Egid Filek
Wienerwald
Egid Filek

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III.

Fußreise im Nebel.

Purkersdorf – Troppberg – Mauerbach – Königstetten.

Allerseelen ist vorüber.

Müde liegt das weite Land und wartet auf den ersten Schnee. Auf den Wiesen bei Purkersdorf glitzert der Morgenreif und die Buchenwälder ringsum sind schon tief kupferbraun. Wie das Laub unter den Füßen des Wanderers raschelt! Das ist der traurige Wehlaut des Spätherbstes; er schneidet in die Seele wie der heisere Schrei der Krähen oder das seufzende Knarren der entblätterten Äste, wenn der Wind sie bewegt. Noch sind die bunten Farbenfeuer des Waldes nicht erloschen; noch will sich die Birke nicht von ihren Blättern trennen und manchmal leuchtet der Himmel so tief dunkelblau und das Gelb und Karminrot und Purpurbraun hebt sich so prächtig von den schwarzgrünen Flecken ab, die Fichten, Tannen und 56 Föhren in die Masse der Laubbäume zeichnen, daß jedes Malerauge seine Freude daran haben muß. Der herbstliche Wald liegt wie eine faltige Decke aus dickem, braunviolettem Samt über den Hängen und die bereiften Wasserrisse zeichnen ein Netz von weißen Adern hinein. Die Lärchen prunken noch immer mit ihren strohgelben Nadeln. Da steht ein kleines Mädel unter dem Baum und schüttelt den Stamm und die zarten Dinger wirbeln wie ein goldener Regen um sie. Ein Märchenbild. »Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich!«

Aber die klaren Tage werden immer seltener. Nebel hängen in der Luft und lagern sich in die Falten der Täler; tagelang birgt sich die Sonne hinter ihren Schleiervorhängen; und doch: welch starke Stimmungserlebnisse kann uns die Natur dieser Landschaft auch in trüber, mit Melancholie erfüllter Jahreszeit schenken!

Frühmorgens sind wir von Purkersdorf aufgebrochen. Ich weiß nicht, ob ein Vergangenheitsucher hier Befriedigung findet; die Kirche ist klein und unbedeutend, obgleich auch sie ein wundertätiges Marienbild besitzt, von einer Müllerin namens Magdalena Wendl im Jahre 1709 gestiftet. Die Kaiserin Maria Theresia bezeugte ihm durch persönlichen Besuch ihre Verehrung und schenkte dabei nach dem Berichte der Pfarrchronik dem alten Pfarrer 57 Tobias Haas eine goldene Medaille im Gewicht von 25 Dukaten. Neben der Kirche steht das alte Posthaus mit großen Relieffiguren von einem ganz köstlichen Humor. Der Götterbote Hermes, in Lebensgröße dargestellt, hält einen Brief in der Hand; neben ihm erscheinen symbolische Gestalten, die Liebe mit einem Herzen, die Falschheit mit einer Maske in der Hand; der Klugheit zur Seite sitzt ein Pudel und oberhalb des säulengezierten dorischen Portals erkennt man Botentasche und Posthorn. Das ganze Häuschen könnte in einer Novelle von Gottfried Keller stehen.

»Seele, vergiß nicht der Toten!« mahnt ein altes Lied. Wer zur Allerseelenzeit in Purkersdorf weilt, sollte keineswegs die fromme Wanderung zum Schöffeldenkmal unterlassen, das unweit der Rudolfshöhe steht und einen schönen Blick gegen Preßbaum gewährt. Wie oft sind wir dahingezogen und haben in schweigender Erinnerung den Obelisken mit der schlichten Inschrift umstanden, der dem Retter des Wienerwaldes geweiht ist, dem Unermüdlichen, der gegen die Geldgier eines Wucherers, gegen den Stumpfsinn gedankenloser Zeitungsleser, gegen die Beschränktheit einer im Sold des Kapitals stehenden Beamtenkaste so mutig gekämpft und so herrlich gesiegt hat. Es war im Jahre 1870; kurzsichtige Regierungsweisheit wollte das ganze Wienerwaldgebiet einem Holzwucherer namens Moriz Hirschl verkaufen und abholzen lassen; da nahm der wackere Mann, der später Bürgermeister von Mödling wurde, in Wort und Schrift den Kampf gegen Presse, Kapital und Regierung auf und verhinderte die Vernichtung unseres unersetzlichen Naturparkes. Noch nie feierte ein aufrechter Mann solchen Triumph . . . 58

Eine brave, grüne Markierung hat uns in zweistündiger Wanderung auf den über 500 Meter hohen Troppberg geführt. Aber Nebelschwaden verhüllen die Ferne, vergebens sucht man die Kalkgipfel des Anningers und des Hohen Lindkogels, den Wechsel und Ötscher, deren Anblick uns an klaren Sommertagen hier so oft erfreut hat; nur die nächstgelegenen Waldberge schwellen uns entgegen. Und doch ist gerade diese Nebelstimmung von unsagbarem Reiz. Sie zieht feuchte, wallende Vorhänge zwischen uns und die Dinge, sie löst uns von den bunten Zufälligkeiten sinnlicher Eindrücke, so daß wir imstande sind, über uns und unser Verhältnis zur Umwelt einmal wirklich nachzudenken. Aus Urnebeln, sagt die Wissenschaft, ist unsere Welt geworden; aus den unbestimmten, flutenden Nebeln verinnerlichter Betrachtung steigt die Welt der Gedanken auf. Tiefer Sinn liegt in den alten Legenden, die von Moses berichten, daß er auf den Sinai stieg, in das Reich der Wolken und des Nebels, um als köstliche Frucht seiner Einsamkeit die Tafeln mit den zehn Schicksalssprüchen mitzubringen, die frommer Glaube die Gebote Gottes nennt. So sind sie alle in die Entrücktheit der Wolken emporgestiegen, die der Menschheit Großes zu geben hatten; sahen die wasserschweren Nebel dahinschleifen über die Bergrücken, sahen, wie der Wind sich hob und sie dahintrieb ohne Rast und Ruhe; und so zogen auch ihre Gedanken über hohe Dinge dahin, sich neigend vor der ewig unbekannten Macht des Lebens, die der Fromme Gott nennt und der Weise Schicksal.

Am Fuß des Troppberges liegt das Dörfchen Gablitz, eine der freundlichsten Sommerfrischen des Wienerwaldes. 59 Dort ist die Wiese Herrin der Gegend und der süße Duft, der zur Zeit der Heuernte das ganze Tal erfüllt, weckt jene traumhaft sehnsüchtigen Bilder wunschlosen Sommerglücks, die jeder Großstadtmensch kennt. Hier ist alles Gegenwart, kaum daß eine verwitterte Sandsteingruppe, ein heiliger Johann von Nepomuk oder ein kleines Barockhäuschen mit geschweiftem, schmiedeeisernem Balkongitter ganz leise von alten Zeiten spricht. Das weitläufige, hohe Gebäude am Ende des Ortes ist ein Spital und Altersheim für geistliche Krankenschwestern – so erzählt uns die freundliche Nonne, die auf einem Karren Gepäckstücke nach dem weißen Hause führt. Und während sie spricht, tönt von drüben durch die Herbstluft dünnes, wimmerndes Glockengeläute; sie bekreuzt sich und flüstert: »Schwester Beatrix ist heimgegangen . . .«

Der Weg von Gablitz nach Mauerbach, zwischen dem Königswinkelberg und Hannbaum, bietet eine Fülle der prächtigsten Landschaftsbilder. Steht man auf der höchsten Stelle des Sattels, so sieht man in südwestlicher Richtung die Häuser von Gablitz tief unten aus dem Buchenlaub hervorschimmern; so steil erscheint das Gehänge, daß man irgendwo in den Alpen zu sein glaubt. Nach kurzer Wanderung gegen Nordost öffnet sich ganz plötzlich der überraschende Blick in das Mauerbacher Tal, auf das Dorf und die Kartause. »Läge dieser Punkt in England, in der Schweiz oder am Rheine, er wäre ganz gewiß schon hundertmal abkonterfeyt und auf allen Märkten zu haben«, meinte vor hundert Jahren der treffliche F. C. Weidmann.

Die Geschichte Mauerbachs war jederzeit eng verknüpft mit jener der berühmten Kartause, die Friedrich der Schöne 60 zu Beginn des 14. Jahrhunderts hier gegründet hat. Vielleicht wollte auch er sich gleich den Babenbergern auf die Geistlichkeit stützen – man weiß ja heute, wie schwer die Habsburger in Österreich festen Fuß gefaßt haben. Das Charakterbild Friedrichs des Schönen zeigt ein seltsames Gemisch von starrsinniger Herrschsucht und jener Weltflucht, die im Grunde nichts ist als Schwäche. Jedenfalls war ihm Gottfried von Seitz, der erste Prior der Kartause Mauerbach, als Persönlichkeit weitaus überlegen. Die Chronik nennt ihn »einen wahrhaft bedeutenden Mann und eine mächtige Leuchte des Ordens«. Er geleitete nach der Schlacht bei Mühldorf den geschlagenen Fürsten in sein Trausnitzer Gefängnis; er hielt bei ihm aus, als ihn alle verlassen hatten; er bewog Ludwig von Bayern durch seine mutige Beredsamkeit, sich mit seinem Gegner zu versöhnen, und hielt bei der feierlichen Verbrüderung der beiden Gegenkaiser das Hochamt. In der Folgezeit zog sich Friedrich, viel zu schwach, um die Regierungsgeschäfte wirklich zu führen, des öfteren zu Gebet und Bußübungen in die Kartause zurück und lohnte den Mönchen ihre Anhänglichkeit an ihn mit reichen Schenkungen. Von 62 Mauerbach zog im Jahre 1330 eine Anzahl von Ordensbrüdern in die neugestiftete Kartause Gaming. Als Friedrich der Schöne zu Gutenstein gestorben war, trugen die Mönche auf ihren Schultern die Leiche zur Kartause heim und bestatteten sie im Chor der Mauerbacher Kirche. Der strenge Orden der schweigenden Brüder scheint auch in der Folgezeit in Österreich nie so recht volkstümlich geworden zu sein. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts entartete die Klosterzucht durch Reichtum und Schwelgerei; Matthias Corvinus von Ungarn plünderte Dorf und Kirche, und als Maximilian 1514 die Kartause besuchte, konnte man erst nach dreitägigem Suchen den Sarg des Stifters finden. Zur Zeit der Reformation bekannten sich die meisten Brüder zur Lehre Luthers und traten aus dem Orden aus. 1529 verbrannten die Türken das Kloster; ein Erdbeben zerstörte 1596 die neu errichteten Gebäude, dann raffte die Pest alle Ordensbrüder bis auf den Prior hinweg; 1619 brachen die Söldner des Grafen Thurn in das stille Waldtal ein und bei dem zweiten Türkeneinfall 1683 wurden Kirche und Kloster abermals ein Raub der Flammen. Zweimal schon hatte die Wiener Regierung die Absicht geäußert, die Kartause aufzuheben; endlich im Jahre 1782 entschied Josef II. ihr Schicksal. Er wollte, wie er dem Erzbischof von Salzburg schrieb, »den bloß anschaulichen Mönch in den wirkenden Bürger umschaffen« und löste die Gründung Friedrichs des Schönen nach 470jähriger Dauer auf. Die Gebeine des Stifters wurden, in seidene Tücher gehüllt, in die Wiener Stephanskirche gebracht, den Mönchen Pensionen angewiesen und das Stiftsgebäude zu einem Versorgungs- und Siechenhaus der Stadt Wien bestimmt. 63

Das ist die Geschichte der Kartause Mauerbach und sie wäre kraus und bunt genug zu einem Vorwurf für einen Roman – einen breiten, altväterischen Landschaftsroman, mit dem grünen Hintergrund von Wiesen und Wäldern.

Düster ragt das alte Gemäuer in die Gegenwart herein. Von dem großen Fresko über dem Eingangstor, den heiligen Bruno und den heiligen Antonius darstellend, ist heute fast jede Spur verschwunden; die baufällige Pfarrkirche ist geschlossen, aber wie eine befestigte Burg hebt sich die Kartause aus dem trüben Gewässer des tiefen Grabens, den eine Brücke überspannt. Das reichgeschmückte Barockportal zeigt rechts und links je einen Adler mit ausgespannten Flügeln. Es führt in einen zweiten Hof, um den die Wohnräume der Pfleglinge liegen; die Kirche ist durch einen Gang in zwei Hälften geteilt, deren eine zu Krankenzimmern ausgebaut wurde. Im Klostergarten blühen zur Frühlingszeit die schönsten Blumen und aus ihren Düften steigt die letzte Erinnerung an die beschaulichen Grübler und Ewigkeitssucher, die einst jene Zellen bevölkerten; aber ihre Nachfolger, die alten Männlein und Weiblein mit den gekrümmten Rücken und dem schlohweißen Haar, passen besser in die Spätherbststimmung; in müden Gesichtern mit großen, traurigen Augen steht der alte Kartäusergruß »Memento mori«.

Nördlich von Mauerbach hebt sich der Tulbinger Kogel. Man erreicht seinen Gipfel auf schönen, einsamen Waldwegen; nur selten begegnet man einem Leiterwagen, von schwerfälligen, schnaubenden Pferden gezogen, denen der Atem wie Dampf aus den Nüstern strömt; da liegen die langen, mit Ketten zusammengebundenen Stämme, das 64 Rad kreischt unter dem Hemmschuh, der Holzknecht geht behäbig neben dem Gespann und raucht eine kurze Stummelpfeife; dann taucht irgendwo eine Gruppe von holzklaubenden Frauen und Kindern aus dem Waldesdunkel und in der Ferne klingt der dumpfe Ton der Holzaxt. Verstreut auf den Bergrücken liegen Einzelgehöfte, oft halbe Stunden weit voneinander; Groissauer Hof, Hirschengartl, Passauer Hof sind bezeichnende Namen. Und endlich steht man auf der höchsten Spitze in rund fünfhundert Metern Meereshöhe und blickt von diesem weit vorgeschobenen Posten in das Tullnerfeld hinab. Ein freundliches Bild. Felder, Gärten und Wiesen gittern sich in die große Ebene, die roten Dächer von Tulln schimmern herüber, Schornsteine rauchen und Kirchenkreuze glänzen; jetzt zerreißt der Nebel und hell und frei liegt das Land da, von der silbern schimmernden Donau durchschnitten, von den Bergen bei Krems und Dürnstein umrahmt. Im Westen ragt der fast tausend Meter hohe Jauerling empor, vor den sich der Rücken des Dunkelsteiner Waldes lagert; im Südwest Dürrenstein, Ötscher, Schneeberg, im Osten und Süden die vertrauten weichen Linien der Wienerwaldketten. Auch hier ist historischer Boden. Die Römer besaßen in Comagene (St. Andrä) einen Standort ihrer Donauflotte; und das Nibelungenlied berichtet: 65

»es liegt im Osterlande am grünen Donaustrand
die Stadt, Tulna geheißen; dort ward Kriemhild bekannt
zuerst die fremde Sitte, die vordem nie sie sah;
des Hunnenkönigs Freunde empfing die Edle da.«

Es ist ein Schlachtfeld ohnegleichen, was da so friedlich vor uns liegt. Hier besiegte Karl der Große 791 die Avaren; sagenhafte Überlieferung nennt die Schmiede, wo er sein Roß beschlagen ließ. Zur Zeit der ersten Babenberger tummelten hier die Ungarn ihre Steppenpferde. Rudolf von Habsburg sammelte auf dem Tullnerfeld seine Ritter zum Entscheidungskampf gegen den Böhmenkönig und gründete später in der Stadt ein Kloster. Von Tulln aus setzte sich 1683 das deutsche Entsatzheer gegen die Türken in Bewegung. 1805 und 1809 wehten hier die Fahnen Napoleons.

Ein Fußweg, steil und steinig, führt durch Buschwerk und Brombeergestrüpp nach Königstetten am Fuß des Tulbinger Kogels. Hier empfangen uns breite Getreidefelder, Großbauernbesitz, geschlossene Ortschaften, große Obst, Gemüse und Blumengärten. Es ist eine von der Wienerwaldlandschaft völlig verschiedene Welt. 67

 


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