Egid von Filek
Fresken
Egid von Filek

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Blumenmädel.

Sie streicht langsam an der Fassade eines großen, modernen Zinshauses auf und nieder und bietet ihre Ware an.

»Kaufen's Veigerln, schöne Rosen, gnä' Herr . . .«

Sie sagt es mechanisch vor sich hin, immer im gleichen Tonfall, fünfmal in der Minute. Das blaue Kopftuch hat sie aus der Stirne geschoben, daß die braunen Haare zu sehen sind. Denn es ist ein heißer Tag. Um ihre dunklen Augen liegt ein leichter Schatten. Sie ist auch nicht mehr ganz jung. Und doch . . .

In dem flachen Körbchen, das sie vor sich hinhält, liegen Rosen, rote und gelbe, volle und halbgeschlossene, Veilchen und Tuberosen mit ihrem sündhaft süßen Duft. Die sind auch aus der Muttererde losgerissen, haben hie und da welke Blättchen, werden von den schmutzigen Fingern der Käufer betastet und neigen die 49 Knospenköpfchen matt auf die Seite . . . und sind doch noch schön.

Unter das große Haustor tritt jetzt ein junger Kommis, ein kräftig gebauter, hübscher Kerl mit einem roten Naturburschengesicht, das Hemd frisch gestärkt und die Haare feucht gebürstet. Er steckt beide Hände in die Hosentaschen und pfeift einen Gassenhauer. Jedesmal, wenn das Mädel an ihm vorbeikommt, hört er auf und blickt ihm einen Augenblick nach. Dann pfeift er weiter.

Der ungeheure Menschenstrom der Großstadt flutet an ihnen vorüber.

»Kaufen's Veigerln, schöne Rosen, gnä' Herr . . .«

Der alte Herr Wassermann kommt dahergestiegen. Er schiebt das Monokle ins Auge, öffnet langsam den Mund zu einem »Äee« und steckt den Spazierstock unter den Arm.

»Was kosten – äh – Rosen, schönes Kind?«

»Zehn Heller 's Stück, gnä' Herr.«

Sie sucht mit den schlanken, spitzen Fingern in dem Körbchen herum. Die weißen Fingerglieder tauchen zwischen den grünen Blättern auf und nieder. Herr Wassermann betrachtet ihren Oberkörper. Sein Gesicht bekommt viele kleine Fältchen und seine Lippen verziehen sich wie die eines lüsternen Fauns.

Er streichelt leise über ihre Finger und nimmt eine Rose. Just eine der mattesten, schon ziemlich 50 verblüht. Aber er sieht sie gar nicht an. Langsam und großmütig greift er in die Tasche und zieht eine Krone heraus, die er in ihre Hand drückt. Wie sie herausgeben will, wehrt er protzig ab.

»Vergelt's Gott tausendmal, gnä' Herr.«

Sie sagt es müde und gleichgiltig.

Schmunzelnd zieht sich Herr Wassermann zurück und betrachtet das Mädel von der nächsten Straßenecke aus. Er ist überzeugt, daß er Eindruck gemacht hat. Man muß diese Weiber kennen. Mal warten . . . . nachsteigen . . . . ää . . . .

Und er schmunzelt aufs neue mit seinen wulstigen Lippen.

Der junge Kommis bei der Haustür hat sich unterdessen eine Cigarette angezündet und bläst den Rauch von sich.

»Gehns, schenken's mir a Rosen, Fräuln.«

Das Mädchen blickt auf, sieht dem Burschen einen Moment lang ruhig ins Gesicht und reicht ihm eine der schönsten Theaknospen hin. Ihre Augen begegnen sich in einem flüchtigen, lächelnden Blick; und weil er die eine Hand in der Hosentasche hat und mit der andern die Cigarette hält, so steckt sie ihm selbst die Rose ins Knopfloch.

Und das verlebte, müde Gesicht des Mädels wird mit einem Schlag um zehn Jahre jünger und schöner. 51

Herr Wassermann hat alles gesehen. Die Falten in seinem Gesicht verschwinden, der breite Mund bleibt einen Augenblick offen stehen – dann rafft er sich mit einem plötzlichen Ruck auf, scharrt mit dem Spazierstock das Pflaster und macht Kehrt.

Eigentlich ist es doch unter seiner Würde, sich mit solchen Weibern abzugeben. Pack bleibt halt Pack . . .

Er schreitet würdevoll weiter und fühlt sich plötzlich ganz Gentleman.

»Kaufens Veigerln, schöne Rosen, gnä' Herr . . .« 52



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