Egid von Filek
Fresken
Egid von Filek

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Nachtfest.

In dem großen, strahlenden Saale mit seinem frischen Blumen- und Girlandenschmuck, seinen goldverzierten weißen Wänden und dem spiegelglatten Boden, der den Glanz von tausend Glühlampen zurückwirft, feiern sie heute Nacht ein Fest.

Die Musiker auf der hohen Estrade stimmen ihre Instrumente. Ein flimmerndes Geräusch von Tönen, Baßgeigenstriche, Saitenzupfen – plimm – plom – plum –. Noch hat das Fest nicht begonnen. Alles ist voll Erwartung, voll verhaltener Freude. Die jungen Mädchen mit frischen duftenden Blumen im Haar wandeln paarweise auf und nieder und flüstern und lachen. Die Herren bilden Gruppen in der Mitte und mustern die Gäste. Und hin und wieder schlendern sie hinaus in den Park, wo zwischen alten Bäumen die langen bunten Perlenschnüre der Lampions 2 herabhängen und im lauen Winde auf- und niederschaukeln.

Ich stehe allein droben auf der Galerie des Saales und blicke zwischen den großen Säulen aus rotem Porphyr hinab. Von den plaudernden Paaren da unten schweift mein Auge zu dem großen Freskobilde an der Hinterwand des Saales. Es stellt einen Maientanz unter der Dorflinde dar. Junge Dirnen mit Blumenkränzen im Haare führen mit den Burschen einen Reigen auf. Der alte bucklige Spielmann streicht die Fiedel, die Alten sitzen hinter den Weinhumpen und sehen zu, und der alte Krüppel dort rückwärts zählt seine Almosen. Rechts vorne hält sich ein liebendes Paar umschlungen, und im Hintergrunde steigt der Kirchturm des Dorfes in den tiefblauen Himmel; ein paar Kreuze ragen drüben über die Friedhofmauer, dort, wo der dunkle Efeu emporklettert. Und unter dem Bilde stehen die Worte Herrn Walters von der Vogelweide: »Müget ir schowen waz dem meijen wunders ist beschert?« Um sie herum schlingt sich ein schwarz-rot-gelbes Band.

Sie haben keine Zeit, nach dem Bilde zu sehen, sie, die da drunten lachen und scherzen und sich ihrer kurzen Spanne Lebenszeit freuen. Und doch sind sie Kinder derselben ewigen Mutter Erde, wie jene, die einst hier tanzten 3 unter den Linden auf der Heide, dieselbe Sonne hat ihnen geschienen, dieselbe laue Frühlingsnachtluft ihre liebeheißen Wangen geküßt. Und in langen, langen Jahren wird an dieser Stelle ein anderes Haus stehen, größer und prächtiger, und in seinen lichten Räumen werden schönere und freiere und gottähnlichere Menschen dahinschreiten und Feste feiern, Feste der Schönheit. Und da droben, wo ich jetzt bin, steht wohl ein Größerer, Besserer als ich, und blickt nach den Gestalten meiner eigenen Tage, die einer von Gottes Gnaden aus der Flut der Zeit als Freskobild auf jene weißen Wände gerettet, und sie reichen ihm über die Kluft dunkler Jahrhunderte herüber die Hand.

Die Mädchen dort unten in der Ecke lachen und blicken verstohlen zu mir empor. Und die kleine Blonde in dem rosa Kleidchen faßt den runden Arm ihrer Nachbarin und flüstert ihr ins Ohr, während ihr Finger nach mir deutet.

Ich weiß, daß sie mich jetzt einen Träumer nennen, weil ich allein da droben stehe und wie verloren in das bunte Treiben blicke, statt zu tanzen und mich zu amüsieren, wie sie es nennen. Aber sie irren. Sie sind es, die am Leben hinträumen, ohne Ahnung von seiner tausendfarbigen leuchtenden Schönheit, von der sie in scheuem, zagendem Bangen kaum den Duft zu genießen 4 wagen. Sie feiern ihre Feste in starren Hüllen des Leibes und der Seele, sie fürchten sich vor der Sehnsucht ihres eigenen Herzens. Ich aber kenne sie besser, als sie sich selbst kennen. In meinen duftenden, stillen Gärten wandeln sie zwischen mondbeglänzten weißen Rosenbüschen und dunklen Teichen voll Schilf und Wasserrosen, zwischen alten Sandsteingöttern und plaudernden Springbrunnen. Und ihre Seelen schreiten ohne Lügenhüllen und ihre stummen Gesten erzählen mir das Märchen ihres Lebens, das sie vor sich selbst verbergen.

Das junge schöne Weib dort mit den liebesmüden Augen kniet auf dem nassen Fels inmitten des dunklen Teiches zwischen Schilf und grünem Tang, und aus dem Füllhorn, das ihre kleinen weißen Hände emporhalten, plätschert die laue Flut des Springbrunnens auf die marmorschönen Glieder. Die andere dort in dem hellblauen Kleide lehnt an einem jungen Baum und streut seine weißen Blüten in das dunkle Wasser und träumt – – einen süßen, traurigen Traum von dem, der da kommen soll . . . . . Und die sinnende Schwester neben ihr streckt die Hände den Sternen entgegen, und die schwellenden Arme steigen in die Nacht empor wie ein ferner Hornruf aus dem einsamen Wald. Und dort die kleine Fünfzehnjährige lacht meinen alten 5 Faun aus Sandstein aus und kitzelt ihn mit ihrem Federnfächer, und das verwitterte Gesicht lächelt so lüstern im Mondlicht . . . . Aber droben am dunklen Nachthimmel jagen windgepeitschte Wolken mit weißen, leuchtenden Rändern; dort eine Stadt mit Zinnen und Türmen, da eine ferne Burg, dort ein Heer von streitbaren Reitern mit Schwert und Schild. Sie bringen die Gäste zu meinem Fest, die zagenden, bangenden Seelen; sie lösen sie mit starken Armen von der Erde und tragen sie in meine einsame Welt, wo sie schwelgen und jauchzen dürfen in ihrer eigenen Schönheit. Und wenn sie morgens im Alltag erwachen, so glauben sie, sie hätten geträumt . . . .

Ich stehe noch immer einsam da droben und schaue in das Gewühl, und umspanne mit einem Blick die Fresken da droben und die Fröhlichen da unten, und ich ahne durch die tausend Hüllen hindurch die ewige Schönheit des Lebens. Und die alte tiefe Sehnsucht des Schaffenden steigt in mir auf, die schwankenden Gestalten meiner Tage zu beschwören und zu bannen in meinem Werke, daß sie in reinen klaren Linien dastehen, wie jene Fresken dort an der Wand; und mein Ohr hört nicht die laute, fröhliche Musik, die jetzt in den Saal schmettert, denn es lauscht nach den leisen, 6 heimlichen Lauten, die hinter den Dingen des Alltags sind.

Und aus den blassen Fresken löst sich dein Bild und schwebt durch den Raum mir entgegen, von weißen Schleiern umflossen, aber seine Augen strahlen mich an durch die duftige Hülle. Komm mit mir, du süßes Bild meiner Träume! Meine Augen brennen vor Sehnsucht nach dir, und meine Arme sind müde vom Ringen um deinen Schatten. Laß uns Hand in Hand die breite Treppe hinuntersteigen und in den Saal schreiten, mitten durch die Fröhlichen hindurch. Sie sehen uns ja nicht in den Zauberhüllen unserer Träume, die sie nicht von unserer Seele lösen können. In meine stillen Gärten wollen wir fliehen, wo die Gestalten meiner Tage auf und nieder wandeln, in meine Welt will ich dich führen, die schöner und herrlicher ist als das arme, staubige Leben des Tages. Ein Fest laß uns feiern, ein hohes Fest des Herzens und der Schönheit . . . .

Tritt in das dunkle, duftende Gebüsch des schweigenden Parkes, wo die Luft so lau und still ist, wo dich niemand sieht als die ewigen Sterne; wirf dein loses Gewand ab, zeige der Mutter Nacht die leuchtende Pracht deines Leibes, und bange nicht vor mir, dem du dich so oft gezeigt hast in der hüllenlosen Nacktheit deiner 7 Seele! Dort steht mein Roß; hörst du sein frohes Wiehern? Es freut sich, daß du seine seidene Mähne streichelst! Schwing dich hinaus und sieh nicht rückwärts nach den verhüllten, schönheitsverlassenen Menschen; laß sie am Fenster stehen und uns nachblicken und wähnen, daß eine weiße Wolke am Himmel hinflieht. Wir sausen durch die Nacht; dein Haar flattert im Winde, die ehernen Hufe meines Rosses schlagen Funken aus den Felsen, und sie fliegen wie Glühwürmchen um uns her und erleuchten den Pfad. Fühlst du, wie der Flieder duftet, wie meine Brust sich hebt, wie meine Seele dir entgegenflutet! Fester, fester schlinge die weichen Arme um mich, daß deine zitternden Brüste meinen Rücken berühren; in weiter Ferne verklingt die Musik, bald hören wir nur noch unsere heißen Herzen schlagen durch die funkelnde, düfteschwere, ambrosische Nacht. 8



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