Egid Filek
Wienerwald
Egid Filek

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IV.

Über die Wasserscheide.

Rekawinkel – Kronstein – Anzbach – Neulengbach.

Das war der schönste Augenblick des ganzen Sommerferientages: wenn wir halbwüchsige Buben an der Straßenübersetzung zwischen Preßbaum und Rekawinkel den Orient-Expreßzug abwarteten.

Sankt Pölten ab fünf Uhr nachmittags, Wien an sechs Uhr wie schnell das ging! Und so vornehm war er, daß er nicht einmal dritte Klasse führte und für die Strecke Sankt Pölten–Wien gar keine Fahrgäste aufnahm.

Es war furchtbar spannend, wenn die Schlagbaumglocke bimmelte – dann, als der Schranken niedergegangen war, krochen wir unten durch, legten unsere Kupferkreuzer auf die Schienen und standen in halsbeengendem Schweigen, bis in der Richtung von Rekawinkel das weiße Dampfwölkchen aufstieg; mit wollüstigem Gruseln spürten wir, wie die Schienen unter unseren Füßen zitterten – dann 68 endlich trat man beiseite, langsam, mit gespielter Gleichgültigkeit. Und da schoß es auch schon heran mit Brausen, Zischen, Donnern, Stampfen, als ob ein Reiterregiment vorübersprenge – Eisen klirrte, Schienen bogen sich, Rauch und Staub fauchte einem ins Gesicht, der Erdboden bebte – und schon war alles vorbei; der Schranken stieg auf, man nahm die plattgewalzten Kupferstücke von den Schienen und trollte sich schleunig, bevor der Bahnwächter kam; denn was man getan hatte, war jedenfalls etwas Verbotenes, sonst hätte es doch keinen Reiz gehabt . . . .

Und wenn man dann abends beim Nachtmahl vom Orient-Expreßzug erzählte, entfesselte man endlose Wechselreden über die Wienerwaldbahn, die damals als dringendes Erfordernis galt. Jeder schlug eine andere Führung der Strecke vor, aber darin waren alle einig: die Bahn mußte gebaut werden, und zwar so bald als irgend möglich . . .

Das war im Jahre 1887. Und da es bei uns nichts Dauerhafteres gibt als das Provisorium, so haben wir heute noch keine Wienerwaldbahn und müssen uns mit der Westbahnlinie begnügen, die ja auch ihre Schönheiten hat, wenn man sie auch nicht mit den großen und berühmten Alpenbahnen vergleichen kann.

Schon bei Hütteldorf treten die Berge nahe aneinander und öffnen sich nordwärts zu zwei hübschen Tälern: zum Rosental, das gegen den Gallitzinberg führt, und zum Haltertal, dem Zugang zur Sophienalpe und nach Neuwaldegg. Dann fliegen die Landhäuschen von Purkersdorf vorüber, endlich erscheint Tullnerbach am Ausgang des lieblichen Irenentales und dem erstaunten Blick zeigt sich ein See, der einzige im Wienerwald – und auch der ist nicht echt, 69 sondern bloß ein Staubecken der Wientalwasserleitung. Immerhin belebt die glitzernde Fläche – sie umfaßt über sechzig Joch – in freundlicher Weise die Gegend; von hier erhalten die westlichsten Teile von Wien ihr Nutz- und Trinkwasser. Kleinere Seitentäler tun sich links und rechts von der Bahn auf, ein Naturtheater mit grünen Wald- und Wiesenkulissen, so recht zum Schauplatz irgendeiner idyllischen Szene geeignet, und das leise, verhaltene Rauschen des Wienflusses macht stimmungsvolle Flüstermusik dazu. Nicht immer. Zur Zeit der Schneeschmelze verwandelt sich das freundliche Gewässer in einen zornigen Wildbach; das tost und schäumt und greift mit Schaumtatzen nach den Ufern, weithin die Wiesen überschwemmend, und erst eine strenge und zielbewußte Regulierung hat den Wildfang gebändigt, der in vergangenen Jahrhunderten sehr viel Schaden angerichtet hat, wie die Chroniken von Purkersdorf, Hadersdorf und Mariabrunn klagend berichten. Jetzt ist er ruhiger geworden; mürrisch läßt er sich die Zwangsjacke der Staubecken und hohen Steinmauern gefallen, begleitet die Wientallinie der Stadtbahn und ergießt sich endlich träge und verdrossen bei der Urania in den trüben Donaukanal. Sie sind beiweitem nicht so lustig und heiter wie ihre Brüder und Schwestern in den Alpen, die Wässerlein des Wienerwaldes. Sie tollen nicht in Wasserfällen die Kalkfelsen hinab, sammeln sich nicht zu klarblauen Seen mit Badelust und Kahnfahrtvergnügen; manche versickern gar in trockenen Sommern unter dem vergilbten Laub des Vorjahres. An anderen Stellen sind die Ufer unterwaschen und eingestürzt, und die Bäume und Sträucher, die man mühsam zum Schutz der Wiesen 70 angepflanzt hat, fallen der zähen, stillen, ausnagenden Kraft der Gerinne zum Opfer. Auch ist das Wasser nicht klar, weil es selten über Felsboden fließt; nur die »dürre«, das heißt träge Wien, die am Kaiserbrunnberg entspringt, und der Coronabach zeigen das freundliche Bild eines richtigen Gebirgswassers.

Bei Preßbaum steigt die Bahn schon merklich; man überblickt aus den Wagenfenstern das ganze breite und liebliche Tal mit seiner ziemlich geschlossenen Ortschaft, deren große, neue Kirche nicht recht in die Landschaft passen will – irgend eine geheime Gesetzmäßigkeit waltet zwischen der Bauart der Kirchen und der sie umgebenden Natur. Die Kirchtürme des Ötztales zum Beispiel können gar nicht anders aussehen als schmal und spitzig wie Zahnstocher und die berühmte Kirche von Heiligenblut am Fuß des Großglockners wäre in ebener Landschaft undenkbar.

Schon mengen sich große dunkelgrüne Föhrenbestände in den Laubwald. Feucht und erfrischend weht die Luft; in den Schatten hoher Bäume lagert sich ein großes Sanatorium »für Nerven- und Gemütskranke«. Ozon und feuchte Luft – liegt hier vielleicht das Geheimnis der tiefen Wirkung unserer Wienerwaldlandschaft auf alle Künstlernaturen? Künstler sind ein reizbares Geschlecht und ihre Gemüter sehr empfindliche Instrumente, die von Alltagsmenschen leicht verstimmt und gar nicht gespielt werden können. Allerdings: was dem ermüdeten, nervösen Gehirnmenschen, der zarten, seelisch kränkelnden Frau höchstes Wohlgefühl des Leibes und Gemüts bedeutet, ist dem Gichtischen oder Lungenkranken Qual. Wir alle 71 bringen in die Landschaft unser eigenes körperliches und seelisches Ich herein und es ist unmöglich zu erklären, warum dieselbe Sonne, die gleiche Luft, dieselben Berge und Wälder den einen entzücken, den andern langweilen oder gar verdrießen.

Die Haltestelle Rekawinkel liegt mitten im Wald. Und Waldmenschen sind's, die jene Gegend bewohnen, späte Nachkommen der Holzknechte, von der österreichischen Regierung nach den Türkenkriegen aus Salzburg, Bayern, Schwaben und Oberösterreich herbeigerufen, um den bisher unangetasteten Bannwald zu schlagen; sie gründeten die Ortschaften Preßbaum, Pfalzau, Tullnerbach und Rekawinkel, in dessen Nähe heute noch ein »Schwabendörfel« steht. Bis in die Zeit Maria Theresias dauert dieser Zuzug. Mancherlei an Sitten und Gebräuchen, Sagen und Überlieferung mögen sie aus der Heimat mitgebracht und in den neuen Boden verpflanzt haben; wandert man ein paar Stunden weit von der Bahn ins Innere des Waldgebirges, so trifft man schon bodenständige, von der Großstadtkultur kaum berührte Einsamkeitsmenschen, und in größeren Gehöften sorgsam gehüteten Hausrat; geschnitzte und bemalte Doppelbetten mit Jesuskind und Madonna und Nährvater Josef in Rot und Blau und Gold; an der Wand eine Truhe mit mächtigen Riegeln und Schlössern und daneben ein großer Ofen, rundlich aus grünen Topfkacheln gebaut; links steht die Wiege mit dem kleinen, strampelnden Kindchen, rechts der gepolsterte Ohrenlehnstuhl für den »Ahnl« oder die Großmutter, weil müdes Alter und hilflose Jugend gleicherweise des freundlichen Elementes bedürfen, das da drinnen glüht und flackert. Und in diesen 72 Räumen spinnt sich ein bescheidenes Leben ab, Geburt und Krankheit und Tod und neue Geburt im beständigen Kreislauf und immer gleich bleibt die Arbeit und die Sorge. Und dann und wann kommt man im Wirtshaus zusammen, und was jung ist, freut sich des Lebens und tanzt ein wenig – den schönen, alten, nachdenklichen, langsamen Ländler, der mit seiner maßvollen, gehaltenen Bewegung so sehr zum Wesen dieser Menschen paßt, den sie seit Generationen tanzen und der ihnen bleiben wird, wenn alle die verkünstelten Tänze der fremden und feindlichen Großstadt längst vergessen sein werden; den echten, deutschösterreichischen Ländler, dessen Melodie und Rhythmus in den Tondichtungen Schuberts und Beethovens zur Höhe unvergänglicher Kunstwerke verklärt worden ist.

Von Rekawinkel nach Kronstein geht es eine Stunde weit durch entzückend schönen, hochstämmigen Buchenwald. Wer aber bei dem Namen Kronstein etwa an eine feste Trutzburg mit Wartturm und Mauerkranz denkt, wird große Augen machen, wenn er am Ziele nichts als einen einsamen Gasthof findet; denn die Häuser des Dörfchens sind weithin über Höhenrücken und Waldberge verstreut und vom Tale aus gar nicht zu sehen. Aber im Winter herrscht hier fröhliches Getriebe, Rodeln fliegen das Gehänge hinab, schrilles Pfeifen verkündet das Heransausen der lustigen Gefährte, grellrote, orangefarbene, dunkelblaue Wolljacken heben sich von dem weißleuchtenden Schnee, aus roten Wangen und blitzenden Mädchenaugen lacht Winterlust und gesunde Lebensfreude; droben auf den welligen Schneehügeln ziehen die Skiläufer ihre ruhigen Linien, manchmal kippt ein ungeschulter Läufer 73 um und versinkt in der weichen, weißen Masse, nur die in der Luft zappelnden »Bretteln« deuten die Stelle des fröhlichen Sturzes, dann gibt's Gelächter und gutgemeinte Ratschläge bis zum nächsten Unfall und über die heitere, bunte Szene spannt sich begütigend der stahlblaue Winterhimmel.

Ein Spaziergang nach dem eine halbe Stunde entfernten Orte Kogel führt uns aus dem Waldgebiet heraus in sonnige Landschaft, wo Häuser, Menschen und Berge ganz andere Gesichter zeigen. Große, vierkantige Höfe beleben ein offenes, wenig bewaldetes Hügelland; die Felder sind lang und breit, die Siedlungen drängen sich gesellig aneinander, in den Häusern hängen Maiskolben zum Trocknen unter dem vorspringenden Dach, Laubengänge mit steinernen Rundbogen deuten auf die Bauweise der Traisenebene und des Tullnerfeldes. Der Rundbogen! Vielleicht lebt in ihm doch dunkle, unbewußte Erinnerung an die alte Römerherrlichkeit, fortgepflanzt durch zwei Jahrtausende; beweisen läßt sich da nichts, denn alles Bauwerk aus jener Zeit, das sich über den Erdboden erhob, ist ja längst verschwunden. Aber heute noch heißt eine Ortschaft bei dem nicht allzuweit entfernten Traismauer Venusberg, und daß bei Tulln römische Kultur herrschte, ist sicher erwiesen.

Über die einstige Feste Kogel sind noch Urkunden erhalten; als Ottokar von Böhmen und später der Habsburger 74 Rudolf der Stadt Tulln die Schifferrechtsbelehnung erteilten, unterschrieb ein Herr Wolfker von Kogel die Urkunde. Dann wissen wir, daß 1408 der Ritter Hans von Laun, Dienstmann des Habsburgers Leopold, trotz dessen Geleitbriefes den Bürgermeister Vorlauf von Wien auf dem Riederberg überfiel und mit mehreren Ratsherren monatelang auf der Feste Kogel gefangen hielt, bis er ihn endlich gegen hohes Lösegeld und Urfehdeschwur wieder in Freiheit setzte; endlich brannten die Türken im Jahre 1529 die Burg bis auf den Grund nieder und richteten unter den Bewohnern ein solches Blutbad an, daß kein einziger am Leben blieb. Und aus den Steinen der ausgebrannten Ruine baute das Stift Baumburg in Bayern 1763 in Kogel eine Kirche.

Aber wir wollen wieder nach Rekawinkel zurück, um unsere Fahrt quer durch den Wienerwald zu vollenden, und benützen diesmal nicht die Straße, sondern eine gewissenhafte rote Markierung, die uns schönere und einsamere Wege führen soll. Was wäre der Wandersmann im Waldgebiete, trotz Karte und Touristenführer, ohne jene freundlichen Zeichen, die unschätzbare Erfindung aus Urweltzeiten unseres Geschlechtes! Denn sicher hat es schon damals, als statt der entarteten Städtebewohner der Mensch der einsamen Wälder, der weiten Fernen, der dunklen Tiefen hier schweifte, solche geheime Wegweiser durch den Urwald gegeben, und wir Spätgeborenen, die wir uns so viel auf unsere Kulturfortschritte zugute tun, wandeln doch immer in den Bahnen längst versunkener Geschlechter.

Der Zug steht zur Abfahrt bereit auf, gegen Westen, nach Neulengbach! 75

Und nun kommen Tunnels und Viadukte, wie es sich für eine richtig gehende Gebirgsbahn gehört.

Die Tunnels, zwei an der Zahl und recht kurz, liegen gleich hinter Rekawinkel; hier überschreitet der Zug die Wasserscheide zwischen der Wien und der Großen Tulln. Und von den Viadukten ist der größte und schönste der über den Eichgraben. Hier erinnert die Gegend wirklich ein wenig an eine Alpenlandschaft; tief unten schimmert die weiße Straße und in langer Schlangenwindung ziehen die Schienenstränge durch die stillen Wälder. Schon rollen wir abwärts, schon breitet sich zu unserer Rechten welliges Hügelland, eine Handvoll Villen ist darüber ausgeschüttet wie Riesenwürfel aus einer Riesenfaust, schachbrettartig bedecken Äcker, Wiesen und Gärten den Boden, während der Wald bescheiden im Hintergrund bleibt.

»Anzbach!« ruft der Schaffner.

Das Dörfchen gehört schon zu den geschlossenen Siedlungen. In seiner Mitte hebt sich das uralte gräflich Wydenbrucksche Haus wie eine kleine Burg über seine 76 Nachbarn – hier vermutet man den Stammsitz der Herren von Anzbach oder Amcinesbach, die schon im frühen Mittelalter als mächtiges Adelsgeschlecht erwähnt werden. An der südwärts gerichteten Tallehne erkennt man noch deutlich die Anlage des ehemaligen Schlosses Wasen, das längst in Ruinen liegt; die Kirche enthält einige Grabsteine der einstigen Besitzer.

Und nun sind wir in Neulengbach, wo der Wienerwald völlig zu Ende ist. In der breiten Dorfstraße umgibt uns agrarische Beschaulichkeit; ein paar schöne alte Häuser, große Einkehrgasthöfe, Sparkasse, Advokat, Notar, Tierarzt – eine stille kleine Welt. Und knallrote Plakate versprechen einen Varietéabend im Saal Waldhauser.

Droben auf der Anhöhe liegt das Schloß, mit seinem neuen roten Ziegeldach weithin sichtbar, einst der Sitz der Herren von Lengbach, die zum ältesten und vornehmsten Ministerialadel Österreichs gehörten und am Ende des 14. Jahrhunderts ausstarben. Heute gehört es der Gemeinde Wien und eine holländische Hilfsaktion benützte es als Erholungsheim für arme Kinder.

Die deutschösterreichische Literaturgeschichte aber nennt den Namen Neulengbach mit heimlicher Freude; trieb doch hier in den Zeiten der Minnesänger Neidhart von Reuenthal sein Wesen, der Dichter des Tullnerfeldes, jener lustige Kumpan, der mit den Bauernmädeln tanzt und liebelt, mit den Burschen zecht und sich gelegentlich auch prügelt. Gleich Herrn Walther von der Vogelweide sehnt er sich nach einer Ruhestätte seines unsteten Wanderlebens, nach einem Lehen, das nirgends anderswo als in Neulengbach liegen soll: 77

»Und hab ich wo ein heime,
wo soll das sein?
ein Schwälblein klebt von leime (Lehm)
ein Hiuselein,
da 's inne ist
des sommers eine kurze Frist.
Gott füge mir ein Haus mit obedache
bei dem Lengebache!«

Gar viele Ortschaften Niederösterreichs sind in seinen Liedern genannt: Künehohestetten (Königstetten), Medelike (Melk), Zeizenmure (Zeiselmauer). Reich uns die sonngebräunte Hand über die Kluft der Jahrhunderte hinüber, du sangesfroher, fröhlicher Wandervogel!

Und nun wenden wir unsere Schritte wienerwaldwärts gen Süden und freuen uns der heiteren Hügellandschaft bei dem Örtchen Christofen, wo es große Obstgärten gibt und ein dicker, behäbiger Kirchturm, wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert, und ein paar Reste der alten Burg Thurm an das Mittelalter erinnern. Weiter gegen Südosten liegt die Sommerfrische Altlengbach. Hier sind wir schon im ernsten, dunkelgrünen Reiche des Nadelwaldes; in seine dunklen Massen hinein zeichnen sich die lichten Zackenlinien größerer Lärchenbestände, die sonst nirgends im Wienerwald so stark vertreten sind. An einem hübschen Kriegerdenkmal, den Opfern des Weltkrieges aus der Gemeinde Altlengbach errichtet, vorüber steigt man zu dem plumpen, gelben Kirchlein hinauf, das zusammengeduckt auf einer kleinen Anhöhe liegt und einer befestigten Burg gleicht; sicher hat auch der längst aufgelassene kleine Friedhof mit seinen dicken, zerbröckelnden 78 Mauern und uralten Efeugebüschen in Feindesnot als schützender Zufluchtsort gedient. Das Innere der Kirche sieht mit seiner gedrückten Decke und niedrigen Wölbung wie eine große Gruft aus; daß der dicke Glockenturm nur von außen durch eine hölzerne Treppe erstiegen werden kann, ist vielleicht die größte Merkwürdigkeit des alten Bauwerks. Die vielen Dörfchen, Weiler und Einzelgehöfte, welche die Ortsgemeinde Altlengbach bilden – ein kleiner Weiler führt den lustigen Namen Nest – sind weitum über Berge und Täler zerstreut; etwa 1800 Menschen siedeln hier auf einer Fläche von mehr als fünfunddreißig Quadratkilometern!

Über alle Beschreibung schön und anmutig ist der Weg von Altlengbach über den sanft gerundeten Höhenrücken zur Haltestelle Eichgraben. Ich bin diesem Stückchen Heimaterde sehr dankbar. Denn es hat mir vor Jahren einmal eines der wunderbarsten landschaftlichen Erlebnisse geschenkt: die Wiese. Oh, diese Wiesen des Wienerwaldes!

Ein ganzes Büchlein könnte man über sie schreiben – nein, etwas viel Schöneres: eine Sonate, eine leise, süße, singende, klingende Sonate für Geige und Klavier. Aber der Tondichter müßte ein großer Künstler sein, mit einem unendlich tief und warm empfindenden Herzen; und das Zirpen der Grillen müßte darin sein und das Läuten der Hummeln, der Hauch des Abendwindes, der die zarten grünen Halmspitzen streichelt, und der süße Duft des Klees und der Veilchen, der milde Glanz der Sommervollmondnächte und der blaue Mittagshimmel, der sie leuchtend überspannt – die Wiese des Wienerwaldes. Oh, sie ist eine verwöhnte, vornehme Dame; dreimal wechselt sie ihr 80 Kleid in der Zeit vom Frühling bis zum Ende des Sommers! Aus den grauen Farben des Vorfrühlings heben sich schwefelgelbe Primeln, Lungenkraut, Veilchen; im Frühsommer schmückt sie sich mit Rot- und Weißklee, Johannisblumen und Löwenzahn; endlich kommen dunkelblauer Salbei und dottergelbe Ranunkeln, und im Spätherbst noch das müde Violett der Herbstzeitlose. Und an strahlenden Maitagen herrscht ein wahrer Hexentanz von Hummeln, Bienen, Fliegen und Schmetterlingen, Summen, Schwirren und Zirpen vom Morgen bis zum Abend – die Wiese feiert ihr Hochzeitsfest.

Und mitten durch dieses tolle, selige Treiben führt jene Hügelwanderung von Altlengbach nach Eichgraben; hohe Bäume werfen kühlenden Schatten auf den Wanderer, da und dort zeichnet sich eine schwarzgrüne Föhre vom hellblauen Himmel ab, aber immer wieder schweift der trunkene Blick nach rechts und links in das hellgrüne Wunderland der Wiesen. Und je länger du so dahinwanderst, desto tiefer versinkt alles, was mit Ziel und Zweck deiner Reise zusammenhängt; alle geschichtliche und künstlerische Betrachtung erscheint matt und trübe vor der leuchtenden Pracht unmittelbaren Erlebens; du fühlst: Natur ist zeitlos, zwecklos, ziellos. Solch beglückender, wunschloser Weltbetrachtung hat unser heimischer Dichter Franz Karl Ginzkey eines seiner tiefsten Gedichte gewidmet:

»Es führt mein Weg nach keinem Ziel,
Denn Ziel ist Täuschung nur und Spiel.
Muß ich dem Ziel mich anvertraun,
Versäum ich, nach dem Weg zu schaun. 81
Der Weg ist Tiefe, ist Geschick,
Ist vollgemeßner Augenblick.
Die Flüchtigen und Allzuvielen,
Die kranken alle an den Zielen.
Du köstlicher, du treuer Weg!
Du führst mich über Fels und Steg
Vorbei am Meilenstein der Jahre
Ganz ohne Ziel ins Wunderbare.. 83

 


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