Egid Filek
Die wundersame Wandlung des Herrn Melander
Egid Filek

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X.

Wie ein Stein in einen stillen grünen Teich voll Seerosen und Wasserlinsen plumpt und die Frösche, Fischlein und anderes Wassergetier aus beschaulicher Ruhe aufschreckt, daß sie flüchtend herumschwimmen und in allerlei Aufregung geraten: so und nicht anders ging es dem stillen Dorf Eggenfeld, als die Nachricht kam, daß der Graf Birckenfeld in einigen Tagen geruhen werde, seinem Gute einen kurzen Besuch abzustatten.

Hochsommer war da. Heiße Luftwellen fluteten durch das Korn, das gelb und schwer wurde; auf den Wiesen lag das Heu und dampfte Wohlgeruch, rot leuchteten die neuen Ziegel vom Dach des kleinen Verwalterhäuschens; zwischen die Trümmer einstiger Größe hatte man es eingebaut für den gegenwärtigen Bedarf, wie aus den Wurzeln eines gefällten Baumes neue grüne Schößlinge kommen, getrieben von der unerschöpflichen Keimkraft der Natur, die immer vom neuen die Zerstörung überwindet. Und die Fenster blickten klar und hell in der Sonne wie Mädchenaugen am frühen Morgen, nach dem tiefen Schlaf gesunder Jugend; Wimpern gleich hingen rot und weiß blühende Topfblumen darüber hin; sie stammten aus dem Gärtchen der Demoiselle Doris, dort droben im Gemäuer der Schloßruine. 145

Aber Herr Melander saß nicht in der Stube; erst spät abends kam er heim, tagsüber tauchte sein braunes, schwitzendes Gesicht bald hier, bald dort zwischen den arbeitenden Bauern auf, die sich plagten im Frondienst für die Herrschaft.

Und wenn er zu Beginn seiner Tätigkeit den Mund gewaltig voll genommen hatte und auftreten wollte als Zwingherr und Vogt der armen Teufel, so mußte er im Lauf der Zeit lernen, daß erzwungene Arbeit die schlechteste ist; da wurde er klug und vermied es, seinen Bogen allzu straff zu spannen, und endlich ward ihm klar, daß nicht das eiserne Joch der Disziplin, sondern nur das Band gemeinsamen Schaffens am gleichen Werk den Vorgesetzten und den Untergebenen dauernd aneinander zu binden vermag zum Segen und Vorteil beider.

Wohl hatte Magister Holtzapfel im Namen seines Herrn geschrieben, daß man von jedem festlichen Empfange absehen möge; aber die Eggenfelder ließen sich die Freude an ihrer seit Wochen erwarteten kleinen Feier nicht nehmen, und so übte Vater Thurneisser mit seinen Kleinen einen Begrüßungschor, für den er selbst Ton und Wort erfunden, der Dorfschulze studierte eine Ansprache und bat die Demoiselle Doris, dem Grafen einen Strauß zu überreichen; und am Eingang des Dorfes wurde eine hohe Triumphpforte aufgestellt, geschmückt mit dunkelgrünem Reisig und Blumen, zwischen denen das gräfliche Wappen leuchtete. Nur auf das feierliche Glockengeläute mußte man, mangels der Glocken. verzichten. 146

Der Wächter am Kirchturm, der nach langer Zeit wieder sein Amt versah, verkündete endlich das Nahen der Herrschaft. Aber der Graf kam allein, nur Hans Jakob ritt neben ihm, das Gefolge hatte es vorgezogen, eine Viertelstunde vor dem Dorf auf einer Wiese seine Zelte aufzuschlagen; die Damen trieben einen entzückenden Naturkultus an den Ufern des Baches zwischen Weidenbüschen und Vergißmeinnicht und probten unter Sang und Gelächter das Schäferspiel, wobei ihnen die Kavaliere Gesellschaft leisteten.

Es war sehr feierlich; Thurneisser schwang den Taktstock über seine kleine Schar, und die armen dünnen Stimmchen begrüßten den gnädigen Herrn mit Vivatrufen und Gesang; der Dorfschulze hielt seine Rede mit mancher von Räuspern ausgefüllter Verlegenheitspause, Doris in weißem Kleide bot ihren Feldblumenstrauß und erhielt dafür einen huldreichen Händedruck, und unter der Ehrenpforte, die sich im Winde bedenklich hin- und herneigte, ritt Herbert von Birckenfeld in das Land seiner Kindheit ein.

Auch Herr Melander zu Geislingen ward gnädig, beinahe herzlich empfangen; aber wiederum fühlte er den Abstand zwischen sich und dem einstigen Kameraden, auch dann, als der Graf sich in Thurneissers Höhle zu kurzer Rast niederließ und so herablassend und gemütlich von den alten Zeiten sprach.

Dann aber brach Melander mit dem Grafen zur Besichtigung der Ökonomie auf, indes Hans Jakob 147 bei Thurneisser und Doris zurückblieb; es war so schön kühl zwischen den dicken alten Mauern, während draußen die Sommerhitze brütete, und Hans Jakob hatte Gefallen an dem lieben alten Herrn gefunden, denn ein Künstler versteht den andern, wenn auch der die Feder führt und jener die Saiten klingen läßt.

Melander aber führte seinen Herrn durch die Felder, berichtete über seine Einrichtungen und Wirtschaftspläne voll Freude und Eifer, und der Graf nickte von Zeit zu Zeit Beifall; er sah, daß hier ein treuer, verläßlicher Mensch am Werke war, der sich selbst erst mühsam genug in alles hatte einarbeiten müssen, und daß er für seinen eigenen Vorteil sorgte, wenn er ihm freie Hand ließ. Sie durchwanderten die Räume des Meierhofes, die Ställe, in denen schon ein kleiner, vielversprechender Viehstand beisammen war, die Scheunen für das Heu, den Kornspeicher. Und Graf Birckenfeld lobte dies und jenes, aber vorsichtig und nicht allzu warm; er kam als der Herr, der gnädig nach seines Dieners Werk sieht; aber es kam ihm kaum zu Bewußtsein, daß der wahre Herr dieser Scholle derjenige war, dessen Arbeit ihr den Segen des Gedeihens und der Fruchtbarkeit entrang; die Arbeit, nicht der Besitz war's, was hier herrschte im Geist und in der Wahrheit.

Und dann saßen sie in dem kühlen Zimmer Melanders, und während des Gespräches erhob sich der Verwalter und ging in die anstoßende Kammer, um die sorgsam geführten Wirtschaftsbücher zu holen. 148

Der Graf ließ seine Augen durch den Raum schweifen.

Wie streng und einfach hier alles war. Der roh gezimmerte Tisch, die plumpen Stühle, vom Dorftischler schlecht und recht zusammengefügt, das schmale Bett und das Bild am Kopfende desselben, fast der einzige Schmuck des Zimmers . . .

Herbert von Birckenfeld stutzte. Eine Heilige? War der wilde Melander etwa fromm geworden auf seine alten Tage? Herrgott, das war ja . . .

Er sprang auf und betrachtete den Kopf aus der Nähe. Ja . . . es war die Skizze von Balthasar Thorn zu dem Bildnis Belindas.

Er stand und sann.

Es gab keinen Zweifel: Melander mußte im Skizzenbuch des Malers das Bild entdeckt und von ihm erworben haben.

War er im Einverständnis mit ihr? Wußte sie von der wunderbaren Macht des Gefühls, die durch das Dunkel jahrelanger Trennung leuchtet?

Oder genügte es ihm, zu einem empfindungslosen, kalten Idol zu beten, zu einem Bild ohne Gnade?

Er mußte Klarheit haben über die beiden. Ein dumpfes, quälendes Gefühl von Eifersucht stieg in ihm auf, just so wie damals, als das Weib zum erstenmal zwischen sie getreten war.

Schwere Schritte kamen aus der Kammer. Er hatte eben noch Zeit, zu seinem Platz zurückzukehren, da trat Melander mit den Wirtschaftsbüchern ein und begann genau und weitläufig zu zeigen und zu erklären. 149

Aber das Interesse des Grafen war sichtlich geschwunden. Er hörte kaum zu und schob nach kurzer Zeit die dicken, in blaues Leinen gebundenen Bücher zurück:

»Wollen wir's nun gut sein lassen, lieber Melander. Ich habe die Überzeugung gewonnen, daß mein Gut in bester Kondition und von Euch wohl betreut ist, und ist mein Intent, Euch auch weiterhin in allem zu fördern, so daß Ihr stets an mir einen freigebigen Herrn finden sollet. Doch sagt einmal: bedürfet Ihr nicht hie und da bei Euren Geschäften einer Assistenz?«

»Sollte es des Herrn Grafen Meinung sein, daß noch ein zweiter Verwalter auf das Dominium käme? Möchte mir submissest erlauben davon abzuraten. Hat doch einmal der Generalissimus Wallenstein, als man ihm den Tilly an die Seite stellen wollt', Seiner kaiserlichen Majestät in einer Relation geschrieben, zwei Hahnen auf einem Misthaufen vertrügen sich nicht gut.«

Der Graf lachte. »So mein' ich's nicht. Aber ich denke, Euch könnte eine tüchtige Hausfrau hierher taugen. Dann wär' auch ich die Sorge quitt, daß Ihr nimmer hin und her irrlichtelieret wie dazumal in währendem Kriege, vielmehr Euch auf meinem Grund und Boden dauernd seßhaft machet.«

Die braunen Wangen Melanders färbten sich noch tiefer. Der Graf sah ihn forschend an:

»Solltet Ihr nicht am Ende gar schon eine amouröse Person im Auge haben, die Euch als Eheliebste genehm wäre?« 150

Melander schüttelte den Kopf: »Vermein', ich bin schon zu hoch an Jahren für derlei gefährliches Experiment, Herr Graf.«

Aber Herbert von Birckenfeld bestritt das aufs lebhafteste und wußte eine Reihe von Beispielen anzuführen, die seine Meinung stützen sollten. Dann erhob er sich und schüttelte dem alten Kameraden die Hand:

»Wie gesagt, mein lieber Melander: Ihr dürfet dreist darauf rechnen, daß ich Euch in jeder Art behilflich sein will. Mein Sekretarius wird seine Ordres erhalten und ist Euch ebenso gewogen wie ich. Und heute abends sehen wir uns droben auf der Burg, wo wir einst fröhliche Kinderzeiten verlebt haben. Inzwischen gehabt Euch wohl!«

Das Rößlein, das den Grafen wieder zu seiner Gesellschaft trug, schlug einen so leichten und fröhlichen Trab an, daß man wohl erkennen mochte, wie seinem Reiter leicht und fröhlich zumut war; desto nachdenklicher war Herr Melander geworden. Er kehrte in sein spartanisches Zimmer zurück und studierte lange, in Sinnen verloren, das Bild oberhalb seines Bettes; dann seufzte er, nahm es sorgfältig von der Wand und legte es in die Tischlade.

Ein kleiner Spiegel lag daneben; den nahm er zur Hand und musterte darin sein eigenes wettergebräuntes Gesicht. Nun ja, es gab da in den Augenwinkeln gewisse kleine scharfe Falten; das Haar lockte sich nimmer und war stellenweise grau, auch den Knebelbart durchzogen silberne Fäden; aber die Augen blickten scharf und sicher in die Welt und 151 kündeten den festen Willen, ein spätes Glück festzuhalten, wenn es sich ihm bieten sollte.

Wenn . . . Ja . . . wenn . . .

Er legte den Spiegel wieder in die Lade und betrachtete noch einmal das Frauenbild; aber da schwand der Ausdruck von Zuversicht aus seinen Mienen, er lächelte trübe, wie wenn die Allerseelensonne auf den vergilbten Wald scheint, und als er die Lade zuschob, blickte sein Auge so traurig drein, als hätte er eben einen lieben Toten begraben.

Droben auf der Ruine herrschte seit den ersten Nachmittagstunden ein buntes und geräuschvolles Getriebe.

Fortunato, der Dichter des süßesten Schäferspieles, das je den Groll Hans Jakob Christoffels erregt hatte, führte die Regie und leitete mit Umsicht und Gewandtheit die großen Vorbereitungen.

An der Schmalseite des großen inneren Hofes war die Bühne; mit dem stimmungsvollen Hintergrunde der verblassenden Fresken, den zerbröckelten Mauern, dem wild wachsenden Gestrüpp und den wilden Rosen, die sich um das Trümmerwerk rankten, wirkte der Raum wie ein eigens zum Zweck geschaffenes Naturtheater. Zwischen den großen Holunderbüschen waren verhangene Lauben errichtet, wo sich die Darsteller ankleiden konnten; das lustige Völkchen der Musiker lagerte auf einem breiten Teppich und stimmte die Instrumente; die Viola d'amour, die Gamben, Zinken und Hörner gaben kurze, schwirrende Laute, mit der Baßgeige war ein kleines, buckliges Männchen verwachsen, das 152 unaufhörlich in leisen, zärtlichen Strichen den kurzen Bogen über die Saiten zog. Bengalische Flammen für die große Schlußapotheose wurden vorbereitet, zwei scharlachrot gekleidete Herolde standen zu beiden Seiten der Bühne, mit blumenumwundenen Fackelhaltern in den weißbehandschuhten Händen; Harzpfannen und Feuerbecken waren da und dort zwischen den Gebüschen verteilt, um bei Anbruch der Dunkelheit angezündet zu werden. Aus den Lauben flatterte silbernes Gelächter auf, die Damen unterhielten sich prächtig, und Fortunato lief mit wichtiger Miene und einer Stirne voll Schweißtröpflein hin und her, während der Magister Holtzapfel langsam und würdevoll herumstelzte und bald bei den Musikern, bald auf der Bühne den Künstlern im Wege stand.

Der große Innenraum des Hofes aber füllte sich schon langsam mit Zuschauern. Das ganze Dorf war auf den Beinen und genoß das unerhörte Ereignis. Bescheiden an die Wände gelehnt, im Grase gelagert in respektvoller Entfernung von der Bühne, auf dem Rande der Mauern sitzend, machten Alte und Junge die gleichen erwartungsfrohen Gesichter; die kleinen Buben hockten auf den Ästen der Bäume, auf dem Dach der Gärtnerwohnung, überall, wo Platz für zwei nackte braune Beinchen war. Das tuschelte und flüsterte und lachte breit und verlegen, die Weiber hatten helle Kopftücher in bunten Farben umgebunden, dem Fest zu Ehren, bogen die Hälse hin und her und erröteten, wenn der Blick eines Fremden sie traf; der ganze Hof sah aus wie ein windbewegtes Blumenbeet. 153

Und je tiefer die Sonne sank, desto mehr Menschen kamen, bis endlich alles dicht gedrängt saß, stand, lag und hockte und das Lachen und Plaudern in ein leises dumpfes Gemurmel überging; denn nach Eintritt der Dämmerung sollte das Spiel seinen Anfang nehmen, so hatte der Sekretarius verkündet und um geziemendes Verhalten und größte Ruhe gebeten.

Doris und Melander standen im Hintergrund bei dem Schlehenbäumchen vor ihrem Kammerfenster; sie trug noch das weiße Festkleid, ein billiges Fähnchen, das ihre kräftige, feste Gestalt zart und duftig umfloß; der Baum verbarg sie fast vor den Blicken der andern, während sie selbst den ganzen tiefer gelegenen Hof übersehen konnten.

»Wie eifrig Großvater mit dem fremden Hauptmann parliert. Was sich die zwei nur immer erzählen mögen?«

»Sind wohl beide Seefahrer auf dem Meer des Lebens«, meinte Melander nach einer nachdenklichen Pause. »Wenn solche Menschen zusammenkommen, tauschen sie aus, was sie Kurioses gesehen und erlebt . . . Was mich angeht – ich bin der Reise müde.«

»Oh, Ihr alter, gebrechlicher Mann! Denkt Ihr etwa schon im Hafen zu sein?« fragte sie schalkhaft lächelnd. »Da weiß ich manchen, den hat die Reiselust just erst in grauen Jahren so recht gepackt.«

»Mich packt sie nimmer. Es muß wohl im Boden der Heimat solch eine wunderbare Kraft liegen wie 154 im Magnetstein, so das Eisen an sich zieht und nimmer losläßt.«

Doris schwieg und zupfte ein Blättchen vom Schlehenbaum.

»Der Herr Graf scheint Euch sehr zu ästimieren«, bemerkte sie endlich. »Er hat zu Großvater gesagt, keinen besseren Verwalter hätte er auf sein Gut setzen können als just den Herrn Melander zu Geislingen.«

Da wurde er gar froh und berichtete, wie er dem Grafen allerhand Vorschläge zu neuen Anstalten gemacht und Beifall gefunden hätte: eine Fruchtscheune müßte gebaut werden, und wenn die Ernte gut ausfiele, so könnte man eine große Geflügelzucht anlegen, an der Ostseite des Meierhofes, dort sei ein sehr günstiger Platz. Und sie sprachen voll Eifer und Interesse und merkten kaum, wie es dunkel ward und drunten die Diener schon die Pechpfannen anzündeten, deren weißer Dampf durch die Zweige emporstieg wie bei einem Brandopfer.

»Und noch etwas hat der Herr Graf im Sinn, denkt Euch, Demoiselle: er meinte, es sei von Übel für einen tüchtigen Verwalter, so er alles allein besorgen müßte.«

»Wie ist das zu verstehen?«

»Nun, kurz gesagt: eine Eheliebste soll ich mir suchen.«

»So gehet hin und suchet«, neckte Doris. »Gibt's doch so viele Jungfräulein im Land.«

»Ihr spottet meiner«, sagte er traurig. »Wißt Ihr doch gar wohl, daß der Sinn der Mägdlein nach jüngeren Freiern steht als ich bin.« 155

»Was ein richtiger Mann ist, ist niemals zu alt. Aber die Sache wird wohl die sein, daß Ihr schon längst ein Frauenbild im Herzen traget.«

Er staunte: »Woher könnt Ihr wissen . . .«

»Frauenblick ist scharf. Ist es so wie ich sage, oder nicht?«

»Es ist so,« gab er zögernd zu, »doch sollt' ich besser sagen: es war so. Ja, ich habe ein Bild mit mir getragen, lange, lange Jahre; doch nun ist es verblaßt und entschwunden gleich den Trugbildern in der Wüste, die man Fatamorgana nennet. Und da ich nun weiß, daß es mir verloren ist für immer: soll ich ihm zeitlebens nachtrauern?«

Sie legte den Finger an den Mund:

»Horchet!«

Eine leise Musik stieg empor, schwoll an, füllte den ganzen Hof mit lieblichen Melodien und die Herzen der Lauschenden mit verhaltener Sehnsucht.

War es der Zauber der Töne, der sie näher zusammenzwang? Oder das Fremdartige des ganzen Anblicks, der sich ihnen bot – die roten Flammen der brennenden Feuerbecken, das Spiel des Lichtes auf den windbewegten Blättern, die langen rötlichen Strahlenbündel, die an den morschen Mauern emporschossen, der unbeschreibliche Duft der lauen Sommernacht . . . ihre Hände suchten und fanden sich, flochten sich ineinander, zuckten noch ein paarmal und wurden ganz warm und ganz still.

Ein kluges Wort aus der Zeit der alten Römer sagt, daß es nicht dasselbe ist, wenn zwei das Gleiche tun – und hier bestätigte sich aufs neue seine Wahrheit. 156

Denn wenn eine Doris Thurneisser ihre Finger so fest um eines fremden Mannes Hand legte wie es jetzt geschah, so lag solchem Tun eine viel tiefere Bedeutung zugrunde als wenn irgend eine von den Damen da unten, die jetzt unter Kichern und Lachen ihre letzten Vorbereitungen zur Komödie trafen, die gepflegte Hand ihres Kavaliers umfangen hielt; und wenn nun Herr Melander, mit ungeschickter, zögernder Bewegung, den rechten Arm leicht um die runde Hüfte des Mädchens bog und ihn ruhig und vertrauensvoll dort liegen lassen durfte, so war auch das eine symbolische Handlung.

Denn so ergriff er endlich Besitz von einem Wesen, in dem er alles Tiefe und Schöne und Lebenzeugende der geliebten Scholle gleichsam vereinigt sah.

Sie neigte das Haupt und wandte sich zur Seite – ein wenig nur, aber er sah doch das tiefe Rot in ihre Wangen steigen, er fühlte mit seligem Finger das leise Zittern, das durch ihren Leib ging wie durch den Stamm eines Baumes, wenn ihn tief unten in der Wurzelnähe die Axt trifft.

Und er sah um sich und erkannte in blitzartiger Klarheit die Stelle, wo sie standen. Ja, hier hatte er damals, am Morgen nach seiner Ankunft, mit beutegierigen Händen nach ihr gegriffen – und nichts war ihm damals geworden als Haß und Verachtung. Und hier war sie gestanden in jener Nacht, da er den fremden Spion töten wollte, ein sanftes Weib voll Mitleid und Güte, das ein Menschenleben vor blutigem Wahn gerettet, einer milden Gottheit gleich, den Tau der Nacht zu ihren Füßen, flimmernde 157 Sternenkronen ob dem Haupte, ein stilles Licht für ihn, der einsam war; und heute war Haß und Mitleid in Liebe gewandelt, und ein Herz fiel ihm zu, in einem großen, wunderbaren Sichverschenken, das er kaum noch begriff.

Ein scharfer Trompetenstoß weckte ihn auf aus seiner seligen Versunkenheit.

Die Flammen vor der Bühne leuchteten heller, die scharlachroten Herolde standen still wie Statuen und hielten ihre blumengeschmückten Fackeln in die Luft, und Fortunato, in der schwarzen Samttracht eines venezianischen Nobile, trat vor und verkündete dem atemlos lauschenden Publikum in einem gereimten Prolog, daß nun das Schäferspiel beginne. 158

 


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