam und mit den Flammen seiner Beredsamkeit die Herzen entzündete? Weilte er lieber in seiner Klostergründung Fabiana bei Traismauer oder führt Sievering als »cella sancti Severini« mit größerem Recht seinen Namen? Man weiß es nicht. Sicher ist nur, daß mit dem merkwürdigen Mann die letzten Spuren römischer Kultur aus dieser Gegend verschwanden – bis auf eine, der Weinbau. Alte Gräberfunde beweisen, daß der Kaiser Probus, der zuerst deutsche Stämme in Norikum ansiedelte, die Rebe aus den gesegneten südlichen Gefilden hieher verpflanzen ließ. – Ehre deinem Angedenken, wackerer Kaiser Probus!

In vergangenen Zeiten war Heiligenstadt ein gar wichtiger Ort. Nicht nur seiner heilkräftigen Quelle 15 wegen, die als »Gesundbrunnen« hochgepriesen wurde und an der auch Beethoven Heilung seines Leidens gesucht hat; hier hat ein Stück deutschösterreichischer Kulturgeschichte gespielt. Um 1280 saß in Heiligenstadt Dietrich von Echindorf als der siebente Pfarrherr; der »Bruder Wernher« singt von ihm in seinem »Lehrgedicht« und dankt ihm, daß er ihm seine Bücher geliehen habe. Das Kriegsvolk des Matthias Corvinus, des Königs von Ungarn, plünderte den Ort, bei der zweiten Türkenbelagerung Wiens brandschatzten ihn die Feinde und »hieben alles nieder, was Leben hatte, so daß das Blut dahinschoß durch das Gäßchen wie ein Bach«. Zur Zeit der Reformation führte Pfarrer Maximilian Häkl kirchliche Neuerungen ein und vermählte sich mit einem schönen Mädchen namens Katharina Moser; er wurde später in Gefangenschaft gesetzt und die junge Frau samt ihrem blinden Kinde aus dem Pfarrhof vertrieben. Vor so trüben Erinnerungen flüchtet man gern in die helle Gegenwart. Die Geister des Weines herrschen in den freundlichen Gefilden von Sievering, Nußdorf, Grinzing und am Kahlenberggelände, breiten ihren glänzenden Schleier über manche feuchtfröhliche Stunde des genußfrohen Alters, verlocken manches junge Menschenpaar zu verliebter Tollheit. Scheltet sie nicht allzu hart, ihr Apostel des Maßhaltens! Bedenket, daß die liebe, dunkelblaue, schwellende Gottesgabe an den Weinstöcken nicht schuld daran ist, wenn Menschen sie mißbrauchen.

In den Rebenhügeln jener Gegend wandelte vor Zeiten einer dahin, einer von den ganz Großen, der die Gottesgabe auch zu schätzen wußte: Beethoven. Die schattige 16 Promenade von Nußdorf über Heiligenstadt längs des Schreiberbaches gegen Grinzing heißt bis zum weißen Johannes der Beethovenweg. Eine Erzbüste steht an der Stelle, wo der große Einsame sich zur Rast niederließ. Wieviel mag vom Brausen der Wälder, vom Rauschen des Baches, von der stillen Melodik der sanftgeschwungenen Bergrücken in seine unsterblichen Tonwerke hineingeflossen sein?

Keiner von den klugen Musikgelehrten hat es ergründet . . .

Da liegt am südöstlichen Abhang des rebenbedeckten Nußberges das Örtlein Nußdorf. Kellereien, Fabriken, Wirtshäuser – hie und da ein uraltes Gebäude mit dicken Mauern und mächtiger Toreinfahrt. Das alte Wirtshaus »zur weißen Rose« stand schon vor hundert Jahren an derselben Stelle und war damals seiner »Solokrebse« wegen bei allen Feinschmeckern Wiens bekannt; in dem unweit gelegenen Gasthof »zum grünen Baum« spielten wandernde Komödianten noch im Jahre 1824 Müllners »Schuld« und Grillparzers »Ahnfrau«. Und unweit des Brauhauses tut sich der berühmte Bockkeller auf, mit einer reizenden Aussicht auf Wien und die Donau. Hier ist das Dorado der Vielen, Allzuvielen, die landschaftliche Schönheit am liebsten vom Biertisch aus genießen und denen selbst der Aufstieg auf den Kahlenberg als zu anstrengende Leistung erscheint . . .

An Sonn- und Feiertagen im Sommer ist die große Terrasse gedrängt voll Menschen, das lacht und plaudert und treibt tolle Späße trotz allen Ernstes der Zeit, das schäumt vor Lebensfreude und singt gleich wieder irgend einen sentimentalen Gassenhauer. Und nahe, ganz nahe 17 fließt die Donau, und wo der Kanal vom Hauptstrom abzweigt und vor Zeiten das historische »Sperrschiff« bei Eisgang und Hochwasser die Stadt vor Überschwemmung schützte, stehen heute zwei mächtige Löwen auf hohem Steinsockel und bewachen die großen Schleusenanlagen. Als Denkmal der neuen Zeit wurden sie aufgestellt, als die Donauregulierungsarbeiten vollendet waren, und was für Umwälzungen haben sie seither gesehen . . .

Einst, in seliger Friedenszeit, stieg die Zahnradbahn von Nußdorf über Grinzing und Krapfenwaldl zur Höhe des Kahlenberges empor. Versunkene Kindererinnerungen tauchen auf. Da fuhr man wohl, vor langen, langen Jahren, zwischen Vater und Mutter – zur Belohnung für eine Vorzugsnote auf der Schularbeit – die grünlackierte Botanisierbüchse auf dem Schoß, die Mutterhände mit Butterbroten, Buchteln, Äpfeln und Nüssen gefüllt hatten. Die dicke, unförmliche Berglokomotive mit ihren Kupferschlangen um den Leib, die treppenförmig ansteigenden Sitzbänke, das knurrende Zahnrad, die beständige Rüttelbewegung des Wagens – das alles wirkte gewaltig auf die kindliche Phantasie. Aufwärts ging's, steil aufwärts; zuerst kam der Donauspiegel bei Nußdorf in Sicht, dann der Bisamberg und die Langenzersdorfer Au, endlich der Stephansturm mit der goldflimmernden Spitze. Bei Grinzing, wo die größte Steigung ist, fuhr der Zug ganz langsam; scharfe Dampfstrahlen zischten auf die Schienen herab, daß die Steinchen des Bahnkörpers tanzten, und an der großen Kurve knirschte das Zahnrad und es klang wie das Gezwitscher von hunderttausend Spatzen. Tiefer und tiefer sanken die Rebenhügel, dann schlugen die Schatten des 18 Buchenwaldes über dem Zug zusammen, endlich war man droben in dem stillen Höhenreich mit seinen träumenden Waldwiesen, Heiligenstatuen aus grauem Sandstein, Buschenschenken und köstlichen Ausblicken in die silbergraue Ebene, die sich so weich und sehnsüchtig dem Wanderer vor die Füße hinbreitet. Aber das Knabenherz hatte für dergleichen noch nicht viel übrig; das freute sich viel mehr an dem Prater im kleinen, der rings um den Bahnhof der Zahnradbahn tobte, an dem Ringelspiel mit Leierkastenmusik, an der knallenden Schießbude, an dem geheimnisvollen grauen Leinenzelt des Schnellphotographen, wo man in zehn Minuten das schönste Familienbild bekam; aber das Herrlichste war doch das Theater mit den mechanischen Figuren. Hinter großen Glasscheiben tat sich eine phantastische Landschaft auf mit Mühle, Wirtshaus, Bergwerk; dutzende bemalter hölzerner Männlein und Weiblein standen steif und still da – aber um den Preis von zwei Kupferkreuzern, die man irgendwo hineinwarf, setzte sich diese ganze bunte Spielzeugwelt in Bewegung, das Mühlrad begann sich zu drehen, das Tor sprang auf und der Esel mit den Mehlsäcken kam zum Vorschein, der Wirt schob sich ruckweise mit seinen Bierkrügeln weiter, die Knappen im Bergwerk schlugen wie verrückt auf die Felsen los – und man stand und staunte und war sehr glücklich.

Es war einmal . . .

Kahlenberg und Leopoldsberg! Unmöglich zu sagen, welcher von beiden der schönere und lohnendere ist.

Von der Stephaniewarte auf dem Kahlenberg schweift der Blick über jene ungeheure Schale, gefüllt mit Häusern, 19 Dampf, Nebel, Alltagssorgen und Elend, Leichtsinn, Lebenslust und Verzweiflung, Gewinngier und Entsagen: die Großstadt Wien. In fahlem Gelb und Braun liegt sie da, nur die Spitzen des Stephansturmes und der Votivkirche durchstechen die Nebelschicht und ragen in reinere Höhen empor. Und aus der Ferne grüßen die Kleinen Karpathen, das Leithagebirge, der Schneeberg. Am Fuß des Aussichtsturmes aber liegt das große Hotel mit seinem bunten Gewimmel von Ausflüglern; hier findet alljährlich das Annenfest mit Tanz und Schönheitskonkurrenz statt, hier drängen sich an jedem schönen Sonntagnachmittag die ungeheuren Scharen derjenigen, die dem gelbgrauen Dunstmeer und den finsteren Mauern der Stadt für ein paar Stunden entrinnen wollen. Vor hundertfünfzig Jahren schon befand sich an dieser gesegneten Stelle ein Gasthaus; in ihm schuf Wolfgang Amadeus Mozart, umrauscht von der Melodie des Buchenwaldes, seine »Zauberflöte«.

Drüben am Leopoldsberg aber umwittern uns die Schauer großer Vergangenheit. Das steile Gehänge begünstigte die Anlage eines stark befestigten Platzes und so stand denn hier auch schon in der Babenbergerzeit eine weit ausschauende Burg, angeblich ein kleines Wunder der 20 Baukunst, aber 1529 durch die Türken von Grund aus zerstört. Auf ihren Fundamenten bauten spätere Zeiten ein Kamaldulenserkloster. Hier hörten die Führer des großen Entsatzheeres, das die Stadt Wien von der eisernen Umklammerung der Türken befreite, am Morgen des 12. September 1683 die Messe, die der Kapuzinerpater Marco d'Aviano las; hier soll der eitle Polenkönig Johann Sobieski, der sich brüstete, er allein habe die Stadt Wien vom Untergang gerettet, seinen Sohn zum Ritter geschlagen haben, »zur Erinnerung an den größten Tag, den er erleben könne«. Von diesen Höhen stiegen Hunderte von Raketen auf in jener furchtbaren Blutnacht vom 11. auf den 12. September, als die Türken alles daransetzten, die Basteien zu stürmen, und die zu Tode ermatteten Bürger von Wien ihre letzte Kraft aufboten, um deutsches Land, deutsche Kultur, deutsche Art aus höchster Gefahr zu retten. Durch die Jahrhunderte klingt der Notschrei des Helden Starhemberg an den wackeren Herzog von Lothringen: »Keine Zeit verlieren, gnädigster Herr, ja keine Zeit mehr verlieren . . .« Vom Leopoldsberg über den Kahlenberg und Hermannskogel bis zur Sophienalpe zog sich der eiserne Wall der Entsatztruppen; und sie hätten nichts ausgerichtet ohne den beispiellosen Opfermut der Wiener – derselben Wiener, die man später so oft als leichtsinnig, untüchtig und keiner 21 ernsten Anstrengung fähig verschrien hat. Nein, nein. Die Ostmark hat mehr Blut für das Deutsche Reich vergossen als das Reich für sie . . .

Wenn wir droben im Schatten des alten Gemäuers stehen, das sich auf den Resten der Babenbergischen Festung erhebt, und die Donau abwärts über das Marchfeld gegen die Kleinen Karpathen und zum Thebener Kogel bei Preßburg blicken, wo das Reich der Tschechoslowakei beginnt, da fühlen wir, wie die Geschichte die ewige Wiederkehr des Gleichen ist. Denn auch heute ist das alte Österreich wieder eine Mark, ein Bollwerk des Deutschtums gegen fremde Völker geworden. Nicht in sinnlosem Völkerhaß und blutigen Kriegen, sondern durch kräftige Bewahrung der eigenen, bodenständigen Art müssen wir neu erringen, was uraltes Erbe unserer Väter war. Das ist des deutschen Österreich wahre und tiefste Sendung: nicht mitzuhassen, mitzulieben sind wir da.

Doch laßt uns von jener stillseligen Höhe auch donauaufwärts schauen. Da ist der Strom noch blauer, ruhiger, majestätischer; weiße Inseln und Sandbänke flimmern im Sonnenlicht, durch herbstbunte Auen am jenseitigen Ufer rauscht der Zug der Nordwestbahn, Langenzersdorf, Korneuburg, der Bisamberg, Schloß Kreuzenstein zeigen sich dem in die Weite schweifenden Blick, aber immer wieder kehrt er zu dem stattlichen Stift Klosterneuburg zurück, mit seinen beiden Kuppeln, deren eine den österreichischen Herzogshut, die andere die Kaiserkrone Karls des Großen trägt. Zieht dort eine weiße Nebelwolke hin oder gaukelt uns die Phantasie ein Sagenbildchen vor – den Schleier der schönen Markgräfin Agnes, der Anlaß zur Gründung 22 des »Klosters Newenburg« wurde? In der Schatzkammer des Stiftes zeigen sie eine vergoldete, mit Edelsteinen besetzte Monstranz von der Gestalt einer Holunderstaude, um die sich ein silberner Schleier windet. Ach, dieser heilige Leopold war ein sehr kluger Rechner und hat das wichtige Chorherrenstift aus recht weltlichen Gründen gebaut. Er wollte eine religiöse Genossenschaft in seiner Nähe haben, auf die er sich beim Regieren seiner Landschaft stützen konnte, wie seine Vorgänger eine solche in Melk besessen hatten; und so erstand unweit der uralten Martinskirche nächst der römischen Siedlung die Kollegiatskirche, der Fürstenhof, das Frauenkloster – dies der Ursprung von Klosterneuburg. Wieder ein Beispiel von Durchdringung des Bodens mit geistiger Kultur – ist die Landschaft, nach einem Worte Oswald Spenglers, nicht sehr oft ein ungeheures Museum von Tradition und Architektur? Das Stift spielt für die Gegend des nordöstlichen Wienerwaldes eine ebenso bedeutsame Rolle wie seine Schwestergründung Heiligenkreuz für den Süden des Gebirgslandes. Und bei aller sorgsamen Pflege geistigen Lebens vergaßen die Klosterneuburger Mönche die realen Grundlagen ihres Wirkens nicht. Sie gestalteten ihre Wirtschaftshöfe zu 24 Musteranstalten für die Landbevölkerung; sie zogen die besten Reben, die feinsten Obstsorten, das vorzüglichste Vieh; die berühmte Obst und Weinbauschule, die heute noch blüht und gedeiht, weist in ihren Anfängen auf jene Zeiten, da die österreichischen Klöster geistige wie materielle Kultur um sich verbreitet haben. Häuser drängten sich um die stillen Kirchenmauern, Handwerker siedelten sich an, ihnen folgten die Künstler – wo ist die Grenze, die Handwerk von Kunst scheidet? Aus weiter Ferne kam Nikolaus von Verden und schuf im 12. Jahrhundert über dem Grabe des heiligen Leopold – er wurde erst unter Kaiser Friedrich III. heilig gesprochen – den Verduner Altar, eine köstlich bunte Emailarbeit auf vergoldetem Kupfer, Darstellungen aus der biblischen Geschichte, die man wohl eines der schönsten kirchlichen Kunstwerke von ganz Mitteleuropa nennen darf. Die Temperagemälde auf der Rückseite sind die ältesten bekannten österreichischen Tafelmalereien. Auch der Handel gedieh im Schatten des Stiftes; bald entstand ein betriebsamer Marktflecken mit steigendem Verkehr zu Lande und auf der Donau. In freier, offener Landschaft, am Ufer des Stromes, der friedlich und groß seine rauschende Flut vorüberträgt, inmitten besonnter Rebenhügel werden die Menschen heiter und lebensfroh. Bald hieß das Stift im Volksmund »zum rinnenden Zapfen«; weinselige Legenden schlangen sich um die Riesenfässer im Keller, die mit dem berühmten Heidelberger verglichen wurden; 1340 finden wir Gundacker von Theben als Pfarrer in Kahlenbergerdorf, den »Pfaffen vom Kahlenberg«, einen österreichischen Till Eulenspiegel voll köstlichem Humor, der vor dem Herzog Otto dem Fröhlichen ein paar Dutzend Totenschädel 25 den Berg hinabkollern läßt, um ihm die Lehre zu geben: viel Köpfe, viel Sinn – denn selbst die Totenschädel rollen einer rechts, einer links . . . Und so waren derbe, tolle Volksbelustigungen nach Art des heute noch geübten »Fasselrutschens« hier zu jeder Zeit beliebt.

Der äußere Ausdruck der Machtfülle, die jene Babenbergergründung besaß und durch Jahrhunderte zu behaupten verstand, ist die große Stiftskirche. Das Langhaus zeigt noch die klaren, ruhigen Formen des romanischen Stiles im 12. Jahrhundert; Türme und Turmhallen sind neu, das Innere der Kirche wurde im Barockstil restauriert; eine wahre Offenbarung aber ist der wunderschöne, alte Kreuzgang, den der Propst Pabo am Ende des 13. Jahrhunderts erbauen ließ, und die Freisingerkapelle mit ihrer »blühenden Gotik« im südöstlichen Winkel des Domes. Donato Felice d'Allio, ein gebürtiger Mailänder, hat seit 1730 jenen großartigen Umbau des Klostergebäudes im Barockstil durchgeführt, der uns heute noch entzückt. Damals entstanden auch die »Kaiserzimmer« und der prachtvolle, unter der großen Mittelkuppel gelegene Marmorsaal mit Deckenfresken von Daniel Gran. Aus jenen glanzvollen Zeiten, da die österreichischen Prälaten mächtige Feudalherren waren, ragen diese Denkmale herein in eine unruhige und unsichere Gegenwart. 26

Dem Stift zu Füßen liegt die kleine Stadt, auch ein Stück bodenständiger, festbegründeter Eigenart: mit Erkern und Bogengängen und spitzen Giebeln, mit Resten von mittelalterlichen Befestigungen, die bis zur Zeit Rudolfs von Habsburg zurückreichen, ein bürgerlich-behagliches Pensionistenstädtchen. Die Zeit ist hier stille gestanden; wenn der Wind in den Kronen der Lindenbäume wühlt und die alten Leute in der Vorstadt zur Zeit der Abenddämmerung da und dort auf den Bänken vor den kleinen Häuschen sitzen, pfeifenrauchend und nachdenklich, so ist's wie ein Bild aus Großvätertagen.

Westlich von Klosterneuburg tut sich das Tal von Weidling auf. Es ist einer der schönsten Winkel dieser Gegend, mit einer fast südlichen Fülle der Vegetation, zur Frühlingszeit ein wahres Blütenparadies. Vor hundert Jahren schilderte es ein Reisender mit begeisterten Worten: »Es gefiel der ewigen Mutter Natur, nicht ferne vom Ufer der Donau, am Fuße des Kahlenberges, ein kleines Italien zu schaffen, friedlicher und glücklicher als jenes, und nicht mit den Trümmern stolzer Jahrhunderte bedeckt. Ein heiteres Menschengeschlecht lebt hier ungestört und patriarchalisch den Beschäftigungen seiner schönen und nützlichen Bestimmung, emsig und unermüdet gleich den Bienen; so genießt es, von den Plagen eines erkünstelten Daseins ferne, alle Freuden, womit Gesundheit und ein angenehm beschäftigtes Leben den Aufenthalt auf dem Lande beglücken.«

Weißt du aber, Wandersmann, daß du auf einer altehrwürdigen Römerstraße dahinschreitest, wenn du von Klosterneuburg in westlicher Richtung über Kierling und 27 Gugging nach Sankt Andrä gehst? Ein Mithrasstein, 1733 gefunden, bezeugt, daß der Ort das Comagene der alten Römer war. Auf dem Kumberg stand eine römische Warte; denn am Südufer der Donau galt römisches Recht und römische Kriegskunst, nordwärts aber war Barbarenland, Germanenland . . . Hier hat vielleicht Severinus, der Apostel von Norikum, um 450 norischen Boden betreten. Der »Römerbrunnen« deutet noch heute in jene ferne Vergangenheit. Im Hagenbach bei Sankt Andrä liegen gewaltige Felsblöcke, Zeugen der großen Gewalt des Bächleins; dicke Sandsteinplatten sind in Sand zerfallen, an zwei Stellen verengt sich das Tal zu einer richtigen Klamm mit kleinen, durch Mauerwerk verbauten Wasserfällen; im Frühling widerhallen hier die Buchenwälder vom Sang der Schwarzplättchen, Meisen, Finken und Rotkehlchen, Bachstelzen wippen mit ihren Schwänzchen und auf den Wiesen wuchert der Hahnenfuß, die Lichtnelke, der dunkelblaue Salbei, der Bocksbart und die Wiesenglockenblume; »du bist kurzer, ich bin langer, also striten uf dem anger bluomen unde kle«, singt der liebe alte Dichter aus schöner Minnesängerzeit.

Nach Osten aber, wo die Auen zwischen Klosterneuburg und dem Donaustrom jetzt in herbstlichem Feuer lodern, findet das Landschaftsidyll seine würdige Fortsetzung. Kuhau, Hofau, Kritzendorfer Au heißt es da; tote Arme, zu Kahnfahrten ladend, schlängeln sich in der Wildnis der Bäume und Gebüsche dahin, friedlich ziehen Straße und Eisenbahn durch eine grüne Welt; im Schatten blühen die Veilchen zum zweitenmal und so still ist's, daß du den Atem des Herbstes zu hören glaubst. Da liegt Kritzendorf, 28 ein echtes Weinhauernest, in jedem Hause ragt die Mostpresse, oft mit kunstvollem Schnitzwerk verziert, das auf frühmittelalterliche, in letzter Linie römische Vorbilder zurückgeht. Und die Menschen dieser Gegend haben das Schmalgesicht, das man als Weinhauerantlitz bezeichnet hat, länglich geformt, mit graublauen Augen, dünnen Lippen und schmaler Stirn. In der Au liegt die große, mit allen denkbaren Bequemlichkeiten ausgestattete Badeanlage von Kritzendorf; sie ist in den letzten Jahren noch mehr in die Mode gekommen als das beliebte Familienbad am Gänsehäusel. An heißen Sommertagen bringen Eisenbahnzüge und Lokaldampfer ungeheure Menschenfrachten schon in den ersten Vormittagsstunden in diese wirklich großstädtische Erholungsstätte. Ein vornehmes Gasthaus mit großer Terrasse, Buschenschenken, eine bunte Zeltstadt von kleinen bewimpelten Badehäuschen – ein reichbewegtes und farbensattes Bild. »Kriz les bains« nennt der Wiener Volkswitz schon seit langem den Ort, obwohl im Hochsommer auf der ganzen Strandlinie von 29 Klosterneuburg bis Greifenstein ein ununterbrochenes Badeleben herrscht.

Oberhalb der Kritzendorfer Au fließt die Donau ganz nahe am Abhang des Wienerwaldes dahin. Hier liegen bei dem Dörfchen Höflein ausgedehnte, sehr alte Steinbrüche, aus denen die großen Blöcke stammen, die man zum Bau des Wiener Stephansturmes verwendet hat. Wenn wir stromaufwärts wandern, sehen wir zur Rechten die Ebene von Korneuburg und das Schloß Kreuzenstein, links steigen hart am Rande der Straße die Berge empor. In gewaltiger Krümmung wendet hier der Strom, der durch das Tullnerfeld in genau östlicher Richtung floß, seinen Lauf gegen Südosten. Wo die Biegung beginnt, liegt in halber Höhe des Berges, mitten zwischen den dichten Buchenkronen, die Ruine des alten Raubritternestes Greifenstein. Ein kurzer, steiler Aufstieg führt vom Tal hinauf; bald steht man im Vorhof dieser kleinen Donausperrburg, die seit dem 17. Jahrhundert völlig verödet war, bis sie Fürst Johann von Liechtenstein wieder herstellen und wohnlich einrichten ließ. Der Schlußstein der alten, längst vermauerten Treppe, die einst ins Innere führte, zeigt den Eindruck einer Riesenhand. Um solche Naturspiele schlingen 30 romantische Sagen ihr Rankengewirr; die Greifensteiner erzählt von der Liebe des schönen Burgfräuleins Etelina zu dem armen Knappen Rudolf und von der Flucht des Liebespaares in die Waldwildnis, wobei der alte treue Burgkaplan Emmerich nach Kräften behilflich ist; aber der heimgekehrte Vater, der wilde Graf Reinard, läßt in sinnloser Wut den armen Geistlichen ins Burgverließ werfen, wo er so lange schmachten muß, bis endlich der Burgherr auf einer Jagd seine Tochter und ihr Knäblein, in Lumpen gehüllt, an den Knochen getöteter Waldtiere nagend, in einer Höhle wiederfindet, wie Graf Siegfried die arme Genoveva. Von Reue ergriffen, verzeiht er seiner Tochter und dem Knappen und will den Kaplan Emmerich selbst aus dem Kerker holen – da stürzt er auf der Treppe und bricht das Genick. Sterbend krampft er seine Faust in den Schlußstein der Treppe. Sein Geist aber kann erst Ruhe finden, bis jener Stein zerbrochen sein wird; und so greifen denn alle Gäste der Burg fleißig in den Felsen, um ihn morsch zu machen und beizutragen zur Erlösung der armen Seele. Andere Sagen berichten von einem unterirdischen Gang nach Kreuzenstein oder auch von der Gefangenschaft des englischen Königs Richard Löwenherz, der sicherlich niemals hier gesessen ist – eine Zeitlang gab es keine Burgruine im ganzen Donautal von Melk bis Wien, die ihn nicht beherbergt haben wollte. Man hört dem Geplauder des Führers mit halbem Ohr zu und genießt dabei den prächtigen Blick aus den Fenstern 31 der niedrigen Burgzimmer oder von dem Turmumgang – das weite Stromtal mit Auen und Sandbänken, das Tullnerfeld, die lange schwarze Doppellinie der Eisenbahn.

Aber dann steigt man gerne wieder den steilen Burgfelsen hinab und taucht unter in dem großen, tiefen Meer der Buchenwälder. Nach Hadersfeld führt der Weg, dem kleinen, auf der Hochfläche über der Ruine gelegenen Dörfchen mit dem schlichten Wirtshaus und der hübschen Glasveranda, wo es sich so wunderschön träumen läßt, allein oder zu zweien . . . Es ist ein richtiger Liebesweg, vom Tal hinauf zur Ruine und dann weiter in diesen köstlich versteckten Waldwinkel, so recht vom lieben Gott gemacht für zwei Menschen, die sich mit Blick und Händedruck Dinge zu sagen haben, die jedem Dritten langweilig und lächerlich sind. Wieviel Tausende von verliebten Leutchen sind wohl schon durch diesen hölzernen Torbogen geschritten, der in plumpen Buchstaben die Aufschrift trägt: »Willkommen in Hadersfeld« . . . Und dann noch ein Stückchen weiter, zu dem einsamen Obelisken, den der alte Fürst Liechtenstein aufstellen ließ, mit seiner schönen Fernsicht! Ach, es tut nicht gut, einsam nach Jahren solche Stätten wieder aufzusuchen, im Herbste der Natur und des Lebens.

Wenn die Berge von Hadersfeld und Greifenstein den nördlichen Pfeiler des donauwärts gerichteten Wienerwaldzuges darstellen, so ist der Hermannskogel dessen südlichster Grenzstein. Man kann ihn von Grinzing aus über Krapfenwaldl nehmen oder Sievering zum Ausgangspunkt wählen – die Stunde Gehzeit wird reich belohnt. Weiß und leuchtend zeigt sich Schloß Kobenzl mit seinen ausgedehnten Gartenstadtanlagen und dem prächtigen Park. 32 An ihm hat Graf Kobenzl zwanzig Jahre lang arbeiten lassen; nach seinem Tode kam Park und Schloß in den Besitz des Freiherrn von Reichenbach, der dort spiritistische Versuche unternahm und sein »Odlicht« entdeckte, nebenbei auch ein gewaltiger Geldmann und Großindustrieller war, der in der Gegend den Ruf eines Wundermannes besaß. Unweit des Kobenzls liegt das Krapfenwaldl, die zweite Haltestelle der Zahnradbahn – gibt es einen annähernd so lustigen und echt wienerischen Namen? Die Rebenhügel, die Übergangszone zwischen der Stadt und dem Gebirge, verschwinden – der Wald tritt seine Herrschaft über Land und Leute an.

Das ist der Hermannskogel, mit seinen 543 Metern der höchste Punkt des Wiener Gemeindegebietes, der die ganze Kahlengebirgsgruppe beherrscht. Von der Habsburg-Warte, die man von vielen Stellen Wiens sehen kann, bietet sich eine Gipfelrundschau, die in solcher Nähe der Großstadt ihresgleichen sucht; so weit das Auge reicht, Hügel, 33 Rücken, sanfte Kuppen, Berge, steigend und anschwellend in grüner Melodie, eine Sinfonie des Waldes. Und fern im Süden, duftblau und verträumt, die Alpengipfel des Hochschwab und des Ötschers. Dazu die große, in voller Schönheit hingebreitete Stadt, die von keinem anderen Punkte aus so vollständig überblickt werden kann; und das Wiener Becken, ehemaliger Meeresboden, das Marchfeld, die Tullner Ebene, wo die Feldfrucht gedeiht, die uns Brot liefert, die Rebenhügel, die uns mit dem Getränk versorgen, das seit Vater Homers Zeiten das »herzerfreuende« genannt wird, die Berge, die jenes köstliche Trinkwasser spenden, um das uns andere Großstädte beneiden. Wer diese Landschaft durchdringt mit Blicken und Gedanken, dem enthüllt sich das Wesen des deutschen Österreichers.

Und dann wandern wir, die Grenze des Gemeindegebietes überschreitend, in westlicher Richtung auf der schönen Straße nach Unter- und Ober-Weidlingbach. Weit verstreut über Hügel, Wald und Wiesenrücken liegt die Ortschaft; hier waltet schon durchaus der Charakter der eigentlichen Walddörfer. Die Wohnhäuser zeigen im allgemeinen die bekannte fränkische Bauart. Wir treten in eines der größeren Gehöfte; ruhig und kühl mißt uns der Blick des Besitzers, in einem Winkel seines luftgebräunten Gesichts zuckt leises Mißtrauen gegen die Menschen der 34 Großstadt; aber ein gutes Wort, ein harmloser Scherz, und es ist überwunden und löst sich in jene gehaltene Heiterkeit auf, die den Grundzug im Wesen des Niederösterreichers bildet. Ein großes Einfahrtstor für den hochbeladenen Heuwagen, ein kleines Türchen daneben für die Hausbewohner führen in den schmalen Hof; in der Mitte hebt sich der Taubenschlag, rechts liegen die Stallungen unter einem Dachfirst mit dem Wohngebäude, links die Wohnung der alten Leute, das »Ausnahmsstüberl«, dahinter ein kleines Gemüsegärtchen, rückwärts die Scheuer; alles leicht zugänglich für Freund und Nachbar – der Deutsche fränkischen Stammes ist lebensfroh, sucht Gemeinsamkeiten, schätzt und liebt Geselligkeit. Er ist grundverschieden vom Bajuvaren, der am Nordgehänge des Wienerwaldes und im offenen Donautal siedelt; dort sind die Höfe breit und quadratisch angelegt, konnten im Notfall in früheren, unsicheren Zeiten auch besser verteidigt werden als die Gehöfte der von der Natur schon geschützten Wald- und Gebirgsbewohner; zudem ist der Bajuvare Eigenbrötler und betont gerne seine von den andern verschiedene Art. Doch ist der eigentliche Landwirt im Wienerwald selten; die großen, gesegneten Breiten mit der Fülle wogender Getreidefelder fehlen hier; Geflügel, Kühe, Ziegen, deren Zahl in den letzten bitteren Entbehrungsjahren sehr zugenommen hat, Pferde zum Befördern des Holzes aus dem 35 Walde: das sind die Haustiere des Waldbauern, seine Gefährten, seine Freunde in der Einsamkeit. Denn einsam und eintönig ist's hier; stundenlang kann man im Reich des Buchenwaldes wandern, ohne einem Menschen zu begegnen. Und das lebensfrohe Sonntagsvölkchen der Wiener Ausflügler, das auf den weiten Wiesen seine Feste feiert mit Schmausen und Tanz und Musik, daß die Wälder vom Jubel der großen und kleinen Kinder widerhallen: es dringt selten in diese grüne Wildnis ein. Nur der Nachtwind greift in die Riesenharfe der Waldbäume und singt das Schlummerlied der träumenden Natur; du fühlst es: hier bist du im Herzen des Wienerwaldes.

Über den Vogelsangberg und das Krapfenwaldl pilgern wir wieder nach Grinzing zurück, um den Kreis unserer Wanderung zu schließen. Und in einem der kleinen, gemütlichen Gasthäuser, über dessen Toreinfahrt der verheißungsvolle Föhrenzweig baumelt, gönnen wir uns vielleicht auch eine bescheidene Stärkung und einen Schluck des berühmten Grinzinger Weins, dessen Ruf überall der beste ist; hatten doch die Grinzinger nach einer alten Sage das Recht, allen mit fremdem Wein gefüllten Fässern, die nach ihrem Dorfe gebracht wurden, den Boden einzuschlagen . . . Auch Grinzing hat seine Geschichte; das Geschlecht der Herren von Gründsing, das dem Dorfe den Namen gab, bestand bis in das 14. Jahrhundert. Im Jahre 1683 erfuhr der Ort die volle Wut der fliehenden Türken, die aus ihren Schanzen zwischen Döbling und Währing vertrieben worden waren. Aber das ist lange her; auf blutgedüngtem Boden sind fröhliche Weinreben gewachsen, vergessen sind die Qualen derjenigen, die damals ein bitteres und grauenvolles Sterben erleiden mußten – das Leben ist immer stärker als der Tod. 36

 


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