Egid Filek
Wienerwald
Egid Filek

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Geleit.

Die tiefste und unerschöpflichste Quelle aller stofflichen und geistigen Kultur ist die Landschaft.

Aus ihrem ewig fruchtbaren Schoß kommen die Werte des Lebens. Sie begrüßt unseren Eintritt ins Dasein, sie geleitet unser Werden, Wachsen und Vergehen; ständige Wechselwirkung ist zwischen ihr und ihren Kindern, längst versunkene Geschlechter haben ihr dauernde Züge ins Antlitz geprägt, und wer sie zu lesen versteht, der erkennt, um wieviel stärker die Toten als die Lebendigen sind.

Aus dem Brausen des Windes, aus dem Rauschen uralter Bäume, aus dem Flüstern der Stromwellen hörst du die ewige Schicksalsfrage der Nornen: weißt du, wie das ward?

Und kannst du ermessen, Weggenosse dieses Lebens, wie die Landschaft auf deine eigene Seele wirkt?

Kennst du die letzten, allerfeinsten Verzweigungen des Gefühls und der Gedanken, die im tiefsten Grund deine 6 Persönlichkeit formen und geheimnisvoll von dem Landschaftsbilde abhängig sind, das dich umgibt?

Hat dich nicht einmal der Anblick jenes ernsten Waldberges unbewußt zu irgend einer guten, mannhaften Tat angeregt – hat die Stimmung der weißen, im hellen Mittagsonnenschein sich breitenden Ebene mit Feldern und Gärten nicht einen wertvollen Gedanken in die Klarheit des Bewußtseins gehoben – haben die sehnsuchtsvoll hinziehenden Wellen des Stromes, schimmernd im roten Sonnenuntergangslicht, deine Seele nicht fortgetragen ins leuchtende Land einer lieben, süßen Erinnerung?

Das sind spinnwebfeine Dinge, die sich nicht in plumpen Worten ausdrücken lassen und von denen nur die zartesten Organe des Innenlebens heimliche Kunde vermitteln: Ahnung und Gefühl.

Gib mir die Hand und laß dich von mir geleiten.

Ich will versuchen, dir die Seele der Wienerwaldlandschaft zu zeigen.

Vielleicht ist sie zugleich die Seele des viel verkannten, viel gelobten, viel gescholtenen und im Wesen sogar von den Brüdern aus dem Deutschen Nachbarreich noch immer zu wenig begriffenen österreichischen Volkes.

Denn der Duft und das Waldesrauschen und der selige Traum der weiten Fernen, der um jene besonnten Höhen schwebt, reicht mit seinen Wirkungen tief in die Großstadt herein, in deren tausendfarbigen Erscheinungen sich das Österreichertum doch am schärfsten spiegelt.

Drei gewaltige Grundtöne setzen den Akkord dieser Landschaft zusammen. 7

Da ist im Nordosten der breite Strom, der einstmals die Völker trennte und sie heute verbindet, sechs Völkerschaften, deren geistiges und wirtschaftliches Leben das Antlitz von Europa geformt hat. An seinen Ufern ziehen die grünen Auen mit ihrer dämmerkühlen Wildnis und trennen das Gebirgsland von der fruchtbaren Ebene. Im Südosten dehnt sich das Wiener Becken mit seinen ragenden Schloten, dem dröhnenden Lärm der Industrie, dem dichten Netz von Eisenstraßen, auf denen die Tausende von Dingen in die Ferne rollen, die der Fleiß rastlos arbeitender Menschen geschaffen hat. Im Nordwest aber breitet sich in tageweitem Bogen das ungeheure Gebiet des Wienerwaldes hin, der große Erholungsgarten der ermüdeten und ruhebedürftigen Großstadtmenschen, mit seinen brausenden Buchenwäldern, seinen lieblichen smaragdgrünen Wiesen, seinen weißen, in langen Windungen hinziehenden Straßen und stillen Dörfern, selig und sonnenfroh auf den Höhenrücken gelagert. Solch einen großen, unberührten Naturpark in der nächsten Nähe des grauen, steinernen Meeres der Mietkasernen haben wenig andere Großstädte. So nennt Adalbert Stifter den Wienerwald »ein liebliches, reiches, gemütanregendes Gemische von Feld, Wald, Weinberg, Hügel, Höhenzug, Strom, mit eingestreuten Landhäusern und Dörfern, bei welch allem, wenn man nur ein wenig emporsteigt, überall noch immer das Epos der Alpen im Hintergrunde schwebt«. Weich und wiegend ist die Melodie dieser waldbedeckten Sandsteinberge, deren sanfte Wölbungen geheimnisvoll auf die Seele wirken; und es ist köstlicher Genuß, auf irgend einem der vielen Gipfel zu stehen, wenn die Sonne im Westen sinkt, wenn 8 der Rauch einsamer Hütten da und dort emporkräuselt, das Rauschen der Wälder lauter wird als am Tage und eine grüne Woge nach der andern von dir fortrollt bis zum Rande des Horizonts.

Das weiche Auf und Ab der waldgekrönten Berge, im Südosten die schärferen, zackigen Formen des Kalkgebirges, die schroff zur Ebene abstürzen: das ist die geographische Linie der Landschaft.

Aber sie hat auch ein bedeutsames historisches Profil. Römerhände pflanzten auf den sonnigen Hügeln von Sievering, Nußdorf und Grinzing das köstlichste Gewächs der südlichen Heimat: die Weinrebe. Die große Kultur des imperium Romanum fand hier eine wenn auch bescheidene Stätte und ihre letzten Wellen verzitterten am Hang dieses Waldgebirges, das der Kaiser Marc Aurel als mons cetius in seinen Schriften erwähnt. Fränkische, später bajuvarische Siedler bearbeiteten den Boden, Klöster streuten den Samen geistigen Lebens über das Land. Aus dem Felsengrunde der die Umgebung beherrschenden Höhen, auf dem Leopoldsberg, auf dem Frauenstein bei Mödling wuchsen die Burgen der Babenberger. Karge Reste jener Kultur ragen in die Gegenwart herein und doch stammen aus dieser Zeit unsere schönsten Stifte: Heiligenkreuz, Zwettl, Lilienfeld, und jeder größere Ort ist verwachsen mit der Geschichte des deutschen Volkes. Wie sehr hat das kunstfrohe, heitere Geschlecht der Babenberger diese Landschaft geliebt! An ihrem Hof genoß Herr Walther von der Vogelweide wohl die schönste Zeit seines Dichterlebens. Wer mag entscheiden, welche von seinen Liedern zuerst im Gewoge fröhlicher höfischer Blumenfeste 9 auf den Waldwiesen des Wienerwaldes erklungen sind? Das Liebeslager unter der Linden an der Heide mit Nachtigallenschlag und Tandaradei: war es vielleicht ein maigrüner Anger bei Mödling oder Perchtoldsdorf?

Ach, sie war bald vorüber, die selige, fröhliche Babenbergerzeit. In harten Kämpfen ergriffen die Habsburger von der stammfremden Landschaft Besitz und im Lauf der Jahrhunderte war ihr Wohl und Wehe dem Geschlecht, das Weltmachtsplänen nachjagte, gleichgültig geworden. Zu Friedrichs III. Zeit fiel der mächtige Ungarkönig Matthias Corvinus über Deutschösterreich her; 1529 und 1683 verheerten es die Türken, 1805 und 1809 die Franzosen; und fünfmal, soweit historische Kunde reicht, hat der Wienerwald Hunderttausenden seiner Bewohner Gut und Leben gerettet, wenn sich die geängstigte Bevölkerung mit ihrer kleinen Habe in die schützende Einsamkeit zurückzog. An seinen Abhängen donnerte die große Entsatzschlacht vom 12. September 1683, die ganz Deutschland für immer von der Türkengefahr befreite. Viel mehr, als oberflächliche Betrachtung ahnt, spielt im Drama der Weltgeschichte die Landschaft mit. Und auf daß der Tragödie das Satyrspiel nicht fehle, hat im Jahre 1914 blutigen Andenkens eine übereifrige Armeeoberleitung den Wienerwald 10 für den Besuch gesperrt und mit Schützengräben, Drahtverhauen und scharf bewaffneten Wachposten versehen.

Wer Landschaft mit geistigen Augen schauen kann, für den taucht hinter dem geschichtlichen Profil ein künstlerisches auf. Kein Schaffender kommt von der Heimatscholle los, mag der Stein, der Ton, das Wort oder die Farbe Ausdrucksmittel seiner Kunst sein. Wir erkennen das am klarsten an den Architekten und Bildhauern des österreichischen Barocks. Ihre schimmernden Kirchen und Schlösser, ihre Kapellen und Bildstöcke mit den verzückten Heiligengestalten, deren Gewänder der Sturmwind peitscht, ihre stillen Klöster und Jagdhäuser mit verschnörkelten Fensterzieraten und geschweiften schmiedeeisernen Gittern: sie passen wunderbar herein in diese schwingenden Linien der Berge, in das helle Grün der Wiesen, in die traumhafte Stimmung flammender Sonnenuntergänge und herbstbunter Laubwälder. Und ihre aus Glaubensseligkeit und Weltlust, aus Entsagung und Genußfreude seltsam gemischte Weltanschauung wurde zum restlosen Ausdruck der österreichischen Seele, in der zu allen Zeiten Sinnlichkeit und Weltflucht, überschäumender Leichtsinn und Frömmigkeit hart beieinander wohnten.

Man hat die Kultur des Barocks eine musikalische genannt; aber auch die Wienerwaldlandschaft ist wie keine andere musikalisch. In den Tonschöpfungen Franz Schuberts lebt der Wienerwald. »Rauschender Strom, brausender Wald, starrender Fels, mein Aufenthalt.« Das Plätschern des Bächleins – ob es bei der Höldrichsmühle oder wo anders floß, ist doch so gleichgültig – wird Klang und Melodie und es formt sich der unverwelkliche Liederkranz 11 von der Schönen Müllerin. Wo ist der Künstler, dem die Natur nichts zu sagen hat? Feine, feine Fäden führen aus der Landschaft bis ins Herz der Kunstwerke, die hier entstanden sind. Beethoven hat einmal gesagt: »Hier, von dieser Natur umgeben, sitze ich oft stundenlang und meine Sinne schwelgen in dem Anblick der empfangenden und gebärenden Kinder der Natur.« Die Neunte Sinfonie und Mozarts »Ave verum« sind hier entstanden – in Baden, am Rande des Gebirges, wo damals Stille und Beschaulichkeit war und alles, was den rastlos Schaffenden Luft und Licht und Farbe und Stimmung der Landschaft an Anregungen zutrugen, zum vollendeten Kunstwerk ausreifen konnte. Hugo Wolf, der lang Verkannte, schrieb in Perchtoldsdorf die Mörikelieder und das Spanische Liederbuch. Alle haben sich aus dem mütterlichen Boden neue Kräfte, neue Arbeitslust geholt, wenn sie am Leben der großen Stadt verzweifeln wollten. Und auch den Dichtern dieser Scholle war der einzelne Natureindruck die Auslösung, gleichsam der Schlüssel zu der Welt, die sie in ihrem Innern trugen, wenn es gleich immer müßiges Beginnen bleiben wird, ein bestimmtes Werk restlos aus einem bestimmten Landschaftserlebnis zu erklären.

So rauscht uns auch aus den Novellen und Bildern Adalbert Stifters, der ein begabter Landschaftsmaler war, der Wienerwald entgegen; so singt Grillparzer:

»Hast du vom Kahlenberg das Land dir rings besehn,
So wirst du, was ich schrieb und was ich bin, verstehn.«

Und so ist wohl kein einziger von unseren bedeutenden Dichtern an den Eindrücken des Wienerwaldes vorübergegangen. Hier träumte Ferdinand von Saar, der Dichter 12 der Stille, seine zarten, wie mit silbernem Stift geschriebenen Wiener Elegien. In Baden schrieb Bauernfeld Lustspiele, Grillparzer, durch zwanzig Jahre Sommergast der Badestadt, faßte dort den Plan zur »Medea«, Hebbel grübelte seinen schweren, wuchtigen Gestalten nach. Und das fröhliche Volk der Maler fand in der Landschaft eine unerschöpfliche Quelle von Anregung. Man denkt an Gauermann und Waldmüller, an Jakob und Emil Schindler, an Rudolf Alt und Eduard Zetsche – von der großen Zahl der Neueren ganz zu schweigen.

Sie alle, die da malen und bauen und singen und sagen können: sie haben am Weltbild der Gegenwart gearbeitet. Denn alles Heute ist ein Kind des Einst. Und in ihnen lebte das tiefe Gefühl der Verbundenheit mit der mütterlichen Erde, das letzte Geheimnis alles Menschentums: das, was wir die Seele der Landschaft nennen.

Von ihr möchte dieses Büchlein sprechen, soweit von solchen Dingen gesprochen werden kann; es will nicht belehren, sondern anregen, nicht schwärmen, sondern Eindrücke vermitteln; es will zu jenem vertieften Genuß der Landschaft hinleiten, der sich in gleicher Weise den sinnlichen wie den geistigen Organen erschließt. Und Bilder und Zeichnungen sollen leise Begleitungsmusik dazu machen und dort mitsprechen, wo das Wort nimmer ausreicht. Allerdings: die Wirkung eines solchen Buches hängt gar sehr von der Empfänglichkeit desjenigen ab, der es in den Händen hält. Denn alles Verständnis der Landschaft wurzelt ja zuletzt doch im eigenen Gemüt. Und die Brücke, die von einer Seele zur anderen hinüberführt: sie ist ja auch eins von jenen spinnwebfeinen Dingen, die ich vorhin gemeint. 13

 


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