Heinrich Federer
Spitzbube über Spitzbube
Heinrich Federer

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»Kommen wir zu Ende,« forderte nun Sigismund ganz nahe mit seinen lästigen Hunden. »Seht, lieber Kanzler, ich will Euch nichts aufdrängen, was Euch so schwer macht . . . Willst du wohl, Peter, weg . . .! ist das Vieh verzogen . . .! Mir fällt eben Magister Kürstein ein. Der wollte schon lange für seinen Thomas, den Studenten, der ein fließendes Bein hat, nach Maria Einsiedeln pilgern. Richtig, auch Bruderklaus soll ja allerlei Gebresten heilen . . . Jetzt hinaus, ihr verdammten Aser . . . Setzt Euch, Kanzler, Ihr seid ja grau wie Asche . . . im Augenblick bin ich zurück und dann sagt Ja oder Nein ohne alle Plag!«

Er zog die Schärpe von der Achsel und peitschte die aufknurrenden Hunde, die soviel lieber ruhig um den Herrn herum auf dem Teppich lägen und mit ihren langen Nasen die Sonne sögen, durch eine ganze Flucht von Sälen. Bald näher, bald ferner tönte das Bellen und Pfeifen, das Hüst und Hott und schrille Lachen, und ein, zweimal auch der Schrei einer überrumpelten Zofe, so daß man wirklich an eine Jagd mit aufgebrachtem Wild denken konnte. Aber sehr bald kehrte der Jäger mit langen, glücklichen Schritten zurück. Hinter ihm trippelte ein Diener, beide Arme mit seidenen Hosen, Brustnetzen, Mänteln, einer Samtmaske und brodierten Pantoffeln behängt. Sigismund deutete mit dem Finger spaßig auf den Kanzler und schlüpfte in den Alkoven, der mit braunroten Fenstermalereien aus der Stubenecke hoch über seine Stadt hinaushing. Geschnitzelte Truhen mit herzoglicher Garderobe liefen wie Chorstühle ringsum.

Simon Quicker merkte nichts von dem. Er war in den herzoglichen Sessel gesunken, nicht mit seinem magern Körperchen allein, sondern müde und schwer, als läge schon das ganze Schweizergebirge auf seinem Hals. Eine Art Betäubung umfing ihn, durch die aber das eine Wort klang und sich immer wiederholte, als wäre es ein Brunnen oder ein Wind, der es unaufhörlich plapperte: richtig, auch Bruderklaus soll ja allerlei Gebresten heilen . . .

Er hatte heute schon an alles Mögliche und Unmögliche gedacht: Verzicht auf Amt und Kasse, eigenes Gut und Häusel, Ruhe, Freiheit, Privatisieren . . . auch sein steifes Weib an die Sonne tragen . . . er würde Bäume okulieren, den Rasen wässern, Obst und Gemüse ziehen und mit Ira im Haushalt helfen und daneben mit seinen Geldern Leih- und Wechselgeschäfte treiben, um nicht ganz ohne die liebe Zahl zu leben. Aber in allen Träumen war immer seiner Frau als der siechen, linnenbleichen und geduldigen Person gedacht, wie er sie seit vielen Jahren nicht anders kannte, mit der man längst nicht mehr spazieren, noch arbeiten, ja kaum laut reden und scherzen durfte; an deren Leiden man sich so gewöhnt hatte, wie ans Morgen- und Abendwerden, so daß man es in seinem Tun und Lassen nicht weiter berücksichtigt. Dann und wann hatte er ein dunkles Gefühl von Schuld an diesem Siechtum. Manchmal in den letzten Monaten, wo er lebhafter an eine freie Zukunft dachte, empfand er auch eine leise Rührung mit dem hilflosen Geschöpf in den Stuhlkissen, das an dem neuen Leben so wenig fröhlichen Anteil haben würde. Denn daß sie aus dem Schatten an die Sonne käme, würde diese verkrüppelte Kreatur nicht mehr warm und weichgliedrig machen. Das hatte er dem Herzog nur so aus Scheinheiligkeit gesagt.

. . . Richtig, auch Bruderklaus soll ja allerlei Gebresten heilen . . .

Vor einer Stunde war er noch bei Gertrud gestanden und hatte beteuert, er verwage sich nicht zu den Eidgenossen, er weise die Mission zurück. Sie aber, die nichts von einer Spitzbüberei, nur von einer Wallfahrt wußte, hatte mit ihren weichen blauen Augen ihn ungewöhnlich lebhaft angeblickt und merkwürdig heftig gerufen: nein, Simon, geh, sei doch so gut und geh, und bring uns ein Wunder heim!

Er hatte gelächelt und gar nicht überlegt, was sie wohl damit meine. Jetzt wird ihm klar: Bruderklaus könnte sein Weib gesund machen.

Gesund, sein Weib, wie wäre das? Der Gedanke verwirrt ihn. Sechzehn Jahre leben sie zusammen. Nie ist ein Unwort zwischen sie gefallen. Er liebt sie ehrenhaft, wie man neben der Münze in goldener Robe noch eine zweite Frau im Alltagszwilch lieben kann. Schon früh fing sie an zu kränkeln, Jahr für Jahr wurden ihre Füße schwächer, ihr Rücken haltloser, ihre Lippe bleicher und ihr Haar fadenscheiniger. Es fehlte am Blut, am Nerv, am Knochen, überall. Bald konnte sie nicht mehr allein gehen, bald nicht mehr ohne Stock aufrecht bleiben; dann saß sie ab, um nicht mehr aufzustehen, und anders als in Polster und Decken gewickelt wie ein wächsernes Christkind konnte er sie sich gar nicht mehr vorstellen. Aber das muß er bekennen, sie hat nie geklagt, nichts gewünscht, und hatte sie sich schon immer vergessen, jetzt im breiten Krankenstuhl und seinen ungeheuren Kissen verlor sich ihr zartes dünnes Wesen so ganz, als wollte es überhaupt nicht mehr bemerkt werden. So hatte sie ihn gewöhnt, sie zu übersehen, zu vergessen.

Vergessen, lispelte er in einem ihm unbewußten Zusammenhang seiner Gedanken oder dessen, was im Alkoven laut geplaudert wurde.

»Vergessen, wie soll man so was vergessen?« tadelte Sigismund vom Ankleidewinkel her. »Dieses gelbe Wams trug ich, exakt dieses. Und die Damen schwirrten nur so wie die Bienen auf eine Sonnwendel über mich herein . . . Weg mit dem grünen Lumpen!«

»Hoheit irren . . . Ihr truget es vielleicht an Sankt Leopold . . . aber am Heinrichstag wollet Ihr diese grüne Tracht mit den Silberpuffen . . . au . . .« Eine elegante Maulschelle klatschte fröhlich in die Schreibstube hinaus.

»Wie kann ich vergessen, was eine hübsche Weiblichkeit mir ins Ohr flüsterte? . . . stammst du aus der Sonne? sagte sie . . . Kann man so etwas vergessen? Ist die Sonne grün, du Esel? Gelb war's, gelb, und mit dieser Farbe hatte ich immer das beste Jagdglück . . . Fort mit dem Heuschreckkoller, langweiliger Bursche . . . Und die beiden Töchter von Steinweg kommen also pünktlich . . .? Gut, gut!«

Der Herzog stand unbehilflich vor den Kammerjungen, pfiff durch die langen, prächtigen Zähne und ließ sich den Rock ausziehen. »Du glaubst nicht, Philipp, wie so ein Tanz jung macht; hast wohl noch nie ordentlich getanzt, Armer!«

»Am Zofenball, Hoheit, in der großen Schloßküche . . .«

»Und hell und frisch wird man dabei. Der Rost fliegt weg, man stäubt die Knochen ab, man ölt sich ein, man hüpft, man hopst, man trippelt und lacht sich gesund, ha, reinweg gesund . . .«

Gesund, gesund! martert sich Simon Quicker, und fällt immer tiefer in den Stuhl. Wenn der Sanktus von Unterwalden sie gesund machte! Das sind doch wohl nicht bloß Legenden, die da landauf, landab gehen. In jeder Übertreibung steckt ein Korn Wahrheit. Und das hat er doch selber gehört, wie der Prior der Franziskaner von offener Kanzel herab rief, die Wunder des Elias seien noch nicht versiegt. Zum Exempel sei tief in einem Walde sogar ein Eidgenosse, man denke, aus jener rohen, übelbeleumdeten Rasse einer, so mit Übermacht begnadet . . . spiritus Dei flat ubi vult . . .

Aber, kömmt ihm der elende Gedanke, wäre es denn wirklich so hübsch, wenn Gertrud gesund würde? Wir leben ja eigentlich nun ganz bequem zusammen, ich am Pult, sie im Stuhl. Das Weib stört mich nirgends, und wir sind es nun so gewohnt, jedes auf seine Art, den Tag zu verspinnen. Eine häßliche Angst um seine Schreib- und Rechengewohnheiten steigt in ihm auf, um das viele schöne Alleinsein mit dem Gelde, um das junggesellenhafte Sonderlingstum, das ihm durch das Siechtum der Gemahlin nach und nach zur zweiten Natur geworden ist. Würde er sich wieder gewöhnen, daß sie mit ihm liefe, an seinem Schreibtisch säße, seiner Arbeit zuguckte . . . und in seinen Tag irgendwie hineinregierte?

»Das sitzt wie angewachsen,« lobte Sigismund und sah im Fensterspiegel wohlgefällig, wie das glatte Trikot seine vornehme Gestalt noch schlanker und elastischer täuschte. Niemand hätte ihn jetzt für einen angehenden Fünfziger gerechnet. Keine Runzel trübte das lange Gesicht, nur über den schmalen Nasenrücken gingen haarfeine Rümpfchen, wie ein Leiterchen hinunter, und man sah es deutlich, ob eine Narrheit oder eine Schwermut darauf herumkletterte. Jetzt hüpfte da nichts als Tollheit.

»Nun stecke mir das Wappen gut an . . . hier, etwas mehr links, wo das Herz klopft . . . so . . .« lachte der Fürst und preßte den grauseidenen Latz mit den fünf aufgestickten Vögelchen fest an die Stelle.

»Was sind das eigentlich für Vögel, Euer Gnaden, Schwalben oder Tauben?« fragte der Junge mit der Vertraulichkeit des Kammerdieners.

»Das sind doch Lerchen, Dummrian, unsre österreichischen Lerchen. 's ist der lustigste Vogel am Inn und an der Donau . . . und unter uns gesagt, der lockerste auch; hat hier ein Schätzchen und dort eines, treibt gottlose Vielweiberei . . .«

Der Page verstand und lachte kurz und trocken, ohne Erröten.

»Das ist freilich gemein, durchaus gemein! Aber heut ist mir doch auch, als trillerten fünf Lerchen unterm Brusttuch. Heut muß mir was Sondergutes begegnen . . . etwa eine Hübsche rechts, eine Hübsche links am Arm, von einem süßen Aug ins andre süße hinübersinkend . . . etwa so zwischen zwei Weiberseligkeiten spazierend, plauschend, gestützt und stützend und . . . Luft, Luft, es wird heiß hier . . .« Er öffnete eine Flügelscheibe. Die Sonne war erstarkt und ging in den Mittag. Der Inn und das Gebirge glänzten abkühlend zum Herzog herein.

. . . Arm in Arm, o doch, im gewonnenen großen Obstgarten mit Gertrud spazieren, ihr alles zeigen, was wächst und Vorrat bringt, ihr vorrechnen, wieviele Säcke Apfel, Nüsse, Zwetschen man einbringt, wie's brätelt und duftet im Dörrofen, dann über alle Sorten Erbsen und Kohl und Rübchen, von den feinen welschen bis zu den gröbern Bissen des Nordtirols und zum Mastfutter für ein rüsselrotes Kirchweihschwein, mit ihr raten und taten, sie unterm Ellbogen fassen, wenn es nötig wird, ihr Brautlächeln wieder hören und ihre roten Brautbäcklein bewundern wie damals, als sie vor der Hochzeitsmesse unter den Erlen am Inn auf und ab gingen und mit einem seligen Herzklopfen unter dem viel zu eng geschnürten Leibchen auf die Trauzeugen und das erste Glockenzeichen warteten, o gewiß, das wäre wieder schön, und jetzt noch viel schöner, wo man älter und einsamer wird und sich auf sein Eigenstes zurückzieht . . . Und Gertrud ist ja die Stille und Demut selbst. Wenn er nur den Finger an die Braue hebt, wird sie neben ihm zum geräuschlosen, unfühlbaren Schatten.

Arm in Arm! ja doch, sie würde ihm das neue Leben verschönern und kurzweilig machen. Denn von Natur ist er doch ein heilloser Langweiler, und wenn ihn nicht die Münze und die Zahl unterhalten hätten . . . Beinahe mußte Simon gähnen.

Warum sollen Gertrud und er es nicht endlich auch einmal schön bekommen im Leben? selbander etwa den Fluß hinauf nach Zirl oder zum alten Gevatter nach Pfaffenhofen oder gar ins äbtische Stams reiten zum Pater Küchenmeister, seiner Frauen Bruder, dem Künstler im Schnecken- und Forellenbacken! Oder man fährt nach Gertraudi hinunter ins Bad, zeigt und brüstet sich ein bißchen und läßt sich beneiden wie andere rentenlebende Paare. Viel Wohliges vom Leben haben sie verloren. Nachholen, nachholen! Er zupft an seinen dicken Brauen . . . Nachholen, hm, das Wort hat einen bittern Beigeschmack. Ob er's haben will oder nicht, er hat wirklich viel nachzuholen; aber für sie; er hat gutzumachen, er ist der Sünder und Schuldner seines Weibes . . .

Der Erzherzog setzte sich längshin über die Truhe und hielt den rechten Fuß hin. Unsanft wie jedesmal hob ihn der am Boden kauernde Diener aufs Knie, zog den braunen Lederpantoffel aus und legte ihm einen dünnen weißen Tanzschuh mit goldener Schnalle an. Und wieder wie jedesmal bei diesem niedrigen Amt dachte der Junge ärgerlich, nun müsse er endlich den Lohn fürs letzte Jahr bezahlt bekommen und wolle ihn beim Zubetthelfen auf Taler und Heller noch heute unerbittlich heischen; andernfalls trenne er diese Schnallen ab und nähe ganz gleiche, katzengoldene auf. Und wieder tastete er an dem Schmuck herum und argwöhnte, daß ihm ein Schlauer, vielleicht der Erzherzog selber, mit diesem Wechselgeschäft zuvorgekommen sei. Sie haben so einen grellen, fleckigen Glanz seit kurzem, diese Schnallen!

Der Herzog fuhr mit den Fingern durch das hängendlange, warme Haar des Knappen und wurde dabei immer fröhlicher und geschwätziger. Jetzt um die Elfe werde nur die Probe für den Bechertanz sein. Sechzehn Jüngferchen müssen zwischen sechzehn weingefüllten, schweren Goldbechern ihre zierlichen Schleifen tanzen, ohne das Gefäß zu berühren, dann niederknien und drei Schlücke daraus kosten, ohne sich mit einem Finger auf den Boden zu stützen. Gelingt es, so hat das Fräulein den Becher dem Herzog zu kredenzen, er tut den Herrenschluck, und darnach gehört ihr der Kelch. Mißglückt aber das Kunststück oder bleibt auch nur ein Tropfen Meraner an der Nasenspitze hängen, dann ist das Trinkgeschirr verwirkt und der Archidux bestimmt hochrichterlich, wer von den Kavalieren den Wein vom Gesichtlein küssen und das süße Unglück zur Dame dieses Abends behalten darf. Da gebe es denn Bosheiten und Schelmereien ohne Ende, saure und süße Mienen und jedenfalls Kurzweil bis zum Hahnenschrei. Diesmal gehe es besonders nobel zu. Seine fürstliche Base aus München sei da, eine Allerweltsjungfer, die trinke wie ein Landsknecht und sei doch ein Ziergeschöpf, blaß, jung und duftig wie ein Schneeglöcklein. So habe er denn das beste Faß aus dem Ratskeller gerollt, Rehbraten, Forellen, Schweinswürstchen und Rosinentörtchen würden aufgetischt, und zuletzt bringe man eine Torte aus Eigelb, Zitrone, Zucker und Schnee, die haargenau die löbliche Stadt Innsbruck darstelle mit Schloß, Kirchen, Markt und Brücke und Männlein und Weiblein in den Gassen. Da werde ohne viel Zeremonie zuerst Base Elisabeth dreinbeißen und ein Stück Innsbruck vertilgen, dann der Reihe nach Damen und Herren. Diese Meistertorte koste allein zweihundertsechzig Taler, jeder Becher aber sei auf fünfundfünfzig Dukaten gewertet.

Soviel Gold und Silber für ein Nachtessen! staunte Philipp und gelobte sich fest, die Schnalle noch heute nacht, wenn Sigismund weinschwer im Bette schnarche, umzutauschen, bevor alles zum Teufel ist.

»So viel,« seufzte Sigismund leichten Atems und sprang vom Sitz auf. »Das begreifst du doch nicht. Behaare und bemanne dich erst und lerne in Kniestiefeln marschieren und achte dann, ob man für die schöne Eva nicht immer noch den schönsten Apfel, ach was, all sein Obst vom Baume schüttelt. Für sie kostet nichts zu viel. Mach Schulden beim Papst und Kaiser und allen Juden; aber einer lieben Frau bleibe nichts schuldig!«

Schuldig bleiben . . . der lieben tröstlichen Frau nichts schuldig bleiben! Kanzler Simon hängt den Kopf tief zum Schreibtisch und noch tiefer in die Vergangenheit hinunter. Ist's die Weiberluft dieses Schlosses oder was? aber er kann nicht anders, er muß dringlich wie noch nie an seine Frau denken. Ihr, dünkt ihn, sei er wirklich etwas Großes schuldig. Geld? wenn man das mit Geld zahlen könnte . . .! Liebe? ja sicherlich, wenn Liebe allein hülfe. Er schuldet mehr; er ist ihr ein Wunder schuldig.

Sonst ist er wahrhaft kein Erinnerungsmensch. Aber jetzt sieht er sich deutlich wie in einem Spiegel als armen, halbgelehrten Schlucker die Gertrud Drechs aus einem alten, vermöglichen Bürgerhaus zur Ehe holen. Er gab damals, um schneller zum Taler zu kommen, als Viertelschreiber noch nebenbei Unterricht in den vier Operationen und in der praktischen Buchführung, in referendis tabellis, wie er aus Ciceros Verresrede stahl. Es kamen fast nur Jungfern zum zwanzigjährigen, saubern, kühlen Federfuchser. Gertrud Drechs sollte für das väterliche Weingeschäft das Kontorwesen lernen. Sie nahte sehr schüchtern, sah ihm wochenlang nur auf die kleinen, hübschen Hände, redete fast nichts, aber multiplizierte so hurtig und zeichnete so scharfe Zahlen, daß er davon ganz entzückt wurde und nun auf jede Weise probierte, ihr einmal ins Auge zu blicken. Er hätte wissen mögen, wie es darin dunkelte und blitzte, während sie eine ihrer flinken Zinsrechnungen im Kopfe löste. Aber sie senkte ihre Wimpern nur noch tiefer. Einmal nun, jetzt muß er fast lächeln, als sie ihren Kalkul abschloß: bleiben also siebenmal dreizehn ein Drittel . . . gleich 92 . . . zweiundneunzig . . . fiel er ihr rasch ins Wort: 29 . . . neunundzwanzig. Zweiundneunzig wiederholte sie sanft. Ich bitte, ich bitte, Jungfer Drechs, neun . . . und . . . zwanzig, schrie er fast zornig. Da blickte sie betroffen zu ihm auf und wenn er noch nie in die Unschuld und Bläue des Himmels gesehen hatte, so war sie ihm jetzt auf einen Schlag offenbar geworden. Er war davon so erschreckt, daß er weder zu einem Scherz, noch zu einer Entschuldigung die Kraft fand, an jenem Abend nun auch seinerseits sich nicht in die bebuschten kleinen Quickeraugen sehen ließ, die rund, hart und glänzendgrau wie eine Nickelmünze sind, aber doch alle Rechnungen jener Lektion noch korrekt und ohne Schnitzer löste.

Noch öfter rechnete er dann mit ihr; aber am besten an jenem Junimorgen, da er sie nach dreijährigem Widerstande ihrer Eltern zum Altar führte. Er hatte damals sogar einen Witz gemacht, der schlecht oder recht noch öfter von Freiern der Kanzleien wiederholt wurde: bis anhin hielt ich die Multiplikation für die nützlichste Operation; nun ist's doch ein Addition . . .

Oder eine Subtraktion, lispelte sie ihm scherzhaft ins Ohr.

Um Gotteswillen, wie kannst du so spaßen?

Jedes nimmt doch vom andern weg, und so gibt es ein Neues und Gemeinsames und Einziges, Simon, etwas, was keine Addition könnte . . . so ungefähr hatte sie geantwortet, und das war das erste Wort in ihrer Ehe, das er nicht recht verstanden hatte. Subtraktion, pfui, welch ein widriger Gedanke! Aber habe ich mit Gertrud anders operiert? Genommen, genommen! . . . was gegeben? . . . Simon Quicker sah das Papier zum Unterschreiben vor sich. Aber er wußte nicht mehr, wozu es diente. Ihm schien, das ganze große hochgetäfelte Zimmer summe und klinge von dieser mißtönigen Musik: Subtrahieren.

Es hatte aber der Erzherzog im Glasalkoven, indessen der Diener ihm die dreizehn Wappenschildchen seiner Gebiete in Form eines Kranzes an den luftigen Halbmantel nähte, an den Mantel, den man im Tanze hinter sich wie eine Vogelschwinge wehen oder elegant am Arme hängen läßt oder gar mit der Rechten wie eine Bandiera schwingt, es hatte der leichtherzige eben von dem kostspieligen Geschäft, Herzog zu spielen, dick und dünn gejammert und am Ende, da ihm die Zahlen wie ein Mückenschwarm um den Kopf summten, mit der langen, groß geäderten Hand nach allen Winden geschlagen, die Wolke zerstreut und mit einem wahrhaft österreichischen Sorgenbrecherlachen gesagt: »Bah, bah, man subtrahiert, das ist die Lösung. Was heißt denn Leben anders als Subtrahieren? Man subtrahiert einen Tag nach dem andern vom Leben weg, ein Glück weg, einen Becher Wein weg, einige Dukaten, einige Küsse weg, man subtrahiert von diesen dreizehn Wappen eine Burg, ein Tal, eine Grafschaft weg, subtrahiert und subtrahiert und wird nach und nach vor lauter Subtrahieren alt und arm und tot . . . Aber, junger Mensch,« rief er lustig auflebend, »dafür subtrahiert man auch von seinen Schulden, Pflichten, Arbeiten eins ums andere Stück . . . warum sollte man nicht? . . . bis ich gar nichts mehr schuldig bin, nichts mehr sorgen muß, faulenzen, schlafen, das Herzogtum von den Sohlen schütteln kann . . . Jawohl, zum Addieren hab' ich kein Ingenium. Es lebe also,« die blassen Augen blitzen geistreich auf, »es lebe die Subtraktion . . .! Hübsch nähst du die Fetzen, an dir ging ein Damenschneider verloren . . . Heut prunken wir also nochmals mit allen dreizehn Ländern . . . Das ist Meran . . . sieh, das gehört vors Pustertal . . . da, zu unterst das verdammte Brixen . . . aber ich hab ihn doch gemeistert, den Possest, den Purpurkläusl, hab den Krebs krebsenCardinal Nikolaus Cues, der berühmte Gelehrte, der in seiner Philosophie Gott das posse und das esse, das Können und das Sein nannte. Von seinem Elternnamen Chrypffs = Krebs führte er dieses Tier im Wappen. – Mit Sigismund lebte er wegen strittiger Oberhoheit in einem fortwährenden, abenteuerreichen Kampfe 1453–1464. machen . . . und der verstand Mathematika, alle Wetter! Dennoch, ich hab ihn mit meiner Subtraktion gebodigt . . . evviva die Subtraktion . . .«

Wieder beugt sich Simon Quicker aufs Papier, um zu wissen, warum er es in den Fingern hält, und wieder weiß er nichts, als daß er jetzt rechnen, subtrahieren muß.

Gertrud hatte ihm ein Häufchen Gold in die Ehe gebracht, den Grundstock zum heutigen Reichtum. Sie sparten und schäufelten zusammen, und fast immer war es über einer Münze oder einem fetten Konto, daß sie die Gesichter zusammenhielten und sich einen Kuß schenkten. Aber Simon fühlte sehr wohl, wie das Metall ihn mehr und mehr überwältigte. Aus einem Knapphalter ward er ein Geizhals, bröckelte hier eine Krume und schnitt dort ein Zipfelchen von der Genüge des Lebens ab, bis der Unterhalt so schmal wurde, daß nur noch der Geiz und der Tod dabei existieren konnten. Und freilich auch die Liebe seiner Frau. Sie rechnete zwar nicht mehr mit und half nicht mehr die Münzen ordnen und beigen. Sie fühlte das Kaltwerden ihres Mannes in der Kälte des Geldes, sie sah, wie seine Seele im Eis der Zahlen mitvereiste, sie fror, magerte ab, kam von der Kraft, ward blutarm und ihre seinen Glieder, die in jedem Sinne so wenig Sonne genossen, wollten sich nicht mehr recht fügen. Ach, Simon, Simon, wie gut merkte er, was schuld war, wie schätzte er sein Weib noch um so mehr, je mehr es litt, und doch, der Hunger und die Wut nach Gold waren noch größer. Er geizte fort. Nur noch fünf, sieben, neun Jahre, dann sind wir reich genug, dann leben wir uns, dann soll Gertrud meine ganze Zeit und Sorge und Liebe haben.

Manchmal, wenn die Gattin gar zu rührend ihre Fingerchen auf der Kniedecke faltete und ihm zur Türe hinaus mit den blauen Augen wie mit zwei sehnsüchtigen Vögeln nachflog, wurde ihm der Rücken heiß und er wollte sich umwenden und etwas Warmes sagen . . . aber die Zahlen, die Münzen, Meisterin Geld rief. Einmal tat er's doch, sprang zurück, kniete vor ihr und sah, daß lautlose Tränen in ihren Augen hingen. Er küßte sie weg, und an diesem Abend brachte er eine sehr teure Flasche Veltliner und einen mächtigen Schinkenschlegel heim. Aber sie sträubte sich, es besser haben zu sollen als ihr fleißiger Mann. Er sollte mitgenießen und mitgesättigt werden, oder es sollte beim alten Fasten bleiben. Und so nahmen das Geld und die Armut ihres Daseins gleichmäßig zu. Mit Mühe behauptete das Töchterlein in dieser magern Luft sein Leben. Achtjährig, wo andre Göflein in die erste freche Mädchenhaftigkeit rumpeln, fing das Kind schon an zu welken. Damals änderte Gertrud in einem heiligen Demutsaberglauben den Namen Benedikta in Ira. Niemand verstand so recht den Grund. Aber Simon fügte sich der Frau, die längst lahmgliedrig im Krankenstuhl lag. Wenn der Zorn Gottes sich wieder in Segnung wandelt, dann soll ihre Ira mit Lust wieder Benedikta heißen.

Gertrudens Mutter war früh in Gicht und Lahmheit gefallen, und das entschuldigte und erleichterte viel. Jedoch auch Simon bekam nach und nach ein Gezwitter im Auge, seine Hände zitterten, und gerade jetzt unterliefen ihm im Rechnen böse Schnitzer, wo er in den Ämtern gestiegen, herzoglicher Rat, erster Quästor, dann städtischer Schatzmeister oder Kanzler geworden war: Diener freilich immer mehr, aber auch immer mehr auf einen klaren, überlegenen Dienerkopf angewiesen. Der Medikus Gragg und mehr noch sein Medikus Hausverstand sagten ihm, daß diese Lebensmanier auch vom Standpunkt eines Geizhalses außerordentlich dumm sei. So ward denn nach und nach und vorab seines korrekten Rechnens wegen die schärfste Knauserei abgetan, vor allem einmal bei Pfanne und Brattopf. Und sieh da, je lauter die Butter prasselte, je kräftiger die Fleischklöße schmorten und die Knödel dufteten, um so rascher kam Ira wieder zu Gnaden. Sie spürte den Segen zuerst. Wie in einem verspäteten, aber um so raschern Frühling blühte sie auf, schoß wie ein Turm in die Höhe und beschattete bald Vater und Mutter mit ihrer mächtigen Gestalt und dem dick umzopften, lustigen, aber etwas törichten Antlitz. Wohl verstand sie zu kochen und grob zu nähen und die Mutter großartig vom Bett zum Stuhl zu tragen und siebzig Späße dabei zu verüben. Aber wie zur Strafe für den Vater wollte ihr das Rechnen gar nicht gelingen, und wo sie mit Geld umging, verlor sie die Hälfte. Jeden Abend verbrauchte Simon eine Stunde voll heiligen Zornes und Schweißes, um ihr wenigstens das Addieren beizubringen. Er wußte nicht, daß Frau Gertrud unausweichlich jeden folgenden Morgen die große Jungfer zu ihren Füßen kauern und unter allerlei Drolligkeit das gestrige Pensum repetieren, verwirren, verderben und vergessen ließ. Das war der einzige muntere Augenblick ihres Tages. Aber sie lebte davon. Das war ein Schritt vom Zorn zum Segen.

Er aber, der brave Simon, fühlte seine rechnerischen Tugenden bei der bessern Kost wieder groß werden. Noch nie hatte er so flink und siegesgewiß multipliziert. Seine Zins- und Zinseszinskolonnen flossen wie Öl übers Papier. Dabei verlor er in keiner Weise. Denn was sein Geiz dem Magen opfern mußte, das klob und listete er dafür dreimal von andern Dingen, besonders vom Herzen ab, das immer fühlloser für alle Menschlichkeit ringsum wurde und sich nur noch in seiner besondern Art für das enge Fleisch und Blut der dreiköpfigen Häuslichkeit interessierte.

Es stupfte und stach ihn oft, das heiße nicht brav und ganz gelebt. Aber welch wahrhaft gemeines Wesen er trieb, empfand er darum nicht so deutlich, weil seine Habsucht nie eine Gewalttat verübte, nie gegen einen Buchstaben des Gesetzes verstieß, nicht einmal im eigentlichen Sinne des Wortes eine Ungerechtigkeit beging. Es war mehr die zähe, einzielige Jagd auf alle erreichbaren Gelder, und deren gibt es unzählige, die kniende, staubige Verehrung vor diesen Götzlein, die Verschwendung aller Gedanken und Gefühle und köstlichen Minuten an dieses eine herzlose Geschäft. Klarer wurde ihm diese Seelenschlechtigkeit . . . trotz der so weißen und saubern Hände . . . nur jedesmal dann, wenn er sich, und spitziger als je in diesem Augenblick, vorwerfen mußte, daß seine Frau nicht mehr gesunde, weil ihr Körper zu lange gehungert habe und nun eben nichts mehr als diesen Hunger verdauen könne. Wie unmenschlich schmal und blaß hatte sie diesen Morgen im Kissen gelegen, wie starr war ihr Handgelenk, wie kalt jeder einzelne Finger gewesen, den er liebkoste. Sie hatte einen ihrer Schwächeanfälle gehabt und atmete nun wie ein wundes Spätzlein so heftig und wenig tief. Aber kein Seufzer hüpfte über die weiße und wie erfrorene Lippe. Nur ihr blaues Auge mit dem süßen braunen Tupf lächelte ihn an. Er ward ganz erschüttert, hielt ihre Hände wie zwei erstorbene Zweiglein in seine Hände geschlossen und streichelte und erzählte, daß ihn Sigismund als Legaten zum Bruderklaus senden wolle. Aber er gehe nicht, schon ihretwegen nicht. Er bleibe da . . . er . . . Ja, ja . . . bald bleibe er immer bei ihr . . . er habe des Rechnens und Bückens genug . . . vielleicht auch bald des Geldes . . .

Da dünkte ihn, die steifen Zweiglein zwischen seinen Händen bekommen Leben, beben, knospen, zappeln, und es rinne etwas wie Blut und Wärme bis in die Spitzen. Und sie, die ihn sonst so lange als möglich an ihrem Stuhle festzuhalten und mit ihren Fingern seine kühle Hand zu umgittern versuchte, um noch so viel als möglich von ihm zu retten, sie stieß und stupfte ihn jetzt von sich und rief mit der ganzen dringenden Süßigkeit ihrer Stimme: »Nein, du mußt gehen, absoluti gehen, Simon! Das ist eine Gnade. Lauf, lauf und bring ein Wunder heim.« Und lächelnd nickte sie zur Ira hinüber, die plump über den Schiefertisch gebeugt, eben voll Zorn eine Kette falscher Additionen von der Platte wischte, aber sofort lachend ein Stück Kreide abbiß und zum Fenster hinausspuckte. Was lag ihr doch am Rechnen. Gesunde Zähne haben und damit Nüsse aufbeißen und den süßen Kern des Lebens essen, das ist zehnmal gedeihlicher als rechnen.

Aber Simon dachte, was für ein Wunder es doch wäre, wenn die Ira noch tüchtig addieren, ja sogar multiplizieren lernte. Welche Riesensummen, welche Riesenprodukte würde diese gewaltige Person schreiben . . . Gertrud lächelte. Meinte sie dieses Zahlenwunder?

»Weißt du auch,« plauderte der Erzherzog indessen und reckte sich im vollen Putze zur Diele, »daß mein Vetter in Mailand, der Negerherzog, Wunder wirkt. Man schimpft ihn Altezza; aber diese Hoh–heit ist nicht höher als bei uns ein zwölfjähriges Bübel gewachsen. Dennoch ist er beim Maskenball der größte. Wie er dieses Wunder wirkt?« Die lange Nase rümpfte sich voll Schadenfreude; »zum ersten, denk mal, darf niemand in Mailand über zweieinhalb Ellen hinauswachsen, sonst wird er verbannt oder verstümmelt; zweitens darf niemand bei Hofe in Stiefeln stolzieren, sondern muß auf den dünnsten Sohlen gehen. Ihre Altezza aber hat einen vereidigten Schuhmacher, den Strecker tauft ihn der Stadtwitz. Der fertigt ihm einen Schuh, einen Sockel, ein Bein, weiß der Teufel was; kurz und gut, der Moro wächst viele Zoll über seine Natur hinaus, wird eine wirkliche Altezza, und so streckt sich dieser kleine Gernegroß über Mailand . . . ins Eidgenossenland und weiter; aber er wird uns noch lange nicht überwachsen . . . Pst!« warnte Sigismund und ging im weiten Bogen um den scheinbar eingenickten Legaten herum. Aber an der Schwelle rief er schonungslos laut: »Und auch dieser Mann hier ist ein Wunder. Seit einer Stunde hat er kein Glied bewegt und lebt doch . . .«

»Soll ich ihn kitzeln?« fragte der Page und zog eine silberne Nadel aus dem Ärmel.

»Lass', lass'! Er geht uns ins Land der Kuhmäuler und tut dort Zeichen und Wunder . . . Ich sage dir ja, die Luft ist voll Mirakel . . . riechst du denn gar nichts, Kleiner?« . . .

. . . Nein, nein, dieses Mirakel meinte seine Frau nicht, spann Simon aufgeregt weiter. Er merkt jetzt, sein scheinbar so ergebenes, wunschloses Weibchen hofft immer noch gesund zu werden. Und wegen diesem Wunder ganz eigens muß er schon zu den wilden Eidgenossen. Dieses Wunder ist er Gertruden schuldig. Wenn die Kompagniegelder und der Inngarten und darnach die Selbstherrlichkeit auch gar nicht wären . . . schon darum . . . derohalb . . . eja . . .

Eja, darum halt' ich doch auch das Papier da in der Hand. Hab ich geschlafen? wegen dem Inngüetl und den vier Dukaten von jeder Kompagnie und der Freiheit des Rentners und . . . und dazu etwa die Gesundheit meiner Frau . . . schreiben, schreiben! . . .

Der Zettel deuchte ihn nicht mehr ein weinendes und seufzendes Papier. Er lachte, nickte, grüßte ihn frohäugig an. So schnell Simon konnte, netzte er die Feder und schrieb das schneckige S und Q seines Namens bescheiden wie immer hin. Dann nahm er den frühern Ton der Trauer und Ergebenheit an und erklärte zum Fürsten gewendet: »Hier, Hoheit, ich habe unterschrieben . . . Ich stelle alles auf den Zufall ab . . . verliere Geld und Schweiß und Atem vielleicht für nichts . . . 's ist nicht recht . . . aber als gehorsamer Untertan . . .«

Erst jetzt sah er, daß er ins Leere hinaussprach. Außer ihm war niemand im Saal. Da rann ihm der Angstschweiß von der Stirne. Ihm war, alle grünen Wipfel des Inngüetl lachten ihn aus, grüßten Ade, entschlüpften ihm, die er noch eben fest in der Hand gepackt, verflimmerten und entschwänden ferne wie ein verlorenes Paradies. Hastig sprang er auf, rannte von einer Türe zur andern und schrie: »Euer Gnaden, da ist der Schein, ich habe ja unterschrieben, ich reise, ich . . .«

»Erzherzogliche Gnaden,« meldete da ein plötzlich wie aus dem Boden geschossener Page mit geringer Verbeugung und einem schlecht unterdrückten Lachen, »sind zur Tanzprobe gegangen und haben mir aufgetragen, Eure Antwort entgegenzunehmen.«

Was für ein Leichtfuß! dachte Quicker und atmete doch selbst erleichtert auf. »So gib dem Erzherzog dieses Dokument . . . oder nein,« bemerkte er mißtrauisch, »es ist ja noch nicht ordnungsmäßig gesiegelt.«

Er hielt das rote Wachsstäblein an eine der vier schlanken Kerzen, die Tag und Nacht in Silberklötzen auf dem Schreibtisch brannten, faltete das Papier und tropfte das schmelzende Wachs auf den Verschluß. »Hast du nicht auch, Philipp Boheim, mit deinen Kameraden etwa im Inngüetl Allotria getrieben?«

»Dutzendmal . . . Jetzt spielen wir im Poldanger, er ist näher und hübscher.«

»Und gedeiht dorten wirklich kein Gemüse?«

»Im Inngüetl?«

»Im Inngüetl!« bestätigte Simon lauernd, indem er behutsam seinen Ring ins Siegel drückte.

»Nicht ein Blatt, Herr Rat.«

»Also das gib dem Erzherzog,« versetzte Herr Quicker rasch, »und bemerke, daß ich innert einer Stunde gesattelt und gepackt hier vorbeireite . . . Was das Güetl betrifft, so irrst du. Es werden dort Rüben, Bohnen und Erbsen und sogar an geschützter Stelle Blumenkohl prächtig geraten.«


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