Heinrich Federer
Spitzbube über Spitzbube
Heinrich Federer

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4

Da stand Quicker nun am Wasser und beguckte mit Genuß seine Figur im Spiegel. Ihn dünkte beinahe, es sei die Gestalt eines Knaben, so schlank und geschmeidig bewegte sie sich. Meine Gertrud sollte mich jetzt sehen, dachte er beifällig. Sie würde mich kaum erkennen.

Ihm war, die herbe Seeluft stäube ein bißchen sein Herz ab, so daß allerlei Hurtiges und Zartes zum Vorschein komme. Hätte ich nur das Frauchen da, spann er fort. Wie wollte ich ihr diesen grausamen See und die Felsen drüben zeigen. Und sie dann zum Gottesmann führen . . . tragen, wenn es sein müßte . . . Seltsam, noch nie bin ich mit ihr gereist. 's ist eigentlich schandbar. Nicht einmal eine Hochzeitsfahrt hielten wir, weil damals gerade Inspektion auf der Kanzlei stattfand. Und auch nachher habe ich ihr nie etwas gezeigt. Frauen sehen doch gerne etwas Neues. Immer mein altes Gesicht und meine alten Scharteken! Und sie hat sicher auf etwas Neues gewartet, wahrhaftig, tut es jetzt noch mit den steifen Füßen . . . Bring' mir ein Wun . . . Bah, bah . . .! Unmutig bürstete er sich die Brauen mit dem Fingernagel. Welche Gedanken sind das! Ist es nicht kindisch, was mir da alles in den Kopf fährt? Von der verflixten Krankenstube der Göldli rührt das. Er schüttelte kräftig den Mantel. Holla, da ist er wieder, der famose Riß. Zwei Gulden zum mindesten rechne ich's an.

Simon ging wie absichtslos gegen die Bootstelle. Das Wasser, das zwischen steilen Bergen gegen das alte Städtlein hervorschwamm, glänzte aus weiß Gott was für Tiefen herauf bald grün, bald blau, als wären Himmel und süßeste Erde in ihm zerschmolzen. Man sah nicht, wo es anfing oder aufhörte. Es kam aus Gefels und verlief im Gefels und atmete doch hoch auf wie von einer ununterbrochenen Reise. Die Innsbrucker Landratte hatte das Spiel ohne viel Denkens beobachtet. Aber jetzt, da man sich zum erstenmal diesem Unwesen eines Sees und dazu eines schweizerischen anvertrauen sollte, gruselte den Legaten ein wenig, und er zauderte noch einige Schritte lang, ehe er den langen Kerl anrief, der mit einer Angelschnur ums Handgelenk im ersten Nauen auf dem Rücken lag und ein unzufriedenes Gesicht zu den Wolken kehrte. Kaum blinzelte der träge Bursche ihn an, als Simon fragte, wie teuer er ihn nach Stansstad rudern wolle. »Ich weiß nicht,« antwortete dieser endlich, indem er laut gähnte und ein prachtvolles Gebiß zeigte, wobei die Kinnlade mit den Eckzähnen weiß und drohend vorsprang.

»Sei höflich, junger Mensch, ich zahl' ordentlich!«

»Hm, wegen ein paar Angstern!« Der Junge spuckte weit in den See hinaus.

»Wo sind denn die richtigen Fährleute?«

»Schütteln Obst, der Kündig ist krank . . . sonst . . . was weiß ich.«

»Ich zahl' zum voraus,« bemerkte Simon streng, »und zahle auch das ortsübliche Trinkgeld. Nun tu' aber deine Pflicht und mach' das Schiff los.«

»Ich bin heute zu faul. – ist Föhn in den Höhen. Das schlägt in die Knochen. Seht nur, wie der Schnee von den Uristöcken glitzert.«

»Sankt Leopold,« seufzte Simon, »was tu' ich mit diesem Kerl?«

»Wartet bis morgen, dann rudere ich vielleicht,« murrte jener böse . . . »Wißt Ihr, was Föhn ist?«

»O den haben wir auch in Innsb . . .« Der Rat biß sich auf die Zunge.

»Was Innsbruck? Kennt Ihr ihn hier auf dem See . . .? seid Ihr überhaupt schon in einem Boot gesessen?« examinierte der Junge aufsitzend.

»Der See ist doch still, seht,« wandte Simon höflicher ein. »Aber wenn es auch stürmt, ich muß durchaus jetzt nach Stansstad. Seid gut und fahret mich . . .«

»Wo habt Ihr denn Euern Ausweis? Ihr seid doch ein Fremder. Wohin des Weges?«

»Hier, hier,« gehorchte Herr Quicker fast demütig. »Ich pilgere zum Bruderklaus . . . leset da: Theodor Sibald, Bürger aus Feldkirch . . . das heißt, ich verweil' mich auch etwa in Innsbruck . . . also: besucht die merkwürdigen Stätten der hohen acht Orte und hat insonderheit ein frommes Gelüst und Anliegen bei Niklaus von der Flüe; treibet daneben Botanica als Medicus und Curator hominum, und sucht rare, starke Bergkräuter . . .«

»Ja, wenn das so ist,« maulte der Jüngling und erhob sich verdrießlich, »so kommet eben. Oder . . .« Unschlüssig nestelte er am Ruder, bog die langen rosigen Ohren ein, und eine peinliche Ungewißheit furchte seine Stirne. Er wurde rot bis in die Augen, seufzte, warf mit einem Ruck den Kopf hintenüber und schloß: »Oder . . . Ja, heut mittag fährt das Dienstagschiff in den Alpnachersee . . . ich mag einfach nicht! . . . nehmt das, wenn Ihr . . .«

»Das ist viel zu spät,« sagte Simon, der behutsam in die Barke gestiegen war und sich mit beiden Händen am Gürtel des Fährmanns festhielt. »Macht, was Ihr wollt; aber da geh ich nicht mehr hinaus.«

Zornig riß sich der junge Mann los. »Habt doch kein Bedenken wegen dem Föhn. Ich fürcht' mich nicht,« bat Herr Quicker.

»Als ob es sich darum handelte,« brummte mit einem fast gehässigen Blick der Ruderer. Dann rieb er sich heftig die Stirne, stellte die Zähne vor und befahl barsch: »So setzt Euch doch, wenn Ihr nicht Seewasser saufen wollt . . .« Gleichzeitig trieb er das Schiff mit ein paar entschlossenen Ruderschlägen in den See hinaus.

Welch grober, galliger Nichtsnutz! dachte Simon Quicker empört; aber beruhigte sich rasch, als er sanft und in wohligem Rhythmus über den Spiegel glitt. Es dünkte ihn wunderschön, wie man sich da von der harten Erde loslöste, wie diese fern und fadenscheinig wurde, ein wahres Nichts, während das Wasser jetzt Eins und Alles war, etwas Ungeheures, und auch der Himmel an Höhe und Kraft so brüderlich mitwuchs, daß man sich schon halb und halb in den Armen der Unendlichkeit glaubte. Ein säuerlich frischer Duft von Wind und Welle und Fisch, eine Musik von unermüdlicher und sonorer Bewegtheit und das stete Zudecken und Lüften der Abgründe zwischen den Wellen, ohne daß man doch Zeit fand, ein Geheimnis herauszuholen, umschwärmte jetzt den Quicker wie ein Rausch und kitzelte seine trockene Seele wunderlich. Er rutschte über das Sitzbrett hin und her, gewann einen feuchten Schimmer in die Augen, spitzte die Lippen und pfiff leise etwas. Ihm war, als müsse da irgendwo ein Stück seiner Jugend, seiner verschnittenen Jugend, im grünen Grunde liegen und jetzt wenigstens, solange der Wasserzauber dauere, Atem und Stimme bekommen. Auch ich habe einst Carmina gedichtet, lispelte er halblaut, obwohl kein Mensch jetzt dergleichen wissen wollte . . . Ja, an der Universitas zu Prag, . . . o tu Stellarum Stella . . . einer Magistertochter . . . wieso nur . . .? auf der Moldaubrücke warf ich den Zettel in so ein Wasser, ut casus juvet! . . .

Die Köpfe der Berge steckten noch in einem Rauch von Gewölke. Aber der Himmel war rein, und als nun die Sonne, von den Nebeln gedämpft, ins Blaue hinausschwamm, wurde die Landschaft in ein mildes, von süßem Gold durchzittertes Oktoberlicht getaucht. Doch lag der halbe See gegenüber noch in einem kühlen, kieseldunkeln Bergschatten.

Wie das läuft und spritzt durchs Wasser, dachte der Legat, das Auge unverwandt am Kiel. Nichts steht still. Aller See fließt zurück. Wohin denn eigentlich? Er wandte sich um und stutzte heillos. Sein Bursche lag wieder in seliger Faulheit, so lang und schlank ihn Gott erschaffen, über die Planken ausgestreckt. Die Ruder schleiften längs dem Schiff, es selbst schien still zu stehen, und nur das schaukelnde Wasser täuschte eine Fahrt vor.

Sofort ernüchterte Simon. Was geschah da? Sein Geschäft stand still. Er kämmte heftig die Braue mit dem Daumennagel und schalt: »Was soll das? Ihr rudert nicht?«

»Hier trifft uns der Wind vom Küsnachtersee. Drei Vaterunser lang stößt uns der besser als sechs Ruder. Da schont man sich. Schaut Euch einstweilen um! Wie gefallen Euch unsere Berge? Nicht gar bequeme Kerle zum Botanisieren, he?« Halb Schalkheit, halb Zorn spielten im klugen Gesicht des Ruderers.

»O ich werde schon etliche heilsame Kräuter finden.«

»Kennt Ihr denn alles Gras, was wächst?«

»So ziemlich,« log Simon ungern.

»Und wisset, wo dies und das nötig ist? Zum Beispiel einen Samen gegen Verliebtheit?«

Simon schwieg.

»Durchschauen könnt Ihr doch die Leute nicht.«

»Aber soviel seh ich,« ermannte sich der Legat, »daß Ihr nicht an verliebtem, sondern an verfettetem Herzen sterben werdet.«

»Und das Kraut dagegen?« spottete der Junge.

»Bewegung, Bewegung! Packet die Ruder, wir müssen vorwärts.«

»Lieget lieber zu mir ein bißchen, so, seht aufs Rückteil, und lasset Euch diese braven Berge erklären. Die sind gescheiter als wir zwei, die laufen nicht der Unruh nach, die bleiben hübsch hocken und bleiben gesund und stark dabei und behalten immer einen guten Appetit, Menschen zu verschlucken . . . Der da zum Exempel heißt Pilatus und tötet auf eigene Manier. Müßt wissen, dort spukt der gottlose Landpfleger und schneit und hagelt Verderben.« Der Bursche schlug ein Kreuz; aber durch den Flor seiner langen Wimpern und durch seine große Unzufriedenheit funkelte ein meisterloser Mutwille.

Ein durchtriebener Kerl . . . redet gebildet . . . sicher von einer hohen Schule verlaufen, dachte Herr Quicker, aber bekreuzte sich immerhin mit.

»Da links steht das Stauferhorn, und hinten rechts in Grau und Grün winken die Obwaldner Alpen. Von dorten stamm ich. Aber was dann noch weiter hinten in den Himmel wächst, diese vielen weißen Zinken, das gehört zum Ewigschnee der Bernerberge. Die mißt niemand, nicht einmal ein Vogel kommt so hoch.«

»Gut, gut, die Bernerberge,« merkte sich Quicker ungeduldig. »Aber nun rudert, guter Freund, sonst komm ich heut niemals bis Sankt Niklausen.«

»Das da im Winkel sind die Uristöcke, ein unmenschlich Gebäu. Dahinter geht es wüst und hart zum Gotthard hinauf und ins gebenedeite Italien hinunter. Ich muß lachen. Dorther ritt jüngst der Gesandte des Moro. Ein langer Weg, Herr, und dazu für nichts und wieder nichts.«

Jetzt fiel Simon Quicker fast hintenüber. Er zerrte an der Braue und wollte aufschreien, weil der Italiener, sein Rivale, nun trotz und trotz aller Sterbensmühe ihm zuvorgekommen sei. Aber da fiel ihm noch zeitig das Gebot der Diplomatie ein: numquam percuti . . . sich nie verblüffen lassen. Er hustete also, schluckte und würgte ein bißchen und sagte dann mit erzwungener Langsamkeit: »Von Paris war es noch weiter für den französischen Ambassadore, bah.«

»Aber die Franzosen reisen nie umsonst,« widersprach der Schiffer witzig; »finden sie keine Freunde, so doch gewiß Freundinnen. Jedoch dieser arme Tschingg Ambiguo mit seiner großen Warze an der Nase, der fing nicht einmal einen Floh aus dem Rock des Ehrwürdigen. Wißt Ihr, wie das Volk darüber spaßt? Ein Hengst galoppiert herein, ein Esel kriecht heraus . . . Doch das langweilt Euch, das ist nicht Botanika . . . Betrachtet jetzt lieber den Spitz dort neben dem Rigiberg. Das ist der große Mythen, wohinter die Abtei Einsiedeln . . .«

»Und weiß man, was sie gesprochen?«

»Wer?«

»Der Gesandte und der Einsiedler?«

»O man fabelt gleich ein Meßbuch voll Legenden. Der Herr Ambiguo soll zu zappelig gewesen sein . . . wie Quecksilber. Er hätte ein Pfündchen Geduld und Faulheit haben sollen, wie ich, werter Herr von Innsbruck oder auch von Feldkirch . . .« Und sofort begann der merkwürdige Ferge mit einer leichtsinnig hellen Stimme und mit den wunderlichen Lauten der Obwaldnerzunge zu singen:

Fuil syn ist fry syn,
Fry syn ist güot syn,
Güot syn ist sälig syn,
Mehr syn ist nits syn.

Nach jeder Zeile hackte er die Zähne zusammen, daß es klirrte vor faulem Übermut.

Simon Quicker schloß aus allem, daß sein Begleiter auch den Mailänder nach Stansstad gerudert und sicher viel erhorcht habe, was dem Gegenspieler wichtig wäre. Aber in diplomatia nequaquam velocitas! Er gähnte also mit Anstand und bemerkte dann gelangweilt: »Wie heißt der hübsche Vorstich dort in den See hinaus?«

»Kastanienbaum,« antwortete Heinz. Wie widerlich war ihm dieser Mensch! Wie wüst ihm das Haar bis in die Ohren wächst. Was für kleine, gierige Hände hat er. Ein Geizhals! Aber das Schlimmste sind seine dürren Lippen. Er zieht sie in den Mund, als söge er den Zahlen den Saft aus.

»Ja, wachsen denn hier noch süße Kastanien?«

»Roßkastanien, Herr Doktor; die sind bitter zum Gerben. 's ist überhaupt ein bitteres Land. Als der Ambassadore aus den Bruderklausenbergen herunterlief, war er grün und grau, als hätte ihm der Heilige nichts als solche Kastanien serviert . . . Aha, jetzt sind wir aus dem Wind, jetzt heißt es wieder in die Händ' speien . . .« Großartig, wie der Knecht gefaulenzt hatte, schwang er jetzt die Ruder. Nun erst bemerkte Simon die weißen Hände des jungen Mannes, mit rosigen Nägeln und dem Aufblitzen eines breiten Ringes. Ein nobler, verkommener Student, wiederholte er sich.

Der Nachen fuhr nahe ans jenseitige Ufer des Bürgenstocks und da an Wald, Bergwiese und Fels entlang wieder ganz langsam, als gereue den Ruderer die Reise, als zaudere er vor etwas, das er nicht sagen könne. Erst als man gegenüber ein vierrudriges Schiff um die Horwer Nase biegen und heftig in die Seeenge von Stansstad gleiten sah, ermannte er sich wieder. »Das muß ein Extraschiff sein,« entschuldigte er auf den vorwurfsvollen Blick Simons. »Vier fahren natürlich besser als einer.« Man winkte und grüßte von dort. Es schien ein schwarzgekleideter Herr mit Schülern dort unter den Schiffern zu sitzen. Jetzt strengte sich der Schiffsknecht wieder mit gespannten Armen an. Das andere Schiff entschwand im Alpnacherarm; aber auch Simons Kahn schoß jetzt der Enge zu, wo am linken Ufer eine schmale Talöffnung sichtbar wurde. Ein plumper Turm stand dort und schnitt ein großväterliches Gesicht ins Wasser. Friedlich drängte sich daneben ein Flüßchen durch das Ried und schlüpfte unmerklich zwischen den Binsen in den See.

Die dichten Brauen Quickers lichteten sich zufrieden. Die Abfuhr des Mailänders, das glatte, rasche Fahren, der schon so nahe und gemütliche Uferplatz und die Zuversicht, von seinem interessanten Begleiter noch manchen kostbaren Aufschluß zu erhalten, machten den Österreicher immer heiterer. Diesen Kameraden wollte er durchaus angehen, ihn statt irgendeines aufgelesenen Führers durchs Gebirge hin und zurück zu geleiten. Er griff unauffällig in die Gurttasche nach einem geeigneten Taggeld. Mit geübtem Daumen betupfte er den Kopf von siebenerlei Münzen und erkannte beim ersten Tasten schon am Ohr, ob es das kaiserliche zu Wien oder nur das herzogliche von Innsbruck oder das kurfürstliche von Mainz oder am Ende bloß das Eselohr einer Republik wäre, und nur darin schwankte er peinlich, ob für einen Taglohn dieses Ohr nicht zu groß, jenes nicht zu klein gewachsen sei.

Indem stiegen sie aus dem Boot. Der Bursche stampfte fest auf den Grund und sagte: »So, das wäre nun wieder freier Unterwaldner Boden.« Dann zeigte er ins schmale Flußtälchen hinauf. »Nun seht Euch vor, wie Ihr zurechtkommt. Erst geht es ein Stück gerade einwärts, vor Staus biegt Ihr rechts den Allweg hinauf, dann . . .«

»Gut, lieber Gespan; aber . . .«

»Leute findet Ihr überall, es redet niemand Spanisch.«

»Nicht das, jedoch . . .«

»Nur passet auf zwischen Siebeneich und Wißerlen. Könnt Ihr klettern?«

»Spaßvogel Ihr! Lasset mich lieber fragen, ob Ihr . . .«

»'s ist nur das: jetzt atzet das Vieh im letzten Gras. Und da gibt es etwa einen Stier oder eine ungerade Kuh, und schläft der Hüterbub irgendwo in den Stauden und ist weitum kein Haus. Das kann dann etwa schwierig werden. Jedenfalls knüpfet den Rock zu. So ein schwefelgelbes Wams reizt höllisch.«

Dem Sprecher glitzerten die Augen vor Schadenfreude. Dennoch schien er mit sich uneins und wahrhaft unglücklich. »Nun,« schrie er und streckte die Rechte vor, »was bekomme ich bezahlt?«

Aber Quicker packte diese schöne Hand, die schon Schwielen trug, mit allen zehn dürren Fingern und sagte: »Nichts da, Ihr müßt mit, ich lass' Euch nicht mehr los. Nicht wegen der Kuhhörner. Da hat auch unsereiner noch seine zwei flinken Beine. Aber langweilig ist der Weg allein. Ihr seid land- und leutekundig und möget doch sicher den berühmten Waldbruder auch gern grüßen. 's ist wohl nicht das erstemal. Ja, ja,« schloß er bestimmt, und schüttelte den Jüngling leicht, »Ihr und niemand anders habt den welschen Herrn in den Ranft geführt.«

»Hab' ich's denn nicht schon erzählt,« entgegnete der Bursche trocken und fast gelangweilt. »Was ist da Besonderes?«

»Nichts verrietet Ihr, ganz geheim tatet Ihr! Aber ich hab' es gleich erraten. Nun bin ich ja ein gewöhnlicher Botanikus. Aber ich zahl' Euch gern für heut und morgen soviel wie jener Mailänder. Wie hoch beläuft's etwa?« fragte er unsicherer.

Der Bursche schaute hoch über den Graukopf in die noch graueren Köpfe des nahen Gebirges und schien gar nichts zu hören. Seine Augen brannten trocken und blutigrot. Er wurde blaß, nagte an den Lippen, tat plötzlich einen Sprung vorwärts und rief lauter als nötig: »Abgemacht! Ihr gebt mir zwei Luzerner Taler. Komm es wie's wolle . . .!« Dann marschierten sie eilig landein, nahmen in Stans zwei Pferde und ritten gemächlich am lauen, vom Herbstlaub und nackter, müder Erde riechenden Nachmittag das Allwegtälchen gegen Kerns hinauf. Sie schwiegen lange. Das paßt auch für diese schmale, stille Gegend. Links reckt sich doppelköpfig das Stanserhorn empor, rechts läuft ein Hügel über den See mit, und zwischendrin geht das Sträßchen dünn und verlassen wie eine arme Seele. Herr Simon klagte endlich, wie unwirtlich ihn diese Öde berühre; aber der Führer tröstete, dort vorne der schwarzblaue Schatten querüber sei der Kernwald, voll Moritaten, Spuk und Brombeeren. Sei man einmal ungeschoren aus dieser Kurzweil heraus, so treffe man bald Bauerngüter, wo es Milch oder Most und Lebkuchen gebe, und Spalenkäse, der fast so berühmt sei wie der Bruderklaus. »Das ist ein unziemlicher Vergleich,« tadelte Simon. »'s ist ja nicht bös gemeint,« gab der Jüngling zurück. »Auch der Käse kommt allerenden so gut wie der Heiligenschein vom lieben Gott.«

»Ihr habt eine gescheite, aber lockere Zunge,« antwortete mißfällig der Ratsherr. »Auch reitet Ihr wie ein geborner Kavaliere, und Euer Gesicht . . . Eure Hände . . . kurz und gut, woher habt Ihr das? Wollt Ihr mich noch immer narren, Ihr seied ein Bauernkind aus dieser Landschaft? Seid ein bißchen vertraulich, da wir nun eine lange Zeit zusammengehören!«

»Warum nicht?« versetzte der andre gelassen. »Sagt mir Heinrich Bürgler. Mein Vater steht hier hoch im Amt. Mich ließ er Latein und Rhetorika studieren. Dann mußt' ich früh mit den Regimentern ins Italienische. Aber die Junker von Luzern, die französisch husten und schneuzen, hassen den Vater. Er liebt die Bauern und ist selbst ein Bauer, wogegen die Luzerner ihre Bauern drücken. Als er nun ihre Sauereien gegen die Knechte im Entlebuch aufdeckte, wie gottserbärmlich sie diese einst freien Hirten plagen, da machten die Stadtherren ihm den Prozeß, das heißt, sie forderten meinen Vater vor ihr Gericht und folterten und köpften, da sie ihn nicht fingen, seine bäuerlichen Freunde im Luzernischen. Jetzt herrscht natürlich Haß und Tod zwischen Obwalden und Luzern. Wenn sie nur meinen Vater in die Zange kriegten . . .! Ich blieb im Feld und bin erst vor kurzem über den Gotthard heimgereist, da wir nun leider mit Mailand kapituliert haben. So hat es sich wie von selbst gefügt, daß ich gerade dem Ambassadore den Weg zum Bruder zeigen konnte.«

»Wo lebt Euer Vater?«

»Dort hinten am Giswiler Stock sitzt er in einem schön getäferten Haus und melkt und käset und amtiert und läßt sich halt nicht über die March locken. Die Luzerner umspionieren ihn bis unter die Dachtraufen. Ich merk', sie haben eine Tücke vor. Drum lieg' ich verkleidet als Fährmann in Luzern, übernachte bei guten Freunden, fahr' etwa mit Fremden und errate am ehesten, was die Junker planen, und halte meinen Vater auf dem laufenden . . . Doch, wie bleich seid Ihr! Nehmt einen Schluck!« Er reichte ihm seine Feldflasche.

Simon trank. Das holprige Reiten auf diesem Prügelweg hatte ihm ein wenig übel gemacht. Aber der Branntwein wirkte großartig, und Quicker erzählte rasch und alle Namen und Orte verwechselnd, wie ihm die Göldli Ähnliches von diesem Zwist der beiden Länder erzählt hätten.

»Die waren auch verdächtigt, weil das Witweib eine Hiesige und dazu mit meinem Vater verschwägert ist. Bald seht Ihr ihr Weibergut.«

Nach längerem Ritt wies Bürgler wirklich auf ein welkendes Buchenwäldchen und bemerkte: »Die Göldli sind eine brave Familie; aber sie haben den Sterbet im Haus. Immer der Älteste muß weg. Jetzt hat es den Eimil am Kragen . . . Schad um den Knirps! Das gäb einen General oder Schultheiß, potz Teufel . . . Er ist nur zu gescheit. So oft ich mit ihm gespielt hab', mußt' ich staunen, was dem für Gedanken aus dem Mund spritzen . . . Hat er immer noch so aufgeschwollene schwarze Lippen . . .? Da sitzt der Tod . . . buh, mir graust, denk' ich, daß der Fant mich einst wie ein Hündlein abgeküßt . . . Da ist's,« lenkte er mißgestimmt ab . . . »Was Ihr da seht, gehört den Göldli von der Frauengift her . . . oder gehörte ihnen doch einmal.«

Simon Quicker betrachtete das Buchenwäldchen, das wie eine blühendrote Wolke den Berg herabhing und mit seiner Herbstfreude auch noch der fahlen Wiese einen Schein von Festlichkeit gab. Wo Wald und Matte sich trafen, lag zwischen zwei Nußbäumen ein niedriges Haus mit einer Reihe Butzenscheiben und einer Laube ringsum. In dem abgerauften kurzen Gras äseten noch Schafe, fast ohne sich zu bewegen. Waren es neun oder zehn? Simon, der sie sogleich nach seiner Kassiergewohnheit zusammenzählte, konnte einfach die genaue Summe nicht finden. Der Trunk oder sonst eine Unruhe machte ihn so zappelig. An einem offenen Fenstertürlein sah man den lichten Scheitel einer Frau. Simon fuhr zusammen. Es war genau das silbergraue Haar seiner Gertrud. Still saß sie da, das Gesicht in den Schoß gekehrt, als ob sie etwas Bequemes mache, etwa spinne oder Äpfel schäle. Der geringe Sonnenschein, der von der Pilatuskette her über den See und Hügel fiel und in den aufsteigenden feinen Nachmittagsdünsten fast versiegte, machte das Bild noch traulicher in seiner Einsamkeit. Das war der erste Mensch, dem die Pilger auf dem langen Wege begegneten. Ein zierlicher Rauch quirlte über dem Schindeldach in die Luft, gewiß vom Vesperbrot, das hier schon um drei Uhr genommen wird mit Milch und Käse und einem Teller gedörrter Kannenbirnen. Im Garten neben dem Hause standen gelbe Bienenkörbe an einem Bretterschlage. Man glaubte ihr dumpfsüßes Summen bis hierher zu hören, obwohl man kein einziges Tierchen sah. Simon war wie verhext. Noch nie hatte ihn ein so neidisches Gefühl nach Frieden und Behagen und namentlich nach Freiheit befallen, wie beim Anblick dieses seligen, alle Gegend regierenden Bauerngutes. Sein dickes, schattiges Halbhaus ohne Garten, Sonne und Gassenfreiheit drängte sich ihm sofort zu einem bösartigen Vergleich auf. O fürwahr, was hing doch von seiner Reise ab! Die ganze Freiheit seines Lebens. Nüßelerhof, Inngüetl, Seligkeit . . .!

»Freund, noch einen Zug von Eurem Kirsch,« forderte er mit einer gewissen Sehnsucht in der Stimme und schlückelte und läppelte, als hätte er seit Jahren die Zunge dürr, und wischte noch mit dem Finger die Tropfen vom Schnurrbart in den Mund . . . Sicher, wenn er jetzt den Bruderklaus und damit die Kompagniegelder und das Inngüetl gewann, dann wollte er sein eigner freier Herr werden . . . Diese Frau dort mit dem silbernen Kopf, wie wohl war ihr am Fenster! Wer hinderte sie, in den Garten zu sitzen oder reife Birnen vom Bäumchen zu reißen und welche sie gelüstete anzubeißen? Oder Stuhl und Tisch vors Haus in die sanfte Sonne zu tragen und den Mägden zu befehlen: hier wollen wir miteinander spinnen und ein altes Lied singen und unsre lieben freien Berge lustiger als sonst angucken . . . Wer hindert sie zu sagen: morgen kernen wir die Nüsse, übermorgen backen wir das Wochenbrot und den Sonntagswecken; heut abend aber sollen die Mädchen mir ein Tüchtiges übers Tenn tanzen; Michel, der Knecht, spielt uns mit der Mundorgel auf . . . Solche Sachen, erzählt der Kamerad, machen sie doch hier. O Gott, die haben, die haben! Welche Lust, welch freie Hände und Füße! Was für tausend saftige Stücklein des Lebens, von denen ich keinen Fingernagel groß weiß. Ich alter Einerleimensch! Was hab' ich, ich? Den Trott zur Stadtkasse am Morgen, den Trott zur Hauskasse am Abend und dazwischen nichts als den Spaziergang von der Eins zur Zwei und Drei und Vier bis zur Neun oder Null, ja, so ist es, bis zur Null. Das ist das Fazit . . .

Der Herr Rat vergaß ganz, daß er diese Alte eigentlich grüßen sollte. Plötzlich, da die Zwei so beharrlich zum Hause starrten, erhob sich die Frau, wandte das Gesicht heraus und bewegte den Mund wie in eifriger Rede. Bleich ist sie. Grüßt sie? Jedenfalls neigt Simon den Kopf. Ist sie krank? Was schaut sie so unverwandt nach ihm? Ein sonderbares Gefühl beschleicht ihn. Der Kopf wird ihm schwer. Wie merkwürdig hat dieses Weib gegrüßt. Er kann es nicht fassen, es ist Torheit des Schnapses, und doch schwört er, seine Gertrud habe dort gestanden, zum Ranft gewiesen und gebettelt und geschrien: vorwärts!

Er weiß, sie meint das Vorwärts anders als er. Ihm wirbeln die Sinne durcheinander.

»Euer Branntwein tut gut, lieber Genoß!« schmeichelte er verwirrt. »Laßt mich nochmals ansetzen!«

»Nichts da,« entschied jetzt der Jüngling herrisch. »Ihr werdet bald weiß, bald dunkel. Dieses scharfe Branz vertraget Ihr nicht. Steigt lieber ein wenig ab. Hinter den Haselstauden dort ist ein famoser Quell, den hierzuland jedes Kind kennt. Mondbrunnen heißt er in der Chronik, weil er Euch so kühl und frisch wie Mondlicht überläuft. Aber gemeiniglich namset man ihn das Geduldwasser.«

»Brr!« Der Botanikus schüttelte sich vor Ekel.

»Man sagt, ein Mundvoll davon mache schon ruhig, zähme das Blut, stimm' Euch geduldig. Wenn der Wolf vor dem Schlafen davon saufe, erwache er als Lamm . . .«

»Reiten wir weiter, weiter!« drängte Herr Quicker. »Bleiben wir . . . im Sattel!« Bleiben wir Wölfe, hatte er sagen wollen.

Nein, diese schneeweiße Frau, das ist sonderbar, dachte er halblaut und fühlte ein beinahe süßes Gruseln über den Rücken fahren. Er überhörte, wie Bürgler lachte und sagte: »Verrückt ist sie, nichts weiter.« Er merkte es nicht einmal, wie sie beide in den Kernwald gerieten, bis man endlich absteigen und die Pferde am Halfter führen mußte. Das Gehölze wurde immer dichter und lastete zuletzt dumpf und leblos wie die Nacht über den beiden. Man sah keinen Himmel und keine Erde mehr. Alles Lebendige schien sich hier verschlafen zu haben, da es ja doch nie mehr Tag würde. Die Vogelpfiffe dann und wann, die so dünn und fern tönten, auch wenn sie von der nächsten Tanne kamen, schienen nichts als Erinnerungen zu sein, wie sie etwa in einen Schlaf wehen und verwehen.

»Plaudern wir,« bat Herr Quicker und erschrak vor seiner eigenen Stimme, die hier wie aus einem Keller tönte. Gierig suchte er die paar Scherben Himmel zu behalten, die für einen Augenblick von oben hereinblitzten. Aber gleich schlug der Wald sein Rabengefieder noch schwärzer über ihren Köpfen zusammen. Mehr als einmal versuchte Simon mit einem verlegenen Hüsteln den Vordermann über den Ambassadore auszuforschen: an welchem Zipfel man den Bruderklaus wohl packen und überlisten könne. Aber immer blieb ihm schon das erste Wort in der Kehle stecken. Die Bangigkeit dieses Waldes bedrückte sein Gewissen. Es war doch etwas Zweifelhaftes, Unehrliches, etwas recht Dunkles, was er im Schilde führte. Und hier war es ohnehin dunkel genug, um nicht noch eine neue Finsternis hinzulegen. Wenn es denn sein muß, dann lieber draußen am Tage lügen und betrügen, auch wenn man erröten muß vor der Sonne und dem Gesellen da.

Dann und wann flimmerte es ihm seltsam vor den Augen. Jetzt aber deuchte ihn, es bilde sich etwas wie ein weißlichgraues Nebelchen vor dem Gesichte. Er putzte die Wimpern. Umsonst, das schwebte vor ihm grünlich, silbern, wolkigweiß, bewegte sich langsam in eine schier menschliche Form.

»Ihr sagtet,« begann er hastig zum Bürgler, »jenes Gut gehörte früher . . . Jetzt also nicht mehr . . . Halt! wo seid Ihr? . . . laßt mich Euern Arm greifen . . . Ihr, Bürgler, was ist das dort?«

»Wo?«

»Das Helle dort . . . wie Rauch . . . wie ein Men . . .«

»Der Schnaps, Herr Botanikus, der Schnaps,« spottete es vor ihm aus dem Dunkel.

»Nein, das lebt, das . . .«

»Das weiß doch jedes Kind. Wo's feucht und finster ist, nur mal die Sonne drein schaut, an den Rinden, fängt's dann an zu glimmen und schwelen . . . Die Göldli, jaso . . .«

Schon hörte der Quicker ihn nicht mehr. Er sah das Helle dort weiß wie jene Frau am Fenster werden, noch weißer, wie seine Gattin zu Innsbruck. Es formte sich immer bestimmter. Das war ihr Gesicht, ihr Kissen, ihr Händchen, das winkte . . . alles weiß und auf einmal gar nicht mehr unheimlich. Simon mußte nach Luft schnappen, nicht vor Angst, vor einem seltsamen Druck, der ihm vom Herzen in die Kehle stieg. Ein so schönes, so liebes, so weißes und ihm so zugehöriges Gesicht gab es nirgends als daheim. Er fühlte das Ungewohnteste, das ihm begegnen konnte: Tränen, weich wie warmes Wasser, über seine Wangen laufen. Mitleid, Reue, Heimweh preßten ihm die Augen zu. Was Kernwald? was Gebirge und saure Diplomatie? was einen Heiligen beschwindeln? Das ist alles gleichgültig, das sind Nebensachen. Seine Frau ruft. Wie er sie liebt in diesem Augenblick und sich ihr nah und notwendig fühlt. Muß man so weit fortgehen von einem Menschen, um ihn endlich zu finden?

Sei's, wie's wolle; aber seine große Mühe durch diesen Wald und durch diese widerwärtige Mission hat nur Sinn für seine Frau. Alles andere ist Null. Dafür müßte er keinen Schuh mehr rühren. Das Wunder, ja, das Wunder, hat man gesagt. Beim besten Gewissen kann er nicht daran glauben. Aber ein Wunder ist schon da. Ich liebe meine Frau mehr als alles Geld der Erde. Und, beschwor er sich, darum, nur darum möchte ich dieses Geld haben. Ein richtiges Wunder kann man damit nicht kaufen; aber doch Wunderbares genug: den Garten, Luft und Sonne und Freiheit, frohes Zusammensein, und das sind auch die besten Doktoren der Welt. Aber ums Geld kämen auch die berühmtesten Heilkünstler von Prag und Paris ins kleine Innsbruck. Unwillkürlich tastete er in seiner Geldkatze herum und streichelte und liebkoste die Münzen; aber nicht mit der frühern kalten Gier des Geizhalses, der vor seiner leblosen Metallsammlung steht wie das größte und lebloseste unter ihnen, sondern mit jener Wärme, die in ihnen nicht mehr den Tod, sondern das Mittel zum Leben und Wunderwirken, sozusagen etwas Menschliches, Freundschaftliches, hilfreich Göttliches sieht.

Jetzt will ich wie ein Fuchs hantieren, beschloß er. Fort mit allen Skrupeln! Zum Klausner, zu den Ratsherren, zu den Obersten! Gebeten, gelogen, geschworen, gefeilscht und gekloben und so rasch und heil wie nur ein glatter Spitzbube mit dem Goldwunder über die Grenze entwischt, heim zur besten, liebsten, geduldigsten und bleichsten aller Frauen. Er öffnet die Augen. Wird sie lächeln, nicken? . . . Die Erscheinung, diese Dämpfe, wie der Kamerad da sagt, sind weg. Dafür stupfte ihn eine Hand unsanft vor die Brust, und es spöttelte aus der Finsternis: »Wo seid Ihr hängen geblieben? Ich erzähle drauflos und frage und Ihr hört nichts . . . Nochmals, mußtet Ihr nicht hungern?«

»Wieso hungern?«

»Silbergeräte haben sie Euch gewiß aufgestellt; aber Wassersuppe drin?«

»Von was redet Ihr?« fragte Simon völlig erwachend und trocknete sich hastig die Backen.

Nach und nach begriff er. Der Begleiter erzählte von den Göldli. Durch Verschwendung und verfehlte Spekulationen des Hausherrn im Eschental sei ihr großes Vermögen so gesunken, daß man sie jetzt eher Kupferli oder Blechli namsen sollte. Der leichtsinnige Mann verpfändete seine Güter und geriet immer tiefer ins Debito. Schulden laufen mit tausend Füßen. Die Frau, eine reiche Durrer aus Obwalden, warf ihnen ihre Habe eins ums andere ins Maul. Aber das fraß und lief bestialisch weiter. Sie kehrten ihre Seidenkleider, denn Seide müssen die Göldli noch beim Verhungern tragen. Der Bub stolzierte einmal sogar in Pumphosen herum, die aus einem Burgunderstück von Grandson geschneidert waren. Auf dem Hintern glänzte noch das herzogliche Wappen. 's war Karls Mantel gewesen. Die schönen alten Möbel wackeln, alles wackelt, alles ist morsch. »Habt Ihr's denn nicht bemerkt?«

Erst jetzt fiel Herrn Quicker allerlei auf, was er damals gedankenlos übersehen hatte, das Brusttuch der Frau, die zerfransten Bubenhosen, das unterlegte Bein seines Baldachinbettes, der dünne Wein im prächtigen, aber verbogenen Silberglas . . .

Bürgler berichtete weiter, wie die Frau Göldli jeden Sommer mit ihrem hitzigen Buben zum Nüßelerhof zog, damit er da erstarke. Dem Balg tat das gut. Man lebt hier doch in einer andern Sonne als in der feuchten und schattigen Stadtgasse . . .

Simon Quicker entschlüpfte ein Seufzer.

»Als es nun zwischen Luzern und Obwalden wegen dem Entlebuch krachte und jenes steif behauptete, wir hätten die Hand im Garn, und den Amstalden köpfte und meinem Vater und andern Obwaldnern mit dem gleichen drohte, da hat auch der uns sonst wohlgesinnte Göldli im Kleinen Rat zu den Scharfen gehört und die Urteile mit unterschrieben. Sofort verboten die Obwaldner den Göldli die Grenze. Nach unendlichem Gebettel konnte die Mutter endlich mit Hilfe des Bruderklaus erzwingen, daß Eimil das Nüßelerhaus unversehrt besuchen und behalten dürfe, wenn er alles Göldlitum sich von Leib und Seele reiße, den Mutternamen führe und als richtiger Obwaldner sich in jungen Durrern fortpflanze. Das gab schwere Kämpfe. Zuletzt trat man doch alle Luzerner Titel und Rechte dem Mädchen ab und das Junkerlein wurde ein Durrer, ohne bei seinen sieben Jahren diese Metamorphose zu verstehen. Die Gesundheit und der Nüßelerhof sind viel wert. Aber da geschah doch zu viel auf ihre Rechnung. Überleget: Rang und Ruf und alte Väterglorie für . . .«

»So ein Gut,« ließ Simon eilig entschlüpfen, »mit Garten und Wiesenfreiheit in alle Weite und Breite genießen und daran genesen, das wiegt doch wohl mehr als ein Herzogshut . . .«

Bürgler schnitt eine Grimasse und fuhr dann fort: »Nun starb der Göldli so recht im Rausch seiner Schulden. Die Gläubiger wurden frecher. Die Witwe mußte vom Nüßelerhof den Wald, dann die Matte, dann das halbe Haus verkaufen. Drei sonnige Kammern verteidigte sie zuletzt noch wie eine Katzenmutter ihr Nest. Ihre Mutter, jene weißhäuptige Dame am Fenster, wehrte mit. Soviel gehört ihnen noch. Aber nun merkte Eimil, als Mareili immer Papiere unterkritzeln sollte, welcher Betrug mit ihm geschehen war, und forderte mit dem bekannten heillosen Göldlistolz Rang und Namen zurück. Er fieberte und wütete, bis alles rückgängig gemacht ward. Natürlich verschärfte jetzt Obwalden das Verbot. Nun ward es schlimm. Das Weib schmolz seine Schmucksachen ein, nahm der Mutter den letzten Gulden ab und fastete und bettelte, um den Knaben nach Baden oder Schinznach zu bringen. Über all dem wurde die Alte verrückt. Sie sitzt am Fenster und spinnt ihren Flachs und braucht, wie die Leute sagen, kein anderes Wasser als das vom Auge, um den Faden zu netzen. Wäret Ihr dort nicht so hintersinnig gewesen, so hätte ich Euch den Spaß gemacht und wäre ein paar Schritte gegen das Haus marschiert. Potz Blitz, Ihr hättet etwas erlebt. Gleich hüpft die Alte auf, versperrt die Pfosten, spuckt und rast und schreit Euch an: Pack' dich, vermaledeiter Vogt aus Österreich! . . . denn sie verwechselt jetzt alles im blöden Gehirn. Alles Böse ist österreichisch . . .« Widerwärtig lachte hier der Junge. » . . . Und so läßt Frau Göldli zu Luzern alles draufgehen, bis sie selber auch noch verstört wird. Soviel Umständ' für ein krankes, garstiges Bübchen!«

Aber Herrn Simon Quicker wandelte bei dieser Elendserzählung ein ehrfürchtiger Schauer vor jener Mutter an, so daß er den österreichischen Schimpf ganz überhörte. Es ging über seinen Verstand, und doch war er jetzt gewiß, daß dieses von Schuldzetteln umflogene Weib mit dem zerfaserten Brusttuch und unter soviel verbogenem Geschirr dennoch irgendwie die bessere und höhere Rechnerin sei als er.


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