Egid Filek
Die wundersame Wandlung des Herrn Melander
Egid Filek

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V.

Immerhin: trotz der kriegerischen Rüstungen Herrn Melanders ging ein Seufzer der Erleichterung durch das ganze Dorf Eggenfeld, als sich am nächsten Tage zeigte, daß sie gottlob recht überflüssig gewesen waren.

Denn der verlorene Haufen, der am jenseitigen Flußufer eine feste Stellung bezogen hatte, fand es für geraten, unter dem Schutz einer weißen Fahne eine Deputation, bestehend aus drei Mann, ins Dorf zu schicken, die mit dem Ortsvorsteher zu verhandeln begehrte.

Die weiße Fahne und die Deputation waren einander würdig.

Die Fahne bestand aus einem schmutzigen Lappen und einer alten Pike, und ihr Träger schwenkte sie gar feierlich auf und nieder nach allen Regeln der edlen Kunst des Fahnenspiels; er drehte sie im Zirkelschwung um sein Haupt, nach rechts und links, warf die Stange in die Höh', zog seinen Degen, während sie in der Luft schwebte, und fing sie dann gar zierlich wieder auf. Die drei Gesellen aber sahen aus wie vom Galgen abgeschnitten; sie trugen mächtige Kanonenstiefel mit wehmütigen Rissen und tiefen Löchern, schmierige Halskrausen, breite Schärpen und Kriegsfedern auf den Hüten; aber das alles war völlig zerlumpt und verlottert und vom 77 Regen, Sonnenschein, Wind und nächtlichen Waldlagern zu mißfarbenem Grau getönt. Und so war auch ihre Sprache, dumpfe Verzweiflung hinter großen Worten; sie redeten viel von der Ausrüstung ihrer Gewalthaufen und drohten das Dorf zu überwältigen und zu plündern, wenn ihnen nicht eine ausreichende Kontribution in Geld und Lebensmitteln gewährt würde; sie prahlten, daß sie als Kriegsleute gutes Essen und Trinken gewohnt seien, während der Hunger aus ihren hohlen Gesichtern sah.

Auf dem Dorfplatze, beim verkohlten Stamm der alten Linde empfing der Dorfschulze im Beisein einiger Bauern, zu denen sich auch Herr Thurneisser gesellt hatte, die fragwürdige Abordnung, und sie merkten bald, wie sie mit den traurigen Helden daran waren. Man bat die Deputation um einige Geduld und zog sich zur Beratung zurück. Ein paar von den Bauern meinten, man solle die jüngere Mannschaft des Dorfes sammeln und es auf einen Kampf mit der Räuberbande ankommen lassen, wobei der Sieg nicht zweifelhaft sein könne. Aber Thurneisser widersprach. Güte sei immer besser denn Gewalt, und bei der Feldarbeit, die nun bevorstand, brauche man gar nötig frische Arbeitskräfte. Es wäre klüger und zugleich menschlicher, wenn man den Schnapphähnen den Vorschlag mache, nach Ablieferung der Waffen in den verschiedenen Bauernhäusern friedliche Feldarbeit zu leisten, wofür ihnen Unterkunft und Verpflegung geboten werden könne. Nach den Aussagen eines Gefangenen, den Herr Melander in der verwichenen Nacht zur Strecke gebracht, sei ihre Anzahl 78 so gering, daß man keine Gefahr laufe, sich dadurch eine Übermacht von Feinden auf den Hals zu laden. Wollten sie diesen menschenfreundlichen Vorschlag aber nicht annehmen, so bleibe immer noch die Gewalt als letztes Auskunftsmittel.

Die Worte des alten Schulmeisters fanden Gehör und die Botschafter wurden in diesem Sinne abgefertigt, womit sie nicht übel zufrieden schienen trotz ihres großmäuligen Wesens; sie entfernten sich mit dem Bemerken, daß sie die Vorschläge dem Herrn Oberkommandanten ihres Fähnleins mitteilen und sodann dessen Beschluß überbringen würden und marschierten in leidlicher Haltung durch das Dorf, wobei der Fahnenjunker wieder seine Künste bewundern ließ und alle drei so stramm auftraten, als es mit zerrissenen Kanonenstiefeln eben möglich ist.

Unterdessen fand in der Kammer der Thurneisserschen Wohnung eine Verhandlung von ganz anderer Art statt.

Die wurde geführt zwischen Herrn Melander, der beim Tische saß, den aufmerksam lauschenden Kopf auf die Arme gestützt, und dem Verwundeten, dessen schmächtiger Körper halb vergraben in der Strohschütte lag, die ihm Doris in einer Ecke hergerichtet hatte.

Aber unsichtbar war noch ein drittes Wesen in dem dumpfigen Raum zugegen, das breitete große Flügel aus und fächelte damit das Herz des Herrn Melander und hieß Erinnerung.

Denn der blasse Mensch auf der Strohschütte erzählte von niemand anderem als von Belinda, seiner ersten Liebe. 79

Wunderlich, wie das Schicksal die Menschenlose durcheinanderschüttelt, als wären es bunte Steinchen in der Hand eines spielenden Kindes!

Der Verwundete hieß Balthasar Thorn und seine Wiege hatte irgendwo im Schwarzwald gestanden, wohin der Lärm des Weltkrieges nicht gedrungen war; aber die Natur hatte ihm das gefährliche Geschenk künstlerischer Begabung auf den Lebensweg mitgegeben, und da ward ihm die Hütte der Eltern zu eng und das Rauschen der Tannenwälder zu eintönig, und schon in jungen Jahren fuhr er den Rhein hinab von einer Stadt zur anderen, sein Herz und sein Zeichenstift fanden nirgends Ruhe, bis er endlich nach Holland kam und von dem großen Meister David Teniers dem Jüngeren, dem seine kecke Art gefiel, als Schüler angenommen wurde. Der Künstler stand damals in der Mittagshöhe seines Ruhmes, seine grotesken Visionen des heiligen Antonius wurden zum Himmel gehoben und in die Hölle verdammt, je nach dem Geiste dessen, der sie sah, er aber lachte darob und malte nach wie vor betrunkene Bauern, raufende Soldaten und verschmitzte Puffspieler, und Balthasar Thorn guckte ihm manches Geheimnis der edlen Malkunst ab und bekam auch schon Aufträge. Da geschah es, daß der Kaiser Ferdinand, der die Kunst der Niederländer sehr schätzte, von Teniers selbst ein Bild verlangte, und Balthasar Thorn erhielt von seinem Meister den ehrenden Befehl, das kostbare Stück persönlich dem Habsburger zu überbringen, weil doch damals in deutschen Landen die Kriegsfurie am schlimmsten 80 wütete; so fuhr er den Rhein wieder aufwärts und zog ungefährdet mit seiner kleinen Fracht über den Schwarzwald durch das schwäbische Land, setzte sich auf die Ulmer Schachtel und kam glücklich die Donau hinab nach Wien.

Aber dort war ein gefährliches Pflaster für leichtsinnige Leute, und nachdem Herr Balthasar sein Bild getreulich abgeliefert und reichlich Botenlohn und Wegzehrung empfangen hatte, geriet er in lustige Gesellschaft und verschob seine Heimfahrt von Woche zu Woche; die Frauenzimmer in Wien waren zu aimabel und die Weine zu feurig, so daß das Geld für ein paar Bilder, die er daselbst gemalt, bald wieder vertan war und er endlich keinen andern Ausweg vor sich sah, als in kaiserliche Kriegsdienste zu treten. Der Obrist, unter dem er stand, war ein großer Freund der Malkunst und Thorn durfte sein Skizzenbuch mit den flottesten Kriegs- und Lagerbildern füllen, bis das Fähnlein eines Tages mit einer Abteilung des Generals Königsmarck in heftiges Musketenfeuer kam und eine Kugel den Obristen tot zu Boden streckte. Auch Balthasar Thorn ward von einem schwedischen Blei getroffen, aber wunderbarerweise geriet das Geschoß auf den ledernen Einband des Skizzenbuches und schlug nur die ersten Zeichenblätter durch, ohne das darunter heftig klopfende Herz zu erreichen. So hatte Herrn Balthasar Thorn die Kunst das Leben gerettet, und von Stund an führte er sein Malbuch Tag und Nacht als köstliches Amulett mit sich und zeichnete auch nach dem Friedensschluß noch manche Skizze hinein. 81 Aber dann sank er von Stufe zu Stufe, führte ein unstetes Wanderleben und geriet endlich unter eine Bande von Freibeutern und Schnapphähnen; doch führte er das Büchlein immer noch durch seine Tage als Zeugnis und Wahrzeichen des früheren anständigen Lebens.

Als er in seinem Bericht so weit gekommen war, griff er unter das Wams, zog es hervor und reichte es Herrn Melander zum Beweis, daß er die Wahrheit gesprochen.

Der nahm es und blätterte lässig darin herum, aber da er vom Technischen der Malerei nicht viel verstand und in seinem Kriegerleben schon wahrlich genug an Pferden, Lagerfeuern und zerfallenen Häusern, verwitterten Profoßengesichtern und keifenden Soldatendirnen gesehen hatte, wollte er es wieder zurückgeben, als er plötzlich beim Anblick eines Frauenkopfes stutzte und erstaunt ausrief:

»Beim Element, sagt an, wen stellt dieses Bildnis dar?«

Der andere lächelte voll Künstlerstolz:

»Ei wohl, das ist mir gut geraten, obwohl es nur eine Skizze ist; bekäme es mein lieber Meister Teniers zu Gesicht, er würde seinen Schüler loben. Aber das große Ölbild solltet Ihr erst sehen, das ich darnach angefertigt . . .«

Herr Melander war aufgesprungen und trat an das kleine Fenster, so daß das Licht hell auf das Bildchen fallen konnte:

»Wann habt Ihr das gemalt? Und wo? Und für wen . . . und wo hängt das Conterfey?« 82

Balthasar Thorn, sehr geschmeichelt von der großen Teilnahme, die seinem Kunstwerk da entgegenflog, erwiderte schmunzelnd:

»Eines nach dem andern, sagte der Fuchs, als er in den Hühnerstall kam . . . Ist wohl schon mehr denn ein Jahr vergangen, seit ich das Ding malte; es war in Wien und über Auftrag eines vornehmen Herrn, der mir Silentium über seine Person gebot, so daß ich Euch den Namen nicht nennen darf; wo das Bild jetzt hängt, wüßte ich nicht zu sagen, aber sicherlich gereicht es jeder fürstlichen Kunstkammer zur Zier, denn es war ein gar schönes und stattliches Frauenbild, die Demoiselle Belinda von Hochhaim.«

»Belinda«, murmelte Herr Melander wie geistesabwesend.

»Es war in einem Stift für adelige Frauenzimmer in der Himmelpfortgasse, wo sie mit einer alten Muhme zusammen wohnte,« berichtete Balthasar, als die Augen Herrn Melanders gierig nach genauerer Nachricht fragten, »dort gewährte man mir auf die Fürsprache eines adeligen Herrn Einlaß und ich durfte das Fräulein conterfeyen; hab' mich auch sehr zusammengenommen und meine beste Kunst in das Werk gelegt, also daß der Besteller recht zufrieden war. Hat mir auch ein stattliches Röllchen ungrischer Dukaten getragen, schade nur, daß die gelben Vögel gar so schnell wieder davongeflogen sind.«

Er lächelte in heimlicher Erinnerung an manche lustig durchzechte Nacht, während Melander noch immer verloren in das Skizzenbuch starrte. 83

»Und sah sie in Wirklichkeit genau so aus wie hier auf dem Bilde?« fragte er leise.

»Wie ich Euch schon sagte: ich tat mein Bestes, freilich das Leuchten der Augen, das dem Glanze harter Edelsteine glich, das brachte ich nicht so heraus wie ich wollte. Der Mund war ein wenig herb und die roten Lippen manchmal so fest geschlossen wie eines Sarges Deckel – war ein Zug von Entsagung darin, als trüge das Fräulein irgend ein stilles Leid, von dem sie zu niemandem sprechen wollte. Verzeihet meine Offenheit, aber Ihr wißt ja, daß wir Maler aus einem Gesicht viel mehr herauslesen können als andere Menschenkinder, sintemal wir es Zug um Zug studieren müssen – wie brächten wir es sonst auf die Leinwand, die uns die Welt bedeutet? So mag denn auch der Medikus bei genauer Betrachtung des Körpers den Sitz der Krankheit ergründen oder mit geheimer Kunst der Chiromantie aus den Linien der Hand die Zukunft deuten . . .«

»Ja, ja«, sagte Herr Melander zu dem Redeschwall des Fremden, auf den er kaum mehr hinhörte. Desto aufmerksamer betrachtete er das Bild. Mit einem Male hatte die Kunst ein ungewohntes Interesse für ihn bekommen.

»Wollet Ihr mir das Blatt geben? Gegen Bezahlung, wie sich's versteht«, setzte er rasch hinzu, als Balthasar mit der Antwort zögerte.

»Wir Maler geben dergleichen Skizzen sonst nicht gerne aus der Hand, aber maßen Euch das Bildchen so sehr gefällt, so nehmt es denn hin. Und von Bezahlung wollet nicht reden – habt Ihr mir 84 denn nicht mein Leben geschenkt, als ich hilflos vor Euch lag?«

Da tat Herr Melander etwas, was sich für einen ehrlichen Kriegsmann dem gefangenen Spion gegenüber ganz und gar nicht schickte: er schüttelte ihm die Hand und sagte: »Ich dank' Euch von Herzen«.

Doris trat auf die Schwelle:

»Es wäre Euch besser, Herr Balthasar, wenn Ihr weniger reden wolltet, Ihr seid noch immer recht schwach von dem großen Blutverlust. Weiset mir die Wunde, damit ich einen frischen Verband geben kann, wenn Herr Melander mir dabei helfen will.«

Der hatte das Blatt mit raschem Schnitt aus dem Malbuch gelöst und beiseite gelegt; aber er vermochte es nicht zu hindern, daß Doris beim Ab- und Zugehen das Bild erspähte. Und sie hätte kein junges Weib sein müssen, um sich nicht dabei ihre Gedanken zu machen, die der Wahrheit nahe genug kamen, denn in Liebessachen sehen zwei Frauenaugen gemeiniglich mehr als vier männliche.

Auch war es ihr aufgefallen, daß Herr Melander ihren Blick vermied und zur Seite sah, auch noch etwas schweigsamer war als sonst.

Und als sie gar mit einem frisch gefüllten Waschbecken wieder in die Kammer trat und bemerken mußte, daß das Bild derweilen verschwunden war, da glitt ein Lächeln über ihr Gesicht.

»Nun haltet Euch ruhig und versuchet zu schlafen«, sagte sie zu Balthasar und breitete sorglich die Decke über ihn.

Der Wunde lag da und ließ sich's wohl sein unter 85 den pflegenden Händen, wie ein Bub, der sich von der Mutter verhätscheln läßt; er war stillvergnügt, daß er nimmer in Regen und Sturm ein wildes Räuberleben führen mußte, seufzte noch ein paarmal behaglich und schlummerte in wenigen Minuten richtig ein.

Melander saß an seinem Lager; er wartete, bis seine Atemzüge lang und tief wurden, und als Doris wieder zu ihren Ziegen hinausging, zog er vom neuen das kleine Bild heraus und versenkte sich in die Züge des wohlbekannten Gesichts.

Ja, das war der rote, heiße Mund mit den vollen Lippen, den er geküßt hatte vor langen Jahren, damals auf der sturmumwehten Feste Oberhaus, als die Sonne so warm vom Himmel schien und alle Flammen seines Lebens lichterloh brannten; aber die Linien der Wangen, der Stirne, der Schläfen waren nicht mehr wie einst – aus dem jungen Ding von damals war ein Weib geworden, ein reifes, wissendes Weib, das viel erfahren, vielleicht auch viel gelitten hatte im Leben; das sagte das Bild hier klar und deutlich.

Und er suchte nach dem Ewigen und Unzerstörbaren, das zutiefst in uns allen ruht und die Jahreszeiten der Liebe überdauert; er suchte darnach, wie er oft als Knabe im Bach durch die zitternden, unruhigen Wellen hindurch den klaren, festen Grund mit seinen Steinen und Algen zu erkennen gesucht.

Aber statt einer Antwort fand er nur neue Fragen und Rätsel. Je länger er das Bild betrachtete, desto fremder erschien es ihm; und er hätte noch Gott weiß 86 wie lange auf den bunten Farbenfleck gestarrt, hätte nicht Herr Thurneisser seinen grauen Kopf mit dem Samtkäppchen hereingesteckt und ihn gebeten, auf den Marktplatz zu kommen, wo sich die Vertreter der Gemeinde versammelt hatten und wo man seiner bedurfte.

Lauter Trommelschlag dröhnte die Straße entlang: die Kameraden Balthasar Thorns rückten an. Schrecklich sahen sie aus: hohlwangige Gesichter, zerfetzte Kleidung, hundertmal geflickte Schuhe; kaum daß die Waffen halbwegs in Stand waren, mit denen sie sich die Notdurft des Lebens erzwangen. Der Trommelschläger war ein junger närrischer Kerl, dessen Wams aus lauter bunten Flicken bestand; er schlug wütend auf sein Kalbsfell los und schnitt Grimassen wie ein Bajazzo. Vor dem Zuge einher schritt würdevoll die Gesandtschaft von Vormittag und schwenkte die weiße Fahne. An allen Türen und Fenstern standen die Dorfkinder, die schmutzigen Finger im Mund, und starrten den wilden Gesellen nach. Die marschierten in guter Ordnung auf den Marktplatz und stellten sich in Viererreihen auf, dann trat der Kommandant vor und erklärte im Namen seines Fähnleins, daß er die Bedingungen annehme und bereit sei, alle Waffen abzuliefern, sofern man ihn und die Seinen als ehrliche Leute aufnehmen und gut behandeln wolle; auch arbeiten wollten sie, obzwar das eigentlich unter ihrem Stande als Kriegsleute wäre, nur Tabak müßten sie haben, guten holländischen Tabak für ihre Pfeifen, sonst rührten sie keinen Finger. Denn seit sie von den Holländern 87 und den englischen Hilfstruppen das Rauchen gelernt, sei ihnen der Tabak notwendiger als Essen und Trinken.

Eine Stunde später war alles zur Zufriedenheit geordnet, und hundert arme Teufel, vor Hungertod und Verzweiflung gerettet, kehrten wieder zurück zur Scholle, Schiffbrüchigen gleich, die das wilde Meer an einem freundlichen Gestade ausgeworfen.

In seinem engen Krankenzimmer hatte Balthasar Thorn den kriegerischen Lärm der Trommel und den Stampfschritt der Kameraden vernommen und trotz seiner Wunde aufspringen wollen, zu erkunden, was das bedeute; aber Doris hatte ihn mit sanfter Gewalt auf sein Lager niedergedrückt und ihm versprochen, Herr Melander, der bei der Ablieferung der Waffen als Sachverständiger zugegen sein mußte, würde ihm alles genau und getreulich berichten.

Das geschah denn auch, als nach vollendetem Geschäft und beschworenem Friedensschluß mit den fremden Gästen Herr Melander eintrat und sich an seiner Seite niederließ.

Es war gelungen, alle zu befriedigen; der eine hatte sich von dem Rest seiner Beute, einer schweren goldenen Kette, die er verborgen am Leib trug, eines der leeren Häuschen am Ende des Dorfes gekauft, ein anderer einen herrenlosen Acker in Pacht genommen und versprochen, die Pachtsumme abzuarbeiten, wieder andere wollten in die Dienste der Herrschaft treten, so daß Herr Melander endlich die so nötigen Arbeitskräfte bekam.

Balthasar Thorn war sehr zufrieden mit dieser 88 Wendung der Dinge, die ihm mit einem Male auch seine eigene Zukunft in hellerem Lichte zeigte.

»Dieweil es nun verbrieft und gesiegelt, daß Eure Kameraden bei uns arbeiten wollen,« sagte Melander, »so wollet denn entscheiden, was mit Euch geschehen soll? Wollt Ihr sothanem Beispiel folgen und bei uns bleiben, wenn Eure Blessur geheilt ist?«

Balthasar sah vor sich hin.

»Hat's mich doch niemals lange an einem Ort gefreut, Herr Melander. Bei mir hat's allemal geheißen: die Erde ist mein Bette, der Himmel meine Decke, der Mantel mein Haus, der Wein mein ewiges Leben. Und für die Malkunst ist wohl auch kein rechtes Feld hier in dem Dorf. So will ich denn mit Verlaub Eurer Gnaden wieder nach Wien zurück und sehen, ob ich dort für meinen Pinsel Arbeit finde.«

»Nach Wien wollet Ihr?« sagte Herr Melander nachdenklich und zog die Brauen zusammen, als wälze er einen neuen Gedanken in seinem Kopfe um und um. Und weil er dergleichen Geistesarbeit immer sehr langsam und gründlich tat, blieb er den Rest des Tages schweigsam und zog sich bald in sein Losament zurück, von wo man noch spät abends Hammerschläge vernahm; deren Ursach' aber war, daß Herr Melander einen hölzernen Rahmen für ein kleines Bild zimmerte, dasselbe sorgsam mit einer Decke von Glas versah und sodann anstatt eines Schutzengels oder einer Unbefleckten Empfängnis zu Häupten seines Bettes aufhing, damit es seinen Schlaf bewache. 89

 


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