Heinrich Federer
Spitzbube über Spitzbube
Heinrich Federer

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9

Es war noch schwere Dämmerung, als Heinz und Simon furchtbar nüchtern hintereinander die steile Niklauser Seite der Ranftschlucht hinunterstiegen. Aber Heinz hatte gut geschlafen und fühlte sich so befreit und sicher darüber, was er tun müsse, wie noch nie seit der Heimkehr.

Dieser Österreicher hinter ihm, dieser katzengraue und katzenfalsche, soll heute beim Bruderklaus zuschanden gemacht werden, das gehört ihm, und zwar so vollständig, daß er an den Ranft so gern wie an Sempach denkt. Damit hab' ich dem Moro mehr als genug getan und kann mit Gunst und Ehre nach Mailand zurück, um . . . ah bah, das Weitere läuft von selbst eins nach dem andern weiter wie das Wasser da unten . . .

Die Gipfel vom Geisberg fingen an bleich zu werden, der Himmel graute, feuchte Dünste stiegen fröstelig aus dem Tobel, alles, nicht bloß das dumme Mädchen, auch die ganze heimische Erde, die ihn gestern noch weiß der Teufel mit welchem Zauber berückt hatte, ernüchterte ihn jetzt. Sie machte so ein gewöhnliches langweiliges Werktagsgesicht, daß er gar nicht begreifen konnte, wie er es hier Jahr und Tag aushielte. Dieses Seppeli . . . er sagte es sich mit einer gewissen Scham . . . ist doch noch ein Kind, ein Spielzeug, und dazu ein ziemlich hölzernes, bei dem man nichts von rechtem Leben fühlt. Bei der Peppina lebte und leuchtete alles. Seppelis Lippen sind so hüsch gezackt wie ein junges Buchenblatt, aber bleich und kalt wie Schnee. Peppinas voller Mund ist eine Flamme. Freilich der Welschen, dieser großen, majestätischen Dame fehlt etwas, was das Seppeli hatte. Aber worin dieses Etwas besteht, kann er nicht sagen. Sie ist vier Jahre älter. Etwa das? Schon zuviel Frau? . . . zu reif, zu fertig, wie eine zu weiche Kirsche? . . . zu ergeben? zu . . . zu . . . ach, wie kann er's sagen . . . Oder ich, überrascht er sich plötzlich, ich selber bin vielleicht zu grün, zu unreif, noch zuviel Kind . . . Paperlapa . . . ich geh' ins schöne warme Mailand, bin Hauptmann, exerzier' und marschier' mit meinem Trupp zum Schutz der Stadt und schau derweil zwanzig Wochen lang kein Mädchen mehr an, nicht eines . . . und dann wird sich alles von selbst machen. Aber der Ring! die Peppina! hm . . . Er rollte ein Weilchen das Ohr zusammen, hustete, spuckte kräftig in den Abgrund hinunter und fühlte sich auch ohne Antwort erleichtert.

Hinter ihm blieb der Quicker weit zurück, so daß Heinz immer rufen und warten mußte. Riecht er am Ende gar die Falle? fragte sich Heinz. Er macht ein verdrücktes Gesicht. 's ist verdächtig, wie er immer zurückschaut.

Noch immer wollte es im Tobel nicht recht Morgen werden. Auch im Kopfe des Gesandten dämmerte es unsicher zwischen Tag und Nacht. Er hatte das unheimliche Vorgefühl eines schlecht vorbereiteten Schülers, der in das Examen muß und sieben gegen eins durchfallen wird.

An einer Stelle brach das Weglein ab. Der letzte Regen hatte eine tiefe Rinne fast senkrecht zur Melchaa hinuntergeschnitten. Simon sah entsetzt, wie sein Kamerad mit beiden Händen den Stecken umfaßte und in einem behenden Katzensprung über den Schlipf setzte. Er überlegte einen Moment, ob er nicht umkehren und alles liegen lassen solle, komme, was wolle. Schlimmer als der Tod da unten oder das Gericht da drüben konnte es nicht werden. Denn wirklich, auch die neue weiße Ranftkapelle blickte so strenge und richterlich herüber, daß ihm der Mut völlig zu Wasser ward.

Der Schuft will mir entschlüpfen, dachte Heinz wütend. »He,« schrie er, »nehmt das Herz, perdoni, den Geldsack in die Hände, und herüber!«

»Ich kann nicht, 's ist unnütz, ich kann nicht,« rief Simon schlotternd.

»Der Italiener hat gesagt: sakra! und ist eins, zwei, drei wie ein Bolzen herübergeschossen . . . Wollt Ihr etwa umkehren? Mir ist es gleich.« Heinz warf die Hände gleichgültig auseinander und kam zwei Schritte zum Graben zurück.

»So reicht mir den Stecken herüber . . . so . . . helft!« Mit einem leisen Schrei erreichte Simon das andere Bord.

»Ihr kommt mir vor,« spottete Heinz, »wie einer, der Tag und Nacht seinem Durst nachgelaufen ist, und jetzt, wo er am Brunnen steht und den Becher faßt, bekommt er einen Schauder und läuft mit verdorrter Zunge davon . . . Da, nehmt einen Schluck für den Schrecken,« er setzte dem Quicker das Weinfläschchen an den Mund . . .

»So in den nüchternen Magen?«

»Es wirkt desto besser . . . seht, Euere Augen werden munter . . . 's ist grad als hab' man zwei Kerzen frisch angezündet, die schon erlöschen wollten . . . Noch einen Schluck . . . tiefer . . . so! Nun geht's auch bequemer. Schaut dort das Brett, 's ist der Steg übers Wasser. Vor dort können wir nebeneinander laufen und uns noch ein bißchen zum Frag- und Antwortspiel beim Bruderklaus rüsten.«

Das Brücklein war verfault. Da schwang Heinz den Innsbrucker ohne weiteres auf den Rücken und sprang von Stein zu Stein übers Wildwasser in die Wiese hinüber.

Hier auf grüner fester Erdsohle und vom ungewohnten Morgentrunk erhitzt, fing Simon Quicker an, sich innerlich auszuschelten über seine Lahmheit. Er strich wieder fröhlicher über den Gurt mit dem Gold, betete dazwischen ein Helf' mir Gott und der selige Markgraf! und fragte endlich, wie man sich nun benehmen müsse, um nicht wie der welsche Legat . . .

»Der Bruderklaus,« haschte Heinz schnell nach Antwort, »redet nicht gern, aber hört um so lieber zu. So müsset denn Ihr den Mund gehörig aufsperren. Er hört auch nicht sonderlich gut. Das ewige Rauschen da unten und die Feuchtigkeit haben sein Ohr stumpf gemacht. Da müßt Ihr eben ganz nah heranreden, fast hätt' ich gesagt schreien . . . Weiter liebt er wie jeder Gottesfreund theologische Gespräche, etwan wer näher bei der Dreifaltigkeit stehe, Johannes der Täufer oder Johannes der Evangelist? Und wie viele Staffeln näher? ob die Ewigkeit blau oder weiß sei? ob man glauben dürfe, daß der Teufel das Kredo noch beten könne . . .?«

»Aber . . .«

»O wenn Ihr wüßtet, was diese einsamen Träumer alles ausdenken . . . Da habt Ihr mein Scherchen. Immer nehm' ich's mit. Damit schnappt Ihr ihm ein Fetzlein von der Kutte, unten am Saum, wo ihm die Wolle ohnedies zerfasert . . . 's ist eine Reliquie für Euere Frau daheim und wirkt wie Gesundpflaster . . . Auch das Fläschchen und Becherlein stecket ein,« mahnte er eifrig und schob ihm das rote Essiggütterli in den Brustschlitz. »Wo's dann paßt, schenkt Ihr ihm ein und saget bloß, es sei Theoduliwein . . . Sankt Theodul ist unser Kirchenpatron und hat die Trauben im Wallis so süß gemacht . . . Und dann erzählt Ihr etwa, wie viele Rosenkränz' der Sigismund im Tage bete, inwährend der Moro das Paternoster nicht mehr auswendig weiß, und zählet das Geld hin und betet, er mög' niemandens Werbung segnen als Eueres Herzogs und auch die nur gegen den Türk. Sigismund weiß dann schon, welcher Türk gemeint ist. So etwa! Doch da sind wir vor der Klause.«

»Ob er wohl noch schläft?«

»Der wacht vor der frühesten Amsel auf . . .«

»Horcht!« Von der andern Seite der Kapelle, wohin das Zellenfenster des Bruders sah, hörte man etwas wie Gemurmel und Fußtritte. Simon stutzte.

»Kommt,« drängte Heinz, »wir müssen die ersten sein.« Er packte Simons Arm und zog ihn hinter sich durch den Eingang und das Leiterchen empor. Auf der Vordiele schob er den Österreicher hastig zur offenen Zelle. Simon sah zuerst das Altärchen links an der Wand mit dem Bilde des Dreifaltigen und einer Öllampe davor. Der Bruderklaus aber saß im Hintergrund gegen das Fensterloch gekehrt und suchte mit seinen großen, erdbraunen Händen einen Riß im Knie der Kutte zu vernähen.

Herr Quicker, der Bücklinge gewohnt, verneigte sich mehrmals und kniete, den Boden ein wenig wischend, vor ihm nieder. Der warme Duft der Holzwände und des Öllichtes, das sanfte Dunkel mit einem grünen Funken Wald in der Luke heimelten ihn sonderbar an. Vor allem zerstob alle Beklemmung beim Anblick dieses Mannes, der nicht schwebte, noch Funken aus Haar und Bart spritzte, sondern wie ein gewöhnlicher Klausner auf der Bank hockte und etwas so Gewöhnliches tat, ja, offenbar nicht einmal das vermochte, denn oft fuhren die Stiche nebenaus. Simon erschrak sozusagen vor Enttäuschung wie einer, der in die Höhe steigt und noch eine Stufe nimmt, wo keine mehr ist, so daß er ins Leere tappt und beinahe strauchelt. Er war auf alles gefaßt gewesen, auf einen Elias, der ihn hinauswirft, einen Nathanael, der ihn streichelt und sagt: alles, was du nur willst, Kind . . . aber auf einen Schneider sozusagen war er nicht vorbereitet. Wie konnte dieser mit der Nadel so ungeschickte Mann Fürsten beugen und Heere hemmen?

»Gottes Liebe mit euch,« grüßte indessen der Bruder freundlich, ohne aufzublicken. »Man müdet und ruft mich da unten, entschuldigt; aber so ungeflickt darf ich doch nicht hinaus.«

Simon rückte frech ans Knie und schrie mit aller Kraft seiner Stimme zum Einsiedler auf: »Darf ich das nähen, heiliger Mann? Ich habe darin eine ziemliche Fertigkeit!«

»Habt Ihr denn das Eurige alles schon zurecht geflickt?« fragte der Bruder und ruhte mit seinen schwarzen, stillen Augen spaßig auf dem Fremdling. »Stehet doch auf, da ist noch Platz. Setzet euch beide!«

Eine Weile blieb es still. Man hörte nur das ewige Schneewasser der Melchaa seinen Psalm in die Fensterluke singen und ein, zweimal Bruderklaus! Bruderklaus! von unten murmeln. Simon wurde verlegen. Das erste Wort, wie schwierig das war!

Heinz hatte die Kapuze seines Mäntelchens über die Stirne geschlagen und stupfte Simon, allerwenigstens eine von den verratenen Schlauheiten zu servieren.

»Es ist kalt, Freund Gottes,« rief Simon dem Bruder ins Ohr und nahm flink Becher und Gütterli hervor. »Trinket das, 's ist Theodosi . . .«

»Theoduliwein,« lispelte Heinz lustig.

»Sankt Theoduliwein . . . vom Gnadenhubel bei Innsbruck, womit der Heilige viele Menschen glücklich gemacht hat . . .«

»Dann muß der Trank süß sein wie die Nächstenliebe,« meinte Niklaus lächelnd mit einer höflichen Abweisung der Hand. »Ich vertrag's aber nit. Trink' also du für mich, Spitzbub' Heinz! Was soll die Fasnacht mit der Kapuze? Trink' Nächstenliebe, Gott gesegne's dir!«

»So hast du mich doch erkannt, Vetter Klaus,« sagte mit erzwungenem Lachen Heinz und würgte in einem zornigen Schwung die Sauerkeit hinunter, indessen ihm der Bruder fröhlich ins Gesicht sah. Dann wurde es wieder still. Bruderklaus flickte gemächlich weiter. Das Gemurmel drang deutlicher und flehender von außen zum Fenster: »Bruderklaus, komm doch . . .! wir warten schon die halbe Nacht . . .« Simon glaubte bekannte Stimmen zu hören. »Sei barmherzig, Fründ Gottes . . .!«

»Die Reliquienschere!« flüsterte Heinz dem verstummten und verlegenen Simon zu.

Dieser holte das Scherchen hervor und schnappte blitzschnell nach einem Fransen am Saum des Klausnerrockes. Bruderklaus versuchte gerade einen neuen Zwirn durchs Öhr zu fädeln. Er lächelte. »Was tut Ihr, Fremdling? So werd' ich nie mit Flicken fertig.«

»Vetter Klaus,« setzte Heinz ein, »nehmet meinem Kameraden nichts übel. Er verehrt Euch mächtig und bringt Euch ein Herz ganz voll von frommer Neugier . . . So redet doch, Herr Magister,« fuhr er ärgerlich den Quicker an. »Wir dürfen den Bruder nicht zu lange bemühen. Es scheint, draußen warten schon Leute . . . Was war's denn nur mit den Johannessen?«

»Ein kitzeliger Streit,« ermannte sich der Legat, der längst nicht mehr den Schneider in Bruderklaus sah, »im Konvent der Hochwürdigen zu Stams: wer wohl Christo näher gestanden sei, Johannes der Täufer oder Johannes Baptista . . .«

Heinz brach in ein köstliches leises Lachen aus.

»Ich denk', aufs Haar sind sie gleich,« spöttelte Niklaus schier mitleidig. »Aber Ihr wolltet ja gewiß Johannes Evangelista sagen.«

»Ach,« Simon schlug sich auf den Mund, »natürlich der Evangelist! lapsus linguae, Ehrwürdiger. Wer also scheint Euch der größere Johannes?«

»Groß ist die Strenge des Baptista und groß die Milde des Evangelista. Aber fast noch größer ist die Dummheit von uns Blinden, rätseln zu wollen, ob dies, ob jenes Licht heller brenne, indessen wir im Dunkeln tappen.«

Bruder Klaus hämmerte diese Worte furchtbar klar hervor, aber begleitete jeden Schlag mit einem begütigenden Lächeln. Versteh' mich wohl, bat dieses Lächeln, ich muß weh tun, um wohl zu tun. Freundlich reichte er jetzt dem entmutigten Quicker den Faden und bat: »Seid doch so gut und zwirnt mir da ein. Ihr habt viel bessere Augen.« Simon versuchte es viermal und fünfmal, aber fuhr immer daneben. Da riß ihm Heinz den Faden weg und zog ihn glatt beim ersten Stupf durchs Öhr.

»Auch ich,« begann Niklaus wieder, »möchte euch ein Rätsel aufgeben. Spitzet die Ohren: wer ist der schlauere Spitzbube, der Bote des Sigismund oder der Bote des Lodovico Sforza, du oder du?« fragte er und tupfte zuerst dem Quicker rechts und dann dem Bürgler links mit seinem gewaltigen Zeigefinger auf die Brust. Es traf wie mit einem Speer. »Unser Heinzli meint wohl, er sei's, weil er so gut einzufädeln versteht. Aber eingefädelt ist noch nicht genäht. Bürschlein, sieh zu, daß du nicht mehr in die Nadel nimmst, als du nähen kannst.«

Damit erhob sich der Eremit, spannte die Arme und stand nun riesengroß da, als wollte er dieses Schneckenhaus von einer Zelle mit dem nächsten Atemzug auseinandersprengen, um Platz zu haben. Und wenn das wirklich geschehen, Wand und Diele zusammengekracht und der Klaus aus den Trümmern in den Berghimmel hinauf gewachsen wäre, so hätte es die beiden nicht ärger erschüttert als dieses heillos gestupfte: du oder du! Simon hatte nicht einmal mehr die Kraft, über Heinz zu staunen oder zu zürnen, so elend knickte er zusammen. Dieser aber fühlte sich vom Blick Bruderklausens wie ein leeres Glas durchschaut, erschauerte bis in die Seele vor dieser Bloßstellung seiner Dummheit und stammelte: »Ich wollte nur . . . gegen Österreich . . . ich wollte nichts für den Moro . . . ich will ja zurück . . . ich, Bruderklaus, will ja dem Herzog gerne sagen, daß ich . . .«

»Heinzli, armer Heinzli, soviel für nichts.« Bruderklaus zupfte ihn mitleidig am Ohr. »Für nichts,« wiederholte er mit einem so eigenen Ton, daß Bürgler aufsehen mußte. Aber schnell ließ er das Gesicht wieder erdwärts sinken. Denn das Auge dieses Menschenkenners lachte und spottete: weiß ich etwa nicht, wozu du von Mailand hergereist bist und wie dich gestern das Vorgestern und heute das Gestrige wieder reute . . . ja wahrhaft, wie alles um nichts geschah? . . . Vor diesem stillen Blick und diesem Lächeln der Ewigkeit sieht der Jüngling deutlich, daß alles, was ihn bisher laufen und schwitzen machte, bedrängte und entflammte, Launen waren, Knabenlaunen, Aprillaunen, kein fester Himmel, keine feste Erde, kein fester Halt von diesem zu jenem, sondern nur ein zappeliges Gewölke, das dazwischen streicht, sich färbt und verfärbt und verrinnt und nichts zurückläßt. Und so steht er da, nichts in der Hand, nichts im Kopf, nichts im Herzen als Leere. Sogar sein Schelmenstücklein ist wie eine Seifenblase zerplatzt. Nicht einmal zum Spitzbuben ist er gut genug.

Scheu blickte er nochmals auf, warum denn nicht weiter gesprochen werde. Da sieht er den Simon Quicker, bleich, haltlos, zertrümmert, und dieser erwidert seinen Blick. Aber kein Vorwurf liegt in seinem müden Auge. Er ist von der Bank gerutscht und kauert erbärmlich am Boden. Mechanisch kraut er in der Braue und zupft Härchen heraus und scheint Heinzen nur noch zu sagen: die Gewalt Gottes hat uns getroffen, weh uns! Aber er kratzte weiter in der Braue, als säße da ein wildes Haar, das an allem Schuld wäre. Ein eigentümliches Mitleid erfaßte Heinzen. Er möchte aufstehen, zum verachteten Gesellen hinknien und bitten: Verzeih' mir, ich hielt dich zum Narren; aber siehe, ich habe mich selbst ja doppelt genarrt . . . Ich wollte dir schaden; aber ich habe mir zehnmal ärgeres Leid angetan . . . Zum erstenmal sieht er im Gesichte Simons nicht mehr diese eckigen harten Lippen, die den Zahlen den Saft aussaugen. sondern Lippen, die zucken und dürsten und so recht menschlich wehschreien. Nicht mehr den bezahlten Österreicher und Werber und Feind, bemerkt er, sondern etwas Verwandtes, rührend Nahes, Brüderliches. Nie hatte er sich bisher gefragt, ob so einer auch Frau und Kinder und Sorgen der Liebe und Seufzer und Nöten der Seele haben könne. Jetzt auf einmal vor dieser vergrübelten Stirne und diesem verzweifelten Zupfen und Krauen der Braue weiß Heinz, daß dieser Simon Quicker noch ein anderes Leben führt als nur dieses pergamentene und dukatenfressende, rein äußerliche Leben, das er so oberflächlich fürs Ganze nahm. Nein, nein, in diesem Manne ist mehr zerstört als nur eine diplomatische Mission. Und wieder übergoß Heinzen die heiße Scham, daß er so dumm und so schlecht sein konnte, einen guten Teufel in die Falle zu stürzen und dazu noch um selbst mit hineinzuplumpsen.

Er hörte jetzt den Bruder den letzten Nadelzug tun, knüpfen und den Faden abreißen. So . . . o . . . o! klang es zufrieden.

Darauf hörten die zwei Gebeugten seine Stimme wie einen verhaltenen, sanften Donner über ihre gebückten Häupter rollen:

»Für nichts plagt ihr euch beide. Denn für eine Herrenlaune schaffen, heißt wahrhaft für nichts schaffen. Wäret ihr gute Diener, so hättet ihr mit Respekt gesagt: Herre mein, das ist gegen das Gesetz der Liebe, ich darf's nit tun, und du erst recht nicht . . . Meldet euern Herzogen, daß ich für sie nicht um tapfere Soldaten, aber um tapfere Diener bete, die auch nein sagen können. Meldet das . . .

»Was glotzest mich so an, Österreicher? Sag' ich etwas Neues und Besonderes? Ist denn der Herzog nicht ein Mensch wie ich, seine Hand wie meine Hand, sein Mund wie mein Mund, und ihm Essig sauer wie mir, und Zucker süß wie mir? Schwitzt er nicht und wird er nicht müd' und muß schlafen und sterben und faulen im Boden gerade wie ich . . .? Kinder, Kinder, stehet auf, stehet gerade und groß auf und denkt: auch ihr seid Könige! gebaut aus dem gleichen schönen Gebein, gewärmt vom gleichen köstlichen Blut, beschienen von der gleichen Sonnenkrone und für die gleichen Sitze der Ewigkeit bestimmt. Ist der Kaiser etwa allein unsterblich? oder um eine Minute unsterblicher als ihr? Könige seid ihr, aber,« schloß er mit Wehmut, »was nützt es euch, daß ihr Könige seid, wenn ihr es nicht wisset!«

Damit winkte der Bruderklaus, sie möchten ihm voraus das Leiterchen hinuntergehen. Ohne ein Wort gehorchten sie. Aber am Ausgang blieb Simon wie gebannt stehen, und ein Frost stieg ihm bis ins Haar. Ist das möglich, der kleine Göldli!

Da lag er auf Tannengezweig vor die Zelle hingelegt, Gesicht und Füße sehnsüchtig still zum Pförtlein gekehrt, das sich ihm nicht mehr aufgetan hatte. Das Gesicht war blau und wie erfroren, das Haar starr, die häßliche Quetschnase gespreizt, die Lippen unförmlich aufgeschwollen, der dünne Hals einwärts geknickt, so daß das Kinn auf die Brust fiel. Aber die Stirne war ganz entfurcht und glänzte fröhlich, und der Tote stemmte die Beine so heftig vor und spannte die Knie so steil, daß man trotz dem erloschenen Gesicht glauben mußte, es dürfte sich nur ein Muskel rühren und der ganze schlanke Mensch springe auf und lebe weiter.

So bist mir also doch nachgesprungen, du kleiner, wilder Friedlos, dachte Simon ergrausend und zog den Mantel an sich, als könnte der Tote ihn nochmals daran zerren. Am Kopfende stand Pfarrer Imgrund, mit dem Auge zum Eingang zielend wie ein Schütze auf Tod und Leben. Die alte Dorothe stützte sich verweint und übernächtig auf Bruderklausens Weib, während der Omlibaschi das Mareili, das sich jetzt vor dem toten Eimil fürchtete, mit einer schützenden, plumpen Zärtlichkeit an sich zog. Dahinter standen zwei Holzhacker, der Mesner Hensli, einige Pilgersleute und endlich mit geschlitzten Hosen, gepufften Ärmeln und gelb geflammtem Koller in flottem Halbbogen eine Schar Bewehrter. Sie hielten ein kurzes Schwert im Gürtel und lange eschene Speere im Ellbogen. Der Vorderste war ein steiler, stolzer Jüngling voll Märzenflecken und mit abenteuerlich blitzenden, grauen Augen. Er grüßte zu Heinz hinüber. Ah, Ludwig Durrer, der ehemalige Genosse im Latein beim Kernser Kaplan. Wie sein großer Mund mit den langen Zähnen immer noch lacht. Mit Verdruß nickte er ihm zu. Wie kann man hier solche schwellendrote, lustige Lippen zeigen? Er mußte immer wieder zum verschwollenen, unförmlichen Mund des Toten blicken und immer wieder voll Ekel und Schauder die Erinnerung an das liebkosende Büblein von Luzern abschütteln.

Jetzt krachte das Leiterchen. Die großen Füße, der braune Rock, der Strick, der Bart, das ernste Gesicht des Bruders, der die Welt so innig floh, wie sie ihn innig suchte, ward eins ums andere sichtbar. Er bückte sich unter dem Türrahmen durch und reckte sich dann im Freien in die Höhe und überragte jetzt alle vom Bart weg. Kein Wort sprach er, sondern blickte nur mit seinem klaren schwarzen Auge auf die Leiche. Nichts hörte man als den Tau vom Kapellendach tropfen und unten das tiefe, gleichgültige Rauschen der Melchaa. Alle fröstelte es wie von einem Hauch aus andern Welten.

»Mußtest du so weit laufen, lieber Naseweis, um in den großen Spiegel zu gucken, aus dem man nicht mehr zurückschaut,« scherzte Bruderklaus endlich mit einem geheimnisvollen Tone, »und hättest ihn doch überall vor der Nase gehabt. Aber den nächsten, besten Wege will keiner gehen . . .«

Bei diesen Worten konnte die Amme Dorothe nicht länger an sich halten. Sie brach in ein so ungestümes, heiseres Schluchzen aus, daß alle Zuhörer erbebten. »Jetzt mach' ihn lebendig,« kreischte sie und riß sich wild von der von Flüe los. »Da ist er! Wegen dir ist er gestorben. Gib ihm das Leben wieder, du Wunderbarer, du . . . du . . .,« sie erhob die Hand und ließ alle Rücksicht fahren, »du, der du ihn auch getötet hast.«

Liebevoll sah Bruderklaus von dem jungen Toten zu dieser wildlebigen Alten und von ihr auf Simon und Heinz und die Söldner und schüttelte den Kopf, und es schien, als wisse er nicht, wer von allen am meisten Mitleid brauche. Herr Quicker fühlte sich von diesem merkwürdigen Blicke genau am Hinterkopf getroffen, wo der Haarwirbel war. Und sogleich fühlte er da etwas sich ringsum bewegen gleich Ameisen, zehn, hundert, tausend Ameisen, vom Wirbel rund um den Kreis hinauskribbeln, kitzeln und quirlen, bis ihn schwindelte und er alles zwiefach sah. Und indem nun Bruderklaus hart an die Leiche trat, hörte Simon von innen und außen mit jener frühern, ihm so wohlbekannten, nun vertausendfachten Geisterstimme leise rufen: bring' uns das Wunder heim! das Wunder! . . . Da geschieht es ja, dachte er . . . ein Toter wird lebendig . . . Aber das Wunder, das Wunder, schrie es in seinen Ohren weiter, nicht dies, nicht jenes, dein Wunder . . . deines, deines . . . Er drückte die Schläfen zusammen, spürte seine Augen überquellen und betete seiner nicht mehr mächtig: da bin ich, schlag' ein!

In diesem Augenblick vergaß er seine Sendung, ihr Gold und ihre Schande, Sigismund, Innsbruck, Gertrud, alles, er sah überhaupt nichts hinter sich, wußte nichts von gestern und vorgestern, es war alles nur dieses blitzende, treffende Jetzt. Ihm schien, es drehe sich der Schaft seines Lebens in seinem Innern, er krache wie morsches Holz, und dazwischen sang und jubelte es: das Wunder, das Wunder! Und noch deutlicher als vorhin fühlte er das Ameisenwerk in ihm; aber es waren jetzt tausend und tausend kluge, süße Finger, die an ihm tasteten, strichen, krauten und bis ins Innerste grübelten. Ihm war, er sei ein Baum, an dem sich Rinde auf Rinde löse und etwas Empfindliches und Zartes an die Luft trete, weh und wohl zugleich, etwas Neues, Knospendes, Grünes, eine neue Seele. Das Wunder, das Wunder, klang und widerklang alle Luft. Er wußte, daß er keine Hand mehr danach strecken, daß er nur an sein Herz greifen müsse, so habe er es, und doch wußte er nicht, was das eigentlich war: Schwindel, Traum, Tod, Gesicht Gottes, und merkte nicht, wie er langsam neben Niklaus ins Gras sank.

»Gute Dorothe Rohrer, weckt mir das Kind nicht mehr,« hörte er jetzt die wundervolle Baßstimme wie von ferne sagen; »es würde dir nicht danken.«

»Und seine Mutter?« überschrie ihn das Weib, wirr durch ihr zerrauftes weißes Haar fahrend; »was bring' ich ihr? Sie wird dich und mich verfluchen.«

Alles schwieg, und durch die Stille hörte man das Mareili mit kindlichem Vorwurfe sagen: »Aber Dorothe, d'Muetter ist doch immer so guet gsi

»Also gegen die Türken wolltest du dich gürten, gutes Büebli,« wandte sich Niklaus wieder zur Leiche, »und nicht einmal das brauchte Gott. Ehevor ließ er dich einschlafen.«

»Und ihr,« hob er unerwartet die Stimme, »ihr Kriegsleute, was wollet denn ihr?«

Ich hab' es ja gesagt, dachte der elegante Hauptmann Durrer, das ist nicht der richtige Humor, uns zu segnen . . . Er hatte eine Ansprache vorbereitet vom Tragen des Schlüsselbannersbis ans Meer, vom Zitternmachen der Throne, von Battaglien gegen die Störenfriede Europas. Aber jetzt, so frech seine langen Zähne bleckten, wagte er nicht einmal das zu sagen, was er als letzten Trumpf dem Einsiedler in den Bart schleudern wollte, daß der Heilige Vater zu Rom höchstselbst sie in Dienst und Segen genommen habe. Vor Bruderklaus schien ihm sogar dieses Argument nicht mehr stich- und kugelfest.

»Du, Obristensohn Durrerludi, sag' mir, was wollet ihr, was bei dem Ewigen wollet ihr mit euerem Eisen- und Pumphosenflitter? Daß euch der Tod morgen das Bein vorhalte wie heut' dem Knirps da und sage: halt, lieg', bleib', Amen . . .? Saget mir doch, wer hat euch gerufen?«

Wieder stemmte sich der behende Ludwig Durrer vor, um zu sagen: Seine Heiligkeit, der glorreich regierende Papst Sixtus der Vierte . . . Und wieder gefror ihm vor dem kühlen Blick Niklausens das Wort auf der Lippe.

»Wenn ihr mir sagtet, Gott ruft, so erklärt mir doch: wo, wann, wohin rief euch Gott? Wenn wahrhaft Gott zu euch sprach, dann habt ihr ihn schlecht verstanden. Denn Gott sagt nicht: geht zum Moro oder Sigismund oder Ludwig und opfert ihren Kindereien euer Blut . . . Mir gehörst du, sagt Gott. Von mir hast den Atem eingeblasen und das Augenlicht angezündet bekommen, mir bist du's schuldig, o Knecht, nicht den Herren, die doch auch meine Knechte sind, die euch weder Atem, noch Licht geben können, sondern die wie ihr im Staube kriechen müssen, solange es mir beliebt . . . Das hat Gott zu euch gesagt . . .« wiederholte Klaus und fuhr sich erinnernd an die Stirne . . .

»Wie er mir armem Ding, da ich in die Fremde fliehen wollte, vor Liestal durch einen Bauern riet: bleib' besser daheim! . . . und ich glaubte es und kehrte um, so glaubet auch mir und bleibet daheim! Hier seid ihr so warm in den Boden gesteckt und müßt wachsen und reifen zur Höhe . . . In der Fremde werdet ihr zum Unkraut verwildern und bitter verderben . . .

»Lieber Hauptmann Ludi, du schüttelst deinen bockigen Durrerkopf. Ich kenn' dich, eigensinnig bist und willst mir den Zettel vom Papst zeigen . . .« Hier bog Niklaus tief das Haupt, aber hob es gleich noch höher und rief: »So erzähle mir doch, braucht euch der Heilige Vater für unsern lieben Christenglauben? Da hat er bessere Helfer zu Rom als uns Küher und Grobiane aus den Bergen. Oder will er euch zur Bekehrung der Heiden? Dazu sind bekömmlicher die Jünger ohne Helm und Spieß. Oder sollt ihr seine Kirchen und Kapellen schirmen? Niemand greift die an. Franzos und Spaniol und Schwab sind eines Glaubens . . . O ich wette, ihr habt auch den Papst falsch verstanden . . . oder,« fügte er schelmisch bei, »er hat euch falsch verstanden. Er hat gemeint, ihr seid Heilige und hättet an euch und an dem Eurigen nichts mehr zu hobeln, ihr seid Brüder im Frieden, die Acht Orte gesund und sauber, das ganze Vaterland hab' Sonntag. Er glaubte, ihr würdet noch einschlafen vor heiligem Sattsein wie die Murmeltiere in euern Bergen, und ihr wollet daher gerne anderswo zur Ehre Gottes schwitzen. Und sicher dachte der Heilige Vater, ihr tätet alles gratis für ihn, um Christi willen! Beileibe nähmet ihr keinen Batzen und dächtet an keine Ehren, um Christi willen! und wäre die Mühe noch so sauer, und hörte und sähe euere Hiebe kein Mensch, um Christi willen! Saget nun selbst, hat er euch oder habet ihr ihn falsch verstanden . . .?«

»Sakra, sakra, sakra,« knirschte der Durrer, »so ein Spitzbub'!«

»Aber riefe unser Heiliger Vater auch dann noch: kommet, fechtet für mich! . . . so hat da Sixtus der Erdengewinner, aber nicht Sixtus der Himmelgewinner gerufen. Jener ist Mensch mit Menschenstimme, nur dieser ist unser Fels und Schlüsselherr, und er wird den andern schnell korrigieren und sagen: hängt das Schwert an den Nagel, nehmt Schaufel und Habersack, erstechet einander nicht, säet und erntet lieber das ehrliche Brot miteinander! . . . Gott bewahr', daß ich törichter Waldbruder etwas besser wissen will, als unser Heiliger Vater. Ich weiß nur Eines: Liebet einander!

»Dich, du bleicher Bruder, hat wenigstens eine schöne Leidenschaft, ein heiliger Kreuzfahrergeist in den Tod gerissen. Sei froh, daß du's nicht hören mußt, was ich jetzt von diesen Mannen sag': euch reißt nichts anderes als der Geldseckel und der Nachtbubengeist in den Tod.«

Ludwig Durrer blähte zornig die Lippen auf und blitzte seine Söldner an, ob man so etwas auf sich sitzen lassen müsse. Aber die Laffen senkten alle die Köpfe.

»Ihr werdet nicht gern sagen: ja Bruder, hast recht. Aber wenn alle unsere armen Toten aufstehen könnten aus den welschen Schlachtfeldern und mit ihren zerrissenen Hemden und Herzen hieher kommen und mir antworten, es gäbe mehr als Bäume hier und rauschte schwerer als der ganze Wald: ja, Bruder, nicht für Gott, noch für der Seele Not und Heil, sondern für die elenden Batzen sind wir verdorben und in ungeweihte Erde verscharrt – So geht ihr Männer denn trotz und trotz, ziehet den Säbel, seid Helden des Batzens, Märtyrer des Batzens, und schauet, ob euch diese Batzenhaftigkeit selig macht. Was sag' ich gehet,« predigte der Klausner immer gewaltiger, »ihr braucht nicht zwei Schritte zu machen. Da steht einer, der hat den Gurt um und um voll Dukaten und will euch kaufen. He Ihr, Herr Gesandter von Österreich, predigt jetzt Euere Mission, beginnet den Markt, da ist die Ware, hebet an mit Bot und Gegenbot, kaufet, verkaufet die Seelen . . . Aber wisset, dieses Geld baut keine Häuser, nährt keine Kinder, macht alt und krank, und wenn sie genug geglänzt haben, Euere dreißig Silberlinge, dann kommt der Strick . . .«

»O, o,« stöhnte es zu Füßen des unerbittlichen Sprechers wie von einem Sterbenden.

Ludwig Durrer erbleichte. Einige Reisläufer verzogen grinsend ihre Gesichter, andere sahen erschreckt zu ihrem Hauptmann auf und schoben sich rückwärts.

»Du lieber unschuldiger Heißsporn,« bat Niklaus mit milderer Stimme, »zeig' ihnen doch deine Armseligkeit!« Er bückte sich über den struppigen Knabenkopf und löste die Binde, so daß die dicken, unförmlichen Lippen auseinanderklappten, der Rachen sich dunkel aufsperrte und die geschwollene Zunge wie ein Klumpen zwischen die Zähne fiel. Auch die Lider gingen halb auf und zeigten die einst so wunderbaren Augen irre und gläsern. Es war grauenhaft.

Man vernahm einen entsetzlichen Schrei, wie von einem Kinde. Und doch kam er nicht vom Mareili, das sich mit seinem Gesichtlein in Omlibaschis Kittel verkroch, sondern von Heinz, der aschfahl wurde, sich abwandte und doch wieder hinschauen mußte. Hochmütig lachte ihn von drüben der Obristensohn Durrer an; aber niemand beachtete es, denn nun stürzte Dorothe abwehrend zur Leiche vor. »Zurück, Weib,« donnerte der Bruderklaus sie an und entblößte auch den mageren Hals und die flache Brust, wo kein Puls mehr schlug . . . »Zeig' ihnen doch deine Figur! Du wolltest die Heiden erschrecken, erschrecke jetzt deine lieben Eidgenossen, das ist noch nötiger . . .

»Wißt ihr Mannen, was ich in dieser Leiche sehe,« fragte der Bruder unendlich traurig, »unser armes Vaterland. Das Herz verwürgt, der Atem erstickt, der Blick erloschen, die Seele erfroren oder verdorrt vor Leidenschaft, eine Leiche auch bald, die nur noch den Mund offen hält, als wollte sie immer noch Gold und Lorbeer fressen, so einen Stein und so ein Unkraut . . . und immer nur Gold und Lorbeer . . . Armes Vaterland . . .!

»Nein, nein, ich tu' dir unrecht, Gottesknab', du bist noch zur rechten Zeit gestorben,« verbesserte er sich und schnürte das Antlitz der Leiche wieder in die Binde, daß es still und schlafend aussah wie vorher. »Aber ihr andern, ihr werdet noch an diesen Toten denken und einst in Flandria oder in der heißen Lombardei noch im Tode schreien: lägen wir doch, wo jene junge Leiche lag, in unsern kühlen Bergen, im Segen unserer Kirchen, im Gebet unseres Dorfes, ohne Sold und Schuld . . . o ihr werdet an diese junge Leiche noch denken!«

Bruderklaus legte das Knabenköpflein sanft in die Tannenreiser zurück und erhob sich . . . Wie? was? Nur noch das Grüpplein der Leidleute stand da. Die rotweißen Pumphosen verschlüpften lautlos zwischen den Stämmen, einzig der freche Durrer widerstand noch vorne am ersten Baum. Simon Quicker aber lag am Boden. Den Gürtel mit der Geldkatze hatte er von sich geworfen, das Gesicht zur Erde gepreßt und in einem Krampfe von Reue und Scham netzte er die wurzeligen Füße des Einsiedlers mit seinen Tränen: »Wie gemein, wie schlecht bin ich, o Gott, wie stinkend schlecht,« klagte er innerlich; »so eine Leiche wollte ich aus mir und allem machen. Wo hatt' ich den Kopf? Aber da kam's ohne Wollen oder Nichtwollen, ich war ein Stein, da schlug dieser Hammer drein und spaltete mich bis auf den Grund. Und jetzt seh' ich und hör' ich und leb' ich erst . . . Das Vorher, was war es wohl . . .? Mir ist, ich sei soeben gestorben und im gleichen Augenblick wiedergeboren worden . . .«

Er wollte beten, schreien, sich anklagen, jubeln und brachte nichts heraus als ein Geflüster dessen, was er in sich und um sich brausen hörte: das Wunder, gottlob, es ist geschehen, es ist überstanden, ich lebe . . .

Im Nachwehen dieses Seelensturmes dachte er, es müsse auch außerhalb donnern und blitzen und Berge spalten und ihn, den Wurm, zerschmettern. Aber alles war still. Da hob er langsam den Leib über die Knie auf und blickte scheu um sich. Noch nie hatte er gespürt, was ihn jetzt durchdrang, so einen Frieden ohnegleichen. Ihm war, die Berge, die jetzt schon bis zum Nabel in der Sonne saßen, der Melchaafluß mit einem nie gehörten Liede, Tannen und Wiesen, das sei alles gerade jetzt erschaffen worden, so neu und jung sah alles aus, so kindersüß duftete die ganze Natur; alles fange erst in dieser Minute an, auch er, er vor allem, seinen eisgrauen Haaren zum Trotz, fange wie ein Kind jetzt erst zu leben an.

Er wollte fragen: Bruderklaus, was soll ich jetzt tun? Aber sogleich kam ihm die Antwort von selbst: das Wunder heimtragen; mich, den neuen Simon Quicker heimbringen, und gar nichts anderes. Sigismunds Zorn, verlornes Geld, vergittertes Inngüetl, ach, wie mußte er über solches lachen. Er fühlte jetzt nur eine gewaltige Lust zu leben, zu arbeiten, zu sorgen, zu lieben, gleichviel was, und das Meer von Wundern, das durch seine Seele brauste, über alle Ufer zu Freund und Feind wallen und den gleichen Segen wirken zu lassen. Tintenfässer, Zahlen, Kassen, Bücklinge, Schattenstuben, kranke Frau, närrisches Kind, ach bah, was sind das für Nebensachen. Alles, alles lieb haben, allem gut sein, allem helfen, das ist das Wahre. Er trägt eine Sonne in sich, er spürt es, mit der er nicht bloß den langen Weg nach Hause, nicht Innsbruck allein, nein, alle Breite und Weite erhellen kann, wohin er nur wandern mag. Ja, Gertrud, endlich weiß ich, was du gemeint hast. Es ist! es ist da!

Indem hörte er Bruderklaus wehmütig zum Durrer hinüber sagen: was sucht ihr noch Könige? Selbst seid ihr Könige. Aber was nützt es, König sein, wenn du's nicht weißt.

Noch einmal funkelte etwas Kühnes und Edles in Ludwig Durrers großen Katzenaugen auf, er beugte sich vor, biß die langen Zähne zusammen und schwankte. Da dröhnten ein paar Trommelschläge von ferne, der elegante Hauptmann griff an den Hut, Addio! und verschwand.

Aber in Simon Quicker jubelte das Wort vom Königsein fort. »O ich weiß es, ich fühl' es,« rief er zum Bruder auf. »Frei bin ich, ledig aller Last, niemand kann mir was anhaben . . . es gibt keine Ketten mehr. Die letzte zerreiß' ich . . .« Er riß wie ein Kind den Beutel auf und schmiß das Gold übers Gras. Teufelssame, verdirb! Und es schmerzte ihn, daß er mit diesen paar Dukaten nicht zugleich alles übrige Gold, das je durch seine Finger geronnen, so von sich schmeißen konnte, alle Papiere, Rechnungen, Titel, allen Plunder, er, der König ganz anderer Reichtümer. Dekan Bonstetten, rief er, komm, hilf, schau, wie grau das Gold da im Gras liegt. Herregott, ist das wirklich Gold? Und für solchen Dreck habe ich bis zur Stunde gelebt!

»Bruder Klaus,« sagte jetzt eine feierliche Stimme, und hüstelte ein bißchen, »und was geschieht mit dem Bub da? Wenn du wüßtest, wie er nach dir gerufen und dich noch mit dem letzten Schrei gesucht hat . . . Wir dachten, es muß einfach so sein, daß er dich noch sieht, tot oder lebendig. Was soll es also jetzt mit dem lieben Kind? Ist alles umsonst gewesen, das Schreien und Hinaufschwitzen zu dir, und das Liegen die ganze Nacht vor deinem Fensterchen und . . .«

»Red' nit so, hochwürdiger Frynd, red' nit so,« beschwor Bruderklaus und streckte warnend den Arm aus; »versuch' Gott nit!«

»Hat nicht unser Herre Christ selbst auch ein Kind der Mutter wieder aus dem Sarg geholt und den Lazarus sogar aus dem Grab? Auch viele Diener Gottes taten so in der Kraft des Herrn. Kannst denn nicht auch du ein Wunder . . .«

»Red' nit so, fürweiser Heini Imgrund,« flehte Niklaus dringend und drückte ihn schwer am Arm, »daß uns Gott sonst straft. Da ist ja schon einer lebendig geworden; der war viel mehr tot als das Büblein. Ist das nicht Wunder genug? Oder red' ich falsch, lieber Freund,« wandte er sich zu Simon hinunter und hob ihn am Ellbogen sanft zu sich empor, »steht aufrecht und schaut froh um Euch und geht von heut' an uns andern voraus! Euch muß Gott sonderlich lieb haben, daß er solche Macht an Euch aufwandte. Gottlieb sollt Ihr fürder heißen. So habet denn auch uns lieb und empfehlet uns ihm.«

»Und ich?« fragte Heinz zaudernd.

Er hatte sich lange nicht vom Anblick des Toten erholen können. Erst drei Verstorbene hatte er gesehen: seinen Großvater, der war dürr und gelb, als schliefe er bloß, und zwei Erstochene; aber die lagen so frisch auf dem Pflaster wie eben gemähtes Gras. Jedoch diese Leiche mit der schwarzen Geschwulst statt den Lippen, von Schmeißfliegen umschwirrt, mit grinsenden Zähnen, prr, die hatte nichts mehr mit dem Bürschchen gemein, das er einst aufs Knie genommen und liebkost hatte. Jene Küsse ekelten ihn jetzt, als klebte Leichengeruch daran. Er wischte sich den Mund, blickte über die Bäume und wünschte sich weit weg. Fort, nach Italien. Dort sah ich nie solches. Aber nach diesem greulichen Mund, wie kann man noch an Mädchen und Küsse denken? Wird jeder Mund einmal so . . .? Peppina . . .! Wenn sie so da läge . . .! Natürlich, ich muß ihr guten Tag sagen . . . in sechs Tagen bin ich in Mailand . . . ja, guten Tag sagen; aber sie sogleich mahnen: du, jetzt gilt nicht mehr spaßen. Ich werde ihr alles erzählen, diese schwarze Lippe, ja, das besonders . . . Jetzt wollen wir ernst werden . . . Aber fort, heute noch fort . . .!

Dieses Wort fort, so erfrischend für die Jugend, die noch rasche Beine hat, machte ihm auf einmal das Herz leichter. Er sah schon die Marchsteine hinter sich verschwinden, die Alpen steigen und sinken, die Ebene aufblauen. Etwas Fröhliches dämmerte in ihm auf. Der Klausner hatte soeben das tote Gesichtlein wieder eingebunden, so daß der schreckliche Mund nun minder grausig erschien, ja, wie Heinzen bedeuchte, ihn an etwas erinnern wollte, was mit seinen Gedanken zusammenhing. Was konnte es nur sein! Etwas Fröhliches und Tröstliches jedenfalls . . . Mutiger wiederholte er jetzt die Frage: »Und ich, Bruderklaus, was soll ich tun?« Aber er hatte eine leise Angst, der Einsiedler werde ihm etwas raten, was ihm ganz gegen den Strich ginge . . .

»Traget jetzt den Toten heim,« gebot Niklaus. »Du Heinz und Ihr, Ambassadore, gehet mit. Ihr habt noch die heitersten Gesichter. Und richtet der Frau Christofa aus, sie solle bald einmal zu mir kommen. Ich wolle ihr den Weg zeigen, auf dem man gewißlich zu ihrem Büblein kommt. Du, Mareili, sollst mitkommen; wir wollen den Eimil bald finden . . . Nein auch, wie ist es bleich, das Dirnlein! gebt ihm einen Teller Geißmilch, Hensli, rasch! und der guten Dorothe auch einen!«

»Und dann, von Luzern, Gevatter Klaus,« fragte Heinz, »was tu' ich weiter?«

»Wie alt bist du?«

»Schier zwanzig.«

»Einmal zum Kind heraus!«

Heinz atmete auf. Er hatte etwas Strengeres erwartet, wippte schon mit einem Hauch von Leichtsinn die schlanken Hüften und wollte scherzen: Wie kann man aus seiner Haut heraus? als der Eremit trocken fortfuhr: »Für einen Spitzbuben bist du wirklich noch zu viel Kind. Zwar, Ihr Ambassadore, habt für diese Sorte noch weniger Talent. Wollte einer den andern überlisten, und handkehrum waren beide vom Dritten übertölpelt . . .«

Heinz wurde immer mutwilliger und witzelte: »Herr Vetter, das wäret also Ihr, so ein Spitzbub' Gottes!«

Ernst wies Niklaus mit seinem langen rindenbraunen Zeigfinger auf die Leiche, die man bereits in Tücher wickelte und auf die Bahre festband. »Das Spitzbüblein dort hat Euch umgeworfen. Schaut seine steife Hand, nicht ein Korn kann sie geben und nehmen. Herr Simon, was ist also Besitz . . .? Und du, Heinzli, betracht' noch schnell dieses Mäulchen, schon braun und fad wie Erde . . . Ist denn wirklich Küssen das erste und letzte? Der Spitzbub' da, ade lieber Engelsschatten . . .« er winkte der Leiche, da eben Frau von Flüe und ihr Josef das Gesicht in Leinen wickelten, und gerade die Nasenspitze zuletzt verschwand . . . »der hat euch gepredigt, was Halt und Ziel hat. Über Helme und Truhen und schöne Gesichter hinaus, übers ganze kleine Menschlein hinaus etwas Ewiges lieben, das befiehlt er euch, so wie ein Engel befehlen darf . . . Gebt her, Mesner, die Milch!«

Der Tote war jetzt zugedeckt, und Heinzen wuchs der Mut von Atem zu Atem. Er dachte: in Wahrheit, mit dem Küssen ist es nicht gemacht, da hat der Bruderklaus recht. Es muß noch etwas anderes dabei sein als die Lippe, das Herz . . . noch mehr, sozusagen die Seele. Was, ja so, das ist ja nicht mein Wort, das Junkerlein hat's gesagt: ich küss' dich mit meiner Seele . . . An das wollte er mich vorhin erinnern. Wider solchen Kuß wird auch der Heilige nichts einwenden.

Und frech, wie er war, und strahlend im wiedergewonnenen Lebensmut, begann er mit seiner melodiösen Stimme, die selbst einen Aszeten betören könnte: »Bruderklaus, ich glaub' dir. Aber horch', dieses Junkerlein hat mir einst, als ich sein tolles Liebkosen abwehrte, weil er mir die Schärpe und den gespitzelten Kragen für den Fasnachtumzug dabei verdarb, und als ich sagte: lass', es ist dir doch nicht ernst, ja, wahrhaftig, da hat er mir gesagt: Aber ich küss' dich ja mit meiner Seele . . . Und wenn es so kommt, an mich einmal herankommt hier im Land oder draußen, mit der Seel' kommt, wie der Bub' gesagt hat, und so mit der Seel' küßt . . . ach, er hat's ja nur halb verstanden, was er da sagte, und ich schon gar nicht . . . aber jetzt, in diesem Augenblick ist es mir klar geworden . . . sag' an, wirst du's dann erlauben und nicht wieder mit deinem erschrecklichen Zeigfinger auf Tod und Fäulnis weisen . . . da wir doch leben und jung sind . . . und der Herrgott uns doch die Seele . . . und zur Seele auch die . . . die . . .« er verschluckte: die süße Lippe gegeben hat.

Er verschluckte das; denn Bruderklaus lächelte so spitzbübisch, wie man zu einem kleinen Schelm lächelt, wenn er eine Frage stellt, auf die es am klügsten ist, weder Ja noch Nein zu sagen. Denn so ein Schelm weiß auf dem Ja und Nein zu seinen Zielen zu reiten.

Vorsichtig nahm der Bruder jetzt den Napf voll Milch, bückte sich auf ein Knie, setzte Mareili aufs andere und hob das Geschirr behutsam an den kleinen Mund. Und wie er ernsthaft achtete, daß das Kind nicht zuviel auf einmal schluckte, sondern absetzte und wartete und wieder eingoß, da deuchte es alle, die herumstanden, das sei nicht ein einfacher Waldbruder, der da zufällig ein Dirnlein tränke, sondern ein Völkerhirte, der seinem Vaterland, ja der ganzen Menschheit, den Hunger stillte, wenn sie sich nur an sein Knie getraute.

Ende


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