Egid Filek
Die wundersame Wandlung des Herrn Melander
Egid Filek

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III.

Es war die Zeit der Tag- und Nachtgleiche des Frühlings.

Der Sturm rüttelte an den kleinen vergitterten Fenstern des Gärtnerhäuschens und warf wie mit mutwilligen Bubenhänden Schnee gegen die Scheiben – einen weichen, nassen, klebrigen Schnee, den letzten des Jahres.

Der kleine eiserne Ofen, dessen Rohr in rechtem Winkel beim Fenster hinausging, spuckte Funken. Neben ihm stand ein roh gezimmerter Tisch, bedeckt mit einem Wust von Büchern und Papieren, aus dem sich sonderbar genug ein prächtiger fünfarmiger Leuchter von Silber emporhob – eines der wenigen Geräte, die man wahllos aus Brand und Plünderung gerettet. Und über die Bücher mit den langen Reihen von Zahlen und Notizen beugte sich das nachdenkliche Gesicht Herrn Melanders.

Erst gestern war er aus Passau zurückgekommen, wo er alle Hände voll zu tun gehabt hatte. Es galt allerhand Geräte für die Wirtschaft einzukaufen, Werkzeuge und Sämereien zu bestellen, und vor allem das Eine und Nötigste zu beschaffen, ohne das aus dieser erwerbsgierigen Welt nun einmal keine Leistung vollbracht werden kann: Geld!

Die Einkäufe waren besorgt, die Bestellungen zu 42 Melanders Zufriedenheit geordnet, nur die Aufnahme einer größeren Geldsumme stieß auf harte Schwierigkeiten. Das Geld war teuer, und bei der Unsicherheit der Zeiten wagte niemand, das Gut Eggenfeld zu belehnen. Endlich fanden sich doch zwei jüdische Makler, die versprachen, in der nächsten Zeit herauszukommen und die Domäne abzuschätzen.

Das alles berichtete nun Herr Melander an den Magister Holtzapfel, den Sekretär des Grafen, in einem wohlgesetzten Brief, und es war für seine des Schreibens lange entwöhnten Finger keine kleine Arbeit, die Epistel aufzusetzen, säuberlich abzuschreiben und zierlich mit all den modischen französischen Brocken zu schmücken, die der Briefstil verlangte.

Es war gut, daß die zeitliche Habe des Grafen Birckenfeld noch aus einer Anzahl anderer Güter bestand, die mehr trugen als das verkommene Eggenfeld; auch ging die Rede, daß er sich bei der großen Münzverschlechterung unter Kaiser Ferdinand, die dem finsteren Albrecht von Wallenstein so viel Geld einbrachte, ebenfalls durch Kipper- und Wippergeschäfte ein schönes Vermögen gemacht; sonst wäre es ihm wohl nicht möglich gewesen, am Kaiserhof in Wien als feiner Kavalier aufzutreten inmitten des bunten Reigens fremder Abenteurer, den der Habsburger um sich zu versammeln liebte.

Aber die Sorge um Wirtschaftsgeräte und Geldbeschaffung war nicht der einzige Anlaß, der Herrn Melander in die Stadt geführt hatte.

Ein neuer Windstoß warf sich gegen das Fenster, 43 als peitsche jemand mit einer Rute gegen den Laden, und das Aufkreischen der verrosteten Angeln klang wie ein Schmerzenslaut.

»Der Frühling kommt im Sturm«, sagte Herr Melander vor sich hin und erhob sich vom Sessel.

Ihm war, als stünde auch er in seines Lebens Tag- und Nachtgleiche, nur daß es bei ihm dem Herbst entgegenging.

Aber wie es im Herbst oft wunderbar klare Tage gibt mit blauem Himmel und warmer Luft, die ein Trugbild des Frühlings vorgaukeln und im Waldesgrund die Veilchen zur zweiten Blüte erwecken, so spannte sich in seiner Seele leise eine feine, hohe Brücke über Jahre voll von Abenteuern und blutigen Kriegserlebnissen hinüber in die Zeit seiner Jugend.

Sie hatten gegeben und genommen, die Jahre, die sein Leben waren – Ruhm und Ehren und rotes Gold, Selbstgefühl und kriegerischen Stolz; dann waren Krankheit und Mißmut und Entbehrungen gekommen und hatten ihn tief gedemütigt; aber irgendwo in seinem Innern, wo es ganz warm und ganz dunkel war, dort hatte die Zeit ihre Macht verloren; dort saß das Kind, das träumende, spielende, eigenwillige Kind, das in jedem Mann verborgen ist.

Auch ihm, der einsam, ohne Verwandte und Freunde in der Welt stand, hatte die Sonne einer langen und glücklichen Kindheit geschienen. Frei und ungehindert durfte er durch die Felder streifen, im Walde unter brausenden, hohen Baumriesen liegen, 44 Schmetterlinge fangen und Vogelnester ausnehmen, mit der Armbrust auf Eichhörnchen- und Kaninchenjagd gehen – vom Morgen bis zum Abend konnte er ausbleiben, niemand hinderte ihn im Genuß seiner köstlichen Knabenfreiheit, jener wilden Seligkeit der schäumenden Jugend.

Aus dem unklaren Wirrsal nebelhafter Erinnerungen hob sich eine empor, schärfer und deutlicher als alle anderen; eines jener Bilder, die unser ganzes Leben bis ins Alter hinein wie ein ewiges Licht durchleuchten, weil sie mit der eigenen Entwicklung unauflöslich verbunden sind.

Er hatte mit dem gräflichen Junker einen ganzen heißen Sommertag hindurch das Tal des Rottflusses durchstreift. Frühmorgens waren sie mit wohlgefüllten Provianttaschen aufgebrochen, hatten den Knechten zugesehen, wie sie die Pferde zur Schwemme führten, dann ein wenig geangelt, an sandiger Stelle sich im Bade erfrischt, und ein altes Boot gefunden, mit dem sie eine Strecke stromabwärts fuhren. Wie köstlich war es, nach der Mittagsmahlzeit lang hingestreckt im Schatten der hohen Bäume zu liegen, das Rauschen des Flusses im Ohr, die Augen in den blauen Himmel gebohrt, der sich wie eine Riesenglocke über ihnen wölbte! Und erst die Stunde zwischen Tag und Abend, wo Dinge und Gedanken sich dämmernd verhüllen und heimliche Sehnsucht aufsteigt, die vor dem Licht des Tages scheu zurückweicht . . . Sie saßen am Ufer des braunen Gewässers und sahen schweigend zu, wie am Rande des Himmels das Licht verblutete und Nebelschleier sich von der Wiese hoben; da schimmerte es 45 weiß durch die Büsche, und hart vor ihnen, die mit hochklopfender Brust den Atem anhielten, schritt ein Mädchen, ein halbes Kind noch, langsam über den Waldboden, dem Wasser zu . . . Die Frauen auf den bunten, leichtsinnigen Freskogemälden in der Halle des Schlosses waren schön und lockten mit dunklen Augen und verheißender Gebärde, aber schöner und lieblicher hob sich die helle Gestalt von dem dunklen Grün der Bäume und dem braunen Flusse ab; das Rehwild, das sie oft am späten Abend belauschten, wenn es zur Tränke ging, tanzte gar schlank und zierlich über den Moosboden hin, aber zarter noch waren diese schmalen, feingefesselten Füße, die zögernd und scheu in die lauen Wellen hineinschritten. Der keusche Leib leuchtete von innen heraus wie eine weiße Flamme, und flammengleich fuhr die erste Offenbarung der Schönheit in die Seelen der Lauschenden und setzte tausend unklare Wünsche in Brand, die ihre phantastische Knabensehnsucht seit Jahren aufgehäuft hatte wie Reisig und dürres Laub. Und es war merkwürdig zu schauen, wie anders jenes Zeichen auf jeden der beiden wirkte. Der junge Melander beugte das Knie in scheuer, wunschloser Verehrung der Schönheit; Herbert von Birckenfeld aber, um einige Jahre älter und reifer, starrte ihr nach mit trotzig begehrenden Herrenblicken, und seine Finger krümmten sich, als wollte er sie greifen und seinem Willen zwingen.

Das Waldwunder fand allerdings bald seine natürliche Erklärung. Es hieß Belinda und war das halbflügge Töchterchen eines jener verarmten 46 Adeligen, wie sie damals mit wenig Habe und viel Hochmut von einem Hof zum andern zogen, wo sie Vorräte in Küche und Keller witterten, von vornehmen Standesgenossen ungern gesehen und vom Volke verächtlich Krippenreiter und Misthammel gescholten. Belindas Vater war mit dem Kinde auf einem Nachbargut zu Gaste – die Mutter war, überdrüssig des heimatlosen Elends und vor schmerzlicher Sehnsucht nach vergangenen besseren Zeiten, vor einem Jahre gestorben – und da war es dem raschen Mädchen, das etwas von dem Zigeunerblut des Vaters in sich hatte, eingefallen, sich vom Gängelbande loszureißen und nach Lust und Laune den Wald zu durchstreifen, indes der Vater in des Vetters kühler Trinkstube hinter einem Bierhumpen saß.

Herr Melander blickte in die müden Kerzenflammen. Langsam wanderten seine Erinnerungen weiter. Es war ein halbes Jahr nach jener Erscheinung im Walde; er sah die große Halle der Schützengilde in Passau, sah festlich geschmückte Paare sich drehen im fröhlichen Reigen, hörte Geigenklang und Tanzmusik und das Jauchzen leichtsinniger Lebenslust; die Schützengilde lud Freunde und Bekannte zu Kurzweil und Tanz, und obgleich die Feinde im Anmarsch auf die Stadt waren, wollten die Bürger erst recht in toller Lust die Freuden der Stunde genießen. Und er sah das süße Ding, in das er sich verliebt hatte mit dem ganzen Ungestüm brausender Jugend, in den Armen des gräflichen Junkers, der ihr galante Worte ins Ohr flüsterte und sie im Tanze umschlang, als sei sie schon sein Eigen. Das war nicht mehr der 47 wilde Bursch mit dem flatternden Lockenhaar und den sonngebräunten Wangen, der in brüderlicher Gemeinsamkeit mit ihm durch die Fluren streifte und in Holzknechthütten schlief; das war der junge gnädige Herr, durch eine weite Kluft getrennt von dem namenlosen Haufen der Niedriggeborenen, und er . . . nun, er war eben der Verwalterssohn, ein Spielzeug für den vornehmen Jüngling, eine Zeitlang geliebt und benützt und dann beiseite gelegt wie jedes andere Spielzeug. Schon sprach ihn Herbert von Birckenfeld nicht mehr mit dem vertraulichen Du an; schon vermied er es, mit ihm allein zu sein, und legte in alles, was er sprach, den heimlichen Unterton der Herablassung – oh, es gab tausend Texte für die eine Melodie: ich bin der Herr, du bist mein Knecht!

Und sie?

Mein Gott: ein junges lebens- und liebesdurstiges Mädel, dem die Artigkeiten des glänzenden Kavaliers besser gefallen mochten als die einfältige Rede des Bürgersohnes . . .

Grollend hielt er sich von den beiden entfernt und verzehrte sich vor Eifersucht.

Belinda war von ihrem Vater, der immer näher drohenden Kriegsgefahr wegen, bei einer Verwandten in Passau zurückgelassen worden, während der Alte seine Fortune bei den Kaiserlichen suchte, die noch knapp vor den Feinden die Stadt besetzen konnten. Alles junge Mannsvolk der Umgebung wurde eingezogen, sie zu verteidigen, und so bekam denn auch Herr Melander zu Geislingen eine Muskete in die Hand gedrückt und einen Platz auf der Stadtmauer 48 angewiesen, von dem man just nach dem Fenster der Muhme Anna Dorothea sehen konnte.

Der junge Graf Herbert von Birckenfeld war indessen mit seinem Vater nach Wien gereist, wo sie einflußreiche Verwandte am Kaiserhof hatten.

Passau glich einem Kriegslager. In hellen Haufen suchte das Landvolk der Umgebung hinter den Wällen vor dem andringenden Feinde Schutz. Die Häuser waren bis unter das Dach voll von Menschen, in den Straßen kampierten die Kaiserlichen unter freiem Himmel, mächtige Feuer loderten auf allen Stadtplätzen, Singen, Johlen, Becherklirren und rohes Gelächter tönte die ganze Nacht hindurch.

Und mitten in dem tollen Treiben träumten zwei junge Menschenkinder den Traum der ersten Liebe.

Einsam und schutzbedürftig, sog sie die scheue Huldigung Melanders ein wie den Duft einer herben Blume; und er sprach zu ihr von Heldentaten, die er vollbringen wollte da draußen in der großen, weiten Welt, wenn es einst gegen den Feind ging; er riß mit seinen Worten die Tore einer glänzenden Zukunft auf, sah sich als einen Fürsten von des Krieges Gnaden; er sprach, wie sie damals alle sprachen, die der blutige Rausch über ihr eigenes kleines Ich zu Helden emporhob.

Das wußte er jetzt schon, daß er es nicht lange aushalten würde auf der hohen Schule zu Ingolstadt.

Sie aber ließ sich tragen von den Wellen seiner Begeisterung, und vor der Gestalt des nahen Freundes verblaßte die Erinnerung an den glänzenden Kavalier. 49

Es gab einen wunderschönen geschnitzten Kirchenstuhl in dem alten Dom, da saß sich's still und heimelig, und man konnte Hand in Hand recht nah' beisammen sein und stand unter dem gnädigen Schutz der heiligen Jungfrau mit dem roten, goldgesäumten Mantel und dem tiefblauen Unterkleid; sie lächelte freundlich durch die Kirchenstille, und vom Hochaltar her streckte der Heiland segnend die Hand herüber. Wie aus weiten Fernen klang von draußen das Kreischen der Troßweiber und Trompetenton der Kürassiere. Und von der brennenden Kerze vor der heiligen Jungfrau tropfte das Wachs herab wie Tränen.

Dann kam der Tag des Scheidens.

Hand in Hand wanderten sie durch die lieben, alten Gassen, stiegen hinauf zur Bergfestung Oberhaus und blickten rundum in die Weite, die leuchtend und verheißungsvoll vor ihnen lag.

»Ach,« klagte sie, »und wenn du da draußen gefunden hast, wonach du dich sehnst, wirst du mich vergessen.«

»Niemals«, sagte er und küßte ihren heißen, roten Mund; und sie standen lange droben im Abendlicht, eng umschlungen – die Gipfel der Salzburger Alpen erglühten in Purpur, und das Rauschen des Wassers zu ihren Füßen ward stärker und wehmütiger. Sie flochten ihre Finger ineinander und sagten sich Lebewohl – keines von ihnen ahnte, daß es ein Abschied für immer war.

Ein paar Briefe flogen noch hin und her, Boten brachten Grüße und Nachrichten, dann schlugen die 50 Wogen des Krieges über Melander zusammen, er mußte mit seinen Soldaten nach Westen, in die Pfalz – und alle die wunderschönen Lustschlösser einer glücklichen Zukunft lösten sich auf in Dunst und Nebel.

Träume, Schwüre, Versprechungen – sie halten dem heißen Leben nicht stand.

Vielleicht wird nach Jahren die Erinnerung ihr mildes Licht über jene Jugendliebe ausgießen, dem Mondlicht gleich, unwirklich, kühl und trügerisch.

Vielleicht wird Belinda eines schlichten Mannes pflichtgetreue Gattin und Mutter seiner Kinder.

Vielleicht ist sie längst der grauenvollen Pest zum Opfer gefallen, die im Gefolge der Heere durchs Land zieht.

So oder so: für ihn ist sie verloren.

Und dieses war der zweite, heimliche Grund, aus welchem Herr Melander gestern nach Passau geritten war: er hatte sich's nicht versagen können, wiederum die alte Feste Oberhaus zu erklimmen und nach den Felszacken der Salzburger Alpen zu spähen, als sollte ihm von dorther irgend eine Offenbarung werden – aber stolz und einsam standen die Berge und zogen ihren Schneemantel fester um die Schultern, und tief unten sangen die drei Gewässer noch immer ihr altes Rauschelied, die grüngelbe Donau, die dunkle Ilz und der weißlichgraue, eilig dahinschießende Inn. Dann war er in den Dom gegangen und hatte den Schauplatz seiner jungen Liebe gesucht; noch stand die heilige Jungfrau da in blauen und roten Gewändern mit goldenem Saum, aber ihr Lächeln ging über ihn 51 hinweg in den leeren Kirchenraum, als wollte sie nichts von ihm wissen; noch streckte der Heiland segnend die Hand, doch sein Blick war streng und ernst und seine traurigen Augen schienen zu fragen: was hast du getan mit dem Leben, das ich dir gab, du armseliger Mensch?

Und endlich hatte sich Herr Melander einen Ruck gegeben und in der alten, wohlbekannten Straße, wo einst die Muhme Anna Dorothea gewohnt, nach den Verschollenen gefragt.

Aber niemand konnte ihm Auskunft geben. Wer kümmerte sich in Kriegszeiten und in einer Stadt, die jahrelang der Tummelplatz fremder Heere war, um das Schicksal einer geringen Landedelmannstochter? Endlich erfuhr er von einem alten, halbtauben Schuster, der seit seinen Kindertagen in der Straße wohnte, daß die beiden Frauen, denen er manchmal Schuhwerk geliefert, vor etwa fünf oder sechs Jahren in einem Reisewagen in der Richtung gegen Salzburg abgereist wären.

Melander stützte den Kopf in die Hand und grübelte. Wenn er damals nicht eingetreten wäre in die große Armada, sondern als Landwirt ein friedliches und mäßiges Lebenslos gesponnen hätte, wie es der Vater gewünscht: wäre er dann glücklich geworden – mit ihr?

Er wußte keine Antwort auf die bange Frage.

Und so gedachte er ihrer, wie man einer Toten gedenkt: die Erinnerung webt farbige Blumen um das Bild, aber sie senken die Köpfchen und duften nach Verwesung wie die Kränze, mit denen man 52 einen Grabhügel schmückt, am Tage nach dem Begräbnis.

Er selbst aber: er kam sich so alt vor, alt und müde und unnütz. Es war wohl sein Schicksal, hier auf der Heimatscholle seinen Tag zu beschließen, wie Staub zum Staube zurückkehrt.

Sein Blick haftete an einem Ring mit einem grünen Stein, den er am Finger trug. Es war ein Malachit, derart gefaßt, daß der Stein die Haut berührte; und mit einemmal stand die Gestalt des geheimnisvollen Mathematikus vor ihm, der ihm einst im Lager vor Regensburg das Horoskop gestellt und den Ring gegeben hatte, dessen Zauber wirksam war gegen Dolchstich und Gift. Ein kleines mageres Männlein war's gewesen, das einen schwarzen Samtrock und Strümpfe und Schuhe aus schwarzer Seide mit großen Rosetten trug; Spitzenmanschetten hingen lang und faltig vom Saum seiner Ärmel hinab und verbargen fast die kleinen, schmalen, gelblichen Hände. In seinem Zelt, das mit sonderbaren, blitzenden Instrumenten, ausgestopften Vögeln, Retorten und Zeichnungen gefüllt war, empfing er gleich einem Fürsten. Und erst nach stundenlangem Warten kam Herr Melander an die Reihe. »Ich soll Euch das Horoskop stellen?«, sagte der Mathematikus mit dünner Stimme und griff nach seiner Hand. »Verzeiht, die magnetischen Kräfte sind gestört, dieweil ich schon müde bin«, und er ging zu einem großen Hufeisen, das an der Türe hing, strich seine Handflächen ein paarmal daran und kam wieder zurück. »Ja, ja,« flüsterte er und fuhr mit dem 53 Zeigefinger über die Stirn, »Ihr seid geboren im Zeichen der Fische, und ein solcher Mensch hat sein Glück als Kriegsmann, aber er soll sich hüten vor dem Frauenzimmer – da seht her, die Liebesfurche ist durchkreuzt von der Linie des Unglücks.« »Ach, was soll mir das Frauenzimmer,« murrte Herr Melander, »sagt mir lieber ein anderes: ist mir gesetzt, im Felde zu sterben oder nicht? Das will ich wissen, auf daß ich mein Leben darnach richte.« Der Mathematikus betrachtete lange seine Hand und sprach: »Es gibt eine Stelle im Monde, heißet mare oblivionis, das ist zu deutsch das Meer des Vergessens, da ist alles, was je auf der Welt geschah, aufbewahrt bis zum Jüngsten Tage; und ein anderer Ort ist crater Empedoclis benannt, da liegen die Dinge und Geschehnisse der Zukunft. So nun einer die Macht hat, die das Siegel Salomonis verleiht, so kann er die Dinge der Vergangenheit zitieren und auch die Ereignisse der Zukunft. Ich besitze diese Macht nicht, die hat nur Adonai, der Sohn der Sternenstrahlen, aber soviel habe ich erkannt: Ihr werdet nicht auf dem Schlachtfelde dahinfahren und nicht im Kriege, sondern auf der Erde der Heimat; und ebenso wird Euch der Tod nicht plötzlich kommen, sondern eine Mahnung senden, die nicht übersehen werden kann.« »Und wann wird das geschehen?« »Wenn Ihr Euch hütet vor ungetreuen Weibern und langen Nächten, vor falschen Freunden und Gift: so läuft die Linie Eures Lebens bis ins Alter, das steht hier ganz deutlich zu lesen. Und zum Schutze vor den genannten Gefahren dient Euch dieser grüne Stein, doch müsset 54 Ihr ihn dermaßen tragen, daß er stets Euren Leib berührt. Das ist alles, was meine arme Kunst Euch prophezeien kann; möge es Eurem Wissensdurst genügen.«

Da hatte Herr Melander sich bei dem Mathematikus wohl bedankt und ihm tags darauf aus seinen Beutestücken eine goldene Kette überreichen lassen.

Und nun saß er da und fand, daß bisher alles richtig eingetroffen war, was der Alte gesagt hatte; aber eine tiefe Traurigkeit ergriff sein Herz, und er meinte nicht anders, als daß jetzt auch das letzte geschehen müsse und der dunkle Bote vielleicht schon auf der Schwelle stand, ihn mitzunehmen in das unbekannte Land.

Da klopfte es an seine Tür. Und in jähem Schreck fuhr er zusammen und fühlte, wie die Zähne gegen seinen Willen aufeinanderschlugen und sein Haar sich sträubte.

War das ein Gruß aus dem Jenseits?

Das Klopfen wiederholte sich. Laut, scharf, ungeduldig.

Nein – so klopft der Tod nicht . . . so nicht!

Er schüttelte das Grauen ab und ging zur Türe, um zu öffnen.

Doris stand auf der Schwelle. Leuchtend hob sich die helle Gestalt von dem dunklen Viereck der Türöffnung. Schneeflocken hingen in ihrem blonden Haar und die Augen glänzten.

»Habt Ihr etwa schon geschlafen, Herr Melander?« 55

Er verneinte unsicher und wollte ihr einen Stuhl anbieten. Sie wehrte ab:

»Hab' nit Zeit. Wollte Euch nur eine höfliche Invitation von Großvater bringen, ob Ihr uns ein wenig Gesellschaft leisten wollt.«

Und sie flog davon wie eine weiße Flocke, getrieben vom Sturmwind.

Melander mußte lächeln, so trüb ihm auch zu Mute war. Natürlich wollte er – ach, und wie gern . . .

Er staunte, als er das niedrige Gemach betrat.

Der kleine Tisch war gar freundlich gedeckt, eine Schüssel mit Backwerk stand da, eine bescheidene Weinflasche streckte ihren dünnen Hals und drei Gläser blitzten im Schein der Kerzenflammen; in einer kleinen Schale dufteten dunkelblaue Veilchen. Was ihm indessen ganz besonders auffiel, war eine schöne, vergoldete Harfe, die er noch niemals gesehen. Sie stand neben Thurneissers Lehnstuhl und gab verträumten Klang, wenn der Alte mit zärtlichen Fingern über die Saiten strich.

Und draußen heulte der Wind noch immer und jagte die Wolkenfetzen in wilder Flucht über den nächtlichen Himmel.

War es nicht, als säße man in der Kajüte eines Schiffes bei festlichen Lichtern, während die Wellen an die bretternen Wände schlugen und der Sturm droben in den Segeln donnerte?

»Ja, es ist ein kleines Fest, das wir heute feiern«, sagte Doris als Antwort auf Melanders fragenden Blick und goß Wein in die Gläser. »Großvater wird 56 siebzig Jahre alt, und so hab' ich im Dorf bei den Bauern ein wenig Mehl zusammengebettelt für Backwerk . . .«

Und sie saßen beieinander, froh und behaglich, und genossen das kleine Glück, das aus so bescheidenen Steinen gebaut war – das stille Glück des Alltags.

Thurneisser, dem festlichen Abend zu Ehren, war gesprächiger als sonst.

Von seiner Jugend erzählte er, von einem unsteten Wanderleben, das ihn nach Rom, nach Mailand, nach München und an den Habsburgerhof nach Wien geführt hatte. Noch lange vor dem Kriege war's gewesen, da begleitete er einen jungen Adeligen auf seiner Kavalierstour, selbst noch jung und durstig nach den tausend Schönheiten des Lebens. Und sie kamen in das glückliche Land, das nichts wußte von den Schrecken der großen, grauenvollen Schlachten, in die ewige Stadt Rom, die damals noch vom Nachruhm ihrer großen Künstler erfüllt war. Aber neben Baukunst und Malerei hatte eine neue und hochgefeierte Muse ihr Haupt erhoben: die Musik. Und inmitten zahlreicher Bewunderer und Jünger aus allen Ländern Europas saß auch der blutjunge Thurneisser zu den Füßen jenes wunderbaren Greises, dessen Harmonien, wie sie sagten, die Hörer nach dem himmlischen Jerusalem entrückten: Palestrina.

Und selbstvergessen griff er mit den mageren Fingern in die Saiten der Harfe und spielte eine der gewaltigen Melodien aus dem Stabat mater.

Schweigend in ihren Stuhl zurückgelehnt, mit 57 über dem Knie gefalteten Händen, hörte Doris zu, und ihre Augen wurden feucht.

Und schweigend saß auch Melander zu Geislingen und wußte nicht wie ihm geschah.

Er verstand nichts von der Kunst der Musik. Die wilden Kriegslieder seiner Soldaten, den Lobgesang auf die Heldentaten des Generals Pappenheim und manches Rattenfängerlied, das roh und schamlos plumpe Liebesfreuden besang: er hatte sie mitgebrummt im Chorus, und Beifall gebrüllt mit den anderen, wenn der derbe Endreim immer wiederkehrte.

Wie ein Grüßen aus fremder Welt aber schien ihm, was da aus den glänzenden Saiten emporstieg, schillernde Flügel ausbreitete und den armseligen Raum erfüllte mit seinen klaren Tönen.

Die Vergangenheit war darin, ein heimlicher Schimmer jenes unerhörten Glanzes, den die Renaissance über die Welt ausgegossen und den die fluchwürdige Machtgier der Fürsten ausgelöscht hatte mit Strömen von Menschenblut.

Und die Zukunft kündete sich leise an, der unendliche Wohllaut der großen Musik, die später einmal aufrauschen wird in den Werken von Bach und Händel.

Als der letzte Ton verklungen war, saß Herr Melander noch immer still . . . ganz still.

Er wollte den beiden treuen Menschen danken dafür, daß sie ihn heute, gerade heute aus trüber Stimmung gerissen hatten; aber seine Zunge war schwer, und unausgesprochen blieb ihm das Wort in der Kehle stecken. 58

Ein Gefühl von Scham verschloß ihm den Mund. Ja, er schämte sich vor diesem alten Mann mit den jungen Augen, dem das Leben auch so viel versprochen und so wenig erfüllt, und der vielleicht mehr Ursache hatte, dem Schicksal zu grollen als er.

Er schämte sich vor dem stillen, herzensguten Geschöpf, das ihn freundlich und arglos bediente und neuen Wein in sein Glas goß, und das er doch vor wenigen Wochen verletzt und beleidigt hatte in soldatischer Roheit. 59

 


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