Egid Filek
Die wundersame Wandlung des Herrn Melander
Egid Filek

 << zurück weiter >> 

VII.

Es geschah an einem nebligen Vormittag, wenige Wochen nach dem Einzuge Herrn Melanders in seine neue Wohnung, daß Balthasar Thorn wieder einmal das geliebte Wiener Pflaster unter seinen Füßen spürte.

Besagte Füße waren bestaubt und müde von langer Wanderung und hatten ihn diesmal nicht so leicht und sicher durch die bunte Welt getragen wie sonst, denn die kaum vernarbte Wunde am Knie meldete sich gar oft und zeigte alle Witterungsschwankungen in viel genauerer Weise an, als es Balthasar lieb war; aber gottlob, man war angelangt, man konnte in einer billigen Herberge sein Leibliches stärken und pflegen, und vor allem, man war in den sicheren Mauern einer geruhigen Stadt und nimmer draußen unter beutehungrigem Gesindel, wo einer dem andern den Tabak aus dem Beutel stahl.

Und das Wiener Pflaster war noch immer so schlecht und spitzig und voll steiler Felszacken und tiefer Löcher wie damals vor Jahresfrist, als Balthasar darauf seine Kunst und Lebensstudien trieb; aber es trug auch noch die gleichen bunten, beweglichen Gestalten, hübsche junge Dirnen liefen mit kleinen Füßen anmutig darüber hin, Sänftenträger eilten mit ihrer Last an den Häusern entlang und die 103 vergoldeten Räder plumper, prunkender Staatskarossen rollten durch die Straßen; und als Balthasar mit langsamen Bummelschritten bis auf den Stephansplatz gekommen war, wo der Markt tobte und der große nördliche Halbturm, der niemals fertig ward, weil der Bauhütte immer wieder das Geld ausging, dick und unförmlich in den blauen Himmel ragte, da dachte er des lateinischen Sprüchleins »ubi bene, ibi patria«, und beschloß, solange zu bleiben, als der schmale Beutel es gestattete.

In einem kleinen Gasthof unweit der Stadtmauer fand er ein leidliches Quartier; es hieß »Zum grünen Lindwurm« und besaß ein grell gemaltes Schild, das einen erschrecklichen Tatzelwurm mit rollenden Augen darstellte, eine hübsche, mollige Wirtstochter, mit der Balthasar schon vor Zeiten seine Kurzweil gehabt, und eine schöne Aussicht auf den Stock im Eisen, in den die reisenden Handwerksburschen unter frommen Sprüchlein ihre Nägel einschlugen, um Gott zu danken für glückhafte Wanderschaft.

Herr Balthasar Thorn wusch sich den Staub der Landstraße vom Leib, putzte sich so gut er konnte, und begab sich sodann in die Alservorstadt, um dem vornehmen Gönner, der ihm bei seinem letzten Aufenthalt in Wien manchen kleineren und größeren Verdienst zugewendet, seine submisseste Aufwartung zu machen.

Vor einem Schlößchen, das sich am Ufer der Alser inmitten von kleinen, gartenumrauschten Bürgerhäusern erhob, blieb er stehen und heischte Einlaß. Der Pförtner geleitete ihn durch den Vorpark in die Halle, bedeutete ihm, daß Seine gräfliche 104 Gnaden nicht zu sprechen wären, daß aber der Herr Sekretarius sofort erscheinen wolle; und nachdem er noch einen zweifelnden Blick auf den Fremden geworfen und einem der herumlungernden Diener mit bedeutsamem Augenwinken Wachsamkeit empfohlen, entfernte er sich schlürfenden Schrittes.

Balthasar Thorn sah sich in der holzgetäfelten Halle um; sie war mit seidenen Spaglieren und Wandteppichen geschmückt, venezianische Spiegel glänzten an den Wänden, Waffen und bemaltes Gerät heidnischer Völker hing da und dort herum; in einem Glaskasten stand ein ausgeblasenes Straußenei und schöne perlmutterschimmernde Muscheln zur Schau, auch ein marmornes Frauenbild mit abgeschlagenen Armen war da, lauter Dinge, die der Herr Graf auf seinen weiten Reisen selbst gesammelt hatte. Auf dem Tische lag ein Foliant mit Kupferstichen aufgeschlagen; »Trutznachtigall« stand auf der ersten Seite, und Herr Friedrich von Spee, Professor der Theologie in Würzburg, hatte es als das trefflichste seiner Werke mit einem langen Zueignungsspruch in lateinischen Hexametern dem Herrn Grafen zusenden lassen.

Da rauschte irgendwo ein Vorhang, und herein trat der Herr Sekretarius, händereibend und mit verbindlichem Lächeln, in der Meinung, ein vornehmer Gast sei gekommen; aber das Lächeln erstarrte zu kühler Höflichkeit, als sich Balthasar Thorn erhob und seinen Spruch begann:

»Herr Magister, ich lege Euch und dem gnädigen Herrn Grafen meine Devotion zu Füßen und stelle 105 meine bescheidene Kunst wiederum wie im vergangenen Jahre zu dero gnädigster Disposition. Erinnert Ihr Euch meiner noch?«

»Hm, ja, ja . . .« erwiderte der Sekretär und rieb sich die Stirn, »Herr Balthasar Thorn, nicht wahr? Seine gräfliche Gnaden befinden sich in Audienz bei Seiner Majestät, werden indessen bald zurückkommen. Wohl möglich, daß Er hier bei uns Arbeit für seinen Pinsel findet, Herr Balthasar. Denn es wird ein geschickter und verständiger Maler gesucht, der für die gräfliche Kunstkammer in einer Reihe von Bildern die Aventüren malen soll, so unser gnädiger Herr auf seiner Campagne im Elsaß erlebt. Ist er doch bei mancher Bataglia dabei gewesen und hat ein Kommando im kaiserlichen Heere mit großem Sukzeß geführt. Und wenn ich nicht irre, so hat er jüngst von Ihm gesprochen, und wäre vielleicht geneigt, Ihm die Arbeit zu übertragen. Da ist Er denn just zu günstiger Stunde gekommen – ja, hm, hm.«

Und wieder kam ein Lächeln über das Pergamentgesicht des Sekretärs gezogen, diesmal etwas freundlicher als vorhin; denn von Balthasars Wesen strömte so viel Frische und Lebenslust aus, und sein krausgelockter Bubenkopf saß so keck auf den Schultern und seine Augen sahen mit solch unbefangenem Frohsinn in die Welt, daß auch die eckigsten Pedanten unwillkürlich davon angesteckt wurden.

Aber ehe er noch imstande war, seinen Dank für das ihm gnädigst geschenkte Zutrauen auszusprechen, fuhr der Sekretär herum und verneigte sich tief vor dem eben eintretenden Herrn. 106

Der Graf war noch in großer Gala von der Audienz her; er strahlte von goldenen Tressen, scharlachrotem Samt und guter Laune, denn er war soeben von Ferdinandus dem Dritten, König von Böhmen und apostolischem König von Ungarn, zum Kammerherrn und zur wirklichen Exzellenza ernannt worden und hatte zum giftgrünen Neid der Hofschranzen Seiner Majestät die Hand küssen dürfen.

Er war ein Herr von nahe an fünfzig Jahren, weltmännisch und sicher im Auftreten und schon ein wenig angekränkelt von der Hofluft, die auch stärkere Persönlichkeiten verdarb als die seinige.

»Ei, da ist ja unser geheimer Hofmaler«, sagte er mit einem prüfenden Blick auf Balthasar, dessen Reverenz kaum weniger tief ausfiel als die des Sekretärs, und reichte ihm leutselig die schmale, mit kostbaren Ringen geschmückte Hand. »Und was bringt Er uns Gutes? Will uns etwa wieder ein Fräulein abkonterfeyen, he?«

»Ich würde mich glücklich schätzen, wenn mich die Gnade meines Herrn wieder mit einem Auftrag beehren täte.«

»Mit Permeß von Ihro Gnaden«, bemerkte der Sekretär in wohlwollendem Tone, »habe ich dem Herrn Maler bereits mitgeteilt, daß seiner Kunst bei uns vielleicht eine hohe und würdige Aufgabe wartet . . .«

»Daran habt Ihr recht getan. Also wie Er weiß: es handelt sich um zehn bis zwölf Gemälde, die meinen Feldzug im Elsaß der Nachwelt überliefern sollen. Ist Er bereit und willig, den Auftrag zu übernehmen?« 107

Balthasar Thorn antwortete durch eine stumme Verbeugung.

»Dann mag Er sich gleich an die Arbeit machen. Hat Er in unserer Stadt schon Quartier genommen?«

»Euer Gnaden zu dienen, in einem Gasthof unweit Sankt Stephan.«

»Es ist mir konvenabler, wenn Er hier in meinem Schlosse sein Losament hat,« erwiderte der Graf nach kurzem Besinnen, »der Kammerdiener wird Ihm das blaue Zimmer einrichten und der Herr Magister Genaueres sagen, wie die Bilder gemalt werden sollen, um zu meiner übrigen Sammlung zu passen. Nun aber mag Er uns noch ein Weniges von seinen Aventüren berichten. Er sieht blaß. War Er marode oder gar blessiert oder hat Ihm der Feind sonst irgend einen schlimmen Denkzettel angehängt?«

Der Graf ließ sich in einem Armsessel nieder und lud Balthasar mit leutseliger Handbewegung ein, sich gleichfalls zu setzen. Der Kammerdiener brachte Wein. Mit großem Interesse lauschte der gnädige Herr dem Bericht des Malers, der voll Witz und Laune von den wechselnden Schicksalen seiner Landstörzerfahrt erzählte und es dabei nach Art aller fahrenden Gesellen mit der Wahrheit nicht allzu genau nahm.

Besonders das Abenteuer auf dem Schlosse Eggenfeld erregte seine Teilnahme; er schüttelte oftmals den Kopf und sagte halblaut vor sich hin: »Merkwürdig, höchst merkwürdig . . .«

»Und Er weiß bestimmt, daß Melander zu Geislingen es war, der ihn so übel zugerichtet?«

»So lautet sein Name. Indessen muß ich der 108 Wahrheit zur Ehre sagen, daß er nachgerade so gut an mir gehandelt hat, als ein Christenmensch nur immer kann.«

»Solches freut mich zu hören«, erwiderte der Graf. »Er muß mir noch mehr von jenem Herrn Melander berichten . . . Was soll's, Herr Magister?«

Der Sekretarius war eingetreten mit der Meldung, daß für Balthasar das blaue Zimmer instand gesetzt worden sei.

Der Graf erhob sich:

»Nun mag Er sein Quartier in Augenschein nehmen, und wenn Er irgendwelche Wünsche hat, sie getrost unserem Herrn Sekretarius mitteilen. Zur Abendtafel ist Er mein Gast. Bis dahin Gott befohlen.«

Das Zimmer entsprach den Wünschen Herrn Balthasar Thorns aufs beste, und sehr befriedigt beurlaubte er sich bei dem Sekretarius, um sich zunächst in den »Grünen Lindwurm« zu begeben und dem Herbergsvater das eben aufgenommene Zimmer wieder zur Verfügung zu stellen.

Der schien nicht übel damit zufrieden, da er mit Gästen von der Art Balthasars schon genugsam üble Erfahrungen gemacht hatte; minder froh war die hübsche, rundliche Marie, indessen versprach ihr Balthasar, daß er oftmals des Abends kommen würde, um auf der großen Gitarra, die ein fahrender Student einst an Zahlungsstatt dem Wirt zurückgelassen, kecke Soldaten- und Liebeslieder zu spielen, worauf er sich vortrefflich verstand. Da war die Marie getröstet, und es freute auch den Wirt, der sich von 109 dem lustigen Geklimper und Gesinge neuen Zufluß von Gästen versprach; er überwand sein Mißtrauen und stellte Herrn Balthasar für jeden Abend, an dem er im Gastzimmer singen wolle, einen großen Humpen Freibier in sichere Aussicht; und nachdem ihn die Marie, als Vorschuß auf künftige Freuden, gar holdselig angeblickt und mit ihrer warmen kleinen Hand ein wenig seinen breiten Nacken gekraut hatte, wie man es einem braven Haustierchen tut, mit dessen Leistung man zufrieden gewesen, entfernte sich Balthasar in fröhlichster Stimmung.

Schon am nächsten Tage begann er mit den Vorarbeiten zu dem großen Werk, das ihm aufgetragen war; und bald hatte er sich sein Losament zur Werkstatt eingerichtet, zum stillen Entsetzen der Diener, die von seinen Ölnäpfen und Farbentuben unaustilgbare Schäden für Tapeten und Möbel fürchteten; das Licht fiel durch ein breites Fenster auf der Nordseite herein, niemand durfte ihn bei seiner Arbeit stören, Farben und Leinwand konnte er auf Rechnung des Grafen bestellen nach Herzenslust – noch niemals hatte er so fröhlich und sorglos aus dem Vollen schaffen können; und so gedieh denn das Werk vortrefflich, in wenigen Wochen war die Hälfte der Bilder ganz oder teilweise vollendet, ein bunter Reigen lebhaft bewegter Gestalten, der nach Jahrhunderten noch den späten Nachkommen jene Heldentaten zeigen würde, die der Herr Graf bei seinen Lebzeiten niemals vollbracht hatte; hier sah man ihn ernst und würdevoll zum Kampf ausreiten, von den Segenswünschen der Daheimgebliebenen geleitet, 110 dort saß er in seinem Zelt, beim Kerzenlicht über Landkarten brütend, auf anderen Bildern sprengte er hoch zu Roß durch eine unwahrscheinlich dicke Wolke von Pulverdampf, während rechts und links Pikeniere gegen den Feind stürmten, der in regelloser Flucht das Weite suchte; aber auch seine Großmut und Herzensgüte ward recht deutlich sichtbar, wenn er gefangenen Feinden Verzeihung gewährte oder auf die Fürbitte weinender Frauen und Kinder von der Plünderung eines Dorfes Abstand nahm.

Das alles stand gar schön und erhebend auf der geduldigen Leinwand, goldumrahmt und mit erklärenden Unterschriften und Texten versehen, zur Zufriedenheit des hohen Auftraggebers.

Zog man von jener Apotheose alles ab, was der gefällige Pinsel und die Dienstbeflissenheit Herrn Balthasars dazugeschmeichelt hatten, so blieb nur soviel an historischer Wahrheit übrig, daß der Graf allerdings an einem Feldzug im Elsaß gegen die Franzosen teilgenommen hatte, aber nicht unter den Pikenieren oder verlorenen Haufen, sondern weiter hinten in den Zelten der hohen Offiziere, wo der Krieg ein ganz anderes Gesicht zeigte als vorn bei der Mannschaft; Muskat und Malvasier waren gut und die Weiber frech und schön, man führte den Krieg um des Krieges willen, wie einen aufregenden Sport, und fragte längst nimmer darnach, ob einer lutherisch oder papistisch, französisch oder habsburgisch war.

Und so war denn Herr Balthasar eines schönen Tages eben dabei, den Grafen zu malen, wie er, ausruhend nach gewonnener Schlacht, im Schatten einer 111 Eiche lag, von seinen Getreuen umgeben; ein weißes Windspiel schmiegte sich an ihn und ließ sich den feinen Kopf streicheln, die Offiziere machten ernste Gesichter, als hätten sie eben kluge und bedeutende Worte gesprochen, und im Hintergrund sah man fliehende Feinde zu Fuß und Roß, so klein gemalt, wie es ihrer Bedeutungslosigkeit entsprach, da es ja eben nur Feinde waren. Balthasar Thorn war ganz bei der Sache, malte unermüdlich drauf los und rauchte aus einer kurzen Stummelpfeife dazu, er hatte sich das neue Laster bei Meister Teniers in Holland angewöhnt.

Zu derselben Zeit aber lag der Herr Graf, in die Kissen eines weichen Sofas gelehnt, in einem kleinen, stillen, einsamen Zimmer, und was sich an ihn schmiegte, war kein Windspiel, sondern ein schönes, vollreifes Weib mit blassem Gesicht und dunklen, unsteten Augen. Ein Zug von leiser Melancholie schwebte um den feingeschnittenen Mund, wie er jenem Lebensalter eigen ist, das die Polhöhe des Daseins schon überschritten hat.

Sie hatte seine Hand ergriffen und spielte lässig mit den kühlen, ringgeschmückten Fingern, während die Bäume des Gartens mit grünen Zweigen an die Fenster klopften und Blumenbeete ihre süßen Düfte emporsandten wie Opferdampf.

Das Weib blickte in den Schoß und horchte auf die Worte des Mannes an seiner Seite.

Der Mann sprach, wie einer zu sprechen pflegt, der in reifen Jahren noch einmal die Flammen des Lebens und der Liebe in seinem Herzen 112 emporflackern fühlt. Noch einmal – vielleicht zum letztenmal . . .

»Seit jenem Tage aber kreisen meine Gedanken um Euer Bild, und vor ihm erbleichen alle die glänzenden Frauen, die ich zum Reigentanz an den Festen des Kaiserhofes bei der Hand genommen habe im Glanz der Lichter und im Rauschen der Musik. Wollt Ihr noch immer nicht glauben, daß ich Euch liebe wie noch kein Mann auf dieser Erde Euch geliebt hat, o Madonna?«

»Es ist nicht deshalb,« sagte sie leise und zog ihre Hand aus der seinigen, »aber Ihr wisset doch, wie es um mich steht. Irgendwo da draußen in der weiten, wilden Welt lebt einer, dem hab' ich mich einst versprochen vor Jahren, und wenn der nun wiederkommt und mich fragt, ob ich ihm die Treue gehalten – was sollt' ich ihm antworten?«

»Wer sagt Euch, daß er noch lebt? Hätt' er nicht Zeit genug gehabt, Euch zu suchen? Nein, Madonna, dessen könnt Ihr sicher sein: er wandelt nimmer auf dieser Welt, sonst wüßtet Ihr mehr von ihm, als daß Ihr einst im Rausch der Jugend Euer Herz an das seinige gehängt . . .«

Sie schüttelte den Kopf und sah träumend ins Leere.

»Und doch ist mir, als müßte er noch am Leben sein. Im Traum seh' ich manchmal sein dunkles Gesicht und höre seine Stimme, und ich muß glauben, daß er mir ein Zeichen gibt, auszuharren, bis er kommt. Nein, er kann nicht tot sein . . . nein . . .« 113

Der Mann atmete tief und schwer und seine Stimme dämpfte sich zum Flüstern, als er sprach:

»Und wenn er noch lebt: wer sagt Euch, daß er nicht längst eine andere gefunden hat? Denkt nur, wie er eben jetzt vielleicht im Kreise der Seinen sitzen mag, von Kindern umgeben, die seine und eines fremden Weibes Züge tragen, und wüßt' er von Eurem törichten Sehnen, er zuckte die Achseln und lächelte voll Spott und Mitleid? Und dieweil lebt einer an Eurer Seite, dem Ihr Euch versagt um eines Wahnes willen, und der Euch doch glücklich machen will, so glücklich, als nur die Liebe kann! Nicht mir sollt Ihr gewähren, was des Lebens höchste Lust und Freude ist, sondern Euch selbst!«

Er schwieg. Sein Atem ging durch die Stille des Zimmers wie ein leises Seufzen, und sie erkannte wohl, daß es ihm ernst war mit seinen Worten. Der kleine Spiegel, der ihr gegenüber hing, zeigte ihr das Bild eines Weibes von dreißig Jahren, dessen Blut noch immer gar warm und rasch durch die Adern floß; und wirklich kam ihr in diesem Augenblick der Zweifel an, ob es nicht besser für ihr eigenes Glück sei, zu tun, was tausend andere warmherzige Frauen an ihrer Stelle auch getan hätten, selbst wenn der stürmische Werber minder glänzend, reich und verliebt gewesen wäre.

Minuten vergingen, ohne daß eins zum andern sprach. Sie hielt das glühende Gesicht in den Händen verborgen und hob es nicht empor, als er wieder mit ruhiger Stimme begann:

»Es sei ferne von mir, Euch zu quälen, 114 Madonna . . . Vernehmet meinen Antrag. Heute nachts wird vor dem kleinen Gartenpförtchen ein Wagen warten, von der Mitternachtsstunde bis zum Morgengrau, und wenn Ihr ihn besteiget, wird er Euch auf eines meiner Schlösser bringen, wo alles gerüstet ist zum würdigen Empfang einer stolzen und schönen Herrin. Und alles, was Euer dort wartet, wird Wirklichkeit sein, schöner und herrlicher als Eure buntesten Träume . . . Ihr sollet mir nicht antworten, nicht Ja und nicht Nein – heute nachts will ich mir erst die Antwort holen, an der kleinen Gartenpforte . . . Dort will ich Euer harren von Mitternacht bis zum Morgengrau. Lebt wohl!«

* * *

Es geschah in der Nacht, die jenem Gespräch in dem einsamen, gartenbaumumrauschten Zimmer folgte, daß Herr Balthasar Thorn einen jähen Schreck empfand, und das just in dem Augenblick, als er sich mitten in der sehr lauten, weinseligen Gesellschaft im Hinterzimmer des »Grünen Lindwurms« eng an die runde Marie drückte und während des erfreulichen Gegendruckes ihrer fülligen Arme gewahr wurde, daß er den Brief, den ihm Herr Melander so sehr auf die Seele gebunden, noch immer unbestellt in der innersten Tasche seines Wamses mit sich herumtrug.

Doch beruhigte er sich alsobald in dem festen Vorsatz, das Schreiben morgen früh bestimmt in der Himmelpfortgasse abzugeben, denn heute war das wirklich ganz unmöglich; die Stimmung war sehr gehoben, der Hauptmann der Stadtguardia mit fünf 115 von seinen Rumorknechten saß da und unterhielt sich köstlich bei den Liedern und Kanzonetten des lustigen Malers, hatte auch ein Faß Malvasier zum besten gegeben und zechte wacker drauf los.

Freilich war die Sperrstunde längst überschritten, aber da man sich in einem verschlossenen Raum befand, und die Stadtwache, die für strenge Einhaltung der Vorschriften zu sorgen hatte, selbst unter den Spektakelmachern saß, so war man vor Strafe und Verfolgung gesichert.

Der Hauptmann, ein eisgrauer Kerl mit einem zerhackten und zersäbelten Gesicht, der den ganzen großen Krieg mitgemacht hatte, begehrte ein neues Lied, aber eines vom stärksten Kaliber, der vorgerückten Stunde und dem feurigen Wein angepaßt; und Herr Balthasar stimmte die Saiten der großen Gitarra aufs neue und gab einen Kantus zum besten, bei dem sich die Marie die Ohren zuhielt – wenigstens tat sie so – und der »Grüne Lindwurm«-Wirt vor Lachen bersten wollte, während die fünf Rumorknechte mit den Fäusten auf den Tisch hämmerten und der Hauptmann behaglich schmunzelnd das Gesicht verzog.

Balthasar sang, trank und spielte, und spielte und trank wieder, schob seinen Arm um die Hüfte der Marie und dachte: Meister Teniers, das Bild solltest du sehen, das geht noch über deine Bauernkirmes!

Als er aber am nächsten Tag mit arg schmerzendem Kopf erwachte, war ihm jede Erinnerung an seinen Vorsatz entschwunden, und er gedachte des Briefes erst dann, als er wieder still und fleißig vor 116 seiner Staffelei saß; und weil der nächste Tag ein Sonntag war und im Stift niemand empfangen wurde, vergingen weitere vierundzwanzig Stunden, bis endlich Herr Balthasar unter heftigen Selbstanklagen sich nach der Himmelpfortgasse aufmachte und bescheiden die Klingel zog.

Aber die Pförtnerin teilte ihm mit, daß die Demoiselle Belinda von Hochhaim nicht mehr hier weile, und niemand wisse, wohin sie sich gewendet.

Da hielt sich Balthasar Thorn seiner Pflicht ledig und schickte Herrn Melander den Brief mit der kaiserlichen Post nach Eggenfeld zurück, nebst schönen Grüßen an ihn und Doris und Mathias Thurneisser; aber er gebrauchte die Vorsicht, das Schreiben so stark zurückzudatieren, daß man seines sträflichen Leichtsinnes nicht inne ward. Und da er nicht die Absicht hatte, jemals wieder nach Eggenfeld zurückzukehren, und sein zerschossenes Knie im Laufe der Zeit völlig geheilt ward, verblaßte das Abenteuer von damals in seiner Erinnerung wie ein Morgentraum. 117

 


 << zurück weiter >>