Egid Filek
Die wundersame Wandlung des Herrn Melander
Egid Filek

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VI.

Über dem armen Dorf lag das goldene Licht der Maisonne.

Es floß in breiten Strömen durch die Gassen, es rieselte in schäumenden Kaskaden von den geflickten Strohdächern herab, brandete an den Mauern der Häuser empor und füllte Tausende von Blütenkelchen bis zum Rande; es wob Strahlenkränze um alle Dürftigkeit und drang siegreich durch Tür und Fenster in die armseligen Stuben, überall die frohe Botschaft des neuen Lebens verkündend. Aus allen Ritzen und Spalten quoll es in großen goldenen Tropfen, bis in die Ställe hinab sank es und weckte in den dumpfen Sinnen der Tiere die Sehnsucht nach sonnigen Matten und freier Himmelsluft.

In der Seele der Mühseligen und Beladenen aber blühte das heilige Gefühl auf, des Menschen edelstes und köstlichstes Eigen: die Lebensfreude; die süße Lust des Atmens und Daseins, das wunderbar geheimnisvolle Ahnen, der tröstende Gedanke, daß Leib und Seele eins sind mit der unendlichen Natur, wechselnde Formen des ewigen Lebens; daß alles Verwandlung ist und kein Tod, kein Sterben, sondern Leben, nichts als Leben!

Mitten in seiner neuen Wohnstube stand mit verschränkten Armen Melander zu Geislingen und 90 blinzelte in die Sonne wie ein Kater, der sich den Pelz durchwärmen läßt; und die Sonne meinte es gut mit ihm, sie hatte seine Hände und Wangen braun gebraten und strich ihm jetzt gar warm und freundlich über das Haar, das am Scheitel schon ein wenig durchsichtig zu werden begann. Aber auch sonst hatte die Sonne für ihn gesorgt: sie hatte wochenlang so unermüdlich vom blauen Himmel herabgeschienen, daß der Bau des Wohnhauses viel früher vollendet war als man gedacht hatte, und nun tat sie die letzte Arbeit und trocknete den Lehm und Mörtel gewissenhaft aus, damit Herr Melander nicht durch feuchte Zimmerluft schmerzhaftes Gliederreißen bekommen sollte. Übrigens trug sie Sorge, daß er so lange als nur möglich im Freien blieb; denn unter ihren wärmenden Strahlen hatten sich Felder und Wiesen schon gar üppig begrünt, und es gab von früh bis spät abends in der Wirtschaft viel zu tun.

Aber heute war Sonntag und auch für ihn ein Ruhetag; und so stand er denn da und ließ die Blicke durch sein neues Losament schweifen. Kahl war es noch, recht kahl . . . Tisch und Stühle, Bette und Kasten so roh und ungefüge gezimmert, wie es ein Dorftischler eben zustande bringt. Und die leere Kammer nebenan war eigentlich überflüssig und nur deshalb gebaut worden, weil im alten Hause ebenfalls an dieser Stelle eine Kammer gewesen war. Übrigens: konnte man denn gar so sicher wissen, ob Herr Melander wirklich den ganzen Rest seines Lebens allein bleiben würde? War er schon so alt, daß er jede 91 Hoffnung auf irgend eine angenehme Zweisamkeit hätte aufgeben müssen?

Unmutig schüttelte er den Kopf, als wolle er solche Gedanken abwehren wie ein Rößlein die Fliegen; aber sie kamen wieder und wieder, und auch daran war das goldige Licht schuld, das die Dinge des Alltags so still und selig verklärte und ihnen gleichsam eine tiefere Bedeutung gab. Denn auch jenes kleine Bildchen, das Herr Melander soeben andächtig über dem Kopfende seines Bettes aufgehangen hatte, leuchtete heut in tieferen und satteren Farben als sonst, und es schien fast, als ob es lächeln wollte. Man konnte auch nicht sagen, daß sich jene Zukunftsgedanken um eine bestimmte Person rankten; sie waren eigentlich nur ein Spiel mit einer Möglichkeit, und es bot sich, für den Augenblick wenigstens, gar keine Aussicht dar, daß der Gegenstand seiner ersten Jugendliebe jemals in jene Räume einziehen würde, die von nun an sein Leben umschließen sollten.

Aber die Hoffnung ist das Spielzeug der Seele, und so hatte Herr Melander in langen Stunden von Schreibarbeit mühselig genug einen umfangreichen Brief fertiggestellt, den er dem Maler Balthasar Thorn zu übergeben gedachte, wenn dieser seine Reise nach Wien antrat; und zwar sollte dieses Schreiben unter Anwendung verschiedener Vorsichtsmaßregeln sicher und verläßlich in der Himmelpfortgasse zu eigenen Handen der Demoiselle Belinda von Hochhaim abgegeben werden.

Herr Melander schritt auf den Tisch zu, wo der Brief des Magisters Holtzapfel, gräflich 92 Birckenfeldschen Sekretarius, lag, den gestern die kaiserliche Reichspost gebracht hatte. Darin stand in schön gedrechselten Worten, daß der Herr Graf die Verfügungen der Gutsverwaltung Eggenfeld insgesamt zu billigen geruht und Herrn Melander in allen seinen Gerechtsamen als Verwalter bestätigt habe; er möge schalten und walten nach Gutdünken und im Vollbesitz seines Vertrauens, und es wäre leicht möglich, daß der Herr Graf gegen Ende des Sommers in eigener Person zu kurzem Besuch auf der Herrschaft erscheinen werde, um sich vom Gedeihen des Dominiums und von der Fürtrefflichkeit der Verwaltung zu überzeugen. Der Sekretarius Magister Joachim Holtzapfel unterließ nicht, auf den Wert dieser Auszeichnung für Herrn Melander aufmerksam zu machen, dessen Lebensstellung gesichert sei, soferne der Herr Graf alles nach seiner Zufriedenheit befinden sollte.

Herr Melander las den Brief abermals genau durch und fand sich von seinem Inhalt so befriedigt, daß er unter leisem Vorsichhinsummen eines Pappenheimschen Kriegsliedes fröhlich im Zimmer auf und ab schritt, wobei er noch allerhand weitere Maßregeln erwog, die seine Gutswirtschaft betrafen; und weil ihm dabei allgemach warm geworden war, so zog er sein Wams aus und machte sich's bequem, und es geschah, daß er von ungefähr mit der Hand an die silberne Kapsel mit dem Passauer Zettel geriet. Er hatte des geheimen Zaubers schon halb vergessen und starrte ihn nun an wie eine Kuriosität aus einem fremden Weltteil; und zutiefst in seiner Seele wollte 93 etwas emporsteigen wie leiser Spott über diesen und manchen andern tolleren Aberglauben der vergangenen Kriegszeit, der nimmer in das Sonnenlicht der Gegenwart zu passen schien. Aber noch wagte er nicht, den Gedanken klar zu Ende zu spinnen, löste vielmehr mit scheuen Fingern die Silberkapsel vom Band, tat sie in die Tischlade und schob diese zu. Dabei gedachte er eines Erlebnisses, das nun etwa fünf oder sechs Jahre zurückliegen mochte; da hatte er einen Burschen, der eines Landkrämers davongelaufener Sohn und ein großer Feigling war. Der hatte eine erschreckliche Angst vor den feindlichen Kugeln und bat ihn einmal um einen Kugelsegen, um sich fest zu machen. Weil der Kerl aber nicht lesen konnte, machte sich Herr Melander den Spaß und schrieb ihm auf einen Zettel die Worte: »Wehr' dich, Hundsfott!« Der Bursch bedankte sich gar schön und steckte den Zettel zu sich; und von Stund' an war seine Feigheit geschwunden, und er setzte sich jeder Gefahr aus, als wäre er der hürnene Siegfried selbst. Man hatte auch nicht gehört, daß er jemals verwundet worden wäre.

Aber es ging auf den Nachmittag, und Herr Melander hatte für heut noch ein Geschäft vor: er mußte die Stube ein wenig putzen und ausschmücken, denn es war ein besonderer Tag: frühmorgens hatte er seine Übersiedlung vollbracht und abends empfing er Thurneisser, Doris und Balthasar Thorn als Gäste, die sich's nicht nehmen lassen wollten, den ersten Abend im neuen Heim mit ihm zu verbringen. Und so schleppte er einen Sack voll goldgelben Sandes 94 daher und bestreute den Boden damit, hackte auch Tannenreisig zu kleinen Stücken und warf sie darauf, so daß ein angenehm würziger Geruch die Luft erfüllte; und weil ihm die Wände gar so kahl schienen, so hing er sein Schwert, sein Faustrohr, seinen Hut mit der mächtigen Kriegsfeder und seine bunte Schärpe recht malerisch daran und war sehr befriedigt von dem ernsten Schmuck.

Aber bei solcher Arbeit sah ihm die Sonne nicht mehr zu. Die hatte sich von seinen Fenstern abgewendet, weil es heut noch allerlei für sie zu tun gab; sie mußte vor allem Herrn Balthasar Thorn behilflich sein, der unweit der Ruine auf einem Wiesenfleck saß und eifrig zeichnete. Denn es galt ein schönes Bild des Schlosses, das wollte der Balthasar noch am heutigen Abend Herrn Melander als Angebinde überreichen, zum Zeichen der Dankbarkeit und zu freundlicher Erinnerung. Und die Sonne warf sich mit voller Kraft gegen die starrenden Mauern und hob jeden Stein gar scharf und deutlich heraus, und es war für Balthasar ein leichtes und vergnügliches Geschäft, ihn nachzuzeichnen; sie machte die Schlagschatten tief und klar und dabei so durchsichtig, daß des Künstlers Herz sich freute an dem wunderschönen Licht, das seine Arbeit so prächtig förderte.

Und es war an der Zeit, daß sie fertig ward; seit die Luft so warm geworden war, die Bäume so hoffnungsgrün und die blauen Berge so sehnsüchtig in die Ferne lockten, hielt es der Wandervogel schier nimmer aus in dem kleinen Nest. Die Wegzehrung und das Reisegeld, mit dem man ihn versorgt hatte, 95 würden wohl bis nach Wien reichen, und dort besaß er noch genug Verbindungen aus vergangener Zeit, um lohnende Beschäftigung zu finden. Morgen, übermorgen zog er los. Sicherlich würde kein Mensch im Dorf ihn zurückhalten, am wenigsten Herr Melander. Denn heut früh hatte er ihn schon zum drittenmal gefragt, wann er abzureisen gedenke, und ihm dabei auf die Seele gebunden, den Brief ja nur zu eigenen Händen der Demoiselle Belinda abzuliefern. Ach Gott, es war ja wahrlich nicht das erstemal, daß Balthasar Thorn den geheimen Kurier spielen mußte, und die Mahnung recht überflüssig.

Und wenn es noch manchmal schmerzlich zuckte in dem zerschossenen Bein, und er zeitlebens ein wenig hinken würde: er gefiel sich in dem Gedanken, daß sein Blut das letzte war, das in diesem grauenvollen Krieg vergossen ward.

Aber die Sonne hatte ihr Tagewerk noch nicht vollbracht. Drunten im Dorf war Leben und Bewegung: man hatte die alte verbrannte Linde mit allen ihren Wurzeln ausgegraben und pflanzte nun ein neues Bäumchen an die Stelle als Zeichen und Sinnbild dauernden Friedens. Der Felberbauer setzte den jungen Stamm in das Loch, andere warfen es mit Erde zu, und der kleine närrische Trommelhund schleppte eine Gießkanne voll Wasser; sein linkes Hosenbein war gelb, das rechte rot mit schwarzen Streifen, und da stand er nun breitspurig da und ließ aus der Brause einen Regen auf das Bäumchen niederrauschen, damit es sich gut anwurzeln sollte. Dann sprach er mit ernsthaften Gebärden einen 96 lateinischen Segenspruch, den er Gott weiß wo gelernt, und zum Schluß tanzte er in verrückten Sprüngen um den Baum herum, daß alles lachen mußte. Und die Sonne glitzerte in den Wassertropfen, die da und dort an den Blättern hingen, und wandelte sie in Edelsteine mit rotem, blauem und grünem Licht. Und das Licht drang den harten Menschen, die den Baum umstanden, durch die Augen tief, tief ins Herz hinein und weckte dunkle Erinnerungen an die Kindertage der Menschheit, da Gott mit ihr Frieden schloß nach den Schreckenszeiten der Sündflut, und seinen bunten Regenbogen ausspannte zwischen Himmel und Erde zum Zeichen der Versöhnung.

Der Felberbauer, der in der letzten Nacht die Wache auf dem Kirchturm gehalten hatte, stieß den Spaten in die Erde, sah im Kreis herum und sprach:

»Vermein', daß von heut an der Lugaus am Turm nimmer vonnöten sei. Sind viele Wochen vergangen, seit sich zum letztenmal in der Ferne Lagerfeuer und Raubgesindel gezeigt. Wollen also den Wachposten auflassen. Was ist eure Wohlmeinung, Dorfgenossen?«

Sie nickten schweigende Zustimmung. Und einer nach dem andern wandte sich langsam und schwerfällig zum Gehen; da räusperte sich einer und spuckte aus, dort wanderten zwei nebeneinander in bedächtigem Gespräch; es war, als hätten sie Gottesdienst gehalten bei dem jungen Baum und kehrten nun heim, still und gesegnet.

Die Sonne neigte sich dem Horizont zu. Noch 97 einmal glühten die Mauern der Schloßruine in hellem Rot, und in das Gärtchen mit dem üppig wachsenden Gemüse warfen sie kühlen Schatten; da stand Doris und lehnte sich ausruhend auf den Spaten, den sie den ganzen Nachmittag über fleißig geschwungen hatte. Und dann ging sie zu den Ziegen und gab ihnen Futter, und endlich schritt sie auf den Burghof hinaus in den Abendsonnenschein und räumte die Wolfseisen weg, eines nach dem andern, und das war die angenehmste ihrer heutigen Arbeiten, denn es hatte sich seit Wochen weder menschliches noch tierisches Raubzeug spüren lassen, und der Großvater hatte gemeint, von nun an genüge wohl ein Hund zur Bewachung. Es war auch schon eine junge Dogge da, die ihr der Felberbauer geschenkt, ein großes, schlankes Tier mit klugen Augen, das gar aufmerksam zusah, wie sie eines der Eisen nach dem andern ausgrub und beiseite trug; und als sie an jenes geriet, das Herrn Melander bei seinem ersten Besuch so gefährlich geworden war, da hielt sie inne und sann vor sich hin.

Sie sah ihn vor sich, wie er sie damals packen wollte wie eine Beute, ihm zugefallen nach dem Recht des Stärkeren – und doch, bei ihr war die größere Stärke, und er mußte zurückweichen und sich beugen vor ihr; sie hatte herausgelockt, was an guten und menschlichen Edeltrieben in ihm schlummerte, er selber ahnte es gar nicht, wie tief er sich gewandelt! Und mit einem Male ergriff sie eine große und demütige Freude; sie fühlte sich im Besitze einer Macht, von der sie keine Kunde gehabt in ihrem 98 bisherigen stillen Mädchendasein, und das machte sie so froh und glücklich, daß sie mit lässig hängenden Armen reglos in die rote Sonne blickte in seliger Selbstvergessenheit. Oh, sie empfand es, daß kein eigensüchtiger Wunsch in ihr war – er trug ja das Bild einer andern im Herzen, und sie würden auch gar nicht zusammenpassen, schon weil zwischen ihm und ihr die Kluft von mehr als zwanzig Lebensjahren lag; aber es war so schön, einmal ein wenig Schicksal zu spielen, es war vielleicht ein noch tieferes Glück als die Liebe selbst!

Da stand in der warmen Ecke zwischen den Mauern ihr geliebter Rosenstock; er prangte in üppigem Grün, aber nur eine einzige von den vielen Knospen hatte sich zu einer großen, prächtigen Blüte erschlossen; ja, die wollte sie ihm als freundlichen Gruß zu dem kleinen heutigen Einweihungsfeste mitbringen, es würde ihn freuen! Sie nahm das Messer, das sie mit ihrem Schlüsselbund am Gürtel trug, und schnitt die Blume ab; es war gut, daß es eine weiße Rose war, sie duftete fast gar nicht und war keusch und kühl wie das Mondlicht, und so schien sie das richtige Sinnbild ruhiger Freundschaft; wäre sie dunkelrot und voll von süßen Düften, so könnte er den Sinn der Gabe mißdeuten, und das sollte er nicht, um Gott nicht!

Aber ein zaghaftes Rot lag doch auf den schöngeschwungenen Blättern, das kam von der Sonne, die durch rosige Abendwolken lächelte; und dieselben rosigen Wolken warfen ihren Schein durch die Fenster der einsamen Kirche, auf den Orgelchor, auf das weiße 99 Haar und das schwarze Samtkäppchen Mathias Thurneissers, der selbstvergessen da oben saß und die Register zog, daß die leere Kirche erfüllt war von brausenden, jubelnden und klagenden Tönen.

Oh, du Gottesdienst eines einsamen Künstlers, der keinen Priester braucht und keine goldstarrenden Kirchenkleider und keinen Weihrauch und kein ewiges Licht, weil sein Herz es ist, das da brennt und glänzt und duftet!

Das war das schönste und ergreifendste von allen Bildern, welche die Sonne heute gesehen hatte, und sie hielt noch ein wenig still auf ihrer Bahn, ehe sie hinter die Berge hinabsank, schob den roten Wolkenvorhang zur Seite und schickte alle ihre Strahlen in des alten Mannes Herz.

Einen Goldmacher nannte man ihn und Jünger geheimer Wissenschaften; und sie hatten recht, die ihn so nannten, aber das Gold, das er zauberte, quoll als wunderbare Melodie aus metallenen, tönenden Röhren, und seine Kunst war das Arkanum, das die Menschen genesen machte von allem Leid und Elend der armen Tageswelt, wenn sie des guten Willens waren und ihm lauschen wollten; aber er bedurfte ihrer nicht, und just in der Einsamkeit erklangen seine Töne am schönsten und reinsten und trugen ihn empor zu jener weltentrückten Versunkenheit, die nur der Künstler kennt.

Da waren die Bässe, tief und feierlich – sie schienen ihm gleich würdigen alten Männern mit grauem Bart und schleppenden Talaren; ihr ernster Schritt gab der Melodie Zeitmaß und Nachdruck und 100 geleitete sie sicher auf den verschlungenen Pfaden des Kontrapunktes. Und die Töne der Mittellage, die den bunten Reigen des Liedes führten, sie waren Männer und Frauen auf der Höhe des Daseins, sich freuend an ihrer Kraft und Gesundheit; die hohen Töne aber glichen spielenden Kindern, sie tanzten und hüpften im Ringelreihen um die Melodie, lachten, kicherten, schlugen Purzelbäume in ungebändigter Lebenslust; und das alles zog dahin wie ein Festzug aus vergangenen glücklichen Zeitaltern, da man die Götter im blauen, seligen Himmel nicht besser zu ehren meinte, als wenn man ihnen die Blüte des Volkes zeigte in Schmuck und Schönheit.

Der alte Mann an der Orgel schlug den Blick zur Decke des Raumes empor und zog das Register der vox humana; da hob sich ein Lied, traurig und schön wie eines verlorenen Volkes Sehnsucht nach der Heimat, mahnend, tröstend und verheißungsvoll wie Heilandsworte, ein Lied seines Meisters Palestrina.

So hatte Mathias Thurneisser den entsetzlichen Krieg überstanden; in seinem lichten Reich, das nicht von dieser Welt war, gab es keinen Tod und keine blutenden Wunden; ewiger Frieden herrschte dort und heimlicher Trost, und oftmals hatte die ganze Gemeinde noch lange, lange nach Messe und Gebet seinen Offenbarungen gelauscht; die armen, durch ihr Elend stumpf und müde gemachten Menschen blieben auf den Knien liegen und ihre Herzen füllten sich mit der Ahnung einer besseren Welt.

Und so sprach er sich selber nun neue Hoffnung 101 und neuen Trost zu; die goldenen Heiligen lauschten verzückt, die Engel auf dem Tabernakel hielten den Atem an und eine Schwalbe schoß durch das gebrochene Fenster in die Kirche, zwitscherte über dem Hochaltar, kehrte im Fluge um, mit ausgespannten Flügeln wiegte sie sich in der von den brausenden Tönen erregten Luft.

Aber nun war die Sonne müde.

Sie sank hinter den Wolkenschleiern nieder, und violette Dämmerung ergoß sich in das Kirchenschiff. Draußen aber blühte wie eine Wunderblume am dunkelblauen Himmel der weiße Mond. 102

 


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