Egid von Filek
Fresken
Egid von Filek

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Im Staub.

Das blasse Resedasträußchen auf meinem Schreibtisch steht in einer kleinen Vase aus dunkelblauem Glas.

Wenn die Sonnenstrahlen schräg zwischen den Vorhängen auf die Vase fallen, so funkelt es drinnen tiefblau, als läge ein Saphir auf dem Grunde des Gefäßes.

Und wenn ich von der Arbeit ermüdet bin, lehne ich mich in den Stuhl zurück und betrachte die kleine stille Blume, die aus einem wüsten Durcheinander von Papierfetzen und abgegriffenen Büchern emporsteigt.

Und dann muß ich an dich denken.

Es war ein schwüler, heißer Augusttag. Hinter einem dünnen Wolkenschleier stach die Sonne wie mit Pfeilen auf die Stadt herab. Die Straßen dehnten sich faul, trübe und dunstig; auf allen Trottoirs, auf allen Rockkrägen, Schuhen 14 und Hutkrempen lag der feine, träge Staub, der in dieser Stadt so grau und häßlich ist; er quoll unter den Füßen der Spaziergänger empor, er flimmerte in der schwülen, zitternden Luft.

Da kamst du des Weges daher mit deinem glücklichen Kindeslächeln, frisch und duftig, wie eine eben gebrochene Blume, von der die Tautropfen rollen. Deine kleinen, glänzenden, gelben Schuhe trippelten durch den Staub; du hobst das weiße Spitzenkleid, und ich wagte nicht, deine Füßchen anzublicken.

Im Rinnstein balgten sich zwei häßliche, fette Hunde. Sie wälzten sich in einer Wolke von Staub umher, bissen sich gegenseitig in die geifertropfenden Mäuler, leckten sich mit ihren mißfarbenen Zungen und legten ihren Trieben keinen Zwang auf.

Die Leute lachten. Eine dicke alte Vettel mit rotem Gesicht stemmte die Arme in die Seiten und kicherte, als ob sie ersticken wollte. Jetzt gab ein Fleischergeselle, um dessen blutigen Rock große Schmeißfliegen surrten, der Hündin einen Tritt mit seinem schweren Stiefel. Das Tier heulte laut auf. Die schwitzenden, roten Gesichter grinsten brutal.

Du aber bliebest stehen, klatschtest in die weißbehandschuhten Händchen und lachtest . . . . so silbern und herzig, wie nur du auf der ganzen Welt lachen kannst. 15

»Ach, sieh doch, wie die kleinen Hündchen spielen!«

Und die brutalen, stumpfsinnigen Gesichter lachten wieder. Der Fleischergeselle betrachtete dich mit einem lüsternen Seitenblick und stieß die alte Vettel in die Seite.

Da zog dich deine Schwester leise am Arm.

»Komm!«

Ich sagte kein Wort zu dem allen.

Aber ich bat dich um das kleine Resedasträußchen an deiner Brust.

Die stille Blume steht noch auf meinem Arbeitstisch und gießt ihren keuschen Duft über alles, was ich schreibe . . . . 16



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